gartenbücher: orangeriekultur mit schmuddelwetter und in der hauptstadt des regens etc.

meine herrschaft, meine maîtresse en titre, meine orangerie … orangerien und die pflanzen, bzw. deren früchte, waren luxus. statussymbole der besitzer. südfrüchte kommen heute im container nach norddeutschland und werden im hamburger hafen oder in bremerhaven gelöscht. geerntet werden sie unreif, der reifeprozess wird für den transport unterbrochen, damit sie „frisch“ und zu jeder jahreszeit verfügbar in den regalen der supermärkte landen. orangen- und zitronenbäume im kübel findet man in historischen und botanischen gärten oder als urlaubserinnerung auf den terrassen der reihenhaussiedlungen. jeden herbst fragt sich der besitzer: wohin damit bis zur kalten sophie?

die goldenen „äpfel“ der hesperiden. die von theophrastos von eresos erwähnte citrus medica, die als erste citrus nach europa eingeführt wurde. und die bedeutungen des begriffs „orangerie“: „1. Ein Platz, ein Quartier im Garten, wo Orangenbäume aufgestellt sind. […]“; „2. Die Bezeichnung Orangerie für ein wie auch immer gebautes festes Gebäude, wurde erst um 1690 gebräuchlich. […] & „3. Zu Beginn stand der Begriff „Orangerie“ für eine botanische Sammlung verschiedener kälteempfindlicher Pflanzen, dazu gehörten Orangenbäume. […]“. in ersten beitrag des neue bandes der schriftenreihe des arbeitskreises orangeriekultur in deutschland e.v.,“nicht nur zur weihnachtszeit – orangerien in nordwest-deutschland“, gibt margita m. meyer (gartendenkmalpflege, landesamt für denkmalpflege schleswig-holstein) einen guten überblick über die geschichte der sammlung von exoten und ihrer unterbringung. meyer beschreibt auch die einflüsse aus italien, frankreich und den niederlanden. hier, in der republik der zeven verenigde provinciën, hat(te) es die orangeriekultur zur staatssymbolik gebracht, oranje. die handelswege im norden und die heiratspolitik des hauses oranje-nassau führten bereits im 17. jh. zu einer dutch wave: oranienbaum im heutigen gartenreich dessau-wörlitz, oranienburg bei berlin oder oranienstein an der lahn & neben bloembollen kamen gartenbücher mit dem nötigen know-how.

„Ein neblichtes und schlackriges Wetter“

die besten beschreibungen des norddeutschen schmuddelwetters hat der hamburger senator und gartenbesitzer barthold heinrich brockes geliefert. dieses wetter mit meeresklima hat seine tücken, gerade für mediterrane pflanzen. der band stellt orangerien der pfeffersäcke in den hansestädten hamburg und bremen, in der residenzstadt oldenburg, in ostfriesland und die sicherung des gewächshauses im botanischen garten greifswald vor.

und eine gärtnerei. geht man heute durch den jenisch park, die ehemalige ornamented farm von caspar voght, findet man noch das gewächshaus, das für die internationale gartenbauausstellung 1953 vorgängerbauten ersetzte. voght holte den schottischen gärtner james booth nach flottbek. die geschichte der gärtnerei und baumschule erzählt heino grunert (gartendenkmalpflege, behörde für umwelt und energie – amt für naturschutz, grünplanung und energie, hamburg): „die flottbeker baumschule von james booth und söhne“. gehölze, die rosa x alba ‚königin von dänemark‘ und der handel mit exoten. pflanzen als handelsprodukt.

