virtuelles lapidarium: herkules farnese (ein griechischer halbgott in kassel …)

in vielen gärten steht er: herkules oder herakles, besonders der farnesische. der halbgott Ἡρακλῆς aus der griechischen mythologie war das herrschersymbol des ancien régime. ob als baby mit einer schlange wie in het loo, ein sinnbild für den jungen willem van oranje, oder im kampf mit der hydra im herkulesteich des neuwerkgartens in gottorf (schleswig). im 18 jh. veränderten sich die politische selbstdarstellung und der gartengeschmack: herkules verlor seinen stellvertreterposten auf dem sockel im beet an appolon …

ein griechischer halbgott in kassel:

Der Carlsberg ist ein großer waldvoller Berg, berühmt genug durch das darauf angelegte herrliche Werk der Architectur und der Wasserkünste. Man erblickt überall vortreffliche Wälder von Buchen, und an den leeren Plätzen eine Menge herrlicher Anpflanzungen, besonders von einheimischen und ausländischen Nadelhölzern, Hayne von Lerchenbäumen und Weyhmouthsfichten, von Rothbüchen und Silberpappeln, von Tulpenbäumen und virginischen Robinien. […] Bey hellem Wetter übersieht man hier fast eine kleine Welt, die schöne Stadt Cassel und ringsumher auf sieben und zwanzig Dörfer in den umliegenden Landschaften. Man bemerkt leicht aus den Vortheilen dieser Lage, daß die Kunst der Bearbeitung hier einen der schönsten Gärten in Europa bilden kann.

[…]

Wenn indessen für die Nachahmung der mythologischen Fabel in Gärten ein Ort schicklich ist, so behauptet der Carlsberg allerdings seinen Vorzug. Das ungeheure Werk und der Anblick des colossalischen Hercules, der oben aus den Wolken auf das Werk, das mit seiner Stärke vollendet ist, herabschauend sich nun einer stolzen Ruhe zu überlassen scheint, versetzt die Einbildungskraft auf einmal in die heroischen Zeiten des Alterthums. Diese erhabene Scene, der Berg, der fast den Namen eines Gebirges verdient, die auf seiner Höhe wallenden Wälder, die vielen angepflanzten Hayne von dunklen Nadelhölzern, verbreiten eine ehrwürdige Feyerlichkeit über die ganze Gegend. Und dieser Eindruck könnte allerdings noch durch eine wohl gewählte und zusammenhängende Reihe mythologischer Scenen, die jetzt nur zerstreut oder vermischt erscheinen, ungemein verstärkt werden.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 5, leipzig 1785.

70,5 m: auf dem oktagon mit pyramide (1701 bis 1717) von giovanni francesco guerniero der herkules aus kupferblech vom augsburger goldschmied johann jacob anthoni, stolze 8,30 m. auftrageber war landgraf karl von hessel-kassel. ein document des barocken machtanspruches des auftragsgebers auf den karlsberg im habichtswald. gesamthöhe mit berg: 596 m. ab 1785 unter dem ur-enkel wilhelm IX., später als kurfürst I., von hessen-kassel in einem english landscape garden umgewandelt. Weiterlesen

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vom ätna auf den eschberg: genista aetnensis / ätna-ginster

Die Lavaströme bieten in der ersten Zeit nach ihrer Entstehung das Bild der äussersten Öde dar. Die Schlacken, welche schollenartig die flüssige Steinmasse bedecken, schieben sich vielfach über einander, so dass eine äusserst unebene, von zahllosen rauhen, durch einander geworfenen scharfkantigen Blöcken gebildete Oberfläche entsteht. Die letzten Schollen, welche der erkaltende Strom vor sich herschiebt, strahlen keine erhebliche Hitze mehr aus; Bäume, welche vor zwei Jahren von den letzten Ausläufern eines Lavastromes umschlossen wurden, sah ich unbeschädigt fortgrünen. Vereinzelte Pflanzen siedeln sich schon in den ersten Jahren in den Spalten eines Lavastromes an; wenigstens ist dies in einer Meereshöhe von 1200 m und mehr der Fall, wo die Luft auch im Sommer feuchter ist als unten. Allmählich werden die Pflanzen zahlreicher, namentlich sind es, abgesehen von mancherlei krautartigen Gewächsen, zwei gelbblühende Ginsterarten, die sich auf der Lava heimisch machen, nämlich der gewöhnliche, am ganzen Mittelmeer verbreitete Pfriemenginster (Spartium junceum) und der dem Ätna und wenigen andern Bergen eigentümliche Ätnaginster (Genista Aetnensis). Vor Beschädigungen durch Menschen und Vieh geschützt, entwickelt sich diese letztgenannte Pflanze zu einem mässigen Bäume von höchst eigentümlicher Tracht, dessen grüne, fast laublose Zweige sich graziös abwärts neigen, so dass sie an neuholländische Kasuarinen [casuarina] erinnern. Wenn man diese merkwürdigen Bäume bei Nicolosi gesehen hat, begreift man nicht, weshalb man sie nicht auch anderswo kultiviert. Ob sie die Winter Mitteleuropas oder das feuchte Klima Englands ertragen würden, mag zweifelhaft sein, wenn auch weder die wilde Vegetation, noch die Kulturpflanzen ihrer Umgebung auf ein besonders mildes südliches Klima hinweisen. Es wird aber doch gewiss in Italien viele Plätze geben, wo sie gut gedeihen würden.

wilhelm olbers focke, ‚reiseeindrücke aus sizilien‘ in ‚deutsche geographische blätter‘, band IX., heft 3, 1886.

G. ÆTNENSIS, a native of Sicily and Sardinia, is one of the best garden plants in the genus [genestia]. […] In a young state the twigs are sparsely clothed with linear silky leaves, but when old no leaves are developed, and the green slender twigs perform the function of leaves. An old tree – for this species attains a height of 12 feet or more – is a beautiful sight in July or August when in full flower. Like many other members of the Leguminosæ, it does not appear to be long-lived, but the plant is so easily raised and grows so quickly that it is well to have a few specimens in the shrubbery.

n., ‚the genistas‘ in ‚the garden – an illustrated weekly journal of horticulture in all its branches‘ (founded by wiliam robinson), vol. XLIII, midsummer, 1893.

