westfälischer friede: „Ihr Gärtner werdet dann zu Marckt können fahren …“

[…]

Ihr Bauren spannet an die starcken AckerPferde/ klatscht mit der Peitschen scharff/ die Pflugschar in die Erde/ Säet/ Hirsche/ Heidel/ Korn/ Hanf/ Weitzen/ Gersten auß/ Kraut/ Ruben/ Zwiebeln/ Kohl/ füllt Keller/ Boden/ Hauß.

Ihr Gärtner werdet dann zu Marckt können fahren/ und lösen manchen Batz auß euren grünen Wahren/ dann kehret ihr mit Lust fein in ein Küchlein ein/ und esst ein stücklein Wurst und lescht den Durst mit Wein: Juch/ Juch/ ihr seyt befreyt von tausend Nöthen/ und schlaffet biß es tagt mit euren Bauren Greten.

[…]

friedensreiter von münster: „Neuer Auß Münster vom 25. deß Weinmonats im Jahr 1648. abgefertigter Freud= und Friedenbringender Postreuter“, flugblatt anlässlich der unterzeichnung des friedensvertrages am 24. oktober 1648.

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winter: grünkohl / ’nachricht von dem anbau und von der erhaltung des grünen kohls, zur winters-zeit‘ von philipp ernst lüders

Erstlich bin dahin bedacht, daß ich einen guten, von Geschmack angenehmen, Kohl besitze. Unter allen Kohl=Sorten halte die hellgrüne und krause für die allerbeste zum Küchengebrauch. Obgleich der schlechtblätterige Kohl zum Gebrauch bey dem Vieh nutzreicher, und die Sprossen aus dem Stamm weit zahlreicher sind; so ist er doch ungleich zäher und der Gefahr von den Raupen weit mehr unterworfen. Man will zwar fürgeben, daß er gleichfalls im Winter haltbarer sey, als der grüne krause; allein, wenn man gleich ein Exempel davon aufweisen könnte; so dürfte es eben so leicht seyn, den Beweis von einem gegenseitigen Exempel anzuführen. Von dem Vorzug: Ob die dunkele, oder die grüne Farbe in der Schüssel dem Liebhaber besser ins Auge falle, will ich nichts melden, weil darin das Urtheil ungleich ausfallen dürfte. Dies aber wird an dem hellgrünen krausen Kohl als ohnstreitig können bemerkt werden, daß er ungemein zart sey, sehr gut und lieblich schmecke, leichter und geschwinder sich kochen lasse, und die Feuerung dabey ersparet werde; Ferner, daß, wenn man fürsichtig mit dem Samen=Zug verfährt, er nie ausarte; und endlich, daß er in solchen Jahren, in welchen die Raupen vielen Schaden anrichten, eine natürliche Fähigkeit an sich habe, deren Wuth zu widerstehen.

Was ich von dessen vorzüglichen Tugenden angeführt, das kan der Augenschein, das Gefühl, der Geschmack und die Erfahrung am sichersten beurtheilen. Von dem Geschmack habe vorher gesagt, daß ich über dessen Ausspruch mich nicht einlassen will; dies dürfte aber wol gewiß seyn, daß, wenn er Einem nicht anständig seyn sollte, Zehen dargegen sich für ihn geneigt erklären dürften. Daß er in der Dauer und in seiner Güte unveränderlich seyn könne, davon kan ich den sichtbaren Beweis führen, indem ich ihn über 20 Jahre lang unverändert erhalten habe. Mir ist auch nicht bange, daß er sich jemals verändern und schlechter werden wird.

philipp ernst lüders, ’nachricht von dem anbau und von der erhaltung des grünen kohls, zur winters-zeit‘, flensburg, 1772

landesgartenschau landau 2015 (rundgang am letzten tag)

landesgartenschau_landau_800 Weiterlesen

arboretum ellerhoop (incl. lotusblüte)

ein besuch im arboretum ellerhoop in ellerhoop-thiensen bei hamburg. am historischen münsterhof wurde 1959 ein arboretum von der baumschule timm & co aus dem benachbarten elmshorn angelegt. gemeinsam mit den dendrologen gerd krüssmann schuf der inhaber erich frahm einen 3,5 hektar grossen baumgarten. eingebettet in die (schleswig-)holsteinische knicklandschaft sind heute 7,5 von insgesamt 17 hektar für besucher zugänglich. bäume, ein bauerngarten und diverse themengärten – die bisweilen den eindruck geschrumpfter freizeitparkkulissen hinterlassen.

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eine alcea rosea / stockrose im bauerngarten mit der „gartenseite“ des münsterhofes.

