garteneskapismus

was ist los hinter den gartenmauern, den -hecken und -zäunen (oder gabionen)? giessen und rasenmähen werden gerade esoterisch zu wellness verklärt. gärtnereien müssen die bestellfunktion auf ihren websites blockieren, weil sie nicht mehr nachkommen. bei royal flora holland in aalsmeer und anderen blumengrossmärkten bzw. direkt in den gärtnereien, wurden für den frühling vorproduzierte pflanzen vernichtet. sehr bunt und viel verpackung. plastikmüll. zum glück hatten die baumärkte weiter geöffnet … der traffic auf den diy-accounts bei facebook war noch nie so hoch. die wartelisten für einen kleingarten, weiterhin von der städtebaulichen verdichtung in der zeit der distanzierung bedroht, werden noch länger. in den öffentlichen parkanlagen sieht es aus wie in der fussgängerzone am samstag. neben dem obligatorischen grillmüll auf der teilweise verbrandten grasnarbe, findet man jetzt auch coronamüll in den beeten und rabatten. naturschutzgebiete werden überrannt. „natur“ und so …

der garten wird gerade wieder zum pairi daēza, zum paradies emotionalisiert. ein hortus conclusus. was jenseits des eingezäunten, umgrenzten, eigenen grundstücks passiert wird ausgeblendet. blümchen, etwas sogenannte selbstversorgung & eskapismus.

der besitz eines gartens ist luxus. besonders in den städten und ballungsräumen. stadtplanungen wie beim garden city movement wären heute nicht mehr durchzusetzen: verschwendung von bauplätzen. da muss eine grünstreifen, dessen pflegebudget meist nicht mitkalkuliert wird, zwischen den gebäuden reichen.

und auf der anderen seite des gartenzauns? neben covid-19 wandelt sich das klima weiter, auf den strassen in den usa und anderswo geht es um black lives matter, polizeigewalt und den kolonialismus. was hat das mit blümchen und dem eigenen kleinen paradies zu tun? viel!

die meisten der pflanzen sind produkte des kolonialismus und des europäischen imperialismus. so verklärte forscher und botaniker wie johann & georg forster, alexander von humboldt & aimé bonpland, joseph banks oder philibert commerson, hätten ohne die imperialistischen strukturen ihre reisen nicht machen und neue pflanzen „entdecken“ und sammeln können. es handelte sich keineswegs um gartenreisen …

gerade werden statuen von ihren sockeln geholt. im garten blühen die rosen. fast jeder zweit- oder drittrosenbesitzer hat wahrscheinlich eine ’souvenir de la malmaison‘ im beet. oh, joséphine! der rosengarten am château de malmaison … geboren wurde marie josèphe rose tascher de la pagerie aka de beauharnais auf martinique, kleine antillen, département d’outre-mer et région d’outre-mer und gehört damit zur europäischen union. die tochter eines zuckrohrplantagenbesitzers war sich sehr bewusst, wie so ein betrieb funktioniert: mit sklaven. 1794, nach der revolution, wurde die sklaverei in den französischen kolonien abgeschafft. napoleon führte sie 1802 wieder ein. im park la savanne in fort-de-france steht eine statue zu ehren der „impératrice des roses“. kopflos. die bevölkerung von martinique, ca. 80% sind afrikanischer herkunft, findet das ganz ok. nicht gerade beliebt die dame …

in gewächshäusern gibt es immer etwas zu entdecken. besonders in den grossen wie den serres royales de laeken / koninklijke serres van laken. die prunkbauten am königlichen schloss, offizielle residenz der belgischen könige, wurden in der regierungszeit von leopold II. erbaut. finanziert aus den erträgen der privatherrschaft des belgischen königs im kongo. eines heisst passender weise „serre du congo“. sehr imposant …

eine endlose liste …

geschichtliches bewusstsein beschränkt sich häufig auf kontextlose besuche in barock-, landschafts- oder sogenannten bauerngärten. der blick über den eigenen gartenzaun ist eher verpönt, es sei denn, es ist die fortführung des kolonialismus mit anderen mitteln: des tourismus. die gartenreise: ein platz an der sonne (wahlweise eine gartenbank im schatten) & blümchen.

