„Kein Theil in der Gärtnerey ist von einem solchen allgemeinen Nutzen, als das Beschneiden, …“ / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Beschneiden. Das Beschneiden der Bäume.

Kein Theil in der Gärtnerey ist von einem solchen allgemeinen Nutzen, als das Beschneiden, und dennoch wird es seltnes seyn, Bäume zu finden, welche in diesem Stücke geschickt besorgt werden. Obgleich in diesem Fach ein jeder Gärtner ein Meister seyn will, so sind dennoch sehr wenige, welche es recht verstehen, indem man solches nicht aus der Erfahrung, sondern aus einer vernünftigen Beobachtung des verschiedenen Wachsthums der mancherley Sorten von Fruchtbäumen erlernen muß. Hierinu muß die Natur und eine genaue Aufmerksamkeit einzig und allein Meister seyn, weil einige auf diese, andere hingegen auf eine ganz andere Weise behandelt seyn wollen, nachdem sie ihre Früchte natürlicher Weise hervorzubringen pflegen. Denn gemeiniglich tragen einige ihre Fruchte am Holze eben desselben Jahrs, andere hingegen am Holze des vorigen Jahrs, als die Pfirsiche und Aprikose, andere wieder an den Trieben, welche aus dem drey, vier und fünfjährigen Holze hervorwachsen, als die Birn, Pflaumen und Kirschen. Wer also die Fruchtbäume durch das Beschneiden recht warten will, der muß vor allen Dingen darauf sehen, daß er nicht allein an einem jeden Theil des Baums genugsames Tragholz habe, sondern daß er auch zugleich niemals zu viele unnütze Aeste, welche die Bäume entkräften, stehen lasse, wodurch sie sonst in wenig Jahren würden vernichtet werden. Die Bewegungsgründe, warum die Bäume von einem jeden, der in der Naturlehre etwas erfahren ist, beschnitten werden, sind folgende: 1) Daß man dadurch die Bäume länger bey Kräften und fruchtbar erhalte; 2) daß die Frucht nicht nur grösser und schöner, sondern viel wohlschmeckender werde, und 3) daß die Bäume nicht so vielen Raum und Platz einnehmen, und sich durch den Schnitt und eine gute Anordnung dem Auge ungemein schön darstellen, und dasselbe auf eine angenehme Art belustigen.

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„Die beste Zeit, diese Bäume zu köpfen oder zu beschneideln, …“ / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Behauen.

Das Behauen, Schneideln, oder das sogenannte Köpfen der Bäume. Man pflegt, wie bekannt ist, in den Gegenden, wo das Holz mangelt, viele Weiden, Pappeln, Elern, Ipern und dergleichen Bäume zu pflanzen, um denselben alle drey oder vier Jahre zu dem nöthigen Zaun – und Brennholze ihre Gipfel zu benehmen. Und in der That verdienen auch diese Plantagen die größte Aufmerksamkeit bey der Landdwirthschaft, besonders bey denjenigen Einwohnern, welche noch dazu Mangel an Torf haben. Um aber der Faulheit und dem Vorurtheil ihrer Vorfahren lediglich zu folgen, so pflanzen unsere Einwohner gar nicht, ob sie gleich Platz und Gelegenheit im Ueberfluß zu dergleichen Plantagen haben. Sie schwächen und ruiniren lieber durch ihre Nachläßigkeit die Wälder, in welchen sie gemeiniglich der Hagebuche, der Eiche und der Esche, um den nöthigen Busch zum Zäunen und zum Brennen zu haben, den Kopf wegnehmen und abhauen. Sie betrachten im geringsten nicht, daß das Behauen der Gipfel dieser Bäume das Leben derselben in Gefahr setze, oder wenigstens sie so verletze, daß viele Bäume an ihren Stämmen jährlich mehr ab – als zunehmen. Denn der Anwachs des neuen Gipfels kann das Wachsthum des ganzen Baums ans der natürlichen Ursache nicht ersetzen, weil alle dergleichen Bäume nicht leiden, daß man ihnen ihre Zweige nehme, indem sie die mehresten derselben zur Heranlockung ihrer Nahrungssafte nöthig haben. Werden ihnen diese benommen, so werden die Bäume darüber so geschwächt, daß sie krumm, knorricht, voller Moos, und sehr kümmerlich werden, daß sie zuletzt darüber hinsterben müssen. Dies ist auch die Ursach, warum viele Theile unsrer Wälder ganz verstümmelt da stehen. Allein die mehresten Landleute haben weder Erfahrung noch eine Kenntniß in der Naturlehre, indem sie gemeiniglich nach dem alten Gebrauch auf das Gerathewohl säen und pflanzen. Denn es wird was seltenes seyn, wenn man einen unter ihnen findet, der sich um das Wachsthum der Pflanzen bekümmert, weil den mehresten die nöthigen Einsichten hiezu wegen der Blödigkeit des Verstandes fehlen. Man muß ihnen also auch billig vieles zu gute halten, und die Schuld mehr den Oberaussehern des Forstwesens zuschreiben. […]

