gartenbücher: orangeriekultur mit schmuddelwetter und in der hauptstadt des regens etc.

meine herrschaft, meine maîtresse en titre, meine orangerie … orangerien und die pflanzen, bzw. deren früchte, waren luxus. statussymbole der besitzer. südfrüchte kommen heute im container nach norddeutschland und werden im hamburger hafen oder in bremerhaven gelöscht. geerntet werden sie unreif, der reifeprozess wird für den transport unterbrochen, damit sie „frisch“ und zu jeder jahreszeit verfügbar in den regalen der supermärkte landen. orangen- und zitronenbäume im kübel findet man in historischen und botanischen gärten oder als urlaubserinnerung auf den terrassen der reihenhaussiedlungen. jeden herbst fragt sich der besitzer: wohin damit bis zur kalten sophie?

die goldenen „äpfel“ der hesperiden. die von theophrastos von eresos erwähnte citrus medica, die als erste citrus nach europa eingeführt wurde. und die bedeutungen des begriffs „orangerie“: „1. Ein Platz, ein Quartier im Garten, wo Orangenbäume aufgestellt sind. […]“; „2. Die Bezeichnung Orangerie für ein wie auch immer gebautes festes Gebäude, wurde erst um 1690 gebräuchlich. […] & „3. Zu Beginn stand der Begriff „Orangerie“ für eine botanische Sammlung verschiedener kälteempfindlicher Pflanzen, dazu gehörten Orangenbäume. […]“. im ersten beitrag des neue bandes der schriftenreihe des arbeitskreises orangeriekultur in deutschland e.v.,“nicht nur zur weihnachtszeit – orangerien in nordwest-deutschland“, gibt margita m. meyer (gartendenkmalpflege, landesamt für denkmalpflege schleswig-holstein) einen guten überblick über die geschichte der sammlung von exoten und ihrer unterbringung. meyer beschreibt auch die einflüsse aus italien, frankreich und den niederlanden. hier, in der republik der zeven verenigde provinciën, hat(te) es die orangeriekultur zur staatssymbolik gebracht, oranje. die handelswege im norden und die heiratspolitik des hauses oranje-nassau führten bereits im 17. jh. zu einer dutch wave: oranienbaum im heutigen gartenreich dessau-wörlitz, oranienburg bei berlin oder oranienstein an der lahn & neben bloembollen kamen gartenbücher mit dem nötigen know-how.

„Ein neblichtes und schlackriges Wetter“ Weiterlesen

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gartenbücher (wildobst: pflanze „wild“ und dornig)

ein gang durch einen supermarkt: glatte, gewachste oberflächen; keine variation in der grösse; süss, viel zu süss, bloss keine säure … wenn food designer obstsorten züchten. flug- und seemeilen im container inklusive. zu jeder jahreszeit verfügbar.

ein spaziergang durch eine kulturlandschaft mit wallhecken oder knicks: blüten im frühjahr, schatten im sommer & früchte im herbst. nicht unbedingt wild aber häufig dornig …

wild ?!

in der anglo-amerikanischen diskussion über gärten erlebt william robinson’s ‚the wild garden‘ gerade eine renaissance (deutsche übersetzung? fehlanzeige …). in deutschsprachigen raum bleibt der diskurs über „natur“ & „wild“, karl foerster nannte es wildnisgartenkunst, meist in purem romantizismus stecken oder man landet bei einem fragwürdigen vokabular wie dem von willy lange, dessen naturgartenidealismus und die propagierung von „einheimischen pflanzen“ sehr kompatibel mit nationalsozialistischen vorstellungen war … und überhaupt: was ist wild? viele heute als „einheimisch“ klassifizierte gewächse sind verwilderte pflanzen, die u.a. von den römern über die alpen gebracht wurden. es steckt viel gartenkultur in der „wilden“ „natur“.