spuren des kolonialismus, imperialismus und des orientalism (edward said) finden wir in vielen gärten und parks. das chinesische teehaus im park von sanssouci in potsdam oder der chinesische turm im englischen garten in münchen, die moschee im schwetzinger schlossgarten, … bei architektur und der deko kann man es kaum oder nur bewusst übersehen, etwas exotik mit politischer vergangenheit. chinoserien findet man heute in form eines buddhas im garten. bei der frage über die herkunft dieser „skulptur“ und nach den dortigen arbeitsbedingungen, ist die reaktion weit entfernt von einem om … deko und blümchen sind eine sehr emotionale angelegenheit. und die der provenienz der pflanzen?

bald ist herbst: astern … oder symphyotrichum oder eurybia? s. novi-belgii, die neubelgische, oder s. novae-angliae, die neuengland-aster, sind importe. produkte des europäischen kolonialismus. die botaniker hatten die bereits von vergil erwähnte aster amellus, die berg- oder kalk-aster, vor augen. der eurozentrische blick durch die botanische brille …

kann man sich langfristig im garten hinter hecken, zäunen oder mauern mit ein paar blümchen und „etwas“ deko einbunkern? machen gartenhistoriker ewig so weiter mit formalen spielchen ohne referenz auf den sozialen, politischen und historischen kontext? ist „garten“ nichts anderes als sinnloser und -freier eskapismus???

„Ich würde gern mitunter aus dem Haus tretend ein paar Bäume sehen.“ / ‚geschichten vom herrn keuner‘ von bertolt brecht

Herr K. und die Natur

Befragt über sein Verhältnis zur Natur, sagte Herr K.: „Ich würde gern mitunter aus dem Haus tretend ein paar Bäume sehen. Besonders da sie durch ihr der Tages- und Jahreszeit entsprechendes Andersaussehen einen so besonderen Grad von Realität erreichen. Auch verwirrt es uns in den Städten mit der Zeit, immer nur Gebrauchsgegenstände zu sehen, Häuser und Bahnen, die unbewohnt leer, unbenutzt sinnlos wären. Unsere eigentümliche Gesellschaftsordnung läßt uns ja auch die Menschen zu solchen Gebrauchsgegenständen zählen, und da haben Bäume wenigstens für mich, der ich kein Schreiner bin, etwas beruhigend Selbständiges, von mir Absehendes, und ich hoffe sogar, sie haben selbst für die Schreiner einiges an sich, was nicht verwertet werden kann.“ „Warum fahren Sie, wenn Sie Bäume sehen wollen, nicht einfach manchmal ins Freie?“ fragte man ihn. Herr Keuner antwortete erstaunt: „Ich habe gesagt, ich möchte sie sehen aus dem Hause tretend.“ (Herr K. sagte auch: „Es ist nötig für uns, von der Natur einen sparsamen Gebrauch zu machen. Ohne Arbeit in der Natur weilend, gerät man leicht in einen krankhaften Zustand, etwas wie Fieber befällt einen.“)

bertolt brecht, ‚geschichten vom herrn keuner. der verwundete sokrates‘ ,hannover 1959

„Ein Gespräch über Bäume …“ / ‚an die nachgeborenen‘ von bertolt brecht

[…]

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
[…]

bertolt brecht, ‚an die nachgeborenen‘ (1934 – 1938) in ‚die neue weltbühne‘, paris 1939

 

„ …, es war vielmehr die völlig gleiche alte Heidelandschaft.“ / ‚der prozess‘ von franz kafka

