gartenbücher (wildobst: pflanze „wild“ und dornig)

ein gang durch einen supermarkt: glatte, gewachste oberflächen; keine variation in der grösse; süss, viel zu süss, bloss keine säure … wenn food designer obstsorten züchten. flug- und seemeilen im container inklusive. zu jeder jahreszeit verfügbar.

ein spaziergang durch eine kulturlandschaft mit wallhecken oder knicks: blüten im frühjahr, schatten im sommer & früchte im herbst. nicht unbedingt wild aber häufig dornig …

wild ?!

in der anglo-amerikanischen diskussion über gärten erlebt william robinson’s ‚the wild garden‘ gerade eine renaissance (deutsche übersetzung? fehlanzeige …). in deutschsprachigen raum bleibt der diskurs über „natur“ & „wild“, karl foerster nannte es wildnisgartenkunst, meist in purem romantizismus stecken oder man landet bei einem fragwürdigen vokabular wie dem von willy lange, dessen naturgartenidealismus und die propagierung von „einheimischen pflanzen“ sehr kompatibel mit nationalsozialistischen vorstellungen war … und überhaupt: was ist wild? viele heute als „einheimisch“ klassifizierte gewächse sind verwilderte pflanzen, die u.a. von den römern über die alpen gebracht wurden. es steckt viel gartenkultur in der „wilden“ „natur“.

ina sperl, die regelmässig in der frankfurter allgemeinen & im kölner stadt-anzeiger über gartenkultur, gärtner, pflanzen & den eigenen garten schreibt, gibt mit ‚wildobst: schlehe, hagebutte und co. für meinen garten‘ einen einblick in den artenreichtum des wilden obstes. ‚wildobst‘ bleibt nicht, wie viele bücher aus der rubrik „ratgeber“, im seichten das-ist-aber-lecker-do-it-yourself stecken. ein nachschlagewerk mit ihren „40 besten wildobstarten“, tipps für die gartenarbeit und einigen botanischen entdeckungen für den leser. naschkram für hecken, grosse und kleine gärten und den kübel. Weiterlesen

Advertisements

„mit schönen Glöcklein behenckt“: digitalis / fingerhut

WaldtGlöcklein oder Fingerkraut. […]

In den hohen dunckelen Wäldern / und in den finsteeen feuchten Thälern / als im Schwartzwald / Waßgaw [südteil des pfälzerwaldes und nordteil der vogesen] und Ydar / an den orten da mann Kolen brennet / als umb die Eysenschmitten / würdt diß gewächß mit seinen schönen Glöcklein im hewmonat [heumonat, juli] Und Augustmonat gefunden / seine schwartzgrüne / lange / und breytte Blätter seind zu rings umd etwas zerkerfft / vergleichen sich etlicher massen der Waldtwullen / doch etwas schmähler. Im Brachmonat [juni] dringet der runde Stengel auß der kurtzen zasechten Wurtzel / Elen hoch ubersich / ist von unden an / biß oben aussen / mit schönen Glöcklein behenckt / etliche seind gäl / die anderen schön braunroth / ohn allen geruch / so die außfallen / folgen hernach runde bollen / oder knöpfflein / allerdings wie die bollen am Goldt knöpfflein kraut / darinn ist verschlossen der lang breyt Samen / und ist solch gewächß am geschmack vast bitter.

Von den Namen.

Der blätter und stengel halben / möcht diese Waldtschell wol bey Verbasculis [verbascum / königskerzen] herberg finden / in Diosco[rides] lib. iiif cap. xcix. Aber der blumen und wirckung halben / stünds nicht ubel von der den Bynsaugen [melissa officinalis / melisse]/ Galiopsis [galeopsis / hohlzahn] / Diasco[rides] lib. iiij. Cap. rc. Ein jeder halts war für er will / wir nennen diß Kraut / der spitzigen glöcklein halben / Waldglöcklin / Nola sylvestris / andere sagen ihm Fingerkraut / Digitalis.

Wegen der Blätter würdt diß simplex Verbascum geheissen / weil er den Verbascis gleich. Aber der Blumen halben / so sich einem Fingerhut und Glöcklein vergleichen / heist es nicht unbillich Digitalis & campanula. […]

Von der Kraft und Würckung.

Der geschmack zeyget an / das diß gewächß von art und natur warm und trucken sein muß / derhalben möcht es zur Artzney mit andern gewächsen zu den dingen / so erwärmens / zertheylens / und reinigung bedörffen / genommen und gebraucht werden.