ina sperl, die regelmässig in der frankfurter allgemeinen & im kölner stadt-anzeiger über gartenkultur, gärtner, pflanzen & den eigenen garten schreibt, gibt mit ‚wildobst: schlehe, hagebutte und co. für meinen garten‘ einen einblick in den artenreichtum des wilden obstes. ‚wildobst‘ bleibt nicht, wie viele bücher aus der rubrik „ratgeber“, im seichten das-ist-aber-lecker-do-it-yourself stecken. ein nachschlagewerk mit ihren „40 besten wildobstarten“, tipps für die gartenarbeit und einigen botanischen entdeckungen für den leser. naschkram für hecken, grosse und kleine gärten und den kübel. Weiterlesen

kreütter, hieronymus bock, hornbach

Alleyn ist das unser fürhabende arbeyt / das wir die Gewechß / als kreütter / wurtzel blumen und samen / so zům mererheyl eyn zeitlang verdunckelt bliben / herfürbringen / wider auß streichen / unnd yederman die selbigen zu erkennen geben / mit darstellung allerirer würckung. Erstlich / wie eyn yedes seiner art und geschlecht nach auffwachß / wie es blüe / und besame zů welcher zeit im jar / unnd in welcherley erdstrich eyn yedes am besten zů finden seie. Nach diser abmalung und der gewechßdarstellung / haben wir auch die ersten alten und gegründete namen der selbigen auß den Griechischen / Lateinischen / unnd Arabischen büchern stückwerck so vil müglich zůsamen getragen. Darzů auch die Teütschen namen / umb der Teutschen willen / denen diß buch zů liebnuß geschriben / zů orderst gesetzet. […] Zůletst aller gesetzter kreütter natur und art wie eyn yedes innerlich uń ausserhalb des leib zů geniessen sei / nach der leer der alten / als Nicandzi [nikandros aus kolophon] / Dioscor[ides] und Theoph[rastos] auch was wir selbs erfaren haben.

hieronymus bock, ’new kreütter buch von underscheydt, würckung und namen der kreütter so in teütschen landen wachsen ; auch der selbigen eygentlichem und wolgegründtem gebrauch in der artznei, zu behalten und zu fürdern Leibs gesuntheyt fast nutz und tröstlichen, vorab gemeynem verstand‘, strassburg, 1539.

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gedenkstein für hieronymus bock  in hornbach am ehemaligen kloster hornbach. porträt von david kandel.

schlossgarten schwetzingen: „lehrreich und gleichsam enzyklopädisch“

Besonders lehrreich und gleichsam enzyklopädisch wirkt hier ein Garten im Übergang vom Rokoko zur englischen Anlage: der schönste, der Schwetzinger Schlossgarten. Neben Schilfseen und Urnen wollte hier das Gedächtniswürdige der Welt in Attrappen und Fassaden zusammengetragen werden, ein grüner Schausaal. Aber ein Schausaal, der wiederum nur geäußerte Stimmungen und Wunschbilder zeigte, eine natürliche Schatzkammer aus lauter künstlichen und sentimentalen Schätzen. Grüner Taxus und weiße Götter, Volière und verschwiegenes Badehaus, Apollotempel und Moschee – all diese Wunschbauten frühester Montage sind vereinigt. Es findet sich ein Tempel des Merkur, einer der Minerva (mit unterirdischer Kammer als Kultraum der ‚Weisheit‘), eine künstliche Ruine, ein Tempel der Botanik und ein römisches Wasserkastell – alle aus dem Theater des Barock und Rokoko in den offenen Park übertragen. Das war der Lustgarten großer Herren, der Raum höfischer Naturfeste und Promenaden, doch ebenso liegt bleibend der Hauch einer Phantastischen Entführung und Entlegenheit darüber. Die Arie der Susanne aus ‚Figaros Hochzeit‘ wohnt genau in dieser Gegend, der Adel mozartscher Musik klingt in solchen Gärten dicht neben einer Extravaganz, die aus Geschichte, Mythologie, fremden Zonen ihr sentimentales und kurioses Panorama macht. Selbst Voltaire schrieb 1768 an Collini über den schönsten dieser Parks: „Ich will, bevor ich sterbe, noch einer Pflicht genügen und einen Trost genießen: ich will Schwetzingen wiedersehen, dieser Gedanke beherrscht meine ganze Seele.“ Und unter all den Baumasken, mit denen solche Gärten versehen waren, fehlte ständig eine einzige, die der Kirche. Statt dessen eben sollte Arkadien versinnlicht oder versinnbildlicht sein: im Barockgarten ein Arkadien mit Kuriosität, im englischen Garten eines mit Zephyr, Mondsichel und Nocturno.

ernst bloch, ’schlossgarten und die bauten arkadiens‘, geschrieben im exil in den usa 1938 – 47, in ‚das prinzip hoffnung‘, zuerst in 3 bänden in leipzig, 1954 – 59, erschienen. westdeutsche ausgabe: frankfurt/m., 1959.

