münsterlandschaft / ‘westphälische schilderungen aus einer westphälischen feder’ von annette von droste-hülshoff

Allmählich bereiten sich indessen freundlichere Bilder vor, – zerstreute Grasflächen in den Niederungen, häufigere und frischere Baumgruppen begrüßen uns als Vorposten nahender Fruchtbarkeit, und bald befinden wir uns in dem Herzen des Münsterlandes, in einer Gegend, die so anmuthig ist, wie der gänzliche Mangel an Gebirgen, Felsen und belebten Strömen dieses nur immer gestattet, und die wie eine große Oase, in dem sie von allen Seiten, nach Holland, Oldenburg, Cleve zu, umstäubenden Sandmeer liegt. – In hohem Grade friedlich, hat sie doch nichts von dem Charakter der Einöde, vielmehr mögen wenige Landschaften so voll Grün, Nachtigallenschlag und Blumenflor angetroffen werden, und der aus minder feuchten Gegenden Einwandernde wird fast betäubt vom Geschmetter der zahllosen Singvögel, die ihre Nahrung in dem weichen Kleiboden finden. – Die wüsten Steppen haben sich in mäßige, mit einer Haidenblumendecke farbig überhauchte Weidestrecken zusammengezogen, aus denen jeder Schritt Schwärme blauer, gelber und milchweißer Schmetterlinge aufstäuben läßt. – Fast jeder dieser Weidegründe enthält einen Wasserspiegel, von Schwertlilien umkränzt, an denen Tausende kleiner Libellen wie bunte Stäbchen hängen, während die der größeren Art bis auf die Mitte des Weihers schnurren, wo sie in die Blätter der gelben Nymphäen, wie goldene Schmucknadeln in emaillierte Schalen niederfallen, und dort auf die Wasserinsekten lauern, von denen sie sich nähren. – Das Ganze umgränzen kleine, aber zahlreiche Waldungen. – Alles Laubholz, und namentlich ein Eichenbestand von tadelloser Schönheit, der die holländische Marine mit Masten versieht – in jedem Baume ein Nest, auf jedem Aste ein lustiger Vogel, und überall eine Frische des Grüns und ein Blätterduft, wie dieses anderwärts nur nach einem Frühlingsregen der Fall ist. – Unter den Zweigen lauschen die Wohnungen hervor, die langgestreckt, mit tief niederragendem Dache, im Schatten Mittagsruhe zu halten und mit halbgeschlossenem Auge nach den Rindern zu schauen scheinen, welche hellfarbig und gescheckt wie eine Damwildherde sich gegen das Grün des Waldbodens oder den blassen Horizont abzeichnen, und in wechselnden Gruppen durcheinander schieben, da diese Haiden immer Allmenden sind, und jede wenigstens sechzig Stück Hornvieh und darüber enthält. – Was nicht Wald und Haide ist, ist Kamp, d.h. Privateigenthum, zu Acker und Wiesengrund benützt, und, um die Beschwerde des Hütens zu vermeiden, je nach dem Umfange des Besitzes oder der Bestimmung, mit einem hohen, von Laubholz überflatterten Erdwalle umhegt. – Dieses begreift die fruchtbarsten Grundstrecken der Gemeinde, und man trifft gewöhnlich lange Reihen solcher Kämpe nach- und nebeneinander, durch Stege und Pförtchen verbunden, die man mit jener angenehmen Neugier betritt, mit der man die Zimmer eines dachlosen Hauses durchwandelt. Wirklich geben auch vorzüglich die Wiesen einen äußerst heitern Anblick durch die Fülle und Mannigfaltigkeit der Blumen und Kräuter, in denen die Elite der Viehzucht, schwerer ostfriesischer Rasse, übersättigt wiederkaut, und den Vorübergehenden so träge und hochmüthig anschnaubt, wie es nur der Wohlhäbigkeit auf vier Beinen erlaubt ist. Gräben und Teiche durchschneiden auch hier, wie überall, das Terrain, und würden, wie alles stehende Gewässer, widrig sein, wenn nicht eine weiße, von Vergißmeinnicht umwucherte Blütendecke und der aromatische Duft des Münzkrautes dem überwiegend entgegenwirkten; auch die Ufer der träg schleichenden Flüsse sind mit dieser Zierde versehen, und mildern so das Unbehagen, das ein schläfriger Fluß immer erzeugt. – Kurz diese Gegend bietet eine lebhafte Einsamkeit, ein fröhliches Alleinsein mit der Natur, wie wir es anderwärts noch nicht angetroffen. – Dörfer trifft man alle Stunde Weges höchstens eines, und die zerstreuten Pachthöfe liegen so versteckt hinter Wallhecken und Bäumen, daß nur ein ferner Hahnenschrei, oder ein aus seiner Laubperücke winkender Heiligenschein sie dir andeutet, und du dich allein glaubst mit Gras und Vögeln, wie am vierten Tage der Schöpfung, bis ein langsames »Hott« oder »Haar« hinter der nächsten Hecke dich aus dem Traume weckt, oder ein grell anschlagender Hofhund dich auf den Dachstreifen aufmerksam macht, der sich gerade neben dir, wie ein liegender Balken durch das Gestripp des Erdwalls zeichnet. – So war die Physiognomie des Landes bis heute, und so wird es nach vierzig Jahren nimmer sein. – Bevölkerung und Luxus wachsen sichtlich, mit ihnen Bedürfnisse und Industrie. Die kleinern malerischen Haiden werden geteilt; die Cultur des langsam wachsenden Laubwaldes wird vernachlässigt, um sich im Nadelholze einen schnellern Ertrag zu sichern, und bald werden auch hier Fichtenwälder und endlose Getraidseen den Charakter der Landschaft teilweise umgestaltet haben, wie auch ihre Bewohner von den uralten Sitten und Gebräuchen mehr und mehr ablassen; fassen wir deshalb das Vorhandene noch zuletzt in seiner Eigentümlichkeit auf, ehe die schlüpferige Decke, die allmählich Europa überfließt, auch diesen stillen Erdwinkel überleimt hat.

