gartenbücher (gartenträume, gärten im münsterland & rosen)

si hortum in bibliotheca habes, deerit nihil.

cicero hat gut reden … platzprobleme kannte er wohl nicht. im beet oder in den pflanzkübeln wird immer mal ein platz frei. im buchregal ist es eng. sehr eng. trotz anschaffungsbeschränkung (ein buch muss min. ein jahr auf der leseliste im oberen bereich bleiben … schaffen wenige …) kommt es zu muss-ich-haben-erwerbungen & spontankäufen. notizen beim umstapeln der gartenbücher:

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traumgärten / gartenträume

annette lepple ist fotografin (die lieber auf das richtige licht wartet als mit dem photoshop rumzuspielen), schreibt regelmässig u.a. für ’schweizer garten‘ und hat gartendesign an der klc school of design in london studiert. 2015 erhielt sie den european garden photography award.

mit dem ersten buch ist das so eine sache. viel herzblut macht das editieren gerne so gut wie unmöglich. der autor will sich positionieren. in die wahrscheinlich grösste falle bei der produktion von gartenbüchern ist annette lepple mit ‚gartenträume – gärten mit gefühl‘ nicht getappt: der band ist nicht die ansammlung der ewig gleichen gärten. kein weiteres coffee table book sondern eine sehr persönliche auswahl. die gärten, die jeder mal fotografiert haben „muss“, fehlen. annette lepple zeigt privatgärten: ihre traumgärten, die gärtenträume der besitzer. die meisten anlagen hat der leser kaum oder noch nie gesehen. entdeckungen jenseits der hauptrouten der gartenreisen sind garantiert. das gilt besonders für den zuletzt dokumentierten garten in diesem band: mas de béty. ihr eigener garten in der nähe von najac im département aveyron, midi-pyrénées. der garten ist recht jung, vor ungefähr drei jahren siedelte lepple mit mann und hund von irland ins gebirgige südfrankreich über. rosen und lavendel (frei von den üblichen südfrankreich-klischees), ein senkgarten, streuobstwiese und gemüse & der neue pavillion aus eichenstämmen und alten türen. regelmässige updates werden geblogt: personaleden.wordpress.com. südfrankreich das heisst sonne, sommer … im winter ist der garten (m)ein traum. das kann man in der dezember ausgabe der zeitschrift ‚gardens illustrated‘ (issue no. 228, 2015) sehen. auf 400 meter höhe schwebt der garten über den im tal hängenden wolken … Weiterlesen

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Privatgärten; bürgerliche Gärten; Blumengärten. / ‘theorie der gartenkunst’ von christian cay lorenz hirschfeld

Privatgärten; bürgerliche Gärten; Blumengärten.

Diese Gattung ist sehr zahlreich; man findet sie fast bey allen wohlangebauten, stark bewohnten und sich gut nährenden Städten; am meisten rings um reiche Handelsplätze. […]

Die Parks des Adels verschönern die Landschaft, und die Gärten der Bürger die Nachbarschaft der Städte. Sehr viele ansehnliche und berühmte Städte gewinnen von den umliegenden Gärten und Sommerhäusern eine Lebhaftigkeit, einen Glanz, ein so reiches Gemälde von Wohlstand und Ergötzung, daß alle empfindsame Reisende davon bis zu einem hohen Grade entzückt und gerührt werden, wenn gleich dies Gefühl bey den Einwohnern selbst durch den Einfluß der Gewohnheit schwächer wird. […]

Vornehmlich sind es reiche Handelsplätze, um welche sich diese Gattung von Gärten zu häufen pflegt. Der Ueberfluß oder Wohlstand, den das Glück des Handels erzeugt, erregen sehr bald die Begierde, sich durch einen größern Aufwand in Wohnungen und Gärten, so wie in Gesellschaften und Gastmalen, auszuzeichnen. Auch suchte der Mann, der von der Last der Geschäfte und dem Gewühl des Handels ermüdet war, einen Ort, wo er an ruhigen Tagen sich wieder erholen, freyer athmen, sich selbst und seine Familie genießen konnte; er baute ein Landhaus in der Nähe der Stadt, und pflanzte sich einen Garten. So entstanden, nicht weniger aus Bedürfniß als aus Prachtsucht, die meisten Gärten um ansehnliche Handelsstädte, […].