[…] Aber statt die Tür dort zu öffnen, kroch der Maler unter das Bett und fragte von unten: „Nur noch einen Augenblick. Wollen Sie nicht noch ein Bild sehn, das ich Ihnen verkaufen könnte?“ K. wollte nicht unhöflich sein, der Maler hatte sich wirklich seiner angenommen und versprochen, ihm weiterhin zu helfen, auch war infolge der Vergeßlichkeit K.s über die Entlohnung für die Hilfe noch gar nicht gesprochen worden, deshalb konnte ihn K. jetzt nicht abweisen und ließ sich das Bild zeigen, wenn er auch vor Ungeduld zitterte, aus dem Atelier wegzukommen. Der Maler zog unter dem Bett einen Haufen ungerahmter Bilder hervor, die so mit Staub bedeckt waren, daß dieser, als ihn der Maler vom obersten Bild wegzublasen suchte, längere Zeit atemraubend K. vor den Augen wirbelte. „Eine Heidelandschaft,“ sagte der Maler und reichte K. das Bild. Es stellte zwei schwache Bäume dar, die weit voneinander entfernt im dunklen Gras standen. Im Hintergrund war ein vielfarbiger Sonnenuntergang. „Schön,“ sagte K., „ich kaufe es.“ K. hatte unbedacht sich so kurz geäußert, er war daher froh, als der Maler, statt dies übelzunehmen, ein zweites Bild vom Boden aufhob. „Hier ist ein Gegenstück zu diesem Bild,“ sagte der Maler. Es mochte als Gegenstück beabsichtigt sein, es war aber nicht der geringste Unterschied gegenüber dem ersten Bild zu merken, hier waren die Bäume, hier das Gras und dort der Sonnenuntergang. Aber K. lag wenig daran. „Es sind schöne Landschaften,“ sagte er, „ich kaufe beide und werde sie in meinem Bureau aufhängen.“ „Das Motiv scheint Ihnen zu gefallen,“ sagte der Maler und holte ein drittes Bild herauf, „es trifft sich gut, daß ich noch ein ähnliches Bild hier habe.“ Es war aber nicht ähnlich, es war vielmehr die völlig gleiche alte Heidelandschaft. Der Maler nutzte diese Gelegenheit, alte Bilder zu verkaufen, gut aus. „Ich nehme auch dieses noch,“ sagte K. „Wieviel kosten die drei Bilder?“ „Darüber werden wir nächstens sprechen,“ sagte der Maler. „Sie haben jetzt Eile und wir bleiben doch in Verbindung. Im übrigen freut es mich, daß Ihnen die Bilder gefallen, ich werde Ihnen alle Bilder mitgeben, die ich hier unten habe. Es sind lauter Heidelandschaften, ich habe schon viele Heidelandschaften gemalt. Manche Leute weisen solche Bilder ab, weil sie zu düster sind, andere aber, und Sie gehören zu ihnen, lieben gerade das Düstere.“ Aber K. hatte jetzt keinen Sinn für die beruflichen Erfahrungen des Bettelmalers. „Packen Sie alle Bilder ein,“ rief er, dem Maler in die Rede fallend, „morgen kommt mein Diener und wird sie holen.“ „Es ist nicht nötig,“ sagte der Maler. „Ich hoffe, ich werde Ihnen einen Träger verschaffen können, der gleich mit Ihnen gehen wird.“ Und er beugte sich endlich über das Bett und sperrte die Tür auf. „Steigen Sie ohne Scheu auf das Bett,“ sagte der Maler, „das tut jeder, der hier hereinkommt.“ […]

franz kafka, ‚der prozess‘, hrsg. von max brod, berlin 1925

„The subjugation of self to the „as found“, …“ / ‚making ideas manifest‘ von alison smithson

Yet, as nearly everyone is in cars, we are all experiencing, exploring, a new sensibility, in the way the makers of the English Landscape Garden first experienced the Grand Tour in their coaches, explored it in literature, responded to an art being made and being bought by contemporairies.

Eighteenth century Englishman made use of their awareness of their new sensibility when they came to make gardens, utilized it in order to discover what it was a garden was to serve, what was its function – as an art of the garden, what it should express – its spirit, what sensibilities it should engender in its users.

A person in the garden was expected to want to have the garden induce certain types of thoughts while breathing the dark smells of the evergreens ot the perfume of the box hedge after it has been raining. In certain characters of place, to want to react to the solemnity of ivy on wall or on the ground or have rocks allude to terror and the awfulness, awesomeness of remoteness; or for sheet water to cause contemplation, and distant views bring tranquillity.