annette von droste-hülshoff, anonym als ‘westphälische schilderungen aus einer westphälischen feder’ in ‘historisch-politische blätter für das katholische deutschland’, 16. band, münchen 1845

„ …, es war vielmehr die völlig gleiche alte Heidelandschaft.“ / ‚der prozess‘ von franz kafka

[…] Aber statt die Tür dort zu öffnen, kroch der Maler unter das Bett und fragte von unten: „Nur noch einen Augenblick. Wollen Sie nicht noch ein Bild sehn, das ich Ihnen verkaufen könnte?“ K. wollte nicht unhöflich sein, der Maler hatte sich wirklich seiner angenommen und versprochen, ihm weiterhin zu helfen, auch war infolge der Vergeßlichkeit K.s über die Entlohnung für die Hilfe noch gar nicht gesprochen worden, deshalb konnte ihn K. jetzt nicht abweisen und ließ sich das Bild zeigen, wenn er auch vor Ungeduld zitterte, aus dem Atelier wegzukommen. Der Maler zog unter dem Bett einen Haufen ungerahmter Bilder hervor, die so mit Staub bedeckt waren, daß dieser, als ihn der Maler vom obersten Bild wegzublasen suchte, längere Zeit atemraubend K. vor den Augen wirbelte. „Eine Heidelandschaft,“ sagte der Maler und reichte K. das Bild. Es stellte zwei schwache Bäume dar, die weit voneinander entfernt im dunklen Gras standen. Im Hintergrund war ein vielfarbiger Sonnenuntergang. „Schön,“ sagte K., „ich kaufe es.“ K. hatte unbedacht sich so kurz geäußert, er war daher froh, als der Maler, statt dies übelzunehmen, ein zweites Bild vom Boden aufhob. „Hier ist ein Gegenstück zu diesem Bild,“ sagte der Maler. Es mochte als Gegenstück beabsichtigt sein, es war aber nicht der geringste Unterschied gegenüber dem ersten Bild zu merken, hier waren die Bäume, hier das Gras und dort der Sonnenuntergang. Aber K. lag wenig daran. „Es sind schöne Landschaften,“ sagte er, „ich kaufe beide und werde sie in meinem Bureau aufhängen.“ „Das Motiv scheint Ihnen zu gefallen,“ sagte der Maler und holte ein drittes Bild herauf, „es trifft sich gut, daß ich noch ein ähnliches Bild hier habe.“ Es war aber nicht ähnlich, es war vielmehr die völlig gleiche alte Heidelandschaft. Der Maler nutzte diese Gelegenheit, alte Bilder zu verkaufen, gut aus. „Ich nehme auch dieses noch,“ sagte K. „Wieviel kosten die drei Bilder?“ „Darüber werden wir nächstens sprechen,“ sagte der Maler. „Sie haben jetzt Eile und wir bleiben doch in Verbindung. Im übrigen freut es mich, daß Ihnen die Bilder gefallen, ich werde Ihnen alle Bilder mitgeben, die ich hier unten habe. Es sind lauter Heidelandschaften, ich habe schon viele Heidelandschaften gemalt. Manche Leute weisen solche Bilder ab, weil sie zu düster sind, andere aber, und Sie gehören zu ihnen, lieben gerade das Düstere.“ Aber K. hatte jetzt keinen Sinn für die beruflichen Erfahrungen des Bettelmalers. „Packen Sie alle Bilder ein,“ rief er, dem Maler in die Rede fallend, „morgen kommt mein Diener und wird sie holen.“ „Es ist nicht nötig,“ sagte der Maler. „Ich hoffe, ich werde Ihnen einen Träger verschaffen können, der gleich mit Ihnen gehen wird.“ Und er beugte sich endlich über das Bett und sperrte die Tür auf. „Steigen Sie ohne Scheu auf das Bett,“ sagte der Maler, „das tut jeder, der hier hereinkommt.“ […]

