frühling: blumenzwiebeln & gras / ‚the wild garden‘ von william robinson

How many of us really enjoy the beauty which a judicious use of a profusion of good and cheap Spring Bulbs is certain to throw around a country seat or villa garden? How many get beyond the miserable conventionalities of modern gardening, with its edgings and patchings, and taking up, and drying, and mere playing with our beautiful Spring Bulbs? How many enjoy the exquisite beauty afforded by Spring flowers of this type, established naturally, and croping up full of beauty, without troubling us for attention at any time? None. The subject of decorating with Spring Bulbs is merely in its infancy; at present we merely place a few of the showiest of them in geometrical lines. The little we do leads to such a very poor end, that numbers of people, alive to the real charms of a garden too, scarcely notice Spring Bulbs at all, regarding them as things which require endless trouble, as interfering with the “bedding–out,” and in fact, as not worth the pains they occasion. This is likely to be the case so long as the most effective and satisfactory of all modes of arranging them is unused by the body of the gardening public; that way is the placing of them in wild and semi–wild parts of country seats and gardens, and in the rougher parts of a garden, no matter where it may be situated or how it may be arranged. It is a way never practised now, but which I venture to say will yield more real interest and exquisite beauty than any other.

Look, for instance, at the wide and bare belts of grass that wind in and around the shrubberies in nearly every country place; generally, they never display a particle of plant–beauty, and are merely places to be roughly mown now and then. But if planted here and there with the Snowdrop, the blue Anemone, the Crocus, Squills, and Winter Aconite, they would in spring surpass in attractiveness to the tasteful eye the primmmest and gayest of spring gardens. Cushioned among the grass, these would have a more congenial medium in which to unfold than is offered by the beaten sticky earth of a border; in the budding emerald grass of spring, their natural bed, they would look far better than ever they do when arranged on the brown earth of a garden. Once carefully planted, they – while an annual source of the greatest interest – occasion no trouble whatever. Their leaves die down so early in spring that they would scarcely interfere with the mowing of the grass, if that were desired, but I should not attempt to mow the grass in such places till the season of vernal beauty had quite passed by.

Surely it is enough to have the lawn as smooth as a carpet at all times, without sending the mower to shave the “long and pleasant grass” of the remoter parts of the grounds. It would indeed be worth while to leave many parts of the grass unmown for the sake of growing many beautiful plants in it.

william robinson, ‚the wild garden or, our groves & shrubberies made beautiful by the naturalization of hardy exotic plants: with a chapter on the garden of british wild flowers‘, london, 1870.

gartenbücher (#avantgardening)

weite, flache kulturlandschaft, kopfweiden & pappelalleen, deiche & windräder. der niederrhein. linke rheinseite, fast niederländisch. die „landlust“ von daniela pawert und torsten matschiess hatte akustische gründe. endlich musik hören, ohne den nervigen kleinkrieg mit hellhörigen nachbarn in der stadt. 2004 beginnt alles mit einen garten am haus incl. altem baumbestand. 2011 vergrössert ein ehemaliges maisfeld, 5.300 m², den garten auf 8.200 m². ein junger garten. kein rückzug in die private ländliche idylle. der garten ist offen zur ihm umgebenden kulturlandschaft inkl. strommasten & windrädern, neben geräuschen und gerüchen der landwirtschaft, häufige gründe der schnell abflauenden „landlust“. einer der digitalsten gärten im deutschsprachigen raum: ein privatgarten mit öffentlichkeit durch website & facebook account. digitale offene gartenpforte. jetzt ist ein buch über den garten alst bzw. „ein plädoyer für gegenwärtiges gärtnern“ in der neuen edition gartenpraxis des ulmer verlages erschienen. keine garten-monografie und ebenso wenig ein diy-ratgeber mit den bekannten, aus dem kontext gerissenen, gestalterischen versatzstücken. wer ein buch aus der beliebten reihe alle-mal-hersehen-MEIN-garten oder einen der unzähligen ratgeber erwartet, liegt falsch. das buch ist eine hybride. es geht ums prinzip.

avant

avantgardening? avant-garde? herrscht krieg im garten? eine militärische vorhut im ruhigen, beschaulich vor sich hin blühenden blümchenreich? eine neue künstlerische bewegung, wie die avantgardistischen des 20 jh. konstruktivismus, dadaismus oder expressionismus in gärten bzw auf grundstücken? wobei jeder neue -ismus schon immer nur der kampf um die anerkennung der institution war … ein neuer ismus in der grenzregion von new german style und dutch wave?

gardening

stauden, gräser, rosen und einige gehölze. keine lauschige sitzecke. vereinzelt ein alter stuhl oder ein korbsessel. gemulchte wege führen durch die „beete“, sind aber in der üppigen bepflanzung häufig nicht sofort zu erkennen. struktur, und damit an einigen stellen sichtschutz, bietet die bepflanzung. keine aufgeräumte „die kleinen vorne, die grossen hinten“ blühaufstellung. keine klassischen sichtachsen. jedoch der „fotografische“ blick versucht hier, sowohl beim autor selbst als auch bei jürgen becker, immer wieder ordnung zu schaffen: windräder und strommasten ausserhalb des gartens sind als endpunkt einer sichtachse einfach zu verlockend. leider wird der himmel bei diesen aufnahmen häufig auf dramatisch gefiltert, less is more . symbolik, traditionell z.b. durch skulpturen oder deko erzeugt, fehlt. bis auf die benennung eines weges: ed snowden boulevard. der garten ist, jedenfalls wenn man mit den antrainierten scheuklappen an ihn heran geht, sperrig. die bepflanzung endet an der grenze des grundstücks & manchmal schaut etwas schwarzbuntes herüber.

vom „beobachten der ruderalflora und lokaler gegebenheiten“ über testpflanzungen und einem blick auf „trends, intuition, lehrbuchwissen“ nimmt der autor den leser mit auf den weg von der entstehung eines gartens bis zu seiner gestaltung. keine ready-mades für den „eigenen garten“, sondern ein überblick, wie aus einem grundstück ein garten werden kann. was matschiess hier am beispiel eines ehemaligen ackers aufzeigt, gilt ebenso für den zukünftigen gärtner, der einen bereits vorhandenen garten übernimmt: erst mal genau hinsehen, beobachten … und selbst dann endet man beim „vom scheitern“. der autor schreib tacheles, unverblümt.

