marcel broodthaers. eine retrospektive: section botanique (les palmiers)

fig. 1 obere reihe, l.: das ständehaus, der ehemalige landtag des landes nrw, erbaut als provinziallandtag der preussischen rheinprovinz von julius raschdorff (1880) mit der glaskuppel von kiessler+partner (1995-2001) am kaiserteich in der parkanlage von maximilian weyhe; r.: ‚l’entrée de l’exposition‘: hoewa forsteriana, vorsicht kellertreppe … untere reihe, l.: ‚jardin d’hiver‘, phoenix roebelenii unterhalb der wasserlinie … & r.: adler in düsseldorf, auf der kö.

die retrospektive von marcel broodthaers, organisiert vom museum of modern art, new york, und dem museo nacional centro de arte reina sofia, madrid, ist auf ihrer letzten station dem k21 / kunstsammlung nrw angekommen, in düsseldorf, wo broodthaers von 1970 bis 1972 lebte und arbeitete.

der belgische künster hatte, bevor er 1964 entschied statt schriftsteller künstler zu sein, kontakt zur groupe surréaliste révolutionaire und rené magritte. er publizierte gedichte. 1964 verarbeitete er einen stapel flugblätter mit dem gedicht ‚pense bête‘ zu einer skulptur. im selben jahr entstand ‚la clef de l’horloge – un poème cinématographique en l’honneur de kurt schwitters‘, der erste film. von der poesie rimbauds und mallarmés zu magritte und schwitters. wort und bild, moules et frites, adler und palmen. Weiterlesen

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gartenbücher (pflanzen – kultur)

pflanzengesellschaften, matrix und drifts, borders. der blick auf einzelne pflanzen geht verloren. details gehen im farbrausch unter. zwei bücher schärfen den blick und rücken die kulturgeschichte der pflanzen in den vordergrund. wenn man sich mal wieder was buntes aus dem baumarkt oder eine seltene sorte vom pflanzenmarkt holt, bringt man nicht nur farbe in den garten. gleichzeitig kommt eine botanische und kulturelle geschichte ins beet. gartenkultur! zwei bücher, die nicht nur kulturell von interesse, sondern für emsige gartenbuchleser eine augenweide sind:

abutilon bis viola elatior: fotografie & botanik

walter benjamin schrieb, in seiner besprechung des buches ‚urformen der kunst‘ (→ ’neues von blumen‘ & blümchen), dass die fotos von karl blossfeldt „einen ganzen unvermuteten Schatz von Analogien und Formen“ erschliessen. blossfeldt veröffentlichte die bilder ohne beschreibung: „Man wird aber das Schweigen des Forschers ehren, der diese Bilder hier vorlegt. Vielleicht gehört sein Wissen zu jener Art, die den stumm macht, der es besitzt.“ ‚urformen der kunst‘ erschien 1928. 1932 folgte ‚wundergarten der natur‘. die rezeption der bilder blieb formal, auf analogien beschränkt. foto-ästhetik, neue sachlichkeit & l’art pour l’art. der band ‚karl blossfeldt – meisterwerke‘ mit einer auwahl aus dem blossfeldt archiv der stiftung ann und jürgen wilde bringt blossfeldt ein wenig zurück in die botanik. neben den grossen tafeln im buch finden sich im hinteren teil des bandes „botanische erläuterungen“ von hansjörg küster, professor für pflanzenökologie am institut für geobotanik der leibniz universität hannover, autor von bücher über die natur- und kulturgeschichte der elbe, der nord- und ostsee und ‚die entdeckung der landschaft‘ im allgemeinen. Weiterlesen

’neues von blumen‘ & blümchen / walter benjamin über ‚urformen der kunst‘ von karl blossfeldt & #PlantsForBlossfeldt

neues von blumen

Kritisieren ist eine gesellige Kunst. Auf das Urteil des Rezensenten pfeift ein gesunder Leser. Aber was er im Tiefsten goutiert, ist die schöne Unart, uneingeladen mitzuhalten, wenn der andere liest. Das Buch auf solche Weise aufzuschlagen, so daß es winkt wie ein gedeckter Tisch, an dem wir mit all unseren Einfällen, Fragen, Überzeugungen, Schrullen, Vorurteilen, Gedanken Platz nehmen, so daß die paar hundert Leser (sind es so viele?) in dieser Gesellschaft verschwinden und gerade darum sich’s wohl sein lassen – das ist Kritik. Zumindest die einzige, die dem Leser Appetit auf ein Buch macht.

Sind wir für diesmal einig, so soll auf den einhundertzwanzig Tafeln dieses Buches für zahllose Betrachtungen und zahllose Betrachter gedeckt sein. Ja, so viel Freunde wünschen wir diesem reichen und nur mit Worten kargenden Werke. Man wird aber das Schweigen des Forschers ehren, der diese Bilder hier vorlegt. Vielleicht gehört sein Wissen zu jener Art, die den stumm macht, der es besitzt. Und hier ist wichtiger als das Wissen das Können. Wer diese Sammlung von Pflanzenphotos zustande brachte, kann mehr als Brot essen. Er hat in jener großen Überprüfung des Wahrnehmungsinventars, die unser Weltbild noch unabsehbar verändern wird, das Seine geleistet. Er hat bewiesen, wie recht der Pionier des neuen Lichtbilds, Moholy-Nagy hat, wenn er sagt: „Die Grenzen der Photographie sind nicht abzusehen. Hier ist alles noch so neu, daß selbst das Suchen schon zu schöpferischen Resultaten führt. Die Technik ist der selbstverständliche Wegbereiter dazu. Nicht der Schrift- sondern der Photographieunkundige wird der Analphabet der Zukunft sein.“ […]

