lenné, schwiegermuttersessel statt papphocker & die elbe

kloster berg garten

vom klostergarten zum volksgarten: auf dem gelände des ehemaligen klosters st. johannes der täufer auf dem berge oberhalb der elbe, einer ca. 970 gegründeten benediktiner-abtei, ab 1565 protestantisches stift und 1813 auf befehl napoleons endgültig abgerissen, entstand unter leitung des magdeburger stadtbaumeisters friedrich wilhelm wolff ab 1825 der erste volksgarten (in preussen). den entwurf für die anlage lieferte peter joseph lenné. von den ursprünglich 30 hektar sind 10 erhalten. friedrich-wilhelm-garten (nach friedrich wilhelm III. von preussen), ab 1921 bzw. 1990 klosterbergegarten mit einer unterbrechung als pionierpark. das gesellschaftshaus im park, ab 1828 nach entwürfen von karl friedrich schinkel erbaut, diente als pionierhaus der pionierorganisation ernst thälmann.

grusonii

am klosterbergegarten befinden sich die 1896 eröffneten gruson gewächs- und palmenhäuser der stadt magdeburg. erbaut für die pflanzensammlung des magdeburger industriellen hermann gruson. ende des 19. jh. die grösste kakteensammlung der welt. nach grusons tod schenkten die erben die sammlung der stadt magdeburg. im kakteen- und sukkulentenhaus: echinocactus grusonii, der goldkugelkaktus. das epitheton „grusonii“ für den schwiegermutterstuhl oder -sessel stammt von heinrich hildmann in der erstbescheibung (‚deutsche garten-zeitung. wochenschrift für gärtner und gartenfreunde‘, 5. jhg., 1886): eine hommage an hermann gruson. echinocactus grusonii ist in seinem ursprünglichen habitat, den mexikanischen bundesstaaten hidalgo und querétaro, vom aussterben bedroht, „critically endangered (cr)“ laut der roten liste gefährdeter arten (iucn). in magdeburg ist der goldkugelkaktus in den gewächshäuser geschützt und wird als sitzplatz jedoch nicht sonderlich geschätzt: der papphocker des kirchentages erfreute sich die letzten tage grösserer beliebtheit …

im innenhof der gebäude: der 2012 angelegte telemann-garten. pflanzen aus dem, 1742 entstandenen, index des gartens von georg philipp telemann: von anemone bis viola. der komponist, geboren in magdeburg, gärtnerte flussabwärts in hamburg (an der alster … nobody is perfect).

& die elbe

auf der, anlässlich des reformationsjubiläums stattfindenden „kirchentage auf dem weg“, von hamburg nach magdeburg flussaufwärts geschleppten flussschifferkirche: grenzfluss & kulturlandschaft.

karin toben, ostfriesin & ehemalige dpa-korrespondentin, mit haus & garten im amt neuhaus, biosphärenreservat niedersächsische elbtalaue, hat in ihren büchern ‚weite heimat elbe: lebenswege an einem schicksalsfluss‘ (jever, 2011) und ‚heimatsehnen: zwangsaussiedlungen an der elbe zwischen 1952 und 1975. ein erinnerungsbuch‘ (jever 2013) das schicksal der menschen im, während des kalten kriegers zur ddr gehörenden ehemaligen hannoverschen, gebiet auf der rechten elbseite dokumentiert. die elbe war grenzfluss zwischen ost und west. auf der realsozialistischen seite sperrzone. auf dem deich panzerstrassen und kontrolltürme. geschichte(n) am grünen band.

hansjörg küster, prof. für pflanzenökologie am institut für geobotanik der gottfried wilhelm leibniz universität hannover, hat bücher u.a. über den fluss, “die elbe. landschaft und geschichte‘ (münchen 2007), ‚die entdeckung der landschaft. einführung in eine neue wissenschaft‘ (münchen 2012) und zuletzt botanische anmerkungen zu fotografien von karl blossfeldt → gartenbücher (pflanzen – kultur) geschrieben. kulturgeschichte einer flusslandschaft.

obere reihe, l.o.: echinocactus grusonii / goldkugelkaktus; l.u.: iris im telemann-garten; grosses bild: schinkel & lenné. untere reihe, grosses bild: die elbe am klosterbergegarten; kleine bilder: die elbe auf der elbe, vorträge an bord der flussschifferkirche.

alter botanischer garten, kiel

ursprünglich 1669 unter christian albrecht von schleswig-holstein-gottorf als hortus medicus von johann daniel major, wahrscheinlich nach dem vorbild des orto botanico di padova angelegt, mit pflanzen aus dem neuwerk in gottorf (schleswig) im garten des kieler schlosses gegründet. aus dem dann königlich dänischen botanischen garten, direktor ernst ferdinand nolte lieferte beiträge für die ‚flora danica‘, wurde ein königlich preußischer. nach umzügen wurde der jetzige alte botanische garten an seinem heutigen platz 1884 eröffnet. das areal, 1825 als english landscape garden in der endmoränenlandschaft vor der stadt angelegt, gestaltete adolf engler (prof. für systematische botanik an der christian-albrechts-universität zu kiel & ab 1889 direktor des botanischen garten in berlin, schöneberg später dahlem) diesen von 1878 bis 1884 in einen botanischen garten um. der erste botanische garten mit einer pflanzengeographie. ab 1975 zog der (neue) botanische garten auf den campus der universität um. übrig blieb eine öffentliche parkanlage …

obere reihe, l.: auf dem weg durch kiel …; r.: primula / schlüsselblume im alten botanischen garten. untere reihe: blick auf die förde vom pavillion, ein 1891errichteter oktogonaler backsteinbau mit schmiedeeiserner krone & durch klein elmelo (düsternbrooker weg) zur kunsthalle: ludger gerdes (ausstellung enthält gartenkunst) …

virtuelles lapidarium: herkules farnese (ein griechischer halbgott in kassel …)

in vielen gärten steht er: herkules oder herakles, besonders der farnesische. der halbgott Ἡρακλῆς aus der griechischen mythologie war das herrschersymbol des ancien régime. ob als baby mit einer schlange wie in het loo, ein sinnbild für den jungen willem van oranje, oder im kampf mit der hydra im herkulesteich des neuwerkgartens in gottorf (schleswig). im 18 jh. veränderten sich die politische selbstdarstellung und der gartengeschmack: herkules verlor seinen stellvertreterposten auf dem sockel im beet an appolon …

ein griechischer halbgott in kassel:

