„Eine reiche, immer wachsende Cultur!“ / ‚wanderungen durch die mark brandenburg‘ von theodor fontane

Eine reiche, immer wachsende Cultur! Wann sie ihren Anfang nahm, ist bei der Mangelhaftigkeit der Aufzeichnungen nicht mehr festzustellen. Es scheint aber fast, daß Werder als ein Fischerort ins 17. Jahrhundert ein- und als ein Obst- und Gartenort aus ihm heraustrat. Das würde dann darauf hindeuten, daß sich die Umwandlung unter dem Großen Kurfürsten vollzogen habe, und dafür sprechen auch die mannigfachsten Anzeigen. Die Zeit nach dem 30jährigen Kriege war wieder eine Zeit großartiger Einwanderung in die entvölkerte Mark und mit den gartenkundigen Franzosen, mit den Bouchés und Matthieus, die bis auf diesen Tag in ganzen Quartieren der Hauptstadt blühen, kamen ziemlich gleichzeitig die agriculturkundigen Holländer ins Land. Unter dem, was sie pflegten, war auch der Obstbau. Sie waren von den Tagen Henriette Marie’s, von der Gründung Oranienburgs und dem Auftreten der Cleve’schen Familie Hertefeld an, die eigentlichen landwirthschaftlichen Lehrmeister für die Mark, speziell für das Havelland, und wir möchten vermuthen, daß der eine oder andere von ihnen, angelockt durch den ächt-holländischen Charakter dieser Havel-Insel, seinen Aufenthalt hier genommen und die große Umwandlung vorbereitet habe. […] Bemerkenswerth ist es mir immer erschienen, daß die Werderaner in „Schuten“ fahren, ein niederländisches Wort, das in den wendischen Fischerdörfern, so viel ich weiß, nie angetroffen wird.

Gleichviel indeß was die Umwandlung brachte, sie kam; die Flußausbeute verlor mehr und mehr ihre Bedeutung; die Gärtnerzunft begann die Fischerzunft aus dem Felde zu schlagen, und das sich namentlich unter König Friedrich Wilhelm I., auch nach der Seite der „guten Küche“ hin, schnell entwickelnde Potsdam, begann seinen Einfluß auf die Umwandlung Werders zu üben. Der König, selber ein Feinschmecker, mochte unter den ersten sein, die anfingen eine Werdersche Kirsche von den üblichen Landesprodukten gleiches Namens zu unterscheiden. Außer den Kirschen aber war es zumeist das Strauchobst, das die Aufmerksamkeit des Kenners auf Werder hinlenkte. Statt der bekannten Bauern-Himbeere, wie man ihr noch jetzt begegnet, (die Schattenseite hart, die Sonnenseite madig) gedieh hier eine Species, die in Farbe, Größe und strotzender Fülle prunkend, aus Gegenden hierhergetragen schien, wo Sonne und Wasser eine südliche Brutkraft üben.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte sich die Umwandlung völlig vollzogen: Werder war eine Garten-Insel geworden; seinem Charakter nach war es dasselbe wie heut, aber freilich nicht seiner Bedeutung nach. Sein Ruhm, sein Glück begannen erst mit jenem Tage, wo der erste Werderaner (ihm würden Bildsäulen zu errichten sein) mit seinem Kahne an Potsdam vorüber- und Berlin entgegenschwamm. Damit brach die Großzeit an. In Wirklichkeit ließ sie noch ein halbes Jahrhundert auf sich warten; in der Idee war sie geboren. Mit dem rapide wachsenden Berlin wuchs auch Werder und verdreifachte in 50 Jahren seine Einwohnerzahl, genau wie die Hauptstadt. Der Dampf kam hinzu, um den Triumph zu vervollständigen. […]