Diese Photographien erschließen im Pflanzendasein einen ganzen unver­muteten Schatz von Analogien und Formen. Nur die Photographie vermag das. Denn es bedarf einer starken Vergrößerung, ehe diese Formen den Schleier, den unsere Trägheit über sie geworfen hat, von sich abtun. Was ist von einem Betrachter zu sagen, dem sie schon in der Verhüllung ihre Signale geben? Nichts kann die wahrhaft neue Sachlichkeit seines Vorgehens besser dartun, als der Vergleich mit jenem einstigen unsachlichen und doch so genialen Verfahren, kraft dessen der ebenso geschätzte wie unverstandene Grandville in seinen ‚Fleurs animees‘ [paris, 1847] den ganzen Kosmos aus dem Pflanzenreiche hervorgehen ließ. Er greift es vom entgegengesetzten Ende weiß Gott nicht zart – an. Er stempelt diesen reinen Naturkindern das Sträflingsbrandmal der Kreatur, das Menschengesicht, mitten in die Blüte hinein. Dieser große Vorläufer der Reklame beherrschte eines ihrer Grund­prinzipien, den graphischen Sadismus, wie kaum ein anderer. Ist es nicht merkwürdig, hier nun ein anderes Prinzip der Reklame, die Vergrößerung ins Riesenhafte der Pflanzenwelt, sanft die Wunden heilen zu sehen, die die Karikatur ihr schlug?

‚Urformen der Kunst‘ – gewiß. Was kann das aber anderes heißen als Urformen der Natur? Formen also, die niemals ein bloßes Vorbild der Kunst, sondern von Beginn an als Urformen in allem Geschaffenen am Werke waren. Im übrigen muß es dem nüchternsten Betrachter zu denken geben, wie hier die Vergrößerung des Großen – z. B. der Pflanze oder ihrer Knospe oder des Blattes – in so ganz andere Formenreiche hineinführt, wie die des Kleinen, etwa der Pflanzenzelle im Mikroskop. Und wenn wir uns sagen müssen, daß neue Maler wie Klee und mehr noch Kandinski seit langem damit beschäftigt sind, mit den Reichen uns anzufreunden, in die das Mikroskop uns barsch und gewaltsam entführen möchte, so begegnen in diesen vergrößerten Pflanzen eher vegetabilische „Stilformen“. In dem Bischofstab, den ein Straußfarn darstellt, im Rittersporn und der Blüte des Steinbrech, die auch an Kathedralen als Fensterrose ihrem Namen Ehre macht, indem sie die Mauern durchstößt, spürt man ein gotisches parti-pris. Daneben freilich tauchen in Schachtelhalmen älteste Säulenformen, im zehnfach vergrößerten Kastanien- und Ahornsproß Totembäume auf, und der Sproß eines Eisenhufes entfaltet sich wie der Körper einer begnadeten Tänzerin. Aus jedem Kelche und jedem Blatte springen uns innere Bildnotwendigkeiten entgegen, die in allen Phasen und Stadien des Gezeugten als Metamorphosen das letzte Wort behalten. […]

walter benjamin, ’neues von blumen‘ in ‚die literarische welt‘, 23/11/1928, 4. jg., nr. 47, über karl blossfeldt, ‚urformen der kunst. photographische pflanzenbilder‘, hrsg. mit einer einleitung von karl nierendorf, berlin, 1928.

neues von blümchen

karl blossfeldt, geboren am 13. juni 1865 in schielo/harz, hat mit ‚urformen der kunst‘ eines der wichtigsten „gartenbücher“ vorgelegt. ein pflanzenbuch das sich heute nahtlos in die reihe seiner vorgänger – vom ‚hortus eystettensis‘ (1613), über den ‚gottorfer codex‘ (1649 bis 1659) oder die ‚flora danica‘ (bis 1803) bis eben zu den ‚urformen der kunst‘ – einreiht. von der neuen sachlichkeit ist heute allerdings nicht viel übrig geblieben: war das abbilden von pflanzen (und gärten) einst eine kunst (durchaus im sinne der téchne, altgr. τέχνη) so ist es heute, besonders im bereich der sozialen medien, zum reinen knipsen verkommen. formen sind nicht mehr gefragt. einzig das gephotoshopte emotiönchen (cf. reklame), ausgelöst von blühenden blümchen, zählt…

zum 150. geburtstages von blossfeldt zeigt die stiftung ann und jürgen wilde / pinakothek der moderne in münchen vom 24/07 bis 25/10/2015 eine ausstellung mit fotografien, u.a. aus ‚urformen der kunst‘. anlässlich der ausstellung haben die organisatoren ein projekt mit den hashtag #PlantsForBlossfeldt auf instagram (& twitter, etc.) initiiert. man ist erst einmal positiv überrascht das eine museale institution in deutschland von der existenz von social media kanälen etwas mitbekommen hat (und fragt sich wie es mit der digitalen erschliessung des archives von blossfeldt, und des gleichfalls in der stiftung befindlichen archives von albert renger-patzsch, aussieht: #PlantsFormBlossfeldt)… was die ergebnisse von #PlantsForBlossfeldt betrifft wünscht man sich nach der digitalen über-alphabetisierung vokabular jenseits von „wie niedlich“ & „ICH auch!“ und visuelle grammatik . mehr kann man blossfeldt nicht missverstehen…

 

„et la vérité totale de ces semaines glaciales mais déjà fleurissantes, […]“ / ‚à l’ombre des jeunes filles en fleurs‘ von marcel proust