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die ersten blüten des genista aetnensis / ätna-ginster. vom ätna auf den eschberg. terrakotta-kübel statt lava. für die weitere lektüre: ’sulla genista aetnensis e le genista junciformi della flora mediterranea‘ (genova, 1897) von pasquale baccarini, prefetti des orto botanico dell’università di catania.

reberziehung als minimaliste skulptur: der kammertbau

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kammertbau in landau, detail, ‚wahre contrafehtung der reichstatt landaw, wie sie zu unsern zeiten in der mawren steht‘, gezeichnet von ws, geschnitten von jakob clauser, aus sebastian münster, ‚cosmographia‘, basel 1547 ff. (erstausgabe, 1544)

Kammert f.: ‚Weinspalier‘, Kammert (kaməʳd) […]; K. Mache ‚Biegen und Anbinden der Rebstöcke mit Kammertband mittels Kammerthaken an das Spaliergerüst‘, früher bestehend aus den dickeren Länderichbalken und den damit parallel verlaufenden Trudelstangen (vgl. Pfwb Trudel 2), heute größtenteils aus Länderichdraht und Trudeldraht. Mancherorts ist in der Bezeichnung K. Mache auch der Bau des Spaliergerüstes mit inbegriffen (s. PfWB kammerten 1 u,. 2) […]; vgl. PfWB länderichen, PfWB trudeln 1. – Aus lat. (vinea) camerata ‚Weinspalier, -laube‘, zu Camerare ‚wölben‘, […]

‚pfälzisches wörterbuch‘, begründet von ernst christmann, stuttgart, 1965–1998.

kammertbau auf dem vulkan

Fenster haben die Häuser der alten Griechen und Römer fast nie gehabt; Licht und Luft kamen aus dem Lichthof im Innern, einer Öffnung im Dach, der auf dem Erdboden ein Bassin entsprach, in das der Regen fiel. Die fensterlosen Mauern, die schon immer etwas Strenges hatten, machen jetzt, da alle Farbe von ihnen verschwunden ist, die Straßen doppelt ernst. Der Vesuv aber mit seinen Wäldern am Fuß und den Weinbergen in der Höhe sieht nirgends schöner und lieblicher aus, als wenn er hier über den starren Mauern oder in der Öffnung eines der drei oder vier Tore von Pompeji, die heute noch stehen, erscheint.

walter benjamin ‚untergang von herculanum und pompeji‘ / rundfunkarbeiten, radiosendung vom 18/09/1931

eine der ältesten darstellungen einer kammert-ähnlichen anlage findet sich auf einem bild des bacchus, des gottes des weines. das fresko ‚bacco e il vesuvio‘ (68–79 n. Chr.), aus der casa del centenario in pompeji wurde 1879 ausgegraben und hängt heute im museo archeologico nazionale di napoli. das bild gehörte zum lararium, dem kultschrein der hausgötter bzw. der familie, des hauses.

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ill. aus salomon reinach, ‚répertoire de peintures grecques et romaines‘, paris, 1922.

Hic est pampineis viridis modo Vesbius umbris,
presserat hic madidos nobilis uva lacus:
haec iuga, quam Nysae colles plus Bacchus amavit,
hoc nuper Satyri monte dedere choros.

martial, ‚epigrammaton‘ (IV.44, ca. 85–103 n. Chr.)

bacchus steht neben einem berg, der zumeist für die älteste darstellung des vesuv (vor dem ausbruch im jahre 79 n. Chr.) gehalten wird. am fusse des berges sind „kammern“ für den weinbau zu erkennen, iugatio compluviata. iugatio deut. anbinden der reben an querbalken; compluviata von compluvium – com- ‚zusammen- und pluvia regen – deut. die architektonische bezeichnung für die viereckigen dachöffnungen über dem säulenhof eines römischen hauses. ähnliche antike methoden der reberziehung, heute teilweise noch zur dekoration und als sonnenschutz verwendet, sind pergulae (vorbau oder pergola) und trichilae (laube). die schriftlichen zeugnisse über den römischen weinbau finden sich bei marcus terentius varro in ‚rerum rusticarum‘ ( I, 8,2, 37 v. chr.) und in der ’naturalis historia‘ (XVII 164 ff.) von plinius dem älteren (der beim ausbruch des vesuvs starb).

vom vesuv an die haardt

der wein kam mit den römern über die alpen und an die hänge des pfälzerwaldes. in der rheinpfalz und im elsass war der kammertbau in unterschiedlichen versionen, es wird zwischen offenem (pfähle in einer reihe werden mit balken verbunden) und geschlossenem kammertbau (pfähle werden durch querbalken verbunden) unterschieden, in den weinbergen bis anfang des 20. jh. verbreitet.

Die Edenkober Kammer-Erziehungsart.

[…]: die Stöcke haben nur einen Schenkel mit zwei Bogreben und Zapfen, die Reihen stehen vier Fuß von einander, die Querlatten sind fünf Fuß von einander, und der Länge nach laufen drei Latten, woran die Bogreben geheftet werden, so daß der Raum zwischen den Länge-Druthern [latten] fast ganz frei bleibt, und die Sonne den Boden bescheinen kann. Um zu bewirken, daß die Sonne recht kräftig eindringen kann, so werden gegen den Herbst alle Lotten, welche den Raum bedecken, längs der Druther abgeschnitten, wodurch längs der Kammern eine offene Lücke entsteht.