franz kafka, ‚der prozess‘, hrsg. von max brod, berlin 1925

„Frühlingsgeister“, juniperus communis, erica tetralix & die westfälische heidelandschaft / ‚annette freiin von droste-hülshoff als naturforscherin‘ von hermann landois

Der W a c h o l d e r, dieser Charakterstrauch unserer westfälischen Heiden, gehört zu den zweihäusigen Pflanzen. Die Staubgefäßblüten stäuben den Blütenstaub wolkig in die Luft:

„Unwillig schnauben die (die Rinder) den gelben Rauch,
Das Euter streifend am Wacholderstrauch.“
(Die Jagd, […])

Die harzigen Nadeln des Wacholders geben dem Feuer lodernde Nahrung:

„Da bricht ein starker Knabe
Aus des Gestrüppes Windel
Und schleifet nach im Trabe
Ein wüst Wacholderbündel.
Er läßt’s am Feuer kippen,
Hei, wie die Buben johlen
Und mit den Fingern schnippen
Die Funkengirandolen!

Und wie die Nadel spritzen
Und wie die Äste knattern.“
(„Das Hirtenfeuer“, […])

[…]

Ganz besondere Lieblinge unserer Dichterin sind die H e i d e b l u m e n, und es wäre überflüssig, die zahllosen Stellen hier anzuführen, wo sie dieser ihrer Lieblinge gedenkt. Aber über das Heideröschen, wie es oft genannt wird und welches nicht von allen Kennern und Erklärern Annettes richtig erklärt worden, muß umsomehr hier ein Wort gesprochen werden, als noch jüngst in einem wissenschaftlichen Vortrage das Heideröschen als die Klatschrose gedeutet worden ist. Abgesehen davon, daß diese stets unter Korn wachsende Blume nirgends auf der Heide vorkommt, verdiente diese Pflanze mit ihrem abfälligen, knallroten, das Auge fast beleidigenden Kronenblättern nicht die Aufmerksamkeit der Dichterin der Heide. Das Heideröschen ist gleichnamig mit dem „Heideglöckchen“, Erica tetralix L. der Botaniker. Auf westfälischen Heiden hat dieses sonst seltene Heidekraut die Oberhand. Seine zierlichen Sträuchlein tragen an der Spitze einen niedlichen doldigtraubigen Blütenstand, aus welchem die einzelnen Blütchen nickend niederhangen. Die glockenförmigen, rosenroten Kronen sind wie aus Wachs modelliert und sind so reich an köstlichem Nektar, daß aus ihnen die Bienen vorzugsweise den süßen Honigseim sammeln, und zur Gewinnung reichlichen Honigs allherbstlich die Imker des Landes ihre Bienenstöcke Wochen hindurch in der Heide aufstellen.

[…]

Der H e i d e l a n d s c h a f t ist von der Dichterin ein ganzes Buch Lieder unter dem Titel „Heidebilder“ gewidmet worden; und die Licht= und die Schattenseiten der stillen Heide sind mit gleicher Wärme geschildert und besungen. Begleiten wir die Dichterin zunächst auf die Heide nach dem Regen. Weiterlesen

„Kein Theil in der Gärtnerey ist von einem solchen allgemeinen Nutzen, als das Beschneiden, …“ / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Beschneiden. Das Beschneiden der Bäume.

