import/export: mariengras auf dem weg an die westküste…

mariengras_pastoratsgarten_800

import: hierochloe odorata / mariengras auf dem weg in einen pastoratsgarten. vor sylt links abbiegen… eine pflanze mit mariensymbolik in einem ev.-luth. pastoratsgarten. botanische gegenreformation?

b_2_garten   b_3_garten

der gärtnerische nachwuchs: l. das beet von b. II (10 j.): die daucus carota / möhren spriessen. r. das beet von b. III (4 j.): sabotage! vögel haben das beet geleert: saatgut ist kein vogelfutter! eine vogelscheuche?

b_2_kirschbaum   hundsrose_brennnesseln

l. der kirschbaum (sorte?) von b. II: kurz vor der blüte, vorfreude auf die ernte… & r. export: eine rosa rugosa / kartoffel-, apfel- oder japan-rose (farbe noch unbekannt), typisch für nordfriesland & die inseln, incl. einer bonus urtica / brennnessel reisefertig für die rückfahrt…

die namen der nachwuchsgärtner sind der redaktion bekannt.

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juniperus communis / wacholder(schnaps, jenever, gin &c.)

[…]
Und weiter, weiter, Fuchs und Hund.
Der schwankende Wachholder flüstert,
Die Binse rauscht, die Haide knistert,
[…]

annette von droste-hülshoff, ‚haidebilder: die jagd‘ in ‚gedichte‘, stuttgart/tübingen, 1844.

regionale besonderheiten werden in der kindheit, teils unbewusst, abgespeichert und können die pflanzenauswahl für den garten & beim äten un drinken beeinflussen. das münsterland besitzt einige heideflächen und dort ist juniperus / wacholder zu finden: die klatenberge bei telgte oder, auf der anderen seite der ems, die wacholderbestände auf dem waldfriedhof lauheide, die westruper heide bei haltern am see, etc.

es muss nicht immer die lüneburger heide, 50iger heimatfilm-kitsch & hermann löns sein. eine andere beeindruckende wacholderlandschaft befindet sich in der eifel: der kalvarienberg bei alendorf, auf grund der germanischen italiensehnsucht als ‚eifel-toskana‘ bezeichnet. der kalvarienberg ist am besten über den eifelstieg zu erreichen. sollte es während der wanderung zu problemen mit füssen und gelenken kommen sei wacholdersalbe empfohlen…

doch zurück ins münsterland: clemens maria franz von bönninghausen ein cousin der dichterin annette von droste-hülshoff, homöopath und direktor des botanischen gartens in münster veröffentlichte die erste flora des münsterlandes:

JUNIPERUS. L. […]
J. communis. L. […]
In syvaticis ubique. – (Wachholder.) – Frutex, praecipe in apricis sabulosis mire ludens colore flavescente, purpurascente, atroviridi et glaucescente, atque ramorum varia directione, de qua indole polymorpha ccl. Linnæus ipse jamjam mentionem fecit in Flora sua Lapponica.
Obs. J. Sabinam L., quamvis in hortis rusticorum nimis frequens obvia sit, inter inquilinas non enumerandam putamus.

clemens maria franz von bönninghausen, ‚prodromus floræ monsteriensis westphalorum phanerogamia‘, münster, 1824

einige jahrzehnte später erschien die ‚flora von westfalen‘ des evang. theologen, mykologen und botanikers conrad beckhaus mit einer ausführlicheren beschreibung:

Juniperus (lat.), Wachholder (wach = lebendig, immer wieder ausschlagend), Machandelbaum, Ouakelstrauch.
J. communis, L.: Rinde der jungen Triebe grün, später rotbraun; B. hart, steif, fast stechend, sparrig zu 3., lineal-pfriemlich, zugespitzt, obers.flachrinnig, unterseits stumpf gestielt, meist 12 – 20 mm lang; Kätzchen klein. In den Bachseln; Trugbeere gespitzt-kugelig od. eif-kugelik, von der Grösse kleiner Erbsen, im 1. Jahr grün, im 2. schwarzblau, grau bereift, mit braunem, harzig-süsslichem Fleisch. 0,3 – 2 m u. höher, aber im Gebüsch, wo er baumartig wird, selten lange geschont: der männl. Baum schlanker, mit oft hangenden, kurzen Zweigen, der weibl. mit sparrig-bogigen Ästen, mehr ausgebreitet. 4 – 5, Fr. im Nov. des 2. Jahres. – Truppenweis, auch einzeln, in den Heiden der Ebenen, auf dürren Bergen, meist gemein, am schönsten auf Kalkbergen (um Astenberg nur spärlich bei Langewiese, auch im Ruhrgebiet schon ziemlich selten).
Var. subnána: Niedrig, mit sehr dichten Gezweig; B. sehr dicht, kürzer und breiter, schief aufrecht, stets kürzer als 10 mm (meist 5 – 6 mm) lang, lanz.-pfrieml., nur so lang wie d. Fr. dick. – Scheint von var. brevifolia, Sanio, nur durch die nicht abstehenden B., von nana, Willd., nur durch den aufrechten St. und die nicht eingekrümmten B. verschieden zu sein. – An den mit Wachholderbüschen bedeckten Südabhange des Weinberges bei Höxter vielfach, durch zahlreiche Übergänge mit der typischen Form verbunden.
Beeren (off. baccae Juniperi) zum Räuchern, auch bei rheumatischen Leiden, wirken innerlich stark auf Urin u. Ausdünstung, magenstärkend, zu Wachholder-Branntwein (Genévre), auch als Gewürz. – Holz sehr dauerhaft, oft schön maserig, zu Drechlerarbeiten. – Oleum Juniperi, Spiritus Jun., Succus Jubiperi inspissatus.
(J. Sabina, L., Sabina officinalis, Garcke, Sadebaum: Triebe sehr dünn; B. kl., herablaufend, gegenständig-4reihig, dichtdachziegelig; Fr. an gekrümmten Stiel hangend. 1 – 3 m hoch. – Oft auf Kirchhöfen angepfl. Im Königreich Preussen darf eigentlich in Gemässheit des Medicinal-Polizeigesetzes der Strauch nicht im Freien geduldet werden. Der Sadebaum wird zu den scharfen Giftgewächsen gezählt. Eine Abkochung der beblätterten Zweige wirkt mehr oder weniger stark auf die Absonderung der vegetativen Organe und kann zum tötlichen Gift werden. Off. Summitates Sabinae.)

konrad beckhaus, ‚flora von westfalen – die in der provinz westfalen wild wachsenden gefäss-pflanzen.‘ nach des verfassers tode hrsg. von l.a.w. haase, münster, 1893.

äten un drinken hölt lief un seele bineene: neben wacholderschinken ist sicherlich der wacholderschnaps das wichtigste wacholder-produkt an das man denkt. das älteste gedruckte rezept findet sich in dem buch ‚een constelijck distileerboec om alderhande wateren der cruyden, bloemen, ende wortelen te leeren distileren‘ von philippus hermanni, 1552 in antwerpen erschienen. von flandern und über die niederlander ist es nicht weit bis nach westfalen und ins münsterland. die engländer, die ihren gin so schätzen, haben das getränk ebenfalls den niederländern zu verdanken: 1668 wurde aus dem stadhouder willem III van oranje king william III of england. willem zog aus seinen barockgarten in het loo nach hampton court, liess sich einen privy garden anlegen & aus jenever wurde gin.

gin_lane_westf_sonne_500   da will man sich belohnen & dann ist der lieblings-wacholder alle… & william hogarth ‚gin lane‘, 1751: katalog der ausstellung in der tate gallery, london, 2007.

„Dieser Bauerngarten sagt mir mehr als Versailles und Sanssouci.“ / ‚makartbouquet und blumenstrauß‘ von alfred lichtwark & “Erinnerungen aus aller frühester Kindheit”