1350 ist erstmals eine feste erwähnt. nach dem dreissigjährigen krieg wird das zerstörte schloss unter dem sohn des winterkönigs karl I. ludwig, pfalzgraf bei rhein und kurfürst von der pfalz, ab 1656 wieder aufgebaut. während des pfälzischen erbfolgekriegs (1688–1697) wieder zerstört, fängt man neu an: kurfürst johann wilhelm – für düsseldorfer: jan wellem, herzog von jülich-berg – lässt das schloss neu bauen. nach der zerstörung des heidelberger schlosses – und des hortus palatinus von salomon de caus – wird unter kurfürst carl III. philipp mannheim die hauptresidenz. ab 1718 lässt der kurfürst in schwetzingen einen lustgarten anlegen. 1720 wird schwetzingen offiziell jagd- und sommerresidenz. wie das bei veränderungen so ist, sind nicht alle begeistert. liselotte von der pfalz, tochter von karl I. ludwig, die 1671 mit dem bruder von ludwig XIV., dem herzog von orléans, verheiratet wurde und für den französischen könig der vorwand zum pfälzischen erbfolge- oder orléansschen krieg war, beklagt sich aus frankreich über den garten ihrer kindheit:

Es ist schad, daß man den Garten weg getan; zudem in der lebendigen Hecke, so längs dem Graben war, waren eine große Menge von Nachtigallen, so die ganze Nacht sungen im Frühling. Wo ist aber das artige, klare Bächelchen hingekommen, so durch den Garten floß und bei welchem ich so oft auf einem umgeworfenen Weidenbaum gesessen und gelesen? Die Bauersleute von Schwetzingen und Oftersheim standen um mich herum und plauderten mit mir, das divertierte mich mehr als die Herzoginnen im Cercle. Aber wie bauet man so liederrlich nun, daß ganze Galerien abfallen? […] Ich glaube, wenn ich Mannheim, Schwetzingen oder Heidelberg wiedersehen sollte, glaube ich, daß ich es nicht würde ausstehen können und vor Tränen vergehen müßte.

liselotte von der pfalz, duchesse d’orléans, an luise raugräfin zu pfalz, st.cloud, 24/11/1718.

1742 wird karl theodor kurfürst und lässt das schloss und den garten erweitern. es entsteht der „heutige“ garten. 1777 erbt karl theodor das herzogtum bayern und verlegt die residenz nach münchen. am mannheimer bzw. schwetzinger hof von karl theodor lebte auch sein nachfolger, der spätere bayerische könig maximilian I. joseph mit seiner famile. eine weitere, elegische, kindheitserinnerung seines sohnes an den garten:

Dich vergesse ich nicht, die du Aufenthalt warst meiner Kindheit,
Pfalz! Und auch, Pfälzer, euch nie; ich liebe euch, die ihr mich liebt.
[…]
Wiederum sehe ich mich in Schwetzingens Garten mit meiner
Mutter, der besten, die’s gab, die unvergeßlich mir ist,
Liebliche Stelle, woselbst das Mahl wir, das ländliche, nahmen,
Vor dem Hügel, auf dem raget der Tempel Apoll’s,
Oft betrat ich dich wieder, allein fast übrig von Allen.
Was ich damals gefühlt, fühle ich minder nicht jetzt.
O Erinnerung jener zu eilig entschwundenen Tage!

ludwig I., ‚erinnerung an meine frühe lebeszeit‘, 1809 in ‚gedichte des königs ludwig von bayern‘, dritter theil. 4 bände, münchen,1829 bis 1847.

