winter: grünkohl / ’nachricht von dem anbau und von der erhaltung des grünen kohls, zur winters-zeit‘ von philipp ernst lüders

Erstlich bin dahin bedacht, daß ich einen guten, von Geschmack angenehmen, Kohl besitze. Unter allen Kohl=Sorten halte die hellgrüne und krause für die allerbeste zum Küchengebrauch. Obgleich der schlechtblätterige Kohl zum Gebrauch bey dem Vieh nutzreicher, und die Sprossen aus dem Stamm weit zahlreicher sind; so ist er doch ungleich zäher und der Gefahr von den Raupen weit mehr unterworfen. Man will zwar fürgeben, daß er gleichfalls im Winter haltbarer sey, als der grüne krause; allein, wenn man gleich ein Exempel davon aufweisen könnte; so dürfte es eben so leicht seyn, den Beweis von einem gegenseitigen Exempel anzuführen. Von dem Vorzug: Ob die dunkele, oder die grüne Farbe in der Schüssel dem Liebhaber besser ins Auge falle, will ich nichts melden, weil darin das Urtheil ungleich ausfallen dürfte. Dies aber wird an dem hellgrünen krausen Kohl als ohnstreitig können bemerkt werden, daß er ungemein zart sey, sehr gut und lieblich schmecke, leichter und geschwinder sich kochen lasse, und die Feuerung dabey ersparet werde; Ferner, daß, wenn man fürsichtig mit dem Samen=Zug verfährt, er nie ausarte; und endlich, daß er in solchen Jahren, in welchen die Raupen vielen Schaden anrichten, eine natürliche Fähigkeit an sich habe, deren Wuth zu widerstehen.

Was ich von dessen vorzüglichen Tugenden angeführt, das kan der Augenschein, das Gefühl, der Geschmack und die Erfahrung am sichersten beurtheilen. Von dem Geschmack habe vorher gesagt, daß ich über dessen Ausspruch mich nicht einlassen will; dies dürfte aber wol gewiß seyn, daß, wenn er Einem nicht anständig seyn sollte, Zehen dargegen sich für ihn geneigt erklären dürften. Daß er in der Dauer und in seiner Güte unveränderlich seyn könne, davon kan ich den sichtbaren Beweis führen, indem ich ihn über 20 Jahre lang unverändert erhalten habe. Mir ist auch nicht bange, daß er sich jemals verändern und schlechter werden wird.

philipp ernst lüders, ’nachricht von dem anbau und von der erhaltung des grünen kohls, zur winters-zeit‘, flensburg, 1772

Advertisements

vom gartenbau der harzer / ‚beschreibung des harzes‘ von christoph wilhelm jacob gatterer

Vom Gartenbau der Harzer

§. 156.

Selbst in den höhern Gegenden des Oberharzes, zum Beyspiel um Clausthal, Zellerfeld, Andreasberg &c. &c. hat man so wol gut bestellte Küchengärten, als auch Blumengärten, in welchen Küchengewächse und Blumen von macherley Art gezogen werden. Hingegen in den rauhen und gebürgigten Gegenden um Wildemann und Altenau findet man nur wenige Baum= und Gartenfrüchte, und dann gehören noch sehr gute und warme Sommer dazu, wenn diese zur Reife kommen sollen.

§. 157.

Aber in der Gegend von Clausthal, Zellerfeld, Grund und Andreasberg werden die meisten Arten von Küchengewächsen reif, besonders Salat, allerley Arten von Kohl, und Wurzeln, selbst auch Blumenkohl; doch werden alle diese Gemüse nicht im freyen Felde,sondern in Gärten hinter den Häusern gezogen. – Gurken werden daselbst nich immer reif, sonst aber fast alle Gemüse der benachbarten Gegenden des platten Landes. – Ueberhaupt erscheinen die hir gezogenen Küchen= und Baumfrüchte viel später, und werden später reif, als in den benachbarten Landgegenden. Denn zum Beyspiel erst im August bis zu Ende giebt es hier grüne Erbsen und Bohnen; erstere werden erst im Mai gelegt. – Der Kartoffelnbau ist, obgleich die Kartoffeln recht gut gerathen, doch noch nicht sehr lange eingeführt, und blos der Dieberey wegen werden sie ebenfalls in den Gärten hinter den Häusern gezogen.