im kapitel lieblingspflanzen viel knöter: bistorta amplexicaulis (syn. persicaria amplexicaulis) / kerzenknöterich und b. officinalis / wiesen- oder schlangen-knöterich hybriden. aconogonon / bergknöteriche z.b. der hohe aconogonon speciosum ‚johanniswolke‘ (syn.a x fennicom oder polygonum polymorphum oder persicaria polymorpha … bei der deutschsprachigen bezeichnung sieht das übrigens nicht anders aus …) & sanguisorba / wiesenknopf. mehr knöter gibt es auf www.persicaria.de, der von matschiess betreute blog, zeigt die bisherigen ergebnisse der begutachtung von knöterich & co. im garten alst von perenne e.v.

bei den gehölzen, der phellodendron amurense / amur-korkbaum und coppicing-versuche mit sambucus nigra ‚black lace‘ und paulownia tomentosa / blauglockenbaum. als struktur-ersatz für gehölze empfieht der autor grossstauden: z.b. glycyrrhiza yunnanensis / chinesisches süssholz „die einzige staude, die im garten gelegentlich gestützt wird, …“ es lohnt sich, besonders im winter, wenn nicht zurückgeschnitten wird. eine weitere grosse alst-staude ist die weidenblättrige sonnenblume, helianthus salicifolius und h. salicifolius var.orgyalis, hier nur hippieblume (hermann gröne) genannt.

eigene sorten hat der garten schon: eine geranium psilostemon hybride (wahrscheinlich g. psilostemon x g. endressii): geranium ‚freies alst‘ & eine wiesenknopf (oder japanischer purpurkolben) auslese: sanguisorba hakusanensis ‚alster luft‘. die namensgebung ist so programmatisch wie der garten und das buch.

‚avantgardening‘ setzt als erste veröffentlichung in der von jonas reif herausgegebenen reihe der neuen edition gartenpraxis einen hohen standard. bitte mehr davon.

avant gardening, vor der gartenarbeit, lesen!

torsten matschiess,  ‚avantgardening. plädoyer für gegenwärtiges gärtnern.‘, fotos von jürgen becker, 192 s., brosch., edition gartenpraxis, ulmer verlag, stuttgart 2017, ISBN 978-3-8001-0872-5

gartenbücher (pflanzen – kultur)

pflanzengesellschaften, matrix und drifts, borders. der blick auf einzelne pflanzen geht verloren. details gehen im farbrausch unter. zwei bücher schärfen den blick und rücken die kulturgeschichte der pflanzen in den vordergrund. wenn man sich mal wieder was buntes aus dem baumarkt oder eine seltene sorte vom pflanzenmarkt holt, bringt man nicht nur farbe in den garten. gleichzeitig kommt eine botanische und kulturelle geschichte ins beet. gartenkultur! zwei bücher, die nicht nur kulturell von interesse, sondern für emsige gartenbuchleser eine augenweide sind:

abutilon bis viola elatior: fotografie & botanik

walter benjamin schrieb, in seiner besprechung des buches ‚urformen der kunst‘ (→ ’neues von blumen‘ & blümchen), dass die fotos von karl blossfeldt „einen ganzen unvermuteten Schatz von Analogien und Formen“ erschliessen. blossfeldt veröffentlichte die bilder ohne beschreibung: „Man wird aber das Schweigen des Forschers ehren, der diese Bilder hier vorlegt. Vielleicht gehört sein Wissen zu jener Art, die den stumm macht, der es besitzt.“ ‚urformen der kunst‘ erschien 1928. 1932 folgte ‚wundergarten der natur‘. die rezeption der bilder blieb formal, auf analogien beschränkt. foto-ästhetik, neue sachlichkeit & l’art pour l’art. der band ‚karl blossfeldt – meisterwerke‘ mit einer auwahl aus dem blossfeldt archiv der stiftung ann und jürgen wilde bringt blossfeldt ein wenig zurück in die botanik. neben den grossen tafeln im buch finden sich im hinteren teil des bandes „botanische erläuterungen“ von hansjörg küster, professor für pflanzenökologie am institut für geobotanik der leibniz universität hannover, autor von bücher über die natur- und kulturgeschichte der elbe, der nord- und ostsee und ‚die entdeckung der landschaft‘ im allgemeinen.

eine auswahl, die den blick schärft oder, wie blossfeldt selbst – hier schwieg er nicht – im vorwort zu ‚wundergarten der natur‘ schrieb sollen die bilder „den Sinn für die Natur wieder wecken, auf den überreichen Formenschatz in der Natur hinzuweisen und zu eigener Beobachtung unserer heimischen Pflanzenwelt anregen.“ jenseits von matrix oder drifts gibt es im eigenen garten viele details zu entdecken & viele kulturgeschichten, die in den erläuterungen von hansjörg küster zu finden sind. und selbst der botaniker gibt tipps für den garten. papaver orientale / türkischer mohn ist mit zwei tafeln vertreten. neben der blütenknospe die kapseln, bei denen küster auf frühen schnitt (trockenblumensträusse und aufräumen im beet ..) hinweist: „Aber vielleicht machen wir da etwas falsch“. ein blick auf blossfeldt und man pflanzt papaver nur wegen der kapseln … die erläuerungen zu phacelia tanacetifolia / rainfarn-phazelie oder büschelschön (2 tafeln: die blütenstände einmal solo und als duo) sind eine kleine kulturgeschichte: heute im sogenannten naturgarten als bienenweide beliebt und meist als „einheimsch“ angesehen, ist ein import aus amerika. bei saxifraga willkommiana (saxifraga pentadactylis ssp. willkommiana) stellt sich die frage: „Wo mag Blossfeldt die Pflanze gefunden haben, oder wer hat sie ihm gezeigt?“. Denn: „Willkomms Steinbrech wächst nur an wenigen Orten in spanischen Hochgebirgen, […] Die Pflanze ist nach den bekannten Botaniker Moritz Willkomm benannt, […]. Eine ganze Reihe von Belegstücken dieser seltenen Pflanze befindet sich in spanischen Museen oder auch im Herbarium von Paris“ & in den ‚urformen der kunst‘. heute wird bei fotos von pflanzen häufig die frage gestellt: ist das real oder photoshop? eine alte diskussion, denn fotografie war nie objektiv. auch blossfeldt hat „geschummelt“: bei acanthus mollis / wahrer bärenklau zeigt er die blütenstände mit den tragblättern, die weissen blütenblätter sind gezupft. im gegensatz zur üblichen architektonischen diskussion dieser pflanze (→ pflanzen & architektur: acanthus) stehen hier die tragblätter im vordergrund.

