weinberg / ‘theorie der gartenkunst’ von christian cay lorenz hirschfeld + die pfalz

Weinberg.

Weinberge gehören zu dem Nützlichen. Allein sie machen zugleich die schönsten Gegenstände für das Auge in allen Landschaften aus, die ein wärmerer Himmel mit ihrem Segen schmückt. Der Reisende, an dessen Straße sie empor grünen, erfrischt sich bey ihrem Anblick, der Cultur und Fröhlichkeit ankündigt; und die Festtage der Weinlese stellen so viele heitre Scenen dar, daß jeder Freund der Natur und des Menschen gerne an ihnen Theil nimmt, gerne sie mit einem frohen Nachgenuß in den Gemälden der Dichter und der Landschafter wieder erblickt.

Ein Weinberg kann als eine besondre Gattung von Gärten angesehen werden; und in manchen Landschaften sieht man keine andre, als diese. Seine Lage auf sonnigten Anhöhen oder an hügeligten Abhängen giebt ihm einen Charakter von Heiterkeit, der sich schon bey der Annäherung ankündigt. Man genießt hier eine freye Aussicht, und athmet voll Ruhe in einer reinern Luft. Wird das Auge durch den Anblick eines Sees, der in der Niedrigung dahin wallet, oder eines vorüberfließenden Flusses, oder eines Gemisches von Wiesen und Landhütten, die unter ihm in der Tiefe ruhen, ergötzt; so hat die Lage einen so frischen und doch so sanften Reiz, der dieser Gattung überaus angemessen ist. Der Charakter eines Weinbergs ist Einfachheit. Er verträgt keine fremden Pflanzungen. Allein die Weinstöcke ergötzen nicht nur durch das Liebliche der Ueberschattung und durch die Erwartung der edlen Früchte; sie lassen sich auch zu kühlen Bogengängen bilden, in welchen die reifenden Trauben aus dem dichten Laubdach anlockend sich hervordrängen und herabhangen; an den Seiten können andre Spazierwege bald frey, bald leicht überschattet, dahin laufen, oder kleine Reblauben sich wölben. Das Vergnügen des Spazierganges kann sich hier mit der Ruhe und der sanften Anmuth der Aussichten vereinigen. Auf der Höhe kann ein Tempel, dem wohlthätigen Gott des Weins gewidmet, und mit den Sinnbildern seiner Freuden bezeichnet, oder mit den tanzenden Figuren der Satyren umgeben, leicht und fröhlich erbaut, zwischen den geselligen Umarmungen von Epheu und Reben emporsteigen; und unten am Eingange des Weinberges mag eine Hütte, die Wohnung des Winzers, nachläßig ruhen. Der Tempel kann inwendig zur Bewohnung für einige Personen eingerichtet werden, oder die nöthigen Bequemlichkeiten für einen kurzen Aufenthalt des Besitzers enthalten. Ruhe und liebliche Einfalt herrsche durch den ganzen Bezirk. Seine schönern Tage schenkt dem Weinberg der Herbst, in dessen Scenen er selbst ein überaus interessanter Theil seyn kann, indem das mildere Sonnenlicht zwischen den dünnern, falben, sich malerisch ändernden Blättern die blauen und gelben Trauben höher färbt, und mit jedem entwölkten Mittag der Lüsternheit reizender entgegen schwellen läßt.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 5, leipzig, 1785. Weiterlesen

reberziehung als minimaliste skulptur: der kammertbau

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kammertbau in landau, detail, ‚wahre contrafehtung der reichstatt landaw, wie sie zu unsern zeiten in der mawren steht‘, gezeichnet von ws, geschnitten von jakob clauser, aus sebastian münster, ‚cosmographia‘, basel 1547 ff. (erstausgabe, 1544)

Kammert f.: ‚Weinspalier‘, Kammert (kaməʳd) […]; K. Mache ‚Biegen und Anbinden der Rebstöcke mit Kammertband mittels Kammerthaken an das Spaliergerüst‘, früher bestehend aus den dickeren Länderichbalken und den damit parallel verlaufenden Trudelstangen (vgl. Pfwb Trudel 2), heute größtenteils aus Länderichdraht und Trudeldraht. Mancherorts ist in der Bezeichnung K. Mache auch der Bau des Spaliergerüstes mit inbegriffen (s. PfWB kammerten 1 u,. 2) […]; vgl. PfWB länderichen, PfWB trudeln 1. – Aus lat. (vinea) camerata ‚Weinspalier, -laube‘, zu Camerare ‚wölben‘, […]