§. 158.

Obgleich die Gärten auf dem Oberharze, des längeren Winters wegen viel später, als im benachbarten platten Lande bestellt werden müssen, so wächst doch alles Gartengewächs schneller, als im Lande, weil die Hize, wenn es heiß ist, auch desto stärker ist. Demohngeachtet sucht man hier natürlich alle solche Gewächse, welche mehr Wärme erfordern, z.B. Melonen, Artischocken, Spargel und dergleichen vergebens in den oberharzischen Gärten.

§. 159.

Einige Obstbaumgärten trift man auf dem eigentlichen Oberharze eben so wenig an, doch hin und wieder einzelne Obstbäume in andern Gärten. Denn im Ganzen genommen geräth hier keine Art von Baumobst. Nur selten gerathen einzelne Kirschen, Aepfel und Birnen, wenn diese Obstbäume von Häusern geschüzt werden, und dann sind sie doch allemal von keinem sonderlichen Geschmack; reife Zwetschen sind noch grössere Seltenheiten. – Hin und wieder trift man auch in den Gärten der Oberharzer Johannis= und Stachelbeer=Stauden an. – Walnüsse, Abrikosen, Pfirschen und Weintrauben kommen niemals zur Reife. – Demohngeachtet werden aber die Oberharzer von ihren Nachbarn mit allen Arten von Baumobst so reichlich Versorgt, daß es daselbst nur um ein Geringes Theurer ist, als in den benachbarten Langegenden. Nach Clausthal, Zellerfeld, Andreasberg &c. &c. wird durch die Trägerinnen auch viel Obst aus Osterode, Grund, Goslar &c. &c. geholt.

§. 160.

Desto reicher sind die Waldungen des Oberharzes an verschiedenen Arten von wildem Obst, sonders reich an guten Himbeeren, Erdbeeren, Heidelbeeren und Kronsbeeren, wodurch sich der gemeine Mann nicht nur selbst sättiget und gesund erhält, sondern auch noch, besonders mit leztern in die benachbarten Gegenden ein ganz einträglicher Handel treibet.

§. 161.

Die Küchengärten der Oberharzer sind meistens mit Blumen geziert, und in manchen trift man recht artige Floren von verschiedenen Arten von Tulpen, anderer Zwiebelgewächse, Nelken und anderen Blumen an. Aber die Pflanzen zu denselben müssen auf Mist oder Glasbeeten gezogen werden.

christoph wilhelm jacob gatterer, ‚beschreibung des harzes‘, erster theil, nürnberg, 1792,

denkmalpflege, rekonstruktion, lesungen,… grüne wüste im garten des rüschhauses

rüschhaus_taxus_buxus_hecken_500   hecken: taxus / eibe & buxus / buchsbaum + rasen.

was passiert, wenn denkmalpflege und gärten kollidieren? der klassische denkmalschutz ist es gewohnt mit statischer architektur umzugehen. ein bestimmter zustand eines gebäudes wird dogmatisch festgeschrieben. dass für ein barockes gebäude ältere architektur verändert oder gar komplett abgerissen wurde, wird gerne verdrängt. dass architektur nur funktioniert, wenn sie belebt ist, spielt keine rolle. was passiert, wenn es um gärten geht? ein garten ist niemals statisch. er verändert sich im laufe des jahres. pflanzen wuchern oder sterben ab, bäume brauchen jahre um die planmässigen grössen zu erreichen, etc.

die barocke struktur im garten – bzw. der gärten: der lustgarten am haus & der nutzgarten – des rüschhauses wurde in den 1980iger jahren nach dem plan von johann conrad schlaun vom gartenamt der stadt münster restauriert. dunkler taxus / eibe für die äussere hecke entlang der gräfte. hellerer buxus / buchsbaum für die beeteinfassungen.

