„Frühlingsgeister“, juniperus communis, erica tetralix & die westfälische heidelandschaft / ‚annette freiin von droste-hülshoff als naturforscherin‘ von hermann landois

Der W a c h o l d e r, dieser Charakterstrauch unserer westfälischen Heiden, gehört zu den zweihäusigen Pflanzen. Die Staubgefäßblüten stäuben den Blütenstaub wolkig in die Luft:

„Unwillig schnauben die (die Rinder) den gelben Rauch,
Das Euter streifend am Wacholderstrauch.“
(Die Jagd, […])

Die harzigen Nadeln des Wacholders geben dem Feuer lodernde Nahrung:

„Da bricht ein starker Knabe
Aus des Gestrüppes Windel
Und schleifet nach im Trabe
Ein wüst Wacholderbündel.
Er läßt’s am Feuer kippen,
Hei, wie die Buben johlen
Und mit den Fingern schnippen
Die Funkengirandolen!

Und wie die Nadel spritzen
Und wie die Äste knattern.“
(„Das Hirtenfeuer“, […])

[…]

Ganz besondere Lieblinge unserer Dichterin sind die H e i d e b l u m e n, und es wäre überflüssig, die zahllosen Stellen hier anzuführen, wo sie dieser ihrer Lieblinge gedenkt. Aber über das Heideröschen, wie es oft genannt wird und welches nicht von allen Kennern und Erklärern Annettes richtig erklärt worden, muß umsomehr hier ein Wort gesprochen werden, als noch jüngst in einem wissenschaftlichen Vortrage das Heideröschen als die Klatschrose gedeutet worden ist. Abgesehen davon, daß diese stets unter Korn wachsende Blume nirgends auf der Heide vorkommt, verdiente diese Pflanze mit ihrem abfälligen, knallroten, das Auge fast beleidigenden Kronenblättern nicht die Aufmerksamkeit der Dichterin der Heide. Das Heideröschen ist gleichnamig mit dem „Heideglöckchen“, Erica tetralix L. der Botaniker. Auf westfälischen Heiden hat dieses sonst seltene Heidekraut die Oberhand. Seine zierlichen Sträuchlein tragen an der Spitze einen niedlichen doldigtraubigen Blütenstand, aus welchem die einzelnen Blütchen nickend niederhangen. Die glockenförmigen, rosenroten Kronen sind wie aus Wachs modelliert und sind so reich an köstlichem Nektar, daß aus ihnen die Bienen vorzugsweise den süßen Honigseim sammeln, und zur Gewinnung reichlichen Honigs allherbstlich die Imker des Landes ihre Bienenstöcke Wochen hindurch in der Heide aufstellen.

[…]

Der H e i d e l a n d s c h a f t ist von der Dichterin ein ganzes Buch Lieder unter dem Titel „Heidebilder“ gewidmet worden; und die Licht= und die Schattenseiten der stillen Heide sind mit gleicher Wärme geschildert und besungen. Begleiten wir die Dichterin zunächst auf die Heide nach dem Regen. Weiterlesen

gartenbücher: orangeriekultur mit schmuddelwetter und in der hauptstadt des regens etc.

meine herrschaft, meine maîtresse en titre, meine orangerie … orangerien und die pflanzen, bzw. deren früchte, waren luxus. statussymbole der besitzer. südfrüchte kommen heute im container nach norddeutschland und werden im hamburger hafen oder in bremerhaven gelöscht. geerntet werden sie unreif, der reifeprozess wird für den transport unterbrochen, damit sie „frisch“ und zu jeder jahreszeit verfügbar in den regalen der supermärkte landen. orangen- und zitronenbäume im kübel findet man in historischen und botanischen gärten oder als urlaubserinnerung auf den terrassen der reihenhaussiedlungen. jeden herbst fragt sich der besitzer: wohin damit bis zur kalten sophie?