die wahrscheinlich „schrägste“ orangerie, historismus pur, in norddeutschland, befindet sich in schwerin: nach einem spaziergang durch den ehemals barocken schlossgarten, von peter joseph lenné zum landschaftspark umgestaltet, ist das café im burggarten, auf der schlossinsel, die erste wahl. ein zweiflügeliger anbau an das schloss mit arkardengang und terrasse, blick auf den schweriner see inklusive. historismus und sahnetorte. neben den pflanzen im beet, verweisen einige kübel die auf ursprüngliche nutzung: eine orangerie. in ihrem text „orangeriepflanzen für den mecklenburg-schweriner hof“, gibt die landschaftsarchitektin katja pawlak einen überblick über die pflanzen und gebäude im 18. und 19. jh. in den residenzen ludwigslust und schwerin. schlossgärtner ralph schmalz schreibt über die entstehung der heutigen pflanzensammlung in schwerin.

bereits 1685 ist eine orangerie in schwerin nachgewiesen. der heutige bau geht auf die rückkehr des hofes aus ludwigslust in die neue, alte residenz schwerin zurück. unter friedrich franz II., grossherzog von mecklenburg, wurde das schloss marketingmässig als das „neuschwanstein des nordens“ bezeichnet, in den Jahren 1845 bis 1857 vom hofbaumeister georg adolph demmler, hermann willebrand und, aus preussen, friedrich august stüler umgestaltet. gottfried semper lieferte entwürfe für den neubau. 1853 enstand die orangerie am schloss im burggarten. bereits von demmler 1843 geplant ist sie das prunkstück der anlage. der burgarten ist das werk des hofgärtnermeisters theodor klett unter einbeziehung von entwürfen von demmler, semper und lenné. eisenarchitektur, freiteppen, arkaden und das dach der orangerie als begehbare terrasse.

semper? eine orangerie, über die leider kaum literatur existiert, fehlt auch in diesem band. gottfried semper, in hamburg geboren und in altona aufgewachsen, baute 1834 hier, im heutigen donnerspark in ottensen, sein erstes gebäude. für die skulpturensammlung des auftraggebers, conrad hinrich donner, enstand in dessen garten ein pavillon mit oktogonaler kuppel, einem gewächshaus und einer orangerie. für die gartenbauausstellung 1914 in altona wurde das gebäude zum café umgebaut. im 2. weltkrieg zerstört, fielen die reste in den 1950igern der grünflächenplanung der freien und abrissstadt hamburg zum opfer.

die südlichste orangerie im band, abgesehen von heizungen, befindet sich im münsterland:

„DE PLVVIIS MONASTERII VRBIS“

das münsterland ist ein regenloch. wetter das es in den niederlanden und ostfriesland über die deiche schafft, bleibt spätestens am teutoburger wald und dem sauerland hängen. „Patrium nimborum“ hat fabio chigi, päpstlicher gesandte bei den friedensverhandlungen während des dreissigjährigen krieges, münster genannt, die „hauptstadt des regens“. bekannt ist die gegend eher als „Vaterland‘ der Schinken, […] wo Schweinebohnen blühen“ (heinrich heine) als für exotische pflanzen im kübeln, die ein winterquatier benötigen.

kaffee trinken unter palmen nach einem botanischen spaziergang im schlossgarten. im winter ein blick durch die scheiben oder wenn gelüftet wird ohne glas durch die offenen fenster: irgendetwas blüht immer … die orangerie im botanischen garten ist eines der wenigen beispiele eines klassizistischen orangeriegebäudes. geschichte und vorgeschichte der heutigen orangerie beschreibt marcus weiß (gartendenkmalpflege, lwl – landschaftsverband westfalen-lippe).