rüschhaus_plan_büste_500   ‘plan vom ganzen platz und vorplatz des rüschhauses nebst denen beyden gartens’ von johann conrad schlaun, 1745 & ein abguss der büste aus dem garten von burg hülshoff von anton rüller und heinrich fleige, 1896.

die schlaun‘ sche anlage wurde bereits von den nächsten bewohnern des rüschhauses dem zeitgeschmack angepasst. zur zeit von annette von droste-hülshoff wurde aus dem einst barocken lustgarten ein biedermeierlicher nutz- und ziergarten.

schon annette von droste-hülshoff war selbst von veränderungen betroffen → “…ich habe mich an diese Blumen, von Kindheit an, so gewöhnt,…” . die barocke anlage der wege blieb erhälten, es wurden obstbäume gepflanzt & mitten in einem ehemaligen parterre wurde ein gewächshaus für jenny von droste-hülshoff bebaut → das gartenhaus / “Und mein Indien liegt in Rüschhaus!”.

der garten und die münsterländer parklandschaft mit ihrer vegetation waren eine starke inspiration für die droste:

„Ganz besondere Aufmerksamkeit hat unsere Dichterin dem Pflanzenreiche zugewendet, dessen Wesen im kleinsten wie im großen, im einzelnen wie im Wechselwirken sie so innig geliebt und so herrlich ausgemalt hat, daß man nicht weiß, ob man sich mehr wundern soll über das Verständnis dieses Lebenskreises, oder über die Innigkeit und Lieblichkeit, mit welcher Annette sein Wesen und Wirken zu schildern weiß.”

prof. dr. hermann landois, ‘annette freiin von droste-hülshoff als naturforscherin’, paderborn, 1890.

von der aufmerksamkeit für das pflanzenreich ist hier im garten nichts zu spüren.

Where Have All the Flowers Gone?

die rekonstruktion der hecken war/ist wichtig. das rüschhaus ist eine der schönsten barocken anlagen (nicht nur in westfalen!). schlauns umgang mit der architektur & dem garten ist einzigartig. als beispiel von schlauns verschmelzung von architektur & landschaft sollte man auf jeden fall ins emsland fahren: jagdschloss clemenswerth.

was passiert jedoch innerhalb der beete/des paterres? grüne wüste! kurz gemähter rasen mit etwas anarchischem gelb: taraxacum  / löwenzahn. hinter der eiben hecke, auf der böschung zur gräfte, noch etwas cardamine pratensis / wiesen-schaumkraut. ansonsten rasen… bis auf das mittlere paterre: hier besteht die beeteinfassung aus einer doppelten buchsbaumhecke. der zwischenraum ist wohl zu schmal für den rasenmäher: hier dürfen einige tulpen blühen. auf älteren fotos sieht man noch fritillaria imperialis / kaiserkronen zwischen tulpen. neben dem gewächshaus ein zerrupfter syringa / flieder & im gemüsegarten einige obstbäume. die jahreszeiten im garten sind ansonsten aus stein → die elemente & jahreszeiten im garten des rüschhauses.

der gesamteindruck ist museal asep­tisch: vorstadtvorgarten trifft auf barocke hecken.

rüschhaus_buxus_löwenzahn_500   löwenzahn durchbricht die ordnung.

das rüschhaus wurde 2013 von der stadt münster in die neugegründete annette von droste zu hülshoff-stiftung (beteiligt sind u.a. die nordrhein-westfalen-stiftung und der lwl –  landschaftsverband westfalen-lippe) eingebracht. „bespielt“ wird das haus hauptsächlich von der annette von droste-gesellschaft e.v.: lesungen & konzerte.

ein garten muss leben: warum nicht beete z.b. mit wildblumenwiesen (müsste man nur ein- bis zweimal im jahr mähen!) füllen, mit pflanzen, die die droste in ihrem werk beschreibt. eine droste-botanik. nach einer lesung könnte man vom gartensalon in den garten treten & die pflanzen, die einem gerade vorgelesen wurden betrachten. anders gesagt: nicht nur mit spitzen fingern elegisch die seiten von lyrikbändchen umblättern. ab in den garten und die hände schmutzig machen…

abgesehen von dem rauschen der nahen autobahn, könnte man mit der droste wieder sagen:

[…] es ist jetzt so schön hier, – der ganze Garten umbuscht von Syringen, drey – vier Nachtigalen zugleich – womit soll ich Euch denn noch den Mund wässrig machen, damit Ihr kommt? – […]

annette von droste-hülshoff an christoph bernhard schlüter, mai, 1835.

 rüschhaus_serra_500   ‘dialog with johann conrad schlaun’ von richard serra, 1996, in der allee vor haus rüschhaus.

