gartenbücher: orangeriekultur mit schmuddelwetter und in der hauptstadt des regens etc.

meine herrschaft, meine maîtresse en titre, meine orangerie … orangerien und die pflanzen, bzw. deren früchte, waren luxus. statussymbole der besitzer. südfrüchte kommen heute im container nach norddeutschland und werden im hamburger hafen oder in bremerhaven gelöscht. geerntet werden sie unreif, der reifeprozess wird für den transport unterbrochen, damit sie „frisch“ und zu jeder jahreszeit verfügbar in den regalen der supermärkte landen. orangen- und zitronenbäume im kübel findet man in historischen und botanischen gärten oder als urlaubserinnerung auf den terrassen der reihenhaussiedlungen. jeden herbst fragt sich der besitzer: wohin damit bis zur kalten sophie?

die goldenen „äpfel“ der hesperiden. die von theophrastos von eresos erwähnte citrus medica, die als erste citrus nach europa eingeführt wurde. und die bedeutungen des begriffs „orangerie“: „1. Ein Platz, ein Quartier im Garten, wo Orangenbäume aufgestellt sind. […]“; „2. Die Bezeichnung Orangerie für ein wie auch immer gebautes festes Gebäude, wurde erst um 1690 gebräuchlich. […] & „3. Zu Beginn stand der Begriff „Orangerie“ für eine botanische Sammlung verschiedener kälteempfindlicher Pflanzen, dazu gehörten Orangenbäume. […]“. in ersten beitrag des neue bandes der schriftenreihe des arbeitskreises orangeriekultur in deutschland e.v.,“nicht nur zur weihnachtszeit – orangerien in nordwest-deutschland“, gibt margita m. meyer (gartendenkmalpflege, landesamt für denkmalpflege schleswig-holstein) einen guten überblick über die geschichte der sammlung von exoten und ihrer unterbringung. meyer beschreibt auch die einflüsse aus italien, frankreich und den niederlanden. hier, in der republik der zeven verenigde provinciën, hat(te) es die orangeriekultur zur staatssymbolik gebracht, oranje. die handelswege im norden und die heiratspolitik des hauses oranje-nassau führten bereits im 17. jh. zu einer dutch wave: oranienbaum im heutigen gartenreich dessau-wörlitz, oranienburg bei berlin oder oranienstein an der lahn & neben bloembollen kamen gartenbücher mit dem nötigen know-how.

„Ein neblichtes und schlackriges Wetter“

die besten beschreibungen des norddeutschen schmuddelwetters hat der hamburger senator und gartenbesitzer barthold heinrich brockes geliefert. dieses wetter mit meeresklima hat seine tücken, gerade für mediterrane pflanzen. der band stellt orangerien der pfeffersäcke in den hansestädten hamburg und bremen, in der residenzstadt oldenburg, in ostfriesland und die sicherung des gewächshauses im botanischen garten greifswald vor.

und eine gärtnerei. geht man heute durch den jenisch park, die ehemalige ornamented farm von caspar voght, findet man noch das gewächshaus, das für die internationale gartenbauausstellung 1953 vorgängerbauten ersetzte. voght holte den schottischen gärtner james booth nach flottbek. die geschichte der gärtnerei und baumschule erzählt heino grunert (gartendenkmalpflege, behörde für umwelt und energie – amt für naturschutz, grünplanung und energie, hamburg): „die flottbeker baumschule von james booth und söhne“. gehölze, die rosa x alba ‚königin von dänemark‘ und der handel mit exoten. pflanzen als handelsprodukt.

die wahrscheinlich „schrägste“ orangerie, historismus pur, in norddeutschland, befindet sich in schwerin: nach einem spaziergang durch den ehemals barocken schlossgarten, von peter joseph lenné zum landschaftspark umgestaltet, ist das café im burggarten, auf der schlossinsel, die erste wahl. ein zweiflügeliger anbau an das schloss mit arkardengang und terrasse, blick auf den schweriner see inklusive. historismus und sahnetorte. neben den pflanzen im beet, verweisen einige kübel die auf ursprüngliche nutzung: eine orangerie. in ihrem text „orangeriepflanzen für den mecklenburg-schweriner hof“, gibt die landschaftsarchitektin katja pawlak einen überblick über die pflanzen und gebäude im 18. und 19. jh. in den residenzen ludwigslust und schwerin. schlossgärtner ralph schmalz schreibt über die entstehung der heutigen pflanzensammlung in schwerin.

