„Wir sind nicht imstande, jedem einzelnen menschen einen garten oder auch nur einen baum zuzuweisen.“ / ‚die moderne siedlung‘ von adolf loos

Nun ist es wohl natürlich, daß man dem schrebergärtner die möglichkeit gibt, in nächster nähe seines gartens zu wohnen, das heißt, dort sein wohnhaus zu bauen. Ich komme dadurch zu einer merkwürdigen forderung. Nicht jeder arbeiter hat das recht, haus und garten zu besitzen, sondern nur der, der den drang dazu hat, einen garten zu bebauen. Sie werden vielleicht einwenden, daß kein grund dazu da sei, so streng zu sein und zu verbieten, daß ein arbeiter auch einen kleinen luxusgarten besitze, in dem rasenflächen sind und rosen stehen. Ich würde mich gegen den modernen geist versündigen, wenn ich nicht so streng wäre. Rousseau, der modernste mensch des achtzehnten jahrhunderts, beschreibt in seinem erziehungsroman „Emile“, wie die jugend von damals – also vor hundertfünfzig jahren – erzogen werden sollte. Der knabe Emile bekommt einen lehrer, der ihn auf die modernste art und weise erzieht. Uns mutet eine solche erziehungsweise lächerlich an, weil es nach modernen begriffen unmöglich ist, jedem knaben einen hofmeister zu geben. Kinder müssen in einer schule unterrichtet werden, und wer seine kinder außerhalb der schule unterrichten läßt durch eine einzelperson oder vielleicht gar zwei, drei oder vier personen zu gleicher zeit, versündigt sich gegen den modernen geist. Der moderne geist ist ein sozialer geist, und ein antisozialer geist ist ein unmoderner geist. Ganz genau so kann die freude an der natur nicht vom einzelnen durch den besitz eines gartens befriedigt werden. Wir sind nicht imstande, jedem einzelnen menschen einen garten oder auch nur einen baum zuzuweisen. Genau so, wie die kinder in die schule zu gehen haben, hat sich der mensch an der freien natur zu erfreuen. Er hat in einen gemeinschaftlichen park, in eine gemeinschaftliche baumschule zu gehen. Daher ist der besitz eines einzelgartens antisozial. Das sind ansichten, die eine zuhörerschaft von heute nicht ganz begreifen wird, die aber in fünfzig oder sechzig jahren so allgemein sein werden, daß man gar nicht mehr darüber sprechen wird. Wer revolutionen vermeiden will, wie ich, wer evolutionist ist, soll ständig daran denken: der besitz eines gartens beim einzelnen muß aufreizend wirken, und wer da nicht schritt hält, ist für jede kommende revolution oder jeden krieg verantwortlich.

Nun sagte ich, daß nur diejenigen menschen einen garten besitzen sollen, die ihn bebauen wollen, also die schrebergärtner. Der schrebergärtner ist glücklich, er hat etwas, was seine entsetzlich aufreibende tagesarbeit kompensiert. Er wird geistig und seelisch wieder zum menschen gemacht. Nicht alle menschen können einen schrebergarten besitzen oder bebauen. Es gibt viele berufe, die den menschen von der gartenstadt ausschließen. Ein feinmechaniker darf einen spaten nicht in die hand nehmen, er schädigt dadurch seine hand; ein violinspieler darf einen spaten nicht in die hand nehmen, er schädigt dadurch seine hand. Viele geistige berufe machen zum schrebergärtner ungeeignet. Ich habe daher als chefarchitekt des siedlungsamtes der stadt Wien die forderung aufgestellt, daß nur derjenige ein haus besitzen darf, der jahre hindurch gezeigt hat, daß er imstande ist, einen garten zu bebauen. Denn dazu bereit sind alle, aber nur wenige bleiben bei der stange. Wer sich aber freiwillig über den achtstundentag hinaus verpflichtet, nahrung zu schaffen, dem soll die möglichkeit geboten werden, sich ein haus zu errichten. Er soll es nicht aus öffentlichen mitteln erhalten, weil es keine schmarotzer geben darf in der menschlichen gesellschaft. Ich bin der meinung, daß der gärtner wohl, wenn man die finanzfrage bereinigen helfen will, baugrund und boden mit hilfe öffentlichen geldes zu bekommen hat, aber das haus selbst erwerben muß. Dadurch werde ich freilich in kollision mit der sozialdemokratischen partei kommen, die keine hausherren züchten will, was mir aber vollkommen gleichgültig ist, denn ich bin kein parteimensch.

Überdies bin ich der meinung: Wenn es also zweierlei menschen der arbeitenden klasse gibt, solche, die einen teil ihres wochengeldes auf den markt zu tragen haben, um gemüse einzukaufen, und solche, die mit hilfe einer arbeit, die lust und freude ist, sich dieses geld ersparen, dann liegt ein ausgleich darin, daß die menschen der zweiten gruppe sich ihr haus selbst bauen und bezahlen und sich verpflichten, ihre ersparnisse auf die ausgestaltung des gartens zu verwenden.

adolf loos, ‚die moderne siedlung‘ in „für bauplatz und werkstatt“, mitteilungen der württembergischen beratungsstelle für das baugewerbe, herausgegeben vom württembergischen landesgewerbeamt, staatliche beratungsstelle für das baugewerbe, stuttgart, januar 1927 & in der sturm“, 17. jahrgang, berlin, februar 1927, II. heft.

gartenkunst: osterspaziergang im lwl-museum für kunst und kultur, münster

gartenkunst_lwl_800

l. o.: malus & ficus carica im garten eden: johann brabender, ‚adam und eva vom paradies des st. paulus-doms in münster‘, um 1545/50; r. o.: lilium candidum: ludger tom ring d. j., ‚vase mit lilien und iris, 1562; l. m.: sambucus nigra: carl gustav carus, ‚blühende holunderhecke im mondschein‘, um 1823; untere reihe v.l.n.r.: pavo am wannsee (gutspark neukladow): max slevogt, ‚blumengarten in neu-cladow‘, 1912; populus nigra ‚italica‘: ludger gerdes, model ’schiff für münster‘, skulptur projekte 1987 & warten auf 2017: jeremy deller, ’speak to the earth and it will tell you‘, skulptur projekte 2007.