ein buch voller visueller, kulturgeschichtlicher & botanischer entdeckungen. sollte in einer gut sortierten gartenbibliothek nicht fehlen. die grösse des bandes, 23,5 x 36,5 cm, macht das einsortieren im regal etwas schwierig, führt jedoch zu häufigerem blättern. leider werden die meisten buchhändler dieses buch „nur“ unter fotografie einordnen: es gehört jedoch in die abteilung gartenbücher. das cover (eine nicht genauer zu bestimmende aristolochia / osterluzei , zurüchhaltende typo & viel weiss, kein horror vacui) würden die „normalen“ mit photoshop zu tode bearbeiteten und mit vignettechen zugekleisterten titel alt aussehen lassen …

‚karl blossfeldt – meisterwerke‘, hrsg. von ann und jürgen wilde, mit einem text und botanischen erläuterungen von hansjörg küster, 160 s. geb., schirmer/mosel, münchen 2016, isbn 978-3-8296-0725-4

abutilon bis zinnia: natur- & kulturgeschichte

noel kingsbury ist autor zahlreicher gartenbücher (zuletzt u.a. zusammen mit piet oudolf ‚planting: a new perspective‘) gartenarchitekt und blogger mit eigenem garten, montpelier cottage, an der grenze zu wales. einer der bekanntesten englischsprachigen gartenautoren und einer der für anglo-amerikanische verhältnisse ungewöhnlichsten: immer einen blick auf die ökologie und über den ärmelkanal. mit piet oudolf schreibt er bücher und kennt die kontinantaleuropäischen gärten und gärtner. in anderen englischsprachigen gartenbücher häufig nur eine schnell angelesene fussnote.

‚garden flora: the natural and cultural history of plants in your garden‘ ist kein buch zum durchlesen. ein buch, das selten an seinem platz im buchregal zu finden sein wird. für ein coffee table book viel zu nützlich.ein nachschlagewerk, das griffbereit liegt. die introduction bietet einen überblick zum verständnis der pflanzenwelt: von the genus, ecology über tradition and uses bis zur history of cultivation gibt der autor einen überblick zum botanischen und kulturellen verständnis der pflanzen. es folgen porträts verschiedener familien, gattungen und arten. von kurzen texten bis zu kleinen pflanzenmonografien. wer bei rosen durchblicken will, oder wer nach der botanischen neuordnung der astern den überblick verloren hat, findet hier eine gute zusammenfassung. verstreute zitate jenseits der üblichen heile-welt-blümchen-sprüche: viel piet oudolf & henk gerritsen, japanisches neben sackville-west & robinson bis zu habermas, henry david thoreau & ronald reagan …

so vielfältig die auswahl an pflanzen ist so unterschiedlich die darstellung durch die jahrhunderte. blumensträusse aus dem gouden eeuw, historische illustrationen aus gartenmagazinen und katalogen & viel dezent coloriert japanisches … beim artíkel über gräser eine doppelseite mit schwarz-weiss fotos von karl förster, davon 1/1 s. avena glauca, heute helictotrichon parlatorei, vor plattenbau & eine doppelseitige s/w illustration aus ‚ the english flower garden‘ von william robinson mit yucca (nein, nicht die yuccapalme!). s/w und historische illustrationen in einem gartenbuch, das durchaus auf das breitere publikum hin angelegt ist, das trauen sich nur wenige verlage … über schwierigkeiten bei der bildauswahl und -beschaffung hat kingsbury auf seinem blog geschrieben → ‚A Garden Flora‘ – for Christmas reading all year round.

zu den einzelnen pflanzen erfährt man vieles über herkunft, hybriden & pflanzenmoden. im letzten kapitel, epilouge: these we have lost, stellt kingsbury einige züchtungen vor, die verloren gegangen sind. mit jeder ausgestorbenen hybride geht ein stück gartenkultur unter.

noel kingsbury, ‚garden flora: the natural and cultural history of the plants in your garden‘, 368 s., geb., timber press, seattle 2016, isbn 978-1-60469-565-6

wanderung über holnis, durch knicks …

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glücksburg (→ schlossgarten glücksburg), holnis: winterspaziergang statt → sommerfrische … obere reihe, l.o.: holnis gelb; l.u.: quercus mit blick auf salzwiese am höftsee; grosses bild: knicklandschaft → „eingefriedigte Parzellen, nicht größer als ein Stück Gartenland“; rechts: holnis spitze: → gråsten & broager kirke im nebel … untere reihe, links: gespaltene kopfweide → salix im allgemeinen; grosses bild: zäune: stacheldrahtig & lebendig; r.o.: fontane war hier & r.u.: äpfel aus dem knick …

winter: grünkohl / ’nachricht von dem anbau und von der erhaltung des grünen kohls, zur winters-zeit‘ von philipp ernst lüders

Erstlich bin dahin bedacht, daß ich einen guten, von Geschmack angenehmen, Kohl besitze. Unter allen Kohl=Sorten halte die hellgrüne und krause für die allerbeste zum Küchengebrauch. Obgleich der schlechtblätterige Kohl zum Gebrauch bey dem Vieh nutzreicher, und die Sprossen aus dem Stamm weit zahlreicher sind; so ist er doch ungleich zäher und der Gefahr von den Raupen weit mehr unterworfen. Man will zwar fürgeben, daß er gleichfalls im Winter haltbarer sey, als der grüne krause; allein, wenn man gleich ein Exempel davon aufweisen könnte; so dürfte es eben so leicht seyn, den Beweis von einem gegenseitigen Exempel anzuführen. Von dem Vorzug: Ob die dunkele, oder die grüne Farbe in der Schüssel dem Liebhaber besser ins Auge falle, will ich nichts melden, weil darin das Urtheil ungleich ausfallen dürfte. Dies aber wird an dem hellgrünen krausen Kohl als ohnstreitig können bemerkt werden, daß er ungemein zart sey, sehr gut und lieblich schmecke, leichter und geschwinder sich kochen lasse, und die Feuerung dabey ersparet werde; Ferner, daß, wenn man fürsichtig mit dem Samen=Zug verfährt, er nie ausarte; und endlich, daß er in solchen Jahren, in welchen die Raupen vielen Schaden anrichten, eine natürliche Fähigkeit an sich habe, deren Wuth zu widerstehen.

