gärten & landschaft: max slevogt in der pfalz / ’scherz und laune‘ von johannes guthmann

[…]; indessen die beiden Knaben [max slevogt, * 8. oktober 1868, und sein älterer bruder] flugs die Treppe hinab und in den Garten entwischten, den altfränkisch abgezirkelten Garten, wo in quadratisch und kreisrund von schuhhohem altem Buchs eingefaßten Beeten und Rabatten Beerensträucher und Blumen und traulich sonnendurchlichteten Schatten darüberbreitend die Kirsch- und Zwetschgenbäume standen – oder stehen, denn Haus und Garten [der grosstante in burrweiler] sind heute noch erhalten. […]

Es konnte aber auch ein ander Mal geschehen, daß Max über die Beete und das Mäuerchen hinweg den Blick an die Ferne verlor und vom erhöhten Garteneck aus in die gewaltige weite, in gesegneter Fruchtbarkeit strotzende Rheinebene mit den langen, sich seitwärts fern und ferner wiederholenden Linien der Hänge des Haardtgebirges hinausstarrte. Früh schon scheint ihn die komplizierte Schlichtheit dieses großartigen Landschaftbildes betroffen zu haben, denn aus seinem achten Lebensjahre bereits existiert eine Zeichnung, in der er es festzuhalten versucht hat, wobei der Sinn des Kindes für das Handgreiflich-Gegenständliche die in Wirklichkeit eben noch sichtbare Maxburg [das hambacher schloss] mit klotziger Überdeutlichkeit auf eine der Bergsilhouetten gesetzt hat, wenn man will: Slevogts früheste Pfälzer Landschaft. […]

Wie kam da seiner Indianer- und Raubritter-Romantik der Wasgenwald [pfälzerwald] entgegen, wenn er in den Landauer Ferienwochen zu Verwandten der Verwandten in die nahen Berge und auf den Neukasteller Hof durfte. Hoch ragt darüber aus Waldeshöhen der bunte Sandsteinfelsen empor, der einst ein römisches Kastell und dann die Reichsfeste Neukastell trug, bis sie nach wechselvollen Geschicken bei den Raubzügen Ludwigs XIV. von Grund aus zerstört ward. Ein Halbgewachsener war er, in den Jahren des Schweifens und Stöberns, als er zum ersten Male dorthin kam – wo er heute als Herr schaltet – und er entsinnt sich noch genau, mit welchen Indianergefühlen er sich zusammen mit den Kameraden den mühsamen Weg durch das Unterholz der Kiefern und Edelkastanien und all das Geranke von Brombeeren und Heiderosen, die den Anstieg zum roten Felsen vergittern, gewühlt hat, wie der versteckte Zugang und dann die verwegene Lage der Ruine mit ihrer Felsenkammer und den vielen erklärlichen und unerklärlichen Spuren der einstigen Ritterfeste die kecken Einfälle und Streiche in ihm entzündet haben. Und ringsum Wald, nach Westen zu unermeßlich der Wasgenwald! Aus solcher Waldesstimmung, vom regen Bürschchen in Schlichen und Gefahren Jahr für Jahr erlebt, vom reifen Manne nie vergessen, sind später dann die Illustrationen zum Lederstrumpf entstanden.

[…]

In Frühjahr 1898 heiratete er. Er heiratete die Freundin und Vertraute aus dem Haus in der Pfalz, wo er so viele glückliche Ferienwochen als Knabe und als junger Mann verbracht hatte. Nun zog er abermals den Waldweg hinauf zum Neukasteller Hof [der slevogthof & der garten oberhalb von leinsweiler sind heute wegen renovierung geschlossen …], […].

  

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knicks, bunte & einartige / ‚pflanzenkunde von schleswig-holstein‘ von willi christiansen

Das urwüchsige Gebüsch steht unseren Knicks sehr nahe. Er ist eine Eigenart atlantischer Gebiete Nordwesteuropas; von den Pyrenäen bis Skagen findet er sich in ungefähr derselben Ausbildung.

Bei der Verkoppelung, sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast überall durchgeführt wurde, wählte man allgemein den Wall als Begrenzung der Äcker. Hiermit war ein geeigneter Platz für die Knickpflanzung gegeben, zumal bei der Verkoppelung zahlreiche Feldgehölze verschwanden. Die Knickpflanzung wurde allerdings nicht überall sofort durchgeführt, sondern gerade da, wo sie am nötigsten war, auf der schleswigschen Geest, unterblieb sie vielfach zunächst, und erst um 1900 wurde sie namentlich durch die Förderung des „Knickverbandes“ weitergeführt. Und wieder nach einer Lücke von fast einem halben Jahrhundert, als die Windschäden sich im Jahr 1947 auf Millionen beliefen, wurden diese Bemühungen wieder in großem Umfange aufgenommen. […] Vielfach kann man noch heute dem Knick ansehen, in welcher Bauzeit er angelegt worden ist: Der alte Knick ist bunt, und der junge ist in seiner Zusammensetzung eintönig.

