gartenbücher: orangeriekultur mit schmuddelwetter und in der hauptstadt des regens etc.

meine herrschaft, meine maîtresse en titre, meine orangerie … orangerien und die pflanzen, bzw. deren früchte, waren luxus. statussymbole der besitzer. südfrüchte kommen heute im container nach norddeutschland und werden im hamburger hafen oder in bremerhaven gelöscht. geerntet werden sie unreif, der reifeprozess wird für den transport unterbrochen, damit sie „frisch“ und zu jeder jahreszeit verfügbar in den regalen der supermärkte landen. orangen- und zitronenbäume im kübel findet man in historischen und botanischen gärten oder als urlaubserinnerung auf den terrassen der reihenhaussiedlungen. jeden herbst fragt sich der besitzer: wohin damit bis zur kalten sophie?

die goldenen „äpfel“ der hesperiden. die von theophrastos von eresos erwähnte citrus medica, die als erste citrus nach europa eingeführt wurde. und die bedeutungen des begriffs „orangerie“: „1. Ein Platz, ein Quartier im Garten, wo Orangenbäume aufgestellt sind. […]“; „2. Die Bezeichnung Orangerie für ein wie auch immer gebautes festes Gebäude, wurde erst um 1690 gebräuchlich. […] & „3. Zu Beginn stand der Begriff „Orangerie“ für eine botanische Sammlung verschiedener kälteempfindlicher Pflanzen, dazu gehörten Orangenbäume. […]“. in ersten beitrag des neue bandes der schriftenreihe des arbeitskreises orangeriekultur in deutschland e.v.,“nicht nur zur weihnachtszeit – orangerien in nordwest-deutschland“, gibt margita m. meyer (gartendenkmalpflege, landesamt für denkmalpflege schleswig-holstein) einen guten überblick über die geschichte der sammlung von exoten und ihrer unterbringung. meyer beschreibt auch die einflüsse aus italien, frankreich und den niederlanden. hier, in der republik der zeven verenigde provinciën, hat(te) es die orangeriekultur zur staatssymbolik gebracht, oranje. die handelswege im norden und die heiratspolitik des hauses oranje-nassau führten bereits im 17. jh. zu einer dutch wave: oranienbaum im heutigen gartenreich dessau-wörlitz, oranienburg bei berlin oder oranienstein an der lahn & neben bloembollen kamen gartenbücher mit dem nötigen know-how.

„Ein neblichtes und schlackriges Wetter“

die besten beschreibungen des norddeutschen schmuddelwetters hat der hamburger senator und gartenbesitzer barthold heinrich brockes geliefert. dieses wetter mit meeresklima hat seine tücken, gerade für mediterrane pflanzen. der band stellt orangerien der pfeffersäcke in den hansestädten hamburg und bremen, in der residenzstadt oldenburg, in ostfriesland und die sicherung des gewächshauses im botanischen garten greifswald vor.

und eine gärtnerei. geht man heute durch den jenisch park, die ehemalige ornamented farm von caspar voght, findet man noch das gewächshaus, das für die internationale gartenbauausstellung 1953 vorgängerbauten ersetzte. voght holte den schottischen gärtner james booth nach flottbek. die geschichte der gärtnerei und baumschule erzählt heino grunert (gartendenkmalpflege, behörde für umwelt und energie – amt für naturschutz, grünplanung und energie, hamburg): „die flottbeker baumschule von james booth und söhne“. gehölze, die rosa x alba ‚königin von dänemark‘ und der handel mit exoten. pflanzen als handelsprodukt.

die wahrscheinlich „schrägste“ orangerie, historismus pur, in norddeutschland, befindet sich in schwerin: nach einem spaziergang durch den ehemals barocken schlossgarten, von peter joseph lenné zum landschaftspark umgestaltet, ist das café im burggarten, auf der schlossinsel, die erste wahl. ein zweiflügeliger anbau an das schloss mit arkardengang und terrasse, blick auf den schweriner see inklusive. historismus und sahnetorte. neben den pflanzen im beet, verweisen einige kübel die auf ursprüngliche nutzung: eine orangerie. in ihrem text „orangeriepflanzen für den mecklenburg-schweriner hof“, gibt die landschaftsarchitektin katja pawlak einen überblick über die pflanzen und gebäude im 18. und 19. jh. in den residenzen ludwigslust und schwerin. schlossgärtner ralph schmalz schreibt über die entstehung der heutigen pflanzensammlung in schwerin.