bereits 1685 ist eine orangerie in schwerin nachgewiesen. der heutige bau geht auf die rückkehr des hofes aus ludwigslust in die neue, alte residenz schwerin zurück. unter friedrich franz II., grossherzog von mecklenburg, wurde das schloss marketingmässig als das „neuschwanstein des nordens“ bezeichnet, in den Jahren 1845 bis 1857 vom hofbaumeister georg adolph demmler, hermann willebrand und, aus preussen, friedrich august stüler umgestaltet. gottfried semper lieferte entwürfe für den neubau. 1853 enstand die orangerie am schloss im burggarten. bereits von demmler 1843 geplant ist sie das prunkstück der anlage. der burgarten ist das werk des hofgärtnermeisters theodor klett unter einbeziehung von entwürfen von demmler, semper und lenné. eisenarchitektur, freiteppen, arkaden und das dach der orangerie als begehbare terrasse.

semper? eine orangerie, über die leider kaum literatur existiert, fehlt auch in diesem band. gottfried semper, in hamburg geboren und in altona aufgewachsen, baute 1834 hier, im heutigen donnerspark in ottensen, sein erstes gebäude. für die skulpturensammlung des auftraggebers, conrad hinrich donner, enstand in dessen garten ein pavillon mit oktogonaler kuppel, einem gewächshaus und einer orangerie. für die gartenbauausstellung 1914 in altona wurde das gebäude zum café umgebaut. im 2. weltkrieg zerstört, fielen die reste in den 1950igern der grünflächenplanung der freien und abrissstadt hamburg zum opfer.

die südlichste orangerie im band, abgesehen von heizungen, befindet sich im münsterland:

„DE PLVVIIS MONASTERII VRBIS“

das münsterland ist ein regenloch. wetter das es in den niederlanden und ostfriesland über die deiche schafft, bleibt spätestens am teutoburger wald und dem sauerland hängen. „Patrium nimborum“ hat fabio chigi, päpstlicher gesandte bei den friedensverhandlungen während des dreissigjährigen krieges, münster genannt, die „hauptstadt des regens“. bekannt ist die gegend eher als „Vaterland‘ der Schinken, […] wo Schweinebohnen blühen“ (heinrich heine) als für exotische pflanzen im kübeln, die ein winterquatier benötigen.

kaffee trinken unter palmen nach einem botanischen spaziergang im schlossgarten. im winter ein blick durch die scheiben oder wenn gelüftet wird ohne glas durch die offenen fenster: irgendetwas blüht immer … die orangerie im botanischen garten ist eines der wenigen beispiele eines klassizistischen orangeriegebäudes. geschichte und vorgeschichte der heutigen orangerie beschreibt marcus weiß (gartendenkmalpflege, lwl – landschaftsverband westfalen-lippe).

von 1767 bis 1787 entstand das fürstbischöfliche schloss, vorher hatte die landesherren keine repräsentative residenz in der domstadt, nach plänen von johann conrad schaun. für den auftraggeber, fürstbischof maximilian friedrich von königsegg-rothenfels, entwarf schlaun nicht nur das schloss. der generalplan von 1769 zeigt auf der von fürstbischof christoph bernhard „bommen berend“ von galen ab 1661 angelegten zitadelle (eine zwingburg gegen die renitente bevölkerung, den magistrat und das domkapitel), im barocken schlossgarten neben parterres bereits eine orangerie. gebaut hat schlaun eine orangerie auf der anderen seite der stadtbefestigung für das mitglied des domkapitels und späteren weihbischofs von hildesheim, johann wilhelm von twickel. ein lustgarten auf der ehemaligen johannisschanze – twickelschanze, die heutige engelenschanze – existiert nur noch als plan (1729/31). dieser zeigt zwei nach holländischem typ geplante gebäude, orangerien, innerhalb der verteidigungswälle. eine weitere erhaltene orangerie von schlaun befindet sich im westgarten von schloss nordkirchen, dem münsterländer het loo. ab 1729 errichtet, im typischen schlaun’schen materialmix aus roten ziegeln und baumberger sandstein. doch zurück in den schlossgarten …

schlauns nachfolger wilhelm ferdinand lipper und der hofgärtner franz conrad haas konnte unter dem letzten regierenden fürstbischof maximilian franz von österreich nur eine reduzierte gestaltung des schlossgartens realisieren: die kosten … bereits ab 1788 war der schlossgarten für die bevölkerung zugänglich. 1797 wird an der neu gegründeten universität ein lehrstuhl für naturgeschichte eingerichtet und der arzt und botaniker franz wernekinck berufen. 1803 erfolgt per dekret, das ehemalige fürstbistum ist jetzt preussisch, von freiherr heinrich friedrich karl vom und zum stein, oberpräsidenten von westfalen, die gründung des botanische gartens im schlossgarten. wernekinck wird der erste direktor. für den übriggebliebenen, vernachlässigten teil des gartens erstellte 1854 peter joseph lenné ein gutachten zur umgestaltung in einen landschaftspark. die planung übernahm joseph clemens weyhe, königlicher garteninspektor in düsseldorf.