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nutz- und zierpflanzen im bauerngarten: l. rudbeckia fulgida var. sullivantii ‚goldsturm‘ / sonnenhut (eine züchtung von karl foerster & heinrich hagemann) & nigella damascena / jungfer im grünen; r. phaseolus vulgaris / grüne bohnen: die sommerhitze wird vorbeigehen und die beer’n, bohn un speck-zeit kommt…

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im küchengarten: o. l. vorfreude auf den ersten frost mit brassica oleracea var. sabellica ‚redbor‘ / grünkohl; o.r. linum usitatissimum / gemeiner lein, saat-lein oder flachs und papaver (rhoeas ?) / (klatsch)mohn; u.l. fagopyrum esculentum / buchweizen hinten dem staketenzaun & eine weitere alcea rosea.

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lotus-saison in ellerhoop: nelumbo nucifera / indischer lotus.

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bäume im lotusteich: taxodium distichum / sumpfzypressen.

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l. in roten garten: dahlia ‚bishop of llandaff ‚; r. nach der maat: warten auf den frühling.

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kann man eigentlich an gärtnereien einfach nur vorbeigehen? nach der → sommerfrische etwas maritim-blau-weiss gestimmt: statice bzw. limonium sinuatum / geflügelter strandflieder für den „eigenen garten“.

[…] Auch ich war immer daheim, grub, krautete, stocherte, handhabte die Gießkanne, besah alles, was wuchs, tagtäglich genau und bin daher mit jeder Rose, mit jedem Kohlkopf, mit jeder Gurke intim bekannt geworden. Eine etwas beschränkte Welt, so scheint’s. Und doch, wenn man’s recht erwägt, ist all das Zeugs, von dem jedes einzelne unendlich und unergründlich ist, nicht weniger bemerkenswerth, als Alpen und Meer, als Japan und China. […]

wilhelm busch an johanna keßler, wiedensahl, 30. juli 1896.

die ostfriesische palme: brassica oleracea var. sabellica l. / grünkohl

& ein (ostfriesischer) tip für die küche:

Wenn der Grünkohl 15 Minuten kocht und dann zwei Stunden zieht – so wie Tee – dann wird das Gericht genau so gut – und die Vitamine sind noch drin.

reinhard lühring zitiert im general-anzeiger, 06/01/2014.

„Sinnend geh ich durch den Garten unsrer deutschen Politik;…“ / ‚feldfrüchte‘ von kurt tucholsky

Feldfrüchte

Sinnend geh ich durch den Garten,
still gedeiht er hinterm Haus;
Suppenkräuter, hundert Arten,
Bauernblumen, bunter Strauß.
Petersilie und Tomaten,
eine Bohnengalerie,
ganz besonders ist geraten
der beliebte Sellerie.
Ja, und hier –? Ein kleines Wieschen?
Da wächst in der Erde leis
das bescheidene Radieschen:
außen, rot und innen weiß.

Sinnend geh ich durch den Garten
unsrer deutschen Politik;
Suppenkohl in allen Arten
im Kompost der Republik.
Bonzen, Brillen, Gehberockte,
Parlamentsroutinendreh . . .
Ja, und hier –? Die ganz verbockte
liebe gute SPD.
[…]

theobald tiger (kurt tucholsky), ‚feldfrüchte‘ in ‚die weltbühne‘, 21. september 1926, nr. 38

brassica oleracea var. sabellica l. / grünkohl

Grüner oder brauner Kohl ganz gekocht nach Bremer Art.
Ersterer ist vorzuziehen. Wenn der Kohl gefroren ist, wird das Herz mit den nächsten Herzblättern sammt dem Stengel, so weit er weich ist, genommen und solches ungeschnitten gewaschen. Am besten ist es, wenn man ihn Abends vorher so weit vorbereitet und ihn Nachts wieder frieren läßt. Dann wird etwas kochendes Wasser mit Gänsefett oder Schweineschmalz und Butter zu Feuer gesetzt, der Kohl lagenweise mit den nöthigen Salz (ja nicht zu viel), etwas Nelkenpfeffer, auch nach Belieben fein geschnittenen Zwiebeln und einer Pinkelwurst darin 1 ½ Stunden gekocht. Der Topf muß fest verschlossen, der Kohl zwar gahr, aber ja nicht zu weich und nicht viel gerührt werden, weil derselbe ganz bleiben muß. Fehlt ihm die gewünschte Süße, so wird zeitig ein Stück Zucker dazu gethan, so wie beim Anrichten die Brühe mit etwas Kartoffelmehl gebunden gemacht.
Man garnirt ihn mit gebratenen Kastanien, gibt gebratene Kartoffeln und als Beilage Gänsebraten, Rostbeef, Round of Beef, Rauchfleisch, Bratwurst, Schweinsrippe dazu.