die goldenen „äpfel“ der hesperiden. die von theophrastos von eresos erwähnte citrus medica, die als erste citrus nach europa eingeführt wurde. und die bedeutungen des begriffs „orangerie“: „1. Ein Platz, ein Quartier im Garten, wo Orangenbäume aufgestellt sind. […]“; „2. Die Bezeichnung Orangerie für ein wie auch immer gebautes festes Gebäude, wurde erst um 1690 gebräuchlich. […] & „3. Zu Beginn stand der Begriff „Orangerie“ für eine botanische Sammlung verschiedener kälteempfindlicher Pflanzen, dazu gehörten Orangenbäume. […]“. im ersten beitrag des neue bandes der schriftenreihe des arbeitskreises orangeriekultur in deutschland e.v.,“nicht nur zur weihnachtszeit – orangerien in nordwest-deutschland“, gibt margita m. meyer (gartendenkmalpflege, landesamt für denkmalpflege schleswig-holstein) einen guten überblick über die geschichte der sammlung von exoten und ihrer unterbringung. meyer beschreibt auch die einflüsse aus italien, frankreich und den niederlanden. hier, in der republik der zeven verenigde provinciën, hat(te) es die orangeriekultur zur staatssymbolik gebracht, oranje. die handelswege im norden und die heiratspolitik des hauses oranje-nassau führten bereits im 17. jh. zu einer dutch wave: oranienbaum im heutigen gartenreich dessau-wörlitz, oranienburg bei berlin oder oranienstein an der lahn & neben bloembollen kamen gartenbücher mit dem nötigen know-how.

„Ein neblichtes und schlackriges Wetter“ Weiterlesen

gartenbücher: mit rosa luxemburg durch die botanik oder „Was ich lese?“

Was ich lese? Hauptsächlich Naturwissenschaftliches: Pflanzengeographie und Tiergeographie. Gestern las ich gerade über die Ursache des Schwindens der Singvögel in Deutschland: es ist die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und der Ackerbau, die ihnen alle natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen: hohle Bäume, Oedland, Gestrüpp, welkes Laub auf dem Gartenboden – – – Schritt für Schritt vernichten. Mir war es so sehr weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, […]

rosa luxemburg an sonjuscha (sophie liebknecht), wronke (zentralgefängnis der provinz posen), 02.05.1917,  zitiert nach ‚rosa luxemburg – briefe aus dem gefängnis‘, hrsg. vom exekutivkomitee der kommunistischen jugendinternationale, internationale jugendbibliothek no. 10, berlin 1920

am 15. januar 1919 wurden rosa luxemburg und karl liebknecht in der mannheimer strasse 27 in berlin-wilmersdorf von mitgliedern einer sogenannten „bürgerwehr“ entführt. man brachte beide in das eden-hotel (budapester strasse / kurfürstenstraße / nürnberger strasse) gegenüber dem aquarium des zoologischen gartens, dort residierte die garde-kavallerie-schützen-division. sie wurden „verhört” und anschliessend ermordet. die leiche von rosa luxemburg warf man in den landwehrkanal. erst am 31. mai 1919 wurde ihr leichnam dort gefunden und am 13. juni 1919, neben dem karl liebknechts, auf dem zentralfriedhof friedrichsfelde, berlin-lichtenberg, bestattet.

„Bestellte Arbeit? Die Bourgeoisie?” fragte nicht nur tucholsky in der “weltbühne”. an einer aufklärung der morde war in der weimarer republik (z.b. der reichspräsident friedrich ebert oder der vermeintliche anstifter der morde gustav noske, beide spd) und später niemand wirklich interessiert …

rosa luxemburgs briefe wurden sehr früh nach der ermordung publiziert. liest man diese, fällt auf, wenn man nicht nur nach politischen zitaten sucht, dass darin pflanzen eine grosse rolle spielen. während ihrer schutzhaft zur „abwendung einer gefahr für die sicherheit des reichs“, vom 1916 bis 1918 in berlin, wronke und breslau sowie 1915 in berlin wegen einer rede über “militarismus, krieg und arbeiterklasse” in frankfurt/m. schrieb sie neben dem aufsatz über „die krise der sozialdemokratie” (1916) regelmässig briefe und sammelte pflanzen bzw. liess sammeln.

