virtuelles lapidarium / die ildefonso-gruppe oder jünglinge im garten…

Für die höchste und schwierigste Aufgabe der Sculptur, für die Bildung freistehender Gruppen, hat das Alterthum uns wenigstens eine Anzahl von mehr oder weniger erhaltenen Beispielen hinterlassen, in welchen die ewigen Gesetze dieser Gattung abgeschlossen vor uns liegen, obwohl es nur arme, einzelne Beste von einem Gruppenreichthum sind, von welchem sich die jetzige Welt keinen Begriff macht. Unter jenen Gesetzen sind einige, die auf den ersten Blick einleuchten: der schöne Contrast der vereinigten Gestalten in Stellung, Körperaxe. Handlung u.s.w.; die wohlthuenden Schneidungen und Deckungen; die Deutlichkeit der Action für die Ansicht von mehrern oder allen Seiten etc. etc. Schwer aber (und nur dem Bildhauer selbst möglich) ist das Nachfühlen und Nachweisen des Gesetzmässigen in allem Einzelnen. […]
Zum Einfachschönsten gehören einige Werke, welche zwei Gestalten in ganz ruhiger geistiger Gemeinschaft darstellen. Das Ausgezeichnetste in dieser Art, die sog. Gruppe von San Ildefonso, (die Genien des Schlafes und des Todes, nach der üblichsten Erklärung, traulich aneinander gelehnt) befindet sich jetzt in Madrid; […]

jacob burckhardt, ‚der cicerone – eine anleitung zum genuss der kunstwerke italiens‘, basel, 1855.

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ildefonso-gruppe, kupferstich aus: ‚raccolta di statue antiche e moderne data in luce sotto i gloriosi auspicj della santita di n.s. papa clemente XI. da domenico de rossi illustrata colle sposizioni a ciascheduna immagine di paolo alessandro maffai‘, rom, 1704.

die heute als ‚ildefonso-gruppe‘ bekannte skupltur (römisch nach griechischen vorbildern, schule des pasiteles, um 10 v. chr., weisser carrara-marmor, 161 x 106 x 56 cm) wurde um 1620 bei ausgrabungen auf dem monte pincio in rom gefunden. auf dem gelände befand sich der familiensitz der ludovisis, die villa boncompagni ludovisi (mit einem zeitweise andré le nôtre zugeschriebenem garten). in der antike war das areal teil der horti sallustiani (1. jh. v. Chr.). durch das im 19 jh. bebaute gelände verläuft die via veneto: la dolce vita…

im inventar der antikensammlung (der grössten in der ersten hälfte des 17. jh.) von kardinal ludovico ludovisi ist die skulptur erstmals schriftlich dokumentiert.

Seconda stanza à mano manco. Due statue di due giovanotti antichi grandi del naturale ignudi fanno un sacrificio un idoletto di una femmina apresso vestita con un canestrino in capo figure di Castore e Polluce gemelli (Gruppe von Ildefonso) sopra piedistalli di breccia, corniciato con un bassorilievo d’una battaglia in fronte con un fregio di marmo nero intorno.

‚arch. boncompagni. arm. IX. prot. 325. nr.1‘ in: theodor schreiber, ‚die antiken bildwerke der villa ludovisi in rom‘, leipzig, 1880.

später gelangt sie in den besitz des kardinals camillo massimo. 1678 erwarb die abgedankte, im römischen exil lebende, christina von schweden die beiden jünglinge für ihre sammlung. 1724 kaufte die frau von felipe V . von spanien, elisabetta farnese, die skulptur aus sammlung odescalchi und sie wurde im palacio real la granja de san ildefons, dem sommersitz der spanischen könige in der region segovia, aufgestellt. 1828 zogen die jungs, den namen haben sie vom palast behalten, in das museo del prado nach madrid um. in san ildefonso, im sala de la verdad, befindet sich heute eine gipskopie von giuseppe pagniucci auf dem alten sockel.

die ildefonso-gruppe in gärten und anderswo

die kopie am namesgebenden ort ist nicht die einzige: im park von sansouci in potsdam steht eine francesco menghi zugeschriebene version, westlich des von karl friedrich schinkel, zusammen mit seinem schüler ludwig persius, entworfenen schlosses charlottenhof. seit 1885 an ihrem heutigen standort im park (von hermann sello und peter joseph lenné), auf einer von wegen durchzogenen rasenfläche, aber schon vom kronprinzen und späteren könig friedrich wilhelm IV. bei seiner grundkonzeption (→ friedrich wilhelm IV. bestandskatalog, spsg, inventarnummer GK II (12) II-1-Cg-25) für charlottenhof an anderer stelle eingeplant.

eine weitere preussische variante befindet sich im schloss glienicke in berlin-wannsee – eines der besten resultate der germanischen italiensehnsucht. das gebäude, von schinkel und persius für den prinzen carl von preussen gebaut, steht in einem park von lenné. für den gartenhof entwarf schinkel einen brunnen mit einer ildefonso-gruppe (→ ‚entwurf für die brunnenanlage mit der ildefonso-gruppe‘, um 1827. kupferstichkabinett, smb, inv.-no.: SM 51.10.) aus der kunst- und glockengiesserei lauchhammer, 1828 (aus der gleichen giesserei stammen die gartenmöbel von schinkel!)