Der Carlsberg ist ein großer waldvoller Berg, berühmt genug durch das darauf angelegte herrliche Werk der Architectur und der Wasserkünste. Man erblickt überall vortreffliche Wälder von Buchen, und an den leeren Plätzen eine Menge herrlicher Anpflanzungen, besonders von einheimischen und ausländischen Nadelhölzern, Hayne von Lerchenbäumen und Weyhmouthsfichten, von Rothbüchen und Silberpappeln, von Tulpenbäumen und virginischen Robinien. […] Bey hellem Wetter übersieht man hier fast eine kleine Welt, die schöne Stadt Cassel und ringsumher auf sieben und zwanzig Dörfer in den umliegenden Landschaften. Man bemerkt leicht aus den Vortheilen dieser Lage, daß die Kunst der Bearbeitung hier einen der schönsten Gärten in Europa bilden kann.

[…]

Wenn indessen für die Nachahmung der mythologischen Fabel in Gärten ein Ort schicklich ist, so behauptet der Carlsberg allerdings seinen Vorzug. Das ungeheure Werk und der Anblick des colossalischen Hercules, der oben aus den Wolken auf das Werk, das mit seiner Stärke vollendet ist, herabschauend sich nun einer stolzen Ruhe zu überlassen scheint, versetzt die Einbildungskraft auf einmal in die heroischen Zeiten des Alterthums. Diese erhabene Scene, der Berg, der fast den Namen eines Gebirges verdient, die auf seiner Höhe wallenden Wälder, die vielen angepflanzten Hayne von dunklen Nadelhölzern, verbreiten eine ehrwürdige Feyerlichkeit über die ganze Gegend. Und dieser Eindruck könnte allerdings noch durch eine wohl gewählte und zusammenhängende Reihe mythologischer Scenen, die jetzt nur zerstreut oder vermischt erscheinen, ungemein verstärkt werden.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 5, leipzig 1785.

70,5 m: auf dem oktagon mit pyramide (1701 bis 1717) von giovanni francesco guerniero der herkules aus kupferblech vom augsburger goldschmied johann jacob anthoni, stolze 8,30 m. auftrageber war landgraf karl von hessel-kassel. ein document des barocken machtanspruches des auftragsgebers auf den karlsberg im habichtswald. gesamthöhe mit berg: 596 m. ab 1785 unter dem ur-enkel wilhelm IX., später als kurfürst I., von hessen-kassel in einem english landscape garden umgewandelt.

Was die Kasseler Landgrafen anbelangt, so war ihr größtes Problem zweifellos ihre eigene Person und deren rechtliche und persönliche Legitimität. Das stets sich perpetuierende Unheil ihrer Existenz bestand in der Notwendigkeit legitimer Prinzengeburt von der ungeliebten Gattin. […]

So sind die Kasseler Parks nicht die Werke einer wachen Vernunft, sondern Raisonnement in der verzwickten Frage, wie ein Erbe seine Legitimität manifestieren kann, ohne dem Erblasser die Ehre zu geben […]: Wie verwandle ich den Park meines Ahnherrn, ohne dessen Werk zu vernichten? – Der Angriff auf den Park des Alten kann nur auf der Bedeutungsebene geschehen. Die vom Herkules eroberte Burg der Riesen, das beherrschende Motiv der Barocken Perspektive, wird durch den Bau der Löwenburg und der Aquädukt-Ruine zu einem Gartenmonument unter anderen; der gerichtete Park zu einer „Landschaft mit Ruinen“.

lucius burckhardt, ’die vernunft schläft im garten’‘ zuerst in ‚schlaf der vernunft‘, katalog des museum fridericianum, kassel 1988, wiederabgedruckt in ‘warum ist landschaft schön? die spaziergangswissenschaft’, hrsg. von markus ritter und martin schmitz, berlin 2006.

die vorlage für den herkules (halbgöttliche 2,92 m) wird dem griechischen bildhauer lysippos zugeschrieben. bei dem jetzigen “original”, das als vorlage aller skulpturen diente, handelt es sich um eine kopie des bildhauers glykon von athen. 1546 fand man den torso in den ruinen der caracalla-thermen auf dem aventin in rom, pool-deko. der kopf wurde bei grabungen auf der anderen seite des tibers, in trastevere, gefunden. bei weiteren grabungen in den thermen kamen die beine ans tageslicht. in der zwischenzeit hatte allerdings guglielmo della porta, ein schüler michelangelos, die fehlenden extremitäten ersetzt.

alessandro farnese, papst paul III., liess die statue in der hofloggia des palazzo farnese aufstellen. hier hat ihn karl von hessen auf seiner grand tour 1699/1700 gesehen. 1787 kam die statue nach neapel, antike beine und torso wurden zusammengeführt.

