kulturlandschaften, wallhecken, gärten vor 100 jahren: bilder von hermann reichling

hermann reichling: naturschutz, politik & fotografie

ein naturschützer unterwegs mit der kamera in westfalen und, auf der flugroute der zugvögel, bis nach lappland. hermann reichling (1890-1948), promovierter ornithologe und naturschutzpionier, war von 1919-1948 direktor des provinzialmuseums für naturkunde in münster. mit einer unterberechung von 1933 -1945, von den nazis wegen „politischer unzuverlässigkeit“ abgesetzt: disziplinarverfahren und als „schutzhäftling“ von juni bis september 1934 im kz esterwegen im emsland, wo bei der trockenlegung von mooren zwangsarbeiten musste und misshandelt wurde. nach seiner freilassung wurde er an den dümmer im oldenburger münsterland verbannt, „kaltgestellt“: nicht untätig, entstand bis 1945 dort eine einzigartige dokumentation der region. 1945 rehabilitiert und wieder direktor des naturkundemuseums starb er jedoch schon 1948 an den folgen der kz-haft.

in seiner amtszeit 1926-1933 als staatlicher kommissar für naturdenkmalpflege in der provinz westfalen, wurden fast 70 schutzgebiete ausgewiesen. 1932 befanden sich ca. ein fünftel aller naturschutzgebiete preussens in der provinz westfalen. reichling war gut vernetzt: er stand u.a. im kontakt mit max hugo weigold, gründer der vogelwarte helgoland, 1910, und später direktor der naturkunde-abteilung des provinzialmuseums in hannover, und mit hugo conwentz, direktor des westpreußischen provinzial-museums in danzig & autor des buches ‚die gefährdung der naturdenkmäler und vorschläge zu ihrer erhaltung‘ (berlin, 1904).

mehr als 10.000 negative, glasplatten, haben sich zwischen 1912 und 1948 im archiv angesammelt und einige filme, die reichling als pionier des naturfilms ausweisen. fotografiert hat reichling, neben den üblichen familienszenen, hauptsächlich bei erkundungen, der sich stetig durch den menschen verändernden kulturlandschaften und ihre fauna in nordwestdeutschland. ab 1926 wurde er von dem fotografen georg hellmund unterstützt, der bis 1966 für das naturkundemuseum arbeitete. die familie übergab den privaten nachlass an das lwl -museum für naturkunde (ehem. provinzialmuseums für naturkunde). das archiv wurde ab 2015 mit unterstützung der nrw-stiftung aufgearbeitet und digitalisiert.

die ausstellung ‚vogelfänger, venntüten und plaggenstecher. natur und landschaften vor 100 jahren – bilder von hermann reichling‘ und die unter dem austellungstitel erschienene begleitpublikation des lwl (landschaftverband westfalen-lippe) von bernd tenbergen, kurator am museum, präsentieren die bilder jetzt zum ersten mal der öffentlichkeit. zur ausstellung ist ein weiterer band in der reihe ‚aus westfälischen bildsammlungen‘ erschienen: ’naturfotograf und naturschutzpionier – die fotosammlung dr. hermann reichling.‘: ausführlichere texte über den museumsdirektor & ornithologen von tenbergen, eine beitrag von stephan sagurna, lwl-medienzentrums für westfalen, über ‚reichling und die fotografie‘ sowie mehr informationen und bilder zu einzelnen kulturlandschaften. nach der ersten station in münster wird die ausstellung ab 2017 durch westfalen wandern.

im april 1926 fand in westfälischen provinzialmuseum für naturkunde an der himmelreichallee (die heutige westfälische schule für musik) die erste naturschutz-ausstellung statt:

Die gewaltigen Veränderungen, von denen die nordwestdeutschen Lande durch die Einflüsse der modernen Kultur betroffen worden sind, haben auch die Provinz Westfalen im Laufe der letzten Jahre stark in Mitleidenschaft gezogen. In richtiger Erkenntnis der schweren Gefahren, die auch weiterhin der Natur und der Eigenart des Westfalenlandes drohen, haben sich neuerdings die Heimat- und Naturschutzorganisationen mit regsten Eifer für die Erhaltung seiner schwer gefährdeten Natur eingesetzt. Um Verständnis für diese Bestrebungen auch in die breitesten Volksschichten hinein zu tragen […]

hermann reichling, ‚1. naturkundeausstellung des westfälischen provinzial-museums für naturkunde zu münster vom 15. märz bis zum 6. april 1926‘ in ‚mitteilungen über naturdenkmalpflege in westfalen‘, 1. heft, 1929 zitiert nach bernd tenbergen, ‚vogelfänger, venntüten und plaggenstecher‘, münster, 2016.

5145 fotos aus dem archiv sind online „verfügbar“. leider beinhaltet die digital strategy des lwl-medienzentrums für westfalen noch keinen open access und creative commons, andere öffentliche institutionen sind da weiter …

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v.l.n.r.: grenzweg im zwillbrocker venn: heide im münsterland und landwirtschaftliche nutzung im achterhoek (archivnr.14_2071, juni 1935). reste eine buche in fichten-monokultur im sauerland: lange(n)bruch (laut medienzentrum bei rixen bzw. in ’naturfotograf und naturschutzpionier‘ bei hallenberg am rothaargebirge, archivnr. 14_2809, september 1936). → juniperus communis / wacholder(schnaps, jenever, gin &c.) im gildehauser venn, grafschaft bentheim (archivnr. 14_1437, juli 1944).

fotografie: zeitgenossen, gärten & wallhecken

neue sachlichkeit in westfalen? der blick von reichling war noch im 19. jh verhaftet. die kameratechnik noch nichts für knipser. die fotografie war für ihn in erster linie mittel zum zweck: ein visuelles hilfsmittel zur aufklärung über die notwendigkeit des naturschutzes. es gibt bei der durchsicht des nachlasses jedoch das ein oder andere déjà-vu. ein kurzer blick auf die fotografierenden zeitgenossen: bei den personenaufnahmen, z.b. dem hauptmotiv der ausstellung – ein selbstporträt mit dem krammetsvogelfänger heinrich stille 1914 auf der heide bei kattenvenne – kann man, wenn man will, durchaus an august sander denken. neben fotos von max baur oder albert renger-patzsch müssen sich die landschaften von reichling, wenn auch zumeist konventioneller, nicht verstecken. bei dem bild einer scheune mit reklameschildern (archivnr. 13_2207, februar 1935) in sande, paderborn, und anderen aufnahmen der grassierenden „reklamepest“, erwähnt sagurna das buch ‚god’s own junkyard‘ (1964) von peter blake. bei walker evans taucht dieses motiv bereits in den 1930iger auf. kannten reichling und hellmund die „neuen fotografen“ ihrer zeit?

