„Kein Theil in der Gärtnerey ist von einem solchen allgemeinen Nutzen, als das Beschneiden, …“ / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Beschneiden. Das Beschneiden der Bäume.

Kein Theil in der Gärtnerey ist von einem solchen allgemeinen Nutzen, als das Beschneiden, und dennoch wird es seltnes seyn, Bäume zu finden, welche in diesem Stücke geschickt besorgt werden. Obgleich in diesem Fach ein jeder Gärtner ein Meister seyn will, so sind dennoch sehr wenige, welche es recht verstehen, indem man solches nicht aus der Erfahrung, sondern aus einer vernünftigen Beobachtung des verschiedenen Wachsthums der mancherley Sorten von Fruchtbäumen erlernen muß. Hierinu muß die Natur und eine genaue Aufmerksamkeit einzig und allein Meister seyn, weil einige auf diese, andere hingegen auf eine ganz andere Weise behandelt seyn wollen, nachdem sie ihre Früchte natürlicher Weise hervorzubringen pflegen. Denn gemeiniglich tragen einige ihre Fruchte am Holze eben desselben Jahrs, andere hingegen am Holze des vorigen Jahrs, als die Pfirsiche und Aprikose, andere wieder an den Trieben, welche aus dem drey, vier und fünfjährigen Holze hervorwachsen, als die Birn, Pflaumen und Kirschen. Wer also die Fruchtbäume durch das Beschneiden recht warten will, der muß vor allen Dingen darauf sehen, daß er nicht allein an einem jeden Theil des Baums genugsames Tragholz habe, sondern daß er auch zugleich niemals zu viele unnütze Aeste, welche die Bäume entkräften, stehen lasse, wodurch sie sonst in wenig Jahren würden vernichtet werden. Die Bewegungsgründe, warum die Bäume von einem jeden, der in der Naturlehre etwas erfahren ist, beschnitten werden, sind folgende: 1) Daß man dadurch die Bäume länger bey Kräften und fruchtbar erhalte; 2) daß die Frucht nicht nur grösser und schöner, sondern viel wohlschmeckender werde, und 3) daß die Bäume nicht so vielen Raum und Platz einnehmen, und sich durch den Schnitt und eine gute Anordnung dem Auge ungemein schön darstellen, und dasselbe auf eine angenehme Art belustigen.

Ich sehe aber schon zum voraus, daß dasjenige, was ich in Ansehung des Beschneidens und Bindens der verschiednen Fruchtsorten gesagt habe, von vielen wird verlacht werden, indem sich die wenigsten die Zeit nehmen werden, die Ursachen zu untersuchen, auf welche ich meine Erfahrung und das Verfahren mit den mancherley Fruchtbäumen gründe. Und noch weniger werden sie sich die Mühe geben, selbst einige Experimente zu machen, un zu sehen, ob solches der Wahrheit gemäß sey, weil ich in vielen Stücken von der allgemeinen Practik der meisten Gärtner abgehe, und weil besonders die Zeit, welche ich zum Beschneiden ausgesetzt, mit der gemeinen Methode und der Meynung derselben nicht übereinstimmt. Sie werden daher auch sicher sehr vieles dawider einzuwenden haben. Ich bin aber gewiß versichert, daß, wenn einer die Probe machen wird, die Erfahrung dasjenige, was ich gesagt habe, bestätigen werde. Und es ist gewiß, daß die allervortheilhafteste und vornehmste Zeit im ganzen Jahre zum Beschneiden aller Europäischen Bäume diejenige sey, wenn sie anfangen ihr Laub fallen zu lassen. […] Durch ein vernünftiges Beschneiden wird ein Baum viel länger in einem gesunden und fruchtbaren Zustande erhalten, weil ihm dadurch nicht mehr Zweige, als ihm nützlich und nöthig sind, gelassen werden, welche die Wurzel nicht allein gemächlich ernähren kann, sondern sie wird auch durch keine unnütze Zweige erschöpft. Denn man nimmt ihm alle überflüßigen weg, durch welche nothwendiger Weise sehr viel Saft umsonst verschwendet wird, und die man nachher zur unrechten Zeit, wenn sie den Baum entkräftet hätten, doch abschneiden müßte. Ferner wird ein Baum, wenn alle seine Zweige nach ihren verschiednen Kräften beschnitten und nach der Grösse und dem Unterschied ihrer Blätter und Früchte angeheftet werden, durch ein solches geschicktes Beschneiden dem Auge viel schöner dargestellt. Alles dasjenige, was unter dem schönen Ansehen eines Baums verstanden wird, besteht darinn, daß, wenn alle Zweige nach ihren verschiedenen Kräften beschnitten und angeheftet sind, kein einziger Theil der Wand oder des Spaliers, in so weit die Bäume in ihrem Wachsthum zugenommen, von Tragholz leer sey. Denn ein wohl gewarteter Baum wird, wenn er gleich keine regulaire Figur hat, dennoch allezeit ein sehr schönes Ansehen machen, wenn er auf diese Weise aufgeputzt ist. […]