Was ich von dessen vorzüglichen Tugenden angeführt, das kan der Augenschein, das Gefühl, der Geschmack und die Erfahrung am sichersten beurtheilen. Von dem Geschmack habe vorher gesagt, daß ich über dessen Ausspruch mich nicht einlassen will; dies dürfte aber wol gewiß seyn, daß, wenn er Einem nicht anständig seyn sollte, Zehen dargegen sich für ihn geneigt erklären dürften. Daß er in der Dauer und in seiner Güte unveränderlich seyn könne, davon kan ich den sichtbaren Beweis führen, indem ich ihn über 20 Jahre lang unverändert erhalten habe. Mir ist auch nicht bange, daß er sich jemals verändern und schlechter werden wird.

philipp ernst lüders, ’nachricht von dem anbau und von der erhaltung des grünen kohls, zur winters-zeit‘, flensburg, 1772

kulturlandschaften, wallhecken, gärten vor 100 jahren: bilder von hermann reichling

hermann reichling: naturschutz, politik & fotografie

ein naturschützer unterwegs mit der kamera in westfalen und, auf der flugroute der zugvögel, bis nach lappland. hermann reichling (1890-1948), promovierter ornithologe und naturschutzpionier, war von 1919-1948 direktor des provinzialmuseums für naturkunde in münster. mit einer unterberechung von 1933 -1945, von den nazis wegen „politischer unzuverlässigkeit“ abgesetzt: disziplinarverfahren und als „schutzhäftling“ von juni bis september 1934 im kz esterwegen im emsland, wo bei der trockenlegung von mooren zwangsarbeiten musste und misshandelt wurde. nach seiner freilassung wurde er an den dümmer im oldenburger münsterland verbannt, „kaltgestellt“: nicht untätig, entstand bis 1945 dort eine einzigartige dokumentation der region. 1945 rehabilitiert und wieder direktor des naturkundemuseums starb er jedoch schon 1948 an den folgen der kz-haft.

in seiner amtszeit 1926-1933 als staatlicher kommissar für naturdenkmalpflege in der provinz westfalen, wurden fast 70 schutzgebiete ausgewiesen. 1932 befanden sich ca. ein fünftel aller naturschutzgebiete preussens in der provinz westfalen. reichling war gut vernetzt: er stand u.a. im kontakt mit max hugo weigold, gründer der vogelwarte helgoland, 1910, und später direktor der naturkunde-abteilung des provinzialmuseums in hannover, und mit hugo conwentz, direktor des westpreußischen provinzial-museums in danzig & autor des buches ‚die gefährdung der naturdenkmäler und vorschläge zu ihrer erhaltung‘ (berlin, 1904).

mehr als 10.000 negative, glasplatten, haben sich zwischen 1912 und 1948 im archiv angesammelt und einige filme, die reichling als pionier des naturfilms ausweisen. fotografiert hat reichling, neben den üblichen familienszenen, hauptsächlich bei erkundungen, der sich stetig durch den menschen verändernden kulturlandschaften und ihre fauna in nordwestdeutschland. ab 1926 wurde er von dem fotografen georg hellmund unterstützt, der bis 1966 für das naturkundemuseum arbeitete. die familie übergab den privaten nachlass an das lwl -museum für naturkunde (ehem. provinzialmuseums für naturkunde). das archiv wurde ab 2015 mit unterstützung der nrw-stiftung aufgearbeitet und digitalisiert.

die ausstellung ‚vogelfänger, venntüten und plaggenstecher. natur und landschaften vor 100 jahren – bilder von hermann reichling‘ und die unter dem austellungstitel erschienene begleitpublikation des lwl (landschaftverband westfalen-lippe) von bernd tenbergen, kurator am museum, präsentieren die bilder jetzt zum ersten mal der öffentlichkeit. zur ausstellung ist ein weiterer band in der reihe ‚aus westfälischen bildsammlungen‘ erschienen: ’naturfotograf und naturschutzpionier – die fotosammlung dr. hermann reichling.‘: ausführlichere texte über den museumsdirektor & ornithologen von tenbergen, eine beitrag von stephan sagurna, lwl-medienzentrums für westfalen, über ‚reichling und die fotografie‘ sowie mehr informationen und bilder zu einzelnen kulturlandschaften. nach der ersten station in münster wird die ausstellung ab 2017 durch westfalen wandern.

im april 1926 fand in westfälischen provinzialmuseum für naturkunde an der himmelreichallee (die heutige westfälische schule für musik) die erste naturschutz-ausstellung statt:

Die gewaltigen Veränderungen, von denen die nordwestdeutschen Lande durch die Einflüsse der modernen Kultur betroffen worden sind, haben auch die Provinz Westfalen im Laufe der letzten Jahre stark in Mitleidenschaft gezogen. In richtiger Erkenntnis der schweren Gefahren, die auch weiterhin der Natur und der Eigenart des Westfalenlandes drohen, haben sich neuerdings die Heimat- und Naturschutzorganisationen mit regsten Eifer für die Erhaltung seiner schwer gefährdeten Natur eingesetzt. Um Verständnis für diese Bestrebungen auch in die breitesten Volksschichten hinein zu tragen […]

hermann reichling, ‚1. naturkundeausstellung des westfälischen provinzial-museums für naturkunde zu münster vom 15. märz bis zum 6. april 1926‘ in ‚mitteilungen über naturdenkmalpflege in westfalen‘, 1. heft, 1929 zitiert nach bernd tenbergen, ‚vogelfänger, venntüten und plaggenstecher‘, münster, 2016.

5145 fotos aus dem archiv sind online „verfügbar“. leider beinhaltet die digital strategy des lwl-medienzentrums für westfalen noch keinen open access und creative commons, andere öffentliche institutionen sind da weiter …

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v.l.n.r.: grenzweg im zwillbrocker venn: heide im münsterland und landwirtschaftliche nutzung im achterhoek (archivnr.14_2071, juni 1935). reste eine buche in fichten-monokultur im sauerland: lange(n)bruch (laut medienzentrum bei rixen bzw. in ’naturfotograf und naturschutzpionier‘ bei hallenberg am rothaargebirge, archivnr. 14_2809, september 1936). → juniperus communis / wacholder(schnaps, jenever, gin &c.) im gildehauser venn, grafschaft bentheim (archivnr. 14_1437, juli 1944).