ein sachlicher blick & ein modernes experiment (oder vertauschte filmkassette?). aus der vielzahl der selbstporträts fällt eines heraus: eine alte eiche bei davensberg, am rande der davert, gibt es zweimal. quercus auf dem acker (archivnr. 14_2640, mai 1918) & als doppelbelichtung mit selbstporträt und geäst im himmel (archivnr. 13_556, 1918).

vogelfänger, eine ganze bildserie zeigt, wie man die netze zum fang der krammetsvögel aufstellt. venntüten, der durch den verlust von feuchtgebieten stark bedrohte numenius arquata / grosse brachvogel oder aufnahmen von plaggenstechern in den westfälischen mooren sind zu finden. wildpferdefang beim herzog von croÿ im merfelder bruch, landschaften in den baumbergen und der warburger börde & aus heutiger sicht verstörendes wie völkerschauen im zoologischen garten … ein nachlass voller entdeckungen. einige gärten gibt es ebenfalls & wallhecken:

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 v.l.n.r.: natürlich johann conrad schlaun & annette von droste-hülshoff: „haus rüschhaus bei nienberge.“ (archivnr. 13_2364, undatiert), der garten noch nicht nach schlauns plänen rebarockisiert (cf.→ denkmalpflege, rekonstruktion, …). „bauerngarten mit riesenwacholder bei ibbenbüren, juni 1935“ (archivr. 13_1778), ein typischer baum der heidegebiete in westfalen neben einem kotten im tecklenburger land & der heute romantisierte „bauerngarten“ ist zu reichlings zeit bereits museal: „bauerngarten am heimatmuseum in telgte, september 1935“ (archivnr. 13_2237).

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ein klostergarten im emsland: schloss clemenswerth (von 1737 bis 1747 von schlaun für kurfürst clemens august von bayern, erzbischof von köln & fürstbischof von münster & inhaber weiterer lukrativer posten, gebaute pavillons mit jagdstern). v.l.n.lr: taxus baccata nach holländischen vorbildern mit überblick über den garten hinter der schlosskapelle / dem kapuzinerkloster (archivnr. 13_2318, undatiert). die gloriette: clemens august nutzte das gartenhaus als eremitage (archivnr. 13_2316, undatiert). kapuzinermönch mit sonnenuhr: man könnte ihn für einen ornamental hermit halten … (archivnr. 13_2306, undatiert).

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wallhecken bei gelmer, eine alte diskussion cf. → wallhecken / ‚anweisung zur verbesserung des ackerbaues …‘ v.l.n.r.: eichen- und hainbuchenknubben (archivnr. 14_2435, undatiert). frühling in der wallhecke (archivnr. 14_2457, april 1934) und ausgegrabene knubben, die „zerstörung einer wallhecke bei gelmer“ (archivnr. 14_2464, april 1934).

romantik & melancholie oder landschaftsschutz?

die welt in westfalen ist schön, aber im umbruch. westfalen des 20. jahrhunderts – neben sander denkt man, bald ist weihnachten, an eine beschreibung der westfalen im film ‚alle jahre wieder‘ (1967) von ulrich schamoni: „Guckens sich an. Das sind unsere Westfalen! Kerls und Köppe wie wir hier sagen. Klein, dick, wunderbar im Ausdruck […]“. westfalen mit nicht mehr existierenden berufen, die begradigung der ems bei westbevern, die ehemals typischen heidegebiete, die sich häufig nur noch in strassennamen und flurbezeichnungen erhalten haben, das abholzen der wallhecken, um grössere felder bewirtschaften zu können … die bildauswahl kann auf „romantisch“ reduziert, die neue zeit ausgeblendet werden, oder man bekommt in der austellung und den publikationen einen blick für die veränderungen in der „natur“ und auf die industrialisierung der landschaften vor 100 jahren. den wandel kann man beklagen, wie schon vor fast 200 Jahren:

So war die Physiognomie des Landes bis heute, und so wird es nach vierzig Jahren nimmer sein. – Bevölkerung und Luxus wachsen sichtlich, mit ihnen Bedürfnisse und Industrie. Die kleinern malerischen Haiden werden geteilt; die Cultur des langsam wachsenden Laubwaldes wird vernachlässigt, um sich im Nadelholze einen schnellern Ertrag zu sichern, und bald werden auch hier Fichtenwälder und endlose Getraidseen den Charakter der Landschaft teilweise umgestaltet haben, wie auch ihre Bewohner von den uralten Sitten und Gebräuchen mehr und mehr ablassen; fassen wir deshalb das Vorhandene noch zuletzt in seiner Eigentümlichkeit auf, ehe die schlüpferige Decke, die allmählich Europa überfließt, auch diesen stillen Erdwinkel überleimt hat.

annette von droste-hülshoff, anonym als ‘westphälische schilderungen aus einer westphälischen feder’ in ‘historisch-politische blätter für das katholische deutschland’, münchen, 16. band, 1845.

die droste schreibt noch von „getraidseen“, die heutige monokultur, mais als biomasse, kannte sie noch nicht: die pättkestour, mit oder ohne kamera bzw. smartphone, durch das münsterland führt heute zumeist aussichts-los durch ein maislabyrinth. nicht zu vergessen die neubaugebiete & parkplätze für supermärkte am dorf- bzw. stadtrand, auf der „grünen wiese“. kann man was tun? die ems hat jedenfalls an einigen stellen wieder auen … eine kulturlandschaft ist immer im wandel.

bernd tenbergen, ‚vogelfänger, venntüten und plaggenstecher. natur und landschaft vor 100 jahren – bilder und filme von dr. hermann reichling (1890 – 1948)‘, begleitbuch zur gleichnamigen ausstellung, hrsg. v.  jan ole kriegs lwl-museum für naturkunde, münster, 2016, isbn 978-3-940726-44-5.

johannes hofmeister, stephan sagurna, ulrike gilhaus und bernd tenbergen, ’naturfotograf und naturschutzpionier – die fotosammlung dr. hermann reichling (1890-1948)‘, aus westfälischen bildsammlungen bd. 9, 255 s., geb., tecklenborg verlag, steinfurt, 2016, isbn 978-3-944327-37-2.