von 1767 bis 1787 entstand das fürstbischöfliche schloss, vorher hatte die landesherren keine repräsentative residenz in der domstadt, nach plänen von johann conrad schaun. für den auftraggeber, fürstbischof maximilian friedrich von königsegg-rothenfels, entwarf schlaun nicht nur das schloss. der generalplan von 1769 zeigt auf der von fürstbischof christoph bernhard „bommen berend“ von galen ab 1661 angelegten zitadelle (eine zwingburg gegen die renitente bevölkerung, den magistrat und das domkapitel), im barocken schlossgarten neben parterres bereits eine orangerie. gebaut hat schlaun eine orangerie auf der anderen seite der stadtbefestigung für das mitglied des domkapitels und späteren weihbischofs von hildesheim, johann wilhelm von twickel. ein lustgarten auf der ehemaligen johannisschanze – twickelschanze, die heutige engelenschanze – existiert nur noch als plan (1729/31). dieser zeigt zwei nach holländischem typ geplante gebäude, orangerien, innerhalb der verteidigungswälle. eine weitere erhaltene orangerie von schlaun befindet sich im westgarten von schloss nordkirchen, dem münsterländer het loo. ab 1729 errichtet, im typischen schlaun’schen materialmix aus roten ziegeln und baumberger sandstein. doch zurück in den schlossgarten …

schlauns nachfolger wilhelm ferdinand lipper und der hofgärtner franz conrad haas konnte unter dem letzten regierenden fürstbischof maximilian franz von österreich nur eine reduzierte gestaltung des schlossgartens realisieren: die kosten … bereits ab 1788 war der schlossgarten für die bevölkerung zugänglich. 1797 wird an der neu gegründeten universität ein lehrstuhl für naturgeschichte eingerichtet und der arzt und botaniker franz wernekinck berufen. 1803 erfolgt per dekret, das ehemalige fürstbistum ist jetzt preussisch, von freiherr heinrich friedrich karl vom und zum stein, oberpräsidenten von westfalen, die gründung des botanische gartens im schlossgarten. wernekinck wird der erste direktor. für den übriggebliebenen, vernachlässigten teil des gartens erstellte 1854 peter joseph lenné ein gutachten zur umgestaltung in einen landschaftspark. die planung übernahm joseph clemens weyhe, königlicher garteninspektor in düsseldorf.

der bau der orangerie fällt in die amtszeit des gärtner bernhard revermann, der von 1817 bis 1869 für den botanischen garten und den schlosspark zuständig war. grosse teile wurden kommerziell genutzt: eine baumschule wird betrieben, und 1827 erscheint der erste samenkatalog. die orangerie ist über der eingangstür mit 1840 datiert. ein mit nach süden hin durch fenster beleuchteter und befüfteter langgestreckter bau mit krüppelwalmdach, und an den giebelseiten räume für die gärtner. ob es bereits citrus in kübeln gab oder eher vicia faba vorgezogen wurden?

die provenienz der pflanzen etc.

die geschichte der gartenkunst ist, wie alle geschichtsschreibung, eine geschichte der sieger. im falle der orangerien der sieger über die natur und das klima. fürsten, kaufleute und andere wohlhabende privatpersonen, die „blumen liebten“, gärten und parks anlegen liessen oder eben orangerien betrieben. (hof)gärtner und ihre mitarbeiter, deren namen selten bekannt sind, die es schafften exoten am leben zu erhalten und unter widrigsten umständen orangen und zironen in der küche abzuliefern. viel wird über die beheizung und belüftung der orangerie geforscht. fussnoten über die unbeheizten behausungen des personals findet man kaum. die pflanzen in der orangerie führten ein luxusleben. woher kamen die pflanzen? aus dem land wo die zitronen blühen: andenken an die grand tour, italiensehnsucht & pflanzentourismus. aus den kolonien: der warenverkehr des europäischen imperialismus. es wurde untereinander getauscht: welche politischen allianzen, bzw. gerade in hamburg und bremen, welche wirtschaftlichen verflechtungen und pleiten führten zur wanderung der pflanzkübel von orangerie zu orangerie? das thema orangeriekultur, abgesehen von der diskussion über das verhältnis von gartenkultur und architektur, wäre ein präzedenzfall zur erforschung der gartenkultur und -geschichte jenseits von süssen orangen & blümchen … sicherlich nicht ohne saure zitronen.