‚pfälzisches wörterbuch‘, begründet von ernst christmann, stuttgart, 1965–1998.

kammertbau auf dem vulkan

Fenster haben die Häuser der alten Griechen und Römer fast nie gehabt; Licht und Luft kamen aus dem Lichthof im Innern, einer Öffnung im Dach, der auf dem Erdboden ein Bassin entsprach, in das der Regen fiel. Die fensterlosen Mauern, die schon immer etwas Strenges hatten, machen jetzt, da alle Farbe von ihnen verschwunden ist, die Straßen doppelt ernst. Der Vesuv aber mit seinen Wäldern am Fuß und den Weinbergen in der Höhe sieht nirgends schöner und lieblicher aus, als wenn er hier über den starren Mauern oder in der Öffnung eines der drei oder vier Tore von Pompeji, die heute noch stehen, erscheint.

walter benjamin ‚untergang von herculanum und pompeji‘ / rundfunkarbeiten, radiosendung vom 18/09/1931

eine der ältesten darstellungen einer kammert-ähnlichen anlage findet sich auf einem bild des bacchus, des gottes des weines. das fresko ‚bacco e il vesuvio‘ (68–79 n. Chr.), aus der casa del centenario in pompeji wurde 1879 ausgegraben und hängt heute im museo archeologico nazionale di napoli. das bild gehörte zum lararium, dem kultschrein der hausgötter bzw. der familie, des hauses.

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ill. aus salomon reinach, ‚répertoire de peintures grecques et romaines‘, paris, 1922.

Hic est pampineis viridis modo Vesbius umbris,
presserat hic madidos nobilis uva lacus:
haec iuga, quam Nysae colles plus Bacchus amavit,
hoc nuper Satyri monte dedere choros.

martial, ‚epigrammaton‘ (IV.44, ca. 85–103 n. Chr.)

bacchus steht neben einem berg, der zumeist für die älteste darstellung des vesuv (vor dem ausbruch im jahre 79 n. Chr.) gehalten wird. am fusse des berges sind „kammern“ für den weinbau zu erkennen, iugatio compluviata. iugatio deut. anbinden der reben an querbalken; compluviata von compluvium – com- ‚zusammen- und pluvia regen – deut. die architektonische bezeichnung für die viereckigen dachöffnungen über dem säulenhof eines römischen hauses. ähnliche antike methoden der reberziehung, heute teilweise noch zur dekoration und als sonnenschutz verwendet, sind pergulae (vorbau oder pergola) und trichilae (laube). die schriftlichen zeugnisse über den römischen weinbau finden sich bei marcus terentius varro in ‚rerum rusticarum‘ ( I, 8,2, 37 v. chr.) und in der ’naturalis historia‘ (XVII 164 ff.) von plinius dem älteren (der beim ausbruch des vesuvs starb).

vom vesuv an die haardt

der wein kam mit den römern über die alpen und an die hänge des pfälzerwaldes. in der rheinpfalz und im elsass war der kammertbau in unterschiedlichen versionen, es wird zwischen offenem (pfähle in einer reihe werden mit balken verbunden) und geschlossenem kammertbau (pfähle werden durch querbalken verbunden) unterschieden, in den weinbergen bis anfang des 20. jh. verbreitet.

Die Edenkober Kammer-Erziehungsart.

[…]: die Stöcke haben nur einen Schenkel mit zwei Bogreben und Zapfen, die Reihen stehen vier Fuß von einander, die Querlatten sind fünf Fuß von einander, und der Länge nach laufen drei Latten, woran die Bogreben geheftet werden, so daß der Raum zwischen den Länge-Druthern [latten] fast ganz frei bleibt, und die Sonne den Boden bescheinen kann. Um zu bewirken, daß die Sonne recht kräftig eindringen kann, so werden gegen den Herbst alle Lotten, welche den Raum bedecken, längs der Druther abgeschnitten, wodurch längs der Kammern eine offene Lücke entsteht.

