gärten & landschaft: max slevogt in der pfalz / ’scherz und laune‘ von johannes guthmann

[…]; indessen die beiden Knaben [max slevogt, * 8. oktober 1868, und sein älterer bruder] flugs die Treppe hinab und in den Garten entwischten, den altfränkisch abgezirkelten Garten, wo in quadratisch und kreisrund von schuhhohem altem Buchs eingefaßten Beeten und Rabatten Beerensträucher und Blumen und traulich sonnendurchlichteten Schatten darüberbreitend die Kirsch- und Zwetschgenbäume standen – oder stehen, denn Haus und Garten [der grosstante in burrweiler] sind heute noch erhalten. […]

Es konnte aber auch ein ander Mal geschehen, daß Max über die Beete und das Mäuerchen hinweg den Blick an die Ferne verlor und vom erhöhten Garteneck aus in die gewaltige weite, in gesegneter Fruchtbarkeit strotzende Rheinebene mit den langen, sich seitwärts fern und ferner wiederholenden Linien der Hänge des Haardtgebirges hinausstarrte. Früh schon scheint ihn die komplizierte Schlichtheit dieses großartigen Landschaftbildes betroffen zu haben, denn aus seinem achten Lebensjahre bereits existiert eine Zeichnung, in der er es festzuhalten versucht hat, wobei der Sinn des Kindes für das Handgreiflich-Gegenständliche die in Wirklichkeit eben noch sichtbare Maxburg [das hambacher schloss] mit klotziger Überdeutlichkeit auf eine der Bergsilhouetten gesetzt hat, wenn man will: Slevogts früheste Pfälzer Landschaft. […]

Wie kam da seiner Indianer- und Raubritter-Romantik der Wasgenwald [pfälzerwald] entgegen, wenn er in den Landauer Ferienwochen zu Verwandten der Verwandten in die nahen Berge und auf den Neukasteller Hof durfte. Hoch ragt darüber aus Waldeshöhen der bunte Sandsteinfelsen empor, der einst ein römisches Kastell und dann die Reichsfeste Neukastell trug, bis sie nach wechselvollen Geschicken bei den Raubzügen Ludwigs XIV. von Grund aus zerstört ward. Ein Halbgewachsener war er, in den Jahren des Schweifens und Stöberns, als er zum ersten Male dorthin kam – wo er heute als Herr schaltet – und er entsinnt sich noch genau, mit welchen Indianergefühlen er sich zusammen mit den Kameraden den mühsamen Weg durch das Unterholz der Kiefern und Edelkastanien und all das Geranke von Brombeeren und Heiderosen, die den Anstieg zum roten Felsen vergittern, gewühlt hat, wie der versteckte Zugang und dann die verwegene Lage der Ruine mit ihrer Felsenkammer und den vielen erklärlichen und unerklärlichen Spuren der einstigen Ritterfeste die kecken Einfälle und Streiche in ihm entzündet haben. Und ringsum Wald, nach Westen zu unermeßlich der Wasgenwald! Aus solcher Waldesstimmung, vom regen Bürschchen in Schlichen und Gefahren Jahr für Jahr erlebt, vom reifen Manne nie vergessen, sind später dann die Illustrationen zum Lederstrumpf entstanden.

[…]

In Frühjahr 1898 heiratete er. Er heiratete die Freundin und Vertraute aus dem Haus in der Pfalz, wo er so viele glückliche Ferienwochen als Knabe und als junger Mann verbracht hatte. Nun zog er abermals den Waldweg hinauf zum Neukasteller Hof [der slevogthof & der garten oberhalb von leinsweiler sind heute wegen renovierung geschlossen …], […].

