pückler fährt durch die niederlande: landschaft als garten & die kultivierung der heide / ‚briefe eines verstorbenen‘ von hermann von pückler-muskau

Rotterdam, den 25sten [september 1826]

[…], und wirklich von magischer Wirkung ist dagegen der weite Garten, welcher sich zwischen Arnheim und Rotterdam ausbreitet. Auf einer Chaussée, von Klinkern (sehr hart gebrannte Ziegel) gebaut, und mit feinem Sande überfahren, eine Straße, die durch nichts übertroffen werden kann, und nie auch nur die schwächste Spur eines Gleises annimmt, rollte der Wagen mit jenem leisen, stets den gleichen Ton haltenden Gemurmel des Räderwerks hin, das für die Spiele der Phantasie so einladend ist. Obgleich es in dem endlosen Park, den ich durchstrich, weder Felsen noch selbst Berge giebt, so gewähren doch die hohen Dämme, auf welche der Weg zuweilen hinansteigt, die Menge, große Massen bildender Landsitze, Gebäude und Thürme, wie die vielen aus Wiesen, Ebnen, oder über klare Seen auftauchenden kolossalen Baum-Gruppen, der Landschaft eben so viel Abwechselung von Höhe und Tiefe, als malerische Ansichten der verschiedensten Art; ja ihre größte Eigenthümlichkeit besteht eben in dieser unglaublichen Bewegung und Mannichfaltigkeit der Gegenstände, die ohne Aufhören die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Städte, Dörfer, Schlösser mit ihren reichen Umgebungen, Villen von jeder Bauart mit den niedlichsten Blumengärten, unabsehbare Grasflächen mit Tausenden weidender Kühe, Seen, die im Umfang von 20 Meilen blos durch Torfstich nach und nach entstanden sind, unzählige Inseln, wo das baumlange Schilf, zum Decken der Dächer sorgfältig angebaut, Myriaden von Wasservögeln zur Wohnung dient – alles bietet sich fortwährend die Hand zu einem freudigen Reigen, in dem man wie im Traume durch flüchtige Pferde fortgerissen wird, während immer neue Palläste, immer andere Städte am Horizont erscheinen, und ihre hohen gothischen Thürme in dämmernder Ferne mit den Wolken sich verschmelzen. Eben so läßt in der Nähe eine oft groteske und stets wechselnde Staffage keinem Gefühl der Einförmigkeit Raum. Bald sind es seltsam mit Schnitzwerk und Vergoldung verzierte Wagen ohne Deichsel, und von Kutschern regiert, die in blauen Westen, kurzen schwarzen Hosen, schwarzen Strümpfen und Schuhen mit ungeheuren silbernen Schnallen, auf einer schmalen Pritsche sitzen; oder zu Fuß wandernde Weiber mit sechs Zoll langen goldnen und silbernen Ohrringen behangen, und chinesischen Sommerhüten, gleich Dächern auf den Köpfen; bald zu Drachen und fabelhaften Ungethümen verschnittene Taxus-Bäume, oder mit weiß und bunter Oelfarbe angestrichene Lindenstämme, asiatisch mit vielfachen Thürmchen verzierte Feueressen, absichtlich schief liegend gebaute Häuser, Gärten mit lebensgroßen Marmor-Statuen in altfranzösischer Hofkleidung durch das Gebüsch lauschend, oder eine Menge 2 – 3 Fuß hoher, spiegelblank polirter Messingflaschen auf den grünen Wiesen am Wege stehend, die wie pures Gold im Grase blinken, und doch nur die bescheidne Bestimmung haben, die Milch der Kühe aufzunehmen, welche daneben von jungen Mädchen und Knaben emsig gemolken werden – kurz eine Menge ganz fremder ungewohnter und phantastischer Gegenstände bereiten jeden Augenblick dem Auge eine andere Scene, und drücken dem Ganzen ein vollkommen ausländisches Gepräge auf. Denke Dir nun dieses Bild noch überall in den Goldrahmen des schönsten Sonnenscheins gefaßt, geziert mit der reichsten Pflanzenwelt, von riesenhaften Eichen, Ahorn, Eschen, Buchen bis zu den kostbarsten ausgestellten Treibhaus-Blumen herab, so wirst Du Dir eine ziemlich genaue, und keineswegs übertriebene Vorstellung von diesem wunderbar herrlichen Theile Hollands machen können, und dem hohen Vergnügen meiner gestrigen Fahrt.

Nur ein Theil derselben machte, hinsichtlich der Vegetation und Mannichfaltigkeit eine Ausnahme, war mir aber in anderer Hinsicht, wenn auch nicht so angenehm, doch nicht weniger interessant. Nämlich zwischen Arnheim und Utrecht findet man 4 Meilen lang den Sand der Lüneburger Haide, so schlecht als die schlechtesten märkischen Ebnen. Demohngeachtet, und so viel wirkt verständige Cultur! Wachsen neben den Kiefern-Gebüschen, die der Boden nebst dürrem Haidekraut allein von selbst hervorbringt, die wohl bestandendsten Anpflanzungen von Eichen, Weiß- und Rothbuchen, Birken, Pappeln u. s. w. freudig auf. Wo der Boden zu wenig Kraft hat, werden sie nur als Strauchwerk benutzt, und alle 5 – 6 Jahre abgetrieben, wo er etwas besser ist, als Stämme in die Höhe gelassen. Die herrliche Straße ist hier durchgängig mit wohlerhaltenen dichten Alleen eingefaßt, und, was mir merkwürdig war, ich fand, daß trotz des dürren Sandes Eichen und Buchen noch besser als Birken und Pappeln zu gedeihen schienen. Eine Menge der so überaus netten holländischen Häuser und Villen waren mitten in der wüssten Haide aufgebaut; mehrere noch im Werden, so wie die Anlagen darum her. Ich konnte mir nicht erklären, daß so viele sich gerade dies unwirthbare Terrain zu kostspieligen Etablissements ausgesucht, erfuhr aber, daß das Gouvernement weise genug gewesen sey, diesen ganzen, bisher als unbrauchbar liegen gelassenen Landstrich den angränzenden Gutsbesitzern und andern Vermögenden auf 50 Jahr unentgeldlich und Abgabenfrei zu überlassen, mit der einzigen Bedingung, es sogleich durch Anpflanzungen oder Feldbau cultiviren zu müssen. Später zahlen ihre Nachkommen eine sehr billige, entsprechende Rente. Ich bin überzeugt, nach dem, was ich hier gesehen, daß der größte Theil unsrer hungrigen Kiefernwälder durch ähnliches Verfahren und fortgesetzte Cultur in hundert Jahren in blühende Fluren verwandelt, und die ganze todte Gegend dadurch wahrhaft umgeschaffen werden könnte.