[…] der farnesische Herakles (Kolossalstatue des Atheners Glykon im Museum von Neapel, Halle des farnesischen Stieres) […]. Hier ist es der noch in Kämpfen und Wanderungen begriffene, nur für einen Augenblick ausruhende Held, mit den erbeuteten Äpfeln der Hesperiden (diese samt der rechten Hand restauriert, wohl richtig). In der wahrhaft gewaltigen Muskulatur, in dem ungeheuern, namentlich der Arm- und Schulterbildung wirkt noch die letzte Anstrengung nach; um so stärker erscheint der Ausdruck der Ruhe durch das Aufstützen auf die Keule links und die Ausschwingung des Leibes rechts, sowie durch die Senkung des Hauptes und die reine Horizontale der Schultern charakterisiert, während Stellung und Gestalt der Beine dem Ganzen doch die Leichtigkeit eines Hirsches geben.

jacob burckhardt, ‘der cicerone – eine anleitung zum genuss der kunstwerke italiens’, basel 1855.

der herkules farnese von hendrick goltzius, kupferstich um 1592: herkules mit keule (in der rückansicht gerade nicht zu sehen), dem fell des nemëischen löwen und den äpfeln der hesperiden.

botanisch ungeklärt beiben die „äpfel“ aus dem topografisch nicht lokalisierbaren garten der hesperiden: malus oder citrus? griechisches arkadien, italienische campania, nordafrikanisches atlasgebirge oder inseln im atlantik?

querbeet im april

obere reihe, l.: rosa x alba ‚königin von dänemark‘ am 01. april … am 1. april 1937 tritt das gross-hamburg-gesetz der nazis in kraft und die stadt altona, bis 1864 dänisch, wird ein teil von hamburg …; r.: ficaria verna / scharbockskraut mit verblütem corydalis / lerchensporn & aegopodium podagraria / giersch. untere reihe, l. schnell raus aus dem winterquatier: vaccinium corymbosum ’stanley‘ / amerikanische heidelbeere blüht bereits (mit sambucus nigra ‚black lace‘) & die erste fritillaria meleagris / schachbrettblume.

frühling: blumenzwiebeln & gras / ‚the wild garden‘ von william robinson

How many of us really enjoy the beauty which a judicious use of a profusion of good and cheap Spring Bulbs is certain to throw around a country seat or villa garden? How many get beyond the miserable conventionalities of modern gardening, with its edgings and patchings, and taking up, and drying, and mere playing with our beautiful Spring Bulbs? How many enjoy the exquisite beauty afforded by Spring flowers of this type, established naturally, and croping up full of beauty, without troubling us for attention at any time? None. The subject of decorating with Spring Bulbs is merely in its infancy; at present we merely place a few of the showiest of them in geometrical lines. The little we do leads to such a very poor end, that numbers of people, alive to the real charms of a garden too, scarcely notice Spring Bulbs at all, regarding them as things which require endless trouble, as interfering with the “bedding–out,” and in fact, as not worth the pains they occasion. This is likely to be the case so long as the most effective and satisfactory of all modes of arranging them is unused by the body of the gardening public; that way is the placing of them in wild and semi–wild parts of country seats and gardens, and in the rougher parts of a garden, no matter where it may be situated or how it may be arranged. It is a way never practised now, but which I venture to say will yield more real interest and exquisite beauty than any other.

Look, for instance, at the wide and bare belts of grass that wind in and around the shrubberies in nearly every country place; generally, they never display a particle of plant–beauty, and are merely places to be roughly mown now and then. But if planted here and there with the Snowdrop, the blue Anemone, the Crocus, Squills, and Winter Aconite, they would in spring surpass in attractiveness to the tasteful eye the primmmest and gayest of spring gardens. Cushioned among the grass, these would have a more congenial medium in which to unfold than is offered by the beaten sticky earth of a border; in the budding emerald grass of spring, their natural bed, they would look far better than ever they do when arranged on the brown earth of a garden. Once carefully planted, they – while an annual source of the greatest interest – occasion no trouble whatever. Their leaves die down so early in spring that they would scarcely interfere with the mowing of the grass, if that were desired, but I should not attempt to mow the grass in such places till the season of vernal beauty had quite passed by.

Surely it is enough to have the lawn as smooth as a carpet at all times, without sending the mower to shave the “long and pleasant grass” of the remoter parts of the grounds. It would indeed be worth while to leave many parts of the grass unmown for the sake of growing many beautiful plants in it.

william robinson, ‚the wild garden or, our groves & shrubberies made beautiful by the naturalization of hardy exotic plants: with a chapter on the garden of british wild flowers‘, london, 1870.

gartenbücher (#avantgardening)

weite, flache kulturlandschaft, kopfweiden & pappelalleen, deiche & windräder. der niederrhein. linke rheinseite, fast niederländisch. die „landlust“ von daniela pawert und torsten matschiess hatte akustische gründe. endlich musik hören, ohne den nervigen kleinkrieg mit hellhörigen nachbarn in der stadt. 2004 beginnt alles mit einen garten am haus incl. altem baumbestand. 2011 vergrössert ein ehemaliges maisfeld, 5.300 m², den garten auf 8.200 m². ein junger garten. kein rückzug in die private ländliche idylle. der garten ist offen zur ihm umgebenden kulturlandschaft inkl. strommasten & windrädern, neben geräuschen und gerüchen der landwirtschaft, häufige gründe der schnell abflauenden „landlust“. einer der digitalsten gärten im deutschsprachigen raum: ein privatgarten mit öffentlichkeit durch website & facebook account. digitale offene gartenpforte. jetzt ist ein buch über den garten alst bzw. „ein plädoyer für gegenwärtiges gärtnern“ in der neuen edition gartenpraxis des ulmer verlages erschienen. keine garten-monografie und ebenso wenig ein diy-ratgeber mit den bekannten, aus dem kontext gerissenen, gestalterischen versatzstücken. wer ein buch aus der beliebten reihe alle-mal-hersehen-MEIN-garten oder einen der unzähligen ratgeber erwartet, liegt falsch. das buch ist eine hybride. es geht ums prinzip.

avant

avantgardening? avant-garde? herrscht krieg im garten? eine militärische vorhut im ruhigen, beschaulich vor sich hin blühenden blümchenreich? eine neue künstlerische bewegung, wie die avantgardistischen des 20 jh. konstruktivismus, dadaismus oder expressionismus in gärten bzw auf grundstücken? wobei jeder neue -ismus schon immer nur der kampf um die anerkennung der institution war … ein neuer ismus in der grenzregion von new german style und dutch wave?