1803 wird die rechtsrheinischen kurpfalz durch die napoleonische neuordnung und den reichsdeputationshauptschluss badisch.

gärtner, architekten & ein bildhauer

fünf persönlichkeiten haben den garten geprägt und ihn zu einem musterbeispiel für die gestalterischen veränderungen der gärten im 18. jh bis zum 19. jh. gemacht. vom barocken parterre über bosketts zum englischen landschaftsgarten. Weiterlesen

keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, lat.: castanea sativa)

botanisch ist die castanea sativa mill. ein buchengewächs / fagaceae. ob nun als ess- oder edelkastanie bezeichnet, in südtirol keschtn, wird sie hier nur pfälzisch keschde genannt. carl von linné bezeichnet sie als ‚fagus castanea‘ (’species plantarum‘, 1753).1768 beschreibt philip miller, von 1722 bis 1770 curator des chelsea physic garden, die keschde als ‚castanea sativa‘, sie erhält sein botanisches kürzel mill. (‚the gardeners dictionary, 8. auflage). bereits theophrastos von eresos, der als erster dendrologe und forstwissenschaftler gilt, erwähnt die keschde als εὐβοική (euboikḗ sc. karýa), euböische nüsse, nach der insel euböa (‘historia plantarum’, 1,11,3). der baum wurde von den römern, zusammen mit dem wein, aus dem östlichen mittelmeer und schwarzmeerraum über die alpen gebracht. nicht zu verwechseln mit der aesculus hippocastanum / rosskastanie, die mit der keschde nicht einmal verwandt ist. diese wurde erst 1576 in wien von carolus clusius angepflanzt.

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die wälder der haardt, einem ca. 300 km langer mittelgebirgzug am ostrand des pfälzerwaldes, bestanden vor dem eingeifen des menschen hauptsächlich aus eichen, buchen und kiefern. ab dem 1. jh. n. chr. kamen mit den römern die keschde hinzu. die keschde bilden heute am ostfuss der haardt grosse bestände, und die weinberge gehen hier direkt in keschde-wälder über. castanea sativa und vitis vinifera sind aufeinander abgestimmt: „wenn´s keschde gibt, gibt´s auch woi“. die bestände entlang der haardt, ca, 2.000 ha, gehören zu einem weitaus grösserem edelkastanienbestand am oberrheingraben: ca. 4.000 ha. im elsass und rechtsrheinisch nochmals ca. 3.300 ha im ortenaukreis. keschde satt an den ausläufern des pfälzerwaldes, der vogesen und des schwarzwaldes. das stammholz wurde u.a. für weinfässer, die stockausschläge für pfähle im weinberg, beim kammertbau (seit den römern bis anfang des 20. jh. gebräuchliche methode der reberziehung) oder für gartenzäune genutzt. die blüten sind eine bienenweide und der kastanienhonig einer der besten. eines der wahrzeichen der region südliche weinstrasse, das hambacher schloss, wurde früher als keschteburg oder kästenburg bezeichnet.

ein nachhaltiger beitrag zur keschde

§. 33. Zu denen Eicheln und Eckern tragenden Bäumen fügen wir billich auch den Castanien-Baum / weil dessen Frucht auch glans oder Balnus genennet wird. Dieser Baum wächst in Italien / Frankreich / Engelland / Niederland / Ungarn / wie auch in Teutschland an Rheinstrom und gegen den Gräntzen des Welschlandes / in Herzogthum Crayn [slowenien] in großer Menge / und sind theils Orten ziemliche Wälder damit besetzet / zu grossen Nutzen der Besitzer / so gleichsam hievon eine zwiefache Ernde haben für Menschen und Viehe zu gebrauchen / wie denn auch im Meißner-Land hin und wieder dergleichen Bäume zufinden / auch theils Orten kleine Wäldlein seyn / denn man davor hält / daß wenn sie nicht allein / sondern etliche beysammen stehen / sie beßer ins Holtz und Früchte treiben / dahero zu bedauern / daß man in Pflantzung solcher nutzbaren Bäume nicht besser fortgefahren / indem man siehet / daß diejenigen / so hierzu Lande gepflantzet werden / die Luft / Kälte und Frost wohl vertragen / und des Climatis gewohnen / ob sie gleich nicht so große Früchte bringen / als in warmen Ländern. Jedoch muß man sie dem Nordwinde nicht allzu entgegen setzen. Den Nahmen führet dieser Baum von Castano einer Stadt in Magnesia oder wie etliche wollen / in Apulia, nicht weit von Tarento; nicht aber von castitate, weil plinius [der ältere] die Castanien den Fasten der Weiber zueignet / [‘naturalis historia’] lib. 15. c. 23. denn ihre Würckung ein anders ausweiset. Sie werden auch genennet Sardianæ nuces, und soll sie Jul. Cæsar von Sardis zu erst in Italien bracht haben / von dannen sie in andere Provinzien kommen / und könten also nach diesem Exempel gar wohl in unsere Ländern in Menge erzielet werden. Denn es kan wie schon gedacht / dieser Baum die kalte Luft und Gegend ziemlich vertragen / jedoch verschmähet er gelinde und laulichte auch nicht.