hermann von pückler-muskau, ‚briefe eines verstorbenen. ein fragmentarisches tagebuch aus deutschland, holland und england, geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828‘, bd. 3. stuttgart 1831

 

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gartenbücher (landschaftsideen – ideenlandschaft)

Himmelsbläue, Beleuchtung, Duft, der auf der Ferne ruht, Gestalt der Thiere, Saftfülle der Kräuter, Glanz des Laubes, Umriss der Berge — alle diese Elemente bestimmen den Totaleindruck einer Gegend.

alexander von humboldt, ‚ideen zu einer physiognomik der gewächse‘, tübingen 1806

der „totaleindruck“ wird jedoch ebenfalls von unseren „scheuklappen“ bestimmt. wir sehen nur das was wir kennen, zuordnen können und gelernt haben: die „idee“ die wir von einer landschaft haben.

Landschaften zu untersuchen und darzustellen ist mehr als Geographie, ist mehr als Ästhetik, ist mehr als Landschaftsarchitektur. Es ist das umfassende Verständnis für einen Raum, die Prozesse, die darin stattfinden und die Konnotationen, die Ideen, die damit verbunden werden – und es ist das Zusammenfügen von solchen Geschichten, […]

in „deutsche landschaften“ nimmt hansjörg küster den leser mit auf eine reise durch landschaften „von rügen bis zum donautal“. als professor für pflanzenökologie am instiut für geobotanik der leibniz universität hannover, hat er zuletzt botanische anmerkungen zu den fotos von karl blossfeldt verfasst → gartenbücher (pflanzen – kultur). vom kleinsten bestandteil zum gesamtbild. das vorliegende buch kann als praktische anwendung seiner 2012 erschienenen theorie, ‚die entdeckung der landschaft – einführung in eine neue wissenschaft‘, gelesen werden.

deutsche …

was ist eine deutsche landschaft? welche idee haben wir wenn wir an „deutsche landschaften“ denken? ein strandkorb auf sylt oder schloss neuschwanstein vor bergpanorama?

geographische festlegungen, grenzziehungen, sind bereits eine idee die wir von einer gegend haben. wo fängt eine „landschaft“ an und wo hört sie auf? an nationalen grenzen? ist z.b. die landschaft des bodensees nur in baden-württemberg und bayern zu finden? wäre der „deutsche“ bodensee ohne die alpine fototapete österreichs und der schweiz denkbar? um die heutige landschaft des harzes oder des bayerischen waldes zu verstehen, kommt man nicht um die teilung in ost und west herum. der hintere bayerische wald, der unsere idee vom „bayerischen wald“ prägt, ist teil des böhmerwaldes, šumava, was durch den eisernen vorhang vergessen wurde (wildtiere halten sich bis heute an die getrennten reviere …). im harz tobt ein kampf um die bezeichnung „oberharz“: historisch der name für die oberharzer bergstädte im heutigen niedersachsen (west) aber seit 2010 auch die „stadt oberharz am brocken“ in sachsen-anhalt (ost) … sind bayerische landschaften so „deutsch“ wie das oktoberfest und ein dirndl? ist helgoland mit seiner britischen geschichte deutsch? landschaften werden deutsch d.h. nationalistisch aufgeladen, z.b. in lippe (durch das hermannsdenkmal) und im rheintal (der rhein als vermeintliche grenze zu frankreich) … bei der gerade epidemischen diskussion um sogenannte „heimat“ geht es häufig um gegenden …

… landschaften Weiterlesen

kulturlandschaften, wallhecken, gärten vor 100 jahren: bilder von hermann reichling

hermann reichling: naturschutz, politik & fotografie

ein naturschützer unterwegs mit der kamera in westfalen und, auf der flugroute der zugvögel, bis nach lappland. hermann reichling (1890-1948), promovierter ornithologe und naturschutzpionier, war von 1919-1948 direktor des provinzialmuseums für naturkunde in münster. mit einer unterberechung von 1933 -1945, von den nazis wegen „politischer unzuverlässigkeit“ abgesetzt: disziplinarverfahren und als „schutzhäftling“ von juni bis september 1934 im kz esterwegen im emsland, wo er bei der trockenlegung von mooren zwangsarbeiten musste und misshandelt wurde. nach seiner freilassung wurde er an den dümmer im oldenburger münsterland verbannt, „kaltgestellt“: nicht untätig, entstand bis 1945 dort eine einzigartige dokumentation der region. 1945 rehabilitiert und wieder direktor des naturkundemuseums starb er jedoch schon 1948 an den folgen der kz-haft.

in seiner amtszeit 1926-1933 als staatlicher kommissar für naturdenkmalpflege in der provinz westfalen, wurden fast 70 schutzgebiete ausgewiesen. 1932 befanden sich ca. ein fünftel aller naturschutzgebiete preussens in der provinz westfalen. reichling war gut vernetzt: er stand u.a. im kontakt mit max hugo weigold, gründer der vogelwarte helgoland, 1910, und später direktor der naturkunde-abteilung des provinzialmuseums in hannover, und mit hugo conwentz, direktor des westpreußischen provinzial-museums in danzig & autor des buches ‚die gefährdung der naturdenkmäler und vorschläge zu ihrer erhaltung‘ (berlin, 1904).

