„Die beste Zeit, diese Bäume zu köpfen oder zu beschneideln, …“ / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Behauen.

Das Behauen, Schneideln, oder das sogenannte Köpfen der Bäume. Man pflegt, wie bekannt ist, in den Gegenden, wo das Holz mangelt, viele Weiden, Pappeln, Elern, Ipern und dergleichen Bäume zu pflanzen, um denselben alle drey oder vier Jahre zu dem nöthigen Zaun – und Brennholze ihre Gipfel zu benehmen. Und in der That verdienen auch diese Plantagen die größte Aufmerksamkeit bey der Landdwirthschaft, besonders bey denjenigen Einwohnern, welche noch dazu Mangel an Torf haben. Um aber der Faulheit und dem Vorurtheil ihrer Vorfahren lediglich zu folgen, so pflanzen unsere Einwohner gar nicht, ob sie gleich Platz und Gelegenheit im Ueberfluß zu dergleichen Plantagen haben. Sie schwächen und ruiniren lieber durch ihre Nachläßigkeit die Wälder, in welchen sie gemeiniglich der Hagebuche, der Eiche und der Esche, um den nöthigen Busch zum Zäunen und zum Brennen zu haben, den Kopf wegnehmen und abhauen. Sie betrachten im geringsten nicht, daß das Behauen der Gipfel dieser Bäume das Leben derselben in Gefahr setze, oder wenigstens sie so verletze, daß viele Bäume an ihren Stämmen jährlich mehr ab – als zunehmen. Denn der Anwachs des neuen Gipfels kann das Wachsthum des ganzen Baums ans der natürlichen Ursache nicht ersetzen, weil alle dergleichen Bäume nicht leiden, daß man ihnen ihre Zweige nehme, indem sie die mehresten derselben zur Heranlockung ihrer Nahrungssafte nöthig haben. Werden ihnen diese benommen, so werden die Bäume darüber so geschwächt, daß sie krumm, knorricht, voller Moos, und sehr kümmerlich werden, daß sie zuletzt darüber hinsterben müssen. Dies ist auch die Ursach, warum viele Theile unsrer Wälder ganz verstümmelt da stehen. Allein die mehresten Landleute haben weder Erfahrung noch eine Kenntniß in der Naturlehre, indem sie gemeiniglich nach dem alten Gebrauch auf das Gerathewohl säen und pflanzen. Denn es wird was seltenes seyn, wenn man einen unter ihnen findet, der sich um das Wachsthum der Pflanzen bekümmert, weil den mehresten die nöthigen Einsichten hiezu wegen der Blödigkeit des Verstandes fehlen. Man muß ihnen also auch billig vieles zu gute halten, und die Schuld mehr den Oberaussehern des Forstwesens zuschreiben. […]

Die beste Zeit, diese Baume zu köpfen oder zu beschneideln, ist, sobald ihr Laub abfällt, indem sie alsdann keinen Saft mehr fliessen lassen. Denn durch den wenigen zu der Zeit sich bewegenden Saft wird die Wunde gemeiniglich noch vor einbrechender Kälte geheilt, daß im Frühling, wenn alles wieder in Bewegung tritt, der Saft einzig und allein zum Wachsthum der neuen Triebe verwendet wird. […]

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westfälischer friede: „Ihr Gärtner werdet dann zu Marckt können fahren …“

[…]

Ihr Bauren spannet an die starcken AckerPferde/ klatscht mit der Peitschen scharff/ die Pflugschar in die Erde/ Säet/ Hirsche/ Heidel/ Korn/ Hanf/ Weitzen/ Gersten auß/ Kraut/ Ruben/ Zwiebeln/ Kohl/ füllt Keller/ Boden/ Hauß.

Ihr Gärtner werdet dann zu Marckt können fahren/ und lösen manchen Batz auß euren grünen Wahren/ dann kehret ihr mit Lust fein in ein Küchlein ein/ und esst ein stücklein Wurst und lescht den Durst mit Wein: Juch/ Juch/ ihr seyt befreyt von tausend Nöthen/ und schlaffet biß es tagt mit euren Bauren Greten.