Diese Erziehungsart findet man am obern Haardtgebirg, bei Edenkoben, Rhodt, Edesheim und anderen Orten. Man erzieht daran den Sandtraminer, den rothen Traminer, den Gutedel, Alben, grünen Sylvaner und andere Varietäten. Man findet diese Erziehungsart gegen das untere Haardtgebirg, allmählig modificiert, und endlich in die einfachen niedern Rahmen übergehend. So z.B. unter Maikammer fehlen schon die zwei langen Seitenlatten und weiter abwärts auch die Querlatten.

johann metzger, ‚der rheinische weinbau in theoretischer und praktischer beziehung‘, heidelberg,1827.

heute fahren vollernter duch spalierreihen. zur zeit des kammertbaues stieg man in den weinbergen beim beschneiden und ernten der reben von kammer zu kammer. eine mühsame und zeitraubende methode mit hohem verbrauch an holz (eiche oder → keschde)…

ab 1863 bemühte sich karl heinrich schattenmann – minendirektor in buchsweiler (bouxwiller im elsass, département bas-rhin) und generalrat im französischen landwirtschaftsministerium – bei seinem 1812 erworbenen weinschlössel in rhodt unter rietburg um die einführung neuer anbaumethoden und überliefert die methode für die nachwelt:

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Größtentheils wird die Rebe an Pfähle oder Rebstecken befestigt, im Bezirk Weißenburg und in der obern Rheinfalz jedoch ruht die Rebe auf einer Laube, die Kammer genannt wird. Diese Kammer ist, wie folgt, gebaut: ein aufrechtstehender hölzerner Pfahl, Stiefel, genannt, der an einem Ende zugespitzt und 1 m,30 lang, 0 m,10 breit, 0 m,05 dick ist, wird 0 m,50 tief, so daß er 0 m,80 aus der Erde hervorragt, in den Boden geschlagen. Von je 0 m,84 zu 0 m,84 Entfernung wird ein solcher Stiefel eingeschlagen und zwar in derselben Linie in welcher die Rebstöcke gepflanzt werden. Eine Stange, in viereckig gespaltenem Holze, Balken genannt, von 4 Meter Länge, 0 m,04 Dicke, verbindet die Stiefel und ruht auf einem Einschnitt in denselben. Drei auf diese Weise gebildete Linien werden vermittelst einer ähnlichen Stange quer auf eine Entfernung von 1 m,12 verbunden. Zwei dünnere ebenfalls viereckig gespaltene Stangen, welche man Drutteln nennt und die 0m,02 dick sind, werden zu beiden Seiten der Hauptstange auf 0 m,28 Entfernung befestigt und bilden so eine 0m,60 breite Laube, auf welcher die Rebe ruht; letztere hat einen 0 m,80 hohen Stamm, von dem die Tragreben ausgehn. Die Entfernung zwischen den Zeilen der Rebstöcke beträgt 1 m,40.

[…]

Der Kammerbau, den ich seit meiner Kindheit betrieben und beobachtet habe, scheint mir in vieler Hinsicht mangelhaft und die Ursache zu sein, warum, in den Gegenden wo er besteht, die Produkte, sowohl hinsichtlich der Quantität als der Qualität, nicht befriedigend sind. In der That hat die Rebe Sonne und Luft nöthig; ihr Wachsthum ist kräftiger wenn der Stock nahe am Boden ist, wo die Stöcke durchschnittlich 0 m,80 hoch sind und wo die auf der Kammer ausgebreiteten Tragreben den größten Theil des Bodens beschatten und den Zutritt der Sonne, des Lichts und der Luft verhindern; ein großer Theil der Trauben welche unter der Kammer hängen, sind gänzlich der Sonne und des Thaues beraubt. […]

Dieser doppelte Bau ist ungenügend, so daß in der späten Jahreszeit die Weinberge immer mit Unkraut bewachsen sind.

Der Schnitt der Reben ist gleichfalls fehlerhaft; der Frühjahrsschnitt besteht darin, jedem Rebstocke zwei oder drei Tragruthen, welche gebogen werden und Bogenreben heißen, und zwei oder drei Zapfen oder Knebel auf drei Augen beschnitten, zu lassen.

karl heinrich schattenmann, ‚denkschrift über den weinbau in den departementen des ober- und niederrheins und in rheinbayern‘, straßburg, 1863.

die neuen methoden waren erfolgreich. sie waren nicht so arbeitsintensiv (bis zum heutigen vollernter), die reben bekamen mehr licht, etc. die landschaft an der südlichen weinstrasse veränderte sich…

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kammertbau unterhalb von  ’schloss ludwigshöhe. edenkoben. pfalz‘, stahlstich von johann poppel nach ludwig rohbock, um 1850.

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spaliererziehung am weinschlössel von charles henri hancké, aus schattenmann, ‚denkschrift‘, 1863.

2012 wurde zu ehren von schattenmann gegenüber „seines“ weinschlössls eine kammertbau erichtet. in edenkoben befindet sich ein musterwingert im kammertbau am ‚edenkobener weinlehrpfad‘.

virtuelles lapidarium: kammertbau als ‚primary structure‘?

formalistisch gesehen erinnert das gerüst für den kammertbau an eine skulptur der minmal art:

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ill. aus johann philipp bronner ‚der weinbau am haardtgebirge von landau bis worms‘, ‚der weinbau in süd-deutschland‘, bd. 1, heidelberg, 1833.

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‚peace of münster‘ von carl andre, 1984, im lichthof des westf. landesmuseum für kunst und kulturgeschichte (heute: lwl-museum für kunst und kultur), münster; katalog ’skulptur projekte münster 1987’…

reihung, wiederholung und (vor)industrielle fertigung. eine ‚primary structure‘ für den „eigenen garten“?