Die beste Zeit, diese Baume zu köpfen oder zu beschneideln, ist, sobald ihr Laub abfällt, indem sie alsdann keinen Saft mehr fliessen lassen. Denn durch den wenigen zu der Zeit sich bewegenden Saft wird die Wunde gemeiniglich noch vor einbrechender Kälte geheilt, daß im Frühling, wenn alles wieder in Bewegung tritt, der Saft einzig und allein zum Wachsthum der neuen Triebe verwendet wird. […]

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keschde in norddeutschland / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Castanea hat ihren Namen von Castaneum, einer Stadt in Magnesia, woselbst dieser Baum vor Alters in grosser Menge gewachsen, und von da nach Deutschland gebracht worden ist. Der zahme Castanienbaum. Dieser Baum hat Kätzgen, oder männliche Blumen, welche allemal an einem jeden dieser Bäume sogleich von der Frucht etwas entfernt stehen. Die äusre Schale dieser Früchte ist ganz rauh, und in einer jeden dieser Schalen sind zwey oder drey Castanienfrüchte eingeschlossen.

  1. Castanea foliis lanceolatis acuminatis, serratis subtus nudis, M. I. die zahme Castanie.
  2. Castanea satiua, folis eleganter variegatis, L. die gestreifte Castanie.

Obgleich diese angenehme Frucht bey uns nicht vollkommen reif wird, es sey denn, daß man sie an Mauren oder Wände pflanzet, wo sie der Sonne und des Schutzes genugsam geniessen kann; so verdient doch dieser Baum, weil sein Holz sehr gut genutzt, und er wegen seiner Schönheit zu Alleen und Plantagen gebraucht werden kann, mehrere Achtung, und häufiger gepflanzt zu werden. Sein angenehmer Schatten, sein schönes Blatt, sein herrlicher Stamm, und daß er alle unsere Kälte unter freyem Himmel verträgt; dies alles giebt ihm einen grossen Werth. Man kann diesen Baum am sichersten und besten aus den Castanien, die jährlich frisch ans Portugal und Spanien zum Essen zu uns gebracht werden, ziehen, nur muß man dieselben bis zu der Zeit, da man sie stecken will, im Sande aufbehalten und verwahren, daß weder Mäuse noch anderes Ungeziefer sie vernichte, und die Luft sie nicht austrockene. Die beste Zeit, diese Früchte zu stecken, ist im Februar und Merz, nachdem es die Witterung erlaubt, und zwar in einem reinen wohl durchgearbeiteten und ungedüngten Boden. Man kann auf ein Beet von fünf Fuß breit sechs Reihen setzen, und sie in Furchen legen, wie man bey der türkischen Bohne zu thun pflegt; sie müssen aber auf allen Seiten sechs bis acht Zoll aus einander zu stehen kommen. Ihr Auge muß allezeit oben seyn, und ohngefehr mit drey Zoll Erde bedecket werden. Man kann sie auch vorher, ehe man sie pflanzt, ins Wasser werfen, um ihre Güte, die sich durch die Schwere zu erkennen giebt, zu erfahren. Diejenigen, welche zu Grunde gehen, sind allein zum Pflanzen geschickt. Wenn nun die warmen Tage einfallen, werden die Castanien entweder zu Ende des Aprils oder zu Anfang des May aufgehen. Sie müssen alsdann fleißig vom Unkraut gereiniget werden, insonderheit so lange sie noch jung sind. Nachdem sie in diesen Ziehbeeten zwey Jahr gestanden haben, setzt man sie reihenweise an einen andern Ort, in eine Baumschule, und zwar so, daß sie auf allen Seiten drey Fuß