mehr als 10.000 negative, glasplatten, haben sich zwischen 1912 und 1948 im archiv angesammelt und einige filme, die reichling als pionier des naturfilms ausweisen. fotografiert hat reichling, neben den üblichen familienszenen, hauptsächlich bei erkundungen, der sich stetig durch den menschen verändernden kulturlandschaften und ihre fauna in nordwestdeutschland. ab 1926 wurde er von dem fotografen georg hellmund unterstützt, der bis 1966 für das naturkundemuseum arbeitete. die familie übergab den privaten nachlass an das lwl -museum für naturkunde (ehem. provinzialmuseums für naturkunde). das archiv wurde ab 2015 mit unterstützung der nrw-stiftung aufgearbeitet und digitalisiert. Weiterlesen

vogelfutter: sorbus aucuparia

sorbus aucuparia l. / vogelbeere, eberesche auch drosselbeere oder kram(m)etsbeere (als bezeichnung ebenfalls für die beeren des juniperus communis / gemeinen wacholders gebräuchlich), der zusatz aucuparia dieses sorbus stammt vom lat. avis capere = vögel fangen.

sorbus_aucuparia_pfalz_500 Weiterlesen

morus alba: leibniz, preussen, berlin-steglitz & westfälische wallhecken

Ich habe auch noch auff ein augmentum fundi bedacht, so mit der zeit hierzu dienen köndte. Nachdem ich nehmlichen endtlich Leute gefunden, die die Seide in diesem Nordischen Teutschland in copia zu zielen zu wege bracht, welche auch in allen arbeiten der Italianischen nicht weichet, in gewien fällen auch vorgehet. Diese Leute die wollen die pflanzung der weißen Maulbeerbäume [morus alba] ferner anlegen, wo ich es zu wege bringen wurde. Es kan land dazu genommen werden so man sonst wenig brauchet. Und der Ertrag solcher cultur zu der Bibliothec und studien in diesem Land gewidmet werden, und der anfang der kosten von gestämpelten papier kommen.

gottfried wilhelm leibniz, ‚leibniz für ein gespräch mit herzog anton ulrich [von braunschweig-wolfenbüttel] ‚, wolfenbüttel, februar 1704. zitiert nach ’sämtliche schriften und briefe‘, erste reihe, 23. band, berlin, 2013.

leibniz philosophierte nicht nur über blätter im garten → philosophische gespräche im garten … / ‘neue abhandlungen über den menschlichen verstand’ sondern regte seine gesprächspartnerin, sophie von der pfalz, zur anlage eine plantage zur produktion von maulbeerblättern an → die herrenhäuser gärten: der berggarten.

alte einzelbäume, reste von maulbeeralleen (wie z.b. die 1720 von karl III. philipp, kurfürst von der pfalz, zwischen heidelberg und dem dem schwetzinger schloss → schlossgarten schwetzingen: … angelegte)… bei gartenbesuchen und der recherche über historische gärten stösst man immer wieder auf morus nigra, die schwarze, und alba, die weisse maulbeere. die früchte der nigra sind perfekt z.b. für konfitüre. die blätter der alba als raupenfutter.

chinoiserie & forstwirtschaft

angeregt durch die lekture von marco polo und berichten von ersten missionaren, kam es anfang des achtzehnten jahrhunderts zu einer china mode. zwei luxus produkte, neben den obligastorischen pagoden in gärten, waren unentbehrlich: porzellan & seide. das import-problem mit dem porzellan wurde von johann friedrich böttger und ehrenfried walther von tschirnhaus im meissen gelöst (cf. → eine kindheitserinnerung, botanische chinoiserie …). die fütterung des bombyx mori / seiden- oder maulbeerspinners stellte ein botanisches bzw. gärtnerishes problem da. die raupen spinnen sich in kokons aus seide ein, die dann durch abhaspeln, aufwickeln, des pfadens gewonnen wird. bis zur verpuppung fressen sie nur blätter. blätter der moros alba / weissen maulbeere. Weiterlesen

fagus sylvatica var. suentelensis / ‚die süntelbuche‘ von clementine von münchhausen

Die Süntelbuche.

(Fagus silvatica tortuosa Willkomm, forstl. Flora 1887, S. 439.)

Von Clementine Freifrau von Münchhausen, geb. v. d. Gabelentz, Hannover.

„Wir fahren zur Süntelbuche,“ heißt es, wenn ein neuer Gast uns in Apelern [wasserschloss münchhausen] besucht und ihm das Interessanteste, was die Gegend bietet, vorgeführt werden soll, – sei es nun, daß er Naturfreund ist und Verständnis hat, oder daß ihm Verständnis und Naturfreundschaft erst beigebracht werden müssen, was aber erfreulicherweise nicht oft nötig ist. […]

„Ein Haufen Buchenheister“, sagt der Forstmann. Das ist die Süntelbuche. Sie steht nahe der Höhe des Süntel auf einem Abhang, der sich nach Norden zu sanft zu Tale senkt.[…]

Über ihre Vorgeschichte kann ich leider wenig sagen. Mein Mann hat Apelern und das dazu gehörige Nienfeld erst im Jahr 1886 aus dem Erbe eines entfernten Lehnsvetters angenommen, so daß in mündlicher Überlieferung nichts auf uns gekommen ist.

Wir fanden die schöne eigenartige Buche damals als alten, in der ganzen Gegend bekannten Baum dort vor.

Um den Stamm herum war auch damals schon eine Rasenbank (ohne Rasen bei dem dichten Schatten!), die der Baum zum Glück nicht übel genommen zu haben scheint.