virtuelles lapidarium / die ildefonso-gruppe oder jünglinge im garten…

Für die höchste und schwierigste Aufgabe der Sculptur, für die Bildung freistehender Gruppen, hat das Alterthum uns wenigstens eine Anzahl von mehr oder weniger erhaltenen Beispielen hinterlassen, in welchen die ewigen Gesetze dieser Gattung abgeschlossen vor uns liegen, obwohl es nur arme, einzelne Beste von einem Gruppenreichthum sind, von welchem sich die jetzige Welt keinen Begriff macht. Unter jenen Gesetzen sind einige, die auf den ersten Blick einleuchten: der schöne Contrast der vereinigten Gestalten in Stellung, Körperaxe. Handlung u.s.w.; die wohlthuenden Schneidungen und Deckungen; die Deutlichkeit der Action für die Ansicht von mehrern oder allen Seiten etc. etc. Schwer aber (und nur dem Bildhauer selbst möglich) ist das Nachfühlen und Nachweisen des Gesetzmässigen in allem Einzelnen. […]
Zum Einfachschönsten gehören einige Werke, welche zwei Gestalten in ganz ruhiger geistiger Gemeinschaft darstellen. Das Ausgezeichnetste in dieser Art, die sog. Gruppe von San Ildefonso, (die Genien des Schlafes und des Todes, nach der üblichsten Erklärung, traulich aneinander gelehnt) befindet sich jetzt in Madrid; […]

jacob burckhardt, ‚der cicerone – eine anleitung zum genuss der kunstwerke italiens‘, basel, 1855.

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ildefonso-gruppe, kupferstich aus: ‚raccolta di statue antiche e moderne data in luce sotto i gloriosi auspicj della santita di n.s. papa clemente XI. da domenico de rossi illustrata colle sposizioni a ciascheduna immagine di paolo alessandro maffai‘, rom, 1704.

die heute als ‚ildefonso-gruppe‘ bekannte skupltur (römisch nach griechischen vorbildern, schule des pasiteles, um 10 v. chr., weisser carrara-marmor, 161 x 106 x 56 cm) wurde um 1620 bei ausgrabungen auf dem monte pincio in rom gefunden. auf dem gelände befand sich der familiensitz der ludovisis, die villa boncompagni ludovisi (mit einem zeitweise andré le nôtre zugeschriebenem garten). in der antike war das areal teil der horti sallustiani (1. jh. v. Chr.). durch das im 19 jh. bebaute gelände verläuft die via veneto: la dolce vita…

im inventar der antikensammlung (der grössten in der ersten hälfte des 17. jh.) von kardinal ludovico ludovisi ist die skulptur erstmals schriftlich dokumentiert.

Seconda stanza à mano manco. Due statue di due giovanotti antichi grandi del naturale ignudi fanno un sacrificio un idoletto di una femmina apresso vestita con un canestrino in capo figure di Castore e Polluce gemelli (Gruppe von Ildefonso) sopra piedistalli di breccia, corniciato con un bassorilievo d’una battaglia in fronte con un fregio di marmo nero intorno.

‚arch. boncompagni. arm. IX. prot. 325. nr.1‘ in: theodor schreiber, ‚die antiken bildwerke der villa ludovisi in rom‘, leipzig, 1880.

später gelangt sie in den besitz des kardinals camillo massimo. 1678 erwarb die abgedankte, im römischen exil lebende, christina von schweden die beiden jünglinge für ihre sammlung. 1724 kaufte die frau von felipe V . von spanien, elisabetta farnese, die skulptur aus sammlung odescalchi und sie wurde im palacio real la granja de san ildefons, dem sommersitz der spanischen könige in der region segovia, aufgestellt. 1828 zogen die jungs, den namen haben sie vom palast behalten, in das museo del prado nach madrid um. in san ildefonso, im sala de la verdad, befindet sich heute eine gipskopie von giuseppe pagniucci auf dem alten sockel.

die ildefonso-gruppe in gärten und anderswo

die kopie am namesgebenden ort ist nicht die einzige: im park von sansouci in potsdam steht eine francesco menghi zugeschriebene version, westlich des von karl friedrich schinkel, zusammen mit seinem schüler ludwig persius, entworfenen schlosses charlottenhof. seit 1885 an ihrem heutigen standort im park (von hermann sello und peter joseph lenné), auf einer von wegen durchzogenen rasenfläche, aber schon vom kronprinzen und späteren könig friedrich wilhelm IV. bei seiner grundkonzeption (→ friedrich wilhelm IV. bestandskatalog, spsg, inventarnummer GK II (12) II-1-Cg-25) für charlottenhof an anderer stelle eingeplant.

eine weitere preussische variante befindet sich im schloss glienicke in berlin-wannsee – eines der besten resultate der germanischen italiensehnsucht. das gebäude, von schinkel und persius für den prinzen carl von preussen gebaut, steht in einem park von lenné. für den gartenhof entwarf schinkel einen brunnen mit einer ildefonso-gruppe (→ ‚entwurf für die brunnenanlage mit der ildefonso-gruppe‘, um 1827. kupferstichkabinett, smb, inv.-no.: SM 51.10.) aus der kunst- und glockengiesserei lauchhammer, 1828 (aus der gleichen giesserei stammen die gartenmöbel von schinkel!)

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‚grundriss des schlösschen glinicke mit umgebung‘, detail: der gartenhof mit brunnen, aus karl friedrich schinkel, ’sammlung architektonischer entwürfe: enthaltend theils werke welche ausgeführt sind theils gegenstände deren ausführung beabsichtigt wurde‘, berlin 1819 bis 1840.

vorbild für den ildefonso-brunnen in berlin war die brunnenanlage mit lauchhammer ifdefonso-gruppe in weimar.

neben den klassizistischen sollte man die barocke version in den versailler gärten von andré le nôtre nicht vergessen: seit 1712 befindet sich hier eine mamorkopie von charles antoine coysevox, ca. 1706, demi-lune du parterre de latone côté sud.

für den haus- bzw. innenraumgebrauch: die porzellan version, handliche 35 cm höhe, von christian gottfried jüchtzer für die meissener manufaktur, 1789 (porzellansammlung im dresdener zwinger, sowie exemplare im british museum und im kunstgewerbemuseum, berlin).

neben kopien und abgüssen existieren einige formale zitate: die ‚prinzessinnengruppe‘, 1797, von johann gottfried schadow. ein doppelstandbild der prinzessinnen friederike und luise von mecklenburg-strelitz (die preussische königin luise, mutter von friedrich wilhelm IV. und prinz carl von preussen). in weimar das goethe-schiller-denkmal, 1857, von ernst rietschel.