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obere reihe, grosses bild: appeltiewe (appel = apfel + tiewe = bissige hündin) unter den bogengängen des prinzipalmarkt, aus dem privaten archiv von hermann reichling; r.o.: venntüte, die vogeleiersammlúng von reichling & gerahmte fotos aus der ausstellung von 1926; r.u.: kamera mit blick auf das modell einer wallhecke. untere reihe, l.o.: hüttjagt, reichling und ein ausgestofter uhu bei der jagd auf krähen. l.u.: eriophorum / wollgras im film & winter wonderland im diorama (eine erfindung von daguerre) mit capreolus capreolus / rehen; grosses bild: kulturlandschaft to go oder wochenmarkt auf dem domplatz (von reichling 1913/14 fotografiert): malus domestica ‚dülmener herbstrosenapfel‘ & pyrus communis ‚winterköttelbirne‘ (heute kauft man bei der ag obstwiesenschutz des nabu münster auf dem markt, appeltiewen gibt es leider nicht mehr) & ein für die jahreszeit typischer münsterländer mit mettendken statt pfeife …

herbstspaziergang: rieselfelder, münster

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obere reihe, l. hagebutten: wildrose am rand eines ehemaligen beckens zur verrieselung der abwässer der stadt münster; r.: botanisch ungeklärt … [botanisch bestimmt: crataegus monogyna / eingriffeliger weissdorn … hätte besser aufpassen sollen & nicht knipsen → botanik auf dem friedhof] mittlere reihe, l.: gefrostete streuobstwiese des nabu münster; r.: sämling in einer hecke: malus mit harter schale & innerer süsse. untere reihe, l. wilde martinsgänse im vogelschutzgebiet europareservat rieselfelder münster: anser fabalis / saatgänse u.a. & r.: kopfweide …

querbeet im november

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obere reihe, grosses bild: eurybia divaricata / wald-aster; r.o.: rhus typhina / essigbaum oder hirschkolbensumach, ein ausgegrabener sämling (r. typhina ‘dissecta’, ‚laciniata‘ oder ‚tiger eyes‘ / geschlitzblättriger essigbaum?); r.u.: calamagostris x acutiflora ‚karl foerster‘ vor NICHT dahlia ‚bishop of llandaff‘. untere reihe, l.o.: dipsacus fullonum / wilde karde; l.u.: teehybride rosa ‘gloria dei’ unter ulex europaeus / europäischem stechginster; grosses bild: calendula officinalis / ringelblume …

pflanzen im knick & „das Wilde in dem Künstlichen“ / ‚oeconomisch-practische anweisung‘ von nicolaus oest

Von der Besetzung der Erdwälle mit lebendigen Pflanzen.

[…]

§. 43.

Was die Wahl der Pflanzen anbetrift, so nimmt man überhaupt lieber die jungen, als die alten. Diejenige, welche eines guten Fingers Dicke haben, oder im Durchschnitt etwa einen Zoll halten, sind die besten. Je mehr Wurzeln daran sind, desto besser ist es, und je mehr Erde sie aus ihrem vorigen Lager mitbringen, desto gewisser werden sie bekleiben.

§. 44.

Welche Art von Heckenpflanzen man den Vorzug geben solle, wird vornehmlich von der Absicht desjenigen abhangen, der sie brauchen will. Manchem ist es nur um eine wehr= und dauerhafte, einem anderen zugleich um eine zierliche, noch anderen um eine Holz= und Fruchtbringende Hecke zu thun. Ersterer wir allen Arten von Dornen den Vorzug geben; der andere wir vornehmlich auf die Hagebuche verfallen und die letzteren gerne Ellern und Haselstauden haben wollen. Selten aber findet man, ausser in und um den Garten solche Hecken, die nur aus einer Pflanzenart bestünden. Man pflanzet vielmehr eines unter das andere, zuweilen wie es fällt, doch auch manchmahl mit einer gewissen Anordnung und Ueberlegung.

§. 45.

Von den hier gewöhnlichen Staudenarten, die man zu lebendigen Zäunen zu nehmen pflegt, habe folgendes angemerkt: […]

§. 46.

Der Weißdorn giebt eine dick durchgewachsene Hecke, und kann die scharfen Nordwinde gut aushalten, obgleich die zarte Frühlingssprossen von den kalten Winden und Nachtfrösten leichtlich Schaden nehmen, wodurch aber die Zweige desto stärker seitwärts treiben und den Busch dichter machen. Einige wollen sagen, daß wir hier zu Lande den rechten Weißdorn nicht oder sehr selten finden. Ich habe indessen angemerkt, daß wenn obige Art einen guten Boden und Schutz gegen die scharfen Winde hat, selbige eine weissere Rinde, grössere Blätter, längere Stachel und stärkeren Wachsthum habe, wie sonst.

[…]

§. 49.

Der Schleedorn macht an den Orten, wo er gerne wächset, ein Gewirre, dadurch so leicht nichts durchbrechen kann und steht im Sturm unbewegt. Er nimmt mit einem schlechten Boden vorlieb, wenn er nur leimicht ist. Weil er keine saserichte Wurzeln hat, so muß man von seinen langen Wurzeln zum wenigsten einen oder zwei Fuß mitnehmen, wenn man ihn verpflanzen will, und bei dem Setzen den Leim fest an die Wurzel treten. Sonst wird er schwerlich wachsen. Wo er aber anschlägt, da breitet er sich sehr aus. Daher ist es nöthig ihn durch einen Graben, oder durch fleißiges Aushacken in seinen Schranken zu halten. Er gibt sonst das allerbeste Buschwerk zu todten Zäunen.

§. 50.