fotografie: zeitgenossen, gärten & wallhecken

neue sachlichkeit in westfalen? der blick von reichling war noch im 19. jh verhaftet. die kameratechnik noch nichts für knipser. die fotografie war für ihn in erster linie mittel zum zweck: ein visuelles hilfsmittel zur aufklärung über die notwendigkeit des naturschutzes. es gibt bei der durchsicht des nachlasses jedoch das ein oder andere déjà-vu. ein kurzer blick auf die fotografierenden zeitgenossen: bei den personenaufnahmen, z.b. dem hauptmotiv der ausstellung – ein selbstporträt mit dem krammetsvogelfänger heinrich stille 1914 auf der heide bei kattenvenne – kann man, wenn man will, durchaus an august sander denken. neben fotos von max baur oder albert renger-patzsch müssen sich die landschaften von reichling, wenn auch zumeist konventioneller, nicht verstecken. bei dem bild einer scheune mit reklameschildern (archivnr. 13_2207, februar 1935) in sande, paderborn, und anderen aufnahmen der grassierenden „reklamepest“, erwähnt sagurna das buch ‚god’s own junkyard‘ (1964) von peter blake. bei walker evans taucht dieses motiv bereits in den 1930iger auf. kannten reichling und hellmund die „neuen fotografen“ ihrer zeit?

ein sachlicher blick & ein modernes experiment (oder vertauschte filmkassette?). aus der vielzahl der selbstporträts fällt eines heraus: eine alte eiche bei davensberg, am rande der davert, gibt es zweimal. quercus auf dem acker (archivnr. 14_2640, mai 1918) & als doppelbelichtung mit selbstporträt und geäst im himmel (archivnr. 13_556, 1918).

vogelfänger, eine ganze bildserie zeigt, wie man die netze zum fang der krammetsvögel aufstellt. venntüten, der durch den verlust von feuchtgebieten stark bedrohte numenius arquata / grosse brachvogel oder aufnahmen von plaggenstechern in den westfälischen mooren sind zu finden. wildpferdefang beim herzog von croÿ im merfelder bruch, landschaften in den baumbergen und der warburger börde & aus heutiger sicht verstörendes wie völkerschauen im zoologischen garten … ein nachlass voller entdeckungen. einige gärten gibt es ebenfalls & wallhecken:

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 v.l.n.r.: natürlich johann conrad schlaun & annette von droste-hülshoff: „haus rüschhaus bei nienberge.“ (archivnr. 13_2364, undatiert), der garten noch nicht nach schlauns plänen rebarockisiert (cf.→ denkmalpflege, rekonstruktion, …). „bauerngarten mit riesenwacholder bei ibbenbüren, juni 1935“ (archivr. 13_1778), ein typischer baum der heidegebiete in westfalen neben einem kotten im tecklenburger land & der heute romantisierte „bauerngarten“ ist zu reichlings zeit bereits museal: „bauerngarten am heimatmuseum in telgte, september 1935“ (archivnr. 13_2237).

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ein klostergarten im emsland: schloss clemenswerth (von 1737 bis 1747 von schlaun für kurfürst clemens august von bayern, erzbischof von köln & fürstbischof von münster & inhaber weiterer lukrativer posten, gebaute pavillons mit jagdstern). v.l.n.lr: taxus baccata nach holländischen vorbildern mit überblick über den garten hinter der schlosskapelle / dem kapuzinerkloster (archivnr. 13_2318, undatiert). die gloriette: clemens august nutzte das gartenhaus als eremitage (archivnr. 13_2316, undatiert). kapuzinermönch mit sonnenuhr: man könnte ihn für einen ornamental hermit halten … (archivnr. 13_2306, undatiert).

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wallhecken bei gelmer, eine alte diskussion cf. → wallhecken / ‚anweisung zur verbesserung des ackerbaues …‘ v.l.n.r.: eichen- und hainbuchenknubben (archivnr. 14_2435, undatiert). frühling in der wallhecke (archivnr. 14_2457, april 1934) und ausgegrabene knubben, die „zerstörung einer wallhecke bei gelmer“ (archivnr. 14_2464, april 1934).

romantik & melancholie oder landschaftsschutz?

die welt in westfalen ist schön, aber im umbruch. westfalen des 20. jahrhunderts – neben sander denkt man, bald ist weihnachten, an eine beschreibung der westfalen im film ‚alle jahre wieder‘ (1967) von ulrich schamoni: „Guckens sich an. Das sind unsere Westfalen! Kerls und Köppe wie wir hier sagen. Klein, dick, wunderbar im Ausdruck […]“. westfalen mit nicht mehr existierenden berufen, die begradigung der ems bei westbevern, die ehemals typischen heidegebiete, die sich häufig nur noch in strassennamen und flurbezeichnungen erhalten haben, das abholzen der wallhecken, um grössere felder bewirtschaften zu können … die bildauswahl kann auf „romantisch“ reduziert, die neue zeit ausgeblendet werden, oder man bekommt in der austellung und den publikationen einen blick für die veränderungen in der „natur“ und auf die industrialisierung der landschaften vor 100 jahren. den wandel kann man beklagen, wie schon vor fast 200 Jahren:

So war die Physiognomie des Landes bis heute, und so wird es nach vierzig Jahren nimmer sein. – Bevölkerung und Luxus wachsen sichtlich, mit ihnen Bedürfnisse und Industrie. Die kleinern malerischen Haiden werden geteilt; die Cultur des langsam wachsenden Laubwaldes wird vernachlässigt, um sich im Nadelholze einen schnellern Ertrag zu sichern, und bald werden auch hier Fichtenwälder und endlose Getraidseen den Charakter der Landschaft teilweise umgestaltet haben, wie auch ihre Bewohner von den uralten Sitten und Gebräuchen mehr und mehr ablassen; fassen wir deshalb das Vorhandene noch zuletzt in seiner Eigentümlichkeit auf, ehe die schlüpferige Decke, die allmählich Europa überfließt, auch diesen stillen Erdwinkel überleimt hat.

annette von droste-hülshoff, anonym als ‘westphälische schilderungen aus einer westphälischen feder’ in ‘historisch-politische blätter für das katholische deutschland’, münchen, 16. band, 1845.

die droste schreibt noch von „getraidseen“, die heutige monokultur, mais als biomasse, kannte sie noch nicht: die pättkestour, mit oder ohne kamera bzw. smartphone, durch das münsterland führt heute zumeist aussichts-los durch ein maislabyrinth. nicht zu vergessen die neubaugebiete & parkplätze für supermärkte am dorf- bzw. stadtrand, auf der „grünen wiese“. kann man was tun? die ems hat jedenfalls an einigen stellen wieder auen … eine kulturlandschaft ist immer im wandel.

bernd tenbergen, ‚vogelfänger, venntüten und plaggenstecher. natur und landschaft vor 100 jahren – bilder und filme von dr. hermann reichling (1890 – 1948)‘, begleitbuch zur gleichnamigen ausstellung, hrsg. v.  jan ole kriegs lwl-museum für naturkunde, münster, 2016, isbn 978-3-940726-44-5.

johannes hofmeister, stephan sagurna, ulrike gilhaus und bernd tenbergen, ’naturfotograf und naturschutzpionier – die fotosammlung dr. hermann reichling (1890-1948)‘, aus westfälischen bildsammlungen bd. 9, 255 s., geb., tecklenborg verlag, steinfurt, 2016, isbn 978-3-944327-37-2.