who’s who oder wer steht da im beet?

schon im 17. jh. hielt man die beiden jünglinge für die dioskuren castor und pollux. die heute verbreitete interpretation. johann joachim winckelmann sah in ihnen orestes und pylades (‚monumenti antichi inediti‘, bd. 1, rom, 1767). laut gotthold ephraim lessing (‚wie die alten den tod gebildet‘, berlin, 1769) stellen sie schlaf und tod, hypnos und thanatos, da.

eine weitere deutung der beiden ist auf den zustand der skulptur zurückzuführen und ein produkt interpretativer restauration des 17. jh.: der linke jüngling war kopflos. ludovisis restaurator ippolito buzzi setzte einen kopf des antinous, ca. 130, auf den körper. antinous, günstling und vermutlicher liebhaber des römischen kaisers hadrian, ertränkte sich selbst im nil und genoss gottgleiche verehrung. ennio quirino visconti, archäologe, kustus der vatikanischen bibliothek und später konservator im louvre, deutete die restaurierte skulptur als den sich auf seinen todesdämon lehnenden antinous (‚osservazioni di ennio quirino visconti su due musaici antichi istoriati‘, parma, 1788).

vom monte pincio auf den eschberg

für ein grosse skulptur ist der „eigenen garten“ – der eher eine vom vermieter tolerierte guerilla gardening aktion auf dem „ehemaligen” eschberg ist – viel zu klein. eine skulptur incl. fundament & sockel utopisch… und nicht zeitgemäss. es gibt diese ganzen rostigen metall-deko-figuren? fürchterliches zeug das beim letzten besuch eines pflanzenmarktes mal wieder zum ausbruch des tourette-syndroms führte… rost mag ich jedoch, besonders bei cor-ten-stahl. ein griechisch-römisch-biedermeierlicher scherenschnitt aus metall?

erstmal einen winter drüber schlafen…

postskriptum

es wird versucht diesen blog einigermassen frei von verbeamteten staatsschriftschellern zu halten. hier lässt es sich leider nicht vermeiden. eine er-war-hier-plakette wird jedoch nicht angebracht! der weimeraner brunnen geht auf einen herrn g. zurück welcher in seinem haus in weimar eine ildefonso-gruppe aus bronziertem gips von martin gottlieb klauer, ca. 1812, stehen hatte (die ebenda noch steht):

[…] ist mir ein Gedanke gekommen, ob wir nicht ein Werk, wo nicht von Polyclet selbst, doch in seinem Sinne besitzen sollten, und zwar in der Gruppe, die jetzt in meiner Vorhalle steht, dem sonst sogenannten Castor und Polux. Hier wären die beyden meister- und musterhaften einzelnen Gegenbilder, der Diadumenos [diademträger] molliter juvenis [weichlicher jüngling] und der Doryphorus [speerträger], den Plinius [der ältere] viriliter puerum [männlicher junge] nennt, neben einander gestellt, und auf die glücklichste weise contrastirt und vereinigt. Diese beyden Epheben waren mir immer höchst angenehm und ich mag mir nun gern über sie dieses kritische Märchen machen.

johann wolfgang von goethe, brief an johann heinrich meyer, jena 10.11.1812.

über was sich alte männer so gedanken machen…

 

virtuelles lapidarium: eine skulptur für den „eigenen garten“…

im „eigenen garten“ fehlt noch eine skulptur. das allgemeine angebot an sogenannten „gartenskulpturen“ ist äusserst abschreckend… aber ein garten ohne statue? vorherrschend ist optische umweltverschmutzung: unproportionierte davids à la michelangelo, venus-imitationen nach botticelli oder apollon-köpfe aus dem baumarkt. alles in fragwürdiger qualität und unter noch fragwürdigeren bedingungen produziert. ein schnäppchen von der europalette. ganz zu schweigen von elfen, buddhas und anderem esoterikkram … wer pflanzen im baumarkt kauft macht sich über skulpturen wohl ebenfalls keine gedanken …

wo ist eigentlich der gute alte → gartenzwerg geblieben?

Der Geschmack der Menschen an der Bildhauerey, Malerkunst und Architektur ist meistens sehr eingeschränkt; man muß gelernet haben, ehe man hier bewundern kann; und das Vergnügen an den Werken dieser Künste wird erst durch ein gewisses Maaß von Zeit und Untersuchung interessant, die man ihnen aufgeopfert hat. Allein die Reize eines wohlangelegten Gartens sind ohne Unterricht und Erklärung, den Kundigen und Unkundigen gleich empfindbar.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 1, leipzig, 1779.

hier beschränkt hirschfeld den garten, leider, auf emotiönchen, was heute, social media, zu „hübschen“ blümchen-fotos aus scheusslichen „gärten“ führt. gärten benötigen ebenfalls „ein gewisses Maaß von Zeit und Untersuchung“… aber das ist ein anderes, viel längeres, thema.

Auch die Bildhauerkunst hat nicht unterlassen, an der Verzierung der Gärten, wie die Architectur, Antheil zu nehmen. Statuen und Monumente sind ihre Werke, […].

Statuen mußten bald zu den Verzierungen der Gärten gerechnet werden, da man anfieng, diese als Schauplätze der Pracht, oder als Scenen der Kunst zu behandeln, worinn die Bildhauerey nicht weniger, wie die Architectur, ihren Glanz ausbreiten durfte. Der Römer führte Statuen in die Gärten ein, mehr aus unüberlegender Prachtsucht; der Franzose mehr aus Wahn, daß, was Gebäude ziert, auch Gartenplätzen zukomme.