[…]

friedensreiter von münster: „Neuer Auß Münster vom 25. deß Weinmonats im Jahr 1648. abgefertigter Freud= und Friedenbringender Postreuter“, flugblatt anlässlich der unterzeichnung des friedensvertrages am 24. oktober 1648.

pückler fährt durch die niederlande: landschaft als garten & die kultivierung der heide / ‚briefe eines verstorbenen‘ von hermann von pückler-muskau

Rotterdam, den 25sten [september 1826]

[…], und wirklich von magischer Wirkung ist dagegen der weite Garten, welcher sich zwischen Arnheim und Rotterdam ausbreitet. Auf einer Chaussée, von Klinkern (sehr hart gebrannte Ziegel) gebaut, und mit feinem Sande überfahren, eine Straße, die durch nichts übertroffen werden kann, und nie auch nur die schwächste Spur eines Gleises annimmt, rollte der Wagen mit jenem leisen, stets den gleichen Ton haltenden Gemurmel des Räderwerks hin, das für die Spiele der Phantasie so einladend ist. Obgleich es in dem endlosen Park, den ich durchstrich, weder Felsen noch selbst Berge giebt, so gewähren doch die hohen Dämme, auf welche der Weg zuweilen hinansteigt, die Menge, große Massen bildender Landsitze, Gebäude und Thürme, wie die vielen aus Wiesen, Ebnen, oder über klare Seen auftauchenden kolossalen Baum-Gruppen, der Landschaft eben so viel Abwechselung von Höhe und Tiefe, als malerische Ansichten der verschiedensten Art; ja ihre größte Eigenthümlichkeit besteht eben in dieser unglaublichen Bewegung und Mannichfaltigkeit der Gegenstände, die ohne Aufhören die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Städte, Dörfer, Schlösser mit ihren reichen Umgebungen, Villen von jeder Bauart mit den niedlichsten Blumengärten, unabsehbare Grasflächen mit Tausenden weidender Kühe, Seen, die im Umfang von 20 Meilen blos durch Torfstich nach und nach entstanden sind, unzählige Inseln, wo das baumlange Schilf, zum Decken der Dächer sorgfältig angebaut, Myriaden von Wasservögeln zur Wohnung dient – alles bietet sich fortwährend die Hand zu einem freudigen Reigen, in dem man wie im Traume durch flüchtige Pferde fortgerissen wird, während immer neue Palläste, immer andere Städte am Horizont erscheinen, und ihre hohen gothischen Thürme in dämmernder Ferne mit den Wolken sich verschmelzen. Eben so läßt in der Nähe eine oft groteske und stets wechselnde Staffage keinem Gefühl der Einförmigkeit Raum. Bald sind es seltsam mit Schnitzwerk und Vergoldung verzierte Wagen ohne Deichsel, und von Kutschern regiert, die in blauen Westen, kurzen schwarzen Hosen, schwarzen Strümpfen und Schuhen mit ungeheuren silbernen Schnallen, auf einer schmalen Pritsche sitzen; oder zu Fuß wandernde Weiber mit sechs Zoll langen goldnen und silbernen Ohrringen behangen, und chinesischen Sommerhüten, gleich Dächern auf den Köpfen; bald zu Drachen und fabelhaften Ungethümen verschnittene Taxus-Bäume, oder mit weiß und bunter Oelfarbe angestrichene Lindenstämme, asiatisch mit vielfachen Thürmchen verzierte Feueressen, absichtlich schief liegend gebaute Häuser, Gärten mit lebensgroßen Marmor-Statuen in altfranzösischer Hofkleidung durch das Gebüsch lauschend, oder eine Menge 2 – 3 Fuß hoher, spiegelblank polirter Messingflaschen auf den grünen Wiesen am Wege stehend, die wie pures Gold im Grase blinken, und doch nur die bescheidne Bestimmung haben, die Milch der Kühe aufzunehmen, welche daneben von jungen Mädchen und Knaben emsig gemolken werden – kurz eine Menge ganz fremder ungewohnter und phantastischer Gegenstände bereiten jeden Augenblick dem Auge eine andere Scene, und drücken dem Ganzen ein vollkommen ausländisches Gepräge auf. Denke Dir nun dieses Bild noch überall in den Goldrahmen des schönsten Sonnenscheins gefaßt, geziert mit der reichsten Pflanzenwelt, von riesenhaften Eichen, Ahorn, Eschen, Buchen bis zu den kostbarsten ausgestellten Treibhaus-Blumen herab, so wirst Du Dir eine ziemlich genaue, und keineswegs übertriebene Vorstellung von diesem wunderbar herrlichen Theile Hollands machen können, und dem hohen Vergnügen meiner gestrigen Fahrt.