 

brassica rapa subsp. rapa: stielmus oder rüben mal oberirdisch

die erhaltung alter kulturpflanzen ist wichtig. die nutzungsvielfalt unserer kulturpflanzen wird häufig übersehen: z.b. brassica rapa subsp. rapa var. majalis / mairübe, brassica rapa l. subsp. rapa var. teltowiensis / teltower rübchen oder brassica rapa subsp. rapa var. esculenta / herbstrübe. manchmal gibt es keine rüben. bis zur unterirdischen ernte schaffen die pflanzen es nicht. die blätter werden geerntet: stielmus – im westfälischen platt „streppmaut“ genannt – oder rübstiel, stängelmus, etc..

als erstes grünzeug im frühjahr unschlagbar. meist nur regional, z.b. in westfalen oder in rheinland, bekannt. heute selbst dort  fast vergessen.  auf wochenmärkten schwer zu finden. im supermarkt braucht man erst gar nicht nachfragen…

stielmus_schulze_buschhoff   wochenmarkt auf dem domplatz in münster: stielmus am stand vom hofgut schulze buschhoff / ökullus.

wer keinen markt in der nähe hat oder in der „falschen“ region wohnt kann sich auf henriette davidis verlassen.

im gemüsegarten:

April

Stielmus oder Rübstiel

Es wird eine zweite Aussaat davon gemacht

[…]

August

Stielmus (Rübstiel.)

Wo es üblich ist Stielmus zum Herbstgebraucht oder Einmachen im Garten zu ziehen, da säe man den Samen, wozu Rübensamen dient, im Anfange dieses Monats, sobald ein leer gewordener Raum, etwa ein abgenutztes Beet mit frühreifen Kartoffeln, sich darbietet, dünn aus. Trübe, feuchte Witterung ist für die Aussaat des Rübensamens jeder Art die geeignetste, führt schon nach drei Tagen ein Grünwerden herbei und bewirkt ein gutes Gedeihen. Bei Dürre, welche gewöhnlich viele Erdflöhe erzeugt, die den Rübensamen nicht aufkommen lassen und die jungen Pflänzchen, sobald sie das Licht erblicken, zerstören, thut man besser, Regen abzuwarten (indem sonst meistenthils die Aussaat vergeblich ist), und wäre es auch bis gegen den zwanzigsten dieses Monats. Man kann alsdann freilich nicht mehr auf Rüben rechnen, das Stielmus aber erhält bei einem guten Herbst noch die gewünschte Lange.

henriette davidis, ‚der gemüse-garten – praktische anweisung zur kultur eines gemüsegartens unter berücksichtigung der schönheit und des reichlichsten ertrages; so wie auch das nöthige über lage, boden, umzäunung, einrichtung, dünger, garten-geräthschaften, kultur der pflanzen und […] sowohl nach eigenen, als nach den langjährign erfahrungen praktischer gartenfreunde mit besonderer berücksichtigung der anfängerinnen und angehenden hausfrauen.‘, iserlohn (vierte verbesserte und vermehrte auflage), 1859 (erstausgabe 1850).

& ab in die küche oder wie henriette davidis sagen würde „man nehme“:

Rübstiel

Von den Blättern der schnell aufgeschossenen Rüben, wird das junge Kraut abgestreift, die Stengel werden fein geschnitten, gut gewaschen und abgekocht. Dann wird Butter mit etwas Mehl durchgeschwitzt, süße Sahne oder Milch, etwas Muskatnuß oder Salz dazu gegeben und das Rübstiel darin gestovt.