der bau der orangerie fällt in die amtszeit des gärtner bernhard revermann, der von 1817 bis 1869 für den botanischen garten und den schlosspark zuständig war. grosse teile wurden kommerziell genutzt: eine baumschule wird betrieben, und 1827 erscheint der erste samenkatalog. die orangerie ist über der eingangstür mit 1840 datiert. ein mit nach süden hin durch fenster beleuchteter und befüfteter langgestreckter bau mit krüppelwalmdach, und an den giebelseiten räume für die gärtner. ob es bereits citrus in kübeln gab oder eher vicia faba vorgezogen wurden?

die provenienz der pflanzen etc.

die geschichte der gartenkunst ist, wie alle geschichtsschreibung, eine geschichte der sieger. im falle der orangerien der sieger über die natur und das klima. fürsten, kaufleute und andere wohlhabende privatpersonen, die „blumen liebten“, gärten und parks anlegen liessen oder eben orangerien betrieben. (hof)gärtner und ihre mitarbeiter, deren namen selten bekannt sind, die es schafften exoten am leben zu erhalten und unter widrigsten umständen orangen und zironen in der küche abzuliefern. viel wird über die beheizung und belüftung der orangerie geforscht. fussnoten über die unbeheizten behausungen des personals findet man kaum. die pflanzen in der orangerie führten ein luxusleben. woher kamen die pflanzen? aus dem land wo die zitronen blühen: andenken an die grand tour, italiensehnsucht & pflanzentourismus. aus den kolonien: der warenverkehr des europäischen imperialismus. es wurde untereinander getauscht: welche politischen allianzen, bzw. gerade in hamburg und bremen, welche wirtschaftlichen verflechtungen und pleiten führten zur wanderung der pflanzkübel von orangerie zu orangerie? das thema orangeriekultur, abgesehen von der diskussion über das verhältnis von gartenkultur und architektur, wäre ein präzedenzfall zur erforschung der gartenkultur und -geschichte jenseits von süssen orangen & blümchen … sicherlich nicht ohne saure zitronen.

„orangeriekultur in bremen, hamburg und norddeutschland – transport und klimatisierung der pflanzen“, hrsg. vom arbeitskreis orangerien in deutschland e.v., schriftenreihe orangeriekultur bd. 15, 197 s., broschur, berlin: lukas verlag 2018, isbn 978-3-86732-315-4

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175 jahre pfäzerwald & der baum des jahres 2018: die keschde

geologisch gehören die französischen vogesen und der deutsche pfälzerwald zusammen. kelten und römer zogen noch keine grenze: „silva vosegus“ oder „mons vosegus“, benannt nach dem keltischen waldgott vosegus. er war namensgeber des massif des vosges, den vogesen, oder, im deutschsprachigen gebiet, des wasgenwaldes bzw. des wasgau.

der name „pfälzerwald“ wurde im 19. jh in bayern geprägt. die landschaft gilt heute als das grösste zusammenhängende waldgebiet deutschlands. der linksrheinische teil der pfalz, die rheinpalz, im gegensatz zur rechtsrheinischen kurpfalz, war seit dem wiener kongress teil des königreichs bayern. 1843 fand im forsthaus johanniskreuz ein treffen von forstbeamten statt, um regeln für die bewirtschaftung des gebietes aufzustellen. 1845 wurde die ‚forstlich-charakterischtische skizze‘ publiziert und die heute gültige bezeichnung der landschaft festgeschrieben: „waldungen auf dem bunten sandsteingebirge der pfalz, welche hier unter dem namen „pfälzerwald“ bezeichnet werden“. 175 jahren pfälzerwald.

