„Garten des Wissens“ / ‚vom nutzen und nachtheil der historie für das leben‘ von friedrich nietzsche

Gewiss, wir brauchen Historie, aber wir brauchen sie anders, als sie der verwöhnte Müssiggänger im Garten des Wissens braucht, mag derselbe auch vornehm auf unsere derben und anmuthlosen Bedürfnisse und Nöthe herabsehen.

friedrich nietzsche, ‚unzeitgemässe betrachtungen. zweites stück: vom nutzen und nachtheil der historie für das leben.‘, leipzig 1874

garteneskapismus

was ist los hinter den gartenmauern, den -hecken und -zäunen (oder gabionen)? giessen und rasenmähen werden gerade esoterisch zu wellness verklärt. gärtnereien müssen die bestellfunktion auf ihren websites blockieren, weil sie nicht mehr nachkommen. bei royal flora holland in aalsmeer und anderen blumengrossmärkten bzw. direkt in den gärtnereien, wurden für den frühling vorproduzierte pflanzen vernichtet. sehr bunt und viel verpackung. plastikmüll. zum glück hatten die baumärkte weiter geöffnet … der traffic auf den diy-accounts bei facebook war noch nie so hoch. die wartelisten für einen kleingarten, weiterhin von der städtebaulichen verdichtung in der zeit der distanzierung bedroht, werden noch länger. in den öffentlichen parkanlagen sieht es aus wie in der fussgängerzone am samstag. neben dem obligatorischen grillmüll auf der teilweise verbrandten grasnarbe, findet man jetzt auch coronamüll in den beeten und rabatten. naturschutzgebiete werden überrannt. „natur“ und so …

der garten wird gerade wieder zum pairi daēza, zum paradies emotionalisiert. ein hortus conclusus. was jenseits des eingezäunten, umgrenzten, eigenen grundstücks passiert wird ausgeblendet. blümchen, etwas sogenannte selbstversorgung & eskapismus.

der besitz eines gartens ist luxus. besonders in den städten und ballungsräumen. stadtplanungen wie beim garden city movement wären heute nicht mehr durchzusetzen: verschwendung von bauplätzen. da muss eine grünstreifen, dessen pflegebudget meist nicht mitkalkuliert wird, zwischen den gebäuden reichen.

und auf der anderen seite des gartenzauns? neben covid-19 wandelt sich das klima weiter, auf den strassen in den usa und anderswo geht es um black lives matter, polizeigewalt und den kolonialismus. was hat das mit blümchen und dem eigenen kleinen paradies zu tun? viel!

die meisten der pflanzen sind produkte des kolonialismus und des europäischen imperialismus. so verklärte forscher und botaniker wie johann & georg forster, alexander von humboldt & aimé bonpland, joseph banks oder philibert commerson, hätten ohne die imperialistischen strukturen ihre reisen nicht machen und neue pflanzen „entdecken“ und sammeln können. es handelte sich keineswegs um gartenreisen …

gerade werden statuen von ihren sockeln geholt. im garten blühen die rosen. fast jeder zweit- oder drittrosenbesitzer hat wahrscheinlich eine ’souvenir de la malmaison‘ im beet. oh, joséphine! der rosengarten am château de malmaison … geboren wurde marie josèphe rose tascher de la pagerie aka de beauharnais auf martinique, kleine antillen, département d’outre-mer et région d’outre-mer und gehört damit zur europäischen union. die tochter eines zuckrohrplantagenbesitzers war sich sehr bewusst, wie so ein betrieb funktioniert: mit sklaven. 1794, nach der revolution, wurde die sklaverei in den französischen kolonien abgeschafft. napoleon führte sie 1802 wieder ein. im park la savanne in fort-de-france steht eine statue zu ehren der „impératrice des roses“. kopflos. die bevölkerung von martinique, ca. 80% sind afrikanischer herkunft, findet das ganz ok. nicht gerade beliebt die dame …

in gewächshäusern gibt es immer etwas zu entdecken. besonders in den grossen wie den serres royales de laeken / koninklijke serres van laken. die prunkbauten am königlichen schloss, offizielle residenz der belgischen könige, wurden in der regierungszeit von leopold II. erbaut. finanziert aus den erträgen der privatherrschaft des belgischen königs im kongo. eines heisst passender weise „serre du congo“. sehr imposant …

eine endlose liste …

geschichtliches bewusstsein beschränkt sich häufig auf kontextlose besuche in barock-, landschafts- oder sogenannten bauerngärten. der blick über den eigenen gartenzaun ist eher verpönt, es sei denn, es ist die fortführung des kolonialismus mit anderen mitteln: des tourismus. die gartenreise: ein platz an der sonne (wahlweise eine gartenbank im schatten) & blümchen.