weit aus einander stehen. Man muß aber hieby die Vorsicht gebrauchen, weder ihre Wurzeln zu verletzen, noch sie zu lange aus der Erde zu lassen. Hätten diese Baume gerade auslaufende Spießwurzeln, so stutzet man sie ein, daß sie Seitenwurzeln austreiben, um dadurch zu verhüten, daß sie, wenn manche zum letztenmal versetzet, alsdann nicht so leicht umschlagen. Wenn sie in ihrer Schule drey oder vier Jahre gestanden, so kann man sie, nachdem sie in ihrem Wachsthum zugenommen haben, entweder reihenweise in Alleen, oder in die Quartiere der Lustwälder an Ort und Stelle, wo sie stehen bleiben sollen, versetzen. Die beste Zeit, diese Bäume zu verpflanzen, ist entweder im Monat Oktober, oder zu Anfang des Merz. Diesem Baum muß man in seiner Jugend stets die Seitenäste nehmen, welche ihm sonst in seinem geraden Wachsthum hinderlich sind. Findet man einige, welche nicht aufrecht gewachsen sind, so schneidet man sie ein Jahr nach dein Versetzen im Merz über dem nachststehenden Auge nahe an dem Boden ab, wodurch man ihnen Gelegenheit giebt, von neuem einen starken und geraden Schuß zu treiben, woraus hernach schöne und gerade Bäume können gezogen werden. In der Pfalz um Neustadt herum [→ keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, …)], im Elsaß, […] findet man diese Bäume sehr häufig und in der größten Vollkommenheit, so, daß diese Flüchte von da nicht allein in ganz Deutschland verfahren werden, sondern auch die armen Einwohner dieser Gegenden aus denselben, wenn sie Mangel an Korn haben, Brodt backen, sie kochen und braten, und ans vielerley Weise nutzen.
Die zweyte Sorte, nemlich der gestreifte Castanienbaum, ist einer der schönsten Bäume in einem Garten, und es verlohnt sich der Mühe, denselben so stark anzuziehen, daß man eine ganze Allee von dieser Art Bäume formiren kann, weil die Verschiedenheit ihrer Blatter sehr vieles zur Anmuth und Zierde eines Gartens beyträgt. Man kann sie aber nicht anders als durch das Oculiren oder Absaugen auf gemeine Castanien fortziehen.

johann caspar bechstedt, ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘, bd.1 ‚vom ackerbau und von frucht-bäumen‘, flensburg/leipzig 1772

herbst: „Solange die Jahreszeit es noch zulässt, …“ / leibniz an sophie von der pfalz

Solange die Jahreszeit es noch zulässt, werden wir Nachricht über die Spaziergänge Eurer Kurfürstlichen Durchlaucht in Herrenhausen bekommen, und wir werden mit Spaziergängen erwidern. Solche Nachrichten sind die allerbesten, denn sie bedeuten eitel Gesundheit und Freude.

gottfried wilhelm leibniz am 23. September 1701 aus wolfenbüttel an sophie von der pfalz, kurfürstin von braunschweig-lüneburg, in herrenhausen. zitiert nach ‚gottfried wilhelm leibniz / kurfürstin sophie von hannover  – briefwechsel‘, hrsg.von wenchao li, aus dem französischen von gerda utermöhlen und sabine sellschopp, göttingen 2017.

knicks, bunte & einartige / ‚pflanzenkunde von schleswig-holstein‘ von willi christiansen

Das urwüchsige Gebüsch steht unseren Knicks sehr nahe. Er ist eine Eigenart atlantischer Gebiete Nordwesteuropas; von den Pyrenäen bis Skagen findet er sich in ungefähr derselben Ausbildung.