„orangeriekultur in bremen, hamburg und norddeutschland – transport und klimatisierung der pflanzen“, hrsg. vom arbeitskreis orangerien in deutschland e.v., schriftenreihe orangeriekultur bd. 15, 197 s., broschur, berlin: lukas verlag 2018, isbn 978-3-86732-315-4

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morus alba: leibniz, preussen, berlin-steglitz & westfälische wallhecken

Ich habe auch noch auff ein augmentum fundi bedacht, so mit der zeit hierzu dienen köndte. Nachdem ich nehmlichen endtlich Leute gefunden, die die Seide in diesem Nordischen Teutschland in copia zu zielen zu wege bracht, welche auch in allen arbeiten der Italianischen nicht weichet, in gewien fällen auch vorgehet. Diese Leute die wollen die pflanzung der weißen Maulbeerbäume [morus alba] ferner anlegen, wo ich es zu wege bringen wurde. Es kan land dazu genommen werden so man sonst wenig brauchet. Und der Ertrag solcher cultur zu der Bibliothec und studien in diesem Land gewidmet werden, und der anfang der kosten von gestämpelten papier kommen.

gottfried wilhelm leibniz, ‚leibniz für ein gespräch mit herzog anton ulrich [von braunschweig-wolfenbüttel] ‚, wolfenbüttel, februar 1704. zitiert nach ’sämtliche schriften und briefe‘, erste reihe, 23. band, berlin, 2013.

leibniz philosophierte nicht nur über blätter im garten → philosophische gespräche im garten … / ‘neue abhandlungen über den menschlichen verstand’ sondern regte seine gesprächspartnerin, sophie von der pfalz, zur anlage eine plantage zur produktion von maulbeerblättern an → die herrenhäuser gärten: der berggarten.

alte einzelbäume, reste von maulbeeralleen (wie z.b. die 1720 von karl III. philipp, kurfürst von der pfalz, zwischen heidelberg und dem dem schwetzinger schloss → schlossgarten schwetzingen: … angelegte)… bei gartenbesuchen und der recherche über historische gärten stösst man immer wieder auf morus nigra, die schwarze, und alba, die weisse maulbeere. die früchte der nigra sind perfekt z.b. für konfitüre. die blätter der alba als raupenfutter.

chinoiserie & forstwirtschaft

angeregt durch die lekture von marco polo und berichten von ersten missionaren, kam es anfang des achtzehnten jahrhunderts zu einer china mode. zwei luxus produkte, neben den obligastorischen pagoden in gärten, waren unentbehrlich: porzellan & seide. das import-problem mit dem porzellan wurde von johann friedrich böttger und ehrenfried walther von tschirnhaus im meissen gelöst (cf. → eine kindheitserinnerung, botanische chinoiserie …). die fütterung des bombyx mori / seiden- oder maulbeerspinners stellte ein botanisches bzw. gärtnerishes problem da. die raupen spinnen sich in kokons aus seide ein, die dann durch abhaspeln, aufwickeln, des pfadens gewonnen wird. bis zur verpuppung fressen sie nur blätter. blätter der moros alba / weissen maulbeere. Weiterlesen

… von herrn pastor sien gaoren, jau, jau …

... von herrn pastor sien gaoren, jau, jau ...

[…]Der Pastoratsgarten fristet ein Schattendasein. Selten wird er in Stellenausschreibungen erwähnt. Kaum vorstellbar, dass eine Gemeinde für sich wirbt mit der Passage: „Wir suchen einen Pastor, der die Lust und Liebe mitbringt, sich um die Pflege des Pfarrgartens zu kümmern.“ Geschweige denn: „Wir suchen eine Pastorin mit landwirtschaftlichen Vorkenntnissen. Bauerstöchter werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt.“

Der Pfarrgarten, neben den pfarrlandwirtschaftlichen Flächen, einst Hauptnahrungsquelle der Pastorenfamilie, ist meist aus Zeitgründen zur Nebensache geworden. Aus dem sorgfältig gepflegten geistlichen Grün, einst das A und O des pastörlichen Arbeitstages wurde oft ein ABC-Garten. Asphalt, Beton und Cotoneaster plus Einheitsrasen.