Als Beilagen: Bratwurst, Escalopps, Fricadellen, gekochter Schinken.

henriette davidis, ‘praktisches kochbuch für die gewöhnliche und feinere küche: zuverlässige und selbstgeprüfte recepte zur zubereitung verschiedenartigster speisen […] ; mit einem anhange, enthaltend arrangements zu kleinen u. größeren gesellschaften, […]. mit besonderer berücksichtigung der anfängerinnen und angehenden hausfrauen’, düsseldorf (dritte verbesserte und vermehrte auflage), 1847 (erstausgabe 1845).

oder: das Stielmus kurz in heisses wasser schmeissen & fein geschnitten unter kartoffelpüree mischen… die bratwurt wartet schon in der pfanne!

stielmus_küche   bei muttern in der küche…

„Dieser Bauerngarten sagt mir mehr als Versailles und Sanssouci.“ / ‚makartbouquet und blumenstrauß‘ von alfred lichtwark & “Erinnerungen aus aller frühester Kindheit”

Auch in den Gärten fing man an, sich mit kritischem Blicke umzusehen und entdeckte, daß man sich an viele Abgeschmacktheiten hatte gewöhnen lassen. Es gab kaum noch andere Gärten als die sogenannten englischen oder freien, das heißt Nachahmungen der von Menschenhand unberührten Natur. Büsche und Bäume wurden auf engstem Raum unregelmäßig verteilt, daß es aussehen sollte, als wären sie von selber dort gewachsen. Ein Grasplatz, die Nachahmung der Wiese, war selbst bei den kleinsten Vorgärten nicht zu entbehren und Hügel und Thal wurden markiert, wo sich zwei Fuß Niveauunterschied gewinnen ließen. Verschwunden waren die alten Bauerngärten und mit ihnen die uralten edlen Kulturblumen, die Akelei, der Rittersporn, der Goldlack, der Rosenbusch. Man fand sie nur noch auf dem Lande und der moderne Gärtner verachtete sie tief – Bauernblumen, Pastorsblumen. Im kleinen englischen Garten mit den direktionslosen Wegen kamen die Blumen kaum anders als in den runden Beeten der Grasplätze vor, ein roter Fleck Begonien, ein grausamer blauer Fleck Lobelien, eine unruhige stockige Zusammenstellung hochstämmiger Rosen. Man durfte sich im eigenen Garten keinen Blumenstrauß schneiden. Nur in den aus historischer Pietät gepflegten Königsgärten wie zu Versailles und Sanssouci konnte man die Reste einer verschwundenen großen Gartenkunst der Vergangenheit studieren. Daß auch die Bauern unserer Marschen an dem alten Kulturbesitzt des regelmäßigen Gartens festgehalten hatten, war fast unbekannt.
Ich machte mir einmal die Freude, einen Freund aus Berlin den wohlgepflegten Garten eines reichen Bauern in der Hamburger Marsch zu zeigen. Um mich an seiner Überraschung zu weiden, hatte ich ihm kein Wort von meiner Absicht verraten.
Schon beim ersten Anblick stutzte der Fremde. Hastig, ohne ein Wort zu sagen, trat er aus der Hausthür und eilte nach dem geraden Weg, der auf die große, geschorene Laube im Hintergrund zuführt. Er ließ seine Blicke über die Blumenbeete schweifen, die den Weg begleiten, über die regelmäßigen Gemüsebeete dahinter, sah mich verblüfft an, wandte sich nach allen Seiten und brach dann nach seiner lebhaften Weise in Verwunderung aus.
Das ist alt? rief er. Wirklich? – Dann haben unsere Bauern und auch in ihren Gärten ein Stück Kultur am Leben erhalten wie in ihren Möbeln, Fayencen und den herrlichen alten Hamburger Öfen? Wissen sie, davon habe ich gar keine Ahnung gehabt! – Nein, wie das gemüthlich aussieht, diese geraden Wege und buchsgefassten Beete, diese geschorenen Hecken und der große Würfel der Laube, und diese klassische Verbindung von Blumen- und Gemüsegarten, wie menschlich. Ich kann den breiten Weg in der Mitte gar nicht ansehen, ohne daß ich auch den Bauer oder den Pastor vor mir habe, der langsam auf- und abgeht, an der Buchseinfassung der Beete herumstutzt, eine Lilie anbindet oder ein Unkraut ausreißt. Gehen Sie doch ein paar Schritte nach der Laube zu – noch etwas weiter – nein! Wie famos eine menschliche Gestalt auf diesem flachen Boden, in dieser ruhigen Umgebung aussieht! Das ist alles auf den Menschen zugeschnitten. Haben Sie einmal darauf geachtet, wie zusammenhanglos ein Mensch über das schwankende Terrain unserer Stadtgärtchen wandelt? Man hat da eigentlich in seinem Garten gar nichts verloren und passt gar nicht hinein.