am ostrand des pfälzerwaldes zieht sich das ca. 30 km lange haardtgebirge hin. die haardt (vom althochdeutschen hart für „bewaldeter hang“) bildet den übergang vom mittelgebirge zur rheinebene, vom wald zu den weinbergen. hier, wie im angrenzendem elsass, wächst die castana sativa, die edel- oder esskastanie. für pfälzer: die keschde. wahrscheinlich mit dem wein von den römer ‚eingeschleppt‘ bzw. neu angesiedelt: pollenfunde belegen die existenz der castanea sativa bereits vor der eiszeit. die bestände an der haardt sind jedoch seit ein paar jahren durch rindenkrebs (cryphonectria parasitica), die tintenkrankheit und die japanische esskastanien-gallwespe (dryocosmus kuriphilus), bedroht. trotz alledem gilt die castanea sativa dank ihrer trockenheitverträglichkeit als einer der zukunftsbäume für parks und grosstadtgrün. früchte können mittlerweile wegen des klimawandels auch weiter nördlich ausreifen. die castanea sativa ist nicht ohne grund der baum des jahres 2018.

mit dem naturpark pfälzerwald, dem grenzüberschreitenden biosphärenreservat pfälzerwald-vosges du nord und der, entlang der haardt verlaufenden deutschen, in diesem teil südlichen weinstrasse, wird die gegend nicht nur forstwirtschaftlich, sondern auch touristisch genutzt.

   

quercus petraea / traubeneiche auf der burg neukastel mit blick in den pfälzerwald & der keschdeweg im modenbachtal.

Bezeichnung des Gegenstandes,

von dem es sich handelt.

Die nördlichste Verlängerung der Vogesen dringt fast auf der ganzen Ausdehnung der südlichen Grenze der bayerischen Pfalz in diese ein, und verbreitet sich von dort aus über den größeren Theil derselben. Das preußisch=bayerische Steinkohlengebirg, von Westen gegen Osten streichend, erstreckt sich über den nördlichen Theil dieser bayerischen Provinz.

Abgesehen etwa vom Rheinthale, geben diese beiden Gebirgszüge dem Land die Gestaltung seiner Oberfläche; sie geben ihm seinen Boden und sein örtliches Klima.

[…]

Das bunte Sandsteingebirg, aus welchem der pfälzische Antheil der Vogesen besteht und welcher, mit unbestimmten Begriffen über die Verbreitung desselben, gemeinhin das Hardtgebirg genannt wird, enthält in der Hauptsache nur absolutes Waldland, daher dort ganz große zusammenhängende Waldmassen, verhältnißmäßig aber eine sehr geringe Bevölkerung; dagegen dringen dichte in der Nähe wohnende Volksmassen begünstigt durch zahlreiche Thäler und wohleingerichtete Floßbäche, tief und in alle Theile des Waldgebirges ein.

Im Steinkohlgebirg gewährt die Steinkohle ein reichliches Surrogat für Brennhölzer. […]

Dagegen wird das Holz und Streuwerk, welches die Hardtgebirgsforsten erzeugen, von einer zahlreichen, oft weit entfernt wohnenden Bevölkerung für leichte Felder, vor allem für den Weinbau dringend in Anspruch genommen.

Selbst das Ausland tritt mit in die Concurrenz, und so werden die Forstprodukte dieser Landschaft Gegenstand des Handels und der Speculation.

[…]

  

pinus sylvestris / wald-kiefer auf bundsandsteinfelsen bei busenberg, dahner felsenland, & keschde.

§. 16. Räumliches Vorkommen der Waldbestandsformen, und Einfluß derselben auf die Forstwirthschaft

[…]

f) Die Kastanie (castanea vesca).

Die Kastanie ist schon seit alten Zeiten am östlichen Fuße des Hardtgebirges d.h. am Saume des Pfälzerwaldes zu Hause. Dieselbe reicht von der Grenze des Weinbaues noch mehrere hundert Fuß an den Gehängen der Berge aufwärts, und bringt auch auf ½ – 1 Stunde in die Thäler ein. In Mulden und Einschlägen steigt dieselbe wohl etwas höher hinan. Man kann annehmen, daß diese Holzart bis auf 12 – 1400′ Höhe noch gut gedeihe, und etwa 1000 – 1200′ Höhe in gewöhnlichen Jahren auf einem im übrigen entsprechenden Standorte noch Früchte reife. Weiterlesen

gärten & landschaft: max slevogt in der pfalz / ’scherz und laune‘ von johannes guthmann

[…]; indessen die beiden Knaben [max slevogt, * 8. oktober 1868, und sein älterer bruder] flugs die Treppe hinab und in den Garten entwischten, den altfränkisch abgezirkelten Garten, wo in quadratisch und kreisrund von schuhhohem altem Buchs eingefaßten Beeten und Rabatten Beerensträucher und Blumen und traulich sonnendurchlichteten Schatten darüberbreitend die Kirsch- und Zwetschgenbäume standen – oder stehen, denn Haus und Garten [der grosstante in burrweiler] sind heute noch erhalten. […]