gardening

stauden, gräser, rosen und einige gehölze. keine lauschige sitzecke. vereinzelt ein alter stuhl oder ein korbsessel. gemulchte wege führen durch die „beete“, sind aber in der üppigen bepflanzung häufig nicht sofort zu erkennen. struktur, und damit an einigen stellen sichtschutz, bietet die bepflanzung. keine aufgeräumte „die kleinen vorne, die grossen hinten“ blühaufstellung. keine klassischen sichtachsen. jedoch der „fotografische“ blick versucht hier, sowohl beim autor selbst als auch bei jürgen becker, immer wieder ordnung zu schaffen: windräder und strommasten ausserhalb des gartens sind als endpunkt einer sichtachse einfach zu verlockend. leider wird der himmel bei diesen aufnahmen häufig auf dramatisch gefiltert, less is more . symbolik, traditionell z.b. durch skulpturen oder deko erzeugt, fehlt. bis auf die benennung eines weges: ed snowden boulevard. der garten ist, jedenfalls wenn man mit den antrainierten scheuklappen an ihn heran geht, sperrig. die bepflanzung endet an der grenze des grundstücks & manchmal schaut etwas schwarzbuntes herüber.

vom „beobachten der ruderalflora und lokaler gegebenheiten“ über testpflanzungen und einem blick auf „trends, intuition, lehrbuchwissen“ nimmt der autor den leser mit auf den weg von der entstehung eines gartens bis zu seiner gestaltung. keine ready-mades für den „eigenen garten“, sondern ein überblick, wie aus einem grundstück ein garten werden kann. was matschiess hier am beispiel eines ehemaligen ackers aufzeigt, gilt ebenso für den zukünftigen gärtner, der einen bereits vorhandenen garten übernimmt: erst mal genau hinsehen, beobachten … und selbst dann endet man beim „vom scheitern“. der autor schreib tacheles, unverblümt.

im kapitel lieblingspflanzen viel knöter: bistorta amplexicaulis (syn. persicaria amplexicaulis) / kerzenknöterich und b. officinalis / wiesen- oder schlangen-knöterich hybriden. aconogonon / bergknöteriche z.b. der hohe aconogonon speciosum ‚johanniswolke‘ (syn.a x fennicom oder polygonum polymorphum oder persicaria polymorpha … bei der deutschsprachigen bezeichnung sieht das übrigens nicht anders aus …) & sanguisorba / wiesenknopf. mehr knöter gibt es auf www.persicaria.de, der von matschiess betreute blog, zeigt die bisherigen ergebnisse der begutachtung von knöterich & co. im garten alst von perenne e.v.

bei den gehölzen, der phellodendron amurense / amur-korkbaum und coppicing-versuche mit sambucus nigra ‚black lace‘ und paulownia tomentosa / blauglockenbaum. als struktur-ersatz für gehölze empfieht der autor grossstauden: z.b. glycyrrhiza yunnanensis / chinesisches süssholz „die einzige staude, die im garten gelegentlich gestützt wird, …“ es lohnt sich, besonders im winter, wenn nicht zurückgeschnitten wird. eine weitere grosse alst-staude ist die weidenblättrige sonnenblume, helianthus salicifolius und h. salicifolius var.orgyalis, hier nur hippieblume (hermann gröne) genannt.

eigene sorten hat der garten schon: eine geranium psilostemon hybride (wahrscheinlich g. psilostemon x g. endressii): geranium ‚freies alst‘ & eine wiesenknopf (oder japanischer purpurkolben) auslese: sanguisorba hakusanensis ‚alster luft‘. die namensgebung ist so programmatisch wie der garten und das buch.

‚avantgardening‘ setzt als erste veröffentlichung in der von jonas reif herausgegebenen reihe der neuen edition gartenpraxis einen hohen standard. bitte mehr davon.

avant gardening, vor der gartenarbeit, lesen!

torsten matschiess,  ‚avantgardening. plädoyer für gegenwärtiges gärtnern.‘, fotos von jürgen becker, 192 s., brosch., edition gartenpraxis, ulmer verlag, stuttgart 2017, ISBN 978-3-8001-0872-5

gartenbücher (pflanzen – kultur)

pflanzengesellschaften, matrix und drifts, borders. der blick auf einzelne pflanzen geht verloren. details gehen im farbrausch unter. zwei bücher schärfen den blick und rücken die kulturgeschichte der pflanzen in den vordergrund. wenn man sich mal wieder was buntes aus dem baumarkt oder eine seltene sorte vom pflanzenmarkt holt, bringt man nicht nur farbe in den garten. gleichzeitig kommt eine botanische und kulturelle geschichte ins beet. gartenkultur! zwei bücher, die nicht nur kulturell von interesse, sondern für emsige gartenbuchleser eine augenweide sind:

abutilon bis viola elatior: fotografie & botanik

walter benjamin schrieb, in seiner besprechung des buches ‚urformen der kunst‘ (→ ’neues von blumen‘ & blümchen), dass die fotos von karl blossfeldt „einen ganzen unvermuteten Schatz von Analogien und Formen“ erschliessen. blossfeldt veröffentlichte die bilder ohne beschreibung: „Man wird aber das Schweigen des Forschers ehren, der diese Bilder hier vorlegt. Vielleicht gehört sein Wissen zu jener Art, die den stumm macht, der es besitzt.“ ‚urformen der kunst‘ erschien 1928. 1932 folgte ‚wundergarten der natur‘. die rezeption der bilder blieb formal, auf analogien beschränkt. foto-ästhetik, neue sachlichkeit & l’art pour l’art. der band ‚karl blossfeldt – meisterwerke‘ mit einer auwahl aus dem blossfeldt archiv der stiftung ann und jürgen wilde bringt blossfeldt ein wenig zurück in die botanik. neben den grossen tafeln im buch finden sich im hinteren teil des bandes „botanische erläuterungen“ von hansjörg küster, professor für pflanzenökologie am institut für geobotanik der leibniz universität hannover, autor von bücher über die natur- und kulturgeschichte der elbe, der nord- und ostsee und ‚die entdeckung der landschaft‘ im allgemeinen.