Diese Erziehungsart findet man am obern Haardtgebirg, bei Edenkoben, Rhodt, Edesheim und anderen Orten. Man erzieht daran den Sandtraminer, den rothen Traminer, den Gutedel, Alben, grünen Sylvaner und andere Varietäten. Man findet diese Erziehungsart gegen das untere Haardtgebirg, allmählig modificiert, und endlich in die einfachen niedern Rahmen übergehend. So z.B. unter Maikammer fehlen schon die zwei langen Seitenlatten und weiter abwärts auch die Querlatten.

johann metzger, ‚der rheinische weinbau in theoretischer und praktischer beziehung‘, heidelberg,1827.

heute fahren vollernter duch spalierreihen. zur zeit des kammertbaues stieg man in den weinbergen beim beschneiden und ernten der reben von kammer zu kammer. eine mühsame und zeitraubende methode mit hohem verbrauch an holz (eiche oder → keschde)…

ab 1863 bemühte sich karl heinrich schattenmann – minendirektor in buchsweiler (bouxwiller im elsass, département bas-rhin) und generalrat im französischen landwirtschaftsministerium – bei seinem 1812 erworbenen weinschlössel in rhodt unter rietburg um die einführung neuer anbaumethoden und überliefert die methode für die nachwelt:

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Größtentheils wird die Rebe an Pfähle oder Rebstecken befestigt, im Bezirk Weißenburg und in der obern Rheinfalz jedoch ruht die Rebe auf einer Laube, die Kammer genannt wird. Diese Kammer ist, wie folgt, gebaut: ein aufrechtstehender hölzerner Pfahl, Stiefel, genannt, der an einem Ende zugespitzt und 1 m,30 lang, 0 m,10 breit, 0 m,05 dick ist, wird 0 m,50 tief, so daß er 0 m,80 aus der Erde hervorragt, in den Boden geschlagen. Von je 0 m,84 zu 0 m,84 Entfernung wird ein solcher Stiefel eingeschlagen und zwar in derselben Linie in welcher die Rebstöcke gepflanzt werden. Eine Stange, in viereckig gespaltenem Holze, Balken genannt, von 4 Meter Länge, 0 m,04 Dicke, verbindet die Stiefel und ruht auf einem Einschnitt in denselben. Drei auf diese Weise gebildete Linien werden vermittelst einer ähnlichen Stange quer auf eine Entfernung von 1 m,12 verbunden. Zwei dünnere ebenfalls viereckig gespaltene Stangen, welche man Drutteln nennt und die 0m,02 dick sind, werden zu beiden Seiten der Hauptstange auf 0 m,28 Entfernung befestigt und bilden so eine 0m,60 breite Laube, auf welcher die Rebe ruht; letztere hat einen 0 m,80 hohen Stamm, von dem die Tragreben ausgehn. Die Entfernung zwischen den Zeilen der Rebstöcke beträgt 1 m,40.

[…]

Der Kammerbau, den ich seit meiner Kindheit betrieben und beobachtet habe, scheint mir in vieler Hinsicht mangelhaft und die Ursache zu sein, warum, in den Gegenden wo er besteht, die Produkte, sowohl hinsichtlich der Quantität als der Qualität, nicht befriedigend sind. In der That hat die Rebe Sonne und Luft nöthig; ihr Wachsthum ist kräftiger wenn der Stock nahe am Boden ist, wo die Stöcke durchschnittlich 0 m,80 hoch sind und wo die auf der Kammer ausgebreiteten Tragreben den größten Theil des Bodens beschatten und den Zutritt der Sonne, des Lichts und der Luft verhindern; ein großer Theil der Trauben welche unter der Kammer hängen, sind gänzlich der Sonne und des Thaues beraubt. […]

Dieser doppelte Bau ist ungenügend, so daß in der späten Jahreszeit die Weinberge immer mit Unkraut bewachsen sind.

Der Schnitt der Reben ist gleichfalls fehlerhaft; der Frühjahrsschnitt besteht darin, jedem Rebstocke zwei oder drei Tragruthen, welche gebogen werden und Bogenreben heißen, und zwei oder drei Zapfen oder Knebel auf drei Augen beschnitten, zu lassen.

karl heinrich schattenmann, ‚denkschrift über den weinbau in den departementen des ober- und niederrheins und in rheinbayern‘, straßburg, 1863.

die neuen methoden waren erfolgreich. sie waren nicht so arbeitsintensiv (bis zum heutigen vollernter), die reben bekamen mehr licht, etc. die landschaft an der südlichen weinstrasse veränderte sich…

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kammertbau unterhalb von  ’schloss ludwigshöhe. edenkoben. pfalz‘, stahlstich von johann poppel nach ludwig rohbock, um 1850.

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spaliererziehung am weinschlössel von charles henri hancké, aus schattenmann, ‚denkschrift‘, 1863.