Es konnte aber auch ein ander Mal geschehen, daß Max über die Beete und das Mäuerchen hinweg den Blick an die Ferne verlor und vom erhöhten Garteneck aus in die gewaltige weite, in gesegneter Fruchtbarkeit strotzende Rheinebene mit den langen, sich seitwärts fern und ferner wiederholenden Linien der Hänge des Haardtgebirges hinausstarrte. Früh schon scheint ihn die komplizierte Schlichtheit dieses großartigen Landschaftbildes betroffen zu haben, denn aus seinem achten Lebensjahre bereits existiert eine Zeichnung, in der er es festzuhalten versucht hat, wobei der Sinn des Kindes für das Handgreiflich-Gegenständliche die in Wirklichkeit eben noch sichtbare Maxburg [das hambacher schloss] mit klotziger Überdeutlichkeit auf eine der Bergsilhouetten gesetzt hat, wenn man will: Slevogts früheste Pfälzer Landschaft. […]

Wie kam da seiner Indianer- und Raubritter-Romantik der Wasgenwald [pfälzerwald] entgegen, wenn er in den Landauer Ferienwochen zu Verwandten der Verwandten in die nahen Berge und auf den Neukasteller Hof durfte. Hoch ragt darüber aus Waldeshöhen der bunte Sandsteinfelsen empor, der einst ein römisches Kastell und dann die Reichsfeste Neukastell trug, bis sie nach wechselvollen Geschicken bei den Raubzügen Ludwigs XIV. von Grund aus zerstört ward. Ein Halbgewachsener war er, in den Jahren des Schweifens und Stöberns, als er zum ersten Male dorthin kam – wo er heute als Herr schaltet – und er entsinnt sich noch genau, mit welchen Indianergefühlen er sich zusammen mit den Kameraden den mühsamen Weg durch das Unterholz der Kiefern und Edelkastanien und all das Geranke von Brombeeren und Heiderosen, die den Anstieg zum roten Felsen vergittern, gewühlt hat, wie der versteckte Zugang und dann die verwegene Lage der Ruine mit ihrer Felsenkammer und den vielen erklärlichen und unerklärlichen Spuren der einstigen Ritterfeste die kecken Einfälle und Streiche in ihm entzündet haben. Und ringsum Wald, nach Westen zu unermeßlich der Wasgenwald! Aus solcher Waldesstimmung, vom regen Bürschchen in Schlichen und Gefahren Jahr für Jahr erlebt, vom reifen Manne nie vergessen, sind später dann die Illustrationen zum Lederstrumpf entstanden.

[…]

In Frühjahr 1898 heiratete er. Er heiratete die Freundin und Vertraute aus dem Haus in der Pfalz, wo er so viele glückliche Ferienwochen als Knabe und als junger Mann verbracht hatte. Nun zog er abermals den Waldweg hinauf zum Neukasteller Hof [der slevogthof & der garten oberhalb von leinsweiler sind heute wegen renovierung geschlossen …], […].

  

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pückler fährt durch die niederlande: landschaft als garten & die kultivierung der heide / ‚briefe eines verstorbenen‘ von hermann von pückler-muskau

Rotterdam, den 25sten [september 1826]