Die Hagebuche empfiehlet sich theils durch ihre Schönheit, theils durch die gute Schutzwehr, die sie leistet, theils durch den nützlichen Gebrauch des Holzes. Denn es ist das feine Gesträuch nicht nur zu Besemen und Erbsenruthen, wie auch zum Brennen dienlich; sondern es dienet auch, wenn man es stärker werden lässet, wegen seiner Härte und Festigkeit den Tischlern und Drechslern zu verschiedenem Gebrauch, und den Müllern zu Zähnen oder Zacken in den Kammrädern.

[…]

§. 52.

Die Mastbuche thut ungeachtet ihrer höheren Bestimmung in den Hecken sehr gute Dienste, wenn man sie nur nicht zu hoch wachsen lässet und daher fleißig abkappet. Insbesondere hat eine Buchenhecke, die da beschnitten wird, dieses Vorzügliche, daß sie auch nicht einmahl im Winter durchsichtig ist, weil sie die welke Blätter behält, bis sie im Frühling wieder zu grünen anfängt, und die gelben Blätter gegen grüne vertauschet.

§. 53.

Die Hagebutte will keinen Beifall finden, weil sie sich selbst gelassen, im Untern die Hecke nicht verdicken, noch mit den übrigen Pflanzen in gesellige Ordnung treten will. Der Fliederbaum übet so gar über dieselbe Tyrannei aus. Vieleicht würden lauter Flieder sich am besten so wie lauter Habebutten zusammen schicken. Von letztern, (und zwar von der grossen Sorte,) habe ein Probe in dem Garten des Herrn Probsten Lüders gesehen, die mir sehr wohl gefiel. Die Gartenhagebutte kann nicht nur aus dem Kern, sondern auch aus Schnitzlingen, die man nur 6 bis 8 Zoll tief in die Erde steckt, vermehrt werden.

§. 54.

Die Haselstaude macht in den Hecken dieses Landes einen beträchtlichen Theil aus. Sie hält sich auch sehr gut, wenn sie auf Wällen steht, die von Osten nach Westen laufen. Haben diese aber ihre Richtung Süd und Nord, und die Westseite unbedeckt, so werden sie an dieser Seite kümmerlich stehen. Sind sie gleich an sich ncht sehr haltbar, welches größtentheils daher rühret, daß so wohl die schönsten Schöslinge, als auch die Früchte dem muthwilligsten Raube ausgesetzet sind; so verdienen sie doch wegen des Nutzens, den sie dem Besitzer leisten, eine vorzügliche Aufmerksamkeit und fleißige Wartung, welche vornehmlich darin bestehet, daß man den Graben oft vertirfe, und den Wall verstärke, als wodurch der Zaun am besten kann wehrhaft gemacht werden.

[…]

§. 57.

Von andern Pflanzen, die man hin und wieder in den Hecken findet, als Vogelbeer, Stechpalmen, Spillbaum, Ligustrum, Wesselbeer &c. wird nicht nöthig seyn besonders zu melden, weil man sie nicht leicht in solcher Menge beisammen findet, daß ganze Hecken daraus gemacht werden könnten. Ein fleißiger und curioser Landwirth macht vieles möglich, was man sonst nicht gesehen, und endecket manchen Vortheil, den voher niemand gewußt hat. […]

[…]

§. 59.

[…] Der Anfang ist, wie in allen Dingen, sehr unvollkommen gewesen. Von den ältesten Paatwerken findet man kaum eines, das nach der Schnur angelegt wäre. Sie sind vielmehr voller Buchten und Krümmen. […] Nachhero ist man bemühet gewesen, dem Werk nach und nach eine grössere Vollkommenheit zu geben. Nunmehr ist wohl nicht leichtlich ein Land zu finden, welches ein so Gartenmäßiges Ansehen hat, als Angeln. Wäre das Werk im Anfang nach einem allgemeinen Plan vorgenommen worden, welches leicht hätte geschehen können, wenn man durch einen General=Ackerumsatz die Ländereien bis getheilt und zugleich Wege und Zäune schnurrichtig gemacht hätte, so würde man einen Garten von 7 bis 8 Meilen im Umfang gesehen haben. Doch vielleicht wird ein Gartenliebhaber nach dem neusten Geschmack die krumme Wege und Hecken noch höher schätzen, weil das Wilde in dem Künstlichen durchschimmert, und dem Reisenden immer neue Gegenstände dargestellet werden.

nicolaus oest, ‘oeconomisch-practische anweisung zur einfriedigung der ländereien […]’, flensburg, 1767.

gartenbücher (wildobst: pflanze „wild“ und dornig)

ein gang durch einen supermarkt: glatte, gewachste oberflächen; keine variation in der grösse; süss, viel zu süss, bloss keine säure … wenn food designer obstsorten züchten. flug- und seemeilen im container inklusive. zu jeder jahreszeit verfügbar.

ein spaziergang durch eine kulturlandschaft mit wallhecken oder knicks: blüten im frühjahr, schatten im sommer & früchte im herbst. nicht unbedingt wild aber häufig dornig …

wild ?!

in der anglo-amerikanischen diskussion über gärten erlebt william robinson’s ‚the wild garden‘ gerade eine renaissance (deutsche übersetzung? fehlanzeige …). in deutschsprachigen raum bleibt der diskurs über „natur“ & „wild“, karl foerster nannte es wildnisgartenkunst, meist in purem romantizismus stecken oder man landet bei einem fragwürdigen vokabular wie dem von willy lange, dessen naturgartenidealismus und die propagierung von „einheimischen pflanzen“ sehr kompatibel mit nationalsozialistischen vorstellungen war … und überhaupt: was ist wild? viele heute als „einheimisch“ klassifizierte gewächse sind verwilderte pflanzen, die u.a. von den römern über die alpen gebracht wurden. es steckt viel gartenkultur in der „wilden“ „natur“.

ina sperl, die regelmässig in der frankfurter allgemeinen & im kölner stadt-anzeiger über gartenkultur, gärtner, pflanzen & den eigenen garten schreibt, gibt mit ‚wildobst: schlehe, hagebutte und co. für meinen garten‘ einen einblick in den artenreichtum des wilden obstes. ‚wildobst‘ bleibt nicht, wie viele bücher aus der rubrik „ratgeber“, im seichten das-ist-aber-lecker-do-it-yourself stecken. ein nachschlagewerk mit ihren „40 besten wildobstarten“, tipps für die gartenarbeit und einigen botanischen entdeckungen für den leser. naschkram für hecken, grosse und kleine gärten und den kübel.