bereits 1685 ist eine orangerie in schwerin nachgewiesen. der heutige bau geht auf die rückkehr des hofes aus ludwigslust in die neue, alte residenz schwerin zurück. unter friedrich franz II., grossherzog von mecklenburg, wurde das schloss marketingmässig als das „neuschwanstein des nordens“ bezeichnet, in den Jahren 1845 bis 1857 vom hofbaumeister georg adolph demmler, hermann willebrand und, aus preussen, friedrich august stüler umgestaltet. gottfried semper lieferte entwürfe für den neubau. 1853 enstand die orangerie am schloss im burggarten. bereits von demmler 1843 geplant ist sie das prunkstück der anlage. der burgarten ist das werk des hofgärtnermeisters theodor klett unter einbeziehung von entwürfen von demmler, semper und lenné. eisenarchitektur, freiteppen, arkaden und das dach der orangerie als begehbare terrasse.

semper? eine orangerie, über die leider kaum literatur existiert, fehlt auch in diesem band. gottfried semper, in hamburg geboren und in altona aufgewachsen, baute 1834 hier, im heutigen donnerspark in ottensen, sein erstes gebäude. für die skulpturensammlung des auftraggebers, conrad hinrich donner, enstand in dessen garten ein pavillon mit oktogonaler kuppel, einem gewächshaus und einer orangerie. für die gartenbauausstellung 1914 in altona wurde das gebäude zum café umgebaut. im 2. weltkrieg zerstört, fielen die reste in den 1950igern der grünflächenplanung der freien und abrissstadt hamburg zum opfer.

die südlichste orangerie im band, abgesehen von heizungen, befindet sich im münsterland:

„DE PLVVIIS MONASTERII VRBIS“

das münsterland ist ein regenloch. wetter das es in den niederlanden und ostfriesland über die deiche schafft, bleibt spätestens am teutoburger wald und dem sauerland hängen. „Patrium nimborum“ hat fabio chigi, päpstlicher gesandte bei den friedensverhandlungen während des dreissigjährigen krieges, münster genannt, die „hauptstadt des regens“. bekannt ist die gegend eher als „Vaterland‘ der Schinken, […] wo Schweinebohnen blühen“ (heinrich heine) als für exotische pflanzen im kübeln, die ein winterquatier benötigen.

kaffee trinken unter palmen nach einem botanischen spaziergang im schlossgarten. im winter ein blick durch die scheiben oder wenn gelüftet wird ohne glas durch die offenen fenster: irgendetwas blüht immer … die orangerie im botanischen garten ist eines der wenigen beispiele eines klassizistischen orangeriegebäudes. geschichte und vorgeschichte der heutigen orangerie beschreibt marcus weiß (gartendenkmalpflege, lwl – landschaftsverband westfalen-lippe).

von 1767 bis 1787 entstand das fürstbischöfliche schloss, vorher hatte die landesherren keine repräsentative residenz in der domstadt, nach plänen von johann conrad schaun. für den auftraggeber, fürstbischof maximilian friedrich von königsegg-rothenfels, entwarf schlaun nicht nur das schloss. der generalplan von 1769 zeigt auf der von fürstbischof christoph bernhard „bommen berend“ von galen ab 1661 angelegten zitadelle (eine zwingburg gegen die renitente bevölkerung, den magistrat und das domkapitel), im barocken schlossgarten neben parterres bereits eine orangerie. gebaut hat schlaun eine orangerie auf der anderen seite der stadtbefestigung für das mitglied des domkapitels und späteren weihbischofs von hildesheim, johann wilhelm von twickel. ein lustgarten auf der ehemaligen johannisschanze – twickelschanze, die heutige engelenschanze – existiert nur noch als plan (1729/31). dieser zeigt zwei nach holländischem typ geplante gebäude, orangerien, innerhalb der verteidigungswälle. eine weitere erhaltene orangerie von schlaun befindet sich im westgarten von schloss nordkirchen, dem münsterländer het loo. ab 1729 errichtet, im typischen schlaun’schen materialmix aus roten ziegeln und baumberger sandstein. doch zurück in den schlossgarten …