Ohne Zweifel hatten die Römer zuerst Statuen in den Gärten der Griechen gesehen, unter welchen schon Alkamenes eine von ihm verfertigte Venus in seinem Garten zu Athen aufstellte, die nachher der Kaiser Hadrian in seine berühmte Villa [adriana] versetzte. In den letzten Zeiten der Republik und unter den Kaisern, als die Liebe der Kunstwerke ein Theil des herrschenden Luxus ward, brachten die Römer von der Menge der Statuen, die aus Griechenland nach Italien kamen, auch viel in ihre Gärten. Sie gaben hier ihre Gastmale und Feste; sie stellten daher alles auf, was sie nur Prächtiges finden konnten. Man sah hier fast alle Arten von Gebäuden und Kunstwerken, und zwar in einem solchen Ueberfluß, daß Juvenal [’saturae‘, VII., 79-80] die Gärten seiner Zeit mit einem Beywort belegte, das ihnen die übermäßige Pracht vorwarf, worunter alle Einfalt der Natur verschwinden mußte.

Contentus fama jaceat Lucanus in hortis
Marmoreis.

Doch in den ältesten Zeiten herrschte mehr Mäßigkeit. Man begnügte sich mit einer Statue des Priap  [gott der fruchtbarkeit] in der Mitte der Gärten.

Pomosisque ruber custos ponatur in hortis,
Terreat ut saeva falce Priapus aves.
Tibullus [elegiae, 1,1, 17-18].

Columella [in ‚de re rustica‘] erinnert, daß man nicht die Kunstwerke eines Dädalus, Polyclet oder anderer berühmter Bildhauer suchen, sondern sich begnügen solle, den Priap ganz einfältig gearbeitet aufzustellen. Doch folgte man nicht immer dieser Vorschrift. Man machte zu Augusts Zeiten den Priap von Marmor.

Custos es pauperis horti,
Nunc te marmoreum pro tempore fecimus.
Virg[il] Ecl[ogae oder bucolica] 7. [34-35]

Und in den Servilianischen Gärten zu Rom standen die Statuen der Ceres und der Flora, die Werke des Praxiteles waren. Auch die Statuen der Satyren, als Schutzgötter der Gärten, sah man nach einer Nachricht des Plinius [des älteren, ’naturalis historia‘, lib. XIX, c.4.) aufgestellt. Alle diese Statuen hatten doch in den Gärten der Alten einen Grad von Schicklichkeit, der ihnen in den Gärten der Neuern abgieng; sie waren den Gottheiten gewidmet, unter deren besonderm Schutz, nach der allgemeinen Meynung, die Oerter, die Pflanzen und die Früchte standen. Mit einer gleichen Schicklichkeit stellten die Alten, nach einer Bemerkung des Vitruv [‚de architectura‘, lib. VII, c.5.] in die Zimmer, wo sie sich im Frühling, im Sommer und im Herbste aufhielten, solche Bilder, die auf jede dieser Jahreszeiten immer eine gewisse Beziehung hatten.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 3, leipzig, 1780.

das heutige problem in den gärten sind nicht so sehr, wie für hirschfeld, die vielen statuen, sondern der allgemeine deko-wahnsinn …

eine beschäftigung für lange winterabende: eine grand tour im buchregal auf der suche nach einer gartenskulptur …

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ein antinous (antinoo belvedere, hermes andros-farnese), fig. 6, wäre doch was… ‘plate I, the sculptor’s yard’ aus: william hogarth, ‚the analysis of beauty‘, london, 1753.

weitere beiträge zu skulpturen (von griechisch/römisch über barock zur minimal und land art) unter dem tag → lapidarium (virtuell) folgen…

Rege sub hoc Pomona fuit, qua nulla Latinas
inter hamadryadas coluit sollertius hortos
nec fuit arborei studiosior altera fetus;
unde tenet nomen: non silvas illa nec amnes,
rus amat et ramos felicia poma ferentes;
nec iaculo gravis est, sed adunca dextera falce,
qua modo luxuriem premit et spatiantia passim
bracchia conpescit, fisso modo cortice virgam
inserit et sucos alieno praestat alumno;
nec sentire sitim patitur bibulaeque recurvas
radicis fibras labentibus inrigat undis.
hic amor, hoc studium, Veneris quoque nulla cupido est;
vim tamen agrestum metuens pomaria claudit
intus et accessus prohibet refugitque viriles.
quid non et Satyri, saltatibus apta iuventus,
fecere et pinu praecincti cornua Panes
Silvanusque, suis semper iuvenilior annis,
quique deus fures vel falce vel inguine terret,
ut poterentur ea? sed enim superabat amando
hos quoque Vertumnus neque erat felicior illis.
o quotiens habitu duri messoris aristas
corbe tulit verique fuit messoris imago!
tempora saepe gerens faeno religata recenti
desectum poterat gramen versasse videri;
saepe manu stimulos rigida portabat, ut illum
iurares fessos modo disiunxisse iuvencos.
falce data frondator erat vitisque putator;
induerat scalas: lecturum poma putares;
miles erat gladio, piscator harundine sumpta;
denique per multas aditum sibi saepe figuras
repperit, ut caperet spectatae gaudia formae.
ille etiam picta redimitus tempora mitra,
innitens baculo, positis per tempora canis,
adsimulavit anum: cultosque intravit in hortos
pomaque mirata est ‚tanto‘ que ‚potentior!‘ inquit
paucaque laudatae dedit oscula, qualia numquam
vera dedisset anus, glaebaque incurva resedit
suspiciens pandos autumni pondere ramos.
ulmus erat contra speciosa nitentibus uvis:
quam socia postquam pariter cum vite probavit,
‚at si staret‘ ait ‚caelebs sine palmite truncus,
nil praeter frondes, quare peteretur, haberet;
haec quoque, quae iuncta est, vitis requiescit in ulmo:
si non nupta foret, terrae acclinata iaceret;
tu tamen exemplo non tangeris arboris huius
concubitusque fugis nec te coniungere curas.
atque utinam velles! Helene non pluribus esset
sollicitata procis nec quae Lapitheia movit
proelia nec coniunx nimium tardantis Ulixis.
nunc quoque, cum fugias averserisque petentes,
mille viri cupiunt et semideique deique
et quaecumque tenent Albanos numina montes.
sed tu si sapies, si te bene iungere anumque
hanc audire voles, quae te plus omnibus illis,
plus, quam credis, amo: vulgares reice taedas
Vertumnumque tori socium tibi selige! pro quo
me quoque pignus habe: neque enim sibi notior ille est,
quam mihi; nec passim toto vagus errat in orbe,
haec loca sola colit; nec, uti pars magna procorum,
quam modo vidit, amat: tu primus et ultimus illi
ardor eris, solique suos tibi devovet annos.
adde, quod est iuvenis, quod naturale decoris
munus habet formasque apte fingetur in omnes,
et quod erit iussus, iubeas licet omnia, fiet.
quid, quod amatis idem, quod, quae tibi poma coluntur,
primus habet laetaque tenet tua munera dextra!
sed neque iam fetus desiderat arbore demptos
nec, quas hortus alit, cum sucis mitibus herbas
nec quicquam nisi te: miserere ardentis et ipsum,
qui petit, ore meo praesentem crede precari.
ultoresque deos et pectora dura perosam
Idalien memoremque time Rhamnusidis iram!
quoque magis timeas, (etenim mihi multa vetustas
scire dedit) referam tota notissima Cypro
facta, quibus flecti facile et mitescere possis.