Auch in den Gärten fing man an, sich mit kritischem Blicke umzusehen und entdeckte, daß man sich an viele Abgeschmacktheiten hatte gewöhnen lassen. Es gab kaum noch andere Gärten als die sogenannten englischen oder freien, das heißt Nachahmungen der von Menschenhand unberührten Natur. Büsche und Bäume wurden auf engstem Raum unregelmäßig verteilt, daß es aussehen sollte, als wären sie von selber dort gewachsen. Ein Grasplatz, die Nachahmung der Wiese, war selbst bei den kleinsten Vorgärten nicht zu entbehren und Hügel und Thal wurden markiert, wo sich zwei Fuß Niveauunterschied gewinnen ließen. Verschwunden waren die alten Bauerngärten und mit ihnen die uralten edlen Kulturblumen, die Akelei, der Rittersporn, der Goldlack, der Rosenbusch. Man fand sie nur noch auf dem Lande und der moderne Gärtner verachtete sie tief – Bauernblumen, Pastorsblumen. Im kleinen englischen Garten mit den direktionslosen Wegen kamen die Blumen kaum anders als in den runden Beeten der Grasplätze vor, ein roter Fleck Begonien, ein grausamer blauer Fleck Lobelien, eine unruhige stockige Zusammenstellung hochstämmiger Rosen. Man durfte sich im eigenen Garten keinen Blumenstrauß schneiden. Nur in den aus historischer Pietät gepflegten Königsgärten wie zu Versailles und Sanssouci konnte man die Reste einer verschwundenen großen Gartenkunst der Vergangenheit studieren. Daß auch die Bauern unserer Marschen an dem alten Kulturbesitzt des regelmäßigen Gartens festgehalten hatten, war fast unbekannt.
Ich machte mir einmal die Freude, einen Freund aus Berlin den wohlgepflegten Garten eines reichen Bauern in der Hamburger Marsch zu zeigen. Um mich an seiner Überraschung zu weiden, hatte ich ihm kein Wort von meiner Absicht verraten.
Schon beim ersten Anblick stutzte der Fremde. Hastig, ohne ein Wort zu sagen, trat er aus der Hausthür und eilte nach dem geraden Weg, der auf die große, geschorene Laube im Hintergrund zuführt. Er ließ seine Blicke über die Blumenbeete schweifen, die den Weg begleiten, über die regelmäßigen Gemüsebeete dahinter, sah mich verblüfft an, wandte sich nach allen Seiten und brach dann nach seiner lebhaften Weise in Verwunderung aus.
Das ist alt? rief er. Wirklich? – Dann haben unsere Bauern und auch in ihren Gärten ein Stück Kultur am Leben erhalten wie in ihren Möbeln, Fayencen und den herrlichen alten Hamburger Öfen? Wissen sie, davon habe ich gar keine Ahnung gehabt! – Nein, wie das gemüthlich aussieht, diese geraden Wege und buchsgefassten Beete, diese geschorenen Hecken und der große Würfel der Laube, und diese klassische Verbindung von Blumen- und Gemüsegarten, wie menschlich. Ich kann den breiten Weg in der Mitte gar nicht ansehen, ohne daß ich auch den Bauer oder den Pastor vor mir habe, der langsam auf- und abgeht, an der Buchseinfassung der Beete herumstutzt, eine Lilie anbindet oder ein Unkraut ausreißt. Gehen Sie doch ein paar Schritte nach der Laube zu – noch etwas weiter – nein! Wie famos eine menschliche Gestalt auf diesem flachen Boden, in dieser ruhigen Umgebung aussieht! Das ist alles auf den Menschen zugeschnitten. Haben Sie einmal darauf geachtet, wie zusammenhanglos ein Mensch über das schwankende Terrain unserer Stadtgärtchen wandelt? Man hat da eigentlich in seinem Garten gar nichts verloren und passt gar nicht hinein.