Kein Theil in der Gärtnerey ist von einem solchen allgemeinen Nutzen, als das Beschneiden, und dennoch wird es seltnes seyn, Bäume zu finden, welche in diesem Stücke geschickt besorgt werden. Obgleich in diesem Fach ein jeder Gärtner ein Meister seyn will, so sind dennoch sehr wenige, welche es recht verstehen, indem man solches nicht aus der Erfahrung, sondern aus einer vernünftigen Beobachtung des verschiedenen Wachsthums der mancherley Sorten von Fruchtbäumen erlernen muß. Hierinu muß die Natur und eine genaue Aufmerksamkeit einzig und allein Meister seyn, weil einige auf diese, andere hingegen auf eine ganz andere Weise behandelt seyn wollen, nachdem sie ihre Früchte natürlicher Weise hervorzubringen pflegen. Denn gemeiniglich tragen einige ihre Fruchte am Holze eben desselben Jahrs, andere hingegen am Holze des vorigen Jahrs, als die Pfirsiche und Aprikose, andere wieder an den Trieben, welche aus dem drey, vier und fünfjährigen Holze hervorwachsen, als die Birn, Pflaumen und Kirschen. Wer also die Fruchtbäume durch das Beschneiden recht warten will, der muß vor allen Dingen darauf sehen, daß er nicht allein an einem jeden Theil des Baums genugsames Tragholz habe, sondern daß er auch zugleich niemals zu viele unnütze Aeste, welche die Bäume entkräften, stehen lasse, wodurch sie sonst in wenig Jahren würden vernichtet werden. Die Bewegungsgründe, warum die Bäume von einem jeden, der in der Naturlehre etwas erfahren ist, beschnitten werden, sind folgende: 1) Daß man dadurch die Bäume länger bey Kräften und fruchtbar erhalte; 2) daß die Frucht nicht nur grösser und schöner, sondern viel wohlschmeckender werde, und 3) daß die Bäume nicht so vielen Raum und Platz einnehmen, und sich durch den Schnitt und eine gute Anordnung dem Auge ungemein schön darstellen, und dasselbe auf eine angenehme Art belustigen.

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„Die beste Zeit, diese Bäume zu köpfen oder zu beschneideln, …“ / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Behauen.

Das Behauen, Schneideln, oder das sogenannte Köpfen der Bäume. Man pflegt, wie bekannt ist, in den Gegenden, wo das Holz mangelt, viele Weiden, Pappeln, Elern, Ipern und dergleichen Bäume zu pflanzen, um denselben alle drey oder vier Jahre zu dem nöthigen Zaun – und Brennholze ihre Gipfel zu benehmen. Und in der That verdienen auch diese Plantagen die größte Aufmerksamkeit bey der Landdwirthschaft, besonders bey denjenigen Einwohnern, welche noch dazu Mangel an Torf haben. Um aber der Faulheit und dem Vorurtheil ihrer Vorfahren lediglich zu folgen, so pflanzen unsere Einwohner gar nicht, ob sie gleich Platz und Gelegenheit im Ueberfluß zu dergleichen Plantagen haben. Sie schwächen und ruiniren lieber durch ihre Nachläßigkeit die Wälder, in welchen sie gemeiniglich der Hagebuche, der Eiche und der Esche, um den nöthigen Busch zum Zäunen und zum Brennen zu haben, den Kopf wegnehmen und abhauen. Sie betrachten im geringsten nicht, daß das Behauen der Gipfel dieser Bäume das Leben derselben in Gefahr setze, oder wenigstens sie so verletze, daß viele Bäume an ihren Stämmen jährlich mehr ab – als zunehmen. Denn der Anwachs des neuen Gipfels kann das Wachsthum des ganzen Baums ans der natürlichen Ursache nicht ersetzen, weil alle dergleichen Bäume nicht leiden, daß man ihnen ihre Zweige nehme, indem sie die mehresten derselben zur Heranlockung ihrer Nahrungssafte nöthig haben. Werden ihnen diese benommen, so werden die Bäume darüber so geschwächt, daß sie krumm, knorricht, voller Moos, und sehr kümmerlich werden, daß sie zuletzt darüber hinsterben müssen. Dies ist auch die Ursach, warum viele Theile unsrer Wälder ganz verstümmelt da stehen. Allein die mehresten Landleute haben weder Erfahrung noch eine Kenntniß in der Naturlehre, indem sie gemeiniglich nach dem alten Gebrauch auf das Gerathewohl säen und pflanzen. Denn es wird was seltenes seyn, wenn man einen unter ihnen findet, der sich um das Wachsthum der Pflanzen bekümmert, weil den mehresten die nöthigen Einsichten hiezu wegen der Blödigkeit des Verstandes fehlen. Man muß ihnen also auch billig vieles zu gute halten, und die Schuld mehr den Oberaussehern des Forstwesens zuschreiben. […]

Die beste Zeit, diese Baume zu köpfen oder zu beschneideln, ist, sobald ihr Laub abfällt, indem sie alsdann keinen Saft mehr fliessen lassen. Denn durch den wenigen zu der Zeit sich bewegenden Saft wird die Wunde gemeiniglich noch vor einbrechender Kälte geheilt, daß im Frühling, wenn alles wieder in Bewegung tritt, der Saft einzig und allein zum Wachsthum der neuen Triebe verwendet wird. […]