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obere reihe, grosses bild: appeltiewe (appel = apfel + tiewe = bissige hündin) unter den bogengängen des prinzipalmarkt, aus dem privaten archiv von hermann reichling; r.o.: venntüte, die vogeleiersammlúng von reichling & gerahmte fotos aus der ausstellung von 1926; r.u.: kamera mit blick auf das modell einer wallhecke. untere reihe, l.o.: hüttjagt, reichling und ein ausgestofter uhu bei der jagd auf krähen. l.u.: eriophorum / wollgras im film & winter wonderland im diorama (eine erfindung von daguerre) mit capreolus capreolus / rehen; grosses bild: kulturlandschaft to go oder wochenmarkt auf dem domplatz (von reichling 1913/14 fotografiert): malus domestica ‚dülmener herbstrosenapfel‘ & pyrus communis ‚winterköttelbirne‘ (heute kauft man bei der ag obstwiesenschutz des nabu münster auf dem markt, appeltiewen gibt es leider nicht mehr) & ein für die jahreszeit typischer münsterländer mit mettendken statt pfeife …

herbstspaziergang: rieselfelder, münster

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obere reihe, l. hagebutten: wildrose am rand eines ehemaligen beckens zur verrieselung der abwässer der stadt münster; r.: botanisch ungeklärt … [botanisch bestimmt: crataegus monogyna / eingriffeliger weissdorn … hätte besser aufpassen sollen & nicht knipsen → botanik auf dem friedhof] mittlere reihe, l.: gefrostete streuobstwiese des nabu münster; r.: sämling in einer hecke: malus mit harter schale & innerer süsse. untere reihe, l. wilde martinsgänse im vogelschutzgebiet europareservat rieselfelder münster: anser fabalis / saatgänse u.a. & r.: kopfweide …

querbeet im november

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obere reihe, grosses bild: eurybia divaricata / wald-aster; r.o.: rhus typhina / essigbaum oder hirschkolbensumach, ein ausgegrabener sämling (r. typhina ‘dissecta’, ‚laciniata‘ oder ‚tiger eyes‘ / geschlitzblättriger essigbaum?); r.u.: calamagostris x acutiflora ‚karl foerster‘ vor NICHT dahlia ‚bishop of llandaff‘. untere reihe, l.o.: dipsacus fullonum / wilde karde; l.u.: teehybride rosa ‘gloria dei’ unter ulex europaeus / europäischem stechginster; grosses bild: calendula officinalis / ringelblume …

pflanzen im knick & „das Wilde in dem Künstlichen“ / ‚oeconomisch-practische anweisung‘ von nicolaus oest

Von der Besetzung der Erdwälle mit lebendigen Pflanzen.

[…]

§. 43.

Was die Wahl der Pflanzen anbetrift, so nimmt man überhaupt lieber die jungen, als die alten. Diejenige, welche eines guten Fingers Dicke haben, oder im Durchschnitt etwa einen Zoll halten, sind die besten. Je mehr Wurzeln daran sind, desto besser ist es, und je mehr Erde sie aus ihrem vorigen Lager mitbringen, desto gewisser werden sie bekleiben.

§. 44.

Welche Art von Heckenpflanzen man den Vorzug geben solle, wird vornehmlich von der Absicht desjenigen abhangen, der sie brauchen will. Manchem ist es nur um eine wehr= und dauerhafte, einem anderen zugleich um eine zierliche, noch anderen um eine Holz= und Fruchtbringende Hecke zu thun. Ersterer wir allen Arten von Dornen den Vorzug geben; der andere wir vornehmlich auf die Hagebuche verfallen und die letzteren gerne Ellern und Haselstauden haben wollen. Selten aber findet man, ausser in und um den Garten solche Hecken, die nur aus einer Pflanzenart bestünden. Man pflanzet vielmehr eines unter das andere, zuweilen wie es fällt, doch auch manchmahl mit einer gewissen Anordnung und Ueberlegung.

§. 45.

Von den hier gewöhnlichen Staudenarten, die man zu lebendigen Zäunen zu nehmen pflegt, habe folgendes angemerkt: […]

§. 46.

Der Weißdorn giebt eine dick durchgewachsene Hecke, und kann die scharfen Nordwinde gut aushalten, obgleich die zarte Frühlingssprossen von den kalten Winden und Nachtfrösten leichtlich Schaden nehmen, wodurch aber die Zweige desto stärker seitwärts treiben und den Busch dichter machen. Einige wollen sagen, daß wir hier zu Lande den rechten Weißdorn nicht oder sehr selten finden. Ich habe indessen angemerkt, daß wenn obige Art einen guten Boden und Schutz gegen die scharfen Winde hat, selbige eine weissere Rinde, grössere Blätter, längere Stachel und stärkeren Wachsthum habe, wie sonst.

[…]

§. 49.

Der Schleedorn macht an den Orten, wo er gerne wächset, ein Gewirre, dadurch so leicht nichts durchbrechen kann und steht im Sturm unbewegt. Er nimmt mit einem schlechten Boden vorlieb, wenn er nur leimicht ist. Weil er keine saserichte Wurzeln hat, so muß man von seinen langen Wurzeln zum wenigsten einen oder zwei Fuß mitnehmen, wenn man ihn verpflanzen will, und bei dem Setzen den Leim fest an die Wurzel treten. Sonst wird er schwerlich wachsen. Wo er aber anschlägt, da breitet er sich sehr aus. Daher ist es nöthig ihn durch einen Graben, oder durch fleißiges Aushacken in seinen Schranken zu halten. Er gibt sonst das allerbeste Buschwerk zu todten Zäunen.

§. 50.

Die Hagebuche empfiehlet sich theils durch ihre Schönheit, theils durch die gute Schutzwehr, die sie leistet, theils durch den nützlichen Gebrauch des Holzes. Denn es ist das feine Gesträuch nicht nur zu Besemen und Erbsenruthen, wie auch zum Brennen dienlich; sondern es dienet auch, wenn man es stärker werden lässet, wegen seiner Härte und Festigkeit den Tischlern und Drechslern zu verschiedenem Gebrauch, und den Müllern zu Zähnen oder Zacken in den Kammrädern.

[…]

§. 52.