schlauns nachfolger wilhelm ferdinand lipper und der hofgärtner franz conrad haas konnte unter dem letzten regierenden fürstbischof maximilian franz von österreich nur eine reduzierte gestaltung des schlossgartens realisieren: die kosten … bereits ab 1788 war der schlossgarten für die bevölkerung zugänglich. 1797 wird an der neu gegründeten universität ein lehrstuhl für naturgeschichte eingerichtet und der arzt und botaniker franz wernekinck berufen. 1803 erfolgt per dekret, das ehemalige fürstbistum ist jetzt preussisch, von freiherr heinrich friedrich karl vom und zum stein, oberpräsidenten von westfalen, die gründung des botanische gartens im schlossgarten. wernekinck wird der erste direktor. für den übriggebliebenen, vernachlässigten teil des gartens erstellte 1854 peter joseph lenné ein gutachten zur umgestaltung in einen landschaftspark. die planung übernahm joseph clemens weyhe, königlicher garteninspektor in düsseldorf.

der bau der orangerie fällt in die amtszeit des gärtner bernhard revermann, der von 1817 bis 1869 für den botanischen garten und den schlosspark zuständig war. grosse teile wurden kommerziell genutzt: eine baumschule wird betrieben, und 1827 erscheint der erste samenkatalog. die orangerie ist über der eingangstür mit 1840 datiert. ein mit nach süden hin durch fenster beleuchteter und befüfteter langgestreckter bau mit krüppelwalmdach, und an den giebelseiten räume für die gärtner. ob es bereits citrus in kübeln gab oder eher vicia faba vorgezogen wurden?

die provenienz der pflanzen etc.

die geschichte der gartenkunst ist, wie alle geschichtsschreibung, eine geschichte der sieger. im falle der orangerien der sieger über die natur und das klima. fürsten, kaufleute und andere wohlhabende privatpersonen, die „blumen liebten“, gärten und parks anlegen liessen oder eben orangerien betrieben. (hof)gärtner und ihre mitarbeiter, deren namen selten bekannt sind, die es schafften exoten am leben zu erhalten und unter widrigsten umständen orangen und zironen in der küche abzuliefern. viel wird über die beheizung und belüftung der orangerie geforscht. fussnoten über die unbeheizten behausungen des personals findet man kaum. die pflanzen in der orangerie führten ein luxusleben. woher kamen die pflanzen? aus dem land wo die zitronen blühen: andenken an die grand tour, italiensehnsucht & pflanzentourismus. aus den kolonien: der warenverkehr des europäischen imperialismus. es wurde untereinander getauscht: welche politischen allianzen, bzw. gerade in hamburg und bremen, welche wirtschaftlichen verflechtungen und pleiten führten zur wanderung der pflanzkübel von orangerie zu orangerie? das thema orangeriekultur, abgesehen von der diskussion über das verhältnis von gartenkultur und architektur, wäre ein präzedenzfall zur erforschung der gartenkultur und -geschichte jenseits von süssen orangen & blümchen … sicherlich nicht ohne saure zitronen.

„orangeriekultur in bremen, hamburg und norddeutschland – transport und klimatisierung der pflanzen“, hrsg. vom arbeitskreis orangerien in deutschland e.v., schriftenreihe orangeriekultur bd. 15, 197 s., broschur, berlin: lukas verlag 2018, isbn 978-3-86732-315-4

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tuinen het loo: ‚a description of the king’s royal palace and gardens at loo‘ & knipsen

von 1685 bis 1692 liess der niederländische statthalter willem van oranje für sich und seine frau mary stuart, tochter von james II, das schloss het loo erbauen. die architekten waren der aus frankreich stammende hugenotte daniël marot und jacobus roman, stadtbaumeister von leiden, ab 1689 hofarchitekt. mit dem palast aus backstein wurden die gärten angelegt. der fränzösische einfluss von andré le nôtre, hofgärtner von willems intimfeind louis XIV., ist zu spüren. was jedoch hier im waldgebiet veluwe bei apeldoorn entstand, ist niederländisch, hollands classicisme. prunkvoll und repräsentativ, aber nicht protzig à la versailles.