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„Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, …“ / ‚grundrisse der kritik der politischen ökonomie‘ von karl marx

So schafft das Kapital erst die bürgerliche Gesellschaft und die universelle Aneignung der Natur wie des gesellschaftlichen Zusammenhangs selbst durch die Glieder der Gesellschaft. Hence the great civilising influence of capital; seine Produktion einer Gesellschaftsstufe, gegen die alle frühren nur als lokale Entwicklungen der Menschheit und als Naturidolatrie erscheinen. Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf, als Macht für sich anerkannt zu werden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen Gesetze erscheint selbst nur als List, um sie den menschlichen Bedürfnissen, sei es als Gegenstand des Konsums, sei es als Mittel der Produktion, zu unterwerfen.

karl marx, ‚grundrisse der kritik der politischen ökonomie‘, (oktober 1857 bis mai 1858), zitiert nach mew marx-engels-werke, band 42, berlin 1983

„raus aus dem garten!“

mit anke schmitz (garten auf freigang) in der ausstellung ‚thomas gainsborough. die moderne landschaft‘ in der hamburger kunsthalle:

gruenesblut.net

 

’stadtlandschaft – flurlandschaft‘ von ernst may & hermann mattern

Von besonderer Bedeutung ist die systematische Durchgrünung der Städte mittels eines zusammenhängenden Grünsystems, das darauf abzielt, sämtliche Parks, Sport- und Erholungsplätze sowie freien Grünräume innerhalb eines Stadtkörpers so miteinander zu verbinden, daß der Bewohner in möglichst ungebrochenem Zuge vom Stadtinneren in das zusammenhängende Grün der Umgebung gelangen kann. Je intensiver die Motorisierung des Verkehre zu fortschreitender Vergiftung des innerstädtischen Luftraumes führt, um so wichtiger ist das sauerstofferzeugende, kühle und schalldämpfende Grün im städtischen Raum. Hierbei ist es keineswegs erforderlich, bei solchen Grünräumen vorwiegend an kostspielige Parks zu denken, so wünschenswert und psychologisch wirksam auch einzelne Zentren landschaftsgestalterischer Konzentration sein mögen. Vielmehr kann ein Großteil der innerstädtischen Freiräume landwirtschaftlicher Nutzung vorbehalten bleiben, da gepflegte landwirtschaftliche Betriebe in gleicher Weise wie kleingärtnerische Anlagen den Menschen ästhetisch vollauf zu befriedigen vermögen. Unter allen Umständen sollte aber bei der Planung städtischer Räumen Rücksicht darauf genommen werden, die Bebauung – wo immer möglich – auf landwirtschaftlich geringwertige Böden zu verweisen und hochwertiges Gelände für die Agrarbewirtschaftung freizuhalten. Viel mehr Rücksicht als bisher sollte auch der Erhaltung wertvoller Landschaftsbilder gewidmet werden. In unverantwortlicher Gleichgültigkeit und einseitiger Überschätzung materieller Werte haben wir die Luft in großen Teilen unserer Ballungsräume verpestet und unsere Flüsse in Kloaken verwandelt, in denen die letzten Fische verenden. Es ist an er Zeit, daß die Menschen sich des nicht ernst genug zu nehmenden Schadens bewußt werden, […]. Sie müssen sich endlich mit allen Mitteln zur Wehr setzen, um eine weitere Verschandlung unserer Flußufer und sonstigen landwirtschaftlich wertvoller Gebiete zu verhindern.

ernst may, ’stadtlandschaft‘

Bis heute bleibt die Spannung zwischen Planierung und planender Vorsorge.  Zwischen Flurlandschaften und den natürlichen Kräften lebt auch heute noch der Mensch, wenn auch die Fluren sich jetzt zu Spannungsfeldern ausgeweitert und zu Wirkungsgefügen verflochten haben.

Die Bedingung für die Möglichkeit von Kultur ist also „Flur“, den F l u r heißt nicht mehr und nicht weniger als Plan, gemeint als das Planierte, das Eingeebnete. Früh schon wurde begriffen, daß sich jede Maßnahme zur Erhaltung des Lebens auf einer ebenn Fläche am leichtesten vollziehen läßt. […]

F l u r also ist das Planum mit dem Inhalt von planen, domestizieren und nivellieren.