eine auswahl, die den blick schärft oder, wie blossfeldt selbst – hier schwieg er nicht – im vorwort zu ‚wundergarten der natur‘ schrieb sollen die bilder „den Sinn für die Natur wieder wecken, auf den überreichen Formenschatz in der Natur hinzuweisen und zu eigener Beobachtung unserer heimischen Pflanzenwelt anregen.“ jenseits von matrix oder drifts gibt es im eigenen garten viele details zu entdecken & viele kulturgeschichten, die in den erläuterungen von hansjörg küster zu finden sind. und selbst der botaniker gibt tipps für den garten. papaver orientale / türkischer mohn ist mit zwei tafeln vertreten. neben der blütenknospe die kapseln, bei denen küster auf frühen schnitt (trockenblumensträusse und aufräumen im beet ..) hinweist: „Aber vielleicht machen wir da etwas falsch“. ein blick auf blossfeldt und man pflanzt papaver nur wegen der kapseln … die erläuerungen zu phacelia tanacetifolia / rainfarn-phazelie oder büschelschön (2 tafeln: die blütenstände einmal solo und als duo) sind eine kleine kulturgeschichte: heute im sogenannten naturgarten als bienenweide beliebt und meist als „einheimsch“ angesehen, ist ein import aus amerika. bei saxifraga willkommiana (saxifraga pentadactylis ssp. willkommiana) stellt sich die frage: „Wo mag Blossfeldt die Pflanze gefunden haben, oder wer hat sie ihm gezeigt?“. Denn: „Willkomms Steinbrech wächst nur an wenigen Orten in spanischen Hochgebirgen, […] Die Pflanze ist nach den bekannten Botaniker Moritz Willkomm benannt, […]. Eine ganze Reihe von Belegstücken dieser seltenen Pflanze befindet sich in spanischen Museen oder auch im Herbarium von Paris“ & in den ‚urformen der kunst‘. heute wird bei fotos von pflanzen häufig die frage gestellt: ist das real oder photoshop? eine alte diskussion, denn fotografie war nie objektiv. auch blossfeldt hat „geschummelt“: bei acanthus mollis / wahrer bärenklau zeigt er die blütenstände mit den tragblättern, die weissen blütenblätter sind gezupft. im gegensatz zur üblichen architektonischen diskussion dieser pflanze (→ pflanzen & architektur: acanthus) stehen hier die tragblätter im vordergrund.

ein buch voller visueller, kulturgeschichtlicher & botanischer entdeckungen. sollte in einer gut sortierten gartenbibliothek nicht fehlen. die grösse des bandes, 23,5 x 36,5 cm, macht das einsortieren im regal etwas schwierig, führt jedoch zu häufigerem blättern. leider werden die meisten buchhändler dieses buch „nur“ unter fotografie einordnen: es gehört jedoch in die abteilung gartenbücher. das cover (eine nicht genauer zu bestimmende aristolochia / osterluzei , zurüchhaltende typo & viel weiss, kein horror vacui) würden die „normalen“ mit photoshop zu tode bearbeiteten und mit vignettechen zugekleisterten titel alt aussehen lassen …

‚karl blossfeldt – meisterwerke‘, hrsg. von ann und jürgen wilde, mit einem text und botanischen erläuterungen von hansjörg küster, 160 s. geb., schirmer/mosel, münchen 2016, isbn 978-3-8296-0725-4

abutilon bis zinnia: natur- & kulturgeschichte

noel kingsbury ist autor zahlreicher gartenbücher (zuletzt u.a. zusammen mit piet oudolf ‚planting: a new perspective‘) gartenarchitekt und blogger mit eigenem garten, montpelier cottage, an der grenze zu wales. einer der bekanntesten englischsprachigen gartenautoren und einer der für anglo-amerikanische verhältnisse ungewöhnlichsten: immer einen blick auf die ökologie und über den ärmelkanal. mit piet oudolf schreibt er bücher und kennt die kontinantaleuropäischen gärten und gärtner. in anderen englischsprachigen gartenbücher häufig nur eine schnell angelesene fussnote.

‚garden flora: the natural and cultural history of plants in your garden‘ ist kein buch zum durchlesen. ein buch, das selten an seinem platz im buchregal zu finden sein wird. für ein coffee table book viel zu nützlich.ein nachschlagewerk, das griffbereit liegt. die introduction bietet einen überblick zum verständnis der pflanzenwelt: von the genus, ecology über tradition and uses bis zur history of cultivation gibt der autor einen überblick zum botanischen und kulturellen verständnis der pflanzen. es folgen porträts verschiedener familien, gattungen und arten. von kurzen texten bis zu kleinen pflanzenmonografien. wer bei rosen durchblicken will, oder wer nach der botanischen neuordnung der astern den überblick verloren hat, findet hier eine gute zusammenfassung. verstreute zitate jenseits der üblichen heile-welt-blümchen-sprüche: viel piet oudolf & henk gerritsen, japanisches neben sackville-west & robinson bis zu habermas, henry david thoreau & ronald reagan …

so vielfältig die auswahl an pflanzen ist so unterschiedlich die darstellung durch die jahrhunderte. blumensträusse aus dem gouden eeuw, historische illustrationen aus gartenmagazinen und katalogen & viel dezent coloriert japanisches … beim artíkel über gräser eine doppelseite mit schwarz-weiss fotos von karl förster, davon 1/1 s. avena glauca, heute helictotrichon parlatorei, vor plattenbau & eine doppelseitige s/w illustration aus ‚ the english flower garden‘ von william robinson mit yucca (nein, nicht die yuccapalme!). s/w und historische illustrationen in einem gartenbuch, das durchaus auf das breitere publikum hin angelegt ist, das trauen sich nur wenige verlage … über schwierigkeiten bei der bildauswahl und -beschaffung hat kingsbury auf seinem blog geschrieben → ‚A Garden Flora‘ – for Christmas reading all year round.