Weil diß simplex sehr bitter ist / wie Entian / so ist offenbar / das es zimlich trucken und hitzig. .Zertheilt / eröffnet / säubert und reiniget. Dann es lehret Galenus [galenos von pergamon, galen] l 4 simpl. c. 7. das die simplicia, so sehr bitter / reinigen / abwüschen / säubern / das Geäder eröffnen / die zähen duecken feuchtigkeiten zertheylen / den Koder und Eytter auß der Brust und Lungen machen außwerffen.

hieronymus bock, ‘new kreütter buch […]‘ zitiert nach der 4. ausgabe: hieronymus bock, melchior sebisch, ‚kräutterbuch weylandt des weitberhümmten vndt hocherfharnen herren hieronymi tragi genant bock‘, strassburg, 1630 Weiterlesen

kreütter, hieronymus bock, hornbach

Alleyn ist das unser fürhabende arbeyt / das wir die Gewechß / als kreütter / wurtzel blumen und samen / so zům mererheyl eyn zeitlang verdunckelt bliben / herfürbringen / wider auß streichen / unnd yederman die selbigen zu erkennen geben / mit darstellung allerirer würckung. Erstlich / wie eyn yedes seiner art und geschlecht nach auffwachß / wie es blüe / und besame zů welcher zeit im jar / unnd in welcherley erdstrich eyn yedes am besten zů finden seie. Nach diser abmalung und der gewechßdarstellung / haben wir auch die ersten alten und gegründete namen der selbigen auß den Griechischen / Lateinischen / unnd Arabischen büchern stückwerck so vil müglich zůsamen getragen. Darzů auch die Teütschen namen / umb der Teutschen willen / denen diß buch zů liebnuß geschriben / zů orderst gesetzet. […] Zůletst aller gesetzter kreütter natur und art wie eyn yedes innerlich uń ausserhalb des leib zů geniessen sei / nach der leer der alten / als Nicandzi [nikandros aus kolophon] / Dioscor[ides] und Theoph[rastos] auch was wir selbs erfaren haben.

hieronymus bock, ’new kreütter buch von underscheydt, würckung und namen der kreütter so in teütschen landen wachsen ; auch der selbigen eygentlichem und wolgegründtem gebrauch in der artznei, zu behalten und zu fürdern Leibs gesuntheyt fast nutz und tröstlichen, vorab gemeynem verstand‘, strassburg, 1539.

bock_hornbach_500

gedenkstein für hieronymus bock  in hornbach am ehemaligen kloster hornbach. porträt von david kandel.

tea time: Τσάι του βουνού

sideritis_500

von unserer nachbarin gesammelt: sideritis / griechischer bergtee (Τσάι του βουνού, tsái tou vounoú) oder eisenkraut. hier wahrscheinlich sideritis athoa (nach dem griechischen Άθως, Àthos; im griechenland meist Άγιον Όρος, Ágion Óros, ‚heiliger berg‘) aus makedonien. im mittelmeergebiet sind ca. 80 sideritis-arten heimisch, grösstenteils endemisch (von altgriechisch ἔνδημος, éndēmos‚ einheimisch). sideritis wird bereits in der antike von dem griechischen philosophen und naturforscher theophrastos von eresos (Περὶ φυτῶν ἱστορία, peri phyton historia, lat. ‚historia plantarum‘, ca. 350 bis 287 v. chr.) und dem arzt und pharmakologen pedanios dioscurides (Περὶ ὕλης ἰατρικῆς, peri hules iatrikēs, lat. ‚materia medica‘, ca. 50 bis 70 n. chr.) erwähnt. auf der peloponnes kommt haupsächlich sideritis clandestina vor, das pflücken ist jedoch seit den waldbränden 2007 verboten. in deutschen gärtnereien ist zumeist sideritis syriaca, kretischer bergtee oder syrisches gliedkraut, für  mediterrane kräuterbeete, trockenmauern oder steingärten zu bekommen.

tea time: manchmal mit einer zimtstange aufgekocht, honig und ungesüsstem zwieback …

nicht-endemische botanik: schwyzer blüemli von einen schweizer beschrieben & im kurfürstentum braunschweig-lüneburg verlegt / ‚versuch schweizerischer gedichte‘ von albrecht von haller

Dort ragt das hohe Haupt vom edlen Enziane*
Weit übern niedern Chor der Pöbel=Kräuter hin:
Ein ganzes Blumen=Volk dient unter seine Fahne,
Sein blauer Bruder selbst, bückt sich, und ehret ihn.
Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
Thürmt sich am Stengel auf, und krönt sein grau Gewand;
Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grund durchzogen,
Strahlt mit dem bunten Blitz von feuchtem Diamant.**
Gerechtestes Gefäß! Daß Kraft sich Zier vermähle,
In einem schönen Leib wohnt eine schöne Seele

*Gentiana floribus rotatis verticillatis Enum. Helv. [a.v.h., ‚enumeratio methodica stirpium helvetiae indigenarum‘, göttinger, 1742] p. 478 [gentiana lutea / gelber enzian] eines der grösten Alpen Kräuter, und dessen Heil=Kräfte überall bekannt sind, und der blaue foliis amplexicaulibus floris fauce barbata Enum. Helv. p. 473 [gentiana asclepiadea / schwalbenwurz-enzian] der viel kleiner und unansehnlicher ist.