2012 wurde zu ehren von schattenmann gegenüber „seines“ weinschlössls eine kammertbau erichtet. in edenkoben befindet sich ein musterwingert im kammertbau am ‚edenkobener weinlehrpfad‘.

virtuelles lapidarium: kammertbau als ‚primary structure‘?

formalistisch gesehen erinnert das gerüst für den kammertbau an eine skulptur der minmal art:

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ill. aus johann philipp bronner ‚der weinbau am haardtgebirge von landau bis worms‘, ‚der weinbau in süd-deutschland‘, bd. 1, heidelberg, 1833.

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‚peace of münster‘ von carl andre, 1984, im lichthof des westf. landesmuseum für kunst und kulturgeschichte (heute: lwl-museum für kunst und kultur), münster; katalog ’skulptur projekte münster 1987’…

reihung, wiederholung und (vor)industrielle fertigung. eine ‚primary structure‘ für den „eigenen garten“?

virtuelles lapidarium: eine skulptur für den „eigenen garten“…

im „eigenen garten“ fehlt noch eine skulptur. das allgemeine angebot an sogenannten „gartenskulpturen“ ist äusserst abschreckend… aber ein garten ohne statue? vorherrschend ist optische umweltverschmutzung: unproportionierte davids à la michelangelo, venus-imitationen nach botticelli oder apollon-köpfe aus dem baumarkt. alles in fragwürdiger qualität und unter noch fragwürdigeren bedingungen produziert. ein schnäppchen von der europalette. ganz zu schweigen von elfen, buddhas und anderem esoterikkram … wer pflanzen im baumarkt kauft macht sich über skulpturen wohl ebenfalls keine gedanken …

wo ist eigentlich der gute alte → gartenzwerg geblieben?

Der Geschmack der Menschen an der Bildhauerey, Malerkunst und Architektur ist meistens sehr eingeschränkt; man muß gelernet haben, ehe man hier bewundern kann; und das Vergnügen an den Werken dieser Künste wird erst durch ein gewisses Maaß von Zeit und Untersuchung interessant, die man ihnen aufgeopfert hat. Allein die Reize eines wohlangelegten Gartens sind ohne Unterricht und Erklärung, den Kundigen und Unkundigen gleich empfindbar.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 1, leipzig, 1779.

hier beschränkt hirschfeld den garten, leider, auf emotiönchen, was heute, social media, zu „hübschen“ blümchen-fotos aus scheusslichen „gärten“ führt. gärten benötigen ebenfalls „ein gewisses Maaß von Zeit und Untersuchung“… aber das ist ein anderes, viel längeres, thema.

Auch die Bildhauerkunst hat nicht unterlassen, an der Verzierung der Gärten, wie die Architectur, Antheil zu nehmen. Statuen und Monumente sind ihre Werke, […].

Statuen mußten bald zu den Verzierungen der Gärten gerechnet werden, da man anfieng, diese als Schauplätze der Pracht, oder als Scenen der Kunst zu behandeln, worinn die Bildhauerey nicht weniger, wie die Architectur, ihren Glanz ausbreiten durfte. Der Römer führte Statuen in die Gärten ein, mehr aus unüberlegender Prachtsucht; der Franzose mehr aus Wahn, daß, was Gebäude ziert, auch Gartenplätzen zukomme.

Ohne Zweifel hatten die Römer zuerst Statuen in den Gärten der Griechen gesehen, unter welchen schon Alkamenes eine von ihm verfertigte Venus in seinem Garten zu Athen aufstellte, die nachher der Kaiser Hadrian in seine berühmte Villa [adriana] versetzte. In den letzten Zeiten der Republik und unter den Kaisern, als die Liebe der Kunstwerke ein Theil des herrschenden Luxus ward, brachten die Römer von der Menge der Statuen, die aus Griechenland nach Italien kamen, auch viel in ihre Gärten. Sie gaben hier ihre Gastmale und Feste; sie stellten daher alles auf, was sie nur Prächtiges finden konnten. Man sah hier fast alle Arten von Gebäuden und Kunstwerken, und zwar in einem solchen Ueberfluß, daß Juvenal [’saturae‘, VII., 79-80] die Gärten seiner Zeit mit einem Beywort belegte, das ihnen die übermäßige Pracht vorwarf, worunter alle Einfalt der Natur verschwinden mußte.

Contentus fama jaceat Lucanus in hortis
Marmoreis.

Doch in den ältesten Zeiten herrschte mehr Mäßigkeit. Man begnügte sich mit einer Statue des Priap  [gott der fruchtbarkeit] in der Mitte der Gärten.

