„Der Ausdruck Klima bezeichnet …“ / ‚kosmos‘ von alexander von humboldt

Der Ausdruck Klima bezeichnet in seinem allgemeinsten Sinne alle Veränderungen in der Atmosphäre, die unsre Organe merklich afficiren: die Temperatur, die Feuchtigkeit, die Verändrungen des barometrischen Druckes, den ruhigen Luftzustand oder die Wirkungen ungleichnamiger Winde, die Größe der electrischen Spannung, die Reinheit der Atmosphäre oder die Vermengung mit mehr oder minder schädlichen gasförmigen Exhalationen, endlich den Grad habitueller Durchsichtigkeit und Heiterkeit des Himmels: welcher nicht bloß wichtig ist für die vermehrte Wärmestrahlung des Bodens, die organische Entwicklung der Gewächse und die Reifung der Früchte, sondern auch für die Gefühle und ganze Seelenstimmung des Menschen.

alexander von humboldt, ‚kosmos – entwurf einer physischen weltbeschreibung‘, bd. 2, stuttgart/tübingen 1845

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gartenbücher (pflanzen – kultur)

pflanzengesellschaften, matrix und drifts, borders. der blick auf einzelne pflanzen geht verloren. details gehen im farbrausch unter. zwei bücher schärfen den blick und rücken die kulturgeschichte der pflanzen in den vordergrund. wenn man sich mal wieder was buntes aus dem baumarkt oder eine seltene sorte vom pflanzenmarkt holt, bringt man nicht nur farbe in den garten. gleichzeitig kommt eine botanische und kulturelle geschichte ins beet. gartenkultur! zwei bücher, die nicht nur kulturell von interesse, sondern für emsige gartenbuchleser eine augenweide sind:

abutilon bis viola elatior: fotografie & botanik

walter benjamin schrieb, in seiner besprechung des buches ‚urformen der kunst‘ (→ ’neues von blumen‘ & blümchen), dass die fotos von karl blossfeldt „einen ganzen unvermuteten Schatz von Analogien und Formen“ erschliessen. blossfeldt veröffentlichte die bilder ohne beschreibung: „Man wird aber das Schweigen des Forschers ehren, der diese Bilder hier vorlegt. Vielleicht gehört sein Wissen zu jener Art, die den stumm macht, der es besitzt.“ ‚urformen der kunst‘ erschien 1928. 1932 folgte ‚wundergarten der natur‘. die rezeption der bilder blieb formal, auf analogien beschränkt. foto-ästhetik, neue sachlichkeit & l’art pour l’art. der band ‚karl blossfeldt – meisterwerke‘ mit einer auwahl aus dem blossfeldt archiv der stiftung ann und jürgen wilde bringt blossfeldt ein wenig zurück in die botanik. neben den grossen tafeln im buch finden sich im hinteren teil des bandes „botanische erläuterungen“ von hansjörg küster, professor für pflanzenökologie am institut für geobotanik der leibniz universität hannover, autor von bücher über die natur- und kulturgeschichte der elbe, der nord- und ostsee und ‚die entdeckung der landschaft‘ im allgemeinen. Weiterlesen

syrische (bzw. persische) rosen mit asyl in europäischen gärten: rosa x damascena

geopolitik

der geografische ursprung, bzw. die herkunft, ist ein komplexes thema. die heutigen grenzen in der region sind, wie sich an den von den europäer mit dem lineal gezogenen grenzlinien ablesen lässt, ein künstliches gebilde. das antike persische grossreich (das altpersische, zu dem das heutige syrien gehörte, und das neupersisches reich der sassaniden). alexander der grosse. imperium romanum & byzantinisches reich. die eroberung durch die arabischen umayyaden. anfang des 16. jh. das osmanische reich & nach dessem untergang die europäer. das heutige syrien, zuletzt unter dem völkerbundmandat für syrien und libanon, mandat français en syrie, wurde 1946 unabhängig. religiöse fragen (cf. kreuzzüge) und grenzziehungen mal beiseite gelassen …

von persien ist uns unser vorstellung vom paradies geblieben: paradaidha (umgrenzter bereich), der altpersische begriff für garten wurde in den europäischen sprachen und im hebräischen übernommen/entlehnt.

das interesse des westens an den gebieten des ehemaligen persischen grossreiches ist vor allem einem exportprodukt zu verdanken: öl. erdöl. vor der industrialisierung europas war das gefragte luxusprodukt aus diesem gebiet ein anderes öl: rosenöl. im heutigen iran (veraltet persien) um kāschān in der provinz isfahan, um schiras (fars) und um kerman (in der gleichnamigen provinz) sowie in afghanistan in der provinz kabul wurde und wird die damaszener-rose angebaut, um rosenöl zu gewinnen. in afghanistan gibt es versuche, die rosenölproduktion zu forcieren, um andere alternative erwerbszweige zum traditionellen anbau von papaver somniferum / schlafmohn für die herstellung von opium zu schaffen.