Bei der Verkoppelung, sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast überall durchgeführt wurde, wählte man allgemein den Wall als Begrenzung der Äcker. Hiermit war ein geeigneter Platz für die Knickpflanzung gegeben, zumal bei der Verkoppelung zahlreiche Feldgehölze verschwanden. Die Knickpflanzung wurde allerdings nicht überall sofort durchgeführt, sondern gerade da, wo sie am nötigsten war, auf der schleswigschen Geest, unterblieb sie vielfach zunächst, und erst um 1900 wurde sie namentlich durch die Förderung des „Knickverbandes“ weitergeführt. Und wieder nach einer Lücke von fast einem halben Jahrhundert, als die Windschäden sich im Jahr 1947 auf Millionen beliefen, wurden diese Bemühungen wieder in großem Umfange aufgenommen. […] Vielfach kann man noch heute dem Knick ansehen, in welcher Bauzeit er angelegt worden ist: Der alte Knick ist bunt, und der junge ist in seiner Zusammensetzung eintönig.

Diese Verschiedenheit ist auf die Entstehung zurückzuführen. Als Ende des 18. Jahrhunderts [die knicks angelegt wurden] da mußte der Wald hergeben, was er hatte: Jungholz von Bäumen, Eichen, Buchen und andere Bäume, dazu Sträucher aller Art. Mit dem Wurzelwerk ist auch sofort eine große Menge Stauden in den Knick getragen worden. […]

In diesen „bunten Knicks“ herrscht der Haselstrauch mit 35 % vor. Daß die Linde im Knick reichlicher vertreten ist als im benachbarten Wald, deutet auf ihre Verdrängung im Walde seit 150 Jahren hin. Unter den Stauden des „bunten Knicks“ finden sich nicht nur die gemeinen Waldpflanzen, sondern auch seltene (Maiglöckchen, Aronstab, Quirlblütige Maiblume, Vierblättrige Einbeere u.a.). Soweit die Buche nach Westen geht, stehen besonders Waldrispengras und Perlgras im Knick.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden Baumschulen, aus denen man Pflanzen viel bequemer erhalten konnte, und zwar gleich Tausende von einer Art. Daraus entstand der einartige Knick. […] Aber auch der einartige Knick wird mit der Zeit bunt. Vögel siedeln beerentragende Sträucher an: Holunder, Brombeere, Himbeere, Schleh- und Weißdorn, Pfaffenhütlein, Faulbaum, ferner Rosen.

willi christiansen, ‚pflanzenkunde von schleswig-holstein‘, neumünster 1938 (2. auflage 1955)

„Eine reiche, immer wachsende Cultur!“ / ‚wanderungen durch die mark brandenburg‘ von theodor fontane

Eine reiche, immer wachsende Cultur! Wann sie ihren Anfang nahm, ist bei der Mangelhaftigkeit der Aufzeichnungen nicht mehr festzustellen. Es scheint aber fast, daß Werder als ein Fischerort ins 17. Jahrhundert ein- und als ein Obst- und Gartenort aus ihm heraustrat. Das würde dann darauf hindeuten, daß sich die Umwandlung unter dem Großen Kurfürsten vollzogen habe, und dafür sprechen auch die mannigfachsten Anzeigen. Die Zeit nach dem 30jährigen Kriege war wieder eine Zeit großartiger Einwanderung in die entvölkerte Mark und mit den gartenkundigen Franzosen, mit den Bouchés und Matthieus, die bis auf diesen Tag in ganzen Quartieren der Hauptstadt blühen, kamen ziemlich gleichzeitig die agriculturkundigen Holländer ins Land. Unter dem, was sie pflegten, war auch der Obstbau. Sie waren von den Tagen Henriette Marie’s, von der Gründung Oranienburgs und dem Auftreten der Cleve’schen Familie Hertefeld an, die eigentlichen landwirthschaftlichen Lehrmeister für die Mark, speziell für das Havelland, und wir möchten vermuthen, daß der eine oder andere von ihnen, angelockt durch den ächt-holländischen Charakter dieser Havel-Insel, seinen Aufenthalt hier genommen und die große Umwandlung vorbereitet habe. […] Bemerkenswerth ist es mir immer erschienen, daß die Werderaner in „Schuten“ fahren, ein niederländisches Wort, das in den wendischen Fischerdörfern, so viel ich weiß, nie angetroffen wird.