zu den einzelnen pflanzen erfährt man vieles über herkunft, hybriden & pflanzenmoden. im letzten kapitel, epilouge: these we have lost, stellt kingsbury einige züchtungen vor, die verloren gegangen sind. mit jeder ausgestorbenen hybride geht ein stück gartenkultur unter.

noel kingsbury, ‚garden flora: the natural and cultural history of the plants in your garden‘, 368 s., geb., timber press, seattle 2016, isbn 978-1-60469-565-6

wanderung über holnis, durch knicks …

holnis_wanderung_800

glücksburg (→ schlossgarten glücksburg), holnis: winterspaziergang statt → sommerfrische … obere reihe, l.o.: holnis gelb; l.u.: quercus mit blick auf salzwiese am höftsee; grosses bild: knicklandschaft → „eingefriedigte Parzellen, nicht größer als ein Stück Gartenland“; rechts: holnis spitze: → gråsten & broager kirke im nebel … untere reihe, links: gespaltene kopfweide → salix im allgemeinen; grosses bild: zäune: stacheldrahtig & lebendig; r.o.: fontane war hier & r.u.: äpfel aus dem knick …

winter: grünkohl / ’nachricht von dem anbau und von der erhaltung des grünen kohls, zur winters-zeit‘ von philipp ernst lüders

Erstlich bin dahin bedacht, daß ich einen guten, von Geschmack angenehmen, Kohl besitze. Unter allen Kohl=Sorten halte die hellgrüne und krause für die allerbeste zum Küchengebrauch. Obgleich der schlechtblätterige Kohl zum Gebrauch bey dem Vieh nutzreicher, und die Sprossen aus dem Stamm weit zahlreicher sind; so ist er doch ungleich zäher und der Gefahr von den Raupen weit mehr unterworfen. Man will zwar fürgeben, daß er gleichfalls im Winter haltbarer sey, als der grüne krause; allein, wenn man gleich ein Exempel davon aufweisen könnte; so dürfte es eben so leicht seyn, den Beweis von einem gegenseitigen Exempel anzuführen. Von dem Vorzug: Ob die dunkele, oder die grüne Farbe in der Schüssel dem Liebhaber besser ins Auge falle, will ich nichts melden, weil darin das Urtheil ungleich ausfallen dürfte. Dies aber wird an dem hellgrünen krausen Kohl als ohnstreitig können bemerkt werden, daß er ungemein zart sey, sehr gut und lieblich schmecke, leichter und geschwinder sich kochen lasse, und die Feuerung dabey ersparet werde; Ferner, daß, wenn man fürsichtig mit dem Samen=Zug verfährt, er nie ausarte; und endlich, daß er in solchen Jahren, in welchen die Raupen vielen Schaden anrichten, eine natürliche Fähigkeit an sich habe, deren Wuth zu widerstehen.

Was ich von dessen vorzüglichen Tugenden angeführt, das kan der Augenschein, das Gefühl, der Geschmack und die Erfahrung am sichersten beurtheilen. Von dem Geschmack habe vorher gesagt, daß ich über dessen Ausspruch mich nicht einlassen will; dies dürfte aber wol gewiß seyn, daß, wenn er Einem nicht anständig seyn sollte, Zehen dargegen sich für ihn geneigt erklären dürften. Daß er in der Dauer und in seiner Güte unveränderlich seyn könne, davon kan ich den sichtbaren Beweis führen, indem ich ihn über 20 Jahre lang unverändert erhalten habe. Mir ist auch nicht bange, daß er sich jemals verändern und schlechter werden wird.

philipp ernst lüders, ’nachricht von dem anbau und von der erhaltung des grünen kohls, zur winters-zeit‘, flensburg, 1772

kulturlandschaften, wallhecken, gärten vor 100 jahren: bilder von hermann reichling

hermann reichling: naturschutz, politik & fotografie

ein naturschützer unterwegs mit der kamera in westfalen und, auf der flugroute der zugvögel, bis nach lappland. hermann reichling (1890-1948), promovierter ornithologe und naturschutzpionier, war von 1919-1948 direktor des provinzialmuseums für naturkunde in münster. mit einer unterberechung von 1933 -1945, von den nazis wegen „politischer unzuverlässigkeit“ abgesetzt: disziplinarverfahren und als „schutzhäftling“ von juni bis september 1934 im kz esterwegen im emsland, wo er bei der trockenlegung von mooren zwangsarbeiten musste und misshandelt wurde. nach seiner freilassung wurde er an den dümmer im oldenburger münsterland verbannt, „kaltgestellt“: nicht untätig, entstand bis 1945 dort eine einzigartige dokumentation der region. 1945 rehabilitiert und wieder direktor des naturkundemuseums starb er jedoch schon 1948 an den folgen der kz-haft.

in seiner amtszeit 1926-1933 als staatlicher kommissar für naturdenkmalpflege in der provinz westfalen, wurden fast 70 schutzgebiete ausgewiesen. 1932 befanden sich ca. ein fünftel aller naturschutzgebiete preussens in der provinz westfalen. reichling war gut vernetzt: er stand u.a. im kontakt mit max hugo weigold, gründer der vogelwarte helgoland, 1910, und später direktor der naturkunde-abteilung des provinzialmuseums in hannover, und mit hugo conwentz, direktor des westpreußischen provinzial-museums in danzig & autor des buches ‚die gefährdung der naturdenkmäler und vorschläge zu ihrer erhaltung‘ (berlin, 1904).

mehr als 10.000 negative, glasplatten, haben sich zwischen 1912 und 1948 im archiv angesammelt und einige filme, die reichling als pionier des naturfilms ausweisen. fotografiert hat reichling, neben den üblichen familienszenen, hauptsächlich bei erkundungen, der sich stetig durch den menschen verändernden kulturlandschaften und ihre fauna in nordwestdeutschland. ab 1926 wurde er von dem fotografen georg hellmund unterstützt, der bis 1966 für das naturkundemuseum arbeitete. die familie übergab den privaten nachlass an das lwl -museum für naturkunde (ehem. provinzialmuseums für naturkunde). das archiv wurde ab 2015 mit unterstützung der nrw-stiftung aufgearbeitet und digitalisiert.