henriette davidis, ‚praktisches kochbuch für die gewöhnliche und feinere küche: zuverlässige und selbstgeprüfte recepte zur zubereitung verschiedenartigster speisen […] ; mit einem anhange, enthaltend arrangements zu kleinen u. größeren gesellschaften, […]. mit besonderer berücksichtigung der anfängerinnen und angehenden hausfrauen‘, düsseldorf (dritte verbesserte und vermehrte auflage), 1847 (erstausgabe 1845) S.88ff.

grünkohl_500   ill.: vilmorin-andrieux & cie, ‚les plantes potagères‘, paris, 1904.

im münsterland „moos“ genannt. in ostwestfalen-lippe „lippische palme“ und in norddeutschland „oldenburger-“ oder „friesische palme“. andere gängige regionale bezeichnungen sind winterkohl, strunkkohl oder krauskohl.

in den niederlanden gilt boerenkoolstamppot mit gelderse rookworst als weihnachtsessen. in skandinavien gibt es den grünkohl traditionell mit weihnachtsschinken.

eine gute erweiterung des rezeptes sind „küddelbirnen“ -, z.b. die pastorenbirne – die am schluss auf dem kohl mitgekocht werden. im münsterland werden als wurst mettendchen statt pinkel (in bremen und im oldenburger land) oder bregenwurst (in niedersachsen und sachsen-anhalt) mitgekocht.

db_grünkohl_400 ill.: ernst & von spreckelsen, ‚ hamburger markt gemüse‘, hamburg, um 1900.

horti in monasterio / „dicke bohnen, davon ein jeder bürger westphalens und bauer mit stoppeligem bart jedes jahr pflanzt an eine größere menge“ & „der blau-grüne kohl, der auch übersteht eines langen winters grimmige kälte“

horti in monasterio*

Ohne Regen auch müßte wohl hindorren jegliche Gartenpracht, könnten nicht bilden sich riesige Anger im weiten Kreis um die Mauern von Städten, gäb‘ es kein Wachstum mit üppigem Reichtum an duftenden Pflanzen.
Hier würd‘ es nicht geben mehr rankenden Erbsen [pisum] und milde Schwertbohnen, Mangold [beta] und Rettich [raphanus], auch nicht Salat [lactuca] und Teltower Rübchen [rapulla] nebst Malven [malva]. Vor allem nicht gäb’s dicke Bohnen [faba], davon ein jeder Bürger Westphalens und Bauer mit stoppeligem Bart jedes Jahr pflanzt an eine größere Menge. Kaum in die Erde gelegt, würd‘ ohne Regen verkümmern der Keim. Und nirgends mehr würde noch wachsen der blau-grüne Kohl [brassica], der auch übersteht eines langen Winters grimmige Kälte und ein wahres Geschenk ist für Menschen, Rinder und Schweine ***.

fabio chigi, philomathi musae juveniles **

tom_ring_hogenberg_detail_200 * gärten und gartenhäuser vor den toren der stadt münster.

*     hermann tom ring ‚westvaliae metropolis monasterium‘, kupferstich von remigius hogenberg, 1570.

**   ‚des philomathus jugendgedichte‘, kapitel LXXXIX (IIg) ‚der münsterische regen: der autor endschuldigt sich beim stadtarzt bernhard rottendorff und begründet ihm gegenüber, weshalb er münster die heimatstadt des regens genannt habe‘. übersetzung von hermann hugenroth. fabio chigi hielt sich von 1644 – 49 als gesandter des papstes bei den verhandlungen zum westfälischen frieden in münster auf. 1655 wurde er – als alexander VII. – zum papst gewählt.

*** eine westfälische anm.: schweine = schinken !!! „… westfälischer Schinken, von Streifen weißen Fetts durchzogen wie ein Abendhimmel“ (rainer maria rilke). westfalen = „Vaterland des Schinkens“ (heinrich heine). westfälisches abendmahl‚. bei soviel gemüse musste diese anm. sein…

„le plus pressé, c’était le jardin“ oder landlust im 19. jh. / ‘bouvard et pécuchet’ von gustave flaubert

„Nous y voilà donc! Quel bonheur! Il me semble que c’est un rêve!“

Bien qu’il fût minuit, Pécuchet eut l’idée de faire un tour dans le jardin. Bouvard ne s’y refusa pas. Ils prirent la chandelle, et l’abritant avec un vieux journal, se promenèrent le long des plates-bandes. Ils avaient plaisir à nommer tout haut les légumes: „Tiens! des carottes! Ah! des choux.“

Ensuite, ils inspectèrent les espaliers. Pécuchet tâcha de découvrir des bourgeons. Quelquefois une araignée fuyait tout à coup sur le mur; – et les deux ombres de leur corps s’y dessinaient agrandies, en répétant leurs gestes. Les pointes des herbes dégouttelaient de rosée. La nuit était complètement noire; et tout se tenait immobile dans un grand silence, une grande douceur. Au loin, un coq chanta.