Merkwürdig, ich vermisse den Grasplatz gar nicht – dies ist einmal ein wirklicher Blumengarten, sehen Sie nur, wie der Rittersporn da auf dem Beete steht, unten mit schweren Blättern, oben alles leicht. Und das ist die Akelei, sagen Sie? Aber das ist ja eine der schönsten Blumen, die es überhaupt giebt. Und wie jede Pflanze zu ihrem Recht kommt! – Dabei die ganze Anlage – das ist ja einfach groß – eine solche Raumwirkung hätte ich bei so bescheidenen Abmessungen nicht für möglich gehalten. Hier gehe ich gar nicht wieder weg.
Und ich musste ihn gewähren lassen, bis er den Garten von allen Ecken und Winkeln betrachtet hatte. […]
Wollen Sie glauben, sagte er, ich fühle mich förmlich aufgewühlt. Was für eine Perspektive eröffnet dieser Rest ältester Kunstübung für die Wiederbelebung einer Gartenbaukunst, die ihren Namen verdient.
Dieser Bauerngarten sagt mir mehr als Versailles und Sanssouci. Auch im Garten ist die Monumentalität nicht an räumliche Ausdehnung gebunden. Alles ist groß in dieser Anlage, weil sie gute Verhältnisse hat. Da ist die Laube als beherrschender Mittelpunkt, sie ist an sich über das Maß entwickelt, aber der Garten enthält nichts größeres, deshalb wirkt sie mächtig. Große wilde Bäume daneben würden sie klein machen. Alle Büsche, die Johannisbeeren, die Stachelbeeren, sind von Natur klein, die Hecke wird von der Schere gebändigt. Wie fein sind diese Massen abgewogen!
Und diese Harmonie ist auf Dauer angelegt, wie es sich bei einem Kunstwerk gehört. Thut die Schere ihre Pflicht, so sieht der Garten in hundert Jahren aus wie heute, wo er wohl mehr als ein Jahrhundert ohne wesentliche Änderung steht. […]
Der alte Bauer, der diesen Garten angelegt hat, wußte auch, was Licht und Schatten bedeutet. Da sehen Sie nur, wie der dunkle, im Bogen geschlossene Eingang der Laube großartig und ernst in der Laubwand steht, er beherrscht eigentlich den ganzen Eindruck – und wie milde liegt das Sonnenlicht auf dem Rücken der Hecke und den runden Häuptern der Johannisbeer- und Stachelbeerbüsche.
[…] Wenn man aus Erfahrung klug werden kann, sollte bei der künstlerischen Umgestaltung des Gartens vom entgegengesetzten Ende angefangen werden. Denken Sie sich in diesen grünen Garten ein paar graue Steinvasen in edlen Umrissen, oder gegen die Wände der Laube zwei schöne Sandsteinfiguren – nicht wahr, das wäre überwältigend. Und käme dann das Wasser hinzu, in regelmäßigen Spiegeln steingefaßter Becken – oder als Springbrunnen, die Hecke überschneidend – ich möchte jubeln, wenn ich daran denke, daß ich die Zeit, die das wieder auferstehen läßt, noch erleben kann.
Sie sagen, es giebt hier herum noch Bauerngärten mit alten Statuen? – Nicht möglich! – Aber das müssen Sie mir noch zeigen. […]
Seine Begeisterung für den alten Garten that meinem Herzen wohl, und in meiner Seele wachten Erinnerungen aus aller frühester Kindheit auf, wo die geschorenen Hecken eines solchen Gartens meine Welt eingeschlossen hatten. Auf diesem Weg war der Liebe Gott gewandelt am Abend, da es kühl ward, hier hatte er sich umgesehen über die Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche und hatte gerufen: „Adam, wo bist du?“ – während Adam und Eva sich in der dunklen Laube versteckt hielten, angstvoll und schuldbeladen, den sie hatten Äpfel weggenommen.