Merkwürdig, ich vermisse den Grasplatz gar nicht – dies ist einmal ein wirklicher Blumengarten, sehen Sie nur, wie der Rittersporn da auf dem Beete steht, unten mit schweren Blättern, oben alles leicht. Und das ist die Akelei, sagen Sie? Aber das ist ja eine der schönsten Blumen, die es überhaupt giebt. Und wie jede Pflanze zu ihrem Recht kommt! – Dabei die ganze Anlage – das ist ja einfach groß – eine solche Raumwirkung hätte ich bei so bescheidenen Abmessungen nicht für möglich gehalten. Hier gehe ich gar nicht wieder weg.
Und ich musste ihn gewähren lassen, bis er den Garten von allen Ecken und Winkeln betrachtet hatte. […]
Wollen Sie glauben, sagte er, ich fühle mich förmlich aufgewühlt. Was für eine Perspektive eröffnet dieser Rest ältester Kunstübung für die Wiederbelebung einer Gartenbaukunst, die ihren Namen verdient.
Dieser Bauerngarten sagt mir mehr als Versailles und Sanssouci. Auch im Garten ist die Monumentalität nicht an räumliche Ausdehnung gebunden. Alles ist groß in dieser Anlage, weil sie gute Verhältnisse hat. Da ist die Laube als beherrschender Mittelpunkt, sie ist an sich über das Maß entwickelt, aber der Garten enthält nichts größeres, deshalb wirkt sie mächtig. Große wilde Bäume daneben würden sie klein machen. Alle Büsche, die Johannisbeeren, die Stachelbeeren, sind von Natur klein, die Hecke wird von der Schere gebändigt. Wie fein sind diese Massen abgewogen!
Und diese Harmonie ist auf Dauer angelegt, wie es sich bei einem Kunstwerk gehört. Thut die Schere ihre Pflicht, so sieht der Garten in hundert Jahren aus wie heute, wo er wohl mehr als ein Jahrhundert ohne wesentliche Änderung steht. […]
Der alte Bauer, der diesen Garten angelegt hat, wußte auch, was Licht und Schatten bedeutet. Da sehen Sie nur, wie der dunkle, im Bogen geschlossene Eingang der Laube großartig und ernst in der Laubwand steht, er beherrscht eigentlich den ganzen Eindruck – und wie milde liegt das Sonnenlicht auf dem Rücken der Hecke und den runden Häuptern der Johannisbeer- und Stachelbeerbüsche.
[…] Wenn man aus Erfahrung klug werden kann, sollte bei der künstlerischen Umgestaltung des Gartens vom entgegengesetzten Ende angefangen werden. Denken Sie sich in diesen grünen Garten ein paar graue Steinvasen in edlen Umrissen, oder gegen die Wände der Laube zwei schöne Sandsteinfiguren – nicht wahr, das wäre überwältigend. Und käme dann das Wasser hinzu, in regelmäßigen Spiegeln steingefaßter Becken – oder als Springbrunnen, die Hecke überschneidend – ich möchte jubeln, wenn ich daran denke, daß ich die Zeit, die das wieder auferstehen läßt, noch erleben kann.
Sie sagen, es giebt hier herum noch Bauerngärten mit alten Statuen? – Nicht möglich! – Aber das müssen Sie mir noch zeigen. […]
Seine Begeisterung für den alten Garten that meinem Herzen wohl, und in meiner Seele wachten Erinnerungen aus aller frühester Kindheit auf, wo die geschorenen Hecken eines solchen Gartens meine Welt eingeschlossen hatten. Auf diesem Weg war der Liebe Gott gewandelt am Abend, da es kühl ward, hier hatte er sich umgesehen über die Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche und hatte gerufen: „Adam, wo bist du?“ – während Adam und Eva sich in der dunklen Laube versteckt hielten, angstvoll und schuldbeladen, den sie hatten Äpfel weggenommen.