Gleichviel indeß was die Umwandlung brachte, sie kam; die Flußausbeute verlor mehr und mehr ihre Bedeutung; die Gärtnerzunft begann die Fischerzunft aus dem Felde zu schlagen, und das sich namentlich unter König Friedrich Wilhelm I., auch nach der Seite der „guten Küche“ hin, schnell entwickelnde Potsdam, begann seinen Einfluß auf die Umwandlung Werders zu üben. Der König, selber ein Feinschmecker, mochte unter den ersten sein, die anfingen eine Werdersche Kirsche von den üblichen Landesprodukten gleiches Namens zu unterscheiden. Außer den Kirschen aber war es zumeist das Strauchobst, das die Aufmerksamkeit des Kenners auf Werder hinlenkte. Statt der bekannten Bauern-Himbeere, wie man ihr noch jetzt begegnet, (die Schattenseite hart, die Sonnenseite madig) gedieh hier eine Species, die in Farbe, Größe und strotzender Fülle prunkend, aus Gegenden hierhergetragen schien, wo Sonne und Wasser eine südliche Brutkraft üben.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte sich die Umwandlung völlig vollzogen: Werder war eine Garten-Insel geworden; seinem Charakter nach war es dasselbe wie heut, aber freilich nicht seiner Bedeutung nach. Sein Ruhm, sein Glück begannen erst mit jenem Tage, wo der erste Werderaner (ihm würden Bildsäulen zu errichten sein) mit seinem Kahne an Potsdam vorüber- und Berlin entgegenschwamm. Damit brach die Großzeit an. In Wirklichkeit ließ sie noch ein halbes Jahrhundert auf sich warten; in der Idee war sie geboren. Mit dem rapide wachsenden Berlin wuchs auch Werder und verdreifachte in 50 Jahren seine Einwohnerzahl, genau wie die Hauptstadt. Der Dampf kam hinzu, um den Triumph zu vervollständigen. […]

Mit dem ersten Juni beginnt die Saison. Sie beginnt von Raritäten abgesehen, mit Erdbeeren. Dann folgen die süßen Kirschen aller Grade und Farben; Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren schließen sich an. Ende Juli ist die Saison auf ihrer Höhe. Der Verkehr läßt nach, aber nur, um Mitte August einen neuen Aufschwung zu nehmen. Die sauren Kirschen eröffnen den Zug; Aprikosen und Pfirsich folgen; zur Pflaumenzeit wird noch einmal die schwindelnde Höhe der letzten Juli-Wochen erreicht. Mit der Traube schließt die Saison. Man kann von einer Sommer- und Herbst-Campagne sprechen. Der Höhenpunkt jener fällt in die Mitte Juli, der Höhenpunkt dieser in die Mitte September. Die Knupperkirsche einerseits, die blaue Pflaume andererseits, – sie sind es, die über die Saison entscheiden.

theodor fontane, ‚wanderungen durch die mark brandenburg‘, bd. 3: ‚ost-havelland. die landschaft um spandau, potsdam, brandenburg‘, berlin, 1873.

lenné, schwiegermuttersessel statt papphocker & die elbe

kloster berg garten

vom klostergarten zum volksgarten: auf dem gelände des ehemaligen klosters st. johannes der täufer auf dem berge oberhalb der elbe, einer ca. 970 gegründeten benediktiner-abtei, ab 1565 protestantisches stift und 1813 auf befehl napoleons endgültig abgerissen, entstand unter leitung des magdeburger stadtbaumeisters friedrich wilhelm wolff ab 1825 der erste volksgarten (in preussen). den entwurf für die anlage lieferte peter joseph lenné. von den ursprünglich 30 hektar sind 10 erhalten. friedrich-wilhelm-garten (nach friedrich wilhelm III. von preussen), ab 1921 bzw. 1990 klosterbergegarten mit einer unterbrechung als pionierpark. das gesellschaftshaus im park, ab 1828 nach entwürfen von karl friedrich schinkel erbaut, diente als pionierhaus der pionierorganisation ernst thälmann.