Und was ist Landschaft?

Land entsteht etymologisch für Urland, Ödland, Brache und Hain, aber auch auch für Tal, wodurch eine gewisse Beziehung zu Flur angedeutet ist.

Land ist aber auch ein Rechtsbegriff, ist ja ein Staatsgebiet und als solches ein Gebiet einheitlichen Rechtes und in gewissen Sinne ein abgrenzbarer Ordnungsbegriff.

Die Silbe -schaft darf von schaffen, schöpfen, gestalten hergeleitet werden. Wir können das an anderen Wortbildungen mit -schaft kontrollieren; beispielsweise Eigenschaft, Nachbarschaft, Wirtschaft. Ebenso können wir folgern, daß Landschaft nichts anderes heißt als „beschaffenes“, bearbeitetes Land, dem Gestalt gegeben ist, das kultiviert ist und das durch Tätigkeit des Menschen in irgendeiner Form, zu irgendwelchem Zeitpunkt und bestimmt durch ziel und Zweck aus der Latenz seines lediglich Natürlichseins erhoben oder auch verstoßen worden ist.

F l u r l a n d s c h a f t ist die Grundlage allen Lebens, der Anfang – wenn es in einem Kreislauf Anfang und Ende gäbe – für alle weiteren Vorgänge des Seßhaft-werdens, des Sich-ansiedelns, des Bauens und des Städte-gründens auf der Erde.

Die Flurlandschaft ist der Boden der Tatsachen, und ihr gebührt das Primat vor Haus, Dorf, Stadt, Agglomeration, Ballungsraum, Stadtregion usw.

hermann mattern, ‚flurlandschaft‘

ernst may und hermann mattern, ’stadtlandschaft – flurlandschaft‘, hrsg. von der ava – arbeitsgemeinschaft zur verbesserung der agrarstruktur in hessen e. v., heft 16, wiesbaden 1964

knicks, bunte & einartige / ‚pflanzenkunde von schleswig-holstein‘ von willi christiansen

Das urwüchsige Gebüsch steht unseren Knicks sehr nahe. Er ist eine Eigenart atlantischer Gebiete Nordwesteuropas; von den Pyrenäen bis Skagen findet er sich in ungefähr derselben Ausbildung.

Bei der Verkoppelung, sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast überall durchgeführt wurde, wählte man allgemein den Wall als Begrenzung der Äcker. Hiermit war ein geeigneter Platz für die Knickpflanzung gegeben, zumal bei der Verkoppelung zahlreiche Feldgehölze verschwanden. Die Knickpflanzung wurde allerdings nicht überall sofort durchgeführt, sondern gerade da, wo sie am nötigsten war, auf der schleswigschen Geest, unterblieb sie vielfach zunächst, und erst um 1900 wurde sie namentlich durch die Förderung des „Knickverbandes“ weitergeführt. Und wieder nach einer Lücke von fast einem halben Jahrhundert, als die Windschäden sich im Jahr 1947 auf Millionen beliefen, wurden diese Bemühungen wieder in großem Umfange aufgenommen. […] Vielfach kann man noch heute dem Knick ansehen, in welcher Bauzeit er angelegt worden ist: Der alte Knick ist bunt, und der junge ist in seiner Zusammensetzung eintönig.

Diese Verschiedenheit ist auf die Entstehung zurückzuführen. Als Ende des 18. Jahrhunderts [die knicks angelegt wurden] da mußte der Wald hergeben, was er hatte: Jungholz von Bäumen, Eichen, Buchen und andere Bäume, dazu Sträucher aller Art. Mit dem Wurzelwerk ist auch sofort eine große Menge Stauden in den Knick getragen worden. […]