  

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herbstgarten / ‘theorie der gartenkunst’ von christian cay lorenz hirschfeld

Die Natur ist in dieser Zeit nur noch beschäfftigt, den Segen ihrer letzten Früchte abzuliefern, und bereitet sich allmälig zu ihrer Ruhe vor. Die Blätter beginnen zu welken, und zu fallen; die Kraft des Wachsthums und des Lebens wird erschlafft; alles, selbst bis auf den Tag, nähert sich der Abnahme. Indessen fehlt es dem Herbst, noch außer den frohen Scenen der letzten Aerndte und außer den Festen der Weinlese, nicht an Anmuth. Die Hitze ist zu einer milden Wärme gemäßigt. Eine feyerliche Stille schwebt über Fluren und Wälder. Der Himmel schmücket sich mit einer sanften Heiterkeit; die leichten Gewölke, die zuweilen an seinem blauen Gewölbe erscheinen, stehen wie silberne Spiegel, oder wie kleine Malereyen, welche die allgemeine Einfärbigkeit unterbrechen, und bald röthliche Hügel mit grauen Thälern, bald andere landschaftliche Bilder nachzuahmen scheinen. Die Morgennebel, die das Laub der Bäume langsam tödten, erfrischen das Grün der Rasen. Und welche malerische Schauspiele, wenn sich aus ihnen das Licht des Tages entwickelt, und eine neue Schöpfung in verklärter Schönheit hervorsteigt! Stille, dankbare Behagung über die letzten Wohlthaten der Natur und sanfte Melancholie bey dem Anblick der Scenen, die nichts mehr zu hoffen übrig lassen, bey den trüben Scenen der Vergänglichkeit, sind die beyden Hauptempfindungen, die der Herbst erregt. Der Geist übergiebt sich der Ruhe zu ernsthaften Betrachtungen, und über alle Empfindungen verbreitet sich eine gewisse unbeschreibliche Milde, gleich einem schönen Herbstabend, der die leichten ihn umschwebenden Thaugewölke mit lieblicher Rosenhelle durchgießt.

Die Wälder und Gebüsche stellen uns in dieser Jahreszeit ein neues Schauspiel der Farbenmischungen vor Augen. Im Sommer war die ganze Natur in Grün gekleidet. Jetzt wandelt es sich nach und nach von einem Ton zum andern, von dem Blaßgrünen und Gelblichen bis zu dem Röthlichen, Dunkelrothen und Braunen, mit unendlich verschiedenen Abfällen und Schattirungen. Durch diese Veränderung des Laubes giebt schon die Natur Gemälde, die der Frühling und Sommer bey aller ihrer Schönheit nicht haben.

[…]

Andere wilde Bäume und besonders Sträucher tragen im Herbst Beeren von gelber, blauer, vornehmlich rother Farbe, die nicht allein den Haynen und Gebüschen ein schönes und muntres Ansehen geben, sondern sie auch durch Herbeylockung der Vögel beleben, und das Vergnügen des Vogelfangs begünstigen. […]

Doch ist der Herbst besonders die Zeit der Reifung so vieles trefflichen Obstes, dessen Einsammlung ein wahres Fest der Natur ist. Nicht weniger tragen die mancherley Baumfrüchte, sowohl durch ihre Formen, als auch durch ihre milden und lebhaften Farben, zur Verschönerung der Herbstscenen bey. Der Weinstock besonders fordert hier seine Stelle. Man kann ihn brauchen, bald zur Umkränzung der Pflanzung, bald zu Lauben oder Bogengängen; man kann ihn an den Wänden der Gebäude hinaufleiten, oder ihn an andern Stämmen hinaufklettern und von Baum zu Baum herüberhängen lassen. In Gegenden, deren Klima den Weinbau begünstigt, ist ein kleiner Weinhügel ein fast nöthiges Zubehör des Herbstgartens, wenn er nicht schon in der Nachbarschaft von Weinbergen liegt.