1689, nach der glorious revolution, bestiegen die erbauer als william III und mary II den englischen thron. hampton court, mit dem für willem angelegten privy garden, oder kensington palace wurden zu hauptresidenzen. im 18. jhr. wurde der garten teilweise dem zeitgeschmack angepasst. im19. jhr., unter louis napoléon bonaparte, verschwand der barock und ein landschaftsgarten wurde angelegt, die barocken paterres aufgefüllt. in der regierungszeit von königin wilhelmia, die nach ihrer abdankung hier lebte, kamen nebengebäude hinzu. zwischen 1977 und 1984 wurde der barocke tuinen het loo rekonstruiert.

bei barockgärten wird gerne mantramässig vom einfluss der gärten von versailles gesprochen. gerade in nordeuropa sollte man eher vom einfluss von het loo sprechen. das im marketingjargon als ”westfälisches versailles” bezeichnete schloss nordkirchen, ist ein „münsterländer het loo“: neben dem architekten gottfried laurenz pictorius (später johann conrad schlaun) wirkte am bau auch jacobus roman mit. oder der große garten in herrenhausen: sophie von der pfalz, kurfürstin von braunschweig-lüneburg aka hanover, war massgeblich an der gestaltung beteiligt. die tochter des winterkönigs, friedrich V. von der pfalz, verbrachte ihre kindheit im niederländischen exil des vaters bei der verwandtschaft ihrer mutter elisabeth stuart. der einfluss der niederländischen gärten wie het loo ist in hannover jederzeit sichtbar, wenn man die versailles-brille abnimmt. eine barocke dutch wave …

1699 erschien in london das buch ‚a description of the king’s royal palace and gardens at loo, […]‘ vom königlichen leibarzt walter harris. eine beschreibung des gartens im „original“-zustand und ein wichtiges dokument für die restaurierung des tuinen het loo:

THIS Description of the King’s Palace, and Gardens at Loo, was most of it written at the Command of our late most Incomparable Queen, of ever Glorious Memory, who was not displeased with the Sight of it; and who, though she Honoured this Royal Fabrick with the laying its first Stone, yet could never have the Pleasure of seeing it Perfected: […]

  

die mittlere allee & ein baunzaun (nicht richard serra, das paleis wird renoviert).

HIS Majesty’s Palace and Gardens at Loo are situated on the cast-side of a large Sandy Heath, or in the Veluwe, a considerable part of the Province of Gelderland, one of the Seven United Provinces. The Heath is extended Southward unto the Rhine, and Northward unto the Zuyder, or South Sea; Westward it runs almost to Amersfort, or within less than two Leagues of it; and Eastward it is extended to the Issel, a considerable River that divides Overyssell from the Veluwe. Loo is three Leagues from Deventer, five from Harderwick on the South-Sea, five from Dieren, another of His Majesty’s Places, six from Arnheim, and twelve Leagues or Hours from Utrecht. It is an excellent Country for Hunting, and abounds with Staggs, some Roe-bucks, the Wild Boar, Foxes, Hares, and some Wolfs. It is no less excellent for Fowling, and has good store of Woodcocks, Partridges, Pheasants, &c. In a Wood near Loo, there is a Herniary for Hawking; and within a league of it North-cast, His Majesty has of late caused to be made an Excellent Decoy, which supplies his Family with good store of Ducks and Teale. And in the Heath beyond the Gardens, there are six Vi∣vers or large Fish-ponds, somewhat after the model or resemblance of those in Hide-Park, the one communicating with the other. […]

The New Palace, lately built by His Majesty, is near unto the Old Hoof, or Old Court, which is a Castle surrounded with a broad Moat, and purchased about 12 or 14 Years ago from the Seigneur de Laeckhuysen, a Gentleman of this Country. They are separated from one another only by some of the Gardens, which lye on the West-side of the New Palace. The Gardens are most Sumptuous and Magnificent, adorned with great variety of most Noble Fountains, Cascades, Parterres, Gravel Walks, and Green Walks, Groves, Statues, Urns, Paintings, Seats, and pleasant Prospects into the Country.