[…]

Puis ils se mirent à la croisée, pour voir le paysage.

On avait en face de soi les champs, à droite une grange, avec le clocher de l’église, – et à gauche un rideau de peupliers.

Deux allées principales, formant la croix, divisaient le jardin en quatre morceaux. Les légumes étaient compris dans les plates-bandes, où se dressaient, de place en place, des cyprès nains et des quenouilles. D’un côté, une tonnelle aboutissait à un vigneau, de l’autre un mur soutenait les espaliers; – et une claire-voie, dans le fond, donnait sur la campagne. Il y avait au delà du mur un verger, après la charmille un bosquet, derrière la claire-voie un petit chemin.

[…]

Les deux Parisiens désiraient faire leur inspection, […]

Ils s’en revinrent par la cavée, sous une avenue de hêtres. La maison montrait, de ce côté-là, sa cour d’honneur et sa façade.

[…]

Les quatre chambres au premier s’ouvraient sur le corridor qui regardait la cour. Pécuchet en prit une pour ses collections; la dernière fut destinée à la bibliothèque; et comme ils ouvraient les armoires, ils trouvèrent d’autres bouquins, mais n’eurent pas la fantaisie d’en lire les titres. Le plus pressé, c’était le jardin.

Bouvard, en passant près de la charmille, découvrit sous les branches une dame en plâtre. Avec deux doigts, elle écartait sa jupe, les genoux pliés, la tête sur l’épaule, comme craignant d’être surprise. – „Ah! pardon! Ne vous gênez pas!“ Et cette plaisanterie les amusa tellement que vingt fois par jour pendant plus de trois semaines, ils la répétèrent.

Cependant, les bourgeois de Chavignolles désiraient les connaître – on venait les observer par la claire-voie. Ils en bouchèrent les ouvertures avec des planches. La population fut contrariée.

Pour se garantir du soleil, Bouvard portait sur la tête un mouchoir noué en turban, Pécuchet sa casquette; et il avait un grand tablier avec une poche par devant, dans laquelle ballottaient un sécateur, son foulard et sa tabatière. Les bras nus, et côte à côte, ils labouraient, sarclaient, émondaient, s’imposaient des tâches, mangeaient le plus vite possible, – mais allaient prendre le café sur le vigneau, pour jouir du point de vue.

S’ils rencontraient un limaçon, ils s’approchaient de lui, et l’écrasaient en faisant une grimace du coin de la bouche, comme pour casser une noix. Ils ne sortaient pas sans leur louchet, – et coupaient en deux les vers blancs d’une telle force que le fer de l’outil s’en enfonçait de trois pouces. Pour se délivrer des chenilles, ils battaient les arbres, à grands coups de gaule, furieusement.

Bouvard planta une pivoine au milieu du gazon – et des pommes d’amour qui devaient retomber comme des lustres, sous l’arceau de la tonnelle.

Pécuchet fit creuser devant la cuisine, un large trou, et le disposa en trois compartiments, où il fabriquerait des composts qui feraient pousser un tas de choses dont les détritus amèneraient d’autres récoltes, procurant d’autres engrais, tout cela indéfiniment; – et il rêvait au bord de la fosse, apercevant dans l’avenir, des montagnes de fruits, des débordements de fleurs, des avalanches de légumes. Mais le fumier de cheval si utile pour les couches lui manquait. Les cultivateurs n’en vendaient pas; les aubergistes en refusèrent. Enfin, après beaucoup de recherches, malgré les instances de Bouvard, et abjurant toute pudeur, il prit le parti „d’aller lui-même au crottin!“

[…]

Puis les mauvais jours survinrent, la neige, les grands froids. Ils s’installèrent dans la cuisine, et faisaient du treillage; ou bien parcouraient les chambres, causaient au coin du feu, regardaient la pluie tomber.

Dès la mi-carême, ils guettèrent le printemps, et répétaient chaque matin: – „Tout part.“ Mais la saison fut tardive; et ils consolaient leur impatience, en disant: – „Tout va partir.“

Ils virent enfin lever les petits pois. Les asperges donnèrent beaucoup. La vigne promettait.

Puisqu’ils s’entendaient au jardinage, ils devaient réussir dans l’agriculture; […]

gustave flaubert, ‚bouvard et pécuchet‘, posthum veröffentlicht, paris, 1881.