philosophische gespräche im garten bei einer tasse tee & keksen / ’neue abhandlungen über den menschlichen verstand‘ von gottfried wilhelm leibniz

schuster_leibnitz_herrenhausen_500   philosophische gespräche im grossen garten: leibniz und sophie von der pfalz, kurfürstin von braunschweig-lüneburg. ill.: johann david schubert gestochen von daniel berger aus ‚pantheon der deutschen‘.

Die Gesellschaft an dem Hannöverischem Hofe, wo solche Materien durchgestritten wurden, machte sich ein angenehmes Geschäft daraus, Erfahrungen aufzusuchen, womit sie die Paradoxen des Philosophen widerlegen könnten. Leibniz erzählt uns selbst die Geschichte eines solchen Spieles, die uns von dem edlen Geiste der Unterhaltung dieser Gesellschaft einen Begriff machen kann. „Ein geistreicher Mann unter meinen Freunden sprach mit mir über den Satz des Nichtzuunterscheiden in Gegenwart der Frau Kurfürstin in dem Garten von Herrenhausen, und glaubte, daß er wohl zwei Blätter finden würde, die einander gänzlich ähnlich wären. Die Kurfürstin forderte ihn dazu heraus; und er lief lange Zeit vergebens danach herum.

karl gottlieb hofmann, ‚pantheon der deutschen‘, bd. 2, chemnitz, 1795.

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§ 3. Philalèthe. Ce qu’on nomme principe d’individuation dans les écoles où l’on se tourmente si fort pour savoir ce que c’est, consiste dans l’existence même, qui fixe chaque être à un temps particulier, à un lieu incommunicable à deux êtres de la même espèce.
Théophile. Le principe d’individuation revient dans les individus au principe de distinction dont je viens de parler. Si deux individus étaient parfaitement semblables et égaux et (en un mot) indistinguables par eux-mêmes, il n’y aurait point de principe d’individuation; et même j’ose dire qu’il n’y aurait point de distinction individuelle ou de différents individus à cette condition. C’est pourquoi la notion des atomes est chimérique, et ne vient que des conceptions incomplètes des hommes. Car s’il y avait des atomes, c’est-à-dire des corps parfaitement durs et parfaitement inaltérables ou incapables de changement interne et ne pouvant différer entre eux que de grandeur et de figure, il est manifeste qu’étant possible qu’ils fussent de même figure et grandeur il y en aurait alors d’indistinguables en soi et qui ne pourraient être discernés que par des dénominations extérieures sans fondement interne, ce qui est contre les plus grands principes de la raison. Mais la vérité est, que tout corps est altérable et même altéré toujours actuellement, en sorte qu’il diffère en lui-même de tout autre. Je me souviens qu’une grande princesse, qui est d’un esprit sublime, dit un jour, en se promenant dans son jardin, qu’elle ne croyait pas qu il y eût deux feuilles parfaitement semblables. Un gentilhomme d’esprit, qui était de la promenade, crut qu’il serait facile d’en trouver; mais quoiqu’il en cherchât beaucoup, il fut convaincu par ses yeux qu’on pouvait toujours y remarquer de la différence. On voit par ces considérations négligées jusqu’ici, combien dans la philosophie on s’est éloigné des notions les plus naturelles et combien on a été éloigné des grands principes de la vraie métaphysique.