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gartenbücher: het nederlandse cultuurlandschap – grids, mapping & photography

die bunten, gestreiften tulpenfelder und die vogelperspektive auf die raster der treibhauslandschaft. windmühlen und -räder, deiche und die dutch wave. klischees bestimmen das bild einer gegend, einer landschaft, eines landes. ausserhalb der randstad ist landschaft und innerhalb derselben das groene hart mit „natur“ und naherholung für die städter, polder, landwirtschaft & gartenbau.

ein viertel des landes liegen unter dem meerespiegel. die landschaft ist eingedeicht, und die windmühlen pumpen das wasser aus dem gebiet. die landgewinnung startete früh und im gouden eeuw, 1600 – 1700 (also während des tachtigjarige oorlog, des achtzigjährigen kriegs von 1568 bis zum friedenschluss in münster 1648 und der anerkennung der republiek der zeven verenigde provinciën), wuchs das land um 1120 km². im zeitraum von 1900 – 2000 um 1700 km² (quelle: friso wielenga, ‚geschichte der niederlande‘, stuttgart 2012). eine künstliche, dem meer abgerungene landschaft.

landschaftsmalerei und die kartierung der landschaft waren bereits im 17. jh. eines der hauptmotive der niederländischen malerei. man denke nur an die prominent platzierte landkarte im bild „die malkunst“ von vermeer. im 20. jh malte mondrian erst landschaften, um dann bei rastern, grids, zu landen. die kunsthistorikerin svetlana alpers spricht nicht umsonst in ihren standardwerk zur malerei des gouden eeuw von „the mapping impulse in dutch art“. was man geschaffen bzw. verändert hat, soll dokumentiert (nutzbarkeit) und präsentiert (stolz) werden.

1971 legte der schriftsteller, verleger, rechtsanwalt und künstler reinjan mulder ein raster über eine karte der niederlande. an den 52 schnittpunkten plazierte er 1974 sein stativ und fotografierte in alle vier himmelsrichtungen. die bilder waren 2016 in einer ausstellung im amsterdamer rijksmuseum zu sehen. hier entstand, auf anregung von berno strootman, rijksadviseur fysieke leefomgeving, die idee, die veränderung der landschaft ausgehend vom mulders projekt „objectief nederland“ zu dokumentieren. 2017 fotografierte cleo wächter nach den vorgaben des rasters. gerade ist die dokumentation des projektes als buch erschienen. die landschaften der niederlande: mapping, grids, die vermeintlich objektive fotografie und die veränderung einer kulturlandschaft.

mapping

We can, I think, distinguish a narrower and a broader use of the mapping designation. Used narrowly, mapping refers to a combination of pictorial format and descriptive interest that reveals a link between some landscapes and city views and those forms of geography that describe the world in maps and topographical views. Used broadly, mapping characterizes an impulse to record or describe the land in pictures that was shared at the time by surveyors, artists, printers, and the general public in the Netherlands. […]

If the great landfill and water projects on the one hand and military activity and news on the other contribute to the demand for detailed maps, the natural features of the Netherlands – the flat, open, relatively treeless land – made it particularly suitable for mapping.

svetlana alpers, ‚the art of describing: dutch art in the seventeenth century ‚, chicago 1983

grids

There are two ways in which the grid functions to declare the modernity of modern art. One is spatial: the other temporal. In the spatial sense, the grid states the autonomy of the realm of art. Flattened, geometricized, ordered, it is antinatural, antimimetic, antireal. […]

In the temporal dimension, the grid is an emblem of modernity by being just that: the form that is ubiquitous in the art of our century, while appearing nowhere, nowhere at all, in the art of the last one. […] By „discovering“ the grid, cubism, de Stijl, Mondrian, Malevich … landed in a place that was out of reach of everything that went before. Which is to say, the landed in the present, and everything else was declared to be the past.

[…]

The grid’s mythic power is that it makes us able to think we are dealing with materialism (or sometimes science, or logic) while at the same time it provides us with a release into belief (or illusion, or fiction).

rosalind e. krauss, ‚grids‘ in ‚october‘ no. 9 (summer 1979) reprinted in ‚the originality of the avant-garde and other modernist myths‘, cambridge, massachusetts and london 1985

landschaft & fotografie Weiterlesen

175 jahre pfäzerwald & der baum des jahres 2018: die keschde

geologisch gehören die französischen vogesen und der deutsche pfälzerwald zusammen. kelten und römer zogen noch keine grenze: „silva vosegus“ oder „mons vosegus“, benannt nach dem keltischen waldgott vosegus. er war namensgeber des massif des vosges, den vogesen, oder, im deutschsprachigen gebiet, des wasgenwaldes bzw. des wasgau.