[…]

§. 35. Die Rinde des Castanien-Baumes ist schwärzlich und Aschen-Farb / das Holtz fest und der Fäulung wenig unterworfen. Die Blätter sind gekerbet mit vielen Aederlein / die Blüthe wollicht / und niederhangend mit gelbichten Blümlein / fast denen Zäpftlein an den Nuß-Bäumen ähnlich / worauf die Frucht in einer stachlichten Schalen folget. Es wächset dieser Baum sehr leichtlich und gerne / überkommt insgemein einen schönen Schafft / wird so groß als ein Eichen-Baum / und wächset in fünff oder sechs Jahren unterweilen so groß / daß er Früchte träget / giebt den Garten eine schöne Zierde / so wohl wegen des Gewächses als schönen Laubes.

[…]

§. 37 […] Auf großen Gebürgen / wo an Getreyde Mangel / hingegen aber Castanien wachsen / wenn solche gerathen / hat man sich keiner Hungers-Noth zu besorgen / denn die armen Leute solche vor Brod eßen / oder machen gar Mehl oder Brod draus. Wie man sie hierzu Lande in Pfannen oder fetten Gänsen brät / ist bekannt und ist eine Kost die nicht zu verachten.

hans carl von carlowitz, ‘sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche nachricht und naturmäßige anweisung zur wilden baum-zucht, […]‘, leipzig, 1713. → nachhaltigkeit / ‘sylvicultura oeconomica’

keschde als nahrungsmittel

die früchte gelten heute als spezialität, vom 16. bis 18 jh. waren sie im mittelmeeraum das hauptnahrungsmittel der ärmeren bevölkerung. der französische historiker emmanuel le roy ladurie sprach von einer „international de pauvreté et de la châtaigne“ (‚les paysans du languedoc‘, paris, 1966). die keschde war, in wärmeren regionen, die erste „kartoffel“ bzw. das tägliche brot:

Le blé n’est pas assurément la norriture de la plus grande partie due monde. […] Nous avons des provinces entières où les paysans ne mangent que du pain de châtaignes, plus nourrissant et d’un meilleur goût que ceux de seigle ou d’orge, dont tant de gens s’alimentent, et qui vaut beaucoup mieux que le pain de munition qu’on donne au soldat.

voltaire, ‚dictionnaire philosophique‘, (erstausgabe paris, 1764). zitiert nach éd. garnier, paris 1878. Weiterlesen

tea time: Τσάι του βουνού

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von unserer nachbarin gesammelt: sideritis / griechischer bergtee (Τσάι του βουνού, tsái tou vounoú) oder eisenkraut. hier wahrscheinlich sideritis athoa (nach dem griechischen Άθως, Àthos; im griechenland meist Άγιον Όρος, Ágion Óros, ‚heiliger berg‘) aus makedonien. im mittelmeergebiet sind ca. 80 sideritis-arten heimisch, grösstenteils endemisch (von altgriechisch ἔνδημος, éndēmos‚ einheimisch). sideritis wird bereits in der antike von dem griechischen philosophen und naturforscher theophrastos von eresos (Περὶ φυτῶν ἱστορία, peri phyton historia, lat. ‚historia plantarum‘, ca. 350 bis 287 v. chr.) und dem arzt und pharmakologen pedanios dioscurides (Περὶ ὕλης ἰατρικῆς, peri hules iatrikēs, lat. ‚materia medica‘, ca. 50 bis 70 n. chr.) erwähnt. auf der peloponnes kommt haupsächlich sideritis clandestina vor, das pflücken ist jedoch seit den waldbränden 2007 verboten. in deutschen gärtnereien ist zumeist sideritis syriaca, kretischer bergtee oder syrisches gliedkraut, für  mediterrane kräuterbeete, trockenmauern oder steingärten zu bekommen.