Quand le printemps approcha, ramenant le froid, au temps des Saints de glace et des giboulées de la Semaine Sainte, comme Mme Swann trouvait qu’on gelait chez elle, il m’arrivait souvent de la voir recevant dans des fourrures, ses mains et ses épaules frileuses disparaissant sous le blanc et brillant tapis d’un immense manchon plat et d’un collet, tous deux d’hermine, qu’elle n’avait pas quittés en rentrant et qui avaient l’air des derniers carrés des neiges de l’hiver plus persistants que les autres, et que la chaleur du feu ni le progrès de la saison n’avaient réussi à fondre. Et la vérité totale de ces semaines glaciales mais déjà fleurissantes, était suggérée pour moi dans ce salon, où bientôt je n’irais plus, par d’autres blancheurs plus enivrantes, celles, par exemple, des „boules de neige“ assemblant au sommet de leurs hautes tiges nues comme les arbustes linéaires des préraphaélites, leurs globes parcellés mais unis, blancs comme des anges annonciateurs et qu’entourait une odeur de citron. Car la châtelaine de Tansonville savait qu’avril, même glacé, n’est pas dépourvu de fleurs, que l’hiver, le printemps, l’été, ne sont pas séparés par des cloisons aussi hermétiques que tend à le croire le boulevardier qui jusqu’aux premières chaleurs s’imagine le monde comme renfermant seulement des maisons nues sous la pluie. Que Mme Swann se contentât des envois que lui faisait son jardinier de Combray, et que par l’intermédiaire de sa fleuriste „attitrée“ elle ne comblât pas les lacunes d’une insuffisante évocation à l’aide d’emprunts faits à la précocité méditerranéenne, je suis loin de le prétendre et je ne m’en souciais pas. Il me suffisait pour avoir la nostalgie de la campagne, qu’à côté des névés du manchon que tenait Mme Swann, les boules de neige (qui n’avaient peut-être dans la pensée de la maîtresse de la maison d’autre but que de faire, sur les conseils de Bergotte, „symphonie en blanc majeur“ avec son ameublement et sa toilette) me rappelassent que l’Enchantement du Vendredi Saint figure un miracle naturel auquel on pourrait assister tous les ans si l’on était plus sage, et aidées du parfum acide et capiteux de corolles d’autres espèces dont j’ignorais les noms et qui m’avait fait rester tant de fois en arrêt dans mes promenades de Combray, rendissent le salon de Mme Swann aussi virginal, aussi candidement fleuri sans aucune feuille, aussi surchargé d’odeurs authentiques, que le petit raidillon de Tansonville.

marcel proust, ‚à l’ombre des jeunes filles en fleurs‘, paris, 1918.

Als der nahende Frühling wieder Kälte mitbrachte, zur Zeit der Eisheiligen und österlichen Unwetter, fand Frau Swann, daß man zu Hause erfriere; und oft sah ich sie in Pelzen empfangen, ihre Hände und Schultern fröstelnd unter dem weißen schimmernden Hermelinteppich eines flachen Riesenmuffs und eines Kragens verschwinden; die hatte sie vom Spaziergange anbehalten, sie waren die letzten Stücke des Winterschnees, welche die andern überdauerten und weder am Feuer noch unter der vorgeschrittenen Jahreszeit hinschmolzen. Das wahre Wesen dieser eisigen und doch schon blühenden Wochen leuchtete mir in dem Salon, in den ich nun bald nicht mehr gehen sollte, durch anderes berauschenderes Weiß ein, zum Beispiel das der „Schneebälle“, die auf dem Gipfel ihrer hohen nackten Stiele – nackt wie die linearen Stauden der Präraffaeliten – ihre parzellierten, doch einheitlichen Kugeln trugen, weiß wie Verkündigungsengel, von Zitronengeruch umwittert. Die Schloßherrin von Tansonville wußte, daß auch ein eisiger April nicht ganz ohne Blumen ist, daß Winter, Frühling und Sommer nicht durch hermetische Scheidewände voneinander getrennt sind, wie der Großstädter zu glauben geneigt ist, der, bis die ersten warmen Tage kommen, wähnt, die Welt enthalte nichts als Häuser, welche nackt im Regen stehen. Daß Frau Swann sich mit den Sendungen ihres Gärtners aus Combray begnügte und nicht durch Vermittlung ihrer ständigen Blumenhändlerin die Lücken mit Anleihen bei der mittelländischen Frühreife ausfüllte, will ich durchaus nicht behaupten, und darüber machte ich mir auch keine Sorgen. Um Heimweh nach der Natur zu bekommen, genügte es, daß neben dem Firnenschnee von Frau Swanns Muff die Schneebälle (welche vielleicht der Dame des Hauses nur dazu dienten, auf Bergottes Rat mit ihren Möbeln und ihrer Toilette eine „Symphonie in Weiß-Dur“ zu machen) mich gemahnten, der Karfreitagszauber stelle ein natürliches Wunder dar, dem man alljährlich beiwohnen könnte, wenn man nur weiser wäre; sie machten zusammen mit dem herb berauschenden Duft von Blumenkronen anderer Arten, deren Namen ich nicht wußte (und hatte im Spazierengehn bei Combray dennoch oft vor ihnen eingehalten), aus dem Salon von Frau Swann ein ebenso jungfräuliches blätterloses, von authentischen Gerüchen durchzogenes Blütenreich, wie es der kleine Hügelweg von Tansonville war.

marcel proust, ‚im schatten der jungen mädchen‘, übersetzt von walter benjamin und franz hessel, berlin, 1927.

reberziehung als minimaliste skulptur: der kammertbau

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kammertbau in landau, detail, ‚wahre contrafehtung der reichstatt landaw, wie sie zu unsern zeiten in der mawren steht‘, gezeichnet von ws, geschnitten von jakob clauser, aus sebastian münster, ‚cosmographia‘, basel 1547 ff. (erstausgabe, 1544)