der name „pfälzerwald“ wurde im 19. jh in bayern geprägt. die landschaft gilt heute als das grösste zusammenhängende waldgebiet deutschlands. der linksrheinische teil der pfalz, die rheinpalz, im gegensatz zur rechtsrheinischen kurpfalz, war seit dem wiener kongress teil des königreichs bayern. 1843 fand im forsthaus johanniskreuz ein treffen von forstbeamten statt, um regeln für die bewirtschaftung des gebietes aufzustellen. 1845 wurde die ‚forstlich-charakterischtische skizze‘ publiziert und die heute gültige bezeichnung der landschaft festgeschrieben: „waldungen auf dem bunten sandsteingebirge der pfalz, welche hier unter dem namen „pfälzerwald“ bezeichnet werden“. 175 jahren pfälzerwald.

am ostrand des pfälzerwaldes zieht sich das ca. 30 km lange haardtgebirge hin. die haardt (vom althochdeutschen hart für „bewaldeter hang“) bildet den übergang vom mittelgebirge zur rheinebene, vom wald zu den weinbergen. hier, wie im angrenzendem elsass, wächst die castana sativa, die edel- oder esskastanie. für pfälzer: die keschde. wahrscheinlich mit dem wein von den römer ‚eingeschleppt‘ bzw. neu angesiedelt: pollenfunde belegen die existenz der castanea sativa bereits vor der eiszeit. die bestände an der haardt sind jedoch seit ein paar jahren durch rindenkrebs (cryphonectria parasitica), die tintenkrankheit und die japanische esskastanien-gallwespe (dryocosmus kuriphilus), bedroht. trotz alledem gilt die castanea sativa dank ihrer trockenheitverträglichkeit als einer der zukunftsbäume für parks und grosstadtgrün. früchte können mittlerweile wegen des klimawandels auch weiter nördlich ausreifen. die castanea sativa ist nicht ohne grund der baum des jahres 2018.

mit dem naturpark pfälzerwald, dem grenzüberschreitenden biosphärenreservat pfälzerwald-vosges du nord und der, entlang der haardt verlaufenden deutschen, in diesem teil südlichen weinstrasse, wird die gegend nicht nur forstwirtschaftlich, sondern auch touristisch genutzt.

   

quercus petraea / traubeneiche auf der burg neukastel mit blick in den pfälzerwald & der keschdeweg im modenbachtal.

Bezeichnung des Gegenstandes,

von dem es sich handelt.

Die nördlichste Verlängerung der Vogesen dringt fast auf der ganzen Ausdehnung der südlichen Grenze der bayerischen Pfalz in diese ein, und verbreitet sich von dort aus über den größeren Theil derselben. Das preußisch=bayerische Steinkohlengebirg, von Westen gegen Osten streichend, erstreckt sich über den nördlichen Theil dieser bayerischen Provinz.

Abgesehen etwa vom Rheinthale, geben diese beiden Gebirgszüge dem Land die Gestaltung seiner Oberfläche; sie geben ihm seinen Boden und sein örtliches Klima.

[…]

Das bunte Sandsteingebirg, aus welchem der pfälzische Antheil der Vogesen besteht und welcher, mit unbestimmten Begriffen über die Verbreitung desselben, gemeinhin das Hardtgebirg genannt wird, enthält in der Hauptsache nur absolutes Waldland, daher dort ganz große zusammenhängende Waldmassen, verhältnißmäßig aber eine sehr geringe Bevölkerung; dagegen dringen dichte in der Nähe wohnende Volksmassen begünstigt durch zahlreiche Thäler und wohleingerichtete Floßbäche, tief und in alle Theile des Waldgebirges ein.

Im Steinkohlgebirg gewährt die Steinkohle ein reichliches Surrogat für Brennhölzer. […]

Dagegen wird das Holz und Streuwerk, welches die Hardtgebirgsforsten erzeugen, von einer zahlreichen, oft weit entfernt wohnenden Bevölkerung für leichte Felder, vor allem für den Weinbau dringend in Anspruch genommen.

Selbst das Ausland tritt mit in die Concurrenz, und so werden die Forstprodukte dieser Landschaft Gegenstand des Handels und der Speculation.

[…]

  

pinus sylvestris / wald-kiefer auf bundsandsteinfelsen bei busenberg, dahner felsenland, & keschde.

§. 16. Räumliches Vorkommen der Waldbestandsformen, und Einfluß derselben auf die Forstwirthschaft

[…]

f) Die Kastanie (castanea vesca).