luxemburg schickt z.b. ihre sekretärin und enge vertraute mathilde jacob vom gefängnis aus in den botanischen garten in dahlem, um zu erfahren was gerade blüht und erhält häufig mit deren briefen neue pflanzen. am 13. april 1915 (im weibergefängnis, dem frauengefängnis barnimstrasse) scheibt sie an jacob:

Herzlichen Dank für die Blumen, Sie pressen jetzt famos, mein Heft bereichert sich zusehends. Die Kuhschellen kamen ausgezeichnet an, auch das andere. […] Von nun ab nur Gepreßtes, ja?

freunde auf reisen waren ebenfalls nicht sicher: jakob, gerade in thüringen, wurde auf pflanzenexkursion geschickt (berlin, 30. märz 1915):

Vielleicht finden Sie schon in Thüringen etwas Blumen auf auf den Wiesen, obwohl in dieser Höhe die Vegetation sich wahrscheinlich verspätet. Am Genfer See gibt es schon zahlreiche Vergißmeinnicht, Veilchen und bald auch meine allerliebste Wiesenblume – Wiesenschaumkraut; Himmelsschlüssel nicht zu vergessen. Nächstes Jahr, wenn ich heil heraus bin [aus dem gefängnis], ist keine von diesen Genannten vor mir sicher. Also schauen Sie nach dem Rechten in Wald und Wiese, und beschreiben Sie mir genau, was es gab. Nehmen Sie mit, wie ich’s immer tue, den kleinen Pflanzenatlas „[bilderatlas der] Frühlingsblumen von H. Schumacher, Verlag Otto Maier, Ravensburg“, mit dem man sich sehr leicht orientiert.

rosa luxemburg ein blümchen-junkie? botanik und klassenkampf? Weiterlesen

„Kein Theil in der Gärtnerey ist von einem solchen allgemeinen Nutzen, als das Beschneiden, …“ / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Beschneiden. Das Beschneiden der Bäume.

Kein Theil in der Gärtnerey ist von einem solchen allgemeinen Nutzen, als das Beschneiden, und dennoch wird es seltnes seyn, Bäume zu finden, welche in diesem Stücke geschickt besorgt werden. Obgleich in diesem Fach ein jeder Gärtner ein Meister seyn will, so sind dennoch sehr wenige, welche es recht verstehen, indem man solches nicht aus der Erfahrung, sondern aus einer vernünftigen Beobachtung des verschiedenen Wachsthums der mancherley Sorten von Fruchtbäumen erlernen muß. Hierinu muß die Natur und eine genaue Aufmerksamkeit einzig und allein Meister seyn, weil einige auf diese, andere hingegen auf eine ganz andere Weise behandelt seyn wollen, nachdem sie ihre Früchte natürlicher Weise hervorzubringen pflegen. Denn gemeiniglich tragen einige ihre Fruchte am Holze eben desselben Jahrs, andere hingegen am Holze des vorigen Jahrs, als die Pfirsiche und Aprikose, andere wieder an den Trieben, welche aus dem drey, vier und fünfjährigen Holze hervorwachsen, als die Birn, Pflaumen und Kirschen. Wer also die Fruchtbäume durch das Beschneiden recht warten will, der muß vor allen Dingen darauf sehen, daß er nicht allein an einem jeden Theil des Baums genugsames Tragholz habe, sondern daß er auch zugleich niemals zu viele unnütze Aeste, welche die Bäume entkräften, stehen lasse, wodurch sie sonst in wenig Jahren würden vernichtet werden. Die Bewegungsgründe, warum die Bäume von einem jeden, der in der Naturlehre etwas erfahren ist, beschnitten werden, sind folgende: 1) Daß man dadurch die Bäume länger bey Kräften und fruchtbar erhalte; 2) daß die Frucht nicht nur grösser und schöner, sondern viel wohlschmeckender werde, und 3) daß die Bäume nicht so vielen Raum und Platz einnehmen, und sich durch den Schnitt und eine gute Anordnung dem Auge ungemein schön darstellen, und dasselbe auf eine angenehme Art belustigen.

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„Die beste Zeit, diese Bäume zu köpfen oder zu beschneideln, …“ / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Behauen.