früchte, beeren, nüsse etc.

von den klassikern wie vaccinium / heidelbeeren – die europäische v. myrtillus / heidel- oder blaubeere, die amerikanische huckleberry v. corymbosum (aus der unsere kultursorten gezüchtet sind) und der cranberry v. macrocarpon sowie der preiselbeere v. vitis-idae – über hipster-food: lycium barbarum / goji-beere (gemeinen bocksdorn würde keiner essen … uncool) bis unbekannten exoten.

bei den nüssen natürlich die haselnuss: die gemeine corylus avellana und die c. maxima / lambertshasel. der wallnussbaum, juglans regia, ist wo er wächst unverzichtbar, braucht jedoch platz & wärme und der gärtner viel geduld bis zur ersten ernte. die hasel hingegen lässt sich, wenn sie zu gross wird, gut auf stock setzen & man hat eine nuttery wie in sissinghurst, nüsse und das perfekte material, um stauden, rosen oder gemüse zu stützen.

weissdorne sind im frühjahr mit ihren blüten ein muss in der hecke. crataegus kommt am häufisten als c. monogyna / eingriffeliger weissdorn und c. laevigata / zweigriffeliger weissdorn vor. alle arten kreuzen sich gern und können selbst einen botaniker schon mal auf glatteis führen. neben blüten und dornen in der hecke ergeben die früchte, mit anderen früchten gemischt, marmelade. der prunus spinosa / schwarzdorn oder schlehe sollte ebenfalls in einer hecke und im likör nicht fehlen. die schönsten dornen hat die poncirus trifoliata, die dreiblättrige oder bitterorange. eine frostharte zitruspflanze, deren früchte sich verarbeiten lassen & deren dornen selbst traktorreifen durchstechen … das gelb der früchte ist im herbstgarten unverzichtbar.

als kleiner solitär in garten oder als überhälter in einer hecke, ist mespilus germanica, die „deutsche“ oder echte mispel, unschlagbar. ein paradebeispiel für die schwierigkeiten mit begriffen wie „wild“ und „einheimisch“: das „germanica“ stammt von carl von linné, und es handelt sich um ein missverständniss bei der botanischen bzw. geografischen zuordnung. das ursprüngliche vebreitungsgebiet erstreckt sich vom heutigen iran bis nach italien. im antiken griechenland wird die mespile und μέσπιλον (mespilon), die frucht, von theophrastos von eresos und dioskurides, im imperium romanum von plinus dem älteren in seiner ’naturalis historia‘, erwähnt. als mespilarios findet man sie in der ‚capitulare de villis vel curtis imperii‘ (ca. 812 n. Chr.), der landgüterverordnung karls des grossen, was sie jedoch nicht zu einer einheimischen sorte, geschweige denn zu „germanica“ macht, wohl aber entscheidend zu ihrer verbreitung in diesem gebiet beigetragen haben mag. seit 3000 jahren eine kulturpflanze mit sorten, wie der um 1800 entstandenen ‚dutch medlar‘. sieht man sich die frucht an, versteht man auch, warum sie im deutschen sprachraum u.a. als hundsärsch bezeichnet wird. deftiger geht es bei shakespeare zu:

[…]
Now will he sit under a Medlar tree,
And wish his Mistresse were that kind of Fruite,
As Maides call Medlers when they laugh alone,
O Romeo that she were, O that she were
An open [arse], or thou a Poprin Peare,
[…]

william shakespeare, ‚romeo and juliet‘ (II, 1, 34-38), zitiert nach dem first folia, 1623.

wilde elisabethaner. in vielen editionen ist diese stelle „gesäubert“ … seltsame früchtchen für marmeladen.

für das weinbauklima geeignet sind die → keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, lat.: castanea sativa) und prunus persica, der (rote) weinbergpfirsich (gibt es auch in gelb oder weiss, der rote ist der klassiker). wer einmal einen reifen p. persica (obwohl aus china …) direkt vom baum gepfückt hat, isst nie wieder das überzüchtete, süss-wässerige zeug aus dem supermarkt. & selbstverständlich die feige, ficus carica. als kübelpflanze, im winter geschütz, passt sie überall hin.

„hoch stand der sanddorn am strand von hiddensee …“: für maritime urlaubserinnerung, z.b. an die ostsee, im garten gibt es hippophae rhamnoides / sanddorn. unvergleichlich ist das silbergraue laub in kombination mit dem orange der beeren: das perfekte motiv für vergessene farbfilme (man muss ja nicht alles knipsen …). wenn man sich von den dornen nicht abschrecken, lässt gibt es nach der ernte marmelade oder gelee. strandkorb im garten überflüssig. nina hagen weisst auf ein problem für kleine gärten hin: „hoch“. dazu ausläufer bildend & um beeren zu bekommen benötigt man immer zwei: eine männliche und eine weibliche sorte. ina sperl erwähnt hier einige in der ddr gezüchte sorten, die als wichtiger vitamin-c-lieferant in plantagen angebaut wurden. die sozialistischen pflanzen werden ansonsten gerne übersehen: es gab und gibt nicht nur stauden aus bornim …

unterpflanzen kann man die gehölze gut mit nüssen: fragaria vesca, der einheimischen wald-erdbeere. die zuchtsorten (f. x ananassa) sind kreuzungen aus der amerikanischen arten f. virginiana / scharlach-erdbeere und f. chiloensis / chile-erdbeere.

für freunde der nicht remontierenden rosen und der hagebutten-marmelade gibt es wildrosen: rosa spinosissima / bibernell- oder dünenrose, r. gallica / essig-rose oder r. rubiginosa / wein-rose. abzuraten ist von der rosa rugosa / kartoffel-rose, gern als sylt-rose verniedlicht: invasiv! die pest an den stränden der nord- und ostsee …

viele „wilde“ oder verwilderte arten müssen unter kontrolle gehalten werden. wo es ihnen gefällt, können sie schon mal invasiv werden. zuchtsorten sind so manches mal praktischer mit blick auf die grösse und den ernteertrag. bei der richtigen auswahl ist immer etwas dabei: ob für die hecke & im sogenannten „biotop“, dem kleinen garten oder den kübel auf dem balkon.

pflanze wild und dornig

ein buch für den amateur, den liebhaber. die lateinischen pflanzennamen sind vorhanden und müssten auch für latein-feindliche „laien“ erträglich sein. einige rezepte. tipps für etwas, das heute leider in gärten und gartenbüchern unvermeidlichen ist, beschränkt sich auf eine doppelseite: die deko. less is more: selber essen oder lasst den vögel doch das → vogelfutter: sorbus aucuparia (mensch kann sie essen, die früchte der eberesche oder vogelbeere)! ein gutes buch für einsteiger, die das design-obst leid sind.