The garden was to make real the connection to: Weiterlesen

gartenbücher: mit rosa luxemburg durch die botanik oder „Was ich lese?“

Was ich lese? Hauptsächlich Naturwissenschaftliches: Pflanzengeographie und Tiergeographie. Gestern las ich gerade über die Ursache des Schwindens der Singvögel in Deutschland: es ist die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und der Ackerbau, die ihnen alle natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen: hohle Bäume, Oedland, Gestrüpp, welkes Laub auf dem Gartenboden – – – Schritt für Schritt vernichten. Mir war es so sehr weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, […]

rosa luxemburg an sonjuscha (sophie liebknecht), wronke (zentralgefängnis der provinz posen), 02.05.1917,  zitiert nach ‚rosa luxemburg – briefe aus dem gefängnis‘, hrsg. vom exekutivkomitee der kommunistischen jugendinternationale, internationale jugendbibliothek no. 10, berlin 1920

am 15. januar 1919 wurden rosa luxemburg und karl liebknecht in der mannheimer strasse 27 in berlin-wilmersdorf von mitgliedern einer sogenannten „bürgerwehr“ entführt. man brachte beide in das eden-hotel (budapester strasse / kurfürstenstraße / nürnberger strasse) gegenüber dem aquarium des zoologischen gartens, dort residierte die garde-kavallerie-schützen-division. sie wurden „verhört” und anschliessend ermordet. die leiche von rosa luxemburg warf man in den landwehrkanal. erst am 31. mai 1919 wurde ihr leichnam dort gefunden und am 13. juni 1919, neben dem karl liebknechts, auf dem zentralfriedhof friedrichsfelde, berlin-lichtenberg, bestattet.

„Bestellte Arbeit? Die Bourgeoisie?” fragte nicht nur tucholsky in der “weltbühne”. an einer aufklärung der morde war in der weimarer republik (z.b. der reichspräsident friedrich ebert oder der vermeintliche anstifter der morde gustav noske, beide spd) und später niemand wirklich interessiert …

rosa luxemburgs briefe wurden sehr früh nach der ermordung publiziert. liest man diese, fällt auf, wenn man nicht nur nach politischen zitaten sucht, dass darin pflanzen eine grosse rolle spielen. während ihrer schutzhaft zur „abwendung einer gefahr für die sicherheit des reichs“, vom 1916 bis 1918 in berlin, wronke und breslau sowie 1915 in berlin wegen einer rede über “militarismus, krieg und arbeiterklasse” in frankfurt/m. schrieb sie neben dem aufsatz über „die krise der sozialdemokratie” (1916) regelmässig briefe und sammelte pflanzen bzw. liess sammeln.

luxemburg schickt z.b. ihre sekretärin und enge vertraute mathilde jacob vom gefängnis aus in den botanischen garten in dahlem, um zu erfahren was gerade blüht und erhält häufig mit deren briefen neue pflanzen. am 13. april 1915 (im weibergefängnis, dem frauengefängnis barnimstrasse) scheibt sie an jacob:

Herzlichen Dank für die Blumen, Sie pressen jetzt famos, mein Heft bereichert sich zusehends. Die Kuhschellen kamen ausgezeichnet an, auch das andere. […] Von nun ab nur Gepreßtes, ja?

freunde auf reisen waren ebenfalls nicht sicher: jakob, gerade in thüringen, wurde auf pflanzenexkursion geschickt (berlin, 30. märz 1915):

Vielleicht finden Sie schon in Thüringen etwas Blumen auf auf den Wiesen, obwohl in dieser Höhe die Vegetation sich wahrscheinlich verspätet. Am Genfer See gibt es schon zahlreiche Vergißmeinnicht, Veilchen und bald auch meine allerliebste Wiesenblume – Wiesenschaumkraut; Himmelsschlüssel nicht zu vergessen. Nächstes Jahr, wenn ich heil heraus bin [aus dem gefängnis], ist keine von diesen Genannten vor mir sicher. Also schauen Sie nach dem Rechten in Wald und Wiese, und beschreiben Sie mir genau, was es gab. Nehmen Sie mit, wie ich’s immer tue, den kleinen Pflanzenatlas „[bilderatlas der] Frühlingsblumen von H. Schumacher, Verlag Otto Maier, Ravensburg“, mit dem man sich sehr leicht orientiert.