alfred lichtwark, ‚makartbouquet und blumenstrauß‘, münchen, 1894.

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von den vier- und marschlanden ins münsterland:

gartenlaube_alst_500   eine gartenlaube in einem münsterländer bauerngarten als hintergrund für ein hochzeitsfoto (ausschnitt), bauerschaft alst, albersloh,  januar 1914. die hecken und lauben eines westfälischen bauerngartens waren zumeist aus carpinus betulus / hainbuche. über 50 jahre später „Erinnerungen aus aller frühester Kindheit, wo die geschorenen Hecken eines solchen Gartens meine Welt eingeschlossen hatten“: die beeteinfassungen aus buxus / buchsbaum im garten meiner grossmutter…

weihnachts-, christ- oder tannenbaum / abies nordmanniana & der weihnachtsbaum als kulturexport

Ich weiß nicht, ob ihr ein anderes Spiel habt, das jetzt noch in ganz Deutschland üblich ist; man nennt es Christkindel. Da richtet man Tische wie Altäre her und stattet sie für jedes Kind mit allerlei Dingen aus, wie neue Kleider, Silberzeug, Puppen, Zuckerwerk und alles Mögliche. Auf diese Tische stellt man Buchsbäume und befestigt an jedem Zweig ein Kerzchen; das sieht allerliebst aus und ich möchte es heutzutage noch gern sehen. Ich erinnere mich, wie man mir zu Hannover das Christkindel zum letzten Mal kommen ließ.

liselotte von der pfalz in einem brief an ihre tochter, 11. dezember 1708. liselotte von der pfalz, die spätere duchesse d’orléans, lebte als kind vier jahre in hannover bei ihrer tante sophie von der pfalz, kurfürstin von hannover & mutter von george I. von grossbritannien…

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WEIHNACHTSBAUM, m. zuerst in Straszburg um 1642: disz (Christus) ist, meine liebsten, der weynacht baum Dannhawer cat.-milch 5, 649, in geschlossener belegreihe erst seit ende des 18. jahrh., damals auch zuerst mit -s-: an zwei enden eines langen tisches brannten zwei kleine weihnachtsbäume Caroline an Humboldt, briefe 5, 163 (Berlin 1815), […]das seitdem nur vereinzelt einmal fehlt: ein weinachtbaum zwar brannte nicht auf dem tisch Storm 3, 7. der plur. tritt zurück: mir sind die leeren weihnachtsbäume zu theil geworden B. v. Arnim Günderode 2 (1840) 243; desgl. Heine 1, 426 Elster; G. Freytag 4, 314. in der umgangssprache ist das wort wesentlich auf Norddeutschland beschränkt, die grenze gegen christ- und tannenbaum (th. 11, 111) zieht Kretschmer wortgeogr. 556 f. in obd. mundart gilt vielfach maie(n) (th. 6, 1473), doch winachtsbaum Martin-Lienhart els. 2, 45, das als neue einführung überallhin gelangen kann: wīnach(t)sbōam Siebs helgol. 303, daneben jȫlbōm B. P. Möller Sylter wb. (1916) 132. […] die allg. sitte, bei festen das haus mit grün zu schmücken, wirkt im winter als analogiezauber: man verschafft sich einen grünen baum, um ein grünes jahr zu bekommen. das bleibende grün des w. verbürgt langes leben und gesundheit; der baum, der im winter seine kraft behält, kann auch dem menschen gehöhtes leben verleihen. der brauch knüpft sich, altrömischer sitte entsprechend, an neujahr und damit an weihnachten als jahresanfang: den nach Spanien eingewanderten Sueven verbietet bischof Martin v. Bracara († 580): non liceat iniquas observantias agere kalendarum, et otiis vacare gentilibus, neuqe lauro, aut viriditate arborum cingere domos Hoffmann-Krayer schweiz. arch. f. volksk. 7 (1903) 193. bischof Burchard v. Worms (1000—1025) erneut das verbot: patrologia lat. 140, 835 Migne, und bezeugt damit die gleiche neigung im deutschen norden. als segenszweig fürs neue jahr bezeugt Brant den schmuck für Straszburg 1494:
und wer nit ettwas nuwes hat
und umb das nuw jor syngen gat,
und gryen tann risz steckt jn syn husz,
der meynt, er leb das jor nit usz narrensch. 65, 39 Z.
im Elsasz bildet der w. sein zubehör aus: auff weihenachten richtet man dannenbäume zu Straszburg in den stuben auff, daran hencket man rosen ausz vielfarbigem papier geschnitten, äpfel, oblaten, zischgolt, zucker etc. jb. f. gesch. Elsasz-Lothringens 5, 68 (Straszburg 1605); […] für Wien ist Grillparzer 1866 zeuge: es hatten mir zwar meine hausfräulein einen armseligen weihnachtsbaum in einem gartengeschirr mit etwas zuckerwerk behangen bereits gespendet … da wird ein riesenbaum gebracht, behangen mit allen gütern der welt jb. d. Grillparzerges. […]

‚deutsches wörterbuch‘ von jacob und wilhelm grimm, leipzig, 1854-1961, bd. 28.