Es ist dem Buch „Historische Pfarrhöfe und Pastoratsgärten“ von Bernd Wendland zu verdanken, dass der Pfarrgarten wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit treten kann. Am Anfang stand dabei die Idee der Nordelbischen Kirche [seit 2012 Ev.-Luth. Kirche in Norddeutschland], eine einfache Handreichung für Gemeinden herauszugeben, wie sie die historischen Gärten in Zukunft schützen und pflegen könnten. Wendland sollte die noch bestehenden historischen Pfarrgärten, dabei wurde vornehmlich an repräsentative Ziergärten und Parks gedacht, dokumentieren.

Dem Agraringenieur wurde sehr schnell bewusst, dass solche „Lustgärten“ eher die Seltenheit waren und, da meistens nicht gepflegt, auch bleiben würden. Vier Jahre Forschungsarbeit steckte Wendland in das Buch, das wegen der Fülle an Informationen, noch dazu unterhaltsam geschrieben, von einem Kritiker zum Standardwerk, dem „Wendland“, gekürt wurde.

„Der Garten war immer nur ein kleiner Teil des landwirtschaftlichen Pfarrbetriebs“, so Wendland. Der Pfarrer musste seit den Tagen der Reformation zur Sicherung seiner Existenz als Leiter eines landwirtschaftlichen Betriebs, des Pfarrhofs, arbeiten, und konnte sich weniger als Liebhaber seltener Zierblumen betätigen. Die Pastoren brachten teilweise einschlägige Erfahrungen in diesen Dienst ein, der neben der Landwirtschaft, Gartenbau, Fischwirtschaft und Imkerei umfasste. Entweder stammten sie selbst „vom Hof“ oder wussten als Pfarrerssöhne, was sie erwartete.

Hier ragt als Beispiel Philip Ernst Lüders hervor, der seine landwirtschaftlichen Erfahrungen auf dem Hof seines Großvaters in Satrup in Angeln sammelte.

Wenn in diesem Tagen der 250. Jahrestag des „Kartoffel-Befehls“ Friedrich II. von Preußen, der den Anbau der Knolle im sandigen Brandenburg befahl, gefeiert wird, darf auch die Erwähnung des „Kartoffel-Propsten“ Philip Ernst Lüders (1702 – 1786) aus Glücksburg nicht fehlen.

Lüders ist zu verdanken, dass die amerikanische Knollenfrucht ihren Siegeszug zumindest durch nordelbische Küchen antreten konnte. Der deshalb „Kartoffel-Propst“ genannte Lüders, ein Aufklärer und seltenes „Original“, überzeugte die Bauern über die Vorzüge der „Potate“ oder „Cartoffel“, die zunächst wegen der giftigen Beeren meinten „die Potatos-Frucht sey nichts für Menschen, wer könnte selbige essen?“.

Wer im geistlichen Stande lebt, von dem glaubt der Landmann im Voraus, daß er von dem Ackerbau eben nicht viel verstehen müsse.*

Die Bauern betrachteten die aufklärerische Tätigkeit Lüders mit Argwohn, ebenso die pietistisch geprägte Kirchen-Obrigkeit, denen Lüders sich zu viel mit landwirtschaftlichen Fragen abgab, als mit geistlichen Dingen. Für Lüders bildeten beide Bereiche eine Einheit, und so trat der „praktische Christ“ auch vehement für die Aufhebung der Leibeigenschaft ein.

Man suchte, mir ein Theil meiner Mithelfer zu entreißen. Der Vorwand war: Es gezieme denselben nicht, sich mit dem Ackerwesen abzugeben.*

Durch seine Erfolge in der landwirtschaftlichen Anbauverbesserung und der Einführung von Klee, Lein, Korbweiden und verschiedenen Obstsorten bewies Lüders zumindest den Bauern und dem dänischen Hof, dass er, der Pastor, ein ernstzunehmender Gesprächspartner war, der etwas von der Sache verstand.

