gartenbücher (meadows – at great dixter and beyond)

wiesen? blumenwiesen, mager- oder trockenrasen, feuchtwiesen & natürlich, die beste aller wiesen: die streuobstwiese. die durch intensive nutzung, d.h. düngung, entstehenden fettwiesen und maritime salzwiesen (salzwiesenlamm + salicornia / queller) lassen wir mal beiseite. rasenflächen die für sogenannte sportarten angelegt selbstverständlich ebenfalls (ein golfplatz ist so ökologisch wertvoll wie ein zubetonierter parkplatz).

eine wiese ist eine halbkulturformation, eine durch menschen geschaffene pflanzengesellschaft. ohne eingriffe des menschen könnte sie nicht überleben. wiesen sind nicht „natur“. die wiese ist kulturlandschaft. wird nicht gemäht oder beweidet, droht verbuschung.

im landscape garden des 18 jh. ein wichtiges gestaltungselement, wenn auch nicht so erhaben wie ein gebirge …

Wiesen, die zum Theil zu den Ebenen gehören, sind, selbst bey einer beträchtlichen Länge und Ausbreitung, keines erhabenen Charakters fähig; sie bleiben in dem Bezirk einer mittlern Beschaffenheit und mäßiger Bewegungen. Indessen sind sie überaus sanfte, ruhige und einnehmende Auftritte der Natur, deren Charakter in dem Freyen und Ländlichen besteht; sie rufen die lieblichen Bilder der arkadischen Hirtenwelt zurück, und scheinen auf eine vorzügliche Art der Empfindung der Ruhe und der stillen Ergötzung des Landlebens gewidmet zu seyn.

Die Schönheit der Wiesen besteht zuvörderst in den sanftgekrümmten Linien, die ihren Umkreis bezeichnen. Alles Regelmäßige, Eckige, Scharfe muß von ihrer Figur ausgeschlossen seyn; aber kleine Rundungen und mäßige Einbiegungen helfen der Einförmigkeit mit dem Genuß der Abwechselung ab. Demnächst wird ihre Schönheit durch das Lebhafte und Frische ihres Grüns, durch Unterbrechungen und Schattirungen mit einzelnen Bäumen, und durch ihre Einfassung und Verbindung mit Hügeln, Felsen und Gehölz bestimmt. Bey ausgebreiteten Wiesen fallen kleine Unterbrechungen, die schon an sich den Ueberdruß des Einförmigen und Leeren hemmen, sehr angenehm ins Auge; sie müssen aber kein niedriges Gesträuch und Buschwerk seyn, sondern wenige, edel gewachsene, nicht zu nah zusammengedrängte Bäume mit einem Laub, das gegen die Farbe der Wiese absticht. Nackte, rauhe, vorüberhangende Felsen an der Seite einer mit allen Reizen ausgeschmückten Wiese bilden durch Contrast und Sonderbarkeit einen Theil von romantischer Gegend. Gehölze, die gewöhnlichsten Einfassungen der Wiesen, erhöhen durch ihre Schatten noch mehr die Empfindung der Einsamkeit und Ruhe. Ein klarer Bach oder Fluß, der sich allmählig dahinwälzt, verbreitet Licht und Erfrischung, und wandelt die ruhige Behagung der Seele in eine lebhaftere Bewegung, in die Bewegung der Freude.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 1, leipzig, 1779.

platz für landscape haben wenige im garden. und was die ebenen betrifft, sei ein verweis auf almen und bergwiesen erlaubt → wiesenbau im oberharz im allgemeinen & …  man muss nicht im konventions-system (→ gartenbücher romantisch & …) der aufklärung gefangen bleiben, um aus rasen einen meadow zu machen: wiese statt rasen, sense statt rasenmäher …

es ist zur zeit ein trend zu spüren: weniger grüner beton, rasen, und mehr wildblumen. bienenfreundliche saatmischungen bietet mittlerweise fast jeder händler an. langfristig ist es mit einer einer aussaat jedoch nicht getan.

gerade ist ein klassiker der wiesen-literatur wieder aufgelegt worden: ‚meadows – at great dixter and beyond‘ von christopher lloyd. zuerst 2004 erschienen und jetzt mit neuen fotos von jonathan buckley und carol casselden sowie einem vorwort des headgardeners von great dixter, fergus garrett, erweitert. erschienen bei pimpernel press (eine verlagsneugründung, die nach den ersten drei programmen viel erwarten lässt). Weiterlesen

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‚das große rasenstück‘ von albrecht dürer (* 21/05/1471)

denkmalpflege, rekonstruktion, lesungen,… grüne wüste im garten des rüschhauses

rüschhaus_taxus_buxus_hecken_500   hecken: taxus / eibe & buxus / buchsbaum + rasen.

was passiert, wenn denkmalpflege und gärten kollidieren? der klassische denkmalschutz ist es gewohnt mit statischer architektur umzugehen. ein bestimmter zustand eines gebäudes wird dogmatisch festgeschrieben. dass für ein barockes gebäude ältere architektur verändert oder gar komplett abgerissen wurde, wird gerne verdrängt. dass architektur nur funktioniert, wenn sie belebt ist, spielt keine rolle. was passiert, wenn es um gärten geht? ein garten ist niemals statisch. er verändert sich im laufe des jahres. pflanzen wuchern oder sterben ab, bäume brauchen jahre um die planmässigen grössen zu erreichen, etc.