Diese Verschiedenheit ist auf die Entstehung zurückzuführen. Als Ende des 18. Jahrhunderts [die knicks angelegt wurden] da mußte der Wald hergeben, was er hatte: Jungholz von Bäumen, Eichen, Buchen und andere Bäume, dazu Sträucher aller Art. Mit dem Wurzelwerk ist auch sofort eine große Menge Stauden in den Knick getragen worden. […]

In diesen „bunten Knicks“ herrscht der Haselstrauch mit 35 % vor. Daß die Linde im Knick reichlicher vertreten ist als im benachbarten Wald, deutet auf ihre Verdrängung im Walde seit 150 Jahren hin. Unter den Stauden des „bunten Knicks“ finden sich nicht nur die gemeinen Waldpflanzen, sondern auch seltene (Maiglöckchen, Aronstab, Quirlblütige Maiblume, Vierblättrige Einbeere u.a.). Soweit die Buche nach Westen geht, stehen besonders Waldrispengras und Perlgras im Knick.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden Baumschulen, aus denen man Pflanzen viel bequemer erhalten konnte, und zwar gleich Tausende von einer Art. Daraus entstand der einartige Knick. […] Aber auch der einartige Knick wird mit der Zeit bunt. Vögel siedeln beerentragende Sträucher an: Holunder, Brombeere, Himbeere, Schleh- und Weißdorn, Pfaffenhütlein, Faulbaum, ferner Rosen.

willi christiansen, ‚pflanzenkunde von schleswig-holstein‘, neumünster 1938 (2. auflage 1955)

„Eine reiche, immer wachsende Cultur!“ / ‚wanderungen durch die mark brandenburg‘ von theodor fontane

Eine reiche, immer wachsende Cultur! Wann sie ihren Anfang nahm, ist bei der Mangelhaftigkeit der Aufzeichnungen nicht mehr festzustellen. Es scheint aber fast, daß Werder als ein Fischerort ins 17. Jahrhundert ein- und als ein Obst- und Gartenort aus ihm heraustrat. Das würde dann darauf hindeuten, daß sich die Umwandlung unter dem Großen Kurfürsten vollzogen habe, und dafür sprechen auch die mannigfachsten Anzeigen. Die Zeit nach dem 30jährigen Kriege war wieder eine Zeit großartiger Einwanderung in die entvölkerte Mark und mit den gartenkundigen Franzosen, mit den Bouchés und Matthieus, die bis auf diesen Tag in ganzen Quartieren der Hauptstadt blühen, kamen ziemlich gleichzeitig die agriculturkundigen Holländer ins Land. Unter dem, was sie pflegten, war auch der Obstbau. Sie waren von den Tagen Henriette Marie’s, von der Gründung Oranienburgs und dem Auftreten der Cleve’schen Familie Hertefeld an, die eigentlichen landwirthschaftlichen Lehrmeister für die Mark, speziell für das Havelland, und wir möchten vermuthen, daß der eine oder andere von ihnen, angelockt durch den ächt-holländischen Charakter dieser Havel-Insel, seinen Aufenthalt hier genommen und die große Umwandlung vorbereitet habe. […] Bemerkenswerth ist es mir immer erschienen, daß die Werderaner in „Schuten“ fahren, ein niederländisches Wort, das in den wendischen Fischerdörfern, so viel ich weiß, nie angetroffen wird.

Gleichviel indeß was die Umwandlung brachte, sie kam; die Flußausbeute verlor mehr und mehr ihre Bedeutung; die Gärtnerzunft begann die Fischerzunft aus dem Felde zu schlagen, und das sich namentlich unter König Friedrich Wilhelm I., auch nach der Seite der „guten Küche“ hin, schnell entwickelnde Potsdam, begann seinen Einfluß auf die Umwandlung Werders zu üben. Der König, selber ein Feinschmecker, mochte unter den ersten sein, die anfingen eine Werdersche Kirsche von den üblichen Landesprodukten gleiches Namens zu unterscheiden. Außer den Kirschen aber war es zumeist das Strauchobst, das die Aufmerksamkeit des Kenners auf Werder hinlenkte. Statt der bekannten Bauern-Himbeere, wie man ihr noch jetzt begegnet, (die Schattenseite hart, die Sonnenseite madig) gedieh hier eine Species, die in Farbe, Größe und strotzender Fülle prunkend, aus Gegenden hierhergetragen schien, wo Sonne und Wasser eine südliche Brutkraft üben.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte sich die Umwandlung völlig vollzogen: Werder war eine Garten-Insel geworden; seinem Charakter nach war es dasselbe wie heut, aber freilich nicht seiner Bedeutung nach. Sein Ruhm, sein Glück begannen erst mit jenem Tage, wo der erste Werderaner (ihm würden Bildsäulen zu errichten sein) mit seinem Kahne an Potsdam vorüber- und Berlin entgegenschwamm. Damit brach die Großzeit an. In Wirklichkeit ließ sie noch ein halbes Jahrhundert auf sich warten; in der Idee war sie geboren. Mit dem rapide wachsenden Berlin wuchs auch Werder und verdreifachte in 50 Jahren seine Einwohnerzahl, genau wie die Hauptstadt. Der Dampf kam hinzu, um den Triumph zu vervollständigen. […]

Mit dem ersten Juni beginnt die Saison. Sie beginnt von Raritäten abgesehen, mit Erdbeeren. Dann folgen die süßen Kirschen aller Grade und Farben; Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren schließen sich an. Ende Juli ist die Saison auf ihrer Höhe. Der Verkehr läßt nach, aber nur, um Mitte August einen neuen Aufschwung zu nehmen. Die sauren Kirschen eröffnen den Zug; Aprikosen und Pfirsich folgen; zur Pflaumenzeit wird noch einmal die schwindelnde Höhe der letzten Juli-Wochen erreicht. Mit der Traube schließt die Saison. Man kann von einer Sommer- und Herbst-Campagne sprechen. Der Höhenpunkt jener fällt in die Mitte Juli, der Höhenpunkt dieser in die Mitte September. Die Knupperkirsche einerseits, die blaue Pflaume andererseits, – sie sind es, die über die Saison entscheiden.

theodor fontane, ‚wanderungen durch die mark brandenburg‘, bd. 3: ‚ost-havelland. die landschaft um spandau, potsdam, brandenburg‘, berlin, 1873.