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‚grundriss des schlösschen glinicke mit umgebung‘, detail: der gartenhof mit brunnen, aus karl friedrich schinkel, ’sammlung architektonischer entwürfe: enthaltend theils werke welche ausgeführt sind theils gegenstände deren ausführung beabsichtigt wurde‘, berlin 1819 bis 1840.

vorbild für den ildefonso-brunnen in berlin war die brunnenanlage mit lauchhammer ifdefonso-gruppe in weimar.

neben den klassizistischen sollte man die barocke version in den versailler gärten von andré le nôtre nicht vergessen: seit 1712 befindet sich hier eine mamorkopie von charles antoine coysevox, ca. 1706, demi-lune du parterre de latone côté sud.

für den haus- bzw. innenraumgebrauch: die porzellan version, handliche 35 cm höhe, von christian gottfried jüchtzer für die meissener manufaktur, 1789 (porzellansammlung im dresdener zwinger, sowie exemplare im british museum und im kunstgewerbemuseum, berlin).

neben kopien und abgüssen existieren einige formale zitate: die ‚prinzessinnengruppe‘, 1797, von johann gottfried schadow. ein doppelstandbild der prinzessinnen friederike und luise von mecklenburg-strelitz (die preussische königin luise, mutter von friedrich wilhelm IV. und prinz carl von preussen). in weimar das goethe-schiller-denkmal, 1857, von ernst rietschel.

who’s who oder wer steht da im beet?

schon im 17. jh. hielt man die beiden jünglinge für die dioskuren castor und pollux. die heute verbreitete interpretation. johann joachim winckelmann sah in ihnen orestes und pylades (‚monumenti antichi inediti‘, bd. 1, rom, 1767). laut gotthold ephraim lessing (‚wie die alten den tod gebildet‘, berlin, 1769) stellen sie schlaf und tod, hypnos und thanatos, da.

eine weitere deutung der beiden ist auf den zustand der skulptur zurückzuführen und ein produkt interpretativer restauration des 17. jh.: der linke jüngling war kopflos. ludovisis restaurator ippolito buzzi setzte einen kopf des antinous, ca. 130, auf den körper. antinous, günstling und vermutlicher liebhaber des römischen kaisers hadrian, ertränkte sich selbst im nil und genoss gottgleiche verehrung. ennio quirino visconti, archäologe, kustus der vatikanischen bibliothek und später konservator im louvre, deutete die restaurierte skulptur als den sich auf seinen todesdämon lehnenden antinous (‚osservazioni di ennio quirino visconti su due musaici antichi istoriati‘, parma, 1788).

vom monte pincio auf den eschberg

für ein grosse skulptur ist der „eigenen garten“ – der eher eine vom vermieter tolerierte guerilla gardening aktion auf dem „ehemaligen” eschberg ist – viel zu klein. eine skulptur incl. fundament & sockel utopisch… und nicht zeitgemäss. es gibt diese ganzen rostigen metall-deko-figuren? fürchterliches zeug das beim letzten besuch eines pflanzenmarktes mal wieder zum ausbruch des tourette-syndroms führte… rost mag ich jedoch, besonders bei cor-ten-stahl. ein griechisch-römisch-biedermeierlicher scherenschnitt aus metall?

erstmal einen winter drüber schlafen…

postskriptum

es wird versucht diesen blog einigermassen frei von verbeamteten staatsschriftschellern zu halten. hier lässt es sich leider nicht vermeiden. eine er-war-hier-plakette wird jedoch nicht angebracht! der weimeraner brunnen geht auf einen herrn g. zurück welcher in seinem haus in weimar eine ildefonso-gruppe aus bronziertem gips von martin gottlieb klauer, ca. 1812, stehen hatte (die ebenda noch steht):

[…] ist mir ein Gedanke gekommen, ob wir nicht ein Werk, wo nicht von Polyclet selbst, doch in seinem Sinne besitzen sollten, und zwar in der Gruppe, die jetzt in meiner Vorhalle steht, dem sonst sogenannten Castor und Polux. Hier wären die beyden meister- und musterhaften einzelnen Gegenbilder, der Diadumenos [diademträger] molliter juvenis [weichlicher jüngling] und der Doryphorus [speerträger], den Plinius [der ältere] viriliter puerum [männlicher junge] nennt, neben einander gestellt, und auf die glücklichste weise contrastirt und vereinigt. Diese beyden Epheben waren mir immer höchst angenehm und ich mag mir nun gern über sie dieses kritische Märchen machen.

johann wolfgang von goethe, brief an johann heinrich meyer, jena 10.11.1812.