Die Kastanie ist schon seit alten Zeiten am östlichen Fuße des Hardtgebirges d.h. am Saume des Pfälzerwaldes zu Hause. Dieselbe reicht von der Grenze des Weinbaues noch mehrere hundert Fuß an den Gehängen der Berge aufwärts, und bringt auch auf ½ – 1 Stunde in die Thäler ein. In Mulden und Einschlägen steigt dieselbe wohl etwas höher hinan. Man kann annehmen, daß diese Holzart bis auf 12 – 1400′ Höhe noch gut gedeihe, und etwa 1000 – 1200′ Höhe in gewöhnlichen Jahren auf einem im übrigen entsprechenden Standorte noch Früchte reife. Weiterlesen

gärten & landschaft: max slevogt in der pfalz / ’scherz und laune‘ von johannes guthmann

[…]; indessen die beiden Knaben [max slevogt, * 8. oktober 1868, und sein älterer bruder] flugs die Treppe hinab und in den Garten entwischten, den altfränkisch abgezirkelten Garten, wo in quadratisch und kreisrund von schuhhohem altem Buchs eingefaßten Beeten und Rabatten Beerensträucher und Blumen und traulich sonnendurchlichteten Schatten darüberbreitend die Kirsch- und Zwetschgenbäume standen – oder stehen, denn Haus und Garten [der grosstante in burrweiler] sind heute noch erhalten. […]

Es konnte aber auch ein ander Mal geschehen, daß Max über die Beete und das Mäuerchen hinweg den Blick an die Ferne verlor und vom erhöhten Garteneck aus in die gewaltige weite, in gesegneter Fruchtbarkeit strotzende Rheinebene mit den langen, sich seitwärts fern und ferner wiederholenden Linien der Hänge des Haardtgebirges hinausstarrte. Früh schon scheint ihn die komplizierte Schlichtheit dieses großartigen Landschaftbildes betroffen zu haben, denn aus seinem achten Lebensjahre bereits existiert eine Zeichnung, in der er es festzuhalten versucht hat, wobei der Sinn des Kindes für das Handgreiflich-Gegenständliche die in Wirklichkeit eben noch sichtbare Maxburg [das hambacher schloss] mit klotziger Überdeutlichkeit auf eine der Bergsilhouetten gesetzt hat, wenn man will: Slevogts früheste Pfälzer Landschaft. […]

Wie kam da seiner Indianer- und Raubritter-Romantik der Wasgenwald [pfälzerwald] entgegen, wenn er in den Landauer Ferienwochen zu Verwandten der Verwandten in die nahen Berge und auf den Neukasteller Hof durfte. Hoch ragt darüber aus Waldeshöhen der bunte Sandsteinfelsen empor, der einst ein römisches Kastell und dann die Reichsfeste Neukastell trug, bis sie nach wechselvollen Geschicken bei den Raubzügen Ludwigs XIV. von Grund aus zerstört ward. Ein Halbgewachsener war er, in den Jahren des Schweifens und Stöberns, als er zum ersten Male dorthin kam – wo er heute als Herr schaltet – und er entsinnt sich noch genau, mit welchen Indianergefühlen er sich zusammen mit den Kameraden den mühsamen Weg durch das Unterholz der Kiefern und Edelkastanien und all das Geranke von Brombeeren und Heiderosen, die den Anstieg zum roten Felsen vergittern, gewühlt hat, wie der versteckte Zugang und dann die verwegene Lage der Ruine mit ihrer Felsenkammer und den vielen erklärlichen und unerklärlichen Spuren der einstigen Ritterfeste die kecken Einfälle und Streiche in ihm entzündet haben. Und ringsum Wald, nach Westen zu unermeßlich der Wasgenwald! Aus solcher Waldesstimmung, vom regen Bürschchen in Schlichen und Gefahren Jahr für Jahr erlebt, vom reifen Manne nie vergessen, sind später dann die Illustrationen zum Lederstrumpf entstanden.

[…]

In Frühjahr 1898 heiratete er. Er heiratete die Freundin und Vertraute aus dem Haus in der Pfalz, wo er so viele glückliche Ferienwochen als Knabe und als junger Mann verbracht hatte. Nun zog er abermals den Waldweg hinauf zum Neukasteller Hof [der slevogthof & der garten oberhalb von leinsweiler sind heute wegen renovierung geschlossen …], […].

  

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pückler fährt durch die niederlande: landschaft als garten & die kultivierung der heide / ‚briefe eines verstorbenen‘ von hermann von pückler-muskau

Rotterdam, den 25sten [september 1826]

[…], und wirklich von magischer Wirkung ist dagegen der weite Garten, welcher sich zwischen Arnheim und Rotterdam ausbreitet. Auf einer Chaussée, von Klinkern (sehr hart gebrannte Ziegel) gebaut, und mit feinem Sande überfahren, eine Straße, die durch nichts übertroffen werden kann, und nie auch nur die schwächste Spur eines Gleises annimmt, rollte der Wagen mit jenem leisen, stets den gleichen Ton haltenden Gemurmel des Räderwerks hin, das für die Spiele der Phantasie so einladend ist. Obgleich es in dem endlosen Park, den ich durchstrich, weder Felsen noch selbst Berge giebt, so gewähren doch die hohen Dämme, auf welche der Weg zuweilen hinansteigt, die Menge, große Massen bildender Landsitze, Gebäude und Thürme, wie die vielen aus Wiesen, Ebnen, oder über klare Seen auftauchenden kolossalen Baum-Gruppen, der Landschaft eben so viel Abwechselung von Höhe und Tiefe, als malerische Ansichten der verschiedensten Art; ja ihre größte Eigenthümlichkeit besteht eben in dieser unglaublichen Bewegung und Mannichfaltigkeit der Gegenstände, die ohne Aufhören die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Städte, Dörfer, Schlösser mit ihren reichen Umgebungen, Villen von jeder Bauart mit den niedlichsten Blumengärten, unabsehbare Grasflächen mit Tausenden weidender Kühe, Seen, die im Umfang von 20 Meilen blos durch Torfstich nach und nach entstanden sind, unzählige Inseln, wo das baumlange Schilf, zum Decken der Dächer sorgfältig angebaut, Myriaden von Wasservögeln zur Wohnung dient – alles bietet sich fortwährend die Hand zu einem freudigen Reigen, in dem man wie im Traume durch flüchtige Pferde fortgerissen wird, während immer neue Palläste, immer andere Städte am Horizont erscheinen, und ihre hohen gothischen Thürme in dämmernder Ferne mit den Wolken sich verschmelzen. Eben so läßt in der Nähe eine oft groteske und stets wechselnde Staffage keinem Gefühl der Einförmigkeit Raum. Bald sind es seltsam mit Schnitzwerk und Vergoldung verzierte Wagen ohne Deichsel, und von Kutschern regiert, die in blauen Westen, kurzen schwarzen Hosen, schwarzen Strümpfen und Schuhen mit ungeheuren silbernen Schnallen, auf einer schmalen Pritsche sitzen; oder zu Fuß wandernde Weiber mit sechs Zoll langen goldnen und silbernen Ohrringen behangen, und chinesischen Sommerhüten, gleich Dächern auf den Köpfen; bald zu Drachen und fabelhaften Ungethümen verschnittene Taxus-Bäume, oder mit weiß und bunter Oelfarbe angestrichene Lindenstämme, asiatisch mit vielfachen Thürmchen verzierte Feueressen, absichtlich schief liegend gebaute Häuser, Gärten mit lebensgroßen Marmor-Statuen in altfranzösischer Hofkleidung durch das Gebüsch lauschend, oder eine Menge 2 – 3 Fuß hoher, spiegelblank polirter Messingflaschen auf den grünen Wiesen am Wege stehend, die wie pures Gold im Grase blinken, und doch nur die bescheidne Bestimmung haben, die Milch der Kühe aufzunehmen, welche daneben von jungen Mädchen und Knaben emsig gemolken werden – kurz eine Menge ganz fremder ungewohnter und phantastischer Gegenstände bereiten jeden Augenblick dem Auge eine andere Scene, und drücken dem Ganzen ein vollkommen ausländisches Gepräge auf. Denke Dir nun dieses Bild noch überall in den Goldrahmen des schönsten Sonnenscheins gefaßt, geziert mit der reichsten Pflanzenwelt, von riesenhaften Eichen, Ahorn, Eschen, Buchen bis zu den kostbarsten ausgestellten Treibhaus-Blumen herab, so wirst Du Dir eine ziemlich genaue, und keineswegs übertriebene Vorstellung von diesem wunderbar herrlichen Theile Hollands machen können, und dem hohen Vergnügen meiner gestrigen Fahrt.

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„Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, …“ / ‚grundrisse der kritik der politischen ökonomie‘ von karl marx

So schafft das Kapital erst die bürgerliche Gesellschaft und die universelle Aneignung der Natur wie des gesellschaftlichen Zusammenhangs selbst durch die Glieder der Gesellschaft. Hence the great civilising influence of capital; seine Produktion einer Gesellschaftsstufe, gegen die alle frühren nur als lokale Entwicklungen der Menschheit und als Naturidolatrie erscheinen. Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf, als Macht für sich anerkannt zu werden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen Gesetze erscheint selbst nur als List, um sie den menschlichen Bedürfnissen, sei es als Gegenstand des Konsums, sei es als Mittel der Produktion, zu unterwerfen.

karl marx, ‚grundrisse der kritik der politischen ökonomie‘, (oktober 1857 bis mai 1858), zitiert nach mew marx-engels-werke, band 42, berlin 1983