über birkenlyrik … / „mir fehlt ein wort“ & „was tun die birken?“ von kurt tucholsky

Mir fehlt ein Wort

Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birkenblätter tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern so schnell, hin und her, dass sie … was? Flirren? Nein, auf ihnen flirrt das Licht; man kann vielleicht allenfalls sagen: die Blätter flimmern … aber es ist nicht das. Es ist eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Wie sagt man das? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst – „besprechen“ hat eine tiefe Bedeutung. Steht bei Goethe „Blattgeriesel“? Ich mag nicht aufstehen, es ist so weit bis zu diesen Bänden, vier Meter und hundert Jahre. Was tun die Birkenblätter –?

[…]

Was tun die Birkenblätter –? Nur die Blätter der Birke tun dies; bei den andern Bäumen bewegen sie sich im Winde, zittern, rascheln, die Äste schwanken, mir fehlt kein Synonym, ich habe sie alle. Aber bei den Birken, da ist es etwas andres, das sind weibliche Bäume – merkwürdig, wie wir dann, wenn wir nicht mehr weiterkönnen, immer versuchen, der Sache mit einem Vergleich beizukommen; es hat ja eine ganze österreichische Dichterschule gegeben, die nur damit arbeitete, dass sie Eindrücke des Ohres in die Gesichtsphäre versetzte und Geruchsimpressionen ins Musikalische – es ist ein amüsantes Gesellschaftsspiel gewesen, und manche haben es Lyrik genannt. Was tun die Birkenblätter? Während ich dies schreibe, stehe ich alle vier Zeilen auf und sehe nach, was sie tun. Sie tun es. Ich werde dahingehen und es nicht gesagt haben.

peter panter (kurt tucholsky), ‚mir fehlt ein wort‘ in ‚die weltbühne, nr. 38, 17.09.1929 Weiterlesen

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brockes‘ garten: literarisches vergnügen und irdische realität

Dem Ratsherren und Dichter Barthold Heinrich Brockes verdanken wir ein ausführliches Verzeichnis der zahlreichen Bäume, Sträucher, Stauden und Blumen, die in seinem Garten am Besenbinderhof vorhanden waren. Es fehlen von dem, was wir heute schätzen, einige Steingartenpflanzen und auch die Georgine [dahlie], die Fuchsie und die Hortensie, die erst später eingeführt wurden. Im übrigen aber ist der Reichtum erstaunlich. Und indem er in der Aussicht von seiner Gartenterrasse schwelgt, erfahren wir, was alles zu sehen ist: Blumenbeete und Rasenstücke, Galerien, Statuen, Grotten, Liguster- und Taxushecken, Teiche, Alleen, Pyramiden, Bogengänge, Fontänen, Steige, berankte Planken, Gartenhäuser, Lauben, Rebhänge, Treibhäuser mit Lorbeer, Feigen, Granaten, Pomeranzen und Ananas, Apfelsinen und Zitronen, auch an Obstbaumsorten, was man nur wünschen konnte und „kaum zu zählen“.

hans leip, ‚die unaufhörlich gartenlust‘, hamburg, 1953.

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detail aus johannes covens & cornelius mortier, ‚hamburg eine weltberühmte freye reichs und hansee- auch reiche und volkreiche handels stadtt an der elb, nicht weit von der nord see / hambourg, fameuse ville imperiale, anseatique et marchande tres riche et tres peuplee situee sur l’elbe pres de l’ocean septentrional‘, ca. 1730.

an stelle der befestigungen findet der heutige garten(be)sucher zwischen elbe und alster die deichtorhallen, den hauptbahnhof und weiter oben, zur alster hin, die hamburger kunsthalle. grünflächen auf den ehemaligen wallanlagen gibt es auf der anderen seite der alster: der gustav-mahler-park und planten un blomen.

zwischen dem steintor und dem neuen werk, zum schutz der vorstadt st.georg, reihten sich auf dem geestrücken oberhalb der elbe und der marschniederung „hammer broeck“ die gärten, handtuch ähnliche grundstücke, ’stiegen‘ genannt, im plan als ‚Lust Garten‘ bezeichnet, auf. hier befand sich das gartenhaus ‚der ross‘ und der garten von brockes. Weiterlesen

„Die Farben wohl zusammen paart‘.“ / ‚der herbst‘ von barthold heinrich brockes

Nicht glaublich ist die Lust, die mein Gemüth empfunden,
Als ich noch auf ein ander mahl
Das, durch mich, aus dem feuchten Staub‘
Erhobene frisch abgefall’ne Laub,
Im hellen Sonnen-Strahl,
Zusammen legt‘, und, nach der Schilder Art,
Die Farben wohl zusammen paart‘.
Es war derselben buntes Spiel,
Durch den, oft selbst durch sie gefärbten, Sonnen-Schein,
Wenn er durch ihr Geäder fiel,
Nicht bloß des Cörpers Auge nur,
Der Seelen Augen selbst ein angenehmes Ziel.
Die schönste Schüssel Obst ist kaum so schön,
Der Aepfel, der Citronen Zier
Ist kaum so lieblich anzusehn,
Auf manchem mischte sich Gelb, Braun, Weiß, Roth und Grün,
Daß es, recht wie Drap d’Or, gewircket schien.