publius ovidius naso, ‚metamorphoseon‘, liber XIV, 623 – 697.

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Nie war eine vordem der latinischen Hamadryaden
Ämsiger, als Pomona, in blühender Gärten Bestellung,
Nie geschäftiger eine für saftige Früchte des Baumes.
Davon ward sie benamt. Nicht Waldungen liebt sie, noch Flüsse;
Aber die Flur, und Äste mit glücklichem Obste belastet;
Und für den Wurfspiess trägt sie die mondliche Hipp‘ in der Rechten,
Die bald üppigen Wuchs ihr bändiget, und die verwildert
Schweifenden Arme bezähmt, und bald in gespaltene Rinde
Pfropfet das Reis, und Säfte dem kindlichen Fremdlinge darbeut.
Nichts auch läßt sie verschmachten vor Durst, und der schlürfenden Wurzel
Zackige Fäserchen tränkt sie mit sanft umgleitender Welle.
Das ist Lust und Geschäft! Auch der Cypria achtet sie gar nicht.
Scheuend indes die Gewalt der Ländlichen, schließt sie den Obsthain
Drinnen, und sorgsam wehrt und meidet sie männlichen Zugang.
Was nicht alles ersann die im Tanz aufhüpfende Jugend,
Satyre! und, um die Hörner gekränzt mit der Fichte, die Panen;
Auch Silvanus der Greis, stets jugendlich über sein Alter;
Und der Gott, der den Dieb mit Pfahl und Hippe verscheuchet:
Ihrer Umarmung zu nahn! Selbst diesen auch strebte Vertumnus
Liebend zuvor; allein nicht glücklicher war er, denn jene.
O wie trug er so oft in der Tracht des gehärteten Schnitters
Ähren im Korb, und war ein wirklicher Schnitter von Ansehn!
Oft, wann er zierlich die Schläfe mit frischem Heu sich umwickelt,
Schien’s, als hätt‘ er des Grases gemähete Schwade gewendet.
Oft auch trug er den Stachel in starrender Rechte; da schwur man,
Daß er nur eben vom Joch die ermüdeten Farren gelöset.
Nahm er die Hippe, so schor er dir Laub, und schneitelte Reben;
Hatt‘ er die Leiter gefaßt, er schien Obst pflücken zu wollen;
Kriegsmann war er mit Schwert, mit Rohr in den Händen ein Fischer.
So durch viele Gestalten eröffnete jener sich häufig
Zugang, um zu genießen die Lust der betrachteten Schönheit.
Dieser anjetzt, die Schläfen mit bunter Müze verhüllend,
Ging am Stabe gestützt, grauschimmerndes Haar um die Schläfen,
Einem Mütterchen gleich, und trat in den zierlichen Garten.
Drinnen das Obst anstaunend: O ganz Glückselige! sprach er;
Dann die Gelobete küsst‘ er mit wenigen Küssen; doch niemals
Gab sie ein Mütterchen so; und gekrümmt auf die Scholle sich sezend,
Schaut‘ er empor zu den Ästen, die schwer vom Herbste sich bogen.
Gegen ihm stand ein Ulm mit schwellenden Trauben gebreitet.
Als er jenen gerühmt, und zugleich die gesellete Rebe:
Stände nun, sagt‘ er, der Stamm ehlos, ungepaart mit dem Weinschoss,
Nichts wär‘ ausser dem Laube, was ihn zu besuchen uns reizte.
Auch die verbundene Rebe, die sanft ausruhet im Ulmbaum,
Wäre sie nicht vermählt, sie läge gestreckt auf der Erde.
Doch du bleibst ungerührt von des Baums so lehrendem Beispiel,
Fliehst das ehliche Lager, und denkst an keine Vermählung!
Aber, o wolltest du nur! Nicht Helena hätten so viele
Freier gedrängt, noch jene, die Kampf den Lapithen erreget,
Noch des Ulysses Gemahlin, des Trotzigen gegen Verzagte!
Jezo sogar, wie sehr du die Liebenden fliehst und verabscheust,
Drängen sich tausend Bewerber um dich, Halbgötter und Götter,
Und was immer für Mächt‘ albanische Berge bewohnen.
Doch wenn du klug bist, Kind, wenn du wohl heiraten, und hören
Dieses Mütterchen willst, das mehr als alle die andern,
Mehr wie du glaubst, dich liebt, so verwirf alltägliche Freier,
Und den Vertumnus erwähle zum Bräutigam! Für den Vertumnus
Setz‘ ich zum Pfande mich dir! denn er kennt sich selber nicht besser,
Als ich ihn! Nicht schweift er, umher stets irrend, die Welt durch;
Hier nur treibt er Verkehr. Auch nicht, wie die Menge der Freier,
Macht, was er sah, ihn verliebt; du wirst ihm zuerst, und zuletzt ihm,
Rühren das Herz; dir allein wird ganz sein Leben geweiht sein.
Hiernächst ist er ein Jüngling, und angebotene Zierde
Ward ihm verliehn; auch nimmt er mit Anstand jede Gestalt an,
Und was du immer verlangst, verlang‘ auch alles, das wird er.
Einerlei liebt ihr Beide: denn jegliches Obst, das du aufziehst,
Hat er zuerst, und hält dein Geschenk in fröhlicher Rechte.
Doch nicht mehr von den Bäumen gesammelte Früchte begehrt er,
Noch wohlschmeckende Kräuter, die mild der Garten erzeuget:
Nichts mehr, außer dich selbst! O erbarm‘ dich des Schmachtenden; denk‘ ihn
Selbst den Bittenden hier, der aus meinem Munde dich anfleht!
Rächender Götter Gewalt, und Idalia, welche den Starrsinn
Züchtiget, scheue, mein Kind, und den Zorn der rhamnusischen Göttin!
Dir die Scheu zu erhöh’n (denn mancherlei Kund‘ hat das Alter
Mir ja gewährt), so erzähl‘ ich, was weit in Cyprus bekannt ist,
Schickungen, welche dein Herz leicht bändigen können und mildern.