übrigens braucht man nicht unbedingt baumschulen für das eigene wildobst. sammelleidenschaft & etwas geduld reichen aus: einfach beim nächsten spaziergang durch den knick ein paar hagebutten, beeren oder früchte mitnehmen & einpflanzen …

ina sperl, ‚wildobst: schlehe, hagebutte und co. für meinen garten‘, 168 S., brosch., ulmer, stuttgart, 2016

saisonende im pomarium anglicum

die letzten äpfel der saison im obstmuseum pomarium anglicum von karin und meinolf hammerschmidt in winderatt: alte obstsorten auf einer ehemaligen koppel in der angeliter knick-landschaft → „eingefriedigte parzellen, nicht größer als ein stück gartenland“.

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oberste reihe, grosses bild: obst im barock, laubengang mit malus domestica ‚gelbe schleswiger renette‘; r.o.: der → gråsten æble als spalierobst; r.u.: untermieter im sortengarten; mittlere reihe, l.o. romantik im themengarten „kloster- und bauerngärten“: cichorium intybus / gemeine wegwarte vor quitten-gelb (cydonia oblonga ‘riesenquitte von leskovac’ ); r.u.: mespilus germanica / echte mispel; grosses bild: malus domestica ‚dülmener herbstrosenapfel‘ (wahrscheinlich ein sämling des ‚gravensteiner‘ aus dem münsterland → „… süsswein-säuerlich, von sehr angenehmem edlen geschmack.“) & ’schone van boskoop‘. untere reihe, grosses bild: blick aus der hainbuchen-laube in „alma de l’aigles garten“ mit apfelsorten aus dem ehemaligen garten von alma de l’aigle in hamburg-eppendorf, platz für eine (kleine) → gartengesellschaft; r.o: ein fund aus dem knick: der ‚winderatter‘ & r.u.: herbst im knick …

efterår i gråsten slotshave

barocke äpfel & ein english landscape garden mit modernen beeten … der kontrast kommt sowohl dem 18 jh. als auch dem 20. jh. zu gute. sommerfrische für die dronning: zwischen ende juli und anfang august ein privater garten & in der restlichen zeit ein öffentlich zugänglicher park. herbst im schlossgarten von gravenstein:

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obere reihe, l.o: gråsten slot (johann gottfried rosenberg, 1758-59), rokoko, dänisch …; l.u. hagebutten statt äpfel: rambler im gråsten-æbletræ, malus domestica ‚gravensteiner‘; grosser bild: friedrich von ahlefeldt der jüngeren, statthalter der herzogtümer schleswig und holstein, brachte ende des 17. jh. aus einem kloster bei genève den ersten baum mit in den damals barocken garten von gråsten slot – der gråsten æble. zweite reihe, grosses bild: auf barock folgte der english landscape garden und im 20 jh. kongelig blomsterpragt, stauden- und rosenbeete, angelegt von/für dronning ingrid (ab 1935), gattin von frederik IX. und die mutter der jetzigen königin von dänemark; r.o.: moderne wege in englischer landschaft & r.u.: die frage ob leinenzwang auch für königliche dackel in der sommerfrische gilt … dritte reihe, der senkgarten, l.o.: ausblick in die ”landschaft”; l.u.: blick über den senkgarten auf die gråsten-æbletræer mit englischer rose, rosa ‚harlow carr‘ (austen, 2004); grosses bild: agapanthus und eine gartenbank à la lutyens. untere reihe, grosses bild: teerosen-hybride rosa ‚dronning ingrid‘ (poulsen, 2001) im rosenbeet mit anderen rosigen mitgliedern der kongelige familie; r.o.: beete mit der floribundarose rosa ‚h.c. andersen‘ (poulander, 1986) vor dem lille hus (1845 schrieb andersen ‚den lille pige med svovlstikkerne‘ bei einem besuch in gråsten) & r.u. spaziergänge machen hungrig: hotdog (ohne rød pølse …) bei annies kiosk in sønderhav mit blick auf die okseøerne in der flensburger förde …

was fehlt? aschenbecher & eine rosa x alba ‚königin von dänemark‘

25 jahre gartengesellschaft: herbstpfad & einzug der gräser und stauden ins öffentliche grün

gartengesellschaft

die gesellschaft zur förderung der gartenkultur e.v. wurde vor 25 jahre in hamburg gegründet: aus einer initiative zur rettung des gartens der pädagogin, sozialreformerin und rosenexpertin alma de l’aigle entstand eine gesellschaft mit zweigen in rhein-main, berlin / brandenburg, schleswig-holstein, nordrhein-westfalen, mitte / fulda werra leine, schwaben, oberbayern und mecklenburg. gefeiert wurde in berlin.

festakt im rathaus charlottenburg am freitag, 21. oktober 2016: ein grusswort von maria böhmer, mdb etc. und ehemalige präsidentin des unesco welterbekomitees: gärten sind kultur! und nicht naturerbe. die frage „gartenkultur – vom aussterben bedroht?“: ein plädoyer für die gartenkultur von gabriele schabbel-mader, präsidentin der gartengesellschaft. ein visuelles feuerwerk aus gärten von ute und albrecht ziburski mit gartenbildern u.a. aus ihrem garten moorriem & händel. und die verleihung des alma de l’aigle-preises 2016 an gesa klaffke-lobsien und kaspar klaffke, die die idee des offenen gartens von england importierten und erstmals 1991 in hannover verbreiteten.