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Ude i Skoven stod der saadant et nydeligt Grantræ; det havde en god Plads, Sol kunde det faae, Luft var der nok af, og rundtom voxte mange større Kammerater, baade Gran og Fyr; […]

hans christian andersen, ‚grantræet‘ in ’nye eventyr. første bind. anden samling‘, københavn, 1845.

früher ging man mit der axt in den wald und schlug einen baum. heute kommen die bäume aus monokulturen. ”baade gran og fyr”, die auswahl zwischen tannen und fichten hat sich meist erledigt. der ”alte” weihnachtsbaum war zumeist eine fichte, heute sind die bäume hauptsächlich (nordmann)tannen.

jeder dritte weihnachtsbaum in deutschland stammt aus dem sauerland. ca. 5 mio. bäume werden aus dänemark importiert. die nordmanntanne ist heute in deutschland der populärste weihnachtsbaum: von den 29 mio. bäumen in deutschen wohnzimmern sind mittlerweile rund drei viertel nordmanntannen.

die nordmanntanne ist ursprünglich ein importbaum: sie wurde 1836 im kaukasus, im heutigen georgien, von dem finnischen botaniker alexander davidovich von nordmann, konservator am botanischen garten in odessa, entdeckt.

im jahr 1838, unter dem namen pinus nordmanniana, veröffentlichte christian von steven, ein russischer botaniker schwedischer herkunft, im ‚bulletin de la société imperiale des naturalistes de moscou‘ die erste beschreibung.

pinus_nordmanniana_1838_500   ill. aus ‚bulletin de la société imperiale des naturalistes de moscou‘

édouard spach stellt den baum, unter dem heute gültigen namen abies nordmanniana, 1842 unter die gattung abies:

SAPIN DE NORDMANN. – Abies Nordmanniana Steven, in Ann. Des Sc. Nat. 2e sér. Vol. XI, p. 56. – Feuilles subunilatérales légèrement échancrées. Strobiles ovoïdes; écailles cunéiformes-orbiculaires; bractées spatulées-obcordiformes, à sommet saillant, réfléchi, acuminé-cuspidé. – Abre de 80 pieds et plus, sur 3 pieds de diamètre. Écorce lisse, grisâtre. Branches grêles, la plupart horizontales, les supérieures plus ou moins érigées. Ramules couverts d’une pubescence rousse. Feuilles longues d’environ I pouce, sur ¾ de ligne de large, d’un vert gai en dessus, d’un glauque blanchâtre en dessous. Strobiles longs d’environ 5 pouces, sur 2 ½ pouces de large, sessiles, ou subsessiles, solitaires, ou géminés, ou ternés, résineux; écailles longues d’environ I 5 lignes, sur autant de large vers le somment, érosées-dentées aux bords latéraux, trés-entières au sommet. Nucules ovoïdes, longues de 1 ½ ligne; ailes obliquement cunéiformes, rectilignes d’un côté. (steven, l.c.) – Cette espèce croît dans la région subalpines de caucase.

‚histoire naturelle des végétaux. phanerogames‘, 11, 1842

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die ersten weihnachsbäume sieht man schon am zweiten weihnachtstag auf der strasse liegen. traditionell endet die weihnachtszeit jedoch am 2. februar mit mariä lichtmess.

wie viele nadeln hat so eine nordmanntanne? bei solchen fragen ist immer auf die kollegin des blauen elefanten verlass: in der sendung ‚frag doch mal die maus‚ (wdr, erstaustrahluing 25/11/20006) wurde nachgezählt: eine nordmanntanne von 1,63 höhe hatte 187.333 nadeln. viel spass beim saugen nach dem abdekorieren …

Es war einmal ein Tännelein
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün
als fing es eben an zu blühn.

Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stands im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
die grünen Nadeln warn’n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.

Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm –
Hei!  Tats da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.

christian morgenstern, ‚das weihnachtsbäumlein‘ aus ‚klein irmchen‘, berlin, 1921.