In diesen „bunten Knicks“ herrscht der Haselstrauch mit 35 % vor. Daß die Linde im Knick reichlicher vertreten ist als im benachbarten Wald, deutet auf ihre Verdrängung im Walde seit 150 Jahren hin. Unter den Stauden des „bunten Knicks“ finden sich nicht nur die gemeinen Waldpflanzen, sondern auch seltene (Maiglöckchen, Aronstab, Quirlblütige Maiblume, Vierblättrige Einbeere u.a.). Soweit die Buche nach Westen geht, stehen besonders Waldrispengras und Perlgras im Knick.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden Baumschulen, aus denen man Pflanzen viel bequemer erhalten konnte, und zwar gleich Tausende von einer Art. Daraus entstand der einartige Knick. […] Aber auch der einartige Knick wird mit der Zeit bunt. Vögel siedeln beerentragende Sträucher an: Holunder, Brombeere, Himbeere, Schleh- und Weißdorn, Pfaffenhütlein, Faulbaum, ferner Rosen.

willi christiansen, ‚pflanzenkunde von schleswig-holstein‘, neumünster 1938 (2. auflage 1955)

kulturlandschaften, wallhecken, gärten vor 100 jahren: bilder von hermann reichling

hermann reichling: naturschutz, politik & fotografie

ein naturschützer unterwegs mit der kamera in westfalen und, auf der flugroute der zugvögel, bis nach lappland. hermann reichling (1890-1948), promovierter ornithologe und naturschutzpionier, war von 1919-1948 direktor des provinzialmuseums für naturkunde in münster. mit einer unterberechung von 1933 -1945, von den nazis wegen „politischer unzuverlässigkeit“ abgesetzt: disziplinarverfahren und als „schutzhäftling“ von juni bis september 1934 im kz esterwegen im emsland, wo er bei der trockenlegung von mooren zwangsarbeiten musste und misshandelt wurde. nach seiner freilassung wurde er an den dümmer im oldenburger münsterland verbannt, „kaltgestellt“: nicht untätig, entstand bis 1945 dort eine einzigartige dokumentation der region. 1945 rehabilitiert und wieder direktor des naturkundemuseums starb er jedoch schon 1948 an den folgen der kz-haft.

in seiner amtszeit von 1926 bis 1933 als staatlicher kommissar für naturdenkmalpflege in der provinz westfalen, wurden fast 70 schutzgebiete ausgewiesen. 1932 befanden sich ca. ein fünftel aller naturschutzgebiete preussens in der provinz westfalen. reichling war gut vernetzt: er stand u.a. im kontakt mit max hugo weigold, gründer der vogelwarte helgoland, 1910, und später direktor der naturkunde-abteilung des provinzialmuseums in hannover, und mit hugo conwentz, direktor des westpreußischen provinzial-museums in danzig & autor des buches ‚die gefährdung der naturdenkmäler und vorschläge zu ihrer erhaltung‘ (berlin, 1904).

mehr als 10.000 negative, glasplatten, haben sich zwischen 1912 und 1948 im archiv angesammelt und einige filme, die reichling als pionier des naturfilms ausweisen. fotografiert hat reichling, neben den üblichen familienszenen, hauptsächlich bei erkundungen, der sich stetig durch den menschen verändernden kulturlandschaften und ihre fauna in nordwestdeutschland. ab 1926 wurde er von dem fotografen georg hellmund unterstützt, der bis 1966 für das naturkundemuseum arbeitete. die familie übergab den privaten nachlass an das lwl -museum für naturkunde (ehem. provinzialmuseums für naturkunde). das archiv wurde ab 2015 mit unterstützung der nrw-stiftung aufgearbeitet und digitalisiert. Weiterlesen

pflanzen im knick & „das Wilde in dem Künstlichen“ / ‚oeconomisch-practische anweisung‘ von nicolaus oest

Von der Besetzung der Erdwälle mit lebendigen Pflanzen.

[…]

§. 43.

Was die Wahl der Pflanzen anbetrift, so nimmt man überhaupt lieber die jungen, als die alten. Diejenige, welche eines guten Fingers Dicke haben, oder im Durchschnitt etwa einen Zoll halten, sind die besten. Je mehr Wurzeln daran sind, desto besser ist es, und je mehr Erde sie aus ihrem vorigen Lager mitbringen, desto gewisser werden sie bekleiben.

§. 44.