[…], und wirklich von magischer Wirkung ist dagegen der weite Garten, welcher sich zwischen Arnheim und Rotterdam ausbreitet. Auf einer Chaussée, von Klinkern (sehr hart gebrannte Ziegel) gebaut, und mit feinem Sande überfahren, eine Straße, die durch nichts übertroffen werden kann, und nie auch nur die schwächste Spur eines Gleises annimmt, rollte der Wagen mit jenem leisen, stets den gleichen Ton haltenden Gemurmel des Räderwerks hin, das für die Spiele der Phantasie so einladend ist. Obgleich es in dem endlosen Park, den ich durchstrich, weder Felsen noch selbst Berge giebt, so gewähren doch die hohen Dämme, auf welche der Weg zuweilen hinansteigt, die Menge, große Massen bildender Landsitze, Gebäude und Thürme, wie die vielen aus Wiesen, Ebnen, oder über klare Seen auftauchenden kolossalen Baum-Gruppen, der Landschaft eben so viel Abwechselung von Höhe und Tiefe, als malerische Ansichten der verschiedensten Art; ja ihre größte Eigenthümlichkeit besteht eben in dieser unglaublichen Bewegung und Mannichfaltigkeit der Gegenstände, die ohne Aufhören die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Städte, Dörfer, Schlösser mit ihren reichen Umgebungen, Villen von jeder Bauart mit den niedlichsten Blumengärten, unabsehbare Grasflächen mit Tausenden weidender Kühe, Seen, die im Umfang von 20 Meilen blos durch Torfstich nach und nach entstanden sind, unzählige Inseln, wo das baumlange Schilf, zum Decken der Dächer sorgfältig angebaut, Myriaden von Wasservögeln zur Wohnung dient – alles bietet sich fortwährend die Hand zu einem freudigen Reigen, in dem man wie im Traume durch flüchtige Pferde fortgerissen wird, während immer neue Palläste, immer andere Städte am Horizont erscheinen, und ihre hohen gothischen Thürme in dämmernder Ferne mit den Wolken sich verschmelzen. Eben so läßt in der Nähe eine oft groteske und stets wechselnde Staffage keinem Gefühl der Einförmigkeit Raum. Bald sind es seltsam mit Schnitzwerk und Vergoldung verzierte Wagen ohne Deichsel, und von Kutschern regiert, die in blauen Westen, kurzen schwarzen Hosen, schwarzen Strümpfen und Schuhen mit ungeheuren silbernen Schnallen, auf einer schmalen Pritsche sitzen; oder zu Fuß wandernde Weiber mit sechs Zoll langen goldnen und silbernen Ohrringen behangen, und chinesischen Sommerhüten, gleich Dächern auf den Köpfen; bald zu Drachen und fabelhaften Ungethümen verschnittene Taxus-Bäume, oder mit weiß und bunter Oelfarbe angestrichene Lindenstämme, asiatisch mit vielfachen Thürmchen verzierte Feueressen, absichtlich schief liegend gebaute Häuser, Gärten mit lebensgroßen Marmor-Statuen in altfranzösischer Hofkleidung durch das Gebüsch lauschend, oder eine Menge 2 – 3 Fuß hoher, spiegelblank polirter Messingflaschen auf den grünen Wiesen am Wege stehend, die wie pures Gold im Grase blinken, und doch nur die bescheidne Bestimmung haben, die Milch der Kühe aufzunehmen, welche daneben von jungen Mädchen und Knaben emsig gemolken werden – kurz eine Menge ganz fremder ungewohnter und phantastischer Gegenstände bereiten jeden Augenblick dem Auge eine andere Scene, und drücken dem Ganzen ein vollkommen ausländisches Gepräge auf. Denke Dir nun dieses Bild noch überall in den Goldrahmen des schönsten Sonnenscheins gefaßt, geziert mit der reichsten Pflanzenwelt, von riesenhaften Eichen, Ahorn, Eschen, Buchen bis zu den kostbarsten ausgestellten Treibhaus-Blumen herab, so wirst Du Dir eine ziemlich genaue, und keineswegs übertriebene Vorstellung von diesem wunderbar herrlichen Theile Hollands machen können, und dem hohen Vergnügen meiner gestrigen Fahrt.

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über gartenTourismus / ‚the innocents abroad‘ von mark twain

VERSAILLES! It is wonderfully beautiful! You gaze, and stare, and try to understand that it is real, that it is on the earth, that it is not the Garden of Eden—but your brain grows giddy, stupefied by the world of beauty around you, and you half believe you are the dupe of an exquisite dream. The scene thrills one like military music! A noble palace, stretching its ornamented front block upon block away, till it seemed that it would never end; a grand promenade before it, whereon the armies of an empire might parade; all about it rainbows of flowers, and colossal statues that were almost numberless, and yet seemed only scattered over the ample space; broad flights of stone steps leading down from the promenade to lower grounds of the park—stairways that whole regiments might stand to arms upon and have room to spare; vast fountains whose great bronze effigies discharged rivers of sparkling water into the air and mingled a hundred curving jets together in forms of matchless beauty; wide grass-carpeted avenues that branched hither and thither in every direction and wandered to seemingly interminable distances, walled all the way on either side with compact ranks of leafy trees whose branches met above and formed arches as faultless and as symmetrical as ever were carved in stone; and here and there were glimpses of sylvan lakes with miniature ships glassed in their surfaces. And every where—on the palace steps, and the great promenade, around the fountains, among the trees, and far under the arches of the endless avenues, hundreds and hundreds of people in gay costumes walked or ran or danced, and gave to the fairy picture the life and animation which was all of perfection it could have lacked.