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ein anhang zum thema der weihnachtsbaum als kulturexport:

der erste beleg eines weihnachsbaumes in grossbritannien stammt von 1819. queen charlotte, geborene sophie charlotte von mecklenburg-strelitz, frau könig george III. aus dem haus hannover, hatte eine eibe als weihnachtsbaum in der queen’s lodge in windsor aufstellen lassen:

Sixty poor families had a substanial dinner given them; and in the evening the children of the principal families in the neighbourhood were inited to an entertainment at the lodge. Here, among other amusing objects for the gratification of the juvenile visitors, in the middle of the room stood an immense tub with a yew-tree placed in it, from the branches of which hung bunches of sweetmeats, almonds, and raisins in papers, fruits and toys, most tastefully arranged, and the whole illuminated by small wax candles. After the company had walked around and admired the tree, each child obtained a portion of the sweets which it bore, together with a toy, and then all returned home, quite delighted.

james watkins, ‚memoirs of her most excellent majesty sophia-charlotte: queen of great britain, from authentic documents‘ london, 1819

die tradition wurde bewahrt. charlottes zwölfjährige enkelin berichtet in ihrem tagebuch:

Monday, 24th December [1832] […] After dinner […] We then went into the drawing-room near the dining-room. After Mamma had rung the a bell three times we went in. There were two large round tables on which were placed two trees hung with lights and sugar ornaments. All the presents being placed round the tree […]

‚the girlhood of queen victoria: a selection from her majesty’s diaries between the years 1832 and 1840‘, ed. by viscount esher [reginald brett], london, 1912

die mutter, victoire von sachsen-coburg-saalfeld, kannte die tradition ebenfalls aus ihrer heimat. victorias deutscher mann, albert von sachsen-coburg und gotha, notierte 1847:

I must now seek in the children an echo of what Ernest and I were in the old time, of what we felt and thought; and their delight in the Christmas-trees is not less than ours used to be.

prince albert zitiert in godfrey and margaret scheele, the prince consort, man of many facets: the world and the age of prince albert.‘ london, 1977. ernst ist sein bruder ernst II., herzog sachsen-coburg und gotha.

der allgemeine durchbruch des weihnachtsbaumes in grossbritannien kam mit der veröffentlichung einer illustration die die königliche famile an weihnachten zeigt:

_the_illustrated_london_news_christmastree_ 1848_500   ill.: aus ‚the illustrated london news. special christmas supplement edition‘, 23. dezember 1848.

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der grosse tiergarten in berlin / kinder im park & walter benjamin zitiert franz hessel