Steht man darunter, so ist der Blick in das Astwerk überaus interessant. Da wächst so ein Ast ein paar Meter lang zielbewußt nach Westen, dann fällt ihm ein, das könnte doch ein Irrtum sein, und er biegt rasch entschlossen im rechten Winkel um nach Süden. Und nach noch nicht einem halben Meter kommt ihm eine neue Laune, und wieder biegt er im rechten Winkel ab, vielleicht nach Osten zurück — das alles in ungefähr horizontaler Lage —, und dann fällt ihm ein, daß Luft und Licht auch schöne Dinge sind, und er strebt nach oben, — womit er aber nicht weit kommt.

Diese älteste Süntelbuche hat 1 m über der Erde einen Umfang von 4,40 m, Kronenumfang gut 77 m, Höhe des Baumes, wie der Förster schreibt, über 12 m. Hiernach wächst sie noch freudig. Denn ich entsinne mich von einer früheren Messung um 1890 bestimmt auf 1 1 m Höhe und 60 m Kronenumfang. Sie teilt sich 2 m über der Erde in zwei Hauptstämme, die sich bald weiter verästeln. Der eine davon ist etwas hochwüchsiger als der andere, so daß von einer gewissen Entfernung, von Norden aus gesehen, der Baum wie ein Berg mit einem nach Osten damit verwachsenen etwas niedrigeren Vorberg aussieht. Die Äste hängen jetzt ganz bis zur Erde, was früher durch Verbiß der Schafe nicht der Fall war.

Die früher gelegentlich gehörte Behauptung, jede auf den Süntel gepflanzte Buche verwandele sich in eine Süntelbuche, ist durchaus unrichtig. An drei Seiten steht Buchenhochwald gar nicht weit von unserer entfernt. Und ein zweites, vielleicht nicht viel jüngeres Exemplar steht sogar am Rand eines dieser Bestände.

Die nächste, schon erwähnte Süntelbuche ist eine Ruine, d. h. ein starker aufrechter Stamm scheint noch ganz gesund, aber unmittelbar über der Erde ist von einem eher stärker gewesenen Stamme, der anscheinend in rein horizontaler Richtung wuchs, nur noch ein morscher Stummel übrig.

[…]

Von dem Förster, den wir 1886 vorfanden, und der als Sohn seines Vorgängers die Süntelbuche von Kind auf kannte, erfuhren wir, daß etwa 30 % der Samen wieder richtige Süntelbuchen ergäbe oder mehr kugelige Zwischenformen, wie deren Freund Beißner bei seinem Besuche in Apelern mich auf ein paar aufmerksam machte.

Leider sind auf einem Nachbargrundstück einige hübsche ältere Exemplare später geschlagen. […]

Weitere Süntelbuchen, die mir bekannt geworden, sind die folgenden: In dem Kurpark von Bad Nenndorf soll eine stehen, jedenfalls kein auffallendes Exemplar; ich besinne mich nicht sie gesehen zu haben, obgleich ich oft dort war, ich bin allerdings sehr schlecht zu Fuß.

[…]

Das Holz dürfte nicht anders zu benutzen sein als anderes Buchenholz. Dort, wo sie vorkommen, gibt es aber gerade Buchenstämme genug, so daß die wenigen Krüppelbuchen gewiß alle ins Brennholz gewandert sind.

Der Wert als Nutzholz – etwa für abenteuerlich geformte Naturmöbel – tritt jedenfalls ganz zurück gegen den Wert als Parkbaum. Hier ist die Süntelbuche am Platze, d. h. wo man Platz genug hat, denn sie ist etwas raumgefräßig. Sie wird aber für die Nachkommen eine prachtvolle Laube, ja Gesellschaftssaal abgeben, und ihre geringe Höhe erlaubt es auch, ihr etwa einen Platz in der Nähe des Wohnhauses auf geneigtem Terrain anzuweisen, wo höhere Stämme die Aussicht stören würden.

clementine freifrau von münchhausen ‚die süntelbuche‘. in: ‚mitteilungen der deutschen dendrologischen gesellschaft‘, nr. 20, 1911.

die hier beschriebene tilly-buche stand am nordostrand des namensgebenden süntels (weserbergland). um 1843, als im zuge der verkopplung (heute würden man flurbereinigung sagen) grössere bestände gerodet wurden, blieb sie als einzelner baum stehen. 1929 wurde der baum zum naturdenkmal erklärt. 1994 brach der solitär, mit ca. 250 jahren, pilzbedingt zusammen. der namensgeber, johann t’serclaes von tilly, hat im dreissigjährigen krieg wohl kaum unter ihr gerastet…

die süntelbuchenallee im kurpark von bad nenndorf wude ende der 1920iger aus sämlingen der tilly-buche, von dem dendrologen und leiter des kurparks carl thon, gepflanzt. aus ca. 30 pflanzen wurden durch absenkung der äste um die 100.

wiesenbau im oberharz im allgemeinen & pfingsten auf den buntenböcker bergwiesen

bergwiesen? als erstes denkt man an eine alm (bayerisch) oder alp (alemannisch) in den alpen:

Wann nun von Titans Glanz die Wiesen sich entzünden,

Und in dem falben Gras des Volkes Hofnung reift;

So eilt der muntre Hirt nach den bethauten Gründen;

Eh‘ noch Aurorens Gold der Berge Höh durchstreift.