grusonii

am klosterbergegarten befinden sich die 1896 eröffneten gruson gewächs- und palmenhäuser der stadt magdeburg. erbaut für die pflanzensammlung des magdeburger industriellen hermann gruson. ende des 19. jh. die grösste kakteensammlung der welt. nach grusons tod schenkten die erben die sammlung der stadt magdeburg. im kakteen- und sukkulentenhaus: echinocactus grusonii, der goldkugelkaktus. das epitheton „grusonii“ für den schwiegermutterstuhl oder -sessel stammt von heinrich hildmann in der erstbescheibung (‚deutsche garten-zeitung. wochenschrift für gärtner und gartenfreunde‘, 5. jhg., 1886): eine hommage an hermann gruson. echinocactus grusonii ist in seinem ursprünglichen habitat, den mexikanischen bundesstaaten hidalgo und querétaro, vom aussterben bedroht, „critically endangered (cr)“ laut der roten liste gefährdeter arten (iucn). in magdeburg ist der goldkugelkaktus in den gewächshäuser geschützt und wird als sitzplatz jedoch nicht sonderlich geschätzt: der papphocker des kirchentages erfreute sich die letzten tage grösserer beliebtheit … Weiterlesen

virtuelles lapidarium: herkules farnese (ein griechischer halbgott in kassel …)

in vielen gärten steht er: herkules oder herakles, besonders der farnesische. der halbgott Ἡρακλῆς aus der griechischen mythologie war das herrschersymbol des ancien régime. ob als baby mit einer schlange wie in het loo, ein sinnbild für den jungen willem van oranje, oder im kampf mit der hydra im herkulesteich des neuwerkgartens in gottorf (schleswig). im 18 jh. veränderten sich die politische selbstdarstellung und der gartengeschmack: herkules verlor seinen stellvertreterposten auf dem sockel im beet an appolon …

ein griechischer halbgott in kassel:

Der Carlsberg ist ein großer waldvoller Berg, berühmt genug durch das darauf angelegte herrliche Werk der Architectur und der Wasserkünste. Man erblickt überall vortreffliche Wälder von Buchen, und an den leeren Plätzen eine Menge herrlicher Anpflanzungen, besonders von einheimischen und ausländischen Nadelhölzern, Hayne von Lerchenbäumen und Weyhmouthsfichten, von Rothbüchen und Silberpappeln, von Tulpenbäumen und virginischen Robinien. […] Bey hellem Wetter übersieht man hier fast eine kleine Welt, die schöne Stadt Cassel und ringsumher auf sieben und zwanzig Dörfer in den umliegenden Landschaften. Man bemerkt leicht aus den Vortheilen dieser Lage, daß die Kunst der Bearbeitung hier einen der schönsten Gärten in Europa bilden kann.

[…]

Wenn indessen für die Nachahmung der mythologischen Fabel in Gärten ein Ort schicklich ist, so behauptet der Carlsberg allerdings seinen Vorzug. Das ungeheure Werk und der Anblick des colossalischen Hercules, der oben aus den Wolken auf das Werk, das mit seiner Stärke vollendet ist, herabschauend sich nun einer stolzen Ruhe zu überlassen scheint, versetzt die Einbildungskraft auf einmal in die heroischen Zeiten des Alterthums. Diese erhabene Scene, der Berg, der fast den Namen eines Gebirges verdient, die auf seiner Höhe wallenden Wälder, die vielen angepflanzten Hayne von dunklen Nadelhölzern, verbreiten eine ehrwürdige Feyerlichkeit über die ganze Gegend. Und dieser Eindruck könnte allerdings noch durch eine wohl gewählte und zusammenhängende Reihe mythologischer Scenen, die jetzt nur zerstreut oder vermischt erscheinen, ungemein verstärkt werden.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 5, leipzig 1785.

70,5 m: auf dem oktagon mit pyramide (1701 bis 1717) von giovanni francesco guerniero der herkules aus kupferblech vom augsburger goldschmied johann jacob anthoni, stolze 8,30 m. auftrageber war landgraf karl von hessel-kassel. ein document des barocken machtanspruches des auftragsgebers auf den karlsberg im habichtswald. gesamthöhe mit berg: 596 m. ab 1785 unter dem ur-enkel wilhelm IX., später als kurfürst I., von hessen-kassel in einem english landscape garden umgewandelt. Weiterlesen

gartenbücher (pflanzen – kultur)