Welche Art von Heckenpflanzen man den Vorzug geben solle, wird vornehmlich von der Absicht desjenigen abhangen, der sie brauchen will. Manchem ist es nur um eine wehr= und dauerhafte, einem anderen zugleich um eine zierliche, noch anderen um eine Holz= und Fruchtbringende Hecke zu thun. Ersterer wir allen Arten von Dornen den Vorzug geben; der andere wir vornehmlich auf die Hagebuche verfallen und die letzteren gerne Ellern und Haselstauden haben wollen. Selten aber findet man, ausser in und um den Garten solche Hecken, die nur aus einer Pflanzenart bestünden. Man pflanzet vielmehr eines unter das andere, zuweilen wie es fällt, doch auch manchmahl mit einer gewissen Anordnung und Ueberlegung.

§. 45.

Von den hier gewöhnlichen Staudenarten, die man zu lebendigen Zäunen zu nehmen pflegt, habe folgendes angemerkt: […]

§. 46.

Der Weißdorn giebt eine dick durchgewachsene Hecke, und kann die scharfen Nordwinde gut aushalten, obgleich die zarte Frühlingssprossen von den kalten Winden und Nachtfrösten leichtlich Schaden nehmen, wodurch aber die Zweige desto stärker seitwärts treiben und den Busch dichter machen. Einige wollen sagen, daß wir hier zu Lande den rechten Weißdorn nicht oder sehr selten finden. Ich habe indessen angemerkt, daß wenn obige Art einen guten Boden und Schutz gegen die scharfen Winde hat, selbige eine weissere Rinde, grössere Blätter, längere Stachel und stärkeren Wachsthum habe, wie sonst.

[…]

§. 49.

Der Schleedorn macht an den Orten, wo er gerne wächset, ein Gewirre, dadurch so leicht nichts durchbrechen kann und steht im Sturm unbewegt. Er nimmt mit einem schlechten Boden vorlieb, wenn er nur leimicht ist. Weil er keine saserichte Wurzeln hat, so muß man von seinen langen Wurzeln zum wenigsten einen oder zwei Fuß mitnehmen, wenn man ihn verpflanzen will, und bei dem Setzen den Leim fest an die Wurzel treten. Sonst wird er schwerlich wachsen. Wo er aber anschlägt, da breitet er sich sehr aus. Daher ist es nöthig ihn durch einen Graben, oder durch fleißiges Aushacken in seinen Schranken zu halten. Er gibt sonst das allerbeste Buschwerk zu todten Zäunen.

§. 50.

Die Hagebuche empfiehlet sich theils durch ihre Schönheit, theils durch die gute Schutzwehr, die sie leistet, theils durch den nützlichen Gebrauch des Holzes. Denn es ist das feine Gesträuch nicht nur zu Besemen und Erbsenruthen, wie auch zum Brennen dienlich; sondern es dienet auch, wenn man es stärker werden lässet, wegen seiner Härte und Festigkeit den Tischlern und Drechslern zu verschiedenem Gebrauch, und den Müllern zu Zähnen oder Zacken in den Kammrädern.

[…]

§. 52.

Die Mastbuche thut ungeachtet ihrer höheren Bestimmung in den Hecken sehr gute Dienste, wenn man sie nur nicht zu hoch wachsen lässet und daher fleißig abkappet. Insbesondere hat eine Buchenhecke, die da beschnitten wird, dieses Vorzügliche, daß sie auch nicht einmahl im Winter durchsichtig ist, weil sie die welke Blätter behält, bis sie im Frühling wieder zu grünen anfängt, und die gelben Blätter gegen grüne vertauschet.

§. 53.

Die Hagebutte will keinen Beifall finden, weil sie sich selbst gelassen, im Untern die Hecke nicht verdicken, noch mit den übrigen Pflanzen in gesellige Ordnung treten will. Der Fliederbaum übet so gar über dieselbe Tyrannei aus. Vieleicht würden lauter Flieder sich am besten so wie lauter Habebutten zusammen schicken. Von letztern, (und zwar von der grossen Sorte,) habe ein Probe in dem Garten des Herrn Probsten Lüders gesehen, die mir sehr wohl gefiel. Die Gartenhagebutte kann nicht nur aus dem Kern, sondern auch aus Schnitzlingen, die man nur 6 bis 8 Zoll tief in die Erde steckt, vermehrt werden.

§. 54.