Mit dem ersten Juni beginnt die Saison. Sie beginnt von Raritäten abgesehen, mit Erdbeeren. Dann folgen die süßen Kirschen aller Grade und Farben; Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren schließen sich an. Ende Juli ist die Saison auf ihrer Höhe. Der Verkehr läßt nach, aber nur, um Mitte August einen neuen Aufschwung zu nehmen. Die sauren Kirschen eröffnen den Zug; Aprikosen und Pfirsich folgen; zur Pflaumenzeit wird noch einmal die schwindelnde Höhe der letzten Juli-Wochen erreicht. Mit der Traube schließt die Saison. Man kann von einer Sommer- und Herbst-Campagne sprechen. Der Höhenpunkt jener fällt in die Mitte Juli, der Höhenpunkt dieser in die Mitte September. Die Knupperkirsche einerseits, die blaue Pflaume andererseits, – sie sind es, die über die Saison entscheiden.

theodor fontane, ‚wanderungen durch die mark brandenburg‘, bd. 3: ‚ost-havelland. die landschaft um spandau, potsdam, brandenburg‘, berlin, 1873.

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virtuelles lapidarium: der betende knabe

von griechenland nach preussen

gefunden wird die statue, entstanden am ende des 4. jh. v. chr, ohne arme im späten 15. jh. auf rhodos bei bauarbeiten zur verstärkung der stadtmauer. sie gelangt nach venedig, hier wird dem knaben um 1558 der linke vorderfuss neu angesetzt, dann nach verona und schließlich in die sammlung der familie gonzaga nach mantua. nach einem kurzen aufenthalt in london im besitz von charles I., kommt sie nach frankreich in die sammlung von nicolas foucquet, dem finanzminister von ludwig XIV., hier werden die arme ergänzt, neue augen eingesetzt und risse repariert. der knabe findet seinen platz in foucquets schloss vaux-le-vicomte.

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„example touchant les proportions et les contours“: ganymed in gesellschaft des herkules farnese (m.) & des apollo von belvedere (2. von r.). aus henri testelin, ’sentimens des plus habiles peintres du tems, sur la pratique de la peinture et sculpture: recueillis & mis en tables de preceptes, avec six discours academiques, extraits des conferences tenuës en l’academie royale desdits arts […]‘, paris, 1680.

weiter geht es nach wien in die sammlung von prinz eugen von savoyen, in den gelben salon seines winterpalais‘, und in die sammlung von josef wenzel von lichtenstein.

1747 kaufte friedrich II. von preussen die statue aus der sammlung lichtenstein und liess sie im gitterpavillon an der ostseite von sansscousi aufstellen. er konnte sie so von seiner bibliothek aus sehen … Weiterlesen

morus alba: leibniz, preussen, berlin-steglitz & westfälische wallhecken

Ich habe auch noch auff ein augmentum fundi bedacht, so mit der zeit hierzu dienen köndte. Nachdem ich nehmlichen endtlich Leute gefunden, die die Seide in diesem Nordischen Teutschland in copia zu zielen zu wege bracht, welche auch in allen arbeiten der Italianischen nicht weichet, in gewien fällen auch vorgehet. Diese Leute die wollen die pflanzung der weißen Maulbeerbäume [morus alba] ferner anlegen, wo ich es zu wege bringen wurde. Es kan land dazu genommen werden so man sonst wenig brauchet. Und der Ertrag solcher cultur zu der Bibliothec und studien in diesem Land gewidmet werden, und der anfang der kosten von gestämpelten papier kommen.

gottfried wilhelm leibniz, ‚leibniz für ein gespräch mit herzog anton ulrich [von braunschweig-wolfenbüttel] ‚, wolfenbüttel, februar 1704. zitiert nach ’sämtliche schriften und briefe‘, erste reihe, 23. band, berlin, 2013.

leibniz philosophierte nicht nur über blätter im garten → philosophische gespräche im garten … / ‘neue abhandlungen über den menschlichen verstand’ sondern regte seine gesprächspartnerin, sophie von der pfalz, zur anlage eine plantage zur produktion von maulbeerblättern an → die herrenhäuser gärten: der berggarten.

alte einzelbäume, reste von maulbeeralleen (wie z.b. die 1720 von karl III. philipp, kurfürst von der pfalz, zwischen heidelberg und dem dem schwetzinger schloss → schlossgarten schwetzingen: … angelegte)… bei gartenbesuchen und der recherche über historische gärten stösst man immer wieder auf morus nigra, die schwarze, und alba, die weisse maulbeere. die früchte der nigra sind perfekt z.b. für konfitüre. die blätter der alba als raupenfutter.

chinoiserie & forstwirtschaft

angeregt durch die lekture von marco polo und berichten von ersten missionaren, kam es anfang des achtzehnten jahrhunderts zu einer china mode. zwei luxus produkte, neben den obligastorischen pagoden in gärten, waren unentbehrlich: porzellan & seide. das import-problem mit dem porzellan wurde von johann friedrich böttger und ehrenfried walther von tschirnhaus im meissen gelöst (cf. → eine kindheitserinnerung, botanische chinoiserie …). die fütterung des bombyx mori / seiden- oder maulbeerspinners stellte ein botanisches bzw. gärtnerishes problem da. die raupen spinnen sich in kokons aus seide ein, die dann durch abhaspeln, aufwickeln, des pfadens gewonnen wird. bis zur verpuppung fressen sie nur blätter. blätter der moros alba / weissen maulbeere. Weiterlesen

bornimer feldflur, am raubfang 6: karl foersters garten im herbst

der erste garten von karl foerster war in kreuzberg. sein vater, wilhelm foerster, war direktor der neuen berliner sternwarte (nach ihm wurde die wilhelm-foerster-sternwarte auf dem insulaner in berlin-schöneberg benannt). an der sternwarte am enckeplatz in berlin-kreuzberg hatten die kinder eigene kleine gärten. karl foerster absolvierte eine gärtnerlehre in der schlossgärtnerei in schwerin und eine ausbildung in der königlichen gärtnerlehranstalt am wildpark zu potsdam. 1903 gründete er eine staudengärtnerei in berlin-westend.

potsdam-bornim. am raubfang 6. in der von peter joseph lenné und hermann sello ab 1842 landschaftlich als ornamented farm / ferme ornée gestalten bornimer feldflur liegt der garten von karl foerster, heute verwaltet von der marianne foerster-stiftung in der deutschen stiftung denkmalschutz. foerster erwarb 1910 ackerland im südlich von sanssouci gelegenen bornim. 1911 entstand das von hermann muthesius beeinflusste wohnhaus im landhausstil und der garten. ein schaugarten und anzuchts- und versuchsflächen, der „enttäuschungsfilter“, für seine staudenzüchtungen & die gärtnerei (später veb bornimer staudenkulturen, 1993 von wolfgang härtel und gerd berthe zusammen mit marianne foerster als foerster-stauden gmbh neugegründet).

neben william robinson und gertrude jekyll war foerster stilistisch von willy lange beeinflusst. lange, garteninspektor in dahlem, war einer der wichtigsten vertreter des aufkommenden „naturnahen gartens“ mit u.a. heimischen wildpflanzen, eine ideologie die ihn weltanschaulich braun werden liess. in den 1930iger wurde der garten von hermann mattern umgestaltet. später durch hermann göritz, einem schüler von foerster, und schliesslich 2001 anlässlich der bundesgartenschau in potsdam von martin heisig, der eine gärtnerlehre bei foerster gemacht hat, restauriert. der steingarten wurde 2008 von norbert kühn, tu berlin – fachgebiet vegetationstechnik und pflanzenverwendung, neukonzipiert. das herbstbeet erhielt 2010 eine neue bepflanzung von christian meyer.

der garten wurde in den 1920iger und 30igern ein treffpunkt: zum „bornimer kreis“ gehörten u.a. hermann mattern & dessen damalige frau herta hammerbacher (1934 gründung der „arbeitsgemeinschaft gartengestaltung“ von foerster, mattern & hammerbacher), richard hansen (der gründer des sichtungsgartens weihenstephan) und die architekten hans poelzig, hans scharoun und otto bartning sowie dessen nichte esther bartning, deren bilder auf vielen der kataloge-titel von foersters gärtnerei zu finden sind.

die einflüsse, netzwerke & freundschaften waren international, mit den nazis und der mauer wurden die kontakte schwieriger. foerster war mit bonne ruys befreundet und hatte kontakt mit dessen tocher mien → thee zetten und mien ruys (& karl foerster) lesen: …). ohne die stauden und gräser aus bornim wären die gärten der ‚dutch wave‘, des ’new perennial movement‘, oder was immer man für ein schlagwort nimmt, nicht denkbar. Weiterlesen

pflanzplan(ung): oranjebruin, braunrot & noch eine ’ne dronning

prokrastination bei der aussaat oder keine lust die fensterbank vollzustellen. nach kontrollgängen im beet die ersten anzeichen von frühlingshaftem pflanzenkaufrausch… normalerweise sind pflanzenmärkte (nächster termin 18./19. april 2015: pflanzenmarkt am kiekeberg) die hauptquellen. mit einer liste von stand zu stand laufen ist mühselig und langweilig. auf dem markt werden die augen für zufallsfunde offengehalten. da in der nähe keine gärtnereien (jedenfalls keine händler die diese bezeichnung verdienen würden…) existieren und der einkauf im umland ohne auto kompliziert ist (was nicht heisst das ein wurzelnackter apfelbaum, halbstamm, nicht mit bus und u-bahn zu transportieren ist…) mit der liste vor dem rechner:

oranjebruin: helenium ‚moerheim beauty

eine züchtung von bonne ruys aus den jahre 1930. benannt nach seiner gärtnerei:

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blick auf die gebäude der koninklijke kwekerij moerheim v/h b. ruys b.v, dedemsvaart, postkarte (1930iger).

seine tochter mien beschreibt die beauty wie folgt:

Helenium (L.) – Sonnenbraut – Compositae. Nordamerika. Bekannte, sonnenblumenartige, buschige Stauden. Blätter lanzettförmig. Blüten gelb oder rotbraun. 50 – 200 cm. Juli – September.

Helenium blüht während einer langen Periode, besonders, wenn die abgeblühten Blumen stets entfernt werden. Standplatz sonnig, kommt auf trockenem Boden; eine der besten Garten- und Schnittblumen.

[…]

autumnale Moerheim Beauty. Entstanden aus einem Sport von Julisonne. Blüten rot. Die Blüten erheben sich über die Blätter. 80 – 120 cm. Juni – September.

Etwas kräftiger und straffer im Wuchs als [automnale grandicephalum Julisonne], muß aber auch etwas gestützt und aufgebunden werden. Hat den Vorteil, schon im ersten Jahr nach dem Pflanzen große Stöcke zu formen. Wächst auf sozusagen jedem Boden in sonniger Lage. Paßt besonders gut zu Salvia superba, Achilea filipendulina [goldgarbe] und Solidago Leraft [goldrute]. Von den Phloxsorten paßt nur Marie s’Jacob und Wanadis dazu.

mien, jan daniel und theo ruys, ‘die stauden’, mit einem geleitwort von bonne ruys und einem vorwort von karl foerster, erlenbach-zürich, 1951. deutschsprachigen ausgabe von ‘het vaste planten boek’, amsterdam, 1950.

mal sehen: dort wo sie hin sollen steht ein phlox paniculata ‘kirchenfürst’ (karl foerster, 1936) in der nachbarschaft…

braunrot: hemerocallis fulva

ein versuch mit taglilien: die rotbraunen bahnwärter-taglilie. karl foerster hat die hemerocallis, ständig zitiert, als „die Pflanze des intelligenten Faulen“ bezeichnet. seine tochter sah das etwas anders:

Bereits zu Zeiten meiner Eltern gab es die morgendliche Aufgabe: die „Hems“ putzen, das heißt alle verwelkten Blüten entfernen und diese Arbeit ist bei machen Sorten eine Geduldsprobe.

marianne foerster, ‚der garten meines vaters karl foerster‘, hrsg. von ulrich timm, münchen, 2005.

geputzt wird im „eigenen garten“ garantiert nicht, die betonung liegt hier auf faul…

noch ’ne dronning: miscanthus sinensis ‚dronning ingrid‘

ein chinaschilf mit rotbraunen blüten und rötlichem laub. in kombination mit der → rosa alba ‘königin von dänemark’ / eine rose zum 350. geburtstag von altona, … den züchter konnte ich bisher nicht heraus bekommen, bzw. den grund dieses miscanthus nach ingrid av sverige, verh. dronning ingrid af danmark, zu benennen. die anpflanzung der rosa alba im ”eigenen garten” ist ein lokalpolitischer, anti-preussisch und -hanseatischer, verweiss auf hendes majestæt dronning margrethe II (wenn auch nicht nach ihr benannt). pølser-romantik. ein versuch die mutter als begleitpflanze für die tochter zu nutzen. danke an annette lepple, die mich auf diese variante des chinaschilfs gebracht hat.

erstmal online suchen…

virtuelles lapidarium / die ildefonso-gruppe oder jünglinge im garten…

Für die höchste und schwierigste Aufgabe der Sculptur, für die Bildung freistehender Gruppen, hat das Alterthum uns wenigstens eine Anzahl von mehr oder weniger erhaltenen Beispielen hinterlassen, in welchen die ewigen Gesetze dieser Gattung abgeschlossen vor uns liegen, obwohl es nur arme, einzelne Beste von einem Gruppenreichthum sind, von welchem sich die jetzige Welt keinen Begriff macht. Unter jenen Gesetzen sind einige, die auf den ersten Blick einleuchten: der schöne Contrast der vereinigten Gestalten in Stellung, Körperaxe. Handlung u.s.w.; die wohlthuenden Schneidungen und Deckungen; die Deutlichkeit der Action für die Ansicht von mehrern oder allen Seiten etc. etc. Schwer aber (und nur dem Bildhauer selbst möglich) ist das Nachfühlen und Nachweisen des Gesetzmässigen in allem Einzelnen. […]
Zum Einfachschönsten gehören einige Werke, welche zwei Gestalten in ganz ruhiger geistiger Gemeinschaft darstellen. Das Ausgezeichnetste in dieser Art, die sog. Gruppe von San Ildefonso, (die Genien des Schlafes und des Todes, nach der üblichsten Erklärung, traulich aneinander gelehnt) befindet sich jetzt in Madrid; […]

jacob burckhardt, ‚der cicerone – eine anleitung zum genuss der kunstwerke italiens‘, basel, 1855.

domenico_de_rossi_ildefonso

ildefonso-gruppe, kupferstich aus: ‚raccolta di statue antiche e moderne data in luce sotto i gloriosi auspicj della santita di n.s. papa clemente XI. da domenico de rossi illustrata colle sposizioni a ciascheduna immagine di paolo alessandro maffai‘, rom, 1704.

die heute als ‚ildefonso-gruppe‘ bekannte skupltur (römisch nach griechischen vorbildern, schule des pasiteles, um 10 v. chr., weisser carrara-marmor, 161 x 106 x 56 cm) wurde um 1620 bei ausgrabungen auf dem monte pincio in rom gefunden. auf dem gelände befand sich der familiensitz der ludovisis, die villa boncompagni ludovisi (mit einem zeitweise andré le nôtre zugeschriebenem garten). in der antike war das areal teil der horti sallustiani (1. jh. v. Chr.). durch das im 19 jh. bebaute gelände verläuft die via veneto: la dolce vita…

im inventar der antikensammlung (der grössten in der ersten hälfte des 17. jh.) von kardinal ludovico ludovisi ist die skulptur erstmals schriftlich dokumentiert.

Seconda stanza à mano manco. Due statue di due giovanotti antichi grandi del naturale ignudi fanno un sacrificio un idoletto di una femmina apresso vestita con un canestrino in capo figure di Castore e Polluce gemelli (Gruppe von Ildefonso) sopra piedistalli di breccia, corniciato con un bassorilievo d’una battaglia in fronte con un fregio di marmo nero intorno.

‚arch. boncompagni. arm. IX. prot. 325. nr.1‘ in: theodor schreiber, ‚die antiken bildwerke der villa ludovisi in rom‘, leipzig, 1880.

später gelangt sie in den besitz des kardinals camillo massimo. 1678 erwarb die abgedankte, im römischen exil lebende, christina von schweden die beiden jünglinge für ihre sammlung. 1724 kaufte die frau von felipe V . von spanien, elisabetta farnese, die skulptur aus sammlung odescalchi und sie wurde im palacio real la granja de san ildefons, dem sommersitz der spanischen könige in der region segovia, aufgestellt. 1828 zogen die jungs, den namen haben sie vom palast behalten, in das museo del prado nach madrid um. in san ildefonso, im sala de la verdad, befindet sich heute eine gipskopie von giuseppe pagniucci auf dem alten sockel.

die ildefonso-gruppe in gärten und anderswo

die kopie am namesgebenden ort ist nicht die einzige: im park von sansouci in potsdam steht eine francesco menghi zugeschriebene version, westlich des von karl friedrich schinkel, zusammen mit seinem schüler ludwig persius, entworfenen schlosses charlottenhof. seit 1885 an ihrem heutigen standort im park (von hermann sello und peter joseph lenné), auf einer von wegen durchzogenen rasenfläche, aber schon vom kronprinzen und späteren könig friedrich wilhelm IV. bei seiner grundkonzeption (→ friedrich wilhelm IV. bestandskatalog, spsg, inventarnummer GK II (12) II-1-Cg-25) für charlottenhof an anderer stelle eingeplant.

eine weitere preussische variante befindet sich im schloss glienicke in berlin-wannsee – eines der besten resultate der germanischen italiensehnsucht. das gebäude, von schinkel und persius für den prinzen carl von preussen gebaut, steht in einem park von lenné. für den gartenhof entwarf schinkel einen brunnen mit einer ildefonso-gruppe (→ ‚entwurf für die brunnenanlage mit der ildefonso-gruppe‘, um 1827. kupferstichkabinett, smb, inv.-no.: SM 51.10.) aus der kunst- und glockengiesserei lauchhammer, 1828 (aus der gleichen giesserei stammen die gartenmöbel von schinkel!)

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‚grundriss des schlösschen glinicke mit umgebung‘, detail: der gartenhof mit brunnen, aus karl friedrich schinkel, ’sammlung architektonischer entwürfe: enthaltend theils werke welche ausgeführt sind theils gegenstände deren ausführung beabsichtigt wurde‘, berlin 1819 bis 1840.

vorbild für den ildefonso-brunnen in berlin war die brunnenanlage mit lauchhammer ifdefonso-gruppe in weimar.

neben den klassizistischen sollte man die barocke version in den versailler gärten von andré le nôtre nicht vergessen: seit 1712 befindet sich hier eine mamorkopie von charles antoine coysevox, ca. 1706, demi-lune du parterre de latone côté sud.

für den haus- bzw. innenraumgebrauch: die porzellan version, handliche 35 cm höhe, von christian gottfried jüchtzer für die meissener manufaktur, 1789 (porzellansammlung im dresdener zwinger, sowie exemplare im british museum und im kunstgewerbemuseum, berlin).

neben kopien und abgüssen existieren einige formale zitate: die ‚prinzessinnengruppe‘, 1797, von johann gottfried schadow. ein doppelstandbild der prinzessinnen friederike und luise von mecklenburg-strelitz (die preussische königin luise, mutter von friedrich wilhelm IV. und prinz carl von preussen). in weimar das goethe-schiller-denkmal, 1857, von ernst rietschel.

who’s who oder wer steht da im beet?

schon im 17. jh. hielt man die beiden jünglinge für die dioskuren castor und pollux. die heute verbreitete interpretation. johann joachim winckelmann sah in ihnen orestes und pylades (‚monumenti antichi inediti‘, bd. 1, rom, 1767). laut gotthold ephraim lessing (‚wie die alten den tod gebildet‘, berlin, 1769) stellen sie schlaf und tod, hypnos und thanatos, da.

