juniperus communis / ‚der heidegarten‘ von alfred lichtwark

Der Wacholder ist wohl weitaus das edelste Gebilde unserer Flora. Wo er wie hier [in der lüneburger heide] ungestört aufwachsen kann, genügt ein Busch, der cypressenartig Heide und Himmel überschneidet, um einem weiten Landstrich Charakter zu geben. Er strebt auf wie ein schlanker Mensch. Man weiß ja in der Heide oft nicht zu sagen, ob in der Ferne ein Mensch oder ein Wacholderbusch steht. Wenn der Wind mit seiner schwanken, zierlichen Form spielt, ist es, als ob eine Opferflamme sich bewegte. Auch in der Ruhe hat sein Umriß etwas züngelndes, das an eine Flamme erinnert. Die kurzen Nadeln bilden eine dichte festgeschlossene, dem Blick undurchdringliche Oberfläche von sammetartigem Gewebe, dunkelgrün mit silbrigem oder meergrünem Hauch. Die aus Amerika eingeführte Thuja, in der Erscheinung ihm verwandt, wirkt plump und schwer neben ihm und auch das Gewebe ihrer Oberfläche hält keine Vergleich aus. Hätte der Volksmund den schönen Namen Augentrost nicht schon an eine Blume vergeben, der Wacholder müßte ihn haben.

Ist es nicht beschämend, daß unsere Gartenkunst mit dem an Form und Farbe schönsten Busch unserer Heimat nicht das geringste anzufangen weiß? Man sieht ihn wohl einmal in einem Gebüsch mit der Thuja zusammen, aber seine Schönheit fühlt nur der Bauer, der zwei Wacholder als Wächter vor seine Tür oder an den Weg pflanzt, der auf sein Haus führt. Hier erst, wo er vor dem Zahn des Schafes geschützt ist, offenbart er den ganzen Adel seiner Form. Auf seinem Standort in der Heide ist seine Entwicklung von tausend Zufällen abhängig.

Im Heidegarten läßt sich der Wacholder zu tausend Zwecken verwenden. Er kann paarweise als hoher ernster Wegwächter auftreten, kann auf den Beeten neben dem Hauptweg in Abständen gepflanzt die großen Rhythmen angeben oder aber hochaufstrebend die vier Ecken der Anlage betonen, einzeln oder als Gruppe, je nach Umfang des Geländes. Wie weit er, geschoren, Lauben, Eredren und Laubenwände bilden und statt des Buchsbaums als Einfassung oder als zierliche Hecke innerhalb der Gartenanlage zu verwenden sein würde, kann ich noch nicht sagen, da die Erfahrung fehlt. Soviel steht mir schon heute fest, kommt einmal wieder eine Zeit, die den architektonischen Garten liebt, dann wird der Wacholder das vornehmste Baumaterial abgeben und für den Garten geringeren Umfangs geradezu unentbehrlich sein. Denn sein Wachstum hat Maß.

alfred lichtwark, ‚der heidegarten‘ (1904) in ders., ‚park- und gartenstudien‘ (die grundlagen der künstlerischen bildung. studien. aus den vorträgen an der [hamburger] kunsthalle), berlin 1909

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„Nicht nur die Rücksicht auf die Brauchbarkeit, […], auch die auf die Kunstform verlangt Bedacht“ alfred lichtwark / 2014: 100 jahre hamburger stadtpark