Before the Gate that enters into the Court of the Palace, there is a broad Green Walk between a double row of Oaks, half a mile long; […].

  

blick vom dach über den benedentuin und den boventuin & die die beiden gärten trennende allee mit kanälen. Weiterlesen

„Man zeigt also die erbärmlichsten Vorgärtchen …“ / ‚landhaus und garten‘ von hermann muthesius

Was die Allgemeinanlage des Hauses betrifft, so denke man nur an die Vorschrift der offensichtigen Vorgärten, die den Grundstückbesitzer in der unerhörtesten Weise in der sachgemäßen Aufteilung seines Grundstückes behindert, ihn zwingt, einen Teil seines teuer erworbenen Geländes zum Besten des Straßenpublikums als Prunkgarten zu unterhalten, der für ihn selbst nutzlos ist, und überdies jenes über alle Maßen trostlose Straßenbild schafft, das mit seinen erbärmlichen Drahtgitterzäunen geradezu eine Spezialität der deutschen Großstadtvororte geworden ist. Hier liegt ein Irrtum vor, der vom Standpunkte des Rechtes des Individuums ebenso sehr zu verurteilen ist wie vom ästhetischen. Vom ästhetischen Standpunkte liegt ihm die ganz grobe Auffassung zugrunde, daß man alles gewissermaßen auf dem Präsentierbrett zeigen müßte, um künstlerisch zu wirken. Man zeigt also die erbärmlichsten Vorgärtchen durch ein Drahtmaschengitter und hinter ihnen militärisch in Reih und Glied aufgerichtet, die „Fassaden“ der Villen von oben bis unten. Wie viel abwechslungsreicher, gediegener und, mit kurzen Worten, anständiger wäre das Straßenbild, wenn man gestattete, daß sich jeder mit seiner Abgrenzung nach der Straße abfinden kann, wie er will. Da würde man Gartenmauern sehen, über die blühende Sträucher nicken, ganz im Hintergrunde des Grundstücks ragt aus Baumgruppen ein roter Hausgiebel hervor. Welch ein poetischer Anblick! Welcher Frieden umlagert das Haus, die Phantasie ergänzt sogleich ein Paradies. Der Nachbar zäunt sich mit einer hohen lebenden Hecke ein, der dritte setzt an die Straßenflucht ein Nebengebäude, das einen dem Hause vorgelagerten Hof umschließt. Die Lösungen sind die mannigfaltigsten und fast immer von anziehender Wirkung. Man sieht, daß hinter der Straßengrenzung denkende freie Menschen wohnen, wahrend der öde Schematismus der Vorgärten mit Drahtzaun im Bewußtsein des Beschauers alle Anwohner zu gedankenlosen Strohköpfen herabdrückt.

hermann muthesius, ‚landhaus und garten. beispiele neuzeitlicher landhäuser nebst grundrissen, innenräumen und gärten‘, münchen 1907

marcel broodthaers. eine retrospektive: section botanique (les palmiers)

fig. 1 obere reihe, l.: das ständehaus, der ehemalige landtag des landes nrw, erbaut als provinziallandtag der preussischen rheinprovinz von julius raschdorff (1880) mit der glaskuppel von kiessler+partner (1995-2001) am kaiserteich in der parkanlage von maximilian weyhe; r.: ‚l’entrée de l’exposition‘: hoewa forsteriana, vorsicht kellertreppe … untere reihe, l.: ‚jardin d’hiver‘, phoenix roebelenii unterhalb der wasserlinie … & r.: adler in düsseldorf, auf der kö.

die retrospektive von marcel broodthaers, organisiert vom museum of modern art, new york, und dem museo nacional centro de arte reina sofia, madrid, ist auf ihrer letzten station dem k21 / kunstsammlung nrw angekommen, in düsseldorf, wo broodthaers von 1970 bis 1972 lebte und arbeitete.