§ 3. Philalethes. Das, was man in den Schulen Prinzip der Individuation nennt, wo man sich so viel quält zu erfahren, was es sei, besteht in dem Dasein selbst, welches jedes Wesen zu einer besonderen Zeit an einen bestimmten Ort setzt, der zweien Wesen derselben Art nicht gemeinsam sein kann.
Theophilus. Das Prinzip der Individuation kommt in den Individuen auf das Prinzip der Unterscheidung zurück, wovon ich eben gesprochen habe. Wenn zwei Individuen vollkommen ähnlich und gleich und mit einem Worte an sich selbst ununterscheidbar wären, so würde es kein Prinzip der Individuation geben; und ich wage selbst zu behaupten, daß es unter dieser Bedingung keine individuelle Unterscheidung oder verschiedene Individuen geben würde. Darum ist der Begriff der Atome schimärisch und stammt nur aus den unvollständige Vorstellungen der Menschen. Denn wenn es Atome d.h. vollkommen harte und vollkommen unveränderliche oder zu innerem Wechsel unfähige und nur an Größe und Gestalt voneinander verschiedene Körper gäbe, so würde es offenbar bei der Möglichkeit, daß sie von gleicher Gestalt und Größe sind, dann unter ihnen solche geben, welche, an sich ununterscheidbar, nur durch äußere Bezeichnungen ohne inneren Grund voneinander getrennt werden könnten, was den wichtigsten Vernunftgrundsätzen zuwiderläuft. In Wahrheit ist aber jeder Körper veränderlich und wird sogar stets wirklich verändert, dergestalt, daß er an sich selbst von jedem anderen sich unterscheidet. Ich erinnere mich, daß eine geistvolle hohe Fürstin einmal auf einem Spaziergange in ihrem Garten sagte, sie glaube nicht, daß es zwei vollkommen gleiche Blätter gäbe. Ein gescheiter Edelmann, welcher den Spaziergang mitmachte, glaubte, es sei leicht, solche zu finden, aber obschon er viel danach suchte, mußte er sich durch seine eigenen Augen überzeugen, daß man stets dabei Verschiedenheit bemerken konnte. Man sieht aus diesen bisher vernachlässigten Betrachtungen, wie sehr man sich in der Philosophie von den natürlichsten Begriffen entfernt hat und wie sehr man von den wichtigsten Prinzipien der wahren Metaphysik fern ist.

gottfried wilhelm leibniz, ’nouveaux essais sur l’entendement humain / neue abhandlungen über den menschlichen verstand‘, kapitel XXVII. ‚was identität und verschiedenheit ist / ce que c’est qu’identité ou diversité‘ , zuerst auf französisch erschienen, 1704. deutsche übersetzung, leipzig 1904.

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philosophieren bei einer tasse tee & leibniz-keksen…

kekse_tee_herrenhausen_500   literatur: horst bredekamp, ‚leibniz und die revolution der gartenkunst. herrenhausen, versailles und die philosophie der blätter‘, berlin, 2012 & ‚herrenhausen 1666-1966 – europäische gärten bis 1700‘ katalog der jubiläumsaustellung, hannover, 1966.

gartenpolitik: jardin à la française vs english landscape garden

In der höfischen Gesellschaft des französischen Absolutismus ist die Einstellung zur „Natur“ und das Bild, das man sich von der „Natur“ macht, oft der Ausdruck einer symbolischen Opposition gegen die Zwänge der Königsherrschaft und des Königshofes, die unentrinnbar geworden sind, – einer Opposition, die sich zu Lebzeiten Ludwigs XIV. Und auch später nur flüsternd und in symbolischer Verkleidung äußern konnte.

[Louis de Rouvroy, duc de] Saint-Simon macht einmal bei der Schilderung der Versailler Gärten, die er geschmacklos nennt, eine Bemerkung, die für solche Zusammenhänge recht aufschlussreich ist:

„Es war dort dem König, so schreibt er [in Les Mémoires du duc de Saint Simon], ein Vergnügen die Natur zu tyrannisieren und sie mit dem Angebot von Kunst und Geld zu bändigen… Man fühlt sich durch den Zwang der überall der Natur angetan ist, angewidert.“

… Die zitierte Bemerkung zeigt im kleinen das Große; sie beleuchtet den Zusammenhang von Herrschaftsstruktur auf der einen, Parkarchitektur und Naturempfinden auf der anderen Seite…

