„raus aus dem garten!“

mit anke schmitz (garten auf freigang) in der ausstellung ‚thomas gainsborough. die moderne landschaft‘ in der hamburger kunsthalle:

gruenesblut.net

 

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gartenbücher (wunschliste)

beim abstauben des buchregals …

Das Passagen- garten-Werk walter benjamin & natürlich Das Kunstwerk blümchen im Zeitalter seiner technischen digitalen Reproduzierbarkeit

Les Règles de l’art des jardins: genèse et structure du champ littéraire horticole pierre bourdieu

The Ideology of the Aesthetic garden designs terry eagleton

A Portrait of the Artist gardener as a Young Man james joyce

Delirious New York garden rem koolhaas

Culture gardening and Imperialism edward said

The Fall of Public Man green richard sennett & The Uses of Disorder: Personal Identity and City garden Life

Complexity and Contradiction in Architecture the garden robert venturi

Brideshead rüschhaus Revisited evelyn waugh

’neues von blumen‘ & blümchen / walter benjamin über ‚urformen der kunst‘ von karl blossfeldt & #PlantsForBlossfeldt

neues von blumen

Kritisieren ist eine gesellige Kunst. Auf das Urteil des Rezensenten pfeift ein gesunder Leser. Aber was er im Tiefsten goutiert, ist die schöne Unart, uneingeladen mitzuhalten, wenn der andere liest. Das Buch auf solche Weise aufzuschlagen, so daß es winkt wie ein gedeckter Tisch, an dem wir mit all unseren Einfällen, Fragen, Überzeugungen, Schrullen, Vorurteilen, Gedanken Platz nehmen, so daß die paar hundert Leser (sind es so viele?) in dieser Gesellschaft verschwinden und gerade darum sich’s wohl sein lassen – das ist Kritik. Zumindest die einzige, die dem Leser Appetit auf ein Buch macht.

Sind wir für diesmal einig, so soll auf den einhundertzwanzig Tafeln dieses Buches für zahllose Betrachtungen und zahllose Betrachter gedeckt sein. Ja, so viel Freunde wünschen wir diesem reichen und nur mit Worten kargenden Werke. Man wird aber das Schweigen des Forschers ehren, der diese Bilder hier vorlegt. Vielleicht gehört sein Wissen zu jener Art, die den stumm macht, der es besitzt. Und hier ist wichtiger als das Wissen das Können. Wer diese Sammlung von Pflanzenphotos zustande brachte, kann mehr als Brot essen. Er hat in jener großen Überprüfung des Wahrnehmungsinventars, die unser Weltbild noch unabsehbar verändern wird, das Seine geleistet. Er hat bewiesen, wie recht der Pionier des neuen Lichtbilds, Moholy-Nagy hat, wenn er sagt: „Die Grenzen der Photographie sind nicht abzusehen. Hier ist alles noch so neu, daß selbst das Suchen schon zu schöpferischen Resultaten führt. Die Technik ist der selbstverständliche Wegbereiter dazu. Nicht der Schrift- sondern der Photographieunkundige wird der Analphabet der Zukunft sein.“ […]

Diese Photographien erschließen im Pflanzendasein einen ganzen unver­muteten Schatz von Analogien und Formen. Nur die Photographie vermag das. Denn es bedarf einer starken Vergrößerung, ehe diese Formen den Schleier, den unsere Trägheit über sie geworfen hat, von sich abtun. Was ist von einem Betrachter zu sagen, dem sie schon in der Verhüllung ihre Signale geben? Nichts kann die wahrhaft neue Sachlichkeit seines Vorgehens besser dartun, als der Vergleich mit jenem einstigen unsachlichen und doch so genialen Verfahren, kraft dessen der ebenso geschätzte wie unverstandene Grandville in seinen ‚Fleurs animees‘ [paris, 1847] den ganzen Kosmos aus dem Pflanzenreiche hervorgehen ließ. Er greift es vom entgegengesetzten Ende weiß Gott nicht zart – an. Er stempelt diesen reinen Naturkindern das Sträflingsbrandmal der Kreatur, das Menschengesicht, mitten in die Blüte hinein. Dieser große Vorläufer der Reklame beherrschte eines ihrer Grund­prinzipien, den graphischen Sadismus, wie kaum ein anderer. Ist es nicht merkwürdig, hier nun ein anderes Prinzip der Reklame, die Vergrößerung ins Riesenhafte der Pflanzenwelt, sanft die Wunden heilen zu sehen, die die Karikatur ihr schlug?