der belgische künster hatte, bevor er 1964 entschied statt schriftsteller künstler zu sein, kontakt zur groupe surréaliste révolutionaire und rené magritte. er publizierte gedichte. 1964 verarbeitete er einen stapel flugblätter mit dem gedicht ‚pense bête‘ zu einer skulptur. im selben jahr entstand ‚la clef de l’horloge – un poème cinématographique en l’honneur de kurt schwitters‘, der erste film. von der poesie rimbauds und mallarmés zu magritte und schwitters. wort und bild, moules et frites, adler und palmen. Weiterlesen

gartenbücher (the secret life of the georgian garden)

der gestalterische ursprung unserer parks ist der english landscape garden des 18. jh, der garten der georgians. grosse rasenflächen (heute viel zu selten wiesen), etwas architektur (ein monopteros oder tempelchen hier, eine orangerie dort, grotten mit oder ohne ornamental hermit …alles follies ohne nutzung?), solitäre bäume oder baumgrupen und unterholz. vor der haustür die kontinentalen, von england beeinflussten, anlagen: der englische garten in münchen von friedrich ludwig sckell, der grosse tiergarten in berlin von peter joseph lenné (nicht zu vergessen klein-glienicke und die anlagen in sanssouci …), muskau und branitz von hermann von pückler-muskau, der wörlitzer park, etc. der einzige echte georgian garden auf den festland befindet sich in hannover: → der georgengarten, benannt nach george IV., king in englisch-hannoverscher personalunion, von franz christian schaumburg.

kate felus beschreibt in ihrem buch ‚the secret life of the georgian garden: beautiful objects and agreeable retreats‘ das leben im georgian garden, dem englischen landscape garden. die gärten von william kent, lancelot „capability“ brown, humphry repton und ihrer zeitgenossen. 123 jahre von der thronbesteigung des kurfürsten von braunschweig-lüneburg aka hannover als george I. auf den englischen thron 1714, über george II., III. & IV. bis zum tod von william IV. und der thronbesteigung von queen victoria, dem ende der personalunion 1837.

das leben in den country houses ist erforscht (mark girouard, ‚life in the english country house‘, 1978, etc.), die geschichte und gestaltung der parks in denen sie stehen ebenfalls. doch was passierte im garten? felus hat sich auf die bewohner und besucher der grossen häuser konzentriert und auf die art und weise, wie sie den garten nutzten. der garten war fluchtort vor der enge des hauses. die familie, die gäste und das personal sollten nicht alles mitbekommen oder mann/frau wollten von einzelnen gästen oder dem personal gerade mehr mitbekommen … der park als ansammlung von gartenzimmern. wie heute unsere unter denkmalschutz stehenden und/oder öffentlichen english landscape gardens für die flucht aus dem alltag genutzt werden, so war es schon im 18 jh.: „ich geh mal mit dem hund spazieren“ (= ich will meine ruhe haben!), treffen mit freunden (heute incl. grillen bis auf die grasnarbe und zumüllen der rasenfläche und der angrenzenden beete) bis zu grossen events mit music und fireworks (händel passt immer: für georgians und für parkbesucher im 21 jh.), sowie, gerade in öffentlichen parks, das verschwinden von unangeleinten hunden und spaziergängern im unterholz, nicht nur weil toiletten fehlen … Weiterlesen

savoir faire et laisser faire … auf dem weg durch ein neubaugebiet

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berlin (betender knabe, alexander von humboldt, magnus-haus, etc.)

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wintergarten / ‘theorie der gartenkunst’ von christian cay lorenz hirschfeld

Wir, die wir in Ländern wohnen, wo diese Jahreszeit sich in ihrer Strenge zeigt, wir müssen suchen, uns gegen ihre Unbequemlichkeiten zu sichern, und zugleich von den ihr eigenen Annehmlichkeiten, womit sie zuweilen einige Tage oder Wochen erheitert, den vortheilhaftesten Gebrauch zu machen. Wir haben einen Beruf, selbst gegen den Eigensinn der Natur, uns Gärten des Winters zu schaffen.