pflanzengesellschaften, matrix und drifts, borders. der blick auf einzelne pflanzen geht verloren. details gehen im farbrausch unter. zwei bücher schärfen den blick und rücken die kulturgeschichte der pflanzen in den vordergrund. wenn man sich mal wieder was buntes aus dem baumarkt oder eine seltene sorte vom pflanzenmarkt holt, bringt man nicht nur farbe in den garten. gleichzeitig kommt eine botanische und kulturelle geschichte ins beet. gartenkultur! zwei bücher, die nicht nur kulturell von interesse, sondern für emsige gartenbuchleser eine augenweide sind:

abutilon bis viola elatior: fotografie & botanik

walter benjamin schrieb, in seiner besprechung des buches ‚urformen der kunst‘ (→ ’neues von blumen‘ & blümchen), dass die fotos von karl blossfeldt „einen ganzen unvermuteten Schatz von Analogien und Formen“ erschliessen. blossfeldt veröffentlichte die bilder ohne beschreibung: „Man wird aber das Schweigen des Forschers ehren, der diese Bilder hier vorlegt. Vielleicht gehört sein Wissen zu jener Art, die den stumm macht, der es besitzt.“ ‚urformen der kunst‘ erschien 1928. 1932 folgte ‚wundergarten der natur‘. die rezeption der bilder blieb formal, auf analogien beschränkt. foto-ästhetik, neue sachlichkeit & l’art pour l’art. der band ‚karl blossfeldt – meisterwerke‘ mit einer auwahl aus dem blossfeldt archiv der stiftung ann und jürgen wilde bringt blossfeldt ein wenig zurück in die botanik. neben den grossen tafeln im buch finden sich im hinteren teil des bandes „botanische erläuterungen“ von hansjörg küster, professor für pflanzenökologie am institut für geobotanik der leibniz universität hannover, autor von bücher über die natur- und kulturgeschichte der elbe, der nord- und ostsee und ‚die entdeckung der landschaft‘ im allgemeinen. Weiterlesen

winter: grünkohl / ’nachricht von dem anbau und von der erhaltung des grünen kohls, zur winters-zeit‘ von philipp ernst lüders

Erstlich bin dahin bedacht, daß ich einen guten, von Geschmack angenehmen, Kohl besitze. Unter allen Kohl=Sorten halte die hellgrüne und krause für die allerbeste zum Küchengebrauch. Obgleich der schlechtblätterige Kohl zum Gebrauch bey dem Vieh nutzreicher, und die Sprossen aus dem Stamm weit zahlreicher sind; so ist er doch ungleich zäher und der Gefahr von den Raupen weit mehr unterworfen. Man will zwar fürgeben, daß er gleichfalls im Winter haltbarer sey, als der grüne krause; allein, wenn man gleich ein Exempel davon aufweisen könnte; so dürfte es eben so leicht seyn, den Beweis von einem gegenseitigen Exempel anzuführen. Von dem Vorzug: Ob die dunkele, oder die grüne Farbe in der Schüssel dem Liebhaber besser ins Auge falle, will ich nichts melden, weil darin das Urtheil ungleich ausfallen dürfte. Dies aber wird an dem hellgrünen krausen Kohl als ohnstreitig können bemerkt werden, daß er ungemein zart sey, sehr gut und lieblich schmecke, leichter und geschwinder sich kochen lasse, und die Feuerung dabey ersparet werde; Ferner, daß, wenn man fürsichtig mit dem Samen=Zug verfährt, er nie ausarte; und endlich, daß er in solchen Jahren, in welchen die Raupen vielen Schaden anrichten, eine natürliche Fähigkeit an sich habe, deren Wuth zu widerstehen.

Was ich von dessen vorzüglichen Tugenden angeführt, das kan der Augenschein, das Gefühl, der Geschmack und die Erfahrung am sichersten beurtheilen. Von dem Geschmack habe vorher gesagt, daß ich über dessen Ausspruch mich nicht einlassen will; dies dürfte aber wol gewiß seyn, daß, wenn er Einem nicht anständig seyn sollte, Zehen dargegen sich für ihn geneigt erklären dürften. Daß er in der Dauer und in seiner Güte unveränderlich seyn könne, davon kan ich den sichtbaren Beweis führen, indem ich ihn über 20 Jahre lang unverändert erhalten habe. Mir ist auch nicht bange, daß er sich jemals verändern und schlechter werden wird.

philipp ernst lüders, ’nachricht von dem anbau und von der erhaltung des grünen kohls, zur winters-zeit‘, flensburg, 1772