Aus ihrem holden Reich wird Flora nun verdränget,

Den Schmuck der Erde fällt der Sense krummer Lauf,

Ein lieblicher Geruch aus tausenden vermenget,

Steigt aus der Bunten Reyh gehäufter Kräuter auf,

Der Ochsen schwerer Schritt führt ihre Winter=Speise,

Und frohlockend Lied begleitet ihre Reise.

albrecht von haller, ‘die alpen’, 1729, in ‘versuch schweizerischer gedichte’, göttingen, 1751 (sechste, regelmässige, vermehrte und veränderte auflage), erstausgabe 1732.

bergwiesen im oberharz

bubo_bergwiesen_garten_postkarte_500

buntenbock mit bergwiesen. blick vom hasenbacher teich mit einem garten auf den wiesen. l. der ziegenberg; r. der clausberg; dazwischen m. das flurstück ‚taube frau‘; im hintergund der höhenzug ‚auf dem acker‘. postkarte (poststempel 1943). Weiterlesen

kulturlandschaft: am brocken / ‚the harz mountains: a tour in the toy country‘ by henry blackburn

Continuing the ascent [on the heinrich-heine-wanderweg from ilsenburg to the brocken summit], which changes every moment from rocks and streams to the quiet and solitude of the dark pine and firs – now walking on a carpet of living moss or dead fir cones; now coming upon a little garden of wild flowers, red, white, and blue, under our feet, with red berries, Alpine roses, and blue forget-me-nots, purple heath in the distance, and above our heads mosses and creepers growing round projecting boulders, – we come suddenly upon a little plantation of toy fir-trees, from for to six inches high, railed off like a miniature park – a nursery for forests for our great-grandchildren to walk in, when the trees above our heads are turned into the eaves and gables of towns. No one touches these plantations,which are to be seen on the mountain-side in various sizes. Planted out wider year by year as they grow larger, until they spread into a living forest. This it is, as we said, that gives the formal and artificial appearance to so many of the walks in the Harz, […].

henry blackburn, ‚the harz mountains: a tour in the toy country‘, london, 1873.

dustere wälder, ober- und unterholz / ‘sylvicultura oeconomica‘ von hans carl von carlowitz

Das Erste Capitel /

Von denen vorigen grossen / auch noch ietzo befindlichen Wäldern in Teutschland

[…]

§. 1. Wie duster das alte Teutschland vor zeiten wegen der ungeheuren grossen Wälder muß ausgesehen haben / kan man aus dem Corn. Tacito im 5ten Capitel seines Buchs / so er sonderlich von Teutschland geschrieben / abnehmen. Terra, saget er / in universum sylvis horrida aut paludibus focda: Das Land ist überall fürchterlich / entweder wegen der Wälder / oder sumpfig / wegen der Moräste. Ja es scheinet / daß durch ganz Teutschland und an deren Gräntzen ein meist in= und an=einander hangender continuirlicher Wald gewesen / so von denen Römern Sylva Hercynia, von denen Teutschen aber / der Harz= oder Schwartz=Wald genennet worden / entweder wegen des vielen Hartzes / oder / daß er / wegen der vielen dicken und hohen Bäume / gantz schwartz und duster von aussen und in Durchreisen / anzusehen gewesen / weil die Sonne ihre Strahlen und Licht nicht durchwerffen können. […]

[…]

§. 3. Von denen Ursachen aber warum unsere Vorfahren so grosses Belieben an dergleichen ungeheuren Wäldern getragen / davon soll zum Theil in folgenden Capitel §. 14. Meldung geschehen / Eine derer voenehmsten war / daß die ganze Nation mehr dem Krieg als Acker=Bau ergeben / und also sich wegen besorgenden Uberfalls derer benachbarten / mit denen sie immer in den Haaren lagen / hierdurch in gute Verfassung stelleten. Denn wenn alles verloren gieng / retirirten sie sich in diese Wälder und Moräste / allwo es unmöglich war / ihnen beyzukommen / ja sie wusten hier bey ihren Feind dergestalt zu fatigiren / daß er mit grossen Niederlagen wieder herabziehen muste. Davon in der Römischen und andern Historien viel Krempel vorhanden / wewegen Aventini Anales Bojorum (johannes aventinus, ‚annales ducum boiariae‘, 1554) nachzulesen. Hierüber hatte man an denen Haupt=gräntzen etzlicher Wälder weite und tiefte Gräben aufgeworffen / und auf denen Dämmen / dicke und starcke Häger oder Büsche gezeuget / so man biß dato Land=Wehren nennet / dergleichen annoch gegen das Eißfeld und in Thüringen vorhanden / so etzliche Meilwegs lang ist / der Knickicht [→ beschneidung: in der landschaft und im garten] genannt. Denn das Holz / so darauf stehet / ist von Alters / und damahliger Gewohnheit her / weil es noch jung / von oben herein geknickt worden / damit es nicht in die Höhe / sondern dichte in einander wachse / dahero es auch so dicke und dichte durch einander sich geflochten / und verwimmert / daß fast weder Mensch noch Vieh ohne Gewalt / durch diese uhralte Land=Wehren haben kommen können.

[…]

§. 5. Sintemahl der vormals so grosse und ungeheure Hertzynische Wald an denen meisten Orten ganz ausgerottet / und nur an wenig Gegenden / wo nehmlich hohe steinigte und kalte Gebürge befindlich / etliche Reliquiæ geblieben / unter welchen die berühmteste die Saltzburger= und Tyroler=Wälder; der Schwartz=wald zwischen dem Ursprung der Donau / dem Rhein und Boden=See: dabey sonderlich zuzehlen / Sylva Martiana [Schwarzwald] bey Freyburg; der Anspacher / oder vielmehr Nürnberger=Wald / zwischen Nürnberg und dem Ursprung des Tauber=Flusses; der Steiger=Wald / innerhalb Würtzburg und Bamberg; der Oden=Wald / Sylva Ottonis, zwischen dem Necker und dem Mayn / oder zwischen Heidelberg und Franckfurth; der SpeßArt / binnen dem Mayn und der Kützing; der Wester=Wald innerhalb der Loha und Siegen; der Hartz=Wald / in Braunschweiger Land / bey welchem der Bructerus, oder Brockelsberg ist; der Thüringer=Wald; Gaberta, der Fichtelberg im Voigtlande an Böhmen; der Böhm= und Meißnische Ober=Gebürgische Wald [erzgebirge] und das Riesen=Gebürge in Schlesien / und so fort biß an die ungarischen / Siebenbürgischen / Kärndtnischen und Steyermärckischen Gräntzen.