Da ich nunmehr die Ursachen des Beschneidens angezeigt, so sollte ich billig auch zeigen, auf welche Weise solches am besten ins Werk zu richten sey. Da aber unter einem jeden Artikel der verschiednen Fruchtsorten schon weitläuftig davon gehandelt worden, so will ich solches hier nicht wiederholen, sondern nur überhaupt einigen Unterricht geben, wie man solches recht verrichten solle. Obgleich verschiedne Schriftsteller sehr weitläuftig über diesen Artikel geschrieben haben, so wird sich doch schwerlich ein Anfänger aus denselben Raths erholen können, indem sie in der Angabe der verschiednen Aeste, welche man beschneiden soll, mit sich selbst nicht einig sind. Sie werden daher, weil sie selbst keinen rechten Begriff von der Zucht und Wartung der Bäume haben, oft dunkel und unverständlich, und speisen zuletzt den Leser mit leeren Worten ab.

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tuinen het loo: ‚a description of the king’s royal palace and gardens at loo‘ & knipsen

von 1685 bis 1692 liess der niederländische statthalter willem van oranje für sich und seine frau mary stuart, tochter von james II, das schloss het loo erbauen. die architekten waren der aus frankreich stammende hugenotte daniël marot und jacobus roman, stadtbaumeister von leiden, ab 1689 hofarchitekt. mit dem palast aus backstein wurden die gärten angelegt. der fränzösische einfluss von andré le nôtre, hofgärtner von willems intimfeind louis XIV., ist zu spüren. was jedoch hier im waldgebiet veluwe bei apeldoorn entstand, ist niederländisch, hollands classicisme. prunkvoll und repräsentativ, aber nicht protzig à la versailles.

1689, nach der glorious revolution, bestiegen die erbauer als william III und mary II den englischen thron. hampton court, mit dem für willem angelegten privy garden, oder kensington palace wurden zu hauptresidenzen. im 18. jhr. wurde der garten teilweise dem zeitgeschmack angepasst. im19. jhr., unter louis napoléon bonaparte, verschwand der barock und ein landschaftsgarten wurde angelegt, die barocken paterres aufgefüllt. in der regierungszeit von königin wilhelmia, die nach ihrer abdankung hier lebte, kamen nebengebäude hinzu. zwischen 1977 und 1984 wurde der barocke tuinen het loo rekonstruiert.

bei barockgärten wird gerne mantramässig vom einfluss der gärten von versailles gesprochen. gerade in nordeuropa sollte man eher vom einfluss von het loo sprechen. das im marketingjargon als ”westfälisches versailles” bezeichnete schloss nordkirchen, ist ein „münsterländer het loo“: neben dem architekten gottfried laurenz pictorius (später johann conrad schlaun) wirkte am bau auch jacobus roman mit. oder der große garten in herrenhausen: sophie von der pfalz, kurfürstin von braunschweig-lüneburg aka hanover, war massgeblich an der gestaltung beteiligt. die tochter des winterkönigs, friedrich V. von der pfalz, verbrachte ihre kindheit im niederländischen exil des vaters bei der verwandtschaft ihrer mutter elisabeth stuart. der einfluss der niederländischen gärten wie het loo ist in hannover jederzeit sichtbar, wenn man die versailles-brille abnimmt. eine barocke dutch wave …

1699 erschien in london das buch ‚a description of the king’s royal palace and gardens at loo, […]‘ vom königlichen leibarzt walter harris. eine beschreibung des gartens im „original“-zustand und ein wichtiges dokument für die restaurierung des tuinen het loo:

THIS Description of the King’s Palace, and Gardens at Loo, was most of it written at the Command of our late most Incomparable Queen, of ever Glorious Memory, who was not displeased with the Sight of it; and who, though she Honoured this Royal Fabrick with the laying its first Stone, yet could never have the Pleasure of seeing it Perfected: […]

  

die mittlere allee & ein baunzaun (nicht richard serra, das paleis wird renoviert).