mitgliederversammlung am samstag im botanischen museum in lichterfelde / botanischer garten und botanisches museum berlin-dahlem. nach einem vortrag über den vor 150 jahren verstorbenen peter joseph lenné von christa hasselhorst und vor den regularien eines e.v. erstmal in den garten …

herbstpfad

die gewächshäuser backstage (beheizt), ein besuch der ehemaligen königlichen gärtnerlehranstalt (heute die königliche gartenakademie) oder die füsse vertreten? eine spaziergang in gartengesellschaft (und berliner frischluft) auf dem herbstpfad des botanischen gartens:

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obere reihe, grosses bild: gartengesellschaft & indian summer: acer saccharum / zucker-ahorn im r.o.: arboretum mit frühlings-zaubernuss hamamelis vernalis & r.u.: hamamelis virginiana / virginische zaubernuss. untere reihe, l.o: carlina macrocephala / großköpfige eberwurz am wegesrand & l.u.: jahreszeitliches chaos im beet …; grosses bild: der frühe gärtner isst die castanea sativa.

kein ahornsirup (+ pancakes) & keine → keschde … vor dem festlichen abendessen erst die regularien. sonst gäbe es keine gesellschaft!

grossstadtgrün oder (garten)menschen am sonntag

gärten der welt & planungen für die iga berlin 2017 in marzahn? ein besuch bei hermann muthesius (→ „kehrt man heute zu den grundsätzen des alten gartenbaus zurück, … “) & ein privater garten mit generationsübergreifendem wohnprojekt in nikolassee? zwei inseln in der havel & zweimal lenné: die pfaueninsel und die freundschaftsinsel (karl foerster) in potsdam + ein besuch zum 200. jübiläum im park glienicke (ein treffen mit dem → betenden knaben & der → ildefonso-gruppe)? oder der einzug der gräser und stauden ins öffentliche grün?

unterwegs mit christian meyer im berliner westen (und ein abstecher in den osten): charlottenburg an der grenze zu wilmersdorf, kurfürstendamm ecke olivaer platz: eine grosse verkehrsinsel, beete die meyer – mit unterstützung der dggl, der gds, studenten & freiwilligen – 1997 angelegt hat und bis heute pflegt (zu thema begehrlichkeiten, die gepflegte grünflächen hervorrufen cf. → „grünes engagement oder kunst“ von torsten matschiess, aktueller stand: gräser & stauden statt gedenk-kitsch); beete im park am gleisdreieck (westpark, atelier loidl, 2013): stauden, gräser und editierte spontanvegetation auf einer ehemaligen brache, den gleisen der potsdamer bahnhofs, in schöneberg; blumen statt ehrenmal im treptower park: 1876–1888 nach plänen von gustav meyer angelegt mit einem sommerblumengarten (1958) von georg pniower, vom schweizer büro hager restauriert & jetzt durchblühend (beratung christian meyer) & der karl-foerster-garten auf dem ehemaligen gelände der buga berlin 1985 in britz (neukölln): meyer betreut die ursprünglich von günther schulze angelegten beete im heutigen britzer garten seit 2000.

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obere reihe am ku’damm, grosses bild: verspätungen erwünscht …; r.o: bergenia cordifolia ‚dickerchen‘ / herzblättrige bergenie & r.u.: zweimal kultur. 2. reihe im park am gleisdreieck, l.o.: perovskia / silberstrauch vor restbrache unter der linie 1; l.u.: rosa spinosissima & grosses bild: spaziergang entlang der beete. 3. reihe im treptower park, grosses bild: herbst (salvia h… ? – knipsen & zuhören ist so ne sache … – vor aster erico… symphyotrichum ericoides / myrten-aster); r.o: gartengesellschaft in der sonne mit blick auf die zeit … & r.u.: sonnen mit blick auf die restaurierte pergola und die spree (es müssen nicht immer gärten an der havel sein …). untere reihe im britzer garten, l.o.: polygonum amplexicaule ‚firetail‘ syn. bistorta amplexicaulis / kerzen-knöterich; l.u.: solidago vor astern & grosses bild: ein blick in den senkgarten.

beete im oktober: wenn eine bepflanzung zu dieser jahreszeit funktioniert, ist etwas richtig gemacht worden.

querbeet im oktober

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obere reihe, l.o.: ausgraben, sortieren, umsetzen: echinops / kugeldistel, tanacetum balsamita / frauenminze oder → die pflanze zum sonntag & ein paar versamte umplatzieren: geranium pyrenaicum / pyrenäen-storchschnabel, silene coronaria / kronen-lichtnelke … & l.u.: aufräumen, platz und kompost machen: dahlia (NICHT ‚bishop of llandaff ‚), astern, etc.; grosses bild: dauert noch etwas mit mehr kohl im beet → crambe maritima / meer- oder strandkohl: vom strand in den garten. untere reihe, grosses bild: das beste herbstlaub des jahres oder huckleberry summer, vaccinium corymbosum ’stanley‘ / amerikanische heidelbeere; r.o.: keine → keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, lat.: castanea sativa) & kein → vogelfutter: sorbus aucuparia … warten auf 2017.

gartenbücher (the secret life of the georgian garden)

der gestalterische ursprung unserer parks ist der english landscape garden des 18. jh, der garten der georgians. grosse rasenflächen (heute viel zu selten wiesen), etwas architektur (ein monopteros oder tempelchen hier, eine orangerie dort, grotten mit oder ohne ornamental hermit …alles follies ohne nutzung?), solitäre bäume oder baumgrupen und unterholz. vor der haustür die kontinentalen, von england beeinflussten, anlagen: der englische garten in münchen von friedrich ludwig sckell, der grosse tiergarten in berlin von peter joseph lenné (nicht zu vergessen klein-glienicke und die anlagen in sanssouci …), muskau und branitz von hermann von pückler-muskau, der wörlitzer park, etc. der einzige echte georgian garden auf den festland befindet sich in hannover: → der georgengarten, benannt nach george IV., king in englisch-hannoverscher personalunion, von franz christian schaumburg.

kate felus beschreibt in ihrem buch ‚the secret life of the georgian garden: beautiful objects and agreeable retreats‘ das leben im georgian garden, dem englischen landscape garden. die gärten von william kent, lancelot „capability“ brown, humphry repton und ihrer zeitgenossen. 123 jahre von der thronbesteigung des kurfürsten von braunschweig-lüneburg aka hannover als george I. auf den englischen thron 1714, über george II., III. & IV. bis zum tod von william IV. und der thronbesteigung von queen victoria, dem ende der personalunion 1837.