Das Behauen, Schneideln, oder das sogenannte Köpfen der Bäume. Man pflegt, wie bekannt ist, in den Gegenden, wo das Holz mangelt, viele Weiden, Pappeln, Elern, Ipern und dergleichen Bäume zu pflanzen, um denselben alle drey oder vier Jahre zu dem nöthigen Zaun – und Brennholze ihre Gipfel zu benehmen. Und in der That verdienen auch diese Plantagen die größte Aufmerksamkeit bey der Landdwirthschaft, besonders bey denjenigen Einwohnern, welche noch dazu Mangel an Torf haben. Um aber der Faulheit und dem Vorurtheil ihrer Vorfahren lediglich zu folgen, so pflanzen unsere Einwohner gar nicht, ob sie gleich Platz und Gelegenheit im Ueberfluß zu dergleichen Plantagen haben. Sie schwächen und ruiniren lieber durch ihre Nachläßigkeit die Wälder, in welchen sie gemeiniglich der Hagebuche, der Eiche und der Esche, um den nöthigen Busch zum Zäunen und zum Brennen zu haben, den Kopf wegnehmen und abhauen. Sie betrachten im geringsten nicht, daß das Behauen der Gipfel dieser Bäume das Leben derselben in Gefahr setze, oder wenigstens sie so verletze, daß viele Bäume an ihren Stämmen jährlich mehr ab – als zunehmen. Denn der Anwachs des neuen Gipfels kann das Wachsthum des ganzen Baums ans der natürlichen Ursache nicht ersetzen, weil alle dergleichen Bäume nicht leiden, daß man ihnen ihre Zweige nehme, indem sie die mehresten derselben zur Heranlockung ihrer Nahrungssafte nöthig haben. Werden ihnen diese benommen, so werden die Bäume darüber so geschwächt, daß sie krumm, knorricht, voller Moos, und sehr kümmerlich werden, daß sie zuletzt darüber hinsterben müssen. Dies ist auch die Ursach, warum viele Theile unsrer Wälder ganz verstümmelt da stehen. Allein die mehresten Landleute haben weder Erfahrung noch eine Kenntniß in der Naturlehre, indem sie gemeiniglich nach dem alten Gebrauch auf das Gerathewohl säen und pflanzen. Denn es wird was seltenes seyn, wenn man einen unter ihnen findet, der sich um das Wachsthum der Pflanzen bekümmert, weil den mehresten die nöthigen Einsichten hiezu wegen der Blödigkeit des Verstandes fehlen. Man muß ihnen also auch billig vieles zu gute halten, und die Schuld mehr den Oberaussehern des Forstwesens zuschreiben. […]

Die beste Zeit, diese Baume zu köpfen oder zu beschneideln, ist, sobald ihr Laub abfällt, indem sie alsdann keinen Saft mehr fliessen lassen. Denn durch den wenigen zu der Zeit sich bewegenden Saft wird die Wunde gemeiniglich noch vor einbrechender Kälte geheilt, daß im Frühling, wenn alles wieder in Bewegung tritt, der Saft einzig und allein zum Wachsthum der neuen Triebe verwendet wird. […]

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gartenbücher: superbistorta, wonder sanguisorba, spider-helianthus & die anderen

ein ratgeber? jein. nicht im klassischen sinn. kein coffeetablebook für ein wenig garten-smalltalk über blümchen mit bastelanleitung. die meisten sogenannten ratgeber sind nichts anderes, als schnell produzierte büchlein zum durchblättern: die neuesten deko-trends und die üblichen pflänzchen, die jeder baumarkt saisonal vorrätig hält. angaben von sorten sind schon zu komplex, und die seiten werden lieber mit photoshopbildchen aus den ewig gleichen bekannten gärten gefüllt. gärten und pflanzpläne, die eher einen bezug zum gartentourimus – muss man gesehen haben! – haben, als zum eigenen grundstück und dessen lage.

problemzonen hat jeder garten, wenn man ein problem daraus macht. ignoriert man das grundstück mit seinen unterschiedlichen standorten für pflanzen und will nur mal schnell die neuerwerbungen vom shoppingtrip aus dem baumarkt oder der gärtnerei (für fortgeschrittene) unterbringen, hat man bald einen „garten“ mit problemen. oder man denke an die beliebte art der gartenplanung, die darin besteht, tropische pauschalurlaubsimpressionen im eigenen mitteleuropäischen vorgarten zu dekorieren.