‚Urformen der Kunst‘ – gewiß. Was kann das aber anderes heißen als Urformen der Natur? Formen also, die niemals ein bloßes Vorbild der Kunst, sondern von Beginn an als Urformen in allem Geschaffenen am Werke waren. Im übrigen muß es dem nüchternsten Betrachter zu denken geben, wie hier die Vergrößerung des Großen – z. B. der Pflanze oder ihrer Knospe oder des Blattes – in so ganz andere Formenreiche hineinführt, wie die des Kleinen, etwa der Pflanzenzelle im Mikroskop. Und wenn wir uns sagen müssen, daß neue Maler wie Klee und mehr noch Kandinski seit langem damit beschäftigt sind, mit den Reichen uns anzufreunden, in die das Mikroskop uns barsch und gewaltsam entführen möchte, so begegnen in diesen vergrößerten Pflanzen eher vegetabilische „Stilformen“. In dem Bischofstab, den ein Straußfarn darstellt, im Rittersporn und der Blüte des Steinbrech, die auch an Kathedralen als Fensterrose ihrem Namen Ehre macht, indem sie die Mauern durchstößt, spürt man ein gotisches parti-pris. Daneben freilich tauchen in Schachtelhalmen älteste Säulenformen, im zehnfach vergrößerten Kastanien- und Ahornsproß Totembäume auf, und der Sproß eines Eisenhufes entfaltet sich wie der Körper einer begnadeten Tänzerin. Aus jedem Kelche und jedem Blatte springen uns innere Bildnotwendigkeiten entgegen, die in allen Phasen und Stadien des Gezeugten als Metamorphosen das letzte Wort behalten. […]

walter benjamin, ’neues von blumen‘ in ‚die literarische welt‘, 23/11/1928, 4. jg., nr. 47, über karl blossfeldt, ‚urformen der kunst. photographische pflanzenbilder‘, hrsg. mit einer einleitung von karl nierendorf, berlin, 1928.

neues von blümchen

karl blossfeldt, geboren am 13. juni 1865 in schielo/harz, hat mit ‚urformen der kunst‘ eines der wichtigsten „gartenbücher“ vorgelegt. ein pflanzenbuch das sich heute nahtlos in die reihe seiner vorgänger – vom ‚hortus eystettensis‘ (1613), über den ‚gottorfer codex‘ (1649 bis 1659) oder die ‚flora danica‘ (bis 1803) bis eben zu den ‚urformen der kunst‘ – einreiht. von der neuen sachlichkeit ist heute allerdings nicht viel übrig geblieben: war das abbilden von pflanzen (und gärten) einst eine kunst (durchaus im sinne der téchne, altgr. τέχνη) so ist es heute, besonders im bereich der sozialen medien, zum reinen knipsen verkommen. formen sind nicht mehr gefragt. einzig das gephotoshopte emotiönchen (cf. reklame), ausgelöst von blühenden blümchen, zählt…

zum 150. geburtstages von blossfeldt zeigt die stiftung ann und jürgen wilde / pinakothek der moderne in münchen vom 24/07 bis 25/10/2015 eine ausstellung mit fotografien, u.a. aus ‚urformen der kunst‘. anlässlich der ausstellung haben die organisatoren ein projekt mit den hashtag #PlantsForBlossfeldt auf instagram (& twitter, etc.) initiiert. man ist erst einmal positiv überrascht das eine museale institution in deutschland von der existenz von social media kanälen etwas mitbekommen hat (und fragt sich wie es mit der digitalen erschliessung des archives von blossfeldt, und des gleichfalls in der stiftung befindlichen archives von albert renger-patzsch, aussieht: #PlantsFormBlossfeldt)… was die ergebnisse von #PlantsForBlossfeldt betrifft wünscht man sich nach der digitalen über-alphabetisierung vokabular jenseits von „wie niedlich“ & „ICH auch!“ und visuelle grammatik . mehr kann man blossfeldt nicht missverstehen…