rosa luxemburg ein blümchen-junkie? botanik und klassenkampf? Weiterlesen

gartenbücher: het nederlandse cultuurlandschap – grids, mapping & photography

die bunten, gestreiften tulpenfelder und die vogelperspektive auf die raster der treibhauslandschaft. windmühlen und -räder, deiche und die dutch wave. klischees bestimmen das bild einer gegend, einer landschaft, eines landes. ausserhalb der randstad ist landschaft und innerhalb derselben das groene hart mit „natur“ und naherholung für die städter, polder, landwirtschaft & gartenbau.

ein viertel des landes liegen unter dem meerespiegel. die landschaft ist eingedeicht, und die windmühlen pumpen das wasser aus dem gebiet. die landgewinnung startete früh und im gouden eeuw, 1600 – 1700 (also während des tachtigjarige oorlog, des achtzigjährigen kriegs von 1568 bis zum friedenschluss in münster 1648 und der anerkennung der republiek der zeven verenigde provinciën), wuchs das land um 1120 km². im zeitraum von 1900 – 2000 um 1700 km² (quelle: friso wielenga, ‚geschichte der niederlande‘, stuttgart 2012). eine künstliche, dem meer abgerungene landschaft.

landschaftsmalerei und die kartierung der landschaft waren bereits im 17. jh. eines der hauptmotive der niederländischen malerei. man denke nur an die prominent platzierte landkarte im bild „die malkunst“ von vermeer. im 20. jh malte mondrian erst landschaften, um dann bei rastern, grids, zu landen. die kunsthistorikerin svetlana alpers spricht nicht umsonst in ihren standardwerk zur malerei des gouden eeuw von „the mapping impulse in dutch art“. was man geschaffen bzw. verändert hat, soll dokumentiert (nutzbarkeit) und präsentiert (stolz) werden.

1971 legte der schriftsteller, verleger, rechtsanwalt und künstler reinjan mulder ein raster über eine karte der niederlande. an den 52 schnittpunkten plazierte er 1974 sein stativ und fotografierte in alle vier himmelsrichtungen. die bilder waren 2016 in einer ausstellung im amsterdamer rijksmuseum zu sehen. hier entstand, auf anregung von berno strootman, rijksadviseur fysieke leefomgeving, die idee, die veränderung der landschaft ausgehend vom mulders projekt „objectief nederland“ zu dokumentieren. 2017 fotografierte cleo wächter nach den vorgaben des rasters. gerade ist die dokumentation des projektes als buch erschienen. die landschaften der niederlande: mapping, grids, die vermeintlich objektive fotografie und die veränderung einer kulturlandschaft.

mapping

We can, I think, distinguish a narrower and a broader use of the mapping designation. Used narrowly, mapping refers to a combination of pictorial format and descriptive interest that reveals a link between some landscapes and city views and those forms of geography that describe the world in maps and topographical views. Used broadly, mapping characterizes an impulse to record or describe the land in pictures that was shared at the time by surveyors, artists, printers, and the general public in the Netherlands. […]

If the great landfill and water projects on the one hand and military activity and news on the other contribute to the demand for detailed maps, the natural features of the Netherlands – the flat, open, relatively treeless land – made it particularly suitable for mapping.

svetlana alpers, ‚the art of describing: dutch art in the seventeenth century ‚, chicago 1983

grids

There are two ways in which the grid functions to declare the modernity of modern art. One is spatial: the other temporal. In the spatial sense, the grid states the autonomy of the realm of art. Flattened, geometricized, ordered, it is antinatural, antimimetic, antireal. […]

In the temporal dimension, the grid is an emblem of modernity by being just that: the form that is ubiquitous in the art of our century, while appearing nowhere, nowhere at all, in the art of the last one. […] By „discovering“ the grid, cubism, de Stijl, Mondrian, Malevich … landed in a place that was out of reach of everything that went before. Which is to say, the landed in the present, and everything else was declared to be the past.