[…]

Auf jedem Dorn-Strauch gläntzt anitzt und glühet
Der Hagebutten brennend Roth,
Bey welchen man der Vögel Speis‘ und Tod,
In rothen Beeren, funckeln siehet.
Jetzt rauschen durch die Luft, in ungezählten Schaaren,
Die Krammets-Vögel, Drosseln, Staren.
Man sieht Gesträuch und Busch voll gier’ger Fresser hangen,
Und, statt der vor’gen Frucht, mit Feder-Früchten prangen.

[…]

Man sieht den Gärtner jetzt auf manchen Obst-Baum klettern:
Die abgehärtete, die Runtzeln-volle Hand
Fasst kaum so bald den, durch der Aepfel Last,
Gekrümmten Ast;
So droht das fette Land
Ein süsser Hagel zu zerschmettern.
Wie, durch das Strampfen vieler Pferde,
Die Erde bebt und schallt; so schallt und bebt die Erde,
Von eig’ner Frucht bestürmt.

[…]

Der edle Weinstock zeigt sein fröhliches Gepränge;
Der Purpur-farb’nen Trauben Menge,
Die mehr das Laub, als dieses sie, versteckt,
Ist gantz mit Himmel-Blau bedeckt,
In dessen keuschem Duft, der angerührt verschwindet,
Die Hand ein schönes Nichts befindet.
Es strotzen die gequoll’nen Beeren,
Und bersten fast von holder Süßigkeit,
Um ihren Saft, der Mund und Hertz erfreut,
Uns ausgekeltert zu gewehren.

[…]

barthold heinrich brockes, ‘der herbst’ aus ‘irdisches vergnügen in gott, bestehend in physicalisch- und moralischen gedichten’, 1721 – 1748.

lyrik anstatt giesskannen schleppen… / ‚der regen‘ von barthold heinrich brockes

Auf, mein Hertz, auch nun den Regen,
Zu des weisen Schöpfers Ehr‘,
Recht mit Andacht zu erwegen!
Rühm‘ Ihn täglich mehr und mehr!
Daß die reiche Schooß der Erde
Nicht, versteint, unfruchtbar werde;
Ziehn sich, aus der Erd‘ und See,
Dünste stetig in die Höh‘.

[…]

Der verdickten Düfte Söhne,
Der geschwoll’nen Wolcken Frucht
Trieft mit rauchendem Getöne,
Und vertreibt die heisse Sucht
Der vor Durst geborst’nen Felder;
Nährt die Wiesen, tränckt die Wälder;
Schwängert den sonst dürren Sand,
Und erfrischet Laub und Land.

[…]

Mensch, erwege doch und mercke,
Nebst des Schöpfer Lieb‘ und Gunst,
Seine weise Wunder-Stärcke,
Der, wie eine Wasser-Kunst,
Die so schwere Fluth regieret,
Sie bald auf – bald abwärts führet,
Und dadurch die schöne Welt
In der Fruchtbarkeit erhält.

barthold heinrich brockes, ‘der regen’ aus ‘irdisches vergnügen in gott, bestehend in physicalisch- und moralischen gedichten’, 1721 – 1748

fritillaria imperialis: vanitas im frühling / ‚die kaiser-crone‘ von barthold heinrich brockes

fritillaria_imperialis_brockes_500   die kräfte der zwiebel schwinden: die fritillaria imperialis / kaiserkrone hat nur noch zwei blüten…

Es sieht die holde Kaiser-Crone
Von ihrem hoch-erhab’nen Throne
Beständig auf die Erd‘ herab,
Die ihre Wieg‘ und auch ihr Grab.
Ach möchten doch von ihren Höhen
Die Fürsten so herunter sehen!

Die Augen, welche, wie Krystallen,
In diesen Bluhmen offen stehen,
Die lassen oftermahl
Fast Honig-süsse Thränen fallen.
Ach möchten sich doch auch die Grossen fassen,
Und, nach dem Beyspiel dieser Bluhme,
Vergnüg’t durch ihrer Hoheit Strahl,
Dem GOTT, der sie so groß gemacht, zum Ruhme,
Auch Freuden-Thränen fallen lassen!