über was sich alte männer so gedanken machen…

 

eine kindheitserinnerung, botanische chinoiserie & eine zwiebel

Ich denke an das blaue Zwiebelmuster. Wie oft hatte ich es im Lauf der Fehden, die an dem Tische ausgetragen wurden, der jetzt so schimmernd vor mir lag, um Beistand angefleht. Unzählige Male war ich seinen Zweigen und Fädchen, Blüten und Voluten nachgegangen, hingebender als je dem schönsten Bild. Nie hatte man um Freundschaft rückhaltloser sich beworben als ich um die des blauen Zwiebelmusters. Ich hätte es so gerne zum Verbündeten in dem ungleichen Kampf gehabt, der mir das Mittagessen oft verbitterte. Doch das gelang mir nie. Denn dieses Muster war käuflich wie ein General aus China, welches denn auch an seiner Wiege gestanden hatte. Die Ehrungen, mit denen es von meiner Mutter überhäuft ward, die Paraden, zu denen sie die Mannschaft einberief, die Totenklagen, die aus der Küche jedem Glied der Truppe, das gefallen war, nachhallten, machten meine Werbung aussichtslos. Denn kalt und kriechend hielt das Zwiebelmuster meinen Blicken stand und hätte nicht das kleinste seiner Blättchen detachiert, um mich zu decken.

walter benjamin, ‚berliner kindheit um neunzehnhundert‘, enstanden 1932–1934/1938, frankfurt/m., 1987.

eine kindheitserinnerung die es immer seltener geben wird. heute bekommen kinder ihr essen meist auf weniger raffiniert gestaltetem, weder die fantasie, den ästhetischen sinn noch den appetit besonders anregendem geschirr serviert. gibt eine korrelation zwischen der ästhetik des geschirrs und der darauf servierten nahrungsmittel?

neben der ‚ostfriesischen rose‘ für die teatime im nord-deutschland (wallendorfer porzellanmanufaktur) oder den blaublüten (arzberg) von max richter auf porzellan-formen von hermann gretsch (nsdap-mitglied und ab 1937 leiter des gleichgeschalteten deutschen werkbunds), der ‚flora danica‘ – der grössten botanischen sammlung auf porzellan → flora danica – und der ‚blå blomst‘ aus dänemark (den kongelige porcelænsfabrik bzw. bing & grøndahl, seit 1987 zusammen royal copenhagen) ist das zwiebelmuster das bekannteste und, in varianten, verbreiteste blumige muster auf porzellan.

der alchemist johann friedrich böttger und – gerne vergessen – der naturforscher ehrenfried walther von tschirnhaus begannen 1707 für den sächischen kurfürsten friedrich august I. & könig von polen a.k.a. august der starke auf der albrechtsburg in meißen nach der methode zur herstellung von porzellan zu forschen (es sollte eigentlich gold werden…)

als eines der ersten muster entstand ab 1730 das sogenannte zwiebelmuster für die ‚königlich-polnische und kurfürstlich-sächsische porzellan-manufaktur‘. vorbild war, dem zeitgeschmack entsprechend, chinesisches dekor. porzellanmaler wanderten aus meißen ab und das muster verbreitete sich in anderen manufakturen…

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das spiegelmotiv der teller zeigt chrysanthemum / chrysanthemen und bambuseae / bambus sowie eine ranke. an der ranke blühen nicht genauer definierte prunus-blüten: mandel-, pflaumen-, pfirsich- oder aprikosenblüten. dazu das blatt einer paeonia / pfingstrose. die bordüre, oder kehlenmotiv, besteht aus einer ranke und blüten: nelumbo / lotus. das fahnenmotiv, der tellerrand, zeigt in der klassischen kombination drei früchte: punica granatum / granatapfel, malum persicum /pfirsiche und melonen sowie die abstrahierte blüte einer paeonia / pfingstrose.

viel chinesische botanik, jedoch keine einzige allium cepa / zwiebel. das chinesische vorbild für das ur-zweibelmuster aus meißen zeigte ‚drei gesegneten früchte‘: granatapfel, pfirsich und zitrone. die “zwiebel” entstand bei der ausgestaltung des musters aus der ‚kreuzung‘ von zitrone und granatapfel.

nach der china-mode im 18. jh.verschwand das muster von den tafeln des adels. um 1860 wurde es zum statussymbol des bürgertums und der name ‚zwiebelmuster‘ bürgert sich ein…