die ausstellung ‚vogelfänger, venntüten und plaggenstecher. natur und landschaften vor 100 jahren – bilder von hermann reichling‘ und die unter dem austellungstitel erschienene begleitpublikation des lwl (landschaftverband westfalen-lippe) von bernd tenbergen, kurator am museum, präsentieren die bilder jetzt zum ersten mal der öffentlichkeit. zur ausstellung ist ein weiterer band in der reihe ‚aus westfälischen bildsammlungen‘ erschienen: ’naturfotograf und naturschutzpionier – die fotosammlung dr. hermann reichling.‘: ausführlichere texte über den museumsdirektor & ornithologen von tenbergen, eine beitrag von stephan sagurna, lwl-medienzentrums für westfalen, über ‚reichling und die fotografie‘ sowie mehr informationen und bilder zu einzelnen kulturlandschaften. nach der ersten station in münster wird die ausstellung ab 2017 durch westfalen wandern.

im april 1926 fand in westfälischen provinzialmuseum für naturkunde an der himmelreichallee (die heutige westfälische schule für musik) die erste naturschutz-ausstellung statt:

Die gewaltigen Veränderungen, von denen die nordwestdeutschen Lande durch die Einflüsse der modernen Kultur betroffen worden sind, haben auch die Provinz Westfalen im Laufe der letzten Jahre stark in Mitleidenschaft gezogen. In richtiger Erkenntnis der schweren Gefahren, die auch weiterhin der Natur und der Eigenart des Westfalenlandes drohen, haben sich neuerdings die Heimat- und Naturschutzorganisationen mit regsten Eifer für die Erhaltung seiner schwer gefährdeten Natur eingesetzt. Um Verständnis für diese Bestrebungen auch in die breitesten Volksschichten hinein zu tragen […]

hermann reichling, ‚1. naturkundeausstellung des westfälischen provinzial-museums für naturkunde zu münster vom 15. märz bis zum 6. april 1926‘ in ‚mitteilungen über naturdenkmalpflege in westfalen‘, 1. heft, 1929 zitiert nach bernd tenbergen, ‚vogelfänger, venntüten und plaggenstecher‘, münster, 2016.

5145 fotos aus dem archiv sind online „verfügbar“. leider beinhaltet die digital strategy des lwl-medienzentrums für westfalen noch keinen open access und creative commons, andere öffentliche institutionen sind da weiter …

reichling_14_2071_234761088   reichling_14_2809_234762276   reichling_14_1437_234760214

v.l.n.r.: grenzweg im zwillbrocker venn: heide im münsterland und landwirtschaftliche nutzung im achterhoek (archivnr.14_2071, juni 1935). reste eine buche in fichten-monokultur im sauerland: lange(n)bruch (laut medienzentrum bei rixen bzw. in ’naturfotograf und naturschutzpionier‘ bei hallenberg am rothaargebirge, archivnr. 14_2809, september 1936). → juniperus communis / wacholder(schnaps, jenever, gin &c.) im gildehauser venn, grafschaft bentheim (archivnr. 14_1437, juli 1944).

fotografie: zeitgenossen, gärten & wallhecken

neue sachlichkeit in westfalen? der blick von reichling war noch im 19. jh verhaftet. die kameratechnik noch nichts für knipser. die fotografie war für ihn in erster linie mittel zum zweck: ein visuelles hilfsmittel zur aufklärung über die notwendigkeit des naturschutzes. es gibt bei der durchsicht des nachlasses jedoch das ein oder andere déjà-vu. ein kurzer blick auf die fotografierenden zeitgenossen: bei den personenaufnahmen, z.b. dem hauptmotiv der ausstellung – ein selbstporträt mit dem krammetsvogelfänger heinrich stille 1914 auf der heide bei kattenvenne – kann man, wenn man will, durchaus an august sander denken. neben fotos von max baur oder albert renger-patzsch müssen sich die landschaften von reichling, wenn auch zumeist konventioneller, nicht verstecken. bei dem bild einer scheune mit reklameschildern (archivnr. 13_2207, februar 1935) in sande, paderborn, und anderen aufnahmen der grassierenden „reklamepest“, erwähnt sagurna das buch ‚god’s own junkyard‘ (1964) von peter blake. bei walker evans taucht dieses motiv bereits in den 1930iger auf. kannten reichling und hellmund die „neuen fotografen“ ihrer zeit?

ein sachlicher blick & ein modernes experiment (oder vertauschte filmkassette?). aus der vielzahl der selbstporträts fällt eines heraus: eine alte eiche bei davensberg, am rande der davert, gibt es zweimal. quercus auf dem acker (archivnr. 14_2640, mai 1918) & als doppelbelichtung mit selbstporträt und geäst im himmel (archivnr. 13_556, 1918).

vogelfänger, eine ganze bildserie zeigt, wie man die netze zum fang der krammetsvögel aufstellt. venntüten, der durch den verlust von feuchtgebieten stark bedrohte numenius arquata / grosse brachvogel oder aufnahmen von plaggenstechern in den westfälischen mooren sind zu finden. wildpferdefang beim herzog von croÿ im merfelder bruch, landschaften in den baumbergen und der warburger börde & aus heutiger sicht verstörendes wie völkerschauen im zoologischen garten … ein nachlass voller entdeckungen. einige gärten gibt es ebenfalls & wallhecken:

reichling_13_2364_234763893   reichling_13_1778_234763143   reichling_13_2237_234763743

 v.l.n.r.: natürlich johann conrad schlaun & annette von droste-hülshoff: „haus rüschhaus bei nienberge.“ (archivnr. 13_2364, undatiert), der garten noch nicht nach schlauns plänen rebarockisiert (cf.→ denkmalpflege, rekonstruktion, …). „bauerngarten mit riesenwacholder bei ibbenbüren, juni 1935“ (archivr. 13_1778), ein typischer baum der heidegebiete in westfalen neben einem kotten im tecklenburger land & der heute romantisierte „bauerngarten“ ist zu reichlings zeit bereits museal: „bauerngarten am heimatmuseum in telgte, september 1935“ (archivnr. 13_2237).