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Nicht nur die Rücksicht auf die Brauchbarkeit, die noch so viele Probleme bietet, auch die auf die Kunstform verlangt Bedacht. Einmal, weil sie aus dem Bedürfnis entwickelt werden muß und erst feste Umrisse gewinnen kann, wenn wir genau wissen, was wir brauchen. Dann aber, weil wir, was niemand leugnen kann, mitten in einer Krisis der Formensprache schweben. Wir haben angefangen, die Gesetze des kleinen Hausgartens wieder zu finden und anzuwenden. Die künstlerischen Mittel, einen großen Park in allem Einzelnen von Grunde aus zu gestalten, sollen erst erprobt werden.
Einen Teil, das Allgemeinste, werden wir aus dem klassischen Garten des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts entnehmen können: die Gliederung des unübersehbaren und deshalb eigentlich unsichtbaren Geländes in größere und kleinere Einzelräume, die […] noch als Ganzes empfunden werden werden können. Sodann den Kunstgriff, durch eine mittlere Perspektive den ganzen Raum übersehbar zu machen und daneben in den Achsen der Einzelräume Durchblicke in die Nachbarräume zu schaffen, um stets, selbst bei den geschlossenen Einzelgärten, an das Dasein der Gesamtanlage zu erinnern. Nach diesem Gesetz waren einst auch in Hamburg die verhältnismäßig kleinen Gärten der Landhäuser angelegt. Was es bewirken will, läßt sich am raschesten erkennen durch einen Blick auf dies so viel kleinere Raumgebilde. Am Haus, im Schutz hoher Hecken der Blumengarten mit Springbrunnen, spiegelndem Wasserbecken, grauen Vasen und Statuen; dahinter der Gemüsegarten mit Beerensträuchern und niedrigen kostbaren Obstarten, zur Belebung Fischteiche regelmäßiger Form darin, an den Mauern oder Planken rund umher Spalierobst; und als dritten Teil die große Wiese mit regelmäßig verteilten hohen Obstbäumen, von Hecken eingeschlossen und mit dem Lusthaus oder der Laube am äußerstem Ende als Abschluß des einen geraden Weges, der vom Haus her durch alle drei Gärten geführt war. Wer aus dem Gartensaal des Hauses trat, sah durch die Oeffnung der Hecken oder Mauern, die den ersten und den zweiten Garten einhegten, am Ende des Langen Weges die weißen Türen und Fensterrahmen unter dem roten Dach des fernen Lusthauses. Der Garten hatte drei Akte wie ein Drama, war als Ganzes durch den mittleren Weg und seinen Abschluß im Gartenhaus zusammengehalten, aber genossen wurde er immer nur in der Betrachtung der Einzelgärten.
Diese bescheidene Kunstform war das Endergebnis einer uralten Gartenkultur. Jeder Teil hatte seinen eigenen Charakter und war zugleich gegen den anderen abgestimmt. Vom Blumengarten strengster Form ging es durch den einfacheren Nutzgarten in den blumenlosen Baumgarten des letzteren Teils, der vom Lusthause aus zurück auf das Haus einen Blick mit umgekehrter Steigerung öffnete: Die Kunstform des Hauses, über Hecken und Bäume aufstrebend und über den mittleren Weg bis zu den Füßen sichtbar.
Das Gesetzt dieses Künstlerischen Gartens ist das natürliche, weil es unserer menschlichen Natur entspricht, unseren Augen, die sich so niedrig über den Boden erheben, daß sie des Standortes auf einem Turme bedürfen, um den einfachen Komplex eines größeren Hausgartens als Ganzes zu genießen, und dann, weil es unserem Verstand und Gefühl gemäß ist, die Rhythmus, Ordnung, Maß und begrenzte Raumformen verlangen.
Ein Gelände von der Größe des Hamburger Stadtparks kann nur durch Aufteilung in einzelne stets umrissene übersehbare Räume genossen werden.
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alfred lichtwark, ‚die probleme des hamburger stadtparks‘ zuerst im ‚jahrbuch der gesellschaft hamburgischer kunstfreunde, bd. 14, hamburg, 1908, wiederabgedruckt in a.l. ‚park- und gartenstudien‘, berlin, 1909

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stadtpark_hh_schumacher_gothein_500 plan von fritz schumacher für den hamburger stadtpark, aus: marie luise gothein, ‚geschichte der gartenkunst‘, bd. 2, jena 1926.