Allein diese Gärten fiengen auch hier am ersten an, auszuarten. Der gute Geschmack ist nur selten im Gefolge des Reichthums. Der Hang zum Aufwand und zum Pomp handelt wenig mit Ueberlegung, und sucht sich bald durch jedes Mittel zu befriedigen, das er auf seinem Weg erhaschen kann. Er will Aufsehen und Bewunderung erregen; er will durchaus glänzen und übertreffen. Die Thorheit der Nachahmung gesellte sich zu ihm. Diese rieth ihm, die Gärten der Fürsten zu kopiren, und der Krämer blähete sich, wenn er, gleich ihnen, auf Wasserkünste und Statuen zeigen konnte. Der Genius des Orts rächte sich an der verwegenen Nachäffung. Der eingeschränkte Bezirk des Platzes machte die Unbesonnenheit nur desto sichtbarer. Was in einem ausgedehnten Garten schicklich oder erträglich war, ward hier lächerlich. Man eilte darauf von einer Thorheit zu der andern. Man bemalte den Boden mit Steinen und Muscheln, die Thüren mit Springwassern, und die bretterne Wand mit wilden Thieren; man schnitt aus Taxus Kanapees, und aus den Linden Fächel. […] Man verschwendete kostbare Spielwerke, und glänzte im Prunk lächerlicher Verzierungen; und überall stand zwischen dem Reichthum und dem Aufwand, die hier erschienen, ein Zeuge, der die Abwesenheit des Geschmacks anklagte.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 5, leipzig, 1785.

’neues von blumen‘ & blümchen / walter benjamin über ‚urformen der kunst‘ von karl blossfeldt & #PlantsForBlossfeldt

neues von blumen

Kritisieren ist eine gesellige Kunst. Auf das Urteil des Rezensenten pfeift ein gesunder Leser. Aber was er im Tiefsten goutiert, ist die schöne Unart, uneingeladen mitzuhalten, wenn der andere liest. Das Buch auf solche Weise aufzuschlagen, so daß es winkt wie ein gedeckter Tisch, an dem wir mit all unseren Einfällen, Fragen, Überzeugungen, Schrullen, Vorurteilen, Gedanken Platz nehmen, so daß die paar hundert Leser (sind es so viele?) in dieser Gesellschaft verschwinden und gerade darum sich’s wohl sein lassen – das ist Kritik. Zumindest die einzige, die dem Leser Appetit auf ein Buch macht.

Sind wir für diesmal einig, so soll auf den einhundertzwanzig Tafeln dieses Buches für zahllose Betrachtungen und zahllose Betrachter gedeckt sein. Ja, so viel Freunde wünschen wir diesem reichen und nur mit Worten kargenden Werke. Man wird aber das Schweigen des Forschers ehren, der diese Bilder hier vorlegt. Vielleicht gehört sein Wissen zu jener Art, die den stumm macht, der es besitzt. Und hier ist wichtiger als das Wissen das Können. Wer diese Sammlung von Pflanzenphotos zustande brachte, kann mehr als Brot essen. Er hat in jener großen Überprüfung des Wahrnehmungsinventars, die unser Weltbild noch unabsehbar verändern wird, das Seine geleistet. Er hat bewiesen, wie recht der Pionier des neuen Lichtbilds, Moholy-Nagy hat, wenn er sagt: „Die Grenzen der Photographie sind nicht abzusehen. Hier ist alles noch so neu, daß selbst das Suchen schon zu schöpferischen Resultaten führt. Die Technik ist der selbstverständliche Wegbereiter dazu. Nicht der Schrift- sondern der Photographieunkundige wird der Analphabet der Zukunft sein.“ […]