Die Mastbuche thut ungeachtet ihrer höheren Bestimmung in den Hecken sehr gute Dienste, wenn man sie nur nicht zu hoch wachsen lässet und daher fleißig abkappet. Insbesondere hat eine Buchenhecke, die da beschnitten wird, dieses Vorzügliche, daß sie auch nicht einmahl im Winter durchsichtig ist, weil sie die welke Blätter behält, bis sie im Frühling wieder zu grünen anfängt, und die gelben Blätter gegen grüne vertauschet.

§. 53.

Die Hagebutte will keinen Beifall finden, weil sie sich selbst gelassen, im Untern die Hecke nicht verdicken, noch mit den übrigen Pflanzen in gesellige Ordnung treten will. Der Fliederbaum übet so gar über dieselbe Tyrannei aus. Vieleicht würden lauter Flieder sich am besten so wie lauter Habebutten zusammen schicken. Von letztern, (und zwar von der grossen Sorte,) habe ein Probe in dem Garten des Herrn Probsten Lüders gesehen, die mir sehr wohl gefiel. Die Gartenhagebutte kann nicht nur aus dem Kern, sondern auch aus Schnitzlingen, die man nur 6 bis 8 Zoll tief in die Erde steckt, vermehrt werden.

§. 54.

Die Haselstaude macht in den Hecken dieses Landes einen beträchtlichen Theil aus. Sie hält sich auch sehr gut, wenn sie auf Wällen steht, die von Osten nach Westen laufen. Haben diese aber ihre Richtung Süd und Nord, und die Westseite unbedeckt, so werden sie an dieser Seite kümmerlich stehen. Sind sie gleich an sich ncht sehr haltbar, welches größtentheils daher rühret, daß so wohl die schönsten Schöslinge, als auch die Früchte dem muthwilligsten Raube ausgesetzet sind; so verdienen sie doch wegen des Nutzens, den sie dem Besitzer leisten, eine vorzügliche Aufmerksamkeit und fleißige Wartung, welche vornehmlich darin bestehet, daß man den Graben oft vertirfe, und den Wall verstärke, als wodurch der Zaun am besten kann wehrhaft gemacht werden.

[…]

§. 57.

Von andern Pflanzen, die man hin und wieder in den Hecken findet, als Vogelbeer, Stechpalmen, Spillbaum, Ligustrum, Wesselbeer &c. wird nicht nöthig seyn besonders zu melden, weil man sie nicht leicht in solcher Menge beisammen findet, daß ganze Hecken daraus gemacht werden könnten. Ein fleißiger und curioser Landwirth macht vieles möglich, was man sonst nicht gesehen, und endecket manchen Vortheil, den voher niemand gewußt hat. […]

[…]

§. 59.

[…] Der Anfang ist, wie in allen Dingen, sehr unvollkommen gewesen. Von den ältesten Paatwerken findet man kaum eines, das nach der Schnur angelegt wäre. Sie sind vielmehr voller Buchten und Krümmen. […] Nachhero ist man bemühet gewesen, dem Werk nach und nach eine grössere Vollkommenheit zu geben. Nunmehr ist wohl nicht leichtlich ein Land zu finden, welches ein so Gartenmäßiges Ansehen hat, als Angeln. Wäre das Werk im Anfang nach einem allgemeinen Plan vorgenommen worden, welches leicht hätte geschehen können, wenn man durch einen General=Ackerumsatz die Ländereien bis getheilt und zugleich Wege und Zäune schnurrichtig gemacht hätte, so würde man einen Garten von 7 bis 8 Meilen im Umfang gesehen haben. Doch vielleicht wird ein Gartenliebhaber nach dem neusten Geschmack die krumme Wege und Hecken noch höher schätzen, weil das Wilde in dem Künstlichen durchschimmert, und dem Reisenden immer neue Gegenstände dargestellet werden.

nicolaus oest, ‘oeconomisch-practische anweisung zur einfriedigung der ländereien […]’, flensburg, 1767.

gartenbücher (wildobst: pflanze „wild“ und dornig)

ein gang durch einen supermarkt: glatte, gewachste oberflächen; keine variation in der grösse; süss, viel zu süss, bloss keine säure … wenn food designer obstsorten züchten. flug- und seemeilen im container inklusive. zu jeder jahreszeit verfügbar.

ein spaziergang durch eine kulturlandschaft mit wallhecken oder knicks: blüten im frühjahr, schatten im sommer & früchte im herbst. nicht unbedingt wild aber häufig dornig …

wild ?!

in der anglo-amerikanischen diskussion über gärten erlebt william robinson’s ‚the wild garden‘ gerade eine renaissance (deutsche übersetzung? fehlanzeige …). in deutschsprachigen raum bleibt der diskurs über „natur“ & „wild“, karl foerster nannte es wildnisgartenkunst, meist in purem romantizismus stecken oder man landet bei einem fragwürdigen vokabular wie dem von willy lange, dessen naturgartenidealismus und die propagierung von „einheimischen pflanzen“ sehr kompatibel mit nationalsozialistischen vorstellungen war … und überhaupt: was ist wild? viele heute als „einheimisch“ klassifizierte gewächse sind verwilderte pflanzen, die u.a. von den römern über die alpen gebracht wurden. es steckt viel gartenkultur in der „wilden“ „natur“.

ina sperl, die regelmässig in der frankfurter allgemeinen & im kölner stadt-anzeiger über gartenkultur, gärtner, pflanzen & den eigenen garten schreibt, gibt mit ‚wildobst: schlehe, hagebutte und co. für meinen garten‘ einen einblick in den artenreichtum des wilden obstes. ‚wildobst‘ bleibt nicht, wie viele bücher aus der rubrik „ratgeber“, im seichten das-ist-aber-lecker-do-it-yourself stecken. ein nachschlagewerk mit ihren „40 besten wildobstarten“, tipps für die gartenarbeit und einigen botanischen entdeckungen für den leser. naschkram für hecken, grosse und kleine gärten und den kübel.

früchte, beeren, nüsse etc.

von den klassikern wie vaccinium / heidelbeeren – die europäische v. myrtillus / heidel- oder blaubeere, die amerikanische huckleberry v. corymbosum (aus der unsere kultursorten gezüchtet sind) und der cranberry v. macrocarpon sowie der preiselbeere v. vitis-idae – über hipster-food: lycium barbarum / goji-beere (gemeinen bocksdorn würde keiner essen … uncool) bis unbekannten exoten.