tea time: manchmal mit einer zimtstange aufgekocht, honig und ungesüsstem zwieback …

boswellia sacra / weihrauch und commiphora myrrha / myrrhe oder 20*C+M+B+14

Gegen Südwesten, am erythräischen [roten] Meere, liegt das schöne Land der Joctaniden, Yemen: fruchtbar und ackerbauend, der alte Cultursitz von Saba. Es erzeugt Weihrauch ( lebonah der Hebräer, vielleicht Boswellia thurifera Colebr.) 760, Myrrhe (eine Amyris-Art, von Ehrenberg zuerst genau beschrieben) […]: Gegenstände eines wichtigen Handels der Nachbarvölker; verführt zu den Aegyptern, Persern und Indern wie zu den Griechen und Römern. Auf diese Erzeugnisse gründet sich die geographische Benennung des „glücklichen Arabiens“, welche wir zuerst bei Diodor und Strabo finden.

760) Der Baum, welcher den arabischen, seit der urältesten Zeit berühmten Weihrauch von Hadhramaut giebt (auf der Insel Socotora fehlt derselbe ganz), ist noch von keinem Botaniker, selbst nicht von dem mühsam forschenden [christian gottfried] Ehrenberg, aufgefunden und bestimmt worden. In Ostindien findet sich ein ähnliches Product, vorzüglich in Bundelkhund, mit welchem von Bombay aus ein beträchtlicher Handel nach China getrieben wird. Dieser indische Weihrauch wird nach [henry thomas] Colebrooke ( Asiatic Researches Vol. IX p. 377) von einer durch] [william] Roxburgh bekannt gewordenen Pflanze: Boswellia thurifera oder serrata, aus der Familie der Burseraceen von Kunth, gewonnen. Da wegen der ältesten Handelsverbindungen zwischen den Küsten von Süd-Arabien und des westlichen Indiens ( Gildemeister, Scriptorum Arabum loci de rebus Indicis p. 35) man in Zweifel ziehen konnte, ob der λίβανος des Theophrastus (das thus der Römer) ursprünglich der arabischen Halbinsel zugehört habe: so ist Lassen’s Bemerkung sehr wichtig ( Indische Alterthumskunde Bd. I. S. 286), daß der Weihrauch im Amara-Koscha selbst » yâwana, javanisch, d. h. arabisch, genannt«: demnach als ein aus Arabien nach Indien gebrachtes Erzeugniß aufgeführt wird. » Turuschka‘ pi ndaka‘ sihlô (drei Benennungen des Weihrauchs) yâwanô«: heißt es im Amara-Koscha ( Amarakocha publ. par A. Loiseleur Deslongchamps P. I. 1839 p. 156). Auch Dioscorides unterscheidet den arabischen von dem indischen Weihrauch. Carl Ritter in seiner vortrefflichen Monographie der Weihrauch-Arten ( Asien Bd. VIII. Abth. 1. S. 356–372) bemerkt sehr richtig, dieselbe Pflanzenart ( Boswellia thurifera) könne wegen der Aehnlichkeit des Klima’s wohl ihre Verbreitungssphäre von Indien durch das südliche Persien nach Arabien ausdehnen. Der amerikanische Weihrauch ( Olibanum americanum unserer Pharmacopöen) kommt von Icica gujanensis Aubl. und Icica tacamahaca: die wir, [aimé jacques alexandre] Bonpland und ich, häufig in den großen Gras-Ebenen (Llanos) von Calabozo in Südamerika gefunden haben. Icica ist wie Boswellia aus der Familie der Burseraceen. Die Rothtanne ( Pinus abies Linn.) erzeugt den gemeinen Weihrauch unserer Kirchen. – Die Pflanze, welche die Myrrhe trägt und welche Bruce glaubte gesehen zu haben ( Ainslie, Materia medica of Hindoostan , Madras 1813, p. 29), ist bei el-Gisan in Arabien von Ehrenberg entdeckt und nach den von ihm gesammelten Exemplaren durch [christian gottfried daniel] Nees von Esenbeck unter dem Namen Balsamodendron myrrha beschrieben worden. Man hielt lange fälschlich Balsamodendron Koraf Kunth., eine Amyris von [peter] Forskål, für den Baum der ächten Myrrhe