Diese Photographien erschließen im Pflanzendasein einen ganzen unver­muteten Schatz von Analogien und Formen. Nur die Photographie vermag das. Denn es bedarf einer starken Vergrößerung, ehe diese Formen den Schleier, den unsere Trägheit über sie geworfen hat, von sich abtun. Was ist von einem Betrachter zu sagen, dem sie schon in der Verhüllung ihre Signale geben? Nichts kann die wahrhaft neue Sachlichkeit seines Vorgehens besser dartun, als der Vergleich mit jenem einstigen unsachlichen und doch so genialen Verfahren, kraft dessen der ebenso geschätzte wie unverstandene Grandville in seinen ‚Fleurs animees‘ [paris, 1847] den ganzen Kosmos aus dem Pflanzenreiche hervorgehen ließ. Er greift es vom entgegengesetzten Ende weiß Gott nicht zart – an. Er stempelt diesen reinen Naturkindern das Sträflingsbrandmal der Kreatur, das Menschengesicht, mitten in die Blüte hinein. Dieser große Vorläufer der Reklame beherrschte eines ihrer Grund­prinzipien, den graphischen Sadismus, wie kaum ein anderer. Ist es nicht merkwürdig, hier nun ein anderes Prinzip der Reklame, die Vergrößerung ins Riesenhafte der Pflanzenwelt, sanft die Wunden heilen zu sehen, die die Karikatur ihr schlug?

‚Urformen der Kunst‘ – gewiß. Was kann das aber anderes heißen als Urformen der Natur? Formen also, die niemals ein bloßes Vorbild der Kunst, sondern von Beginn an als Urformen in allem Geschaffenen am Werke waren. Im übrigen muß es dem nüchternsten Betrachter zu denken geben, wie hier die Vergrößerung des Großen – z. B. der Pflanze oder ihrer Knospe oder des Blattes – in so ganz andere Formenreiche hineinführt, wie die des Kleinen, etwa der Pflanzenzelle im Mikroskop. Und wenn wir uns sagen müssen, daß neue Maler wie Klee und mehr noch Kandinski seit langem damit beschäftigt sind, mit den Reichen uns anzufreunden, in die das Mikroskop uns barsch und gewaltsam entführen möchte, so begegnen in diesen vergrößerten Pflanzen eher vegetabilische „Stilformen“. In dem Bischofstab, den ein Straußfarn darstellt, im Rittersporn und der Blüte des Steinbrech, die auch an Kathedralen als Fensterrose ihrem Namen Ehre macht, indem sie die Mauern durchstößt, spürt man ein gotisches parti-pris. Daneben freilich tauchen in Schachtelhalmen älteste Säulenformen, im zehnfach vergrößerten Kastanien- und Ahornsproß Totembäume auf, und der Sproß eines Eisenhufes entfaltet sich wie der Körper einer begnadeten Tänzerin. Aus jedem Kelche und jedem Blatte springen uns innere Bildnotwendigkeiten entgegen, die in allen Phasen und Stadien des Gezeugten als Metamorphosen das letzte Wort behalten. […]

walter benjamin, ’neues von blumen‘ in ‚die literarische welt‘, 23/11/1928, 4. jg., nr. 47, über karl blossfeldt, ‚urformen der kunst. photographische pflanzenbilder‘, hrsg. mit einer einleitung von karl nierendorf, berlin, 1928.

neues von blümchen

karl blossfeldt, geboren am 13. juni 1865 in schielo/harz, hat mit ‚urformen der kunst‘ eines der wichtigsten „gartenbücher“ vorgelegt. ein pflanzenbuch das sich heute nahtlos in die reihe seiner vorgänger – vom ‚hortus eystettensis‘ (1613), über den ‚gottorfer codex‘ (1649 bis 1659) oder die ‚flora danica‘ (bis 1803) bis eben zu den ‚urformen der kunst‘ – einreiht. von der neuen sachlichkeit ist heute allerdings nicht viel übrig geblieben: war das abbilden von pflanzen (und gärten) einst eine kunst (durchaus im sinne der téchne, altgr. τέχνη) so ist es heute, besonders im bereich der sozialen medien, zum reinen knipsen verkommen. formen sind nicht mehr gefragt. einzig das gephotoshopte emotiönchen (cf. reklame), ausgelöst von blühenden blümchen, zählt…