[…]

Das Andere [zweite] Capitel/

Von sonderbarer Hochachtung der Wäler und Bäume

[…]

§. 14. Unsere Vorfahren die uhralten Teutschen / welche es ihrer angebohrnen / und sehr hochgeschätzten Freyheit verkleinerlich hielten / in verschlossenen Städten und Plätzen zu wohnen / erkiesten mehrentheils zu ihren Aufenthalt solche Oerter / welche wegen ihrer schönen und schattenreichen Bäume / klaren Brunnen und Quellen / oder fetten Weide und Wiesewachs / sich vor andern annehmlich machten / massen solches Tacitus bezeuget mit diesen Worten: Nullas Germanorum Populis urbes habitari fatis notum est, ne pati quidem inter se iunctas fedes. Colunt discreti & diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit de Mor. Germ. [‚de origine et situ germanorum liber‘] c. XVIII: oder: Es ist bekannt / daß die Teutschen sich nicht in Städten aufhalten / ja sie leiden nicht einmahl / daß man neben und an einander Wohnungen habe. Ein iedweder ist sich a part, nachdem ihn seine Beliebung träget / sich an einen Brunn / an einen flachen Felde oder Walde nieder zu lassen. Ihre meiste Ubung und Nahrung / wenn sie nicht mit Kriegen beschäfftiget waren / suchten sie in den Wäldern mit Jagen / Hetzen und Vogelfang / mit Sammlung Eicheln / Buchäckern zur Mästung des Viehes / und was dergleichen mehr; und ist kein zweifel / dap nebenst dem / wie oben gedacht / die Wälder vor eteas Göttliches von ihnen gehalten worden / und die dicken und finstern Oerter / da man seinen Gedancken hat recht Audienz geben / und von allerhand speculiren können / ihnen sonderlich gefallen. Es hat sie auch vor andern vergnüget / der Schall und Wiederhall der Menschlichen Stimme / allerhand Jagd=Hörner / und derer Hunde Anschlagen / so man in Wäldern / Thälern und Gründen offt unvermuthet antrifft; der schöne Vogel=Gesang / so auch eine Göttliche Music zu seyn scheinet; die Einsamkeit / da man von allen Menschen entfernet; der Schatten wider die Sonnenhitze; der Aufenthalt wider starcke Regen / Schlossen und Gewitter; die sausende Winde / und das angenehme Geräusche der Quellen und Bäche.

[…]

Das Vierzehnte Capitel,

Von Ober= und Unter= oder so genanten Schlag= und lebendigen Holtze.

[…]

§. I. Wenn ein Acker Holtz=Landes / zu Ober= und Unter=Holz zugleich gezogen werden soll / und mit 7. 8. 900. bis 1000. meht oder weniger Stämmmgen / so von Saamen angeflogen / oder sonst gnüglich bestocket / und bepflanzet ist / so läßet man solche 8. bis 10. Jahr wachsen und die besten Stämmlein / die Künfftig zu Ober=Holz / d.i. Zu großen Haupt=Stämmen zu ziehen / stehen / die andern aber hauet man aber / daß sie Stöcke bekommen und diese an 4. 6. 10. und mehr Sommer=Latten zu Unter=Holze / welches sonsten auch Schlag= oder Lebendiges Holtz genennet wird / wieder ausschlagen mögen / und soll ein abgeholtztes Stämmlein oder Stock nach advenant, 2. 3. biß 4. Schuh von einander stehen. Ist besser nun die Art von Holtze ist / je mehr kan man künfftig daraus nehmen und solche zu Weinpfählen / Latten / Hopff= und Zaunstangen oder Stecken gebrauchen / da denn mehr zu lösen / als wenn es nur zu blossen Feuer= und Kohlen Holtz oder Reißig zu sammen gehauen wird.

§. 2. Es wird aber das Ober= und Unter=Holtz bloß von dem Laub=Holtz verstanden. Denn obwohl unter solchen Holtze bißweilen eine Tanne / Fichte oder Kiefer / entweder von sich selber / oder von eingesprengten oder zugetragenen Saamen mit aufwächset / so wird doch hier mehr auf jenes als dieses gesehen. Das Ober=Holtz bestehet in allerhand Bau= Bret= Böttiger und anderen Zimmer=Holtz / auch in Mast= und Obst=Bäumen / als in Eichen / Buchen / Castanien / wilden Apfel= Birn und Kirsch=Bäumen / Ahorn / Aschen [Eschen] / Ilmen / Bircken / Aspen [espe oder zitterpappel] &c. in Summa in lauter guten Laub=Holtz / die zu Haupt=Stämmen / bis 40. 50. 80. 100. und mehr Jahren gezogen werden. Nun mag es nach eines jeden Ortes Gelenheit und Zustand reguliret werden / welche Arten der Boden am besten träget und treibet / ingleichen welche von ein und anderen Sorten am nutzbaresten / oder am meisten von nöthen seyn / oder mit bessern Nutzen / ins Geld zu setzen. Dann 1. Schock Stangen von Aschen / Ilmen / Eichen / so aus den Unter=Holtz gehauen werden / gelten Mehr als 1. Schock von Aspen und Weiden. Auch ist die Eiche wohl eines von dem besten Ober=Holtz / so wohl zum Bauen als zur Mast; wo man aber dieses bey des nicht sonderlich / bevorab wegen des Wasser= Schiff= und Wein=Baues zu consideriren hat / so ist vorträglicher / ander Ober=Holtz / als Ahorn / Buchen / Castanien / Aschen / Ilmen / Bircken / Aspen / &c. Stehen zu lassen / denn sie wachsen viel schneller und geschwinder / und in einem Jahr mehr / als die Eichen in 2. oder 3. Jahren daher; nehmen mit den Aesten nicht so viel Raum ein / und deswegen sie weder das Unter=Holtz und Gräserey / noch sich selbsten / sondern können näher und dichter beysammen stehen als Eichen.