[…]

Fast alle diese malerischen Veränderungen, die der Herbst hervorbringt, sind nur von kurzer Dauer; aber Beobachtung und Geschmack können sie doch zum Genuß nicht bloß anhalten, sondern selbst zu einer längern Folge vereinigen. Der Gartenkünstler muß allen den schönen Zufälligkeiten, welche diese Jahreszeit in seiner Gegend begleiten, immer einen aufmerksamen Blick widmen; er wird seine Beobachtung belohnt sehen, indem er der Natur die anmuthigsten Gemälde ablauscht. Bey der Mischung der Farben in Bäumen und Sträuchern kann er eine Mannigfaltigkeit von Verbindung und Gegenstellung zeigen, die keine andere Jahreszeit kennt. […]

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 4, leipzig, 1782

 

der zaun / ‚gras darf nicht mehr wachsen‘ von hermann mattern

Der Zaun

[…]

Mit dem Sündenfall beginnt die Arbeit, die cultura – und damit die Ausbeutung. Die Menschen erfanden hierzu zwei Wirtschaftsformen. Sie zähmten Tiere, oder sie pflanzten.

Um Tiere zu halten, mußten sie eingesperrt werden. Um die Pflanzen vor unliebsamen Störungen zu schützen, mußten sie eingehegt werden.

[…]

Von ihrem Standort aus ineinandergebogene Ranken, Halme und Äste bildeten wahrscheinlich den ersten Zaun. Später mögen es zusammengeflochtene dornige Zweige gewesen sein und noch später Pfosten aus jungen Bäumen, dicht an dicht gerammt. Wie dabei das Problem des Einlasses, des Tores, gelöst war, bleibt ein Rätsel.

Voraussetzung für diese Art von Einzäunung war das Vorhandensein von Wald, zumindest von Bäumen, deren Astgabeln im nächsten Stadium als Ständer benutzt wurden, die mit darübergelegten Firsthölzern zu einer lockeren Verbindung kamen. Der Firstbaum regte zu der ersten Holzkonstruktion an, auf der bis heute das Prinzip des Ständerhauses mit Giebeldach variiert wird.

Wo die Vegetation keinen Baustoff lieferte, wurden Steine zum Einfriedigen benutzt. Auch diese Methode ist bis heute in Gebrauch und wurde ebenfalls bis zum Hausbau vervollkommnet.

Zäune aller Art, Grenzbäume, Schranken, Maschendrahtgewebe, Weidedrähte und Oberleitungen über Masten „schmücken“ seitdem in zunehmenden Maße unsere Landschaften. […]

Die weit weniger aufwendigen und auffallenden Wälle und Gräben, aus dem Bodenrelief selbst entwickelt, die lebende Hecke und das trockengeschichtete Mauerwerk aus den im Feld bei der Kulturarbeit aufgelesenen Steinen, verschwinden mehr und mehr aus den Wirtschaftslandschaften. Sie aber gerade sind es, die die Landschaft, ebenso wie der Gartenzaun sein Gehege, vor der Aushagerung des Bodens bewahren sollen, die helfen, ein Kleinklima zu schaffen, das dem Verbrauch des so wertvollen Humus entgegenwirkt.

Durch den Verbau offener, gepflügter oder gemähter und beweideter Flächen mit Hecken, Waldstreifen, Zäune, Mauern wird der Kulturbedingte Verlust an Boden gemindert, den Windbrecher verhindern Erosionen.

[…]

Das Aussondern von Land durch das Setzen eines Zaunes zum Schutz oder zur Abwehr ist der Beginn dessen, was wir heute Kulturtechnik nennen. Bodenverbesserung, Bodenerhaltung, Wasserentzug und Wasserzufuhr, das Austrocknen versumpfter Flächen einerseits und künstliche Bewässerung von Trockengebieten anderseits, Dränagearbeiten und Ödlandaufbereitung und das Abfangen rutschender Hänge und Böschungen durch Faschinen (z.B. an den Autobahnen) – das Ausheben von Gräben, der Kanalbau, das Anlegen von Terrassen, Weinbergsarbeiten, Reiskulturen – das Anpflanzen von Hecken, Waldschutzstreifen, der Wirtschaftswegebau, die Neulandgewinnung (z.B. das Einpoldern in Holland) und das Verbauen von Abschwemmungen, das Eindeichen von Deltabildungen, das Begradigen von Bächen und Flüssen, der Wildbachverbau und schließlich auch die Flurbereinigung sind meliorative Maßnahmen der Kulturtechnik.