Kammert f.: ‚Weinspalier‘, Kammert (kaməʳd) […]; K. Mache ‚Biegen und Anbinden der Rebstöcke mit Kammertband mittels Kammerthaken an das Spaliergerüst‘, früher bestehend aus den dickeren Länderichbalken und den damit parallel verlaufenden Trudelstangen (vgl. Pfwb Trudel 2), heute größtenteils aus Länderichdraht und Trudeldraht. Mancherorts ist in der Bezeichnung K. Mache auch der Bau des Spaliergerüstes mit inbegriffen (s. PfWB kammerten 1 u,. 2) […]; vgl. PfWB länderichen, PfWB trudeln 1. – Aus lat. (vinea) camerata ‚Weinspalier, -laube‘, zu Camerare ‚wölben‘, […]

‚pfälzisches wörterbuch‘, begründet von ernst christmann, stuttgart, 1965–1998.

kammertbau auf dem vulkan

Fenster haben die Häuser der alten Griechen und Römer fast nie gehabt; Licht und Luft kamen aus dem Lichthof im Innern, einer Öffnung im Dach, der auf dem Erdboden ein Bassin entsprach, in das der Regen fiel. Die fensterlosen Mauern, die schon immer etwas Strenges hatten, machen jetzt, da alle Farbe von ihnen verschwunden ist, die Straßen doppelt ernst. Der Vesuv aber mit seinen Wäldern am Fuß und den Weinbergen in der Höhe sieht nirgends schöner und lieblicher aus, als wenn er hier über den starren Mauern oder in der Öffnung eines der drei oder vier Tore von Pompeji, die heute noch stehen, erscheint.

walter benjamin ‚untergang von herculanum und pompeji‘ / rundfunkarbeiten, radiosendung vom 18/09/1931

eine der ältesten darstellungen einer kammert-ähnlichen anlage findet sich auf einem bild des bacchus, des gottes des weines. das fresko ‚bacco e il vesuvio‘ (68–79 n. Chr.), aus der casa del centenario in pompeji wurde 1879 ausgegraben und hängt heute im museo archeologico nazionale di napoli. das bild gehörte zum lararium, dem kultschrein der hausgötter bzw. der familie, des hauses.

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ill. aus salomon reinach, ‚répertoire de peintures grecques et romaines‘, paris, 1922.

Hic est pampineis viridis modo Vesbius umbris,
presserat hic madidos nobilis uva lacus:
haec iuga, quam Nysae colles plus Bacchus amavit,
hoc nuper Satyri monte dedere choros.

martial, ‚epigrammaton‘ (IV.44, ca. 85–103 n. Chr.)

bacchus steht neben einem berg, der zumeist für die älteste darstellung des vesuv (vor dem ausbruch im jahre 79 n. Chr.) gehalten wird. am fusse des berges sind „kammern“ für den weinbau zu erkennen, iugatio compluviata. iugatio deut. anbinden der reben an querbalken; compluviata von compluvium – com- ‚zusammen- und pluvia regen – deut. die architektonische bezeichnung für die viereckigen dachöffnungen über dem säulenhof eines römischen hauses. ähnliche antike methoden der reberziehung, heute teilweise noch zur dekoration und als sonnenschutz verwendet, sind pergulae (vorbau oder pergola) und trichilae (laube). die schriftlichen zeugnisse über den römischen weinbau finden sich bei marcus terentius varro in ‚rerum rusticarum‘ ( I, 8,2, 37 v. chr.) und in der ’naturalis historia‘ (XVII 164 ff.) von plinius dem älteren (der beim ausbruch des vesuvs starb).

vom vesuv an die haardt

der wein kam mit den römern über die alpen und an die hänge des pfälzerwaldes. in der rheinpfalz und im elsass war der kammertbau in unterschiedlichen versionen, es wird zwischen offenem (pfähle in einer reihe werden mit balken verbunden) und geschlossenem kammertbau (pfähle werden durch querbalken verbunden) unterschieden, in den weinbergen bis anfang des 20. jh. verbreitet.

Die Edenkober Kammer-Erziehungsart.

[…]: die Stöcke haben nur einen Schenkel mit zwei Bogreben und Zapfen, die Reihen stehen vier Fuß von einander, die Querlatten sind fünf Fuß von einander, und der Länge nach laufen drei Latten, woran die Bogreben geheftet werden, so daß der Raum zwischen den Länge-Druthern [latten] fast ganz frei bleibt, und die Sonne den Boden bescheinen kann. Um zu bewirken, daß die Sonne recht kräftig eindringen kann, so werden gegen den Herbst alle Lotten, welche den Raum bedecken, längs der Druther abgeschnitten, wodurch längs der Kammern eine offene Lücke entsteht.

Diese Erziehungsart findet man am obern Haardtgebirg, bei Edenkoben, Rhodt, Edesheim und anderen Orten. Man erzieht daran den Sandtraminer, den rothen Traminer, den Gutedel, Alben, grünen Sylvaner und andere Varietäten. Man findet diese Erziehungsart gegen das untere Haardtgebirg, allmählig modificiert, und endlich in die einfachen niedern Rahmen übergehend. So z.B. unter Maikammer fehlen schon die zwei langen Seitenlatten und weiter abwärts auch die Querlatten.

johann metzger, ‚der rheinische weinbau in theoretischer und praktischer beziehung‘, heidelberg,1827.

