morus alba: leibniz, preussen, berlin-steglitz & westfälische wallhecken

Ich habe auch noch auff ein augmentum fundi bedacht, so mit der zeit hierzu dienen köndte. Nachdem ich nehmlichen endtlich Leute gefunden, die die Seide in diesem Nordischen Teutschland in copia zu zielen zu wege bracht, welche auch in allen arbeiten der Italianischen nicht weichet, in gewien fällen auch vorgehet. Diese Leute die wollen die pflanzung der weißen Maulbeerbäume [morus alba] ferner anlegen, wo ich es zu wege bringen wurde. Es kan land dazu genommen werden so man sonst wenig brauchet. Und der Ertrag solcher cultur zu der Bibliothec und studien in diesem Land gewidmet werden, und der anfang der kosten von gestämpelten papier kommen.

gottfried wilhelm leibniz, ‚leibniz für ein gespräch mit herzog anton ulrich [von braunschweig-wolfenbüttel] ‚, wolfenbüttel, februar 1704. zitiert nach ’sämtliche schriften und briefe‘, erste reihe, 23. band, berlin, 2013.

leibniz philosophierte nicht nur über blätter im garten → philosophische gespräche im garten … / ‘neue abhandlungen über den menschlichen verstand’ sondern regte seine gesprächspartnerin, sophie von der pfalz, zur anlage eine plantage zur produktion von maulbeerblättern an → die herrenhäuser gärten: der berggarten.

alte einzelbäume, reste von maulbeeralleen (wie z.b. die 1720 von karl III. philipp, kurfürst von der pfalz, zwischen heidelberg und dem dem schwetzinger schloss → schlossgarten schwetzingen: … angelegte)… bei gartenbesuchen und der recherche über historische gärten stösst man immer wieder auf morus nigra, die schwarze, und alba, die weisse maulbeere. die früchte der nigra sind perfekt z.b. für konfitüre. die blätter der alba als raupenfutter.

chinoiserie & forstwirtschaft

angeregt durch die lekture von marco polo und berichten von ersten missionaren, kam es anfang des achtzehnten jahrhunderts zu einer china mode. zwei luxus produkte, neben den obligastorischen pagoden in gärten, waren unentbehrlich: porzellan & seide. das import-problem mit dem porzellan wurde von johann friedrich böttger und ehrenfried walther von tschirnhaus im meissen gelöst (cf. → eine kindheitserinnerung, botanische chinoiserie …). die fütterung des bombyx mori / seiden- oder maulbeerspinners stellte ein botanisches bzw. gärtnerishes problem da. die raupen spinnen sich in kokons aus seide ein, die dann durch abhaspeln, aufwickeln, des pfadens gewonnen wird. bis zur verpuppung fressen sie nur blätter. blätter der moros alba / weissen maulbeere. Weiterlesen

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die herrenhäuser gärten: der berggarten

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hannover, stadtbahnlinie 4 richtung garbsen, haltestelle herrenhäuser gärten, der bibliothekspavillon im berggarten, strassenseite …

erst eine sanddüne (der name berg ist geblieben) dann garten. ein platz zum experimentieren, ein ort für pflanzen die im barocken korsett des grossen gartens (→ der grosse garten in herrenhausen, sophie von der pfalz & …) auf der anderen strassenseite nicht passten.

unter herzog johann friedrich von braunschweig-lüneburg begann hier das gärtnern.

später liess sophie von der pfalz, verh. kurfürstin von hannover, exotische gewächse anpflanzen und brachte ihre stetig wachsende pflanzensammlung unter. ab 1704 wurde eine plantage mit maulbeerbäumen für die seidenraupenzucht gepflanzt. auf anraten von gottfried wilhelm leibniz (→ philosophische gespräche im garten …).

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seidenraupenfutter: morus alba / weisser maulbeerbaum mit blick in richtung des präriegartens. gepflanzt 2014 von den freunden der herrenhäuser gärten e.v. (zusammen mit einem morus nigra / schwarzem maulbeerbaum).