Die gehenläufige Doppelwirkung des Ausgangsobjektes, nämlich des Zaunes als Schutz wie auch als Abwehr, sondert Land aus oder friedet es ein, verbessert es oder verfremdet es. Diese Zweischneidigkeit ist in allen meliorativen Maßnahmen gegeben.

[…]

hermann mattern, ‚gras darf nicht mehr wachsen: 12 kapitel über den verbrauch der landschaft‘, bauwelt fundamente 13, hrsg. v. ulrich conrad, berlin/frankfurt/m., 1964.

weinberg / ‘theorie der gartenkunst’ von christian cay lorenz hirschfeld + die pfalz

Weinberg.

Weinberge gehören zu dem Nützlichen. Allein sie machen zugleich die schönsten Gegenstände für das Auge in allen Landschaften aus, die ein wärmerer Himmel mit ihrem Segen schmückt. Der Reisende, an dessen Straße sie empor grünen, erfrischt sich bey ihrem Anblick, der Cultur und Fröhlichkeit ankündigt; und die Festtage der Weinlese stellen so viele heitre Scenen dar, daß jeder Freund der Natur und des Menschen gerne an ihnen Theil nimmt, gerne sie mit einem frohen Nachgenuß in den Gemälden der Dichter und der Landschafter wieder erblickt.

Ein Weinberg kann als eine besondre Gattung von Gärten angesehen werden; und in manchen Landschaften sieht man keine andre, als diese. Seine Lage auf sonnigten Anhöhen oder an hügeligten Abhängen giebt ihm einen Charakter von Heiterkeit, der sich schon bey der Annäherung ankündigt. Man genießt hier eine freye Aussicht, und athmet voll Ruhe in einer reinern Luft. Wird das Auge durch den Anblick eines Sees, der in der Niedrigung dahin wallet, oder eines vorüberfließenden Flusses, oder eines Gemisches von Wiesen und Landhütten, die unter ihm in der Tiefe ruhen, ergötzt; so hat die Lage einen so frischen und doch so sanften Reiz, der dieser Gattung überaus angemessen ist. Der Charakter eines Weinbergs ist Einfachheit. Er verträgt keine fremden Pflanzungen. Allein die Weinstöcke ergötzen nicht nur durch das Liebliche der Ueberschattung und durch die Erwartung der edlen Früchte; sie lassen sich auch zu kühlen Bogengängen bilden, in welchen die reifenden Trauben aus dem dichten Laubdach anlockend sich hervordrängen und herabhangen; an den Seiten können andre Spazierwege bald frey, bald leicht überschattet, dahin laufen, oder kleine Reblauben sich wölben. Das Vergnügen des Spazierganges kann sich hier mit der Ruhe und der sanften Anmuth der Aussichten vereinigen. Auf der Höhe kann ein Tempel, dem wohlthätigen Gott des Weins gewidmet, und mit den Sinnbildern seiner Freuden bezeichnet, oder mit den tanzenden Figuren der Satyren umgeben, leicht und fröhlich erbaut, zwischen den geselligen Umarmungen von Epheu und Reben emporsteigen; und unten am Eingange des Weinberges mag eine Hütte, die Wohnung des Winzers, nachläßig ruhen. Der Tempel kann inwendig zur Bewohnung für einige Personen eingerichtet werden, oder die nöthigen Bequemlichkeiten für einen kurzen Aufenthalt des Besitzers enthalten. Ruhe und liebliche Einfalt herrsche durch den ganzen Bezirk. Seine schönern Tage schenkt dem Weinberg der Herbst, in dessen Scenen er selbst ein überaus interessanter Theil seyn kann, indem das mildere Sonnenlicht zwischen den dünnern, falben, sich malerisch ändernden Blättern die blauen und gelben Trauben höher färbt, und mit jedem entwölkten Mittag der Lüsternheit reizender entgegen schwellen läßt.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 5, leipzig, 1785. Weiterlesen

sommer“frische“ (südliche weinstrasse)