[…]

§. 8. Unter=Holtz oder Schlag=Holtz / so / auch wie gedacht lebendig Holtz genennet wird / ist fast das nutzbarste von allen / aber es kan darzu allein dasjenige gebraucht werden / so Laub träget. Denn das Tangel=Holtz schläget nicht wieder aus / sondern, wenn es einmahl weggeschlagen / so verfaulet der Stock und Wurzel; aber wenn das Holtz so Laub träget / abgeholtzet / pfleget es am Stock / auch theils an der Wurzel / so von Stock 1. 2. und mehr Ellen abgelegen / hin und wieder auszuschlagen. Wir wollen derowegenhiervon ein und anders etwas ausführlicher / jedoch nur kürtzlich vorstellig machen. Wenn der Ort / wo man dergleichen Holtz haben will / gar wüste / so säet man in die bereitete Furchen oder Gräber den Baum=Saamen / da denn die dienlichsten seyn / die Eiche / die Asche / Riestern […] / Ilme / Ahorn / wild Obst / die Bircke / Erle und der Castanien=Baum / wo dieser die Art hat [→ keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, lat.: castanea sativa)]; in gleichen die Hasel=Nuß / und wo nasser Boden vorhanden / die Aspe / Erle / Pappel und Weide [→ salix im allgemeinen & “der Nutzen von denen Weiden…“] / denn diese letztern wachsen schnelle an wässerigten Orten daher / ja in 9. oder 10. Jahren mehr, als andere in 12. oder 15. Jahren / schlagen auch wieder an Stöcken aus / wenn sie abgetrieben werden / so allemahl in Zeit von 8. 10. 12. bis 16. Jahren geschehen kan / nach Art des Bodens ob Er viel oder wenig treibet. On nun etwas von Ober=Holtz daben Stehen Bleiben soll / beruhet in eines jeden Gefallen / und in der in solcher Gegend erheischenden Nothdurfft. Wo aber kein Ober=Holtz vorhanden / oder man solches nicht zeugen will / so nennet mans Schlag= oder lebendig Holtz / weil es continué fortwächset / dann es brauchet weiter keines Säens noch Pflantzens / hat besser Fortkommen / giebt gute Gräserey / kan auch / nachdem die Gehaue 3. 4. 5. 6. biß 8. Jahr geschonet / alsdenn zur Vieh=Weide gebraucht werden. Da aber bey dergleichen Gegenden leere Plätze befindlich oder aber das Holtz daselbst gar dünne und einzeln stehet / da soll man die leeren Plätze aufgraben mit allerley Saamen bestreuen und denselben einegen / damit solche völlig und dichte wieder bewachsen mögen. Sonsten giebt die Weiß=Buche / die Ilme / Ahorn und Pappel=Weide gut lebendig Holtz / schläget / wenn es Abgetrieben / gleich wieder aus / und diese lieben mäßigen; die Erle Aspe und Weide hingegen einen nassen; die Eiche und Castanie einen fetten; die Asche / Hasel=Stauden / Bircke / und Buche aber / einen trockenen Boden. Mag also derselbe beschaffen seyn wie er wolle / gering oder gut / trocken oder naß / so kan man dergleichen Schlag=Holtz auf jeden säen und pflantzen / wie man solches gut und nützlich befindet. Unter den Schlag=holtz ist die Hasel=Staude und Bircke das gemeinste / jedoch ist rathsamer / daß man an statt dessen besser Holtz in Gehauen anbringe und aufziehe / welches so wohl vermittelst des Saamens / als auch durch die Pflantzung geschehen kann.

[…]

§. 17. Bey Abtreibung des Schlag=Holtzes aber kan woh in acht genommen werden / daß der Hieb oder Schnitt sein glatt und schräge sey / damit der Regen / Kälte und Schnee nicht eindrigen und Faulnüß verursachen könne. Theils hauen es gar kurtz an den der Erden weg / theils lassen auch einen Stock von einem viertel oder mehr Raum / bleiben / daß die Sommerlatten und Sprossen häuffiger wieder ausschlagen. In denen Gehauen hat man nöthig / ehe etwas zum Kohlen=Brennen oder zu Feuer=Holtz angewisen wird / daß man dasjenige Holtz / so zu Hopfen=Stangen / Reifen / Latten &c. Zugebrauchen / zuvor aushauen lasse / denn solches theuer und nützlicher an den Mann zu bringen / als das Brenn=Holtz.

hans carl von carlowitz, ‘sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche nachricht und naturmäßige anweisung zur wilden baum-zucht, […]’, leipzig, 1713.

keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, lat.: castanea sativa)

botanisch ist die castanea sativa mill. ein buchengewächs / fagaceae. ob nun als ess- oder edelkastanie bezeichnet, in südtirol keschtn, wird sie hier nur pfälzisch keschde genannt. carl von linné bezeichnet sie als ‚fagus castanea‘ (’species plantarum‘, 1753).1768 beschreibt philip miller, von 1722 bis 1770 curator des chelsea physic garden, die keschde als ‚castanea sativa‘, sie erhält sein botanisches kürzel mill. (‚the gardeners dictionary, 8. auflage). bereits theophrastos von eresos, der als erster dendrologe und forstwissenschaftler gilt, erwähnt die keschde als εὐβοική (euboikḗ sc. karýa), euböische nüsse, nach der insel euböa (‘historia plantarum’, 1,11,3). der baum wurde von den römern, zusammen mit dem wein, aus dem östlichen mittelmeer und schwarzmeerraum über die alpen gebracht. nicht zu verwechseln mit der aesculus hippocastanum / rosskastanie, die mit der keschde nicht einmal verwandt ist. diese wurde erst 1576 in wien von carolus clusius angepflanzt.