Das führte 1762 zur Gründung der „Königlich Dänischen Acker-Academie“ in Glücksburg unter dem Motto „Niemand für sich, ein jeder für alle“. Hier im Pastorat reiften die Pläne, die später zur Einrichtung landwirtschaftlicher Schulen im Lande führten.

Wendland bettet das Portrait von Lüders und seiner Amtsbrüder ein in den kulturellen und geschichtlichen Zusammenhang ihrer Zeit. Wer sich eingehender mit der Sozial-, Kultur-, und Pfarrgeschichte und Fragen zu Ökologie und Ökonomie befassen will, der findet in dem „Wendland“ reichlich Stoff und Anregung. Und möglicherweise auch – lernen von den Alten – den Einstieg in eine jahrhundertelang bewährte und geerdete Form pfarrherrlicher Entfaltungsmöglichkeit.

An ausführlich dokumentierten Beispielen, […], können Gemeinden Anregungen sammeln, wie sie, zum Beispiel durch die einfache Pflanzung einer Streuobstwiese, ihren monotonen Rasengarten wiederbeleben können.

Bernd Wendland: Historische Pfarrhöfe und Pastoratsgärten – Ein Buch für Geistliche, Historiker, Landwirte, Natur- und Gartenfreunde, Verlagsgruppe Husum 2004.

dietrich kreller

der text erschien zuerst 2006 in der ’nordelbischen kirchenzeitung‘. [danke an den autor für die erlaubnis zum „wiederabdruck“.]

* philipp ernst lüders, zitiert nach berthold hamer, ‚glücksburger biografien‘, verlagsgruppe husum, 2010

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augustin wibbelt (1862 – 1947)

eine katholischer pastor aus dem münsterland und sein garten am niederrhein:

wibbelt_garten   pastor im garten, lesend. die romantische vorstellung …

der münsterlander priester und mundartdichter betitelte seinen 1912 erschienen gedichtband ‚pastraoten-gaoren‚:

Es waren herrliche, sonnige Septembertage, und ich schaute sehnsüchtig hinaus in den Garten, bis es mir einfiel zu dichten.

seine lebenserinnerungen erschienen 1946 unter dem titel ‚der versunkene garten‚.

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gemeinschaft ‚dinge, die ein evangelischer pfarrer nicht sagt‚ auf facebook.

dinge_garten_zens

gartenpolitik: jardin à la française vs english landscape garden

In der höfischen Gesellschaft des französischen Absolutismus ist die Einstellung zur „Natur“ und das Bild, das man sich von der „Natur“ macht, oft der Ausdruck einer symbolischen Opposition gegen die Zwänge der Königsherrschaft und des Königshofes, die unentrinnbar geworden sind, – einer Opposition, die sich zu Lebzeiten Ludwigs XIV. Und auch später nur flüsternd und in symbolischer Verkleidung äußern konnte.

[Louis de Rouvroy, duc de] Saint-Simon macht einmal bei der Schilderung der Versailler Gärten, die er geschmacklos nennt, eine Bemerkung, die für solche Zusammenhänge recht aufschlussreich ist:

„Es war dort dem König, so schreibt er [in Les Mémoires du duc de Saint Simon], ein Vergnügen die Natur zu tyrannisieren und sie mit dem Angebot von Kunst und Geld zu bändigen… Man fühlt sich durch den Zwang der überall der Natur angetan ist, angewidert.“

… Die zitierte Bemerkung zeigt im kleinen das Große; sie beleuchtet den Zusammenhang von Herrschaftsstruktur auf der einen, Parkarchitektur und Naturempfinden auf der anderen Seite…