heute fahren vollernter duch spalierreihen. zur zeit des kammertbaues stieg man in den weinbergen beim beschneiden und ernten der reben von kammer zu kammer. eine mühsame und zeitraubende methode mit hohem verbrauch an holz (eiche oder → keschde)…

ab 1863 bemühte sich karl heinrich schattenmann – minendirektor in buchsweiler (bouxwiller im elsass, département bas-rhin) und generalrat im französischen landwirtschaftsministerium – bei seinem 1812 erworbenen weinschlössel in rhodt unter rietburg um die einführung neuer anbaumethoden und überliefert die methode für die nachwelt:

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Größtentheils wird die Rebe an Pfähle oder Rebstecken befestigt, im Bezirk Weißenburg und in der obern Rheinfalz jedoch ruht die Rebe auf einer Laube, die Kammer genannt wird. Diese Kammer ist, wie folgt, gebaut: ein aufrechtstehender hölzerner Pfahl, Stiefel, genannt, der an einem Ende zugespitzt und 1 m,30 lang, 0 m,10 breit, 0 m,05 dick ist, wird 0 m,50 tief, so daß er 0 m,80 aus der Erde hervorragt, in den Boden geschlagen. Von je 0 m,84 zu 0 m,84 Entfernung wird ein solcher Stiefel eingeschlagen und zwar in derselben Linie in welcher die Rebstöcke gepflanzt werden. Eine Stange, in viereckig gespaltenem Holze, Balken genannt, von 4 Meter Länge, 0 m,04 Dicke, verbindet die Stiefel und ruht auf einem Einschnitt in denselben. Drei auf diese Weise gebildete Linien werden vermittelst einer ähnlichen Stange quer auf eine Entfernung von 1 m,12 verbunden. Zwei dünnere ebenfalls viereckig gespaltene Stangen, welche man Drutteln nennt und die 0m,02 dick sind, werden zu beiden Seiten der Hauptstange auf 0 m,28 Entfernung befestigt und bilden so eine 0m,60 breite Laube, auf welcher die Rebe ruht; letztere hat einen 0 m,80 hohen Stamm, von dem die Tragreben ausgehn. Die Entfernung zwischen den Zeilen der Rebstöcke beträgt 1 m,40.

[…]

Der Kammerbau, den ich seit meiner Kindheit betrieben und beobachtet habe, scheint mir in vieler Hinsicht mangelhaft und die Ursache zu sein, warum, in den Gegenden wo er besteht, die Produkte, sowohl hinsichtlich der Quantität als der Qualität, nicht befriedigend sind. In der That hat die Rebe Sonne und Luft nöthig; ihr Wachsthum ist kräftiger wenn der Stock nahe am Boden ist, wo die Stöcke durchschnittlich 0 m,80 hoch sind und wo die auf der Kammer ausgebreiteten Tragreben den größten Theil des Bodens beschatten und den Zutritt der Sonne, des Lichts und der Luft verhindern; ein großer Theil der Trauben welche unter der Kammer hängen, sind gänzlich der Sonne und des Thaues beraubt. […]

Dieser doppelte Bau ist ungenügend, so daß in der späten Jahreszeit die Weinberge immer mit Unkraut bewachsen sind.

Der Schnitt der Reben ist gleichfalls fehlerhaft; der Frühjahrsschnitt besteht darin, jedem Rebstocke zwei oder drei Tragruthen, welche gebogen werden und Bogenreben heißen, und zwei oder drei Zapfen oder Knebel auf drei Augen beschnitten, zu lassen.

karl heinrich schattenmann, ‚denkschrift über den weinbau in den departementen des ober- und niederrheins und in rheinbayern‘, straßburg, 1863.

die neuen methoden waren erfolgreich. sie waren nicht so arbeitsintensiv (bis zum heutigen vollernter), die reben bekamen mehr licht, etc. die landschaft an der südlichen weinstrasse veränderte sich…

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kammertbau unterhalb von  ’schloss ludwigshöhe. edenkoben. pfalz‘, stahlstich von johann poppel nach ludwig rohbock, um 1850.

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spaliererziehung am weinschlössel von charles henri hancké, aus schattenmann, ‚denkschrift‘, 1863.

2012 wurde zu ehren von schattenmann gegenüber „seines“ weinschlössls eine kammertbau erichtet. in edenkoben befindet sich ein musterwingert im kammertbau am ‚edenkobener weinlehrpfad‘.

virtuelles lapidarium: kammertbau als ‚primary structure‘?

formalistisch gesehen erinnert das gerüst für den kammertbau an eine skulptur der minmal art:

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ill. aus johann philipp bronner ‚der weinbau am haardtgebirge von landau bis worms‘, ‚der weinbau in süd-deutschland‘, bd. 1, heidelberg, 1833.

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‚peace of münster‘ von carl andre, 1984, im lichthof des westf. landesmuseum für kunst und kulturgeschichte (heute: lwl-museum für kunst und kultur), münster; katalog ’skulptur projekte münster 1987’…

reihung, wiederholung und (vor)industrielle fertigung. eine ‚primary structure‘ für den „eigenen garten“?

eine kindheitserinnerung, botanische chinoiserie & eine zwiebel

Ich denke an das blaue Zwiebelmuster. Wie oft hatte ich es im Lauf der Fehden, die an dem Tische ausgetragen wurden, der jetzt so schimmernd vor mir lag, um Beistand angefleht. Unzählige Male war ich seinen Zweigen und Fädchen, Blüten und Voluten nachgegangen, hingebender als je dem schönsten Bild. Nie hatte man um Freundschaft rückhaltloser sich beworben als ich um die des blauen Zwiebelmusters. Ich hätte es so gerne zum Verbündeten in dem ungleichen Kampf gehabt, der mir das Mittagessen oft verbitterte. Doch das gelang mir nie. Denn dieses Muster war käuflich wie ein General aus China, welches denn auch an seiner Wiege gestanden hatte. Die Ehrungen, mit denen es von meiner Mutter überhäuft ward, die Paraden, zu denen sie die Mannschaft einberief, die Totenklagen, die aus der Küche jedem Glied der Truppe, das gefallen war, nachhallten, machten meine Werbung aussichtslos. Denn kalt und kriechend hielt das Zwiebelmuster meinen Blicken stand und hätte nicht das kleinste seiner Blättchen detachiert, um mich zu decken.