Die Haselstaude macht in den Hecken dieses Landes einen beträchtlichen Theil aus. Sie hält sich auch sehr gut, wenn sie auf Wällen steht, die von Osten nach Westen laufen. Haben diese aber ihre Richtung Süd und Nord, und die Westseite unbedeckt, so werden sie an dieser Seite kümmerlich stehen. Sind sie gleich an sich ncht sehr haltbar, welches größtentheils daher rühret, daß so wohl die schönsten Schöslinge, als auch die Früchte dem muthwilligsten Raube ausgesetzet sind; so verdienen sie doch wegen des Nutzens, den sie dem Besitzer leisten, eine vorzügliche Aufmerksamkeit und fleißige Wartung, welche vornehmlich darin bestehet, daß man den Graben oft vertirfe, und den Wall verstärke, als wodurch der Zaun am besten kann wehrhaft gemacht werden.

[…]

§. 57.

Von andern Pflanzen, die man hin und wieder in den Hecken findet, als Vogelbeer, Stechpalmen, Spillbaum, Ligustrum, Wesselbeer &c. wird nicht nöthig seyn besonders zu melden, weil man sie nicht leicht in solcher Menge beisammen findet, daß ganze Hecken daraus gemacht werden könnten. Ein fleißiger und curioser Landwirth macht vieles möglich, was man sonst nicht gesehen, und endecket manchen Vortheil, den voher niemand gewußt hat. […]

[…]

§. 59.

[…] Der Anfang ist, wie in allen Dingen, sehr unvollkommen gewesen. Von den ältesten Paatwerken findet man kaum eines, das nach der Schnur angelegt wäre. Sie sind vielmehr voller Buchten und Krümmen. […] Nachhero ist man bemühet gewesen, dem Werk nach und nach eine grössere Vollkommenheit zu geben. Nunmehr ist wohl nicht leichtlich ein Land zu finden, welches ein so Gartenmäßiges Ansehen hat, als Angeln. Wäre das Werk im Anfang nach einem allgemeinen Plan vorgenommen worden, welches leicht hätte geschehen können, wenn man durch einen General=Ackerumsatz die Ländereien bis getheilt und zugleich Wege und Zäune schnurrichtig gemacht hätte, so würde man einen Garten von 7 bis 8 Meilen im Umfang gesehen haben. Doch vielleicht wird ein Gartenliebhaber nach dem neusten Geschmack die krumme Wege und Hecken noch höher schätzen, weil das Wilde in dem Künstlichen durchschimmert, und dem Reisenden immer neue Gegenstände dargestellet werden.

nicolaus oest, ‘oeconomisch-practische anweisung zur einfriedigung der ländereien […]’, flensburg, 1767.

wallhecken / ‚anweisung zur verbesserung des ackerbaues und der landwirthschaft [des] münsterlandes‘ von anton bruchausen

VI. Kapitel

Von Einschließungen und Einzäunungen der Aecker

NUM. 127.

Es sind zwar in vielen Gegenden Münsterlands die Aecker eingeschlossen, wodurch sie einen nicht geringen Vortheil erhalten; so fehlt doch noch

erstens diese gute Einrichtung an verschiedenen Orten, wo es füglich geschehen könnte, und

zweytens ist an vielen andern Orten die Einschließung mit Hecken nicht so gemacht, wie sie müßte gemacht werden.

NUM. 128.

Was das erste betrift, so scheint es, man wisse nicht überall, besonders im Niederstifte, wie groß der Nutzen sey, den die Einzäunung mit lebendigen Hecken dem Landmanne verschafft. Denn 1) wird ein jeder Eigenthümer dadurch mehr Herr und Meister mit seinem Felde anzufangen, wenn er will, was er will, und was ihm am nützlichsten ist, ohne daß er darin von seinem Nachbar gestört werde. Auch hierdurch werden die so oft entstandenen Processe und Streitigkeiten verhindert.

2) Wird durch Einschließen und Einzäunen das Vieh von dem Getraide sowohl, als anzubauenden Futterkräutern abgehalten, damit es keinen Schaden thue. Auch

3) die Hecken an und für sich betrachtet, sind da, wo Mangel an Brennholz ist, für den Bauer ein großer Vortheil, wenn er nur selbige zu hoch und zu dick anwachsen läßt, und die Wälle zu breit macht. Es wäre gut, wenn die aus dem Niederstifte in die Münsterische Normalschule kommenden Schulmeister durch Unterweisung und Anweisung auf die in der Gegend von Münster sich hier und da befindenden guten, kleinen und schmalen Hecken aufmerksam gemacht würden, und diese hier geschöpfte Lehre den Schulkindern und dem Landmanne beybrächten.