Eben in den Ländern gegen Norden, wo die Strenge dieser Jahreszeit mehr als anderswo zu herrschen pflegt, wird sie zugleich durch Annehmlichkeiten vergütet, die Gegenden entbehren, wo ein zwar gelinder, aber trüber und ungesunder, Winter unter Regen und Nebel dahin schleicht. Die Natur, die erstarrt ist, verliert noch im Tode ihre Schönheit nicht; sie fängt an, sogar zu einem neuen Reiz sich wieder zu verjüngern. Welche neue unerwartete Schöpfung erscheint oft am Morgen in dem Schmuck des Reifes oder Schnees, und wie schimmert sie unter dem röthern Strahl des aufgehenden Lichtes! Die Fläche des Erdbodens kleidet sich in ein weißes blendendes Gewand; der Himmel verbreitet sich über sie in blauer Klarheit dahin, und hie und da unterbrechen zuweilen kleine umherschwebende Schneegewölke mit wechselnden Farben und Gestalten seine allgemeine Helle. Die Bäume scheinen die Blüthe des Frühlings nachzuahmen; an den Gebüschen glimmern und zittern die silbernen Fäden des Reifes; und in der Ferne hebt hie und da ein Wald sein glänzendes Haupt aus der großen weißen Masse empor. […]

Die Bestimmung eines Wintergartens ist eingeschränkt. Schutz vor der Witterung und Bequemlichkeit zum Genuß der frischen Luft und zum Spatziergang ist das Vornehmste, was man hier zu verlangen berechtigt ist. Das Auge sucht zwar auch Ergötzung sowohl durch den Anblick des Grüns, als auch durch Aussichten auf anmuthige Winterscenen, wie sie oben beschrieben wurden. Allein das Bedürfniß geht hier der Schönheit vor; die Regelmäßigkeit fordert ihre Stelle, wo sie Bequemlichkeit wird; und eine südliche Mauer, die dem Spatziergänger und den Gewächsen Wärme giebt, darf selbst den schönern Prospect verschließen.

Der Wintergarten sey nicht zu entfernt von dem Wohnhause, und beschirmt vor rauhen durchziehenden Winden, besonders vor dem Nordwind. Er verbreite sich gegen Mittag, der Sonne und ihrer Wärme offen. Sein Platz sey trocken und etwas erhöhet. Die Wege müssen kiesigt, fest, und überall, wo sie herumlaufen, vor dem Winde bschützt seyn. Verstattet die Lage und der Umfang der Gegend zugleich bequeme Reitwege, die jedoch von den Fußpfaden abgesondert seyn müssen, so gewinnt die Anlage einen Vorzug mehr.

[…]

Ein wohlgebautes Gewächshaus, das die ausländischen Pflanzen, die oft in dieser Jahreszeit blühen und duften, verpflegt, scheint besonders für einen Wintergarten zu gehören. Es kann mitten in der Pflanzung selbst ein sehr interessanter Gegenstand für das Auge werden, und, in gewissen Stunden eröffnet, eine wollüſtig täuschende Empfindung von der Gegenwart der schönen Monate erregen. Mit ihm läßt sich ein Vogelhaus zum höhern Reiz der Anlage vortheilhaft verbinden. Auch die oben bedeckten und inwendig mit Gemälden und Statüen gezierten Säulengänge der Alten, die im Winter nur gegen Süden offen waren, um die Mittagssonne hereinzulassen, verdienen wegen des bequemen Spatzierganges in Gärten dieser Jahreszeit eine Nachahmung.

Uebrigens kann der Wintergarten eine solche Lage und Anordnung haben, daß er selbst noch in den blühenden Monaten angenehm und ein schicklicher Theil von dem Ganzen der für die andern Jahreszeiten gemachten Anlagen bleibt.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 4, leipzig, 1782.

die herrenhäuser gärten: der berggarten

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hannover, stadtbahnlinie 4 richtung garbsen, haltestelle herrenhäuser gärten, der bibliothekspavillon im berggarten, strassenseite …

erst eine sanddüne (der name berg ist geblieben) dann garten. ein platz zum experimentieren, ein ort für pflanzen die im barocken korsett des grossen gartens (→ der grosse garten in herrenhausen, sophie von der pfalz & …) auf der anderen strassenseite nicht passten.

unter herzog johann friedrich von braunschweig-lüneburg begann hier das gärtnern.

später liess sophie von der pfalz, verh. kurfürstin von hannover, exotische gewächse anpflanzen und brachte ihre stetig wachsende pflanzensammlung unter. ab 1704 wurde eine plantage mit maulbeerbäumen für die seidenraupenzucht gepflanzt. auf anraten von gottfried wilhelm leibniz (→ philosophische gespräche im garten …).