… Die Kronen der Bäume und die Sträucher müssen so zugeschnitten werden, daß jede Spur des unordentlichen, unkontrollierten Wachstums verschwindet. Die Wege und Beete müssen so angelegt sein, daß der der Aufbau der Gärten die gleiche Klarheit und Eleganz der Gliederung zeigt wie der Aufbau der königlichen Gebäude. Hier, in der Architektur der Bauten und Gärten, in der vollkommenen Bändigung des Materials, in der absoluten Übersehbarkeit und Ordnung des Gebändigten, in der vollkommenen Harmonie der Teile der Teile in Ganzen, in der Eleganz der bewegten Ornamentierung, die das Gegenstück zur Eleganz der Bewegungen des Königs und der höfischen Herren und Damen überhaupt bildet, in der einzigartigen Größe und Ausdehnung der Bauten und Gärten, die abgesehen von allen praktischen Zwecken auch der Selbstdarstellung der Königlichen Macht dient, findet man vielleicht eine vollkommenere Annäherung an die Ideale des König als in seiner Kontrolle und Bändigung der Menschen… [Saint-Simons] Geschmack neigt mehr der englischen Garten- und Parkgestaltung zu, die dem Eigenwachstum der Sträucher, der Bäume und Blumen erheblich freieren Spielraum läßt und die auch dem Geschmack von Oberschichten einer Gesellschaft entspricht, in der die Könige und ihre Repräsentanten auf die Dauer nicht in der Lage waren, ein autokratische oder absolutistische Herrschaft zu errichten.

 norbert elias, die höfische gesellschaft

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zur „ symbolischen opposition“ bei der gestaltung englischer gärten während der glorius revolution und beim wechsel von den stuarts zu den hannoveranern auf dem thron cf. tim richardson, the arcadian friends. inventing the english landscape garden.

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Komplementär zur Komplexität des Barockgartens war der Landschaftsgarten von inneren Widersprüchen geprägt, die sein Bild poröser werden lassen, als die malerischen Bilder seiner Selbstinzenierung suggerieren. Als liberaler Freiheitsraum entfaltet, in dem sich enttäuschte Whigs und traditionell oppositionelle Tories zur Country-Party zusammenschlossen, besaß er zugleich den Charakter einer insulären Abschnürung.

Seine Stärke war der großartige Schein einer entgrenzenden Geltung, wie ihn etwa der Garten von Stourhead vorführt. Das Fehlen von Grenzen wirkte als Symbol eines universelen Anspruchs, im Landschaftsgarten die Natur in idealer Form begreifen zu Können: grenzfrei und versöhnt mit sich und der Umgebung.Wenn die Landschaftsgärten das Prinzip individueller und gemeinschaftlicher Freiheit im Medium einer unbeschnittenen Natur zur Erscheinung bringen sollten, so geschah dies als eine scheinbare Aufhebung der Grenzen. … William Kent, so formulierte es der unermüdliche Verfechter des Landschaftsgartens Horace Walpole, „ übersprang den Zaun und sah, dass alle Welt ein Garten war.“

Der Zwiespalt begann jedoch bei den Besitzverhältnissen. Das Ideal der patriarchalisch-gemeinschaftlichen Nutzung, wie es etwa durch John Milton gefordert war, hatte den Preis der enclosure act, in denen Großflächen durch Enteignung entstanden. … Der Landschaftsgarten lebte im Widerspruch, einerseits als ein unbegrenztes Modell aufzutreten, andererseits aber die Distanz gegenüber dem außerhalb Gegebenen wahren und damit ein Inseldasein behaupten zu müssen.Die Vielfalt der englischen Landschaft spaltete sich im 18. Jahrhundert in die kurvige Form der Landschaftsgärtner und die Linienzüge der Landwirtschaft.

Zur Kehrseite der Utopie scheinbar grenzfreier Gärten gehörte auch die imperiale Überzeugung der Mehrzahl ihrer Anhänger.

 horst bredekamp, leibniz und die revolution der gartenkunst. herrenhausen, versailles und die philosophie der blätter

das beste deutschsprachige gartenbuch der letzten jahre…

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