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reberziehung als minimaliste skulptur: der kammertbau

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kammertbau in landau, detail, ‚wahre contrafehtung der reichstatt landaw, wie sie zu unsern zeiten in der mawren steht‘, gezeichnet von ws, geschnitten von jakob clauser, aus sebastian münster, ‚cosmographia‘, basel 1547 ff. (erstausgabe, 1544)

Kammert f.: ‚Weinspalier‘, Kammert (kaməʳd) […]; K. Mache ‚Biegen und Anbinden der Rebstöcke mit Kammertband mittels Kammerthaken an das Spaliergerüst‘, früher bestehend aus den dickeren Länderichbalken und den damit parallel verlaufenden Trudelstangen (vgl. Pfwb Trudel 2), heute größtenteils aus Länderichdraht und Trudeldraht. Mancherorts ist in der Bezeichnung K. Mache auch der Bau des Spaliergerüstes mit inbegriffen (s. PfWB kammerten 1 u,. 2) […]; vgl. PfWB länderichen, PfWB trudeln 1. – Aus lat. (vinea) camerata ‚Weinspalier, -laube‘, zu Camerare ‚wölben‘, […]

‚pfälzisches wörterbuch‘, begründet von ernst christmann, stuttgart, 1965–1998.

kammertbau auf dem vulkan

Fenster haben die Häuser der alten Griechen und Römer fast nie gehabt; Licht und Luft kamen aus dem Lichthof im Innern, einer Öffnung im Dach, der auf dem Erdboden ein Bassin entsprach, in das der Regen fiel. Die fensterlosen Mauern, die schon immer etwas Strenges hatten, machen jetzt, da alle Farbe von ihnen verschwunden ist, die Straßen doppelt ernst. Der Vesuv aber mit seinen Wäldern am Fuß und den Weinbergen in der Höhe sieht nirgends schöner und lieblicher aus, als wenn er hier über den starren Mauern oder in der Öffnung eines der drei oder vier Tore von Pompeji, die heute noch stehen, erscheint.

walter benjamin ‚untergang von herculanum und pompeji‘ / rundfunkarbeiten, radiosendung vom 18/09/1931

eine der ältesten darstellungen einer kammert-ähnlichen anlage findet sich auf einem bild des bacchus, des gottes des weines. das fresko ‚bacco e il vesuvio‘ (68–79 n. Chr.), aus der casa del centenario in pompeji wurde 1879 ausgegraben und hängt heute im museo archeologico nazionale di napoli. das bild gehörte zum lararium, dem kultschrein der hausgötter bzw. der familie, des hauses.

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ill. aus salomon reinach, ‚répertoire de peintures grecques et romaines‘, paris, 1922.

Hic est pampineis viridis modo Vesbius umbris,
presserat hic madidos nobilis uva lacus:
haec iuga, quam Nysae colles plus Bacchus amavit,
hoc nuper Satyri monte dedere choros.

martial, ‚epigrammaton‘ (IV.44, ca. 85–103 n. Chr.)

bacchus steht neben einem berg, der zumeist für die älteste darstellung des vesuv (vor dem ausbruch im jahre 79 n. Chr.) gehalten wird. am fusse des berges sind „kammern“ für den weinbau zu erkennen, iugatio compluviata. iugatio deut. anbinden der reben an querbalken; compluviata von compluvium – com- ‚zusammen- und pluvia regen – deut. die architektonische bezeichnung für die viereckigen dachöffnungen über dem säulenhof eines römischen hauses. ähnliche antike methoden der reberziehung, heute teilweise noch zur dekoration und als sonnenschutz verwendet, sind pergulae (vorbau oder pergola) und trichilae (laube). die schriftlichen zeugnisse über den römischen weinbau finden sich bei marcus terentius varro in ‚rerum rusticarum‘ ( I, 8,2, 37 v. chr.) und in der ’naturalis historia‘ (XVII 164 ff.) von plinius dem älteren (der beim ausbruch des vesuvs starb).

vom vesuv an die haardt

der wein kam mit den römern über die alpen und an die hänge des pfälzerwaldes. in der rheinpfalz und im elsass war der kammertbau in unterschiedlichen versionen, es wird zwischen offenem (pfähle in einer reihe werden mit balken verbunden) und geschlossenem kammertbau (pfähle werden durch querbalken verbunden) unterschieden, in den weinbergen bis anfang des 20. jh. verbreitet.