alfred lichtwark, ‚makartbouquet und blumenstrauß‘, münchen, 1894.

________

von den vier- und marschlanden ins münsterland:

gartenlaube_alst_500   eine gartenlaube in einem münsterländer bauerngarten als hintergrund für ein hochzeitsfoto (ausschnitt), bauerschaft alst, albersloh,  januar 1914. die hecken und lauben eines westfälischen bauerngartens waren zumeist aus carpinus betulus / hainbuche. über 50 jahre später „Erinnerungen aus aller frühester Kindheit, wo die geschorenen Hecken eines solchen Gartens meine Welt eingeschlossen hatten“: die beeteinfassungen aus buxus / buchsbaum im garten meiner grossmutter…

[…] Auch ich war immer daheim, grub, krautete, stocherte, handhabte die Gießkanne, besah alles, was wuchs, tagtäglich genau und bin daher mit jeder Rose, mit jedem Kohlkopf, mit jeder Gurke intim bekannt geworden. Eine etwas beschränkte Welt, so scheint’s. Und doch, wenn man’s recht erwägt, ist all das Zeugs, von dem jedes einzelne unendlich und unergründlich ist, nicht weniger bemerkenswerth, als Alpen und Meer, als Japan und China. […]

wilhelm busch an johanna keßler, wiedensahl, 30. juli 1896.

die ostfriesische palme: brassica oleracea var. sabellica l. / grünkohl

& ein (ostfriesischer) tip für die küche:

Wenn der Grünkohl 15 Minuten kocht und dann zwei Stunden zieht – so wie Tee – dann wird das Gericht genau so gut – und die Vitamine sind noch drin.

reinhard lühring zitiert im general-anzeiger, 06/01/2014.

„A vegetable garden in the beginning looks so promising…“ / ‚wars i have seen‘ von gertrude stein

A vegetable garden in the beginning looks so promising and then after all little by little it grows nothing but vegetables, nothing, nothing but vegetables.

gertrude stein, ‚wars i have seen‘, london,1945.

buxus sempervirens / buchsbaum: „die feinsten Einfassungen vorzüglich zu kleinen Gärten“ / eine pflanzanleitung von henriette davidis

der buxus sempervirens / buchsbaum ist eine konstante als beeteinfassung in der gartengeschichte. von den gärten der römischen villen über den mittelalterlichen klostergarten. von den gärten des barock bis zum bauerngarten

So ein kleiner, bescheidener holsteinischer Bauerngarten mit seinem Blumenkunterbunt, mit seinen Buchseinfassungen, dem letzten Ueberbleibsel des Versailler Parkes, […]

detlev von liliencron ‚roggen und weizen‘, 1900

cylindrocladium buxicola / triebsterben, volutella buxi / buchsbaumkrebs, fusarium buxicola / buchswelke und dem cydalima perspectalis / buchsbaumzünsler zum trotz: eine pflanzanleitung von henriette davidis oder wie sie in ihren kochbücher zu sagen pflegt: „Man nehme …“