Pomosisque ruber custos ponatur in hortis,
Terreat ut saeva falce Priapus aves.
Tibullus [elegiae, 1,1, 17-18].

Columella [in ‚de re rustica‘] erinnert, daß man nicht die Kunstwerke eines Dädalus, Polyclet oder anderer berühmter Bildhauer suchen, sondern sich begnügen solle, den Priap ganz einfältig gearbeitet aufzustellen. Doch folgte man nicht immer dieser Vorschrift. Man machte zu Augusts Zeiten den Priap von Marmor.

Custos es pauperis horti,
Nunc te marmoreum pro tempore fecimus.
Virg[il] Ecl[ogae oder bucolica] 7. [34-35]

Und in den Servilianischen Gärten zu Rom standen die Statuen der Ceres und der Flora, die Werke des Praxiteles waren. Auch die Statuen der Satyren, als Schutzgötter der Gärten, sah man nach einer Nachricht des Plinius [des älteren, ’naturalis historia‘, lib. XIX, c.4.) aufgestellt. Alle diese Statuen hatten doch in den Gärten der Alten einen Grad von Schicklichkeit, der ihnen in den Gärten der Neuern abgieng; sie waren den Gottheiten gewidmet, unter deren besonderm Schutz, nach der allgemeinen Meynung, die Oerter, die Pflanzen und die Früchte standen. Mit einer gleichen Schicklichkeit stellten die Alten, nach einer Bemerkung des Vitruv [‚de architectura‘, lib. VII, c.5.] in die Zimmer, wo sie sich im Frühling, im Sommer und im Herbste aufhielten, solche Bilder, die auf jede dieser Jahreszeiten immer eine gewisse Beziehung hatten.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 3, leipzig, 1780.

das heutige problem in den gärten sind nicht so sehr, wie für hirschfeld, die vielen statuen, sondern der allgemeine deko-wahnsinn …

eine beschäftigung für lange winterabende: eine grand tour im buchregal auf der suche nach einer gartenskulptur …

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ein antinous (antinoo belvedere, hermes andros-farnese), fig. 6, wäre doch was… ‘plate I, the sculptor’s yard’ aus: william hogarth, ‚the analysis of beauty‘, london, 1753.

weitere beiträge zu skulpturen (von griechisch/römisch über barock zur minimal und land art) unter dem tag → lapidarium (virtuell) folgen…

schlossgarten schwetzingen: „lehrreich und gleichsam enzyklopädisch“

Besonders lehrreich und gleichsam enzyklopädisch wirkt hier ein Garten im Übergang vom Rokoko zur englischen Anlage: der schönste, der Schwetzinger Schlossgarten. Neben Schilfseen und Urnen wollte hier das Gedächtniswürdige der Welt in Attrappen und Fassaden zusammengetragen werden, ein grüner Schausaal. Aber ein Schausaal, der wiederum nur geäußerte Stimmungen und Wunschbilder zeigte, eine natürliche Schatzkammer aus lauter künstlichen und sentimentalen Schätzen. Grüner Taxus und weiße Götter, Volière und verschwiegenes Badehaus, Apollotempel und Moschee – all diese Wunschbauten frühester Montage sind vereinigt. Es findet sich ein Tempel des Merkur, einer der Minerva (mit unterirdischer Kammer als Kultraum der ‚Weisheit‘), eine künstliche Ruine, ein Tempel der Botanik und ein römisches Wasserkastell – alle aus dem Theater des Barock und Rokoko in den offenen Park übertragen. Das war der Lustgarten großer Herren, der Raum höfischer Naturfeste und Promenaden, doch ebenso liegt bleibend der Hauch einer Phantastischen Entführung und Entlegenheit darüber. Die Arie der Susanne aus ‚Figaros Hochzeit‘ wohnt genau in dieser Gegend, der Adel mozartscher Musik klingt in solchen Gärten dicht neben einer Extravaganz, die aus Geschichte, Mythologie, fremden Zonen ihr sentimentales und kurioses Panorama macht. Selbst Voltaire schrieb 1768 an Collini über den schönsten dieser Parks: „Ich will, bevor ich sterbe, noch einer Pflicht genügen und einen Trost genießen: ich will Schwetzingen wiedersehen, dieser Gedanke beherrscht meine ganze Seele.“ Und unter all den Baumasken, mit denen solche Gärten versehen waren, fehlte ständig eine einzige, die der Kirche. Statt dessen eben sollte Arkadien versinnlicht oder versinnbildlicht sein: im Barockgarten ein Arkadien mit Kuriosität, im englischen Garten eines mit Zephyr, Mondsichel und Nocturno.

ernst bloch, ’schlossgarten und die bauten arkadiens‘, geschrieben im exil in den usa 1938 – 47, in ‚das prinzip hoffnung‘, zuerst in 3 bänden in leipzig, 1954 – 59, erschienen. westdeutsche ausgabe: frankfurt/m., 1959.