in europa, im bulgarischen kasanlak, wird im tal der rosen (pозова долина) die rosa x damascena ‚trigintipetala‘, syn. ‚rose von kazanlik‘ oder ‚bulgarische ölrose‘ mit hell rosa blüten, die während des osmanischen reiches dort hin kam, für die gewinnung von rosenöl angebaut. in frankreich, um grasse, wird die rosa x centifolia / zentifolie oder provence-rose (von holländischen züchtern, zwischen dem 17. und 19. jhr) angebaut. eine kreuzung aus rosa gallica, r. moschata, r. canina und r. x damascena. Weiterlesen

eine kindheitserinnerung, botanische chinoiserie & eine zwiebel

Ich denke an das blaue Zwiebelmuster. Wie oft hatte ich es im Lauf der Fehden, die an dem Tische ausgetragen wurden, der jetzt so schimmernd vor mir lag, um Beistand angefleht. Unzählige Male war ich seinen Zweigen und Fädchen, Blüten und Voluten nachgegangen, hingebender als je dem schönsten Bild. Nie hatte man um Freundschaft rückhaltloser sich beworben als ich um die des blauen Zwiebelmusters. Ich hätte es so gerne zum Verbündeten in dem ungleichen Kampf gehabt, der mir das Mittagessen oft verbitterte. Doch das gelang mir nie. Denn dieses Muster war käuflich wie ein General aus China, welches denn auch an seiner Wiege gestanden hatte. Die Ehrungen, mit denen es von meiner Mutter überhäuft ward, die Paraden, zu denen sie die Mannschaft einberief, die Totenklagen, die aus der Küche jedem Glied der Truppe, das gefallen war, nachhallten, machten meine Werbung aussichtslos. Denn kalt und kriechend hielt das Zwiebelmuster meinen Blicken stand und hätte nicht das kleinste seiner Blättchen detachiert, um mich zu decken.

walter benjamin, ‚berliner kindheit um neunzehnhundert‘, enstanden 1932–1934/1938, frankfurt/m., 1987.

eine kindheitserinnerung die es immer seltener geben wird. heute bekommen kinder ihr essen meist auf weniger raffiniert gestaltetem, weder die fantasie, den ästhetischen sinn noch den appetit besonders anregendem geschirr serviert. gibt eine korrelation zwischen der ästhetik des geschirrs und der darauf servierten nahrungsmittel?

neben der ‚ostfriesischen rose‘ für die teatime im nord-deutschland (wallendorfer porzellanmanufaktur) oder den blaublüten (arzberg) von max richter auf porzellan-formen von hermann gretsch (nsdap-mitglied und ab 1937 leiter des gleichgeschalteten deutschen werkbunds), der ‚flora danica‘ – der grössten botanischen sammlung auf porzellan → flora danica – und der ‚blå blomst‘ aus dänemark (den kongelige porcelænsfabrik bzw. bing & grøndahl, seit 1987 zusammen royal copenhagen) ist das zwiebelmuster das bekannteste und, in varianten, verbreiteste blumige muster auf porzellan.

der alchemist johann friedrich böttger und – gerne vergessen – der naturforscher ehrenfried walther von tschirnhaus begannen 1707 für den sächischen kurfürsten friedrich august I. & könig von polen a.k.a. august der starke auf der albrechtsburg in meißen nach der methode zur herstellung von porzellan zu forschen (es sollte eigentlich gold werden…)

als eines der ersten muster entstand ab 1730 das sogenannte zwiebelmuster für die ‚königlich-polnische und kurfürstlich-sächsische porzellan-manufaktur‘. vorbild war, dem zeitgeschmack entsprechend, chinesisches dekor. porzellanmaler wanderten aus meißen ab und das muster verbreitete sich in anderen manufakturen…

zwiebelmuster_500

das spiegelmotiv der teller zeigt chrysanthemum / chrysanthemen und bambuseae / bambus sowie eine ranke. an der ranke blühen nicht genauer definierte prunus-blüten: mandel-, pflaumen-, pfirsich- oder aprikosenblüten. dazu das blatt einer paeonia / pfingstrose. die bordüre, oder kehlenmotiv, besteht aus einer ranke und blüten: nelumbo / lotus. das fahnenmotiv, der tellerrand, zeigt in der klassischen kombination drei früchte: punica granatum / granatapfel, malum persicum /pfirsiche und melonen sowie die abstrahierte blüte einer paeonia / pfingstrose.

viel chinesische botanik, jedoch keine einzige allium cepa / zwiebel. das chinesische vorbild für das ur-zweibelmuster aus meißen zeigte ‚drei gesegneten früchte‘: granatapfel, pfirsich und zitrone. die “zwiebel” entstand bei der ausgestaltung des musters aus der ‚kreuzung‘ von zitrone und granatapfel.

nach der china-mode im 18. jh.verschwand das muster von den tafeln des adels. um 1860 wurde es zum statussymbol des bürgertums und der name ‚zwiebelmuster‘ bürgert sich ein…

chelsea physic garden / ‚the apothecaries and their garden‘: lecture by rosie atkins, royal society

„People and plants are not so different.“ / dan pearson on commitment: sunday sermon, the school of life

  • nicht überall wo goethe draufsteht, ist weimarer klassik drin: der herr geheimrat hat viel geschrieben und geredet und wird für alle lebenslagen herangezogen. hauptsache goethe. hier ein link zum vermeintlichen goethe-zitat: „Until one is committed,…“

rosie atkins – a history of garden design in 20 minutes