Die Edenkober Kammer-Erziehungsart.

[…]: die Stöcke haben nur einen Schenkel mit zwei Bogreben und Zapfen, die Reihen stehen vier Fuß von einander, die Querlatten sind fünf Fuß von einander, und der Länge nach laufen drei Latten, woran die Bogreben geheftet werden, so daß der Raum zwischen den Länge-Druthern [latten] fast ganz frei bleibt, und die Sonne den Boden bescheinen kann. Um zu bewirken, daß die Sonne recht kräftig eindringen kann, so werden gegen den Herbst alle Lotten, welche den Raum bedecken, längs der Druther abgeschnitten, wodurch längs der Kammern eine offene Lücke entsteht.

Diese Erziehungsart findet man am obern Haardtgebirg, bei Edenkoben, Rhodt, Edesheim und anderen Orten. Man erzieht daran den Sandtraminer, den rothen Traminer, den Gutedel, Alben, grünen Sylvaner und andere Varietäten. Man findet diese Erziehungsart gegen das untere Haardtgebirg, allmählig modificiert, und endlich in die einfachen niedern Rahmen übergehend. So z.B. unter Maikammer fehlen schon die zwei langen Seitenlatten und weiter abwärts auch die Querlatten.

johann metzger, ‚der rheinische weinbau in theoretischer und praktischer beziehung‘, heidelberg,1827.

heute fahren vollernter duch spalierreihen. zur zeit des kammertbaues stieg man in den weinbergen beim beschneiden und ernten der reben von kammer zu kammer. eine mühsame und zeitraubende methode mit hohem verbrauch an holz (eiche oder → keschde)…

ab 1863 bemühte sich karl heinrich schattenmann – minendirektor in buchsweiler (bouxwiller im elsass, département bas-rhin) und generalrat im französischen landwirtschaftsministerium – bei seinem 1812 erworbenen weinschlössel in rhodt unter rietburg um die einführung neuer anbaumethoden und überliefert die methode für die nachwelt:

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Größtentheils wird die Rebe an Pfähle oder Rebstecken befestigt, im Bezirk Weißenburg und in der obern Rheinfalz jedoch ruht die Rebe auf einer Laube, die Kammer genannt wird. Diese Kammer ist, wie folgt, gebaut: ein aufrechtstehender hölzerner Pfahl, Stiefel, genannt, der an einem Ende zugespitzt und 1 m,30 lang, 0 m,10 breit, 0 m,05 dick ist, wird 0 m,50 tief, so daß er 0 m,80 aus der Erde hervorragt, in den Boden geschlagen. Von je 0 m,84 zu 0 m,84 Entfernung wird ein solcher Stiefel eingeschlagen und zwar in derselben Linie in welcher die Rebstöcke gepflanzt werden. Eine Stange, in viereckig gespaltenem Holze, Balken genannt, von 4 Meter Länge, 0 m,04 Dicke, verbindet die Stiefel und ruht auf einem Einschnitt in denselben. Drei auf diese Weise gebildete Linien werden vermittelst einer ähnlichen Stange quer auf eine Entfernung von 1 m,12 verbunden. Zwei dünnere ebenfalls viereckig gespaltene Stangen, welche man Drutteln nennt und die 0m,02 dick sind, werden zu beiden Seiten der Hauptstange auf 0 m,28 Entfernung befestigt und bilden so eine 0m,60 breite Laube, auf welcher die Rebe ruht; letztere hat einen 0 m,80 hohen Stamm, von dem die Tragreben ausgehn. Die Entfernung zwischen den Zeilen der Rebstöcke beträgt 1 m,40.