[…]

The grid’s mythic power is that it makes us able to think we are dealing with materialism (or sometimes science, or logic) while at the same time it provides us with a release into belief (or illusion, or fiction).

rosalind e. krauss, ‚grids‘ in ‚october‘ no. 9 (summer 1979) reprinted in ‚the originality of the avant-garde and other modernist myths‘, cambridge, massachusetts and london 1985

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gärten & landschaft: max slevogt in der pfalz / ’scherz und laune‘ von johannes guthmann

[…]; indessen die beiden Knaben [max slevogt, * 8. oktober 1868, und sein älterer bruder] flugs die Treppe hinab und in den Garten entwischten, den altfränkisch abgezirkelten Garten, wo in quadratisch und kreisrund von schuhhohem altem Buchs eingefaßten Beeten und Rabatten Beerensträucher und Blumen und traulich sonnendurchlichteten Schatten darüberbreitend die Kirsch- und Zwetschgenbäume standen – oder stehen, denn Haus und Garten [der grosstante in burrweiler] sind heute noch erhalten. […]

Es konnte aber auch ein ander Mal geschehen, daß Max über die Beete und das Mäuerchen hinweg den Blick an die Ferne verlor und vom erhöhten Garteneck aus in die gewaltige weite, in gesegneter Fruchtbarkeit strotzende Rheinebene mit den langen, sich seitwärts fern und ferner wiederholenden Linien der Hänge des Haardtgebirges hinausstarrte. Früh schon scheint ihn die komplizierte Schlichtheit dieses großartigen Landschaftbildes betroffen zu haben, denn aus seinem achten Lebensjahre bereits existiert eine Zeichnung, in der er es festzuhalten versucht hat, wobei der Sinn des Kindes für das Handgreiflich-Gegenständliche die in Wirklichkeit eben noch sichtbare Maxburg [das hambacher schloss] mit klotziger Überdeutlichkeit auf eine der Bergsilhouetten gesetzt hat, wenn man will: Slevogts früheste Pfälzer Landschaft. […]

Wie kam da seiner Indianer- und Raubritter-Romantik der Wasgenwald [pfälzerwald] entgegen, wenn er in den Landauer Ferienwochen zu Verwandten der Verwandten in die nahen Berge und auf den Neukasteller Hof durfte. Hoch ragt darüber aus Waldeshöhen der bunte Sandsteinfelsen empor, der einst ein römisches Kastell und dann die Reichsfeste Neukastell trug, bis sie nach wechselvollen Geschicken bei den Raubzügen Ludwigs XIV. von Grund aus zerstört ward. Ein Halbgewachsener war er, in den Jahren des Schweifens und Stöberns, als er zum ersten Male dorthin kam – wo er heute als Herr schaltet – und er entsinnt sich noch genau, mit welchen Indianergefühlen er sich zusammen mit den Kameraden den mühsamen Weg durch das Unterholz der Kiefern und Edelkastanien und all das Geranke von Brombeeren und Heiderosen, die den Anstieg zum roten Felsen vergittern, gewühlt hat, wie der versteckte Zugang und dann die verwegene Lage der Ruine mit ihrer Felsenkammer und den vielen erklärlichen und unerklärlichen Spuren der einstigen Ritterfeste die kecken Einfälle und Streiche in ihm entzündet haben. Und ringsum Wald, nach Westen zu unermeßlich der Wasgenwald! Aus solcher Waldesstimmung, vom regen Bürschchen in Schlichen und Gefahren Jahr für Jahr erlebt, vom reifen Manne nie vergessen, sind später dann die Illustrationen zum Lederstrumpf entstanden.

[…]

In Frühjahr 1898 heiratete er. Er heiratete die Freundin und Vertraute aus dem Haus in der Pfalz, wo er so viele glückliche Ferienwochen als Knabe und als junger Mann verbracht hatte. Nun zog er abermals den Waldweg hinauf zum Neukasteller Hof [der slevogthof & der garten oberhalb von leinsweiler sind heute wegen renovierung geschlossen …], […].

  

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juniperus communis / ‚der heidegarten‘ von alfred lichtwark

Der Wacholder ist wohl weitaus das edelste Gebilde unserer Flora. Wo er wie hier [in der lüneburger heide] ungestört aufwachsen kann, genügt ein Busch, der cypressenartig Heide und Himmel überschneidet, um einem weiten Landstrich Charakter zu geben. Er strebt auf wie ein schlanker Mensch. Man weiß ja in der Heide oft nicht zu sagen, ob in der Ferne ein Mensch oder ein Wacholderbusch steht. Wenn der Wind mit seiner schwanken, zierlichen Form spielt, ist es, als ob eine Opferflamme sich bewegte. Auch in der Ruhe hat sein Umriß etwas züngelndes, das an eine Flamme erinnert. Die kurzen Nadeln bilden eine dichte festgeschlossene, dem Blick undurchdringliche Oberfläche von sammetartigem Gewebe, dunkelgrün mit silbrigem oder meergrünem Hauch. Die aus Amerika eingeführte Thuja, in der Erscheinung ihm verwandt, wirkt plump und schwer neben ihm und auch das Gewebe ihrer Oberfläche hält keine Vergleich aus. Hätte der Volksmund den schönen Namen Augentrost nicht schon an eine Blume vergeben, der Wacholder müßte ihn haben.