Es ist gar nicht in Abrede zu stellen, daß Einfassungen der Beete mit Sauerampfer, Thymian, Schnittlauch u. dergl., besonders in Gärten großer Haushaltungen auf dem Lande, den größten Nutzen für Menschen und Vieh hervorbringen; zugleich werden sie den Boden am wenigsten ausmagern, sind auch leicht zu reinigen, ohne große Mühe und Kosten umzupflanzen und leicht auszubessern. Dennoch gibt man, der Schönheit und Bequemlichkeit wegen, mit Recht Einfassungen aus Buxbaum den Vorzug. Derselbe kann bei günstiger Witterung das ganze Jahr hindurch verpflanzt werden; die beste Zeit zur Anlegung ist jedoch der März oder des Anfang des April, da man alsdann sicher sein kann, daß nicht einzelne Stellen in der Einfassung verdorren, was im Spätherbst oft der Fall ist. Denn der Buxbaum bedarf einer geraumen Zeit, ehe er gehörig angewachsen und die nöthige Kraft gewonnen hat, die strenge Kälte des Winters zu ertragen, die im entgegengesetzten Fall ihn ganz zu Grunde richtet.
Buxbaum von jungem Wuchs liefert die feinsten Einfassungen vorzüglich zu kleinen Gärten; in sehr großen Gärten jedoch, wo der Buxbaum dicker gelegt wird, kann auch altstämmiger benutzt werden. Um beim Zertheilen des Buxbaums recht vorsichtig zu Werke zu gehen, nehme man dazu ein Gartenmesser und theile die Stöcke so, daß jeder Theil eine Partie Saugwurzeln behält, welches das Anwachsen um so mehr sichert. Diese Mühe aber wird nicht Jeder sich geben, vielmehr es vorziehen, zu dieser Arbeit ein Beil zu gebrauchen, wobei es dann nöthig ist, solche Theile wegzuwerfen, die nicht gehörig mit Saug- oder Neben-Wurzeln versehen sind. Zugleich werde auch ein Theil der Blätter abgehauen, und nicht versäumt, die Quecken, welche sich etwa vorfinden sollten und die sich so gern beim Buxbaum einnisten, zu entfernen. Bleiben beim Zertheilen der Stöcke die Wurzeln nicht von gleicher Länge, so thut dies gar nichts zur Sache, und kommt es hier nur darauf an, daß die Einfassung eine gleiche Richtung und eine gleiche Höhe erhält.
Darnach werde nun der Buxbaum an eine schattige Stelle gelegt, und zum Auswerfen der Furchen übergegangen. Diese werden nach der Gartenschnur in ganz gerader Linie, nach den Wegen hin etwas schrägliegend gemacht, damit die Wurzeln ihre Nahrung nicht aus den Beeten, sondern aus den Wegen ziehen. Die Pflanzen werden nun gleichmäßig in die Furchen gelegt, die Wurzeln mit Erde bedeckt und gut angedrückt.
Um den Buxbaum stets recht schön zu erhalten, muß derselbe jedes Jahr, zum wenigsten alle zwei Jahre, geschoren werden,welches aber nicht bei trockener Witterung geschehen darf, weil er dadurch gar zu sehr leidet. Auch muß die Einfassung stets von Unkraut und anliegender Erde befreit, beim Umgraben der Beete sehr geschont, bei großer Dürre zuweilen gegossen, und alle acht Jahre erneuert werden.

henriette davidis, ‚der gemüse-garten – praktische anweisung zur kultur eines gemüsegartens unter berücksichtigung der schönheit und des reichlichsten ertrages; soe wie auch das nöthige über lage, boden, umzäunung, einrichtung, dünger, garten-geräthschaften, kultur der pflanzen und […] sowohl nach eigenen, als nach den langjährign erfahrungen praktischer gartenfreunde mit besonderer berücksichtigung der anfängerinnen und angehenden hausfrauen.‘, iserlohn (vierte verbesserte und vermehrte auflage), 1859 (erstausgabe 1850).

Das Pfarrhaus liegt neben der Kirche. Die Kirche ist ein strenger Bau, das Pfarrhaus liegt gemächlich da. Um die Kirche herum liegt der Friedhof, um das Pfarrhaus herum ein Garten. Im Kirchturm läuten die Glocken, aus dem Rauchfang des Pfarrhauses steigt blauer Dunst. Im Garten des Todes blühen die weißen Blumen, im Garten des Pfarrers wächst das Gemüse. Dort stehen Kreuze, hier steht ein Gartenzwerg. Und ein ruhendes Reh. Und ein Pilz.

ödön von horváth, ‚jugend ohne gott‘, 1937