spuren des kolonialismus, imperialismus und des orientalism (edward said) finden wir in vielen gärten und parks. das chinesische teehaus im park von sanssouci in potsdam oder der chinesische turm im englischen garten in münchen, die moschee im schwetzinger schlossgarten, … bei architektur und der deko kann man es kaum oder nur bewusst übersehen, etwas exotik mit politischer vergangenheit. chinoserien findet man heute in form eines buddhas im garten. bei der frage über die herkunft dieser „skulptur“ und nach den dortigen arbeitsbedingungen, ist die reaktion weit entfernt von einem om … deko und blümchen sind eine sehr emotionale angelegenheit. und die der provenienz der pflanzen?

bald ist herbst: astern … oder symphyotrichum oder eurybia? s. novi-belgii, die neubelgische, oder s. novae-angliae, die neuengland-aster, sind importe. produkte des europäischen kolonialismus. die botaniker hatten die bereits von vergil erwähnte aster amellus, die berg- oder kalk-aster, vor augen. der eurozentrische blick durch die botanische brille …

kann man sich langfristig im garten hinter hecken, zäunen oder mauern mit ein paar blümchen und „etwas“ deko einbunkern? machen gartenhistoriker ewig so weiter mit formalen spielchen ohne referenz auf den sozialen, politischen und historischen kontext? ist „garten“ nichts anderes als sinnloser und -freier eskapismus???

gartenbücher: orangeriekultur mit schmuddelwetter und in der hauptstadt des regens etc.

meine herrschaft, meine maîtresse en titre, meine orangerie … orangerien und die pflanzen, bzw. deren früchte, waren luxus. statussymbole der besitzer. südfrüchte kommen heute im container nach norddeutschland und werden im hamburger hafen oder in bremerhaven gelöscht. geerntet werden sie unreif, der reifeprozess wird für den transport unterbrochen, damit sie „frisch“ und zu jeder jahreszeit verfügbar in den regalen der supermärkte landen. orangen- und zitronenbäume im kübel findet man in historischen und botanischen gärten oder als urlaubserinnerung auf den terrassen der reihenhaussiedlungen. jeden herbst fragt sich der besitzer: wohin damit bis zur kalten sophie?

die goldenen „äpfel“ der hesperiden. die von theophrastos von eresos erwähnte citrus medica, die als erste citrus nach europa eingeführt wurde. und die bedeutungen des begriffs „orangerie“: „1. Ein Platz, ein Quartier im Garten, wo Orangenbäume aufgestellt sind. […]“; „2. Die Bezeichnung Orangerie für ein wie auch immer gebautes festes Gebäude, wurde erst um 1690 gebräuchlich. […] & „3. Zu Beginn stand der Begriff „Orangerie“ für eine botanische Sammlung verschiedener kälteempfindlicher Pflanzen, dazu gehörten Orangenbäume. […]“. im ersten beitrag des neue bandes der schriftenreihe des arbeitskreises orangeriekultur in deutschland e.v.,“nicht nur zur weihnachtszeit – orangerien in nordwest-deutschland“, gibt margita m. meyer (gartendenkmalpflege, landesamt für denkmalpflege schleswig-holstein) einen guten überblick über die geschichte der sammlung von exoten und ihrer unterbringung. meyer beschreibt auch die einflüsse aus italien, frankreich und den niederlanden. hier, in der republik der zeven verenigde provinciën, hat(te) es die orangeriekultur zur staatssymbolik gebracht, oranje. die handelswege im norden und die heiratspolitik des hauses oranje-nassau führten bereits im 17. jh. zu einer dutch wave: oranienbaum im heutigen gartenreich dessau-wörlitz, oranienburg bei berlin oder oranienstein an der lahn & neben bloembollen kamen gartenbücher mit dem nötigen know-how.

„Ein neblichtes und schlackriges Wetter“ Weiterlesen

„Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, …“ / ‚grundrisse der kritik der politischen ökonomie‘ von karl marx

So schafft das Kapital erst die bürgerliche Gesellschaft und die universelle Aneignung der Natur wie des gesellschaftlichen Zusammenhangs selbst durch die Glieder der Gesellschaft. Hence the great civilising influence of capital; seine Produktion einer Gesellschaftsstufe, gegen die alle frühren nur als lokale Entwicklungen der Menschheit und als Naturidolatrie erscheinen. Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf, als Macht für sich anerkannt zu werden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen Gesetze erscheint selbst nur als List, um sie den menschlichen Bedürfnissen, sei es als Gegenstand des Konsums, sei es als Mittel der Produktion, zu unterwerfen.

karl marx, ‚grundrisse der kritik der politischen ökonomie‘, (oktober 1857 bis mai 1858), zitiert nach mew marx-engels-werke, band 42, berlin 1983