1350 ist erstmals eine feste erwähnt. nach dem dreissigjährigen krieg wird das zerstörte schloss unter dem sohn des winterkönigs karl I. ludwig, pfalzgraf bei rhein und kurfürst von der pfalz, ab 1656 wieder aufgebaut. während des pfälzischen erbfolgekriegs (1688–1697) wieder zerstört, fängt man neu an: kurfürst johann wilhelm – für düsseldorfer: jan wellem, herzog von jülich-berg – lässt das schloss neu bauen. nach der zerstörung des heidelberger schlosses – und des hortus palatinus von salomon de caus – wird unter kurfürst carl III. philipp mannheim die hauptresidenz. ab 1718 lässt der kurfürst in schwetzingen einen lustgarten anlegen. 1720 wird schwetzingen offiziell jagd- und sommerresidenz. wie das bei veränderungen so ist, sind nicht alle begeistert. liselotte von der pfalz, tochter von karl I. ludwig, die 1671 mit dem bruder von ludwig XIV., dem herzog von orléans, verheiratet wurde und für den französischen könig der vorwand zum pfälzischen erbfolge- oder orléansschen krieg war, beklagt sich aus frankreich über den garten ihrer kindheit:

Es ist schad, daß man den Garten weg getan; zudem in der lebendigen Hecke, so längs dem Graben war, waren eine große Menge von Nachtigallen, so die ganze Nacht sungen im Frühling. Wo ist aber das artige, klare Bächelchen hingekommen, so durch den Garten floß und bei welchem ich so oft auf einem umgeworfenen Weidenbaum gesessen und gelesen? Die Bauersleute von Schwetzingen und Oftersheim standen um mich herum und plauderten mit mir, das divertierte mich mehr als die Herzoginnen im Cercle. Aber wie bauet man so liederrlich nun, daß ganze Galerien abfallen? […] Ich glaube, wenn ich Mannheim, Schwetzingen oder Heidelberg wiedersehen sollte, glaube ich, daß ich es nicht würde ausstehen können und vor Tränen vergehen müßte.

liselotte von der pfalz, duchesse d’orléans, an luise raugräfin zu pfalz, st.cloud, 24/11/1718.

1742 wird karl theodor kurfürst und lässt das schloss und den garten erweitern. es entsteht der „heutige“ garten. 1777 erbt karl theodor das herzogtum bayern und verlegt die residenz nach münchen. am mannheimer bzw. schwetzinger hof von karl theodor lebte auch sein nachfolger, der spätere bayerische könig maximilian I. joseph mit seiner famile. eine weitere, elegische, kindheitserinnerung seines sohnes an den garten:

Dich vergesse ich nicht, die du Aufenthalt warst meiner Kindheit,
Pfalz! Und auch, Pfälzer, euch nie; ich liebe euch, die ihr mich liebt.
[…]
Wiederum sehe ich mich in Schwetzingens Garten mit meiner
Mutter, der besten, die’s gab, die unvergeßlich mir ist,
Liebliche Stelle, woselbst das Mahl wir, das ländliche, nahmen,
Vor dem Hügel, auf dem raget der Tempel Apoll’s,
Oft betrat ich dich wieder, allein fast übrig von Allen.
Was ich damals gefühlt, fühle ich minder nicht jetzt.
O Erinnerung jener zu eilig entschwundenen Tage!

ludwig I., ‚erinnerung an meine frühe lebeszeit‘, 1809 in ‚gedichte des königs ludwig von bayern‘, dritter theil. 4 bände, münchen,1829 bis 1847.

1803 wird die rechtsrheinischen kurpfalz durch die napoleonische neuordnung und den reichsdeputationshauptschluss badisch.

gärtner, architekten & ein bildhauer

fünf persönlichkeiten haben den garten geprägt und ihn zu einem musterbeispiel für die gestalterischen veränderungen der gärten im 18. jh bis zum 19. jh. gemacht. vom barocken parterre über bosketts zum englischen landschaftsgarten. Weiterlesen