bei den nüssen natürlich die haselnuss: die gemeine corylus avellana und die c. maxima / lambertshasel. der wallnussbaum, juglans regia, ist wo er wächst unverzichtbar, braucht jedoch platz & wärme und der gärtner viel geduld bis zur ersten ernte. die hasel hingegen lässt sich, wenn sie zu gross wird, gut auf stock setzen & man hat eine nuttery wie in sissinghurst, nüsse und das perfekte material, um stauden, rosen oder gemüse zu stützen.

weissdorne sind im frühjahr mit ihren blüten ein muss in der hecke. crataegus kommt am häufisten als c. monogyna / eingriffeliger weissdorn und c. laevigata / zweigriffeliger weissdorn vor. alle arten kreuzen sich gern und können selbst einen botaniker schon mal auf glatteis führen. neben blüten und dornen in der hecke ergeben die früchte, mit anderen früchten gemischt, marmelade. der prunus spinosa / schwarzdorn oder schlehe sollte ebenfalls in einer hecke und im likör nicht fehlen. die schönsten dornen hat die poncirus trifoliata, die dreiblättrige oder bitterorange. eine frostharte zitruspflanze, deren früchte sich verarbeiten lassen & deren dornen selbst traktorreifen durchstechen … das gelb der früchte ist im herbstgarten unverzichtbar.

als kleiner solitär in garten oder als überhälter in einer hecke, ist mespilus germanica, die „deutsche“ oder echte mispel, unschlagbar. ein paradebeispiel für die schwierigkeiten mit begriffen wie „wild“ und „einheimisch“: das „germanica“ stammt von carl von linné, und es handelt sich um ein missverständniss bei der botanischen bzw. geografischen zuordnung. das ursprüngliche vebreitungsgebiet erstreckt sich vom heutigen iran bis nach italien. im antiken griechenland wird die mespile und μέσπιλον (mespilon), die frucht, von theophrastos von eresos und dioskurides, im imperium romanum von plinus dem älteren in seiner ’naturalis historia‘, erwähnt. als mespilarios findet man sie in der ‚capitulare de villis vel curtis imperii‘ (ca. 812 n. Chr.), der landgüterverordnung karls des grossen, was sie jedoch nicht zu einer einheimischen sorte, geschweige denn zu „germanica“ macht, wohl aber entscheidend zu ihrer verbreitung in diesem gebiet beigetragen haben mag. seit 3000 jahren eine kulturpflanze mit sorten, wie der um 1800 entstandenen ‚dutch medlar‘. sieht man sich die frucht an, versteht man auch, warum sie im deutschen sprachraum u.a. als hundsärsch bezeichnet wird. deftiger geht es bei shakespeare zu:

[…]
Now will he sit under a Medlar tree,
And wish his Mistresse were that kind of Fruite,
As Maides call Medlers when they laugh alone,
O Romeo that she were, O that she were
An open [arse], or thou a Poprin Peare,
[…]

william shakespeare, ‚romeo and juliet‘ (II, 1, 34-38), zitiert nach dem first folia, 1623.

wilde elisabethaner. in vielen editionen ist diese stelle „gesäubert“ … seltsame früchtchen für marmeladen.

für das weinbauklima geeignet sind die → keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, lat.: castanea sativa) und prunus persica, der (rote) weinbergpfirsich (gibt es auch in gelb oder weiss, der rote ist der klassiker). wer einmal einen reifen p. persica (obwohl aus china …) direkt vom baum gepfückt hat, isst nie wieder das überzüchtete, süss-wässerige zeug aus dem supermarkt. & selbstverständlich die feige, ficus carica. als kübelpflanze, im winter geschütz, passt sie überall hin.

„hoch stand der sanddorn am strand von hiddensee …“: für maritime urlaubserinnerung, z.b. an die ostsee, im garten gibt es hippophae rhamnoides / sanddorn. unvergleichlich ist das silbergraue laub in kombination mit dem orange der beeren: das perfekte motiv für vergessene farbfilme (man muss ja nicht alles knipsen …). wenn man sich von den dornen nicht abschrecken, lässt gibt es nach der ernte marmelade oder gelee. strandkorb im garten überflüssig. nina hagen weisst auf ein problem für kleine gärten hin: „hoch“. dazu ausläufer bildend & um beeren zu bekommen benötigt man immer zwei: eine männliche und eine weibliche sorte. ina sperl erwähnt hier einige in der ddr gezüchte sorten, die als wichtiger vitamin-c-lieferant in plantagen angebaut wurden. die sozialistischen pflanzen werden ansonsten gerne übersehen: es gab und gibt nicht nur stauden aus bornim …

unterpflanzen kann man die gehölze gut mit nüssen: fragaria vesca, der einheimischen wald-erdbeere. die zuchtsorten (f. x ananassa) sind kreuzungen aus der amerikanischen arten f. virginiana / scharlach-erdbeere und f. chiloensis / chile-erdbeere.

für freunde der nicht remontierenden rosen und der hagebutten-marmelade gibt es wildrosen: rosa spinosissima / bibernell- oder dünenrose, r. gallica / essig-rose oder r. rubiginosa / wein-rose. abzuraten ist von der rosa rugosa / kartoffel-rose, gern als sylt-rose verniedlicht: invasiv! die pest an den stränden der nord- und ostsee …

viele „wilde“ oder verwilderte arten müssen unter kontrolle gehalten werden. wo es ihnen gefällt, können sie schon mal invasiv werden. zuchtsorten sind so manches mal praktischer mit blick auf die grösse und den ernteertrag. bei der richtigen auswahl ist immer etwas dabei: ob für die hecke & im sogenannten „biotop“, dem kleinen garten oder den kübel auf dem balkon.

pflanze wild und dornig

ein buch für den amateur, den liebhaber. die lateinischen pflanzennamen sind vorhanden und müssten auch für latein-feindliche „laien“ erträglich sein. einige rezepte. tipps für etwas, das heute leider in gärten und gartenbüchern unvermeidlichen ist, beschränkt sich auf eine doppelseite: die deko. less is more: selber essen oder lasst den vögel doch das → vogelfutter: sorbus aucuparia (mensch kann sie essen, die früchte der eberesche oder vogelbeere)! ein gutes buch für einsteiger, die das design-obst leid sind.

übrigens braucht man nicht unbedingt baumschulen für das eigene wildobst. sammelleidenschaft & etwas geduld reichen aus: einfach beim nächsten spaziergang durch den knick ein paar hagebutten, beeren oder früchte mitnehmen & einpflanzen …

ina sperl, ‚wildobst: schlehe, hagebutte und co. für meinen garten‘, 168 S., brosch., ulmer, stuttgart, 2016