walter benjamin, ‚berliner kindheit um neunzehnhundert‘, enstanden 1932–1934/1938, frankfurt/m., 1987.

eine kindheitserinnerung die es immer seltener geben wird. heute bekommen kinder ihr essen meist auf weniger raffiniert gestaltetem, weder die fantasie, den ästhetischen sinn noch den appetit besonders anregendem geschirr serviert. gibt eine korrelation zwischen der ästhetik des geschirrs und der darauf servierten nahrungsmittel?

neben der ‚ostfriesischen rose‘ für die teatime im nord-deutschland (wallendorfer porzellanmanufaktur) oder den blaublüten (arzberg) von max richter auf porzellan-formen von hermann gretsch (nsdap-mitglied und ab 1937 leiter des gleichgeschalteten deutschen werkbunds), der ‚flora danica‘ – der grössten botanischen sammlung auf porzellan → flora danica – und der ‚blå blomst‘ aus dänemark (den kongelige porcelænsfabrik bzw. bing & grøndahl, seit 1987 zusammen royal copenhagen) ist das zwiebelmuster das bekannteste und, in varianten, verbreiteste blumige muster auf porzellan.

der alchemist johann friedrich böttger und – gerne vergessen – der naturforscher ehrenfried walther von tschirnhaus begannen 1707 für den sächischen kurfürsten friedrich august I. & könig von polen a.k.a. august der starke auf der albrechtsburg in meißen nach der methode zur herstellung von porzellan zu forschen (es sollte eigentlich gold werden…)

als eines der ersten muster entstand ab 1730 das sogenannte zwiebelmuster für die ‚königlich-polnische und kurfürstlich-sächsische porzellan-manufaktur‘. vorbild war, dem zeitgeschmack entsprechend, chinesisches dekor. porzellanmaler wanderten aus meißen ab und das muster verbreitete sich in anderen manufakturen…

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das spiegelmotiv der teller zeigt chrysanthemum / chrysanthemen und bambuseae / bambus sowie eine ranke. an der ranke blühen nicht genauer definierte prunus-blüten: mandel-, pflaumen-, pfirsich- oder aprikosenblüten. dazu das blatt einer paeonia / pfingstrose. die bordüre, oder kehlenmotiv, besteht aus einer ranke und blüten: nelumbo / lotus. das fahnenmotiv, der tellerrand, zeigt in der klassischen kombination drei früchte: punica granatum / granatapfel, malum persicum /pfirsiche und melonen sowie die abstrahierte blüte einer paeonia / pfingstrose.

viel chinesische botanik, jedoch keine einzige allium cepa / zwiebel. das chinesische vorbild für das ur-zweibelmuster aus meißen zeigte ‚drei gesegneten früchte‘: granatapfel, pfirsich und zitrone. die “zwiebel” entstand bei der ausgestaltung des musters aus der ‚kreuzung‘ von zitrone und granatapfel.

nach der china-mode im 18. jh.verschwand das muster von den tafeln des adels. um 1860 wurde es zum statussymbol des bürgertums und der name ‚zwiebelmuster‘ bürgert sich ein…

der grosse tiergarten in berlin / kinder im park & walter benjamin zitiert franz hessel