die beschaffenheit des bodens, schatten mit und ohne wurzeldruck von gehölzen, schlechte drainage oder, seit diesem sommer hat wohl jeder seine eigenen erfahrungen damit gemacht, trockenheit. doch lieber gleich rollrasen & schotter? es gibt eine gute nachricht: „und es wächst doch!“ stauden, gräser & gehölze. Weiterlesen

westfälischer friede: „Ihr Gärtner werdet dann zu Marckt können fahren …“

[…]

Ihr Bauren spannet an die starcken AckerPferde/ klatscht mit der Peitschen scharff/ die Pflugschar in die Erde/ Säet/ Hirsche/ Heidel/ Korn/ Hanf/ Weitzen/ Gersten auß/ Kraut/ Ruben/ Zwiebeln/ Kohl/ füllt Keller/ Boden/ Hauß.

Ihr Gärtner werdet dann zu Marckt können fahren/ und lösen manchen Batz auß euren grünen Wahren/ dann kehret ihr mit Lust fein in ein Küchlein ein/ und esst ein stücklein Wurst und lescht den Durst mit Wein: Juch/ Juch/ ihr seyt befreyt von tausend Nöthen/ und schlaffet biß es tagt mit euren Bauren Greten.

[…]

friedensreiter von münster: „Neuer Auß Münster vom 25. deß Weinmonats im Jahr 1648. abgefertigter Freud= und Friedenbringender Postreuter“, flugblatt anlässlich der unterzeichnung des friedensvertrages am 24. oktober 1648.

175 jahre pfäzerwald & der baum des jahres 2018: die keschde

geologisch gehören die französischen vogesen und der deutsche pfälzerwald zusammen. kelten und römer zogen noch keine grenze: „silva vosegus“ oder „mons vosegus“, benannt nach dem keltischen waldgott vosegus. er war namensgeber des massif des vosges, den vogesen, oder, im deutschsprachigen gebiet, des wasgenwaldes bzw. des wasgau.

der name „pfälzerwald“ wurde im 19. jh in bayern geprägt. die landschaft gilt heute als das grösste zusammenhängende waldgebiet deutschlands. der linksrheinische teil der pfalz, die rheinpalz, im gegensatz zur rechtsrheinischen kurpfalz, war seit dem wiener kongress teil des königreichs bayern. 1843 fand im forsthaus johanniskreuz ein treffen von forstbeamten statt, um regeln für die bewirtschaftung des gebietes aufzustellen. 1845 wurde die ‚forstlich-charakterischtische skizze‘ publiziert und die heute gültige bezeichnung der landschaft festgeschrieben: „waldungen auf dem bunten sandsteingebirge der pfalz, welche hier unter dem namen „pfälzerwald“ bezeichnet werden“. 175 jahren pfälzerwald.

am ostrand des pfälzerwaldes zieht sich das ca. 30 km lange haardtgebirge hin. die haardt (vom althochdeutschen hart für „bewaldeter hang“) bildet den übergang vom mittelgebirge zur rheinebene, vom wald zu den weinbergen. hier, wie im angrenzendem elsass, wächst die castana sativa, die edel- oder esskastanie. für pfälzer: die keschde. wahrscheinlich mit dem wein von den römer ‚eingeschleppt‘ bzw. neu angesiedelt: pollenfunde belegen die existenz der castanea sativa bereits vor der eiszeit. die bestände an der haardt sind jedoch seit ein paar jahren durch rindenkrebs (cryphonectria parasitica), die tintenkrankheit und die japanische esskastanien-gallwespe (dryocosmus kuriphilus), bedroht. trotz alledem gilt die castanea sativa dank ihrer trockenheitverträglichkeit als einer der zukunftsbäume für parks und grosstadtgrün. früchte können mittlerweile wegen des klimawandels auch weiter nördlich ausreifen. die castanea sativa ist nicht ohne grund der baum des jahres 2018.

mit dem naturpark pfälzerwald, dem grenzüberschreitenden biosphärenreservat pfälzerwald-vosges du nord und der, entlang der haardt verlaufenden deutschen, in diesem teil südlichen weinstrasse, wird die gegend nicht nur forstwirtschaftlich, sondern auch touristisch genutzt.