NUM. 129.

Was das zweyte oder diejenigen betrift, die wirklich ihre Felder eingeschlossen halten, oder sogenannte Kämpe haben, so findet man an vielen Gegenden, besonders im Amte Werne, Stromberg und Wolbeck, daß dieses durch unmaßig dicke und hohe Wallhecken, und dabey durch Hecken, welche auf allzu breiten Wällen stehen, geschehe. Nun aber sind

1stens für feuchte und nasse Ländereyen sowohl, als die dazwischen oft befindlichen Wege ganz dicke und hohe Wallhecken nicht gut; weilen hiedurch Luft, Wind und Sonne zum Theile abgehalten werden, und also das Austrocknen der nassen Ländereyen, der mannigmal einfallenden nassen Aernte, und der schlechten Wege größtentheils verhindert wird. Diese Leute können zwar von diesen sehr dicken Hecken mehr Brennholtz machen; allein insgemein, wo diese unmäßig dicke Hecken sind, fehlt es eines theils an Brennholtze nicht, und andern theils ist der Schade von den dicken Wallhecken und breiten Wällen an ihren Aeckern größer, als der Nutzen vom Brennholtze. Zudem halten sich Lüninge (Spatzen) und andere schädlich Vögel zu häufig in den dicken Wallhecken auf, und fressen das Korn weg.

Zweytens sind die Wälle, auf welchen dicke Hecken stehen, zu breit gemacht. Ich habe an verschiedenen Orten z.B. zu Steinfurt bemerkt, daß die Wälle eine Breite von 24 bis 26 Fuß haben. Ist das landwirthschaftlich? Entbehrt nicht hiedurch der Eigenthümer zu viel Land für Früchte, für Gras und Heuwuchs? Man denke daneben an den Schaden, welcher von dem darauf gepflanzten unmäßig dicken Holze und Hecken entsteht, und wovon ich so eben geredet habe.

NUM. 130.

Man sollte es billig an diesen Orten so machen, wie es wirklich zu Ittlingen im Amte Werne, wo man sonst Brennholz genug hat, eingerichtet ist. Da hat man die alten, dicken, schädlichen Hecken ausgerottet, die breiten Wälle, welche aus einer überaus fruchtbaren, und zum Theile vom Laube vermoderten Erde bestanden, abgegraben; man hat vorher die sich hier und da befundenen Vertiefungen im Lande mit gemeiner Erde ausgeglichen, dann die abgegrabene gute Wallerde aufs Land gefahren und auseinander gestreuet. Den Nutzen davon hat man nun schon bis ins 12te Jahr an den Früchten augenscheinlich verspührt. Dahingegen hat man an statt der dicken Wallhecken, gehörig breite und tiefe Graben ausgeworfen, und auf den kleinen schmalen und nicht hohen Wällen kleine Dornhecken, besonders von Weißdorn, welche geschwind wachsen, 4 bis 5 Fuß hoch gemacht. Durch diese neue kluge Einrichtung hat der Herr von Nagel zu Itlingen auf einer Strecke Landes von 20 Malter Einsaat 21/2 Malter Einsaat neues Kornland erworben. Ist das nicht rin großer Vortheil? Ist das nicht ein herrliches Beyspiel zur Nachahmung? Will man indessen doch an diesen Orten, anstatt der Dornhecken die gemeinen Wallhecken lieber beybehalten; so lasse man sie doch des großen Schadens halber nicht zu hoch, nicht zu dicke wachsen; man sorge besonders, daß gehörig breite und tiefe Heckengraben gemacht werden, welche die überflüssige Nässe aus den allzufeuchten Gründen ableiten, und in welchen sich mit der Zeit eine fette Modde zum herrlichen Dünger fürs Land setzet. […]

NUM. 132.

Auch sind unsere Kämpe an vielen Orten zu groß, zu weitläufig. Man sollte sie mit kleinen dünnen Hecken durchsetzen. […]

anton bruchausen, ‚anweisung zur verbesserung des ackerbaues und der landwirthschaft [des] münsterlandes. auf gnädigsten befehl seiner kurfürstlichen durchlaucht maximilian franz als fürstbischof zu münster für die landschulen und den landmanne des hochstiftes münster verfertiget […]‘, münster, 1790.