[…] Was sagt ihr dazu, daß da steht, sein Vater habe „jeden Sommer mit der ganzen Familie eine Landwohnung bezogen“? Wo glaubt ihr wohl, daß die lag? Einfach im Tiergarten. Wie der zu einer Zeit aussah, wo man Sommerwohnung in ihm beziehen konnte, das werde ich euch jetzt vorlesen, wie er selber es aufschreibt: „So weit hinauf irgend meine Erinnerung reicht, sehe ich mich im Sommer in dem Grün des Tiergartens, der damals einen viel ländlicheren Charakter trug als jetzt. Er bleibt der schönste Schauplatz meiner frühesten und auch noch viel späterer Erinnerungen. Im übrigen war er damals zum Spielen noch viel geeigneter als jetzt. Der Wald bot große Strecken dar, wo alles dem freien Wuchs überlassen war. Außer der Straße nach Charlottenburg gab es noch gar keinen chaussierten Weg, nur tiefe Sandwege durchkreuzten die Gegend. Daher sah man selbst in den größeren Alleen verhältnismäßig wenig Wagen, und die bewegten sich langsam und schwerfällig daher. Wenn ich den Tiergarten jetzt betrachte, so grenzt es ans Unglaubliche für mich, daß er förmliche Wildnisse gehabt habe, wo die Himbeersträucher zwischen den gekappten Elsbüschen auf dem feuchten Wiesengrund wuchsen und ihre zahlreichen Früchte ruhig für uns Bewohner reifen konnten. Auch die Erdbeeren lieferten eine ergiebige Ausbeute. Uns dünkte das alles so fern von den Menschen und so einsam wie Urwälder. Wir nahmen sie förmlich in Besitz. Jeder von uns spielenden Jugendgenossen erwählte sich sein Plätzchen als Eigentum. Wir legten uns Rasenplätze an, richteten uns irgendein dichtes Elsgebüsch zur ländlichen Wohnung ein, klemmten Brettchen zu Sitzen zwischen die Zweige, umgrenzten auch wohl ein Fleckchen mit eingesteckten kleinen Holzstäben wie mit einem Gartenzaun, genug, schalteten und walteten dort ganz wie mit unserem Eigentum. Wochen konnten vergehen, ohne daß wir diese kleine Kolonie in der Wildnis besuchten, dennoch fanden wir stets unsere Anlagen unzerstört wieder; so einsam war damals der jetzt so geräuschvolle, von Menschen durchzogene Wald, vielmehr Garten, in den er sich ganz und gar verwandelt hat.“
So hat ein alter Berliner den Tiergarten von 1815 [vor der umgestaltung durch peter joseph lenné zwischen 1818 und 1840] beschrieben. Ich finde diese Beschreibung sehr schön. Aber nun habe ich Lust zu einer Einlage. Nun möchte ich euch nämlich gern zeigen, wie ein Freund von mir, einer, der 80 Jahre später […], seinen Kinder-Tiergarten beschreibt. Und trotzdem dieser Tiergarten doch ganz anders war, zeigt diese Beschreibung, daß der echte Berliner nicht aufgehört hat, ihn zu lieben. Dieser neue echte Berliner ist also mein Freund Franz Hessel, und der schreibt in ‚Spazieren in Berlin‘: „Immerhin ist es jetzt im veraltenden Halbdunkel noch so buschig und irrselig wie vor 30, 40 Jahren, ehe der letzte Kaiser den Naturpark in etwas Übersichtlicheres, Ansehnlicheres umschaffen ließ. Daß auf seinen Befehl das Unterholz gelichtet, viele Wege verbreitert und die Rasenflächen verbessert wurden, ist verdienstlich, aber darüber sind dem Tiergarten manche Schönheiten verlorengegangen, eine holde Unordnung, Zweigeknacken und das Rascheln vieler nicht gleich weggeräumter Blätter auf engen Pfaden. Doch ließ er noch kleine Wildnis genug, die bis in unsere Kindertage blieb. An diese Zeit erinnern mich am meisten die winzigen hochgeschwungenen Brückenstege über den Bächen, die manchmal bewacht sind von munteren Bronzelöwen, denen von Maul zu Maul Geländerketten hängen.“ Und dann beschreibt Hessel den ganzen Tiergarten bis zu seiner Grenze an der Corneliusbrücke. Wenn wir Zeit hätten, wieviel ließe sich nicht zu alldem noch sagen, z.B. der Brücke, die auch heute noch das private, fast ländliche Aussehen bewahrt hat, während sie aus einer der unbegangensten, abgelegensten nun diejenige wurde, über die sich der ganze Autoverkehr von der City in den Westen ergießt. Es ist, wenn man darüber nachdenkt, ein Brückenschicksal so merkwürdig wie manches Schicksal von Menschen. […]

walter benjamin, ‚ein berliner straßenjunge‘ / rundfunkarbeiten, radiosendung vom 07/03/1930

  • franz hessel, ’spazieren in berlin‘ 1929. das buch – das beste berlin-buch bis heute – und der autor sind den meisten unbekannt: franz hessel war schriftsteller, übersetzer (von marcel proust), lektor und flaneur. mit seiner späteren frau helen grund und henri-pierre roché ist er die vorlage für rochés roman ‚jules et jim‘, 1953. der roman wurde 1962 von françois truffaut verfilmt: jules (oskar werner) ist hessel, jim (henri serreis) ist roché & jeanne moreau als catherine/helen hessel. franz und helen hessel sind die eltern von stéphane hessel.

„People and plants are not so different.“ / dan pearson on commitment: sunday sermon, the school of life

  • nicht überall wo goethe draufsteht, ist weimarer klassik drin: der herr geheimrat hat viel geschrieben und geredet und wird für alle lebenslagen herangezogen. hauptsache goethe. hier ein link zum vermeintlichen goethe-zitat: „Until one is committed,…“

„…ich habe mich an diese Blumen, von Kindheit an, so gewöhnt,…“ / annette von droste-hülshoff, der frühling und veränderungen im garten

[…] Mama hat in meