über gartenTourismus / ‚the innocents abroad‘ von mark twain

VERSAILLES! It is wonderfully beautiful! You gaze, and stare, and try to understand that it is real, that it is on the earth, that it is not the Garden of Eden—but your brain grows giddy, stupefied by the world of beauty around you, and you half believe you are the dupe of an exquisite dream. The scene thrills one like military music! A noble palace, stretching its ornamented front block upon block away, till it seemed that it would never end; a grand promenade before it, whereon the armies of an empire might parade; all about it rainbows of flowers, and colossal statues that were almost numberless, and yet seemed only scattered over the ample space; broad flights of stone steps leading down from the promenade to lower grounds of the park—stairways that whole regiments might stand to arms upon and have room to spare; vast fountains whose great bronze effigies discharged rivers of sparkling water into the air and mingled a hundred curving jets together in forms of matchless beauty; wide grass-carpeted avenues that branched hither and thither in every direction and wandered to seemingly interminable distances, walled all the way on either side with compact ranks of leafy trees whose branches met above and formed arches as faultless and as symmetrical as ever were carved in stone; and here and there were glimpses of sylvan lakes with miniature ships glassed in their surfaces. And every where—on the palace steps, and the great promenade, around the fountains, among the trees, and far under the arches of the endless avenues, hundreds and hundreds of people in gay costumes walked or ran or danced, and gave to the fairy picture the life and animation which was all of perfection it could have lacked.

It was worth a pilgrimage to see. Every thing is on so gigantic a scale. Nothing is small—nothing is cheap. The statues are all large; the palace is grand; the park covers a fair-sized county; the avenues are interminable. All the distances and all the dimensions about Versailles are vast. I used to think the pictures exaggerated these distances and these dimensions beyond all reason, and that they made Versailles more beautiful than it was possible for any place in the world to be. I know now that the pictures never came up to the subject in any respect, and that no painter could represent Versailles on canvas as beautiful as it is in reality. I used to abuse Louis XIV. for spending two hundred millions of dollars in creating this marvelous park, when bread was so scarce with some of his subjects; but I have forgiven him now.

mark twain ‚the innocents abroad, or, the new pilgrim’s progress; being some account of the steamship quaker city’s pleasure excursion to europe and the holy land; with descriptions of countries, nations, incidents and adventures […]‘, 1869

Advertisements

„Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, …“ / ‚grundrisse der kritik der politischen ökonomie‘ von karl marx

So schafft das Kapital erst die bürgerliche Gesellschaft und die universelle Aneignung der Natur wie des gesellschaftlichen Zusammenhangs selbst durch die Glieder der Gesellschaft. Hence the great civilising influence of capital; seine Produktion einer Gesellschaftsstufe, gegen die alle frühren nur als lokale Entwicklungen der Menschheit und als Naturidolatrie erscheinen. Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf, als Macht für sich anerkannt zu werden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen Gesetze erscheint selbst nur als List, um sie den menschlichen Bedürfnissen, sei es als Gegenstand des Konsums, sei es als Mittel der Produktion, zu unterwerfen.

karl marx, ‚grundrisse der kritik der politischen ökonomie‘, (oktober 1857 bis mai 1858), zitiert nach mew marx-engels-werke, band 42, berlin 1983

„raus aus dem garten!“

mit anke schmitz (garten auf freigang) in der ausstellung ‚thomas gainsborough. die moderne landschaft‘ in der hamburger kunsthalle:

gruenesblut.net

 

winter: „Hinter dieser Hecke, jetzt kahl …“ / ’naturgedichte, I (svendborg)‘ von bertolt brecht

Durch das Fenster, die zwölf Quadrate
Sehe ich einen knorrigen Birnbaum mit hängenden Zweigen
In einem unebenen Rasen, auf dem etwas Stroh liegt.
Er ist begrenzt durch einen Trakt aufgeworfener Erde
In die Büsche gepflanzt sind und niedere Bäume.
Hinter dieser Hecke, jetzt kahl im Winter
Läuft der Fußweg, begrenzt durch ein Gatter
Kniehoher und weißgestrichener Latten: schon einen Meter hinter ihm
Steht ein kleines Haus mit zwei Fenstern im grünen Holzrahmen
Und einem Ziegeldach, das so hoch wie die Mauer ist.
Die Mauer ist sauber weißgetüncht, auch die paar Meter Mauer
Die das Haus nach der Seite verlängern, nachträglich angebaut
Sind sauber weißgetüncht. So wie zur Linken, wo sie etwas zurücktritt
Ist eine grüne Holztür auch in dem Anbau
Und da auf der anderen Seite des Hauses der Sund anfängt
Dessen Wasserfläche nach rechts im Nebel liegt
Holzschuppen und Sträucher vor sich
Hat das kleine Haus wohl im ganzen drei Ausgänge.
Das ist gut für Bewohner, die gegen das Unrecht sind
Und von der Polizei geholt werden können.

bertolt brecht, ’naturgedichte,  I (svendborg)‘

syrische (bzw. persische) rosen mit asyl in europäischen gärten: rosa x damascena

geopolitik

der geografische ursprung, bzw. die herkunft, ist ein komplexes thema. die heutigen grenzen in der region sind, wie sich an den von den europäer mit dem lineal gezogenen grenzlinien ablesen lässt, ein künstliches gebilde. das antike persische grossreich (das altpersische, zu dem das heutige syrien gehörte, und das neupersisches reich der sassaniden). alexander der grosse. imperium romanum & byzantinisches reich. die eroberung durch die arabischen umayyaden. anfang des 16. jh. das osmanische reich & nach dessem untergang die europäer. das heutige syrien, zuletzt unter dem völkerbundmandat für syrien und libanon, mandat français en syrie, wurde 1946 unabhängig. religiöse fragen (cf. kreuzzüge) und grenzziehungen mal beiseite gelassen …

von persien ist uns unser vorstellung vom paradies geblieben: paradaidha (umgrenzter bereich), der altpersische begriff für garten wurde in den europäischen sprachen und im hebräischen übernommen/entlehnt.

das interesse des westens an den gebieten des ehemaligen persischen grossreiches ist vor allem einem exportprodukt zu verdanken: öl. erdöl. vor der industrialisierung europas war das gefragte luxusprodukt aus diesem gebiet ein anderes öl: rosenöl. im heutigen iran (veraltet persien) um kāschān in der provinz isfahan, um schiras (fars) und um kerman (in der gleichnamigen provinz) sowie in afghanistan in der provinz kabul wurde und wird die damaszener-rose angebaut, um rosenöl zu gewinnen. in afghanistan gibt es versuche, die rosenölproduktion zu forcieren, um andere alternative erwerbszweige zum traditionellen anbau von papaver somniferum / schlafmohn für die herstellung von opium zu schaffen.

in europa, im bulgarischen kasanlak, wird im tal der rosen (pозова долина) die rosa x damascena ‚trigintipetala‘, syn. ‚rose von kazanlik‘ oder ‚bulgarische ölrose‘ mit hell rosa blüten, die während des osmanischen reiches dort hin kam, für die gewinnung von rosenöl angebaut. in frankreich, um grasse, wird die rosa x centifolia / zentifolie oder provence-rose (von holländischen züchtern, zwischen dem 17. und 19. jhr) angebaut. eine kreuzung aus rosa gallica, r. moschata, r. canina und r. x damascena. Weiterlesen

preussisch blau im „eigenen garten“? : centaurea cyanus

es flatterte eine samenmischung, ‚essbare blüten‘, ins haus… calendula officinalis / ringelblume, cosmos bipinnatus / schmuckkörbchen & … nun ja… centaurea cyanus / kornblume … gegen mehr blau im „eigenen garten“ ist eigentlich nichts zu sagen … jedoch: eine preussische blume in der nähe der ‚königin von dänemark‘ (→ rosa alba ‘königin von dänemark’ / eine rose zum 350. geburtstag von altona,…)

preussischblau_500

feldeinfassung

Der Boden ist grüner geworden, offner das Feld. Unendlich steht, mit der freudigen Kornblume gemischt, der goldene Weizen da, […].

friedrich hölderlin, ‚hyperion oder der eremit in griechenland‘, tübingen, 1797/99.

an den feldrändern ist sie seit der jungsteinzeit als kulturfolger anzutreffen. bedingt durch die extensive landwirtschaft (pflanzengifte und düngung) wird die centaurea cyanus / kornblume immer seltener.

preussisch blau

Ich frage Sie, können Sie sich einen Handelsgärtner denken, der, sagen wir auf der Lichtenberger oder Rummelsburger Gemarkung, Kornblumen im Großen zieht, Kornblumen, dies Symbol königlich preußischer Gesinnung, und der zugleich Petroleur und Dynamitarde ist? Sie schütteln den Kopf und bestätigen dadurch mein »nein«. Und nun frage ich Sie weiter, was sind alle Kornblumen der Welt gegen eine Berliner Blaufabrik? Im Berliner Blau haben Sie das symbolisch Preußische so zu sagen in höchster Potenz, und je sicherer und unanfechtbarer das ist, desto unerläßlicher ist auch mein Verbleiben auf dem Boden des Conservatismus.

theodor fontane ‚frau jenny treibel oder „wo sich herz zum herzen find’t.“‘, berlin, 1893. Weiterlesen

pflanzenpolitik: rose vs thistle

eine (tudor-)rose von shakespeare oder eine onopordum acanthium / scotch thistle (dt. eselsdistel)?

I have seen roses damask’d, red and white,

william shakespeare, ’sonnets‘, london, 1609. sonnet CXXX .

’S e Foghnan na h-Alba lus ainmeil nam buadh;
Lus grinn nan dos calgach thug dearbh air bhi cruaidh;

evan maccoll, ’suaicheantas na h-alba‘

englische übersetzung von m. macfarlane:

O, the Thistle o’ Scotland was famous of auld,
Wi’ its toorie sae snod and its bristles sae bauld;

in malcolm macfarlane , ’songs of the highlands‘, inverness, 1902.

ps. natürlich gibt es noch allium ampeloprasum / leek (dt. lauch) bzw. narcissus / daffodil (in wales cenhinen pedr / peter’s leek, dt. narzisse oder osterglocke) in wales & linum usitatissimum / flax (dt. saat-lein oder flachs) in nordirland…

der brockengarten & die pulsatilla alpina subsp. alba / brockenanemone

[…] und fröhlich stieg ich den Berg hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, für die ich, in jeder Hinsicht, Respekt habe. Diesen Bäumen ist nämlich das Wachsen nicht so ganz leicht gemacht worden, und sie haben es sich in der Jugend sauer werden lassen. Der Berg ist hier mit vielen großen Granitblöcken übersäet, und die meisten Bäume mußten mit ihren Wurzeln diese Steine umranken oder sprengen, und mühsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung schöpfen können. Hier und da liegen die Steine, gleichsam ein Thor bildend, über einander, und oben darauf stehen die Bäume, die nackten Wurzeln über jene Steinpforte hinziehend, und erst am Fuße derselben den Boden erfassend, so daß sie in der freyen Luft zu wachsen scheinen. Und doch haben sie sich zu jener gewaltigen Höhe empor geschwungen, und, mit den umklammerten Steinen wie zusammengewachsen, stehen sie fester als ihre bequemen Collegen im zahmen Forstboden des flachen Landes. […] Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhörnchen und  unter denselben spatzierten die gelben Hirsche. […] Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte  Tannengrün. Eine natürliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Ueberall schwellende Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch von den schönsten Moosarten, wie mit hellgrünen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Kühle und träumerisches Quellengemurmel. Hier und  da sieht man, wie das Wasser unter den Steinen silberhell hinrieselt  und die nackten Baumwurzeln und Fasern bespült. Wenn man sich  nach diesem Treiben hinab beugt, so belauscht man gleichsam die geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und das ruhige Herzklopfen  des Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser aus den Steinen  und Wurzeln stärker hervor und bildet kleine Kaskaden. Da läßt sich gut sitzen. […]
Je höher man den Berg hinauf steigt, desto kürzer, zwerghafter werden die Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammen zu  schrumpfen, bis nur Heidelbeer- und Rothbeersträuche und Bergkräuter übrig bleiben. Da wird es auch schon fühlbar kälter. Die wunderlichen Gruppen der Granitblöcke werden hier erst recht sichtbar; diese  sind oft von erstaunlicher Größe. […], und ich war froh, als ich endlich das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht  bekam. […]

heinrich heine, ‚die harzreise‘, 1827

___

postkarte_brockengarten_500der brockengarten mit brockenhotel und observatorium. postkarte, um 1920.

___

[…]Der B. ist auch in botan. Hinsicht interessant, denn außer verschiedenen Orchisarten sind hier zu finden: Cetaria islandica Ach. (Isländisches Moos, s. d.), auch Brockenmoos genannt, die Anemone alpina L. oder Brockenblume, Empetrum nigrum L. oder Brockenmyrte, die Linnaea borealis L., Geum montanum L. oder Bergnelkenwurz u. s. w. Eine besondere Rolle spielt in dieser Beziehung das sog. Schneeloch, eine tiefe Kluft, in der man im Hochsommer die botan. Erzeugnisse aller Jahreszeiten vereint antrifft. Neuerdings hat man mit Erfolg zu Göttinger Universitätszwecken alpine Pflanzen auf dem B. Kultiviert. […]

brockhaus‘ konversationslexikon, 14. Auflage, 1894-1896 , bd. 3: bill – catulus, brocken

___

der brockengarten wurde am 8. Juni 1890 von prof. dr. albert peter, direktor des botanischen gartens in göttingen , unter mitwirkung des späteren „amerikanischen“ dendrologen alfred rehder, als schau- und versuchsgarten gegründet – der erste alpine botanische garten in deutschland. oberhalb der baumgrenze auf der brockenkuppe gelegen, ist der garten heute von mitte mai bis mitte oktober geöffnet. 1.800 pflanzenarten auf 1.141 m über n.n., im durchschnitt 2,9 °c, 171 frosttage und 1.814 l. niederschlag pro qm im jahr, an 176 tagen eine geschlossene schneedecke. ein garten unter alpinen bedingungen von 1.600–2.200 m höhe bzw. des klimas islands.

bis 1945 – mit unterbrechungen in den jahren 1914 bis 1934 und 1945 bis 1950 – wurde der brockengarten von der universität göttingen betreut. nach der deutschen teilung, ab 1950, wurde das areal von der universität in halle gepflegt. 1961 wurde der garten für die öffentlichkeit geschlossen. 1971 mussten alle gärtnerischen arbeiten eingestellt werden: der brocken wurde militärisches sperrgebiet. um den plateaubereich wurde eine 3 meter hohe mauer errichtet, und neben den abhöranlagen des sowjetischen militärgeheimdienstes und der stasi (die „stasi-moschee“, heute das brockenhaus / informationszentrum des nationalsparks harz) wurde ein neues wegenetz aus panzerplattenstrassen angelegt. ein teil des verwaisten brockengartens verschwand unter beton. nach den fall der berliner mauer stürmten am 3. dezember 1989 ca. 6.000 demonstranten bei einer sternwanderung das eingemauerte brockenplateau. eine salix helvetica / schweizer weide ist heute eine der letzten pflanzen die den kalten krieg überlebt haben.

ab 1990 wurde die brockenkuppe renaturiert und der garten vom nationalpark harz in kooperation mit den universitäten halle-wittenberg und göttingen rekonstruiert bzw. neu angelegt.

___

die erste beschreibung der vegetation des harzes stammt bereits aus dem jahr 1588: ’sylva hercynia: sive catalogus plantarum sponte nascentium in montibus & locis plerisque hercyniae sylvae quae respicit saxoniam‘ von johannes thal, arzt und botaniker in stolberg. das buch, die erste gebietsflora, enthält alle pflanzen der region und nicht, wie bis dahin üblich, nur heilpflanzen. in dem werk findet sich auch die erste beschreibung der brockenanemone.

anton_hartinger_atlas_der_alpenflora_anemone_alpina_500   die brockenanemone oder kleine alpen-kuhschelle / pulsatilla alpina subsp. alba, syn. anemone alpina l.. ill. von anton hartinger aus ‚atlas der alpenflora‘, hrsg. vom deutschen und österreichischen alpenverein, 1882.

das florale wahrzeichen des brockens und des brockengartens ist die brockenanemone – pulsatilla alpina subsp. alba, syn. anemone alpina l.. clusius erwähnt die pflanze bereits in seinem werk ‚rariorum aliquot stirpium, per pannoniam, austriam, & vicinas quasdam provincias observatarum historia ‚, 1583. carl von linné spezifiziert sie in ’species plantarum, exhibentes plantas rite cognitas, ad genera relatas, cum differentiis specificis, nominibus trivialibus, synonymis selectis, locis natalibus, secundum systema sexuale digestas‘, 1753. am ende des 19. jahrhundert war die population der pflanze noch so stark, das ab mai der brocken von weitem noch mit schnee bedeckt zu sein schien: die weissen brockenanemonen blühten.

Oben auff dem Berg ist die Pulsatilla in grosser menge / were zu wünschen / daß man zu der Zeit hinauff kommen köndte / da sie blühet / weil sie vielleicht unterschiedlicher Farben Blumen trägt / ist aber wegen vieles Schnees nicht fast müglich.

johann royer, ‚beschreibung des gantzen fürstlichen braunschweigischen gartens zu hessem / […]. auch ordentliche richtige specification aller derer simplicium und gewächse / so von anno 1607 biß in das 1647 jahr darinnen mit grosser lust und verwunderung gezeuget worden‘, halberstadt, 1648.

eine der grössten bedrohungen für die brockenanemone und die gesamte vegetation auf dem brockenplateau sind die touristen, die seit 1991 wieder mit der brockenbahn auf den berg fahren können und stündlich den brocken überschwemmen: abseits der gekennzeichneten wege wird alles platt getreten, was unter die badelatschen und high heels kommt …

___

am besten erreicht man den brockengarten zu fuss auf der klassischen route, dem goetheweg, vom torfhaus über den quitschenberg. ein muss: die übernachtung auf dem brocken beim brockenwirt. zwischen ca. 18 uhr am abend und ca. 10 uhr am morgen ist der berg am schönsten, d.h. zwischen der abfahrt der letzten und ankunft der ersten brockenbahn mit den tagestouristen … der abstieg führt über den heinrich-heine-weg nach ilsenburg (in der richtung wie heine ihn gegangen ist: bergab! die obige beschreibung ist der weg vom torfhaus auf den brocken).

„Sinnend geh ich durch den Garten unsrer deutschen Politik;…“ / ‚feldfrüchte‘ von kurt tucholsky

Feldfrüchte

Sinnend geh ich durch den Garten,
still gedeiht er hinterm Haus;
Suppenkräuter, hundert Arten,
Bauernblumen, bunter Strauß.
Petersilie und Tomaten,
eine Bohnengalerie,
ganz besonders ist geraten
der beliebte Sellerie.
Ja, und hier –? Ein kleines Wieschen?
Da wächst in der Erde leis
das bescheidene Radieschen:
außen, rot und innen weiß.

Sinnend geh ich durch den Garten
unsrer deutschen Politik;
Suppenkohl in allen Arten
im Kompost der Republik.
Bonzen, Brillen, Gehberockte,
Parlamentsroutinendreh . . .
Ja, und hier –? Die ganz verbockte
liebe gute SPD.
[…]

theobald tiger (kurt tucholsky), ‚feldfrüchte‘ in ‚die weltbühne‘, 21. september 1926, nr. 38

gartenpolitik: jardin à la française vs english landscape garden

In der höfischen Gesellschaft des französischen Absolutismus ist die Einstellung zur „Natur“ und das Bild, das man sich von der „Natur“ macht, oft der Ausdruck einer symbolischen Opposition gegen die Zwänge der Königsherrschaft und des Königshofes, die unentrinnbar geworden sind, – einer Opposition, die sich zu Lebzeiten Ludwigs XIV. Und auch später nur flüsternd und in symbolischer Verkleidung äußern konnte.

[Louis de Rouvroy, duc de] Saint-Simon macht einmal bei der Schilderung der Versailler Gärten, die er geschmacklos nennt, eine Bemerkung, die für solche Zusammenhänge recht aufschlussreich ist:

„Es war dort dem König, so schreibt er [in Les Mémoires du duc de Saint Simon], ein Vergnügen die Natur zu tyrannisieren und sie mit dem Angebot von Kunst und Geld zu bändigen… Man fühlt sich durch den Zwang der überall der Natur angetan ist, angewidert.“

… Die zitierte Bemerkung zeigt im kleinen das Große; sie beleuchtet den Zusammenhang von Herrschaftsstruktur auf der einen, Parkarchitektur und Naturempfinden auf der anderen Seite…

… Die Kronen der Bäume und die Sträucher müssen so zugeschnitten werden, daß jede Spur des unordentlichen, unkontrollierten Wachstums verschwindet. Die Wege und Beete müssen so angelegt sein, daß der der Aufbau der Gärten die gleiche Klarheit und Eleganz der Gliederung zeigt wie der Aufbau der königlichen Gebäude. Hier, in der Architektur der Bauten und Gärten, in der vollkommenen Bändigung des Materials, in der absoluten Übersehbarkeit und Ordnung des Gebändigten, in der vollkommenen Harmonie der Teile der Teile in Ganzen, in der Eleganz der bewegten Ornamentierung, die das Gegenstück zur Eleganz der Bewegungen des Königs und der höfischen Herren und Damen überhaupt bildet, in der einzigartigen Größe und Ausdehnung der Bauten und Gärten, die abgesehen von allen praktischen Zwecken auch der Selbstdarstellung der Königlichen Macht dient, findet man vielleicht eine vollkommenere Annäherung an die Ideale des König als in seiner Kontrolle und Bändigung der Menschen… [Saint-Simons] Geschmack neigt mehr der englischen Garten- und Parkgestaltung zu, die dem Eigenwachstum der Sträucher, der Bäume und Blumen erheblich freieren Spielraum läßt und die auch dem Geschmack von Oberschichten einer Gesellschaft entspricht, in der die Könige und ihre Repräsentanten auf die Dauer nicht in der Lage waren, ein autokratische oder absolutistische Herrschaft zu errichten.

 norbert elias, die höfische gesellschaft

___

zur „ symbolischen opposition“ bei der gestaltung englischer gärten während der glorius revolution und beim wechsel von den stuarts zu den hannoveranern auf dem thron cf. tim richardson, the arcadian friends. inventing the english landscape garden.

___

Komplementär zur Komplexität des Barockgartens war der Landschaftsgarten von inneren Widersprüchen geprägt, die sein Bild poröser werden lassen, als die malerischen Bilder seiner Selbstinzenierung suggerieren. Als liberaler Freiheitsraum entfaltet, in dem sich enttäuschte Whigs und traditionell oppositionelle Tories zur Country-Party zusammenschlossen, besaß er zugleich den Charakter einer insulären Abschnürung.

Seine Stärke war der großartige Schein einer entgrenzenden Geltung, wie ihn etwa der Garten von Stourhead vorführt. Das Fehlen von Grenzen wirkte als Symbol eines universelen Anspruchs, im Landschaftsgarten die Natur in idealer Form begreifen zu Können: grenzfrei und versöhnt mit sich und der Umgebung.Wenn die Landschaftsgärten das Prinzip individueller und gemeinschaftlicher Freiheit im Medium einer unbeschnittenen Natur zur Erscheinung bringen sollten, so geschah dies als eine scheinbare Aufhebung der Grenzen. … William Kent, so formulierte es der unermüdliche Verfechter des Landschaftsgartens Horace Walpole, „ übersprang den Zaun und sah, dass alle Welt ein Garten war.“

Der Zwiespalt begann jedoch bei den Besitzverhältnissen. Das Ideal der patriarchalisch-gemeinschaftlichen Nutzung, wie es etwa durch John Milton gefordert war, hatte den Preis der enclosure act, in denen Großflächen durch Enteignung entstanden. … Der Landschaftsgarten lebte im Widerspruch, einerseits als ein unbegrenztes Modell aufzutreten, andererseits aber die Distanz gegenüber dem außerhalb Gegebenen wahren und damit ein Inseldasein behaupten zu müssen.Die Vielfalt der englischen Landschaft spaltete sich im 18. Jahrhundert in die kurvige Form der Landschaftsgärtner und die Linienzüge der Landwirtschaft.

Zur Kehrseite der Utopie scheinbar grenzfreier Gärten gehörte auch die imperiale Überzeugung der Mehrzahl ihrer Anhänger.

 horst bredekamp, leibniz und die revolution der gartenkunst. herrenhausen, versailles und die philosophie der blätter