[…] Was sagt ihr dazu, daß da steht, sein Vater habe „jeden Sommer mit der ganzen Familie eine Landwohnung bezogen“? Wo glaubt ihr wohl, daß die lag? Einfach im Tiergarten. Wie der zu einer Zeit aussah, wo man Sommerwohnung in ihm beziehen konnte, das werde ich euch jetzt vorlesen, wie er selber es aufschreibt: „So weit hinauf irgend meine Erinnerung reicht, sehe ich mich im Sommer in dem Grün des Tiergartens, der damals einen viel ländlicheren Charakter trug als jetzt. Er bleibt der schönste Schauplatz meiner frühesten und auch noch viel späterer Erinnerungen. Im übrigen war er damals zum Spielen noch viel geeigneter als jetzt. Der Wald bot große Strecken dar, wo alles dem freien Wuchs überlassen war. Außer der Straße nach Charlottenburg gab es noch gar keinen chaussierten Weg, nur tiefe Sandwege durchkreuzten die Gegend. Daher sah man selbst in den größeren Alleen verhältnismäßig wenig Wagen, und die bewegten sich langsam und schwerfällig daher. Wenn ich den Tiergarten jetzt betrachte, so grenzt es ans Unglaubliche für mich, daß er förmliche Wildnisse gehabt habe, wo die Himbeersträucher zwischen den gekappten Elsbüschen auf dem feuchten Wiesengrund wuchsen und ihre zahlreichen Früchte ruhig für uns Bewohner reifen konnten. Auch die Erdbeeren lieferten eine ergiebige Ausbeute. Uns dünkte das alles so fern von den Menschen und so einsam wie Urwälder. Wir nahmen sie förmlich in Besitz. Jeder von uns spielenden Jugendgenossen erwählte sich sein Plätzchen als Eigentum. Wir legten uns Rasenplätze an, richteten uns irgendein dichtes Elsgebüsch zur ländlichen Wohnung ein, klemmten Brettchen zu Sitzen zwischen die Zweige, umgrenzten auch wohl ein Fleckchen mit eingesteckten kleinen Holzstäben wie mit einem Gartenzaun, genug, schalteten und walteten dort ganz wie mit unserem Eigentum. Wochen konnten vergehen, ohne daß wir diese kleine Kolonie in der Wildnis besuchten, dennoch fanden wir stets unsere Anlagen unzerstört wieder; so einsam war damals der jetzt so geräuschvolle, von Menschen durchzogene Wald, vielmehr Garten, in den er sich ganz und gar verwandelt hat.“
So hat ein alter Berliner den Tiergarten von 1815 [vor der umgestaltung durch peter joseph lenné zwischen 1818 und 1840] beschrieben. Ich finde diese Beschreibung sehr schön. Aber nun habe ich Lust zu einer Einlage. Nun möchte ich euch nämlich gern zeigen, wie ein Freund von mir, einer, der 80 Jahre später […], seinen Kinder-Tiergarten beschreibt. Und trotzdem dieser Tiergarten doch ganz anders war, zeigt diese Beschreibung, daß der echte Berliner nicht aufgehört hat, ihn zu lieben. Dieser neue echte Berliner ist also mein Freund Franz Hessel, und der schreibt in ‚Spazieren in Berlin‘: „Immerhin ist es jetzt im veraltenden Halbdunkel noch so buschig und irrselig wie vor 30, 40 Jahren, ehe der letzte Kaiser den Naturpark in etwas Übersichtlicheres, Ansehnlicheres umschaffen ließ. Daß auf seinen Befehl das Unterholz gelichtet, viele Wege verbreitert und die Rasenflächen verbessert wurden, ist verdienstlich, aber darüber sind dem Tiergarten manche Schönheiten verlorengegangen, eine holde Unordnung, Zweigeknacken und das Rascheln vieler nicht gleich weggeräumter Blätter auf engen Pfaden. Doch ließ er noch kleine Wildnis genug, die bis in unsere Kindertage blieb. An diese Zeit erinnern mich am meisten die winzigen hochgeschwungenen Brückenstege über den Bächen, die manchmal bewacht sind von munteren Bronzelöwen, denen von Maul zu Maul Geländerketten hängen.“ Und dann beschreibt Hessel den ganzen Tiergarten bis zu seiner Grenze an der Corneliusbrücke. Wenn wir Zeit hätten, wieviel ließe sich nicht zu alldem noch sagen, z.B. der Brücke, die auch heute noch das private, fast ländliche Aussehen bewahrt hat, während sie aus einer der unbegangensten, abgelegensten nun diejenige wurde, über die sich der ganze Autoverkehr von der City in den Westen ergießt. Es ist, wenn man darüber nachdenkt, ein Brückenschicksal so merkwürdig wie manches Schicksal von Menschen. […]

walter benjamin, ‚ein berliner straßenjunge‘ / rundfunkarbeiten, radiosendung vom 07/03/1930

  • franz hessel, ’spazieren in berlin‘ 1929. das buch – das beste berlin-buch bis heute – und der autor sind den meisten unbekannt: franz hessel war schriftsteller, übersetzer (von marcel proust), lektor und flaneur. mit seiner späteren frau helen grund und henri-pierre roché ist er die vorlage für rochés roman ‚jules et jim‘, 1953. der roman wurde 1962 von françois truffaut verfilmt: jules (oskar werner) ist hessel, jim (henri serreis) ist roché & jeanne moreau als catherine/helen hessel. franz und helen hessel sind die eltern von stéphane hessel.

log|gia, die: nicht oder kaum vorspringender, nach der außenseite hin offener, überdachter raum im (ober)geschoss eines hauses → bal|ko|ni|en, das: der eigene balkon (als fiktives urlaubsland)

Loggien

sonntag_loggien_1 *  typische berliner gründerzeitbauten mit loggien

Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt, ohne es zu wecken, verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit. Nichts kräftigte die meine inniger als der Blick in Höfe, von deren dunklen Loggien eine, die im Sommer von Markisen beschattet wurde, für mich die Wiege war, in die die Stadt den neuen Bürger legte. Die Karyatiden, die die Loggia des nächsten Stockwerks trugen, mochten ihren Platz für einen Augenblick verlassen, um an dieser Wiege ein Lied zu singen, das zwar fast nichts von dem enthielt, was später auf mich wartete, dafür jedoch den Spruch, durch den die Luft der Höfe mir auf immer berauschend blieb. Ich glaube, daß ein Beisatz dieser Luft noch um die Weinberge von Capri war, in denen ich die Geliebte umschlungen hielt; und es ist eben diese Luft, in der die Bilder und Allegorien stehen, die über meinem Denken herrschen wie die Karyatiden auf der Loggienhöhe über die Höfe des Berliner Westens.

[…] Der Frühling hißte hier die ersten Triebe vor einer grauen Rückfront; und wenn später im Jahr ein staubiges Laubdach tausendmal am Tage die Hauswand streifte, nahm das Schlürfen der Zweige mich in eine Lehre, der ich noch nicht gewachsen war. Denn alles wurde mir im Hof zum Wink. Wieviele Botschaften saßen nicht im Geplänkel grüner Rouleaux, die hochgezogen wurden, und wieviele Hiobsposten ließ ich klug im Poltern der Rolläden uneröffnet, die in der Dämmerung niederdonnerten.