It was worth a pilgrimage to see. Every thing is on so gigantic a scale. Nothing is small—nothing is cheap. The statues are all large; the palace is grand; the park covers a fair-sized county; the avenues are interminable. All the distances and all the dimensions about Versailles are vast. I used to think the pictures exaggerated these distances and these dimensions beyond all reason, and that they made Versailles more beautiful than it was possible for any place in the world to be. I know now that the pictures never came up to the subject in any respect, and that no painter could represent Versailles on canvas as beautiful as it is in reality. I used to abuse Louis XIV. for spending two hundred millions of dollars in creating this marvelous park, when bread was so scarce with some of his subjects; but I have forgiven him now.

mark twain ‚the innocents abroad, or, the new pilgrim’s progress; being some account of the steamship quaker city’s pleasure excursion to europe and the holy land; with descriptions of countries, nations, incidents and adventures […]‘, 1869

„Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, …“ / ‚grundrisse der kritik der politischen ökonomie‘ von karl marx

So schafft das Kapital erst die bürgerliche Gesellschaft und die universelle Aneignung der Natur wie des gesellschaftlichen Zusammenhangs selbst durch die Glieder der Gesellschaft. Hence the great civilising influence of capital; seine Produktion einer Gesellschaftsstufe, gegen die alle frühren nur als lokale Entwicklungen der Menschheit und als Naturidolatrie erscheinen. Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf, als Macht für sich anerkannt zu werden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen Gesetze erscheint selbst nur als List, um sie den menschlichen Bedürfnissen, sei es als Gegenstand des Konsums, sei es als Mittel der Produktion, zu unterwerfen.

karl marx, ‚grundrisse der kritik der politischen ökonomie‘, (oktober 1857 bis mai 1858), zitiert nach mew marx-engels-werke, band 42, berlin 1983

„What is sour in the house a bracing walk makes sweet.“ / ‚wild apples‘ von henry david thoreau

All apples are good in November. Those which the farmer leaves out as unsalable, and unpalatable to those who frequent the markets, are choicest fruit to the walker. But it is remarkable that the wild apple, which I praise as so spirited and racy when eaten in the fields or woods, being brought into the house has frequently a harsh and crabbed taste. The Saunterer’s Apple not even the saunterer can eat in the house. The palate rejects it there, as it does haws and acorns, and demands a tamed one; for there you miss the November air, which is the sauce it is to be eaten with. Accordingly, when Tityrus, seeing the lengthening shadows, invites Meliboeus to go home and pass the night with him, he promises him mild apples and soft chestnuts, – mitia poma, castaneœ molles. I frequently pluck wild apples of so rich and spicy a flavor that I wonder all orchardists do not get a scion from that tree, and I fail not to bring home my pockets full. But perchance, when I take one out of my desk and taste it in my chamber, I find it unexpectedly crude, – sour enough to set a squirrel’s teeth on edge and make a jay scream.

These apples have hung in the wind and frost and rain till they have absorbed the qualities of the weather or season, and thus are highly seasoned, and they pierce and sting and permeate us with their spirit. They must be eaten in season, accordingly, – that is, out-of-doors.

To appreciate the wild and sharp flavors of these October fruits, it is necessary that you be breathing the sharp October or November air. The out-door air and exercise which the walker gets give a different tone to his palate, and he craves a fruit which the sedentary would call harsh and crabbed. They must be eaten in the fields, when your system is all aglow with exercise, when the frosty weather nips your fingers, the wind rattles the bare boughs or rustles the few remaining leaves, and the jay, is heard screaming around. What is sour in the house a bracing walk makes sweet. Some of these apples might be labelled, “To be eaten in the wind.”

henry david thoreau ‚wild apples. the history of the apple-tree‘ in ‚the atlantic der monthly‘, volume 10, no. 61, boston 1862

„Der Ausdruck Klima bezeichnet …“ / ‚kosmos‘ von alexander von humboldt

Der Ausdruck Klima bezeichnet in seinem allgemeinsten Sinne alle Veränderungen in der Atmosphäre, die unsre Organe merklich afficiren: die Temperatur, die Feuchtigkeit, die Verändrungen des barometrischen Druckes, den ruhigen Luftzustand oder die Wirkungen ungleichnamiger Winde, die Größe der electrischen Spannung, die Reinheit der Atmosphäre oder die Vermengung mit mehr oder minder schädlichen gasförmigen Exhalationen, endlich den Grad habitueller Durchsichtigkeit und Heiterkeit des Himmels: welcher nicht bloß wichtig ist für die vermehrte Wärmestrahlung des Bodens, die organische Entwicklung der Gewächse und die Reifung der Früchte, sondern auch für die Gefühle und ganze Seelenstimmung des Menschen.

alexander von humboldt, ‚kosmos – entwurf einer physischen weltbeschreibung‘, bd. 1, stuttgart/tübingen 1845

knicks, bunte & einartige / ‚pflanzenkunde von schleswig-holstein‘ von willi christiansen

Das urwüchsige Gebüsch steht unseren Knicks sehr nahe. Er ist eine Eigenart atlantischer Gebiete Nordwesteuropas; von den Pyrenäen bis Skagen findet er sich in ungefähr derselben Ausbildung.