Ist es nicht beschämend, daß unsere Gartenkunst mit dem an Form und Farbe schönsten Busch unserer Heimat nicht das geringste anzufangen weiß? Man sieht ihn wohl einmal in einem Gebüsch mit der Thuja zusammen, aber seine Schönheit fühlt nur der Bauer, der zwei Wacholder als Wächter vor seine Tür oder an den Weg pflanzt, der auf sein Haus führt. Hier erst, wo er vor dem Zahn des Schafes geschützt ist, offenbart er den ganzen Adel seiner Form. Auf seinem Standort in der Heide ist seine Entwicklung von tausend Zufällen abhängig.

Im Heidegarten läßt sich der Wacholder zu tausend Zwecken verwenden. Er kann paarweise als hoher ernster Wegwächter auftreten, kann auf den Beeten neben dem Hauptweg in Abständen gepflanzt die großen Rhythmen angeben oder aber hochaufstrebend die vier Ecken der Anlage betonen, einzeln oder als Gruppe, je nach Umfang des Geländes. Wie weit er, geschoren, Lauben, Eredren und Laubenwände bilden und statt des Buchsbaums als Einfassung oder als zierliche Hecke innerhalb der Gartenanlage zu verwenden sein würde, kann ich noch nicht sagen, da die Erfahrung fehlt. Soviel steht mir schon heute fest, kommt einmal wieder eine Zeit, die den architektonischen Garten liebt, dann wird der Wacholder das vornehmste Baumaterial abgeben und für den Garten geringeren Umfangs geradezu unentbehrlich sein. Denn sein Wachstum hat Maß.

alfred lichtwark, ‚der heidegarten‘ (1904) in ders., ‚park- und gartenstudien‘ (die grundlagen der künstlerischen bildung. studien. aus den vorträgen an der [hamburger] kunsthalle), berlin 1909

über birkenlyrik … / „mir fehlt ein wort“ & „was tun die birken?“ von kurt tucholsky

Mir fehlt ein Wort

Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birkenblätter tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern so schnell, hin und her, dass sie … was? Flirren? Nein, auf ihnen flirrt das Licht; man kann vielleicht allenfalls sagen: die Blätter flimmern … aber es ist nicht das. Es ist eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Wie sagt man das? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst – „besprechen“ hat eine tiefe Bedeutung. Steht bei Goethe „Blattgeriesel“? Ich mag nicht aufstehen, es ist so weit bis zu diesen Bänden, vier Meter und hundert Jahre. Was tun die Birkenblätter –?

[…]

Was tun die Birkenblätter –? Nur die Blätter der Birke tun dies; bei den andern Bäumen bewegen sie sich im Winde, zittern, rascheln, die Äste schwanken, mir fehlt kein Synonym, ich habe sie alle. Aber bei den Birken, da ist es etwas andres, das sind weibliche Bäume – merkwürdig, wie wir dann, wenn wir nicht mehr weiterkönnen, immer versuchen, der Sache mit einem Vergleich beizukommen; es hat ja eine ganze österreichische Dichterschule gegeben, die nur damit arbeitete, dass sie Eindrücke des Ohres in die Gesichtsphäre versetzte und Geruchsimpressionen ins Musikalische – es ist ein amüsantes Gesellschaftsspiel gewesen, und manche haben es Lyrik genannt. Was tun die Birkenblätter? Während ich dies schreibe, stehe ich alle vier Zeilen auf und sehe nach, was sie tun. Sie tun es. Ich werde dahingehen und es nicht gesagt haben.

peter panter (kurt tucholsky), ‚mir fehlt ein wort‘ in ‚die weltbühne, nr. 38, 17.09.1929 Weiterlesen