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die wälder der haardt, einem ca. 300 km langer mittelgebirgzug am ostrand des pfälzerwaldes, bestanden vor dem eingeifen des menschen hauptsächlich aus eichen, buchen und kiefern. ab dem 1. jh. n. chr. kamen mit den römern die keschde hinzu. die keschde bilden heute am ostfuss der haardt grosse bestände, und die weinberge gehen hier direkt in keschde-wälder über. castanea sativa und vitis vinifera sind aufeinander abgestimmt: „wenn´s keschde gibt, gibt´s auch woi“. die bestände entlang der haardt, ca, 2.000 ha, gehören zu einem weitaus grösserem edelkastanienbestand am oberrheingraben: ca. 4.000 ha. im elsass und rechtsrheinisch nochmals ca. 3.300 ha im ortenaukreis. keschde satt an den ausläufern des pfälzerwaldes, der vogesen und des schwarzwaldes. das stammholz wurde u.a. für weinfässer, die stockausschläge für pfähle im weinberg, beim kammertbau (seit den römern bis anfang des 20. jh. gebräuchliche methode der reberziehung) oder für gartenzäune genutzt. die blüten sind eine bienenweide und der kastanienhonig einer der besten. eines der wahrzeichen der region südliche weinstrasse, das hambacher schloss, wurde früher als keschteburg oder kästenburg bezeichnet.

ein nachhaltiger beitrag zur keschde

§. 33. Zu denen Eicheln und Eckern tragenden Bäumen fügen wir billich auch den Castanien-Baum / weil dessen Frucht auch glans oder Balnus genennet wird. Dieser Baum wächst in Italien / Frankreich / Engelland / Niederland / Ungarn / wie auch in Teutschland an Rheinstrom und gegen den Gräntzen des Welschlandes / in Herzogthum Crayn [slowenien] in großer Menge / und sind theils Orten ziemliche Wälder damit besetzet / zu grossen Nutzen der Besitzer / so gleichsam hievon eine zwiefache Ernde haben für Menschen und Viehe zu gebrauchen / wie denn auch im Meißner-Land hin und wieder dergleichen Bäume zufinden / auch theils Orten kleine Wäldlein seyn / denn man davor hält / daß wenn sie nicht allein / sondern etliche beysammen stehen / sie beßer ins Holtz und Früchte treiben / dahero zu bedauern / daß man in Pflantzung solcher nutzbaren Bäume nicht besser fortgefahren / indem man siehet / daß diejenigen / so hierzu Lande gepflantzet werden / die Luft / Kälte und Frost wohl vertragen / und des Climatis gewohnen / ob sie gleich nicht so große Früchte bringen / als in warmen Ländern. Jedoch muß man sie dem Nordwinde nicht allzu entgegen setzen. Den Nahmen führet dieser Baum von Castano einer Stadt in Magnesia oder wie etliche wollen / in Apulia, nicht weit von Tarento; nicht aber von castitate, weil plinius [der ältere] die Castanien den Fasten der Weiber zueignet / [‘naturalis historia’] lib. 15. c. 23. denn ihre Würckung ein anders ausweiset. Sie werden auch genennet Sardianæ nuces, und soll sie Jul. Cæsar von Sardis zu erst in Italien bracht haben / von dannen sie in andere Provinzien kommen / und könten also nach diesem Exempel gar wohl in unsere Ländern in Menge erzielet werden. Denn es kan wie schon gedacht / dieser Baum die kalte Luft und Gegend ziemlich vertragen / jedoch verschmähet er gelinde und laulichte auch nicht.

[…]

§. 35. Die Rinde des Castanien-Baumes ist schwärzlich und Aschen-Farb / das Holtz fest und der Fäulung wenig unterworfen. Die Blätter sind gekerbet mit vielen Aederlein / die Blüthe wollicht / und niederhangend mit gelbichten Blümlein / fast denen Zäpftlein an den Nuß-Bäumen ähnlich / worauf die Frucht in einer stachlichten Schalen folget. Es wächset dieser Baum sehr leichtlich und gerne / überkommt insgemein einen schönen Schafft / wird so groß als ein Eichen-Baum / und wächset in fünff oder sechs Jahren unterweilen so groß / daß er Früchte träget / giebt den Garten eine schöne Zierde / so wohl wegen des Gewächses als schönen Laubes.

[…]

§. 37 […] Auf großen Gebürgen / wo an Getreyde Mangel / hingegen aber Castanien wachsen / wenn solche gerathen / hat man sich keiner Hungers-Noth zu besorgen / denn die armen Leute solche vor Brod eßen / oder machen gar Mehl oder Brod draus. Wie man sie hierzu Lande in Pfannen oder fetten Gänsen brät / ist bekannt und ist eine Kost die nicht zu verachten.

hans carl von carlowitz, ‘sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche nachricht und naturmäßige anweisung zur wilden baum-zucht, […]‘, leipzig, 1713. → nachhaltigkeit / ‘sylvicultura oeconomica’

keschde als nahrungsmittel

die früchte gelten heute als spezialität, vom 16. bis 18 jh. waren sie im mittelmeeraum das hauptnahrungsmittel der ärmeren bevölkerung. der französische historiker emmanuel le roy ladurie sprach von einer „international de pauvreté et de la châtaigne“ (‚les paysans du languedoc‘, paris, 1966). die keschde war, in wärmeren regionen, die erste „kartoffel“ bzw. das tägliche brot:

Le blé n’est pas assurément la norriture de la plus grande partie due monde. […] Nous avons des provinces entières où les paysans ne mangent que du pain de châtaignes, plus nourrissant et d’un meilleur goût que ceux de seigle ou d’orge, dont tant de gens s’alimentent, et qui vaut beaucoup mieux que le pain de munition qu’on donne au soldat.

voltaire, ‚dictionnaire philosophique‘, (erstausgabe paris, 1764). zitiert nach éd. garnier, paris 1878. Weiterlesen