eine weitere deutung der beiden ist auf den zustand der skulptur zurückzuführen und ein produkt interpretativer restauration des 17. jh.: der linke jüngling war kopflos. ludovisis restaurator ippolito buzzi setzte einen kopf des antinous, ca. 130, auf den körper. antinous, günstling und vermutlicher liebhaber des römischen kaisers hadrian, ertränkte sich selbst im nil und genoss gottgleiche verehrung. ennio quirino visconti, archäologe, kustus der vatikanischen bibliothek und später konservator im louvre, deutete die restaurierte skulptur als den sich auf seinen todesdämon lehnenden antinous (‚osservazioni di ennio quirino visconti su due musaici antichi istoriati‘, parma, 1788).

vom monte pincio auf den eschberg

für ein grosse skulptur ist der „eigenen garten“ – der eher eine vom vermieter tolerierte guerilla gardening aktion auf dem „ehemaligen” eschberg ist – viel zu klein. eine skulptur incl. fundament & sockel utopisch… und nicht zeitgemäss. es gibt diese ganzen rostigen metall-deko-figuren? fürchterliches zeug das beim letzten besuch eines pflanzenmarktes mal wieder zum ausbruch des tourette-syndroms führte… rost mag ich jedoch, besonders bei cor-ten-stahl. ein griechisch-römisch-biedermeierlicher scherenschnitt aus metall?

erstmal einen winter drüber schlafen…

postskriptum

es wird versucht diesen blog einigermassen frei von verbeamteten staatsschriftschellern zu halten. hier lässt es sich leider nicht vermeiden. eine er-war-hier-plakette wird jedoch nicht angebracht! der weimeraner brunnen geht auf einen herrn g. zurück welcher in seinem haus in weimar eine ildefonso-gruppe aus bronziertem gips von martin gottlieb klauer, ca. 1812, stehen hatte (die ebenda noch steht):

[…] ist mir ein Gedanke gekommen, ob wir nicht ein Werk, wo nicht von Polyclet selbst, doch in seinem Sinne besitzen sollten, und zwar in der Gruppe, die jetzt in meiner Vorhalle steht, dem sonst sogenannten Castor und Polux. Hier wären die beyden meister- und musterhaften einzelnen Gegenbilder, der Diadumenos [diademträger] molliter juvenis [weichlicher jüngling] und der Doryphorus [speerträger], den Plinius [der ältere] viriliter puerum [männlicher junge] nennt, neben einander gestellt, und auf die glücklichste weise contrastirt und vereinigt. Diese beyden Epheben waren mir immer höchst angenehm und ich mag mir nun gern über sie dieses kritische Märchen machen.

johann wolfgang von goethe, brief an johann heinrich meyer, jena 10.11.1812.

über was sich alte männer so gedanken machen…

 

Es handelt sich darum, die Endgültigkeit der Erkenntnis zum Allgemeingut zu machen, daß der architektonisch regelmäßige und der natürliche Gartenstil, der von den Standortgenossenschaften der Pflanzen und den Vordergrundanblicken der wilden Natur ausgeht, einander in alle Zeit hinaus ebenbürtig sind. Sie sind aber nicht nur gleichberechtigt, sondern dazu bestimmt, sich gegenseitig immer mehr auf unausdenkbare Weise zu durchdringen, ohne daß hier falsche Stilvermischungen entstehen.

karl foerster, ‚garten als zauberschlüssel‘, berlin, 1934

charlottenhof: peter joseph lenné & karl friedrich schinkel

charlottenhof: peter joseph lenné & karl friedrich schinkel
lithografie von gerhard koeber, 1839

schloss charlottenhof – architekt: karl friedrich schinkel – ist umgeben von einer parkanlage von hermann sello unter mitwirkung von peter joseph lenné . mit den angrenzenden römischen bädern ist charlottenhof teil der parkanlagen von sans,souci (mais sans tourisme de masse).

charlottenhof_rosengarten  rosengarten

karl foerster garten