[…]

Der Kammerbau, den ich seit meiner Kindheit betrieben und beobachtet habe, scheint mir in vieler Hinsicht mangelhaft und die Ursache zu sein, warum, in den Gegenden wo er besteht, die Produkte, sowohl hinsichtlich der Quantität als der Qualität, nicht befriedigend sind. In der That hat die Rebe Sonne und Luft nöthig; ihr Wachsthum ist kräftiger wenn der Stock nahe am Boden ist, wo die Stöcke durchschnittlich 0 m,80 hoch sind und wo die auf der Kammer ausgebreiteten Tragreben den größten Theil des Bodens beschatten und den Zutritt der Sonne, des Lichts und der Luft verhindern; ein großer Theil der Trauben welche unter der Kammer hängen, sind gänzlich der Sonne und des Thaues beraubt. […]

Dieser doppelte Bau ist ungenügend, so daß in der späten Jahreszeit die Weinberge immer mit Unkraut bewachsen sind.

Der Schnitt der Reben ist gleichfalls fehlerhaft; der Frühjahrsschnitt besteht darin, jedem Rebstocke zwei oder drei Tragruthen, welche gebogen werden und Bogenreben heißen, und zwei oder drei Zapfen oder Knebel auf drei Augen beschnitten, zu lassen.

karl heinrich schattenmann, ‚denkschrift über den weinbau in den departementen des ober- und niederrheins und in rheinbayern‘, straßburg, 1863.

die neuen methoden waren erfolgreich. sie waren nicht so arbeitsintensiv (bis zum heutigen vollernter), die reben bekamen mehr licht, etc. die landschaft an der südlichen weinstrasse veränderte sich…

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kammertbau unterhalb von  ’schloss ludwigshöhe. edenkoben. pfalz‘, stahlstich von johann poppel nach ludwig rohbock, um 1850.

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spaliererziehung am weinschlössel von charles henri hancké, aus schattenmann, ‚denkschrift‘, 1863.

2012 wurde zu ehren von schattenmann gegenüber „seines“ weinschlössls eine kammertbau erichtet. in edenkoben befindet sich ein musterwingert im kammertbau am ‚edenkobener weinlehrpfad‘.

virtuelles lapidarium: kammertbau als ‚primary structure‘?

formalistisch gesehen erinnert das gerüst für den kammertbau an eine skulptur der minmal art:

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ill. aus johann philipp bronner ‚der weinbau am haardtgebirge von landau bis worms‘, ‚der weinbau in süd-deutschland‘, bd. 1, heidelberg, 1833.

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‚peace of münster‘ von carl andre, 1984, im lichthof des westf. landesmuseum für kunst und kulturgeschichte (heute: lwl-museum für kunst und kultur), münster; katalog ’skulptur projekte münster 1987’…

reihung, wiederholung und (vor)industrielle fertigung. eine ‚primary structure‘ für den „eigenen garten“?

rhodter schlossberg

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ein alter rebstock – vitis vinifera ‚malvasia‘ – an der mauer des wingert des weingutes seitz-schreiner in rhodt unter rietburg. lage: rhodter schlossberg.

Rhodter Schlossberg Höhenlage

kommt für Kenner stets in Frage

die lukullisch sind verwöhnt

der das Leben uns verschönt.

karl steigelmann*

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fast ein hortus conclusus: die sandstein-mauer zur theresienstrasse mit alten rebstöcken.

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sonnenbad auf einem rebstock: podarcis muralis / mauereidechse.

* die verse von karl steigelmann zu den ‚rhodter weinlagen‘ befinden sich – mir wandgemälden des malers klaus bergmann – im kelterhaus des weinschlössel in rhodt unter rietburg. cf. dr. burkhard aschhoff, ‚das weinschlössel in rhodt unter rietburg: geschichte eines schlosses in der pfalz und seine erbauer und bewohner‘, rhodt 2013.

weingarten

weingarten

Ein besonderer Garten ist überflüssig, alles Land ringsumher ist, so weit das Auge reicht, ein großer Garten

ludwig I., könig von bayern