**Weil sich auf den grossen und etwas hohlen Blättern, der Thau und Regen leicht sammelt, und wegen ihrer Glättigkeit sich in lauter Tropfen bildet.

albrecht von haller, ‚die alpen‘, 1729, in ‚versuch schweizerischer gedichte‘, göttingen, 1751 (sechste, regelmässige, vermehrte und veränderte auflage), erstausgabe 1732.

kräuterbuch_grosser_enzian_wurzel   wurzel des grossen enzians aus ‚kräuterbuch deß uralten unnd in aller welt berühmtesten griechischen scribenten pedacii dioscoridi anazarbaei […]‘, frankfurt, 1610… proscht nägeli!

chelsea physic garden / ‚the apothecaries and their garden‘: lecture by rosie atkins, royal society

boswellia sacra / weihrauch und commiphora myrrha / myrrhe oder 20*C+M+B+14

Gegen Südwesten, am erythräischen [roten] Meere, liegt das schöne Land der Joctaniden, Yemen: fruchtbar und ackerbauend, der alte Cultursitz von Saba. Es erzeugt Weihrauch ( lebonah der Hebräer, vielleicht Boswellia thurifera Colebr.) 760, Myrrhe (eine Amyris-Art, von Ehrenberg zuerst genau beschrieben) […]: Gegenstände eines wichtigen Handels der Nachbarvölker; verführt zu den Aegyptern, Persern und Indern wie zu den Griechen und Römern. Auf diese Erzeugnisse gründet sich die geographische Benennung des „glücklichen Arabiens“, welche wir zuerst bei Diodor und Strabo finden.

760) Der Baum, welcher den arabischen, seit der urältesten Zeit berühmten Weihrauch von Hadhramaut giebt (auf der Insel Socotora fehlt derselbe ganz), ist noch von keinem Botaniker, selbst nicht von dem mühsam forschenden [christian gottfried] Ehrenberg, aufgefunden und bestimmt worden. In Ostindien findet sich ein ähnliches Product, vorzüglich in Bundelkhund, mit welchem von Bombay aus ein beträchtlicher Handel nach China getrieben wird. Dieser indische Weihrauch wird nach [henry thomas] Colebrooke ( Asiatic Researches Vol. IX p. 377) von einer durch] [william] Roxburgh bekannt gewordenen Pflanze: Boswellia thurifera oder serrata, aus der Familie der Burseraceen von Kunth, gewonnen. Da wegen der ältesten Handelsverbindungen zwischen den Küsten von Süd-Arabien und des westlichen Indiens ( Gildemeister, Scriptorum Arabum loci de rebus Indicis p. 35) man in Zweifel ziehen konnte, ob der λίβανος des Theophrastus (das thus der Römer) ursprünglich der arabischen Halbinsel zugehört habe: so ist Lassen’s Bemerkung sehr wichtig ( Indische Alterthumskunde Bd. I. S. 286), daß der Weihrauch im Amara-Koscha selbst » yâwana, javanisch, d. h. arabisch, genannt«: demnach als ein aus Arabien nach Indien gebrachtes Erzeugniß aufgeführt wird. » Turuschka‘ pi ndaka‘ sihlô (drei Benennungen des Weihrauchs) yâwanô«: heißt es im Amara-Koscha ( Amarakocha publ. par A. Loiseleur Deslongchamps P. I. 1839 p. 156). Auch Dioscorides unterscheidet den arabischen von dem indischen Weihrauch. Carl Ritter in seiner vortrefflichen Monographie der Weihrauch-Arten ( Asien Bd. VIII. Abth. 1. S. 356–372) bemerkt sehr richtig, dieselbe Pflanzenart ( Boswellia thurifera) könne wegen der Aehnlichkeit des Klima’s wohl ihre Verbreitungssphäre von Indien durch das südliche Persien nach Arabien ausdehnen. Der amerikanische Weihrauch ( Olibanum americanum unserer Pharmacopöen) kommt von Icica gujanensis Aubl. und Icica tacamahaca: die wir, [aimé jacques alexandre] Bonpland und ich, häufig in den großen Gras-Ebenen (Llanos) von Calabozo in Südamerika gefunden haben. Icica ist wie Boswellia aus der Familie der Burseraceen. Die Rothtanne ( Pinus abies Linn.) erzeugt den gemeinen Weihrauch unserer Kirchen. – Die Pflanze, welche die Myrrhe trägt und welche Bruce glaubte gesehen zu haben ( Ainslie, Materia medica of Hindoostan , Madras 1813, p. 29), ist bei el-Gisan in Arabien von Ehrenberg entdeckt und nach den von ihm gesammelten Exemplaren durch [christian gottfried daniel] Nees von Esenbeck unter dem Namen Balsamodendron myrrha beschrieben worden. Man hielt lange fälschlich Balsamodendron Koraf Kunth., eine Amyris von [peter] Forskål, für den Baum der ächten Myrrhe