reichling_13_2318_234763846   reichling_13_2316_234763844   reichling_13_2306_234763834

ein klostergarten im emsland: schloss clemenswerth (von 1737 bis 1747 von schlaun für kurfürst clemens august von bayern, erzbischof von köln & fürstbischof von münster & inhaber weiterer lukrativer posten, gebaute pavillons mit jagdstern). v.l.n.lr: taxus baccata nach holländischen vorbildern mit überblick über den garten hinter der schlosskapelle / dem kapuzinerkloster (archivnr. 13_2318, undatiert). die gloriette: clemens august nutzte das gartenhaus als eremitage (archivnr. 13_2316, undatiert). kapuzinermönch mit sonnenuhr: man könnte ihn für einen ornamental hermit halten … (archivnr. 13_2306, undatiert).

reichling_14_2435_234761832   reichling_14_2457_234761854   reichling_14_2464_234761861

wallhecken bei gelmer, eine alte diskussion cf. → wallhecken / ‚anweisung zur verbesserung des ackerbaues …‘ v.l.n.r.: eichen- und hainbuchenknubben (archivnr. 14_2435, undatiert). frühling in der wallhecke (archivnr. 14_2457, april 1934) und ausgegrabene knubben, die „zerstörung einer wallhecke bei gelmer“ (archivnr. 14_2464, april 1934).

romantik & melancholie oder landschaftsschutz?

die welt in westfalen ist schön, aber im umbruch. westfalen des 20. jahrhunderts – neben sander denkt man, bald ist weihnachten, an eine beschreibung der westfalen im film ‚alle jahre wieder‘ (1967) von ulrich schamoni: „Guckens sich an. Das sind unsere Westfalen! Kerls und Köppe wie wir hier sagen. Klein, dick, wunderbar im Ausdruck […]“. westfalen mit nicht mehr existierenden berufen, die begradigung der ems bei westbevern, die ehemals typischen heidegebiete, die sich häufig nur noch in strassennamen und flurbezeichnungen erhalten haben, das abholzen der wallhecken, um grössere felder bewirtschaften zu können … die bildauswahl kann auf „romantisch“ reduziert, die neue zeit ausgeblendet werden, oder man bekommt in der austellung und den publikationen einen blick für die veränderungen in der „natur“ und auf die industrialisierung der landschaften vor 100 jahren. den wandel kann man beklagen, wie schon vor fast 200 Jahren:

So war die Physiognomie des Landes bis heute, und so wird es nach vierzig Jahren nimmer sein. – Bevölkerung und Luxus wachsen sichtlich, mit ihnen Bedürfnisse und Industrie. Die kleinern malerischen Haiden werden geteilt; die Cultur des langsam wachsenden Laubwaldes wird vernachlässigt, um sich im Nadelholze einen schnellern Ertrag zu sichern, und bald werden auch hier Fichtenwälder und endlose Getraidseen den Charakter der Landschaft teilweise umgestaltet haben, wie auch ihre Bewohner von den uralten Sitten und Gebräuchen mehr und mehr ablassen; fassen wir deshalb das Vorhandene noch zuletzt in seiner Eigentümlichkeit auf, ehe die schlüpferige Decke, die allmählich Europa überfließt, auch diesen stillen Erdwinkel überleimt hat.

annette von droste-hülshoff, anonym als ‘westphälische schilderungen aus einer westphälischen feder’ in ‘historisch-politische blätter für das katholische deutschland’, münchen, 16. band, 1845.

die droste schreibt noch von „getraidseen“, die heutige monokultur, mais als biomasse, kannte sie noch nicht: die pättkestour, mit oder ohne kamera bzw. smartphone, durch das münsterland führt heute zumeist aussichts-los durch ein maislabyrinth. nicht zu vergessen die neubaugebiete & parkplätze für supermärkte am dorf- bzw. stadtrand, auf der „grünen wiese“. kann man was tun? die ems hat jedenfalls an einigen stellen wieder auen … eine kulturlandschaft ist immer im wandel.

bernd tenbergen, ‚vogelfänger, venntüten und plaggenstecher. natur und landschaft vor 100 jahren – bilder und filme von dr. hermann reichling (1890 – 1948)‘, begleitbuch zur gleichnamigen ausstellung, hrsg. v.  jan ole kriegs lwl-museum für naturkunde, münster, 2016, isbn 978-3-940726-44-5.

johannes hofmeister, stephan sagurna, ulrike gilhaus und bernd tenbergen, ’naturfotograf und naturschutzpionier – die fotosammlung dr. hermann reichling (1890-1948)‘, aus westfälischen bildsammlungen bd. 9, 255 s., geb., tecklenborg verlag, steinfurt, 2016, isbn 978-3-944327-37-2.

reichling_wochenmarkt_800

obere reihe, grosses bild: appeltiewe (appel = apfel + tiewe = bissige hündin) unter den bogengängen des prinzipalmarkt, aus dem privaten archiv von hermann reichling; r.o.: venntüte, die vogeleiersammlúng von reichling & gerahmte fotos aus der ausstellung von 1926; r.u.: kamera mit blick auf das modell einer wallhecke. untere reihe, l.o.: hüttjagt, reichling und ein ausgestofter uhu bei der jagd auf krähen. l.u.: eriophorum / wollgras im film & winter wonderland im diorama (eine erfindung von daguerre) mit capreolus capreolus / rehen; grosses bild: kulturlandschaft to go oder wochenmarkt auf dem domplatz (von reichling 1913/14 fotografiert): malus domestica ‚dülmener herbstrosenapfel‘ & pyrus communis ‚winterköttelbirne‘ (heute kauft man bei der ag obstwiesenschutz des nabu münster auf dem markt, appeltiewen gibt es leider nicht mehr) & ein für die jahreszeit typischer münsterländer mit mettendken statt pfeife …