Bei der Verkoppelung, sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast überall durchgeführt wurde, wählte man allgemein den Wall als Begrenzung der Äcker. Hiermit war ein geeigneter Platz für die Knickpflanzung gegeben, zumal bei der Verkoppelung zahlreiche Feldgehölze verschwanden. Die Knickpflanzung wurde allerdings nicht überall sofort durchgeführt, sondern gerade da, wo sie am nötigsten war, auf der schleswigschen Geest, unterblieb sie vielfach zunächst, und erst um 1900 wurde sie namentlich durch die Förderung des „Knickverbandes“ weitergeführt. Und wieder nach einer Lücke von fast einem halben Jahrhundert, als die Windschäden sich im Jahr 1947 auf Millionen beliefen, wurden diese Bemühungen wieder in großem Umfange aufgenommen. […] Vielfach kann man noch heute dem Knick ansehen, in welcher Bauzeit er angelegt worden ist: Der alte Knick ist bunt, und der junge ist in seiner Zusammensetzung eintönig.

Diese Verschiedenheit ist auf die Entstehung zurückzuführen. Als Ende des 18. Jahrhunderts [die knicks angelegt wurden] da mußte der Wald hergeben, was er hatte: Jungholz von Bäumen, Eichen, Buchen und andere Bäume, dazu Sträucher aller Art. Mit dem Wurzelwerk ist auch sofort eine große Menge Stauden in den Knick getragen worden. […]

In diesen „bunten Knicks“ herrscht der Haselstrauch mit 35 % vor. Daß die Linde im Knick reichlicher vertreten ist als im benachbarten Wald, deutet auf ihre Verdrängung im Walde seit 150 Jahren hin. Unter den Stauden des „bunten Knicks“ finden sich nicht nur die gemeinen Waldpflanzen, sondern auch seltene (Maiglöckchen, Aronstab, Quirlblütige Maiblume, Vierblättrige Einbeere u.a.). Soweit die Buche nach Westen geht, stehen besonders Waldrispengras und Perlgras im Knick.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden Baumschulen, aus denen man Pflanzen viel bequemer erhalten konnte, und zwar gleich Tausende von einer Art. Daraus entstand der einartige Knick. […] Aber auch der einartige Knick wird mit der Zeit bunt. Vögel siedeln beerentragende Sträucher an: Holunder, Brombeere, Himbeere, Schleh- und Weißdorn, Pfaffenhütlein, Faulbaum, ferner Rosen.

willi christiansen, ‚pflanzenkunde von schleswig-holstein‘, neumünster 1938 (2. auflage 1955)

marcel broodthaers. eine retrospektive: section botanique (les palmiers)

fig. 1 obere reihe, l.: das ständehaus, der ehemalige landtag des landes nrw, erbaut als provinziallandtag der preussischen rheinprovinz von julius raschdorff (1880) mit der glaskuppel von kiessler+partner (1995-2001) am kaiserteich in der parkanlage von maximilian weyhe; r.: ‚l’entrée de l’exposition‘: hoewa forsteriana, vorsicht kellertreppe … untere reihe, l.: ‚jardin d’hiver‘, phoenix roebelenii unterhalb der wasserlinie … & r.: adler in düsseldorf, auf der kö.

die retrospektive von marcel broodthaers, organisiert vom museum of modern art, new york, und dem museo nacional centro de arte reina sofia, madrid, ist auf ihrer letzten station dem k21 / kunstsammlung nrw angekommen, in düsseldorf, wo broodthaers von 1970 bis 1972 lebte und arbeitete.

der belgische künster hatte, bevor er 1964 entschied statt schriftsteller künstler zu sein, kontakt zur groupe surréaliste révolutionaire und rené magritte. er publizierte gedichte. 1964 verarbeitete er einen stapel flugblätter mit dem gedicht ‚pense bête‘ zu einer skulptur. im selben jahr entstand ‚la clef de l’horloge – un poème cinématographique en l’honneur de kurt schwitters‘, der erste film. von der poesie rimbauds und mallarmés zu magritte und schwitters. wort und bild, moules et frites, adler und palmen. Weiterlesen