Der bitter-süssliche Geruch,
So aus den Kaiser-Cronen quillt,
Ist ein mit Lehr‘ erfülltes Bild,
Daß auch der allerhöchste Stand
Mit Bitterkeit oft angefüllt.

Auf dieser Bluhmen Cronen-Spitzen
Sieht man ein Büschel Gras nicht ohn Bedeutung sitzen.
Ach dächten doch die Grossen dieser Erde,
Bey dieser Bluhm‘, an ihre Flüchtigkeit,
Und daß auch Gras, nach kurzer Zeit,
Gecrön’te Häupter decken werde!

barthold heinrich brockes, ‚die kaiser-crone‘, 1727, aus ‚irdisches vergnügen in gott, bestehend in physicalisch- und moralischen gedichten’, 1721 – 1748

Die Eichbäume

Aus den Gärten komm‘ ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt‘ und erzog, und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt‘ ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen!

friedrich hölderlin, ‚die eichbäume‘, 1796-98

  • fassungen des gedichtes: friedrich hölderlin, ’sämtliche werke – frankfurter ausgabe‘, historisch-kritische ausgabe, hrsg. v. d.e. sattler, f-furt/m., 1975 ff.: fha 5 ‚oden II‘ textedition.

der erste frost…

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gefrostete ficus carica / feige. ab ins winterquartier

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& ein blick in die hanseatische gartenliteratur des 18. jh.:

Auch der Winter bringt Vergnügen;
Auch der Frost hat seine Lust.
Denen nur, die nichts betrachten,
Und auf Gottes Werck nicht achten,
Bleibt solch‘ Anmuth unbewust.
Auch der Winter bringt Vergnügen;
Auch der Frost hat seine Lust.

Itzt sieht man, wie der Frost mit Feld und Wald gehandelt,
Es scheint der Erden Bau, als wär‘ er gantz verwandelt;
Man kennet keine Bahn; der schönsten Gärten Pracht
Verschwindet und versinckt in eine weisse Nacht.

barthold heinrich brockes, ‚der winter‘, 1721, aus ‘irdisches vergnügen in gott, bestehend in physicalisch- und moralischen gedichten’, 1721 – 1748

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herbstlaub: magnolia / magnolienblätter & ein feigenblatt.

buxus / „Ja ohne Bux-Baum ist der Garten kaum ein Garten.“

Wenn ihr in den bekräntzten Steigen
Der Anmuth-reichen Gärten geht,
Und, zwischen den belaubten Zweigen,
Die kleinen bunten Sänger seht,
Und ihre süsse Stimmen höret:
So lob’t mit ihnen, preis’t und ehret
Den Gott, der über alles schätzt,
Wenn man sich, Ihm zur Ehr‘, ergetzt.
Des niedern Bux-Baums festes Laub,
Wodurch der Menschen Witz und Fleiß
Den leeren dunckel-braunen Staub
So künstlich einzuschrencken weis,
Daß schön’re Züge, Laub-Werck, Bilder
Kein Mathematicus, kein Schilder,
Fast mit dem Pinsel malen kann,
Treibt mich, wie folgt, zu dencken an:
Ein Gärtner malet hier,
Ohn‘ Oel und Stafeleyen,
Ohn‘ Pinsel, ohn‘ Palet, lebend’ge Schildereyen.
Sein Spaten dienet ihm zum Reiß-Bley, sein Papier
Ist schwartz- und dunckel-braun, er schreibt gezog’ne Namen,
Zieht Laub-Werck, selbst von Laub, und fasst in grüne Ramen
Sein schön figürlich Werck, von mehr als hundert Arten,
Ja ohne Bux-Baum ist der Garten kaum ein Garten.

barthold heinrich brockes,’der garten‘, 1721, aus ‚irdisches vergnügen in gott, bestehend in physicalisch- und moralischen gedichten‘, 1721 – 1748

 

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buxus sempervirens im kräutergarten des klosters michaelstein, blankenburg/harz.

irdisches vergnügen in gott

barthold heinrich brockes, irdisches vergnügen in gott, bestehend in physicalisch- und moralischen gedichten  (1721 - 1748)

barthold heinrich brockes, ‚irdisches vergnügen in gott, bestehend in physicalisch- und moralischen gedichten‘ (1721 – 1748). neun gedichte wurden von georg friedrich händel vertont. deutsche arien, hwv 202–210.