HIS Majesty’s Palace and Gardens at Loo are situated on the cast-side of a large Sandy Heath, or in the Veluwe, a considerable part of the Province of Gelderland, one of the Seven United Provinces. The Heath is extended Southward unto the Rhine, and Northward unto the Zuyder, or South Sea; Westward it runs almost to Amersfort, or within less than two Leagues of it; and Eastward it is extended to the Issel, a considerable River that divides Overyssell from the Veluwe. Loo is three Leagues from Deventer, five from Harderwick on the South-Sea, five from Dieren, another of His Majesty’s Places, six from Arnheim, and twelve Leagues or Hours from Utrecht. It is an excellent Country for Hunting, and abounds with Staggs, some Roe-bucks, the Wild Boar, Foxes, Hares, and some Wolfs. It is no less excellent for Fowling, and has good store of Woodcocks, Partridges, Pheasants, &c. In a Wood near Loo, there is a Herniary for Hawking; and within a league of it North-cast, His Majesty has of late caused to be made an Excellent Decoy, which supplies his Family with good store of Ducks and Teale. And in the Heath beyond the Gardens, there are six Vi∣vers or large Fish-ponds, somewhat after the model or resemblance of those in Hide-Park, the one communicating with the other. […]

The New Palace, lately built by His Majesty, is near unto the Old Hoof, or Old Court, which is a Castle surrounded with a broad Moat, and purchased about 12 or 14 Years ago from the Seigneur de Laeckhuysen, a Gentleman of this Country. They are separated from one another only by some of the Gardens, which lye on the West-side of the New Palace. The Gardens are most Sumptuous and Magnificent, adorned with great variety of most Noble Fountains, Cascades, Parterres, Gravel Walks, and Green Walks, Groves, Statues, Urns, Paintings, Seats, and pleasant Prospects into the Country.

Before the Gate that enters into the Court of the Palace, there is a broad Green Walk between a double row of Oaks, half a mile long; […].

  

blick vom dach über den benedentuin und den boventuin & die die beiden gärten trennende allee mit kanälen. Weiterlesen

„Eine reiche, immer wachsende Cultur!“ / ‚wanderungen durch die mark brandenburg‘ von theodor fontane

Eine reiche, immer wachsende Cultur! Wann sie ihren Anfang nahm, ist bei der Mangelhaftigkeit der Aufzeichnungen nicht mehr festzustellen. Es scheint aber fast, daß Werder als ein Fischerort ins 17. Jahrhundert ein- und als ein Obst- und Gartenort aus ihm heraustrat. Das würde dann darauf hindeuten, daß sich die Umwandlung unter dem Großen Kurfürsten vollzogen habe, und dafür sprechen auch die mannigfachsten Anzeigen. Die Zeit nach dem 30jährigen Kriege war wieder eine Zeit großartiger Einwanderung in die entvölkerte Mark und mit den gartenkundigen Franzosen, mit den Bouchés und Matthieus, die bis auf diesen Tag in ganzen Quartieren der Hauptstadt blühen, kamen ziemlich gleichzeitig die agriculturkundigen Holländer ins Land. Unter dem, was sie pflegten, war auch der Obstbau. Sie waren von den Tagen Henriette Marie’s, von der Gründung Oranienburgs und dem Auftreten der Cleve’schen Familie Hertefeld an, die eigentlichen landwirthschaftlichen Lehrmeister für die Mark, speziell für das Havelland, und wir möchten vermuthen, daß der eine oder andere von ihnen, angelockt durch den ächt-holländischen Charakter dieser Havel-Insel, seinen Aufenthalt hier genommen und die große Umwandlung vorbereitet habe. […] Bemerkenswerth ist es mir immer erschienen, daß die Werderaner in „Schuten“ fahren, ein niederländisches Wort, das in den wendischen Fischerdörfern, so viel ich weiß, nie angetroffen wird.