   

quercus petraea / traubeneiche auf der burg neukastel mit blick in den pfälzerwald & der keschdeweg im modenbachtal.

Bezeichnung des Gegenstandes,

von dem es sich handelt.

Die nördlichste Verlängerung der Vogesen dringt fast auf der ganzen Ausdehnung der südlichen Grenze der bayerischen Pfalz in diese ein, und verbreitet sich von dort aus über den größeren Theil derselben. Das preußisch=bayerische Steinkohlengebirg, von Westen gegen Osten streichend, erstreckt sich über den nördlichen Theil dieser bayerischen Provinz.

Abgesehen etwa vom Rheinthale, geben diese beiden Gebirgszüge dem Land die Gestaltung seiner Oberfläche; sie geben ihm seinen Boden und sein örtliches Klima.

[…]

Das bunte Sandsteingebirg, aus welchem der pfälzische Antheil der Vogesen besteht und welcher, mit unbestimmten Begriffen über die Verbreitung desselben, gemeinhin das Hardtgebirg genannt wird, enthält in der Hauptsache nur absolutes Waldland, daher dort ganz große zusammenhängende Waldmassen, verhältnißmäßig aber eine sehr geringe Bevölkerung; dagegen dringen dichte in der Nähe wohnende Volksmassen begünstigt durch zahlreiche Thäler und wohleingerichtete Floßbäche, tief und in alle Theile des Waldgebirges ein.

Im Steinkohlgebirg gewährt die Steinkohle ein reichliches Surrogat für Brennhölzer. […]

Dagegen wird das Holz und Streuwerk, welches die Hardtgebirgsforsten erzeugen, von einer zahlreichen, oft weit entfernt wohnenden Bevölkerung für leichte Felder, vor allem für den Weinbau dringend in Anspruch genommen.

Selbst das Ausland tritt mit in die Concurrenz, und so werden die Forstprodukte dieser Landschaft Gegenstand des Handels und der Speculation.

[…]

  

pinus sylvestris / wald-kiefer auf bundsandsteinfelsen bei busenberg, dahner felsenland, & keschde.

§. 16. Räumliches Vorkommen der Waldbestandsformen, und Einfluß derselben auf die Forstwirthschaft

[…]

f) Die Kastanie (castanea vesca).

Die Kastanie ist schon seit alten Zeiten am östlichen Fuße des Hardtgebirges d.h. am Saume des Pfälzerwaldes zu Hause. Dieselbe reicht von der Grenze des Weinbaues noch mehrere hundert Fuß an den Gehängen der Berge aufwärts, und bringt auch auf ½ – 1 Stunde in die Thäler ein. In Mulden und Einschlägen steigt dieselbe wohl etwas höher hinan. Man kann annehmen, daß diese Holzart bis auf 12 – 1400′ Höhe noch gut gedeihe, und etwa 1000 – 1200′ Höhe in gewöhnlichen Jahren auf einem im übrigen entsprechenden Standorte noch Früchte reife. Weiterlesen

juniperus communis / ‚der heidegarten‘ von alfred lichtwark

Der Wacholder ist wohl weitaus das edelste Gebilde unserer Flora. Wo er wie hier [in der lüneburger heide] ungestört aufwachsen kann, genügt ein Busch, der cypressenartig Heide und Himmel überschneidet, um einem weiten Landstrich Charakter zu geben. Er strebt auf wie ein schlanker Mensch. Man weiß ja in der Heide oft nicht zu sagen, ob in der Ferne ein Mensch oder ein Wacholderbusch steht. Wenn der Wind mit seiner schwanken, zierlichen Form spielt, ist es, als ob eine Opferflamme sich bewegte. Auch in der Ruhe hat sein Umriß etwas züngelndes, das an eine Flamme erinnert. Die kurzen Nadeln bilden eine dichte festgeschlossene, dem Blick undurchdringliche Oberfläche von sammetartigem Gewebe, dunkelgrün mit silbrigem oder meergrünem Hauch. Die aus Amerika eingeführte Thuja, in der Erscheinung ihm verwandt, wirkt plump und schwer neben ihm und auch das Gewebe ihrer Oberfläche hält keine Vergleich aus. Hätte der Volksmund den schönen Namen Augentrost nicht schon an eine Blume vergeben, der Wacholder müßte ihn haben.