alexander von humboldt, ‚kosmos- entwurf einer physischen weltbeschreibung‘, zweiter bd. kap. 1, stuttgart und augsburg, 1845 bis 1862.

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boswellia sacra / weihrauch:

[…]sein Geruch steigt ohne Feuer empor, weil er die Augen erhellt und das Gehirn reinigt […]

commiphora myrrha / myrrhe:

Und wenn große Fieber den Menschen anfallen, und wenn ihm dann Myrrhe in warmem Wein zu trinken gegeben wird, dann weicht das Fieber von ihm.

hildegard von bingen, ‚physica‘ oder ‚liber simplicis medicinae‘, bd. 1 ‚de plantis‘, kap. 1-175 + 1-176, um 1150.

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DA Jhesus geborn war zu Bethlehem / im Jüdischenlande zur zeit des königes Herodis / Sihe / da kamen die Weisen Die S. Mattheus Magos nennet / sind Naturkündige vnd Priester gewesen. vom Morgenland gen Jerusalem / vnd sprachen / Wo ist der newgeborne König der Jüden? Wir haben seinen Sternen gesehen im Morgenland / vnd sind komen jn an zu beten. […] Vnd sihe / der Stern den sie im Morgenland gesehen hatten / gieng fur jnen hin / Bis das er kam / vnd stund oben vber / da das Kindlin war. Da sie den Stern sahen / wurden sie hoch erfrewet / Vnd giengen in das Haus / vnd funden das Kindlin mit Maria seiner mutter / vnd fielen nider / vnd betten es an / Vnd theten jre Schetze auff / vnd schenckten jm Gold / Weyrauch vnd Myrrhen.

matthäus 2, 1-2 + 9-11. übersetzung von martin luther, 1545.

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pilgerzeichen_wacholder_500   die heiligen drei könige bringen geschenke: gotisches pilgerzeichen aus köln, 2.hälfte 15.Jh., bleiguss. nachbildung aus dem kolumba.

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eine nachbemerkung zum dreikönigsschrein in kölner dom (baustelle von 1248 bis 1883) & ein schlenker nach westfalen:

Er ward nicht vollendet — und das ist gut.
Denn eben die Nichtvollendung
Macht ihn zum Denkmahl von Deutschlands Kraft
Und protestantischer Sendung.

Ihr armen Schelme vom Domverein,
Ihr wollt mit schwachen Händen
Fortsetzen das unterbrochene Werk,
Und die alte Zwingburg vollenden!

[…]

Ja, kommen wird die Zeit sogar
Wo man, statt ihn zu vollenden,
Die inneren Räume zu einem Stall
Für Pferde wird verwenden.

„Und wird der Dom ein Pferdestall,
Was sollen wir dann beginnen
Mit den heil’gen drey Kön’gen, die da ruhn
Im Tabernakel da drinnen?“

So höre ich fragen. Doch brauchen wir uns
In unserer Zeit zu geniren?
Die heil’gen drey Kön’ge aus Morgenland,
Sie können wo anders logiren.

Folgt meinem Rath und steckt sie hinein
In jene drey Körbe von Eisen,
Die hoch zu Münster hängen am Thurm,
Der Sankt Lamberti geheißen.

heinrich heine, ‚deutschland. ein wintermährchen‘, hamburg, 1844.

  • ein souvenir aus mailand: die reliquien im dreikönigenschrein im kölner dom.
  • die käfige der wiedertäufer am turm von st. lamberti in münster: ‚drei irrlichter‘ von lothar baumgarten, skulptur projekte münster 1987.