Gleichviel indeß was die Umwandlung brachte, sie kam; die Flußausbeute verlor mehr und mehr ihre Bedeutung; die Gärtnerzunft begann die Fischerzunft aus dem Felde zu schlagen, und das sich namentlich unter König Friedrich Wilhelm I., auch nach der Seite der „guten Küche“ hin, schnell entwickelnde Potsdam, begann seinen Einfluß auf die Umwandlung Werders zu üben. Der König, selber ein Feinschmecker, mochte unter den ersten sein, die anfingen eine Werdersche Kirsche von den üblichen Landesprodukten gleiches Namens zu unterscheiden. Außer den Kirschen aber war es zumeist das Strauchobst, das die Aufmerksamkeit des Kenners auf Werder hinlenkte. Statt der bekannten Bauern-Himbeere, wie man ihr noch jetzt begegnet, (die Schattenseite hart, die Sonnenseite madig) gedieh hier eine Species, die in Farbe, Größe und strotzender Fülle prunkend, aus Gegenden hierhergetragen schien, wo Sonne und Wasser eine südliche Brutkraft üben.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte sich die Umwandlung völlig vollzogen: Werder war eine Garten-Insel geworden; seinem Charakter nach war es dasselbe wie heut, aber freilich nicht seiner Bedeutung nach. Sein Ruhm, sein Glück begannen erst mit jenem Tage, wo der erste Werderaner (ihm würden Bildsäulen zu errichten sein) mit seinem Kahne an Potsdam vorüber- und Berlin entgegenschwamm. Damit brach die Großzeit an. In Wirklichkeit ließ sie noch ein halbes Jahrhundert auf sich warten; in der Idee war sie geboren. Mit dem rapide wachsenden Berlin wuchs auch Werder und verdreifachte in 50 Jahren seine Einwohnerzahl, genau wie die Hauptstadt. Der Dampf kam hinzu, um den Triumph zu vervollständigen. […]

Mit dem ersten Juni beginnt die Saison. Sie beginnt von Raritäten abgesehen, mit Erdbeeren. Dann folgen die süßen Kirschen aller Grade und Farben; Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren schließen sich an. Ende Juli ist die Saison auf ihrer Höhe. Der Verkehr läßt nach, aber nur, um Mitte August einen neuen Aufschwung zu nehmen. Die sauren Kirschen eröffnen den Zug; Aprikosen und Pfirsich folgen; zur Pflaumenzeit wird noch einmal die schwindelnde Höhe der letzten Juli-Wochen erreicht. Mit der Traube schließt die Saison. Man kann von einer Sommer- und Herbst-Campagne sprechen. Der Höhenpunkt jener fällt in die Mitte Juli, der Höhenpunkt dieser in die Mitte September. Die Knupperkirsche einerseits, die blaue Pflaume andererseits, – sie sind es, die über die Saison entscheiden.

theodor fontane, ‚wanderungen durch die mark brandenburg‘, bd. 3: ‚ost-havelland. die landschaft um spandau, potsdam, brandenburg‘, berlin, 1873.

„the orchard, a place that is not so often included“ / ‚colour in the flower garden‘ von gertrude jekyll

[…] the orchard, a place that is not so often included in the pleasure-ground as it deserves. For what is more lovely than the bloom of orchard-trees in April and May, with the grass below in its strong, young growth; in itself a garden of Cowslips and Daffodils. In an old orchard how pictorial are the lines of the low leaning old Apple-trunks and the swing and poise of their upper branches, best seen in winter when their graceful movement of line and wonderful sense of balance can be fully appreciated. But the younger orchard has its beauty too, of fresh, young life and wealth of bloom and bounteous bearing.

Then if the place of the orchard suggests a return to nearer pleasure-ground with yet some space between, how good to make this into a free garden orchard for the fruits of wilder character; for wide-spreading Medlars, for Quinces, again some of the most graceful of small British trees; for Service, Damsom, Bullace, Crabs and their many allies, not fruit-bearing trees except from the birds‘ and botanists‘ point of view, but beautiful both in bloom and berry, such as the Mountain Ash, Wild Cherry, Blackthorn, and the large-berried White-thorns, Bird-cherry, White Beam, Holly and Amelanchier. Then all these might be intergrouped with great brakes of free-growing Roses and the wilder kinds of Clematis and Honeysuckle. And right through it should be a shady path of Filberts or Cobnuts arching overhead and yielding a bountiful autum harvest.

gertrude jekyll, ‚colour in the flower garden‘, london, 1908.