1849 erbaute georg ludwig friedrich laves das erste palmenhaus. 1880 entstand das grosse palmenhaus von richard auhagen (in den 1950igern abgerissen, heute steht dort ein tropisches aquarium… event-fische im garten… ). Weiterlesen

(jäger und) sammler

erinnerung an verbrauchten proviant beim wandern (oder war es spazierengehen?) in der pfalz:

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& was man beim auspacken des rucksacks / koffers so alles findet:

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maclura pomifera / osage orange oder milchorangenbaum. keine orange sondern ein maulbeergewächs / moraceae. ursprünglich aus dem süden der usa (texas, arkansas und oklahoma). benannt nach den indianerstamm der osage die aus dem holz bögen herstellten. die dornigen bäume eignen sich als hecken. die früchte werden nur von sciurus carolinensis / grauhörnchen gefressen. die wollen wir aber hier nicht füttern: rettet das sciurus vulgaris / rote europäische eichhörnchen!!! & → poncirus trifoliata / bitterorange.

aus dem weinberg für die verwilderung des „eigenen gartens“: anacetum vulgare / rainfarn, solidago / goldruten oder -rauten wahrscheinlich solidago gigantea / riesen-goldrute & apiaceae / doldenblütler.

hagebutten von zwei wilde rosen, morus nigra / schwarze maulbeere & parthenocissus quinquefolia / selbstkletternde jungfernrebe oder wilder wein (leider fehlt noch die treillage).

aufforstung oder essen? the same procedure as last year(s)… : → juglans regia / walnuss & → keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, lat.: castanea sativa).

malus sepulcreti

malus sepulcretum   ein apfelbaum (sorte unbekannt) auf dem friedhof ( → Unter dem Ziegenberg / harzerfuhrherren.wordpress.com) neben der dorfkirche buntenbock, oberharz.

ein obstbaum auf dem friedhof? eine friedhofsbepflanzung mit langer tradition.

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Da namen sie den leichnam Jhesu / vnd bunden jn in leinen Tücher mit Specereien / wie die Jüden pflegen zu begraben. / Es war aber an der Stete / da er gecreutziget ward / ein Garte / vnd im garten ein new Grab / in welches niemand je gelegt war. / Da selbs hin legten sie Jhesum

johannes 19, 40-42. übersetzung von martin luther, 1545.

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r.: der st. galler klosterplan / codex sangallensis 1092, enstanden um 820 im kloster reichenau. heute in der stiftsbibliothek st. gallen. l. (detail): der friedhof der mönche im obstgarten oder der obstgarten der mönche als friedhof. der friedhof/obstgarten befindet sich auf dem gesamtplan o.r. neben dem gemüsegarten.

die beschriftung des planes:

friedhof:

Inter ligna soli haec semper sanctissima crux est / in qua perpetuae · Poma salutis olent / Hanc circum iaceant defuncta cadauera fratrum / Qua radiante iterum ·Regna poli accipiant

Unter diesen Hölzern der Erde ist das heiligst immer das Kreuz, / an dem duften die Früchte des ewigen Heils. / Um es herum sollen liegen die Leiber der verstorbenen Brüder; / wenn es wieder erglänzt, mögen sie empfangen die Reiche des Himmels

obstgarten:

M[alus] uel perarius / prunarius / sorbarius / mispolarius / laurus / castenarius / ficus / guduniarius / persicus / auellenarius / amendelarius / murarius / nugariu

Apfelbaum und Birnbaum / Pflaume / Speierling / Mispel / Lorbeer / Kastanie / Feige / Quitte / Pfirsich / Haselnuss / Mandelbaum / Maulbeerbaum / Walnuss

übersetzung nach walter berschin und walter horn.

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[…] ’s war Herbsteszeit,

Wieder lachten die Birnen weit und breit;

Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.

Legt mir eine Birne mit ins Grab.“

[…]
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus

Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,

Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,

Und in der goldenen Herbsteszeit

Leuchtet’s wieder weit und breit.

Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,

So flüstert’s im Baume: „Wiste ’ne Beer?“

Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick gew‘ di ’ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die Hand

Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

theodor fontane, ‚herr von ribbeck auf ribbeck im havelland‘, in ‚gedichte‘, stuttgart/berlin, 1889.

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Come, my spade. There is no ancient gentleman but gardeners, ditchers, and grave-makers: they hold up Adam’s profession.

william shakespeare, hamlet

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