alexander von humboldt, ‚kosmos- entwurf einer physischen weltbeschreibung‘, zweiter bd. kap. 1, stuttgart und augsburg, 1845 bis 1862.

___

boswellia sacra / weihrauch:

[…]sein Geruch steigt ohne Feuer empor, weil er die Augen erhellt und das Gehirn reinigt […]

commiphora myrrha / myrrhe:

Und wenn große Fieber den Menschen anfallen, und wenn ihm dann Myrrhe in warmem Wein zu trinken gegeben wird, dann weicht das Fieber von ihm.

hildegard von bingen, ‚physica‘ oder ‚liber simplicis medicinae‘, bd. 1 ‚de plantis‘, kap. 1-175 + 1-176, um 1150.

___

DA Jhesus geborn war zu Bethlehem / im Jüdischenlande zur zeit des königes Herodis / Sihe / da kamen die Weisen Die S. Mattheus Magos nennet / sind Naturkündige vnd Priester gewesen. vom Morgenland gen Jerusalem / vnd sprachen / Wo ist der newgeborne König der Jüden? Wir haben seinen Sternen gesehen im Morgenland / vnd sind komen jn an zu beten. […] Vnd sihe / der Stern den sie im Morgenland gesehen hatten / gieng fur jnen hin / Bis das er kam / vnd stund oben vber / da das Kindlin war. Da sie den Stern sahen / wurden sie hoch erfrewet / Vnd giengen in das Haus / vnd funden das Kindlin mit Maria seiner mutter / vnd fielen nider / vnd betten es an / Vnd theten jre Schetze auff / vnd schenckten jm Gold / Weyrauch vnd Myrrhen.

matthäus 2, 1-2 + 9-11. übersetzung von martin luther, 1545.

___

pilgerzeichen_wacholder_500   die heiligen drei könige bringen geschenke: gotisches pilgerzeichen aus köln, 2.hälfte 15.Jh., bleiguss. nachbildung aus dem kolumba.

___

________

eine nachbemerkung zum dreikönigsschrein in kölner dom (baustelle von 1248 bis 1883) & ein schlenker nach westfalen:

Er ward nicht vollendet — und das ist gut.
Denn eben die Nichtvollendung
Macht ihn zum Denkmahl von Deutschlands Kraft
Und protestantischer Sendung.

Ihr armen Schelme vom Domverein,
Ihr wollt mit schwachen Händen
Fortsetzen das unterbrochene Werk,
Und die alte Zwingburg vollenden!

[…]

Ja, kommen wird die Zeit sogar
Wo man, statt ihn zu vollenden,
Die inneren Räume zu einem Stall
Für Pferde wird verwenden.

„Und wird der Dom ein Pferdestall,
Was sollen wir dann beginnen
Mit den heil’gen drey Kön’gen, die da ruhn
Im Tabernakel da drinnen?“

So höre ich fragen. Doch brauchen wir uns
In unserer Zeit zu geniren?
Die heil’gen drey Kön’ge aus Morgenland,
Sie können wo anders logiren.

Folgt meinem Rath und steckt sie hinein
In jene drey Körbe von Eisen,
Die hoch zu Münster hängen am Thurm,
Der Sankt Lamberti geheißen.

heinrich heine, ‚deutschland. ein wintermährchen‘, hamburg, 1844.

  • ein souvenir aus mailand: die reliquien im dreikönigenschrein im kölner dom.
  • die käfige der wiedertäufer am turm von st. lamberti in münster: ‚drei irrlichter‘ von lothar baumgarten, skulptur projekte münster 1987.

rosie atkins – a history of garden design in 20 minutes