Am tiefsten aber konnte mich die Stelle betreffen, wo der Baum im Hofe stand. Sie war im Pflaster ausgespart, in das ein breiter Eisenring versenkt war. Stäbe durchzogen ihn derart, daß er ein Gitter vorm nackten Erdreich bildete. Es schien mir nicht umsonst so eingefaßt; manchmal sann ich dem nach, was in der schwarzen Kute, aus der der Stamm kam, vorging. Später dehnte ich diese Forschung auf die Droschkenhaltestellen aus. Die Bäume dort wurzelten ähnlich, doch sie waren noch dazu umzäunt, und Kutscher hingen an die Umzäunung ihre Pelerinen, während sie für den Gaul das Pumpenbecken, welches ins Trottoir gesenkt war, mit dem Strahl füllten, der Heu- und Haferreste wegtrieb. Mir waren diese Warteplätze, deren Ruhe nur selten durch den Zuwachs oder Abgang von Wagen unterbrochen wurde, entlegenere Provinzen meines Hofes.

Viel war an seinen Loggien abzulesen: der Versuch, der abendlichen Muße nachzuhängen; die Hoffnung, das Familienleben ins Grüne vorzuschieben; das Bestreben, den Sonntag ohne Rückstand auszuschöpfen. Aber am Ende war das alles eitel. Nichts lehrte der Zustand dieser eines überm anderen befindlichen Gevierte, als wieviel beschwerliche Geschäfte jeder Tag dem folgenden vererbte. Wäscheleinen liefen von einer Wand zur anderen; die Palme sah um so obdachloser aus, als längst nicht mehr der dunkle Erdteil, sondern der benachbarte Salon als ihre Heimat empfunden wurde. So wollte es das Gesetz des Ortes, um den einst die Träume der Bewohner gespielt hatten. Doch ehe er der Vergessenheit verfiel, hatte bisweilen die Kunst ihn zu verklären unternommen. Bald stahl sich eine Ampel, bald eine Bronze, bald eine Chinavase in sein Bereich. Und wenn auch diese Altertümer selten dem Orte Ehre machten, so gewann auf diesen Loggien der Zeitverlauf selbst etwas Altertümliches. Das pompejanische Rot, das sich so oft in breitem Bande an der Wand entlangzog, war der gegebene Hintergrund der Stunden, welche in dieser Abgeschiedenheit sich stauten. Die Zeit veraltete in diesen schattenreichen Gelassen, die sich auf die Höfe öffneten. Und eben darum war der Vormittag, wenn ich auf unserer Loggia auf ihn stieß, so lange schon Vormittag, daß er mehr er selbst schien als auf jedem anderen Fleck. So auch die ferneren Tageszeiten. Nie konnte ich sie hier erwarten, immer erwarteten sie mich bereits. Sie waren schon lange da, ja gleichsam aus der Mode, wenn ich sie endlich dort aufstöberte.

pompeji_rot das pompejanische rot (ohne schwammtechnik)

sinfonie_s-bahn_1 ** sinfonie_s-bahn_bahndamm *

Später entdeckte ich vom Bahndamm aus die Höfe neu. Und wenn ich dann an schwülen Sommernachmittagen aus dem Abteil auf sie heruntersah, schien sich der Sommer in sie eingesperrt und von der Landschaft losgesagt zu haben. Und die Geranien, die mit roten Blüten aus ihren Kästen sahen, paßten weniger zu ihm als die roten Matratzen, die am Vormittag zum Lüften über den Brüstungen gehangen hatten. Abende, die auf solche Tage folgten, sahen uns — mich und meine Kameraden — manchmal am Tisch der Loggia versammelt. Eiserne Gartenmöbel, die geflochten oder von Schilf umwunden schienen, waren die Sitzgelegenheit. Und auf die Reclamhefte schien aus einem rot- und grüngeflammten Kelch, in dem der Strumpf summte, das Gaslicht nieder: Lesekränzchen. Romeos letzter Seufzer strich durch unsern Hof auf seiner Suche nach dem Echo, das ihm die Gruft der Julia in Bereitschaft hielt. Seitdem ich Kind war, haben sich die Loggien weniger verändert als die anderen Räume. Doch nicht nur darum sind sie mir noch nah. Es ist vielmehr des Trostes wegen, der in ihrer Unbewohnbarkeit für den liegt, der selber nicht mehr recht zum Wohnen kommt. An ihnen hat die Behausung des Berliners ihre Grenze. Berlin — der Stadtgott selber — beginnt in ihnen. Er bleibt sich dort so gegenwärtig, daß nichts Flüchtiges sich neben ihm behauptet. In seinem Schutze finden Ort und Zeit zu sich und zueinander. Beide lagern sich hier zu seinen Füßen. Das Kind jedoch, das einmal mit im Bunde gewesen war, hält sich, von dieser Gruppe eingefaßt, auf seiner Loggia wie in einem längst ihm zugedachten Mausoleum auf.

walter benjamin, ‚berliner kindheit um neunzehnhundert‚, enstanden 1932–1934/1938, frankfurt/m., 1987.

*     still aus ‚menschen am sonntag‚, regie: robert siodmak und edgar g. ulmer, drehbuch: billy wilder, 1930

**   still aus ‚berlin – die sinfonie der großstadt‚ von walter ruttmann, 1927

REISEANDENKEN

VERSAILLES FASSADE. Es ist, als habe man dies Schloß vergessen, wo man es vor so und soviel hundert Jahren Par Ordre Du Roi nur auf zwei Stunden als das Versatzstück einer Féerie hingestellt hat. Von seinem Glanz behält es nichts für sich, es gibt ihn ungeteilt an jene königliche Lage, die mit ihm abschließt. Vor diesem Hintergrund wird sie zur Bühne, auf der die absolute Monarchie als allegorisches Ballett tragiert ward. Doch heute ist es nur die Wand, deren Schatten man aufsucht, um den Fernblick ins Blau zu genießen, das Le Nôtre erschuf.

walter benjamin, ‚einbahnstrasse‘