„raus aus dem garten!“

mit anke schmitz (garten auf freigang) in der ausstellung ‚thomas gainsborough. die moderne landschaft‘ in der hamburger kunsthalle:

gruenesblut.net

 

marcel broodthaers. eine retrospektive: section botanique (les palmiers)

fig. 1 obere reihe, l.: das ständehaus, der ehemalige landtag des landes nrw, erbaut als provinziallandtag der preussischen rheinprovinz von julius raschdorff (1880) mit der glaskuppel von kiessler+partner (1995-2001) am kaiserteich in der parkanlage von maximilian weyhe; r.: ‚l’entrée de l’exposition‘: hoewa forsteriana, vorsicht kellertreppe … untere reihe, l.: ‚jardin d’hiver‘, phoenix roebelenii unterhalb der wasserlinie … & r.: adler in düsseldorf, auf der kö.

die retrospektive von marcel broodthaers, organisiert vom museum of modern art, new york, und dem museo nacional centro de arte reina sofia, madrid, ist auf ihrer letzten station dem k21 / kunstsammlung nrw angekommen, in düsseldorf, wo broodthaers von 1970 bis 1972 lebte und arbeitete.

der belgische künster hatte, bevor er 1964 entschied statt schriftsteller künstler zu sein, kontakt zur groupe surréaliste révolutionaire und rené magritte. er publizierte gedichte. 1964 verarbeitete er einen stapel flugblätter mit dem gedicht ‚pense bête‘ zu einer skulptur. im selben jahr entstand ‚la clef de l’horloge – un poème cinématographique en l’honneur de kurt schwitters‘, der erste film. von der poesie rimbauds und mallarmés zu magritte und schwitters. wort und bild, moules et frites, adler und palmen. Weiterlesen

gartenbücher (the secret life of the georgian garden)

der gestalterische ursprung unserer parks ist der english landscape garden des 18. jh, der garten der georgians. grosse rasenflächen (heute viel zu selten wiesen), etwas architektur (ein monopteros oder tempelchen hier, eine orangerie dort, grotten mit oder ohne ornamental hermit …alles follies ohne nutzung?), solitäre bäume oder baumgrupen und unterholz. vor der haustür die kontinentalen, von england beeinflussten, anlagen: der englische garten in münchen von friedrich ludwig sckell, der grosse tiergarten in berlin von peter joseph lenné (nicht zu vergessen klein-glienicke und die anlagen in sanssouci …), muskau und branitz von hermann von pückler-muskau, der wörlitzer park, etc. der einzige echte georgian garden auf den festland befindet sich in hannover: → der georgengarten, benannt nach george IV., king in englisch-hannoverscher personalunion, von franz christian schaumburg.

kate felus beschreibt in ihrem buch ‚the secret life of the georgian garden: beautiful objects and agreeable retreats‘ das leben im georgian garden, dem englischen landscape garden. die gärten von william kent, lancelot „capability“ brown, humphry repton und ihrer zeitgenossen. 123 jahre von der thronbesteigung des kurfürsten von braunschweig-lüneburg aka hannover als george I. auf den englischen thron 1714, über george II., III. & IV. bis zum tod von william IV. und der thronbesteigung von queen victoria, dem ende der personalunion 1837.

das leben in den country houses ist erforscht (mark girouard, ‚life in the english country house‘, 1978, etc.), die geschichte und gestaltung der parks in denen sie stehen ebenfalls. doch was passierte im garten? felus hat sich auf die bewohner und besucher der grossen häuser konzentriert und auf die art und weise, wie sie den garten nutzten. der garten war fluchtort vor der enge des hauses. die familie, die gäste und das personal sollten nicht alles mitbekommen oder mann/frau wollten von einzelnen gästen oder dem personal gerade mehr mitbekommen … der park als ansammlung von gartenzimmern. wie heute unsere unter denkmalschutz stehenden und/oder öffentlichen english landscape gardens für die flucht aus dem alltag genutzt werden, so war es schon im 18 jh.: „ich geh mal mit dem hund spazieren“ (= ich will meine ruhe haben!), treffen mit freunden (heute incl. grillen bis auf die grasnarbe und zumüllen der rasenfläche und der angrenzenden beete) bis zu grossen events mit music und fireworks (händel passt immer: für georgians und für parkbesucher im 21 jh.), sowie, gerade in öffentlichen parks, das verschwinden von unangeleinten hunden und spaziergängern im unterholz, nicht nur weil toiletten fehlen … Weiterlesen

gartenbücher (wunschliste)

beim abstauben des buchregals …

Das Passagen- garten-Werk walter benjamin & natürlich Das Kunstwerk blümchen im Zeitalter seiner technischen digitalen Reproduzierbarkeit

Les Règles de l’art des jardins: genèse et structure du champ littéraire horticole pierre bourdieu

The Ideology of the Aesthetic garden designs terry eagleton

A Portrait of the Artist gardener as a Young Man james joyce

Delirious New York garden rem koolhaas

Culture gardening and Imperialism edward said

The Fall of Public Man green richard sennett & The Uses of Disorder: Personal Identity and City garden Life

Complexity and Contradiction in Architecture the garden robert venturi

Brideshead rüschhaus Revisited evelyn waugh