… Die Kronen der Bäume und die Sträucher müssen so zugeschnitten werden, daß jede Spur des unordentlichen, unkontrollierten Wachstums verschwindet. Die Wege und Beete müssen so angelegt sein, daß der der Aufbau der Gärten die gleiche Klarheit und Eleganz der Gliederung zeigt wie der Aufbau der königlichen Gebäude. Hier, in der Architektur der Bauten und Gärten, in der vollkommenen Bändigung des Materials, in der absoluten Übersehbarkeit und Ordnung des Gebändigten, in der vollkommenen Harmonie der Teile der Teile in Ganzen, in der Eleganz der bewegten Ornamentierung, die das Gegenstück zur Eleganz der Bewegungen des Königs und der höfischen Herren und Damen überhaupt bildet, in der einzigartigen Größe und Ausdehnung der Bauten und Gärten, die abgesehen von allen praktischen Zwecken auch der Selbstdarstellung der Königlichen Macht dient, findet man vielleicht eine vollkommenere Annäherung an die Ideale des König als in seiner Kontrolle und Bändigung der Menschen… [Saint-Simons] Geschmack neigt mehr der englischen Garten- und Parkgestaltung zu, die dem Eigenwachstum der Sträucher, der Bäume und Blumen erheblich freieren Spielraum läßt und die auch dem Geschmack von Oberschichten einer Gesellschaft entspricht, in der die Könige und ihre Repräsentanten auf die Dauer nicht in der Lage waren, ein autokratische oder absolutistische Herrschaft zu errichten.

 norbert elias, die höfische gesellschaft

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zur „ symbolischen opposition“ bei der gestaltung englischer gärten während der glorius revolution und beim wechsel von den stuarts zu den hannoveranern auf dem thron cf. tim richardson, the arcadian friends. inventing the english landscape garden.

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Komplementär zur Komplexität des Barockgartens war der Landschaftsgarten von inneren Widersprüchen geprägt, die sein Bild poröser werden lassen, als die malerischen Bilder seiner Selbstinzenierung suggerieren. Als liberaler Freiheitsraum entfaltet, in dem sich enttäuschte Whigs und traditionell oppositionelle Tories zur Country-Party zusammenschlossen, besaß er zugleich den Charakter einer insulären Abschnürung.

Seine Stärke war der großartige Schein einer entgrenzenden Geltung, wie ihn etwa der Garten von Stourhead vorführt. Das Fehlen von Grenzen wirkte als Symbol eines universelen Anspruchs, im Landschaftsgarten die Natur in idealer Form begreifen zu Können: grenzfrei und versöhnt mit sich und der Umgebung.Wenn die Landschaftsgärten das Prinzip individueller und gemeinschaftlicher Freiheit im Medium einer unbeschnittenen Natur zur Erscheinung bringen sollten, so geschah dies als eine scheinbare Aufhebung der Grenzen. … William Kent, so formulierte es der unermüdliche Verfechter des Landschaftsgartens Horace Walpole, „ übersprang den Zaun und sah, dass alle Welt ein Garten war.“

Der Zwiespalt begann jedoch bei den Besitzverhältnissen. Das Ideal der patriarchalisch-gemeinschaftlichen Nutzung, wie es etwa durch John Milton gefordert war, hatte den Preis der enclosure act, in denen Großflächen durch Enteignung entstanden. … Der Landschaftsgarten lebte im Widerspruch, einerseits als ein unbegrenztes Modell aufzutreten, andererseits aber die Distanz gegenüber dem außerhalb Gegebenen wahren und damit ein Inseldasein behaupten zu müssen.Die Vielfalt der englischen Landschaft spaltete sich im 18. Jahrhundert in die kurvige Form der Landschaftsgärtner und die Linienzüge der Landwirtschaft.

Zur Kehrseite der Utopie scheinbar grenzfreier Gärten gehörte auch die imperiale Überzeugung der Mehrzahl ihrer Anhänger.

 horst bredekamp, leibniz und die revolution der gartenkunst. herrenhausen, versailles und die philosophie der blätter