Ist es nicht beschämend, daß unsere Gartenkunst mit dem an Form und Farbe schönsten Busch unserer Heimat nicht das geringste anzufangen weiß? Man sieht ihn wohl einmal in einem Gebüsch mit der Thuja zusammen, aber seine Schönheit fühlt nur der Bauer, der zwei Wacholder als Wächter vor seine Tür oder an den Weg pflanzt, der auf sein Haus führt. Hier erst, wo er vor dem Zahn des Schafes geschützt ist, offenbart er den ganzen Adel seiner Form. Auf seinem Standort in der Heide ist seine Entwicklung von tausend Zufällen abhängig.

Im Heidegarten läßt sich der Wacholder zu tausend Zwecken verwenden. Er kann paarweise als hoher ernster Wegwächter auftreten, kann auf den Beeten neben dem Hauptweg in Abständen gepflanzt die großen Rhythmen angeben oder aber hochaufstrebend die vier Ecken der Anlage betonen, einzeln oder als Gruppe, je nach Umfang des Geländes. Wie weit er, geschoren, Lauben, Eredren und Laubenwände bilden und statt des Buchsbaums als Einfassung oder als zierliche Hecke innerhalb der Gartenanlage zu verwenden sein würde, kann ich noch nicht sagen, da die Erfahrung fehlt. Soviel steht mir schon heute fest, kommt einmal wieder eine Zeit, die den architektonischen Garten liebt, dann wird der Wacholder das vornehmste Baumaterial abgeben und für den Garten geringeren Umfangs geradezu unentbehrlich sein. Denn sein Wachstum hat Maß.

alfred lichtwark, ‚der heidegarten‘ (1904) in ders., ‚park- und gartenstudien‘ (die grundlagen der künstlerischen bildung. studien. aus den vorträgen an der [hamburger] kunsthalle), berlin 1909

über birkenlyrik … / „mir fehlt ein wort“ & „was tun die birken?“ von kurt tucholsky

Mir fehlt ein Wort

Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birkenblätter tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern so schnell, hin und her, dass sie … was? Flirren? Nein, auf ihnen flirrt das Licht; man kann vielleicht allenfalls sagen: die Blätter flimmern … aber es ist nicht das. Es ist eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Wie sagt man das? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst – „besprechen“ hat eine tiefe Bedeutung. Steht bei Goethe „Blattgeriesel“? Ich mag nicht aufstehen, es ist so weit bis zu diesen Bänden, vier Meter und hundert Jahre. Was tun die Birkenblätter –?

[…]

Was tun die Birkenblätter –? Nur die Blätter der Birke tun dies; bei den andern Bäumen bewegen sie sich im Winde, zittern, rascheln, die Äste schwanken, mir fehlt kein Synonym, ich habe sie alle. Aber bei den Birken, da ist es etwas andres, das sind weibliche Bäume – merkwürdig, wie wir dann, wenn wir nicht mehr weiterkönnen, immer versuchen, der Sache mit einem Vergleich beizukommen; es hat ja eine ganze österreichische Dichterschule gegeben, die nur damit arbeitete, dass sie Eindrücke des Ohres in die Gesichtsphäre versetzte und Geruchsimpressionen ins Musikalische – es ist ein amüsantes Gesellschaftsspiel gewesen, und manche haben es Lyrik genannt. Was tun die Birkenblätter? Während ich dies schreibe, stehe ich alle vier Zeilen auf und sehe nach, was sie tun. Sie tun es. Ich werde dahingehen und es nicht gesagt haben.

peter panter (kurt tucholsky), ‚mir fehlt ein wort‘ in ‚die weltbühne, nr. 38, 17.09.1929 Weiterlesen