publius ovidius naso, ‚verwandlungen‘ in der übertragung von johann heinrich voß, berlin,1798.

italiensehnsucht und lübsche natur / ‚buddenbrooks‘ von thomas mann

Das Gespräch floß in einen Gegenstand zusammen, als  Jean Jacques Hoffstede auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, auf die italienische Reise, die er vor fünfzehn Jahren mit einem reichen Hamburger Verwandten gemacht hatte. Er erzählte von Venedig, Rom und dem Vesuv, er sprach von der Villa Borghese, wo der verstorbene Goethe einen Teil seines Faust geschrieben habe, er schwärmte von Renaissance-Brunnen, die Kühlung spendeten, von wohlbeschnittenen Alleen, in denen es sich so angenehm lustwandeln lasse, und jemand erwähnte des großen, verwilderten Gartens, den Buddenbrooks gleich hinter dem Burgtore besaßen …
„Ja, meiner Treu!“ sagte der Alte. „Ich ärgere mich noch immer, daß ich mich seinerzeit nicht resolvieren konnte, ihn ein bißchen menschlich herrichten zu lassen! Ich bin kürzlich mal wieder hindurch gegangen – es ist eine Schande, dieser Urwald! Welch nett Besitztum, wenn das Gras gepflegt, die Bäume hübsch kegel- und würfelförmig beschnitten wären …“
Der Konsul aber protestierte mit Eifer.
„Um Gottes willen, Papa –! Ich ergehe mich Sommers dort gern im Gestrüpp; aber alles wäre mir verdorben, wenn die schöne, freie Natur so kläglich zusammengeschnitten wäre …“
„Aber wenn die freie Natur doch mir gehört, habe ich da zum Kuckuck nicht das Recht, sie nach meinem Belieben herzurichten …“
„Ach Vater, wenn ich dort im hohen Grase unter dem wuchernden Gebüsch liege, ist es mir eher, als gehörte ich der Natur und als hätte ich nicht das mindeste Recht über sie …“

thomas mann, ‚buddenbrooks‘, 1901

lübeck_1888_500

lübeck, plan von 1888: links neben der marienkirche (im plan # 9), in der mengstrasse, befindet sich das buddenbrookhaus. o.l. das burgtor.

  • „gleich hinter dem Burgtore“ heute: der peter-rheder-park, teil der – von peter joseph lenné angelegten und um 1900 veränderten –  wallanlagen und der stadtpark.
  • jean jacques hoffstede in den buddenbrooks ist dichter emanuel geibel (1815 – 1844). von ihm stammt der text des liedes „der mai ist gekommen„.

gartenzwerg, der

                  zipfelmütze_close_s

Gartenzwerg, Zwerge sind im Verhältnis zur Größe des Menschen winzige Phantasiegestalten, die in Märchen und Sagen auftauchen. In den Gestaltungen zum Garten- und Parkzwerg wurden die Erd-, Bergmännlein und Gnome entzaubert und verkitscht. Die Herstellung von Porzellanzwergen durch die Kaiserliche Hofmanufaktur Wien erreichte zwischen 1744 – 1750 ihren Höhepunkt. Ende des 18. Jh.s produzierte die Firma Derby in England eine Serie von Gartenzwergen. Nach dem allmählichen Verschwinden des Zwergenwesens in architektonischen Gärten des Barock taucht es als menschenfreundliches Wesen im Bürgergarten wieder auf. Als ihr Erfinder gilt Sir Charles Edmund Isham (1819-1903). Ausdrücklich empfohlen wird die Belebung eines Gartens mit Zwergenfiguren von John Claudius → Loudon in seiner Encyclopedia of Gardening von 1850. Berühmt ist das „Zwergenreservat“ [The Gnome Reserve & Wild Flower Garden] von North-Devon in Südengland mit über 1000 Zwergenfiguren. Vgl. zu den Zwergenzyklen in der Gartenskulptur auch →Calotzwerge.

                   callot_gobbi_s

Callotzwerg, fester Begriff der spätbarocken Ikonographie, der sich herleitet aus der Serie der gobbi (ital., „Bucklige“) aus dem Jahr 1616 von Jacques Callot (1592/1593 – 1635). Von Callot ausgehend, entstehen Gartenfiguren aus dem Alltags- und Volksleben in Zwergengestalt. Zahlreiche Beispiele dafür finden sich im Veneto [Italien], beispielsweise im Garten der Villa Valmarana ai Nani in Vicenza. In Deutschland sind als Beispiele in der Skulptur der Zwergenreigen in Schloß Öttingen, der „Zwerglgarten“ von Schloß Mirabell bei → Salzburg und insbesondere die zwergenhaften Karikaturen des Hofstaates im Schloßgarten von → Weikersheim in Franken (1709) zu nennen. → Gartenzwerg

‚wörterbuch der europäischen gartenkunst‘ von gabriele uerscheln und michaela kalusok, stuttgart, 2011.

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garden inspiration

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