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seidenraupenfutter: morus alba / weisser maulbeerbaum mit blick in richtung des präriegartens. gepflanzt 2014 von den freunden der herrenhäuser gärten e.v. (zusammen mit einem morus nigra / schwarzem maulbeerbaum).

1849 erbaute georg ludwig friedrich laves das erste palmenhaus. 1880 entstand das grosse palmenhaus von richard auhagen (in den 1950igern abgerissen, heute steht dort ein tropisches aquarium… event-fische im garten… ). Weiterlesen

dekotipps im 17 jh.: „Pyramiden / Obelisci, Seulen und Statuen“ / ‚georgica curiosa‘ von wolf helmhard von hohberg

Des adelichen Land= und Feld=Lebens

Sechtes Buch /

Blumen=Garten.

Cap. XIII.

Pyramiden / Obelisci, Seulen und Statuen.

Weil diese Dinge grossen Unkosten zu bauen und zu unterhalten bedörffen / gehört es nur für grosse Herren / und nicht für einen privat=Cavallier; daher ichs allein allhier anführen wollen / daß nichts / was zu eines Gartens Vollkommenheit dienen möchte / hier abgängig wäre. Die Pyramide sind ein viereckicht aufgemaurtes Gebäu / so unten weit / und nach und nach sich in die Enge an allen Orten gemählich einziehet; biß sie oben einen scharffen Spitz machet; können nach Gelegenheit des Gartens / weiter und enger / niederer und höher gemacht werden; solche sind gewesen die unter die sieben Wunderwercke der Welt gerechnete Pyramides in Egypten / […].

Wir aber lassen und mit schlechtern Unkosten begnügen / und wollen sowol Pyramiden als auch Obelisken / die kleiner und glatter / und doch oben zugespitzt sind / von Bindwerck in unsere Gärten bringen / und mit grünem Laubwerck überziehen und bewachsen lassen; darff auch die größte nicht höher seyn / als sie des Ortes proportion erfordert. Die obelisci sind angenehmer und leichter / bedörffen weniger Raum / und stehen dennoch zierlich.

Die Seulen sollen wol von Rechtswegen von Steinen oder doch von dauerhafftem zu rechter Zeit geschlagenem Holz seyn; Die Pyramiden / Obelisken und Columnen sind entweder glatt / oder gewunden / oder mit Epheu und andern Zierathen umschräncket; doch sollen sie nicht unter freyem Himmel / sondern in die Galerien / Lusthäuser und Perystilia gebraucht werden; wo man die Gelegenheit von Marmel oder andern harten Steinen hat / kan man leichter darzu kommen.

Also sind gleichergestalt die Statuen und ausgehauene Bilder aus gleicher Materi abzubilden / und müssen vor dem Ungewitter etwas versichert werden; wann sie von gutem dauerhafften Holz / (wo man die Steine nicht haben kan) gemacht / und mit Oelfarben wol bestrichen werden / können sie auch der Fäulung lange Zeit wiederstehen.

Wo aber zu dergleichen Arbeit kein absonderlicher guter Meister zu finden / der aufs wenigste die proportion wol einrichten / und die ganze Eintheilung der Natur gemäß ausarbeiten kan / so ist es besser / dieses gar unterlassen / als mit unanständiger übel gemachter Fretterey der häufig sich bestudenden und viel von sich haltenden Stümpler / ihm selbst einen Verdrus / dem Garten einen Schandflecken / und den Verständigen oder Fremden ein Gelächter zurichten.

wolf helmhard von hohberg, ‚georgica curiosa, das ist umständlicher bericht und klarer unterricht von dem adelichen land= und feld=leben / auf alle in teutschland übliche land= und haus=wirthschafften gerichtet […] durch ein mitglied der hochlöbl. fruchtbringenden gesellschafft ans licht gegeben‘, nürnberg, o.j. (ausgaben ab 1682)