die barocke struktur im garten – bzw. der gärten: der lustgarten am haus & der nutzgarten – des rüschhauses wurde in den 1980iger jahren nach dem plan von johann conrad schlaun vom gartenamt der stadt münster restauriert. dunkler taxus / eibe für die äussere hecke entlang der gräfte. hellerer buxus / buchsbaum für die beeteinfassungen.

rüschhaus_plan_büste_500   ‘plan vom ganzen platz und vorplatz des rüschhauses nebst denen beyden gartens’ von johann conrad schlaun, 1745 & ein abguss der büste aus dem garten von burg hülshoff von anton rüller und heinrich fleige, 1896.

die schlaun‘ sche anlage wurde bereits von den nächsten bewohnern des rüschhauses dem zeitgeschmack angepasst. zur zeit von annette von droste-hülshoff wurde aus dem einst barocken lustgarten ein biedermeierlicher nutz- und ziergarten.

schon annette von droste-hülshoff war selbst von veränderungen betroffen → “…ich habe mich an diese Blumen, von Kindheit an, so gewöhnt,…” . die barocke anlage der wege blieb erhälten, es wurden obstbäume gepflanzt & mitten in einem ehemaligen parterre wurde ein gewächshaus für jenny von droste-hülshoff bebaut → das gartenhaus / “Und mein Indien liegt in Rüschhaus!”.

der garten und die münsterländer parklandschaft mit ihrer vegetation waren eine starke inspiration für die droste:

„Ganz besondere Aufmerksamkeit hat unsere Dichterin dem Pflanzenreiche zugewendet, dessen Wesen im kleinsten wie im großen, im einzelnen wie im Wechselwirken sie so innig geliebt und so herrlich ausgemalt hat, daß man nicht weiß, ob man sich mehr wundern soll über das Verständnis dieses Lebenskreises, oder über die Innigkeit und Lieblichkeit, mit welcher Annette sein Wesen und Wirken zu schildern weiß.”

prof. dr. hermann landois, ‘annette freiin von droste-hülshoff als naturforscherin’, paderborn, 1890.

von der aufmerksamkeit für das pflanzenreich ist hier im garten nichts zu spüren.

Where Have All the Flowers Gone?

die rekonstruktion der hecken war/ist wichtig. das rüschhaus ist eine der schönsten barocken anlagen (nicht nur in westfalen!). schlauns umgang mit der architektur & dem garten ist einzigartig. als beispiel von schlauns verschmelzung von architektur & landschaft sollte man auf jeden fall ins emsland fahren: jagdschloss clemenswerth.

was passiert jedoch innerhalb der beete/des paterres? grüne wüste! kurz gemähter rasen mit etwas anarchischem gelb: taraxacum  / löwenzahn. hinter der eiben hecke, auf der böschung zur gräfte, noch etwas cardamine pratensis / wiesen-schaumkraut. ansonsten rasen… bis auf das mittlere paterre: hier besteht die beeteinfassung aus einer doppelten buchsbaumhecke. der zwischenraum ist wohl zu schmal für den rasenmäher: hier dürfen einige tulpen blühen. auf älteren fotos sieht man noch fritillaria imperialis / kaiserkronen zwischen tulpen. neben dem gewächshaus ein zerrupfter syringa / flieder & im gemüsegarten einige obstbäume. die jahreszeiten im garten sind ansonsten aus stein → die elemente & jahreszeiten im garten des rüschhauses.

der gesamteindruck ist museal asep­tisch: vorstadtvorgarten trifft auf barocke hecken.

rüschhaus_buxus_löwenzahn_500   löwenzahn durchbricht die ordnung.

das rüschhaus wurde 2013 von der stadt münster in die neugegründete annette von droste zu hülshoff-stiftung (beteiligt sind u.a. die nordrhein-westfalen-stiftung und der lwl –  landschaftsverband westfalen-lippe) eingebracht. „bespielt“ wird das haus hauptsächlich von der annette von droste-gesellschaft e.v.: lesungen & konzerte.

ein garten muss leben: warum nicht beete z.b. mit wildblumenwiesen (müsste man nur ein- bis zweimal im jahr mähen!) füllen, mit pflanzen, die die droste in ihrem werk beschreibt. eine droste-botanik. nach einer lesung könnte man vom gartensalon in den garten treten & die pflanzen, die einem gerade vorgelesen wurden betrachten. anders gesagt: nicht nur mit spitzen fingern elegisch die seiten von lyrikbändchen umblättern. ab in den garten und die hände schmutzig machen…

abgesehen von dem rauschen der nahen autobahn, könnte man mit der droste wieder sagen:

[…] es ist jetzt so schön hier, – der ganze Garten umbuscht von Syringen, drey – vier Nachtigalen zugleich – womit soll ich Euch denn noch den Mund wässrig machen, damit Ihr kommt? – […]

annette von droste-hülshoff an christoph bernhard schlüter, mai, 1835.

 rüschhaus_serra_500   ‘dialog with johann conrad schlaun’ von richard serra, 1996, in der allee vor haus rüschhaus.