das leben in den country houses ist erforscht (mark girouard, ‚life in the english country house‘, 1978, etc.), die geschichte und gestaltung der parks in denen sie stehen ebenfalls. doch was passierte im garten? felus hat sich auf die bewohner und besucher der grossen häuser konzentriert und auf die art und weise, wie sie den garten nutzten. der garten war fluchtort vor der enge des hauses. die familie, die gäste und das personal sollten nicht alles mitbekommen oder mann/frau wollten von einzelnen gästen oder dem personal gerade mehr mitbekommen … der park als ansammlung von gartenzimmern. wie heute unsere unter denkmalschutz stehenden und/oder öffentlichen english landscape gardens für die flucht aus dem alltag genutzt werden, so war es schon im 18 jh.: „ich geh mal mit dem hund spazieren“ (= ich will meine ruhe haben!), treffen mit freunden (heute incl. grillen bis auf die grasnarbe und zumüllen der rasenfläche und der angrenzenden beete) bis zu grossen events mit music und fireworks (händel passt immer: für georgians und für parkbesucher im 21 jh.), sowie, gerade in öffentlichen parks, das verschwinden von unangeleinten hunden und spaziergängern im unterholz, nicht nur weil toiletten fehlen …

gehen wir heute durch einen englischen (oder kontinentalen) landschaftsgarten sehen wir rasen- und wasserflächen, gehölze und versprengte architektur. ihrem text hat felus ein zitat von thomas whately vorangestellt. der britische politiker, gartengestalter und -theoretiker schrieb bereits 1770:

Buildings probably were first introduced into gardens merely for convenience, to afford refuge from a sudden shower, and shelter against the wind or, at the most, to be seats for a party, or for retirement: they have since been converted into objects; and now the original use is too often forgotten in the greater purposes to which they are applied; they are considered as objects only: the inside is totally neglected; and a pompous edifice frequently wants a room barely comfortable. Sometimes the pride of making a lavish display to a visitor, without any regard to the owner’s enyoyments; and sometimes too scrupulous an attention to the style of the structure, occasions a poverty and dulness within, which deprives the building of part of their utility. But in a garden they ought to be considered both as objects, and as agreable retreats; […]

thomas whately, ‚observations on modern gardening‘, london, 1770

reine ästhetisierung, angeberei im 18 jh. bis zur heutigen sinnentleerten restaurierung. eine diskussion die schon alt, oder in bezug auf die georgians, zeitgenössisch ist. eine diskussion die heute, gerade wenn es um denkmalschutz und gärten geht, durchaus wieder nötig wäre: wozu sind ein garten, ein park, und die „agreeable retreats“ da. wie lassen sich die ästhetik der gestaltung und die heutige reduktion der grünflächen zur sport und/oder event-location verbinden. die ‚observations‘ von whately, das nur nebenbei, beeinflussten christian cay lorenz hirschfeld und setzten den ton in der deutschsprachigen rezeption des english landscape garden: man lese die ‚theorie der gartenkunst‘ (1779–1785).

felus nimmt den leser mit auf einen gang durch den georgian garden, aufgeteilt nach den tageszeiten: morning, afternoon, evening und night-time. spaziergänge und ausfahrten durch den garten mit pic-nic, machmal in zelten. die suche nach dem stillen örtchen, den „necessary houses“ (waren shrubberies – gebüsche, unterholz – ursprünglich sichtschutz für prievies ?, wie das moss house, ein einsitziges toiletten tempelchen, aus ‚decorations for parks and gardens von charles middleton). wasserflächen waren nicht nur reine deko: schlachten mit booten, baden & angeln. die heuernte: es gab nicht nur englischen rasen und einige, upstairs, haben selbst mit angepackt. „si hortum in bibliotheca habes, deerit nihil“: mit einem buch in den garten setzen oder gleich ein gebäude als rückzugsort und bibliothek, im sommer für den leser angenehm, im winter, bei nicht beheizbaren gebäuden, für die bücher etwas feucht. das cabinet of curiosity des 17. jh. hielt einzug in den garten: naturwissenschaftliche sammlungen in gebäuden & menagerien mit exotischen tieren. der garten als wunderkammer und display von kuriositäten aus dem empire. rousseau lässt grüssen: kindererziehung im garten. feste und fireworks. sowie das was heutige besucher der historischen gärten schätzen: horticulture & gardening und, im 18.jh. mit den dazugehörigen chinoiserien, a cup of tea …

viel aristocracy (gute quellenlage) und gärten der middle class. downstairs, das personal (schlechte quellenlage), taucht ebenfalls auf. briefe, reiseberichte, die buchhaltung der country houses und gut ausgewählte abbildungen & etwas jane austen. das buch, das auf der ph.d. thesis der autorin basiert, gibt zum erstenmal einen einblick in das soziale leben im english landscape garden. bitte mehr solcher gartenbücher jenseits der formalen ästhetik und „hübscher blümchen“.

ach ja … das mit den bienchen und den blümchen … die „agreeable retreats“ … zum beispiel der temple of venus in stowe, buckinghamshire, den william kent 1731 für richard temple, 1st viscount cobham, baute: VENERI HORTENSI. vom landschaftsgarten gelangt man duch eine tür in den innenraum, der nicht von aussen einsehbar ist. hinter dem gebäude befindet sich ein privater (lust)garten … stancombe park (um 1810) in gloucestershire: auf dem weg zum agreeable retreat, einem dorischen tempel, ein enger sunken path und ein schlüsselochförmiger tunnel … etwas zu eng für die adipöse gattin des besitzers … auf höchster, royaler, ebene spielt ein kupferstich mit der ansicht der heutigen royal botanic gardens in kew – ‚a view of lord bute’s erection at kew, with some part of kew green and gardens‘ (‚the political register‘, 01. mai 1767) – auf eine vermeintliche affäre an: augusta von sachsen-gotha-altenburg, princess of wales & mutter von george III., und john stuart, 3rd earl of bute & prime minister von 1762–1763, …spaziergänge im garten & wer jetzt an die pagode (1762) von william chambers denkt …

kate felus, ‚the secret life of the georgian garden: beautiful objects and agreeable retreats‘, vorwort von roy strong, 240 s., geb., i.b.tauris, london 2016.