zum 150. geburtstages von blossfeldt zeigt die stiftung ann und jürgen wilde / pinakothek der moderne in münchen vom 24/07 bis 25/10/2015 eine ausstellung mit fotografien, u.a. aus ‚urformen der kunst‘. anlässlich der ausstellung haben die organisatoren ein projekt mit den hashtag #PlantsForBlossfeldt auf instagram (& twitter, etc.) initiiert. man ist erst einmal positiv überrascht das eine museale institution in deutschland von der existenz von social media kanälen etwas mitbekommen hat (und fragt sich wie es mit der digitalen erschliessung des archives von blossfeldt, und des gleichfalls in der stiftung befindlichen archives von albert renger-patzsch, aussieht: #PlantsFormBlossfeldt)… was die ergebnisse von #PlantsForBlossfeldt betrifft wünscht man sich nach der digitalen über-alphabetisierung vokabular jenseits von „wie niedlich“ & „ICH auch!“ und visuelle grammatik . mehr kann man blossfeldt nicht missverstehen…

 

In der That wird das Geschmacksurtheil durchaus immer, als ein einzelnes Urtheil vom Object gefällt. Der Verstand kann durch die Vergleichung des Objects im Punkte des Wohlgefälligen mit dem Urtheile anderer ein allgemeines Urtheil machen: z. B. alle Tulpen sind schön; aber das ist alsdann kein Geschmacks-, sondern ein logisches Urtheil, welches die Beziehung eines Objects auf den Geschmack zum Prädicate der Dinge von einer gewissen Art überhaupt macht; dasjenige aber, wodurch ich eine einzelne gegebene Tulpe schön, d. i. mein Wohlgefallen an derselben allgemeingültig finde, ist allein das Geschmacksurtheil. Dessen Eigenthümlichkeit besteht aber darin: daß, ob es gleich bloß subjective Gültigkeit hat, es dennoch alle Subjekte so in Anspruch nimmt, als es nur immer geschehen könnte, wenn es ein objektives Urtheil wäre, das auf Erkenntnißgründen beruht, und durch einen Beweis könnte erzwungen werden.

immanuel kant, ‚kritik der urteilskraft‘, berlin und libau, 1790

denkmalpflege, rekonstruktion, lesungen,… grüne wüste im garten des rüschhauses

rüschhaus_taxus_buxus_hecken_500   hecken: taxus / eibe & buxus / buchsbaum + rasen.

was passiert, wenn denkmalpflege und gärten kollidieren? der klassische denkmalschutz ist es gewohnt mit statischer architektur umzugehen. ein bestimmter zustand eines gebäudes wird dogmatisch festgeschrieben. dass für ein barockes gebäude ältere architektur verändert oder gar komplett abgerissen wurde, wird gerne verdrängt. dass architektur nur funktioniert, wenn sie belebt ist, spielt keine rolle. was passiert, wenn es um gärten geht? ein garten ist niemals statisch. er verändert sich im laufe des jahres. pflanzen wuchern oder sterben ab, bäume brauchen jahre um die planmässigen grössen zu erreichen, etc.

die barocke struktur im garten – bzw. der gärten: der lustgarten am haus & der nutzgarten – des rüschhauses wurde in den 1980iger jahren nach dem plan von johann conrad schlaun vom gartenamt der stadt münster restauriert. dunkler taxus / eibe für die äussere hecke entlang der gräfte. hellerer buxus / buchsbaum für die beeteinfassungen.

rüschhaus_plan_büste_500   ‘plan vom ganzen platz und vorplatz des rüschhauses nebst denen beyden gartens’ von johann conrad schlaun, 1745 & ein abguss der büste aus dem garten von burg hülshoff von anton rüller und heinrich fleige, 1896.

die schlaun‘ sche anlage wurde bereits von den nächsten bewohnern des rüschhauses dem zeitgeschmack angepasst. zur zeit von annette von droste-hülshoff wurde aus dem einst barocken lustgarten ein biedermeierlicher nutz- und ziergarten.

schon annette von droste-hülshoff war selbst von veränderungen betroffen → “…ich habe mich an diese Blumen, von Kindheit an, so gewöhnt,…” . die barocke anlage der wege blieb erhälten, es wurden obstbäume gepflanzt & mitten in einem ehemaligen parterre wurde ein gewächshaus für jenny von droste-hülshoff bebaut → das gartenhaus / “Und mein Indien liegt in Rüschhaus!”.

der garten und die münsterländer parklandschaft mit ihrer vegetation waren eine starke inspiration für die droste:

„Ganz besondere Aufmerksamkeit hat unsere Dichterin dem Pflanzenreiche zugewendet, dessen Wesen im kleinsten wie im großen, im einzelnen wie im Wechselwirken sie so innig geliebt und so herrlich ausgemalt hat, daß man nicht weiß, ob man sich mehr wundern soll über das Verständnis dieses Lebenskreises, oder über die Innigkeit und Lieblichkeit, mit welcher Annette sein Wesen und Wirken zu schildern weiß.”

prof. dr. hermann landois, ‘annette freiin von droste-hülshoff als naturforscherin’, paderborn, 1890.

von der aufmerksamkeit für das pflanzenreich ist hier im garten nichts zu spüren.

Where Have All the Flowers Gone?

die rekonstruktion der hecken war/ist wichtig. das rüschhaus ist eine der schönsten barocken anlagen (nicht nur in westfalen!). schlauns umgang mit der architektur & dem garten ist einzigartig. als beispiel von schlauns verschmelzung von architektur & landschaft sollte man auf jeden fall ins emsland fahren: jagdschloss clemenswerth.

was passiert jedoch innerhalb der beete/des paterres? grüne wüste! kurz gemähter rasen mit etwas anarchischem gelb: taraxacum  / löwenzahn. hinter der eiben hecke, auf der böschung zur gräfte, noch etwas cardamine pratensis / wiesen-schaumkraut. ansonsten rasen… bis auf das mittlere paterre: hier besteht die beeteinfassung aus einer doppelten buchsbaumhecke. der zwischenraum ist wohl zu schmal für den rasenmäher: hier dürfen einige tulpen blühen. auf älteren fotos sieht man noch fritillaria imperialis / kaiserkronen zwischen tulpen. neben dem gewächshaus ein zerrupfter syringa / flieder & im gemüsegarten einige obstbäume. die jahreszeiten im garten sind ansonsten aus stein → die elemente & jahreszeiten im garten des rüschhauses.

der gesamteindruck ist museal asep­tisch: vorstadtvorgarten trifft auf barocke hecken.

rüschhaus_buxus_löwenzahn_500   löwenzahn durchbricht die ordnung.

das rüschhaus wurde 2013 von der stadt münster in die neugegründete annette von droste zu hülshoff-stiftung (beteiligt sind u.a. die nordrhein-westfalen-stiftung und der lwl –  landschaftsverband westfalen-lippe) eingebracht. „bespielt“ wird das haus hauptsächlich von der annette von droste-gesellschaft e.v.: lesungen & konzerte.

ein garten muss leben: warum nicht beete z.b. mit wildblumenwiesen (müsste man nur ein- bis zweimal im jahr mähen!) füllen, mit pflanzen, die die droste in ihrem werk beschreibt. eine droste-botanik. nach einer lesung könnte man vom gartensalon in den garten treten & die pflanzen, die einem gerade vorgelesen wurden betrachten. anders gesagt: nicht nur mit spitzen fingern elegisch die seiten von lyrikbändchen umblättern. ab in den garten und die hände schmutzig machen…

abgesehen von dem rauschen der nahen autobahn, könnte man mit der droste wieder sagen:

[…] es ist jetzt so schön hier, – der ganze Garten umbuscht von Syringen, drey – vier Nachtigalen zugleich – womit soll ich Euch denn noch den Mund wässrig machen, damit Ihr kommt? – […]

annette von droste-hülshoff an christoph bernhard schlüter, mai, 1835.

 rüschhaus_serra_500   ‘dialog with johann conrad schlaun’ von richard serra, 1996, in der allee vor haus rüschhaus.

 

Je länger wir über das Problem der Ökologie und Ästhetik nachdenken, desto tiefer geraten wir in Paradoxien, und zwar auf beiden Seiten des Begriffspaares: Die Ökologie befindet sich in einer Debatte um ihre Ziele, und die Seite der Ästhetik, der Wahrnehmbarkeit und Darstellung der Natur, befindet sich in einer tiefen Krise, der Krise der heutigen Gartenkunst. Woher kommt diese Entwicklung, was hat sich in unserer Welt oder unserer Gesellschaft verändert, daß so normal scheinende Begriffe wie Natürlichkeit und gärtnerische Schönheit in Zweifel, ins Wanken geraten?
[…]
Daß wir heute ökologisch gärtnern, erscheint mir eine Selbstverständlichkeit. Ökologisches Gärtnern ist aber noch keine Darstellung, keine Wahrnehmbarmachung von Natur. Die Mittel einer solchen neuen Gartenkunst müssen erst erarbeitet werden.

lucius burckhardt, ‚ästhetik und ökologie‘ zuerst in bauwelt # 81/39, 1990, wiederabgedruckt in ‚warum ist landschaft schön? die spaziergangswissenschaft‘, hrsg. von markus ritter und martin schmitz, berlin, 2006.

„[…], und der kleine Garten am Hause kann wieder nach künstlerischen Grundsätzen […] angelegt werden“ / ‚blumenkultus‘ von alfred lichtwark

Die Tage des englischen Gartens sind gezählt, so bald bei uns eine wirkliche Blumenliebhaberei wieder erwacht , wie sie das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert gekannt haben, und die bei den jetzt üblichen Gartenanlagen keine Befriedigung finden kann. Wo soll man die Blumen unterbringen? Die Blume, heute das Stiefkind unseres Gartens, muss wieder wie in alten Zeiten seine Herrin werden.
Und wenn ein Blumenfreund mit dem Gedanken umgeht, sich draussen ein Haus zu bauen, so wird er vom Garten ausgehend das Haus gestalten, wie es in einen Blumengarten passt, und mit den architektonischen Motiven rechnen, die unsere alte, behagliche Bauweise ihm zur Verfügung stellt.
So kann die Liebe zur Blume uns schliesslich sogar zu einer liebenswürdigen, künstlerischen Weise des Hausbaues zurückführen, denn so bald der Hausherr von seinem Garten wieder Blumen verlangt, ist die klägliche Nachahmung der englischen Landschaft überwunden, und der kleine Garten am Hause kann wieder nach künstlerischen Grundsätzen mit geraden Wegen und Blumenbeeten angelegt werden; und wenn wir erst den künstlerischen Garten haben, muss in der Architektur wieder ein künstlerischer Geschmack zur Geltung kommen.

alfred lichtwark, ‚der garten am hause‘ in ‚blumenkultus – wilde blumen‘, dresden, 1897.

Jeder Schulmeister in einer Lateinischen Schule weiß ein Recept, nach welchem man eine Ode verfertigen kann; und in der That sind die Ingredienzien, bis auf das Eine, das Genie des Dichters, überall zu haben. Eben so läßt sich von jedem Gärtner lernen, daß zu einem schönen Englischen Park Bäume und blühendes Gebüsch, rieselnde Waldbäche, schlängelnde Pfade, Tempelchen, Moossitze, Inschriften, Denksäulen, Begräbnißurnen, und, so Gott will, auch Ruinen, gehören. Dies alles findet man denn in so manchem Garten in England, wie in so manchem auf dem festen Lande, der im Englischen Geschmacke seyn soll. Allein, daß dies Alles auch ein Ganzes bilden sollte, daran wird selten gedacht; weil man sicher glaubt, diese Absicht werde schon durch die Hecke, die das Grundstück vom nachbarlichen Gebiete trennt, vollkommen erreicht.

george forster, ‚ansichten vom niederrhein, von brabant, flandern, holland, england und frankreich, im april, mai und junius 1790.‘, dritter theil, 1794

ps 1: forster scheibt über einen besuch in ‚the leasowes‚.

ps 2: die reise unternahm forster mit alexander von humboldt.

If a man were to look over the fence on one side of his garden and observe that the neighbor on his left had laid his garden path round a central lawn; and were to look over the fence on the other side of his garden and observe that the neighbor on his right had laid his path down the middle of the lawn, and were then to lay his own garden path diagonally from one corner to the other, that man’s soul would be lost. Originality is only to be praised when not prefaced by the look to right and left.

quentin crisp, the naked civil servant‘, 1968.

versailles (der auftraggeber geht mit dem gärtner spazieren)

versailles

detail: ‚plan de versailles, du petit parc, […] et les distributions des jardins et bosquets‘ von jean delagrive, 1746.

Le Nôtre […]; illustre pour avoir le premier donné les divers dessins de ces beaux jardins qui décorent la France, et qui ont tellement effacé la réputation de ceux d’Italie, qui en effet ne sont plus rien en comparaison, que les plus fameux maîtres en ce genre viennent d’Italie apprendre et admirer ici. Le Nôtre avait une probité, une exactitude et une droiture qui le faisait estimer et aimer de tout le monde. […] Il travaillait pour les particuliers comme pour le Roi, et avec la même application, ne cherchait qu’à aider la nature, et à réduire le vrai beau aux moins de frais qu’il pouvait. […] A son retour, le Roi le mena dans ses jardins de Versailles, où il lui montra ce qu’il y avait fait depuis son absence. A la Colonnade, il ne disait mot ; le Roi le pressa d’en dire son avis : „Eh bien ! Sire, que voulez-vous que je vous dise ? D’un maçon que vous avez fait un jardinier (c’était Mansart) ; il vous a donné un plat de son métier.“ Le Roi se tut, et chacun sourit ; et il était vrai que ce morceau d’architecture, qui n’était rien moins qu’une fontaine, et qui la voulait être, était fort déplacé dans un jardin.

[…]; es ist [André Le Nôtres] Ruhm, als erster die Pläne für die schönsten Gärten entworfen zu haben, die Frankreich zur Zierde gereichen und die den Ruhm der italienischen Gärten – die im Vergleich zu ihnen in der Tat nichts sind – so sehr verblassen ließen, daß die berühmtesten Meister dieses Fachs aus Italien nach Frankreich kamen, um hier zu lernen und zu bewundern. Le Nôtre war von solcher Redlichkeit, Zuverlässigkeit und Aufrichtigkeit, daß er sich allgemeiner Liebe und Achtung erfreute. […] Er arbeitete für private Auftraggeber mit derselben Sorgfalt wie für den König [Ludwig XIV.]. Er suchte nur der Natur nachzuhelfen und mit möglichst geringem Aufwand die wahre Schönheit hervortreten zu lassen. […] Als Le Nôtre wieder [von einer Reise] zurückgekehrt war, ging der König mit ihm durch seine Gärten in Versailles, um ihm zu zeigen, was er dort während seiner Abwesenheit hatte machen lassen. Als Sie bei den Kolonnaden angelangt waren, sagte Le Nôtre kein Wort; der König forderte ihn mehrfach auf, sich zu äußern: „ Nun, Sire, was soll ich dazu sagen? Sie haben einen Maurer zum Gärtner gemacht (es war [François] Mansart) – er hat Ihnen eine Kostprobe seiner Kunst geboten.“ Der König schwieg, und jeder lächelte, denn es traf genau zu; dieses Stück Architektur, das ein Brunnen sein sollte, war alles andere als ein Brunnen und paßte in der Tat schlecht in den Garten.

louis de rouvroy, duc de saint-simon, les mémoires du duc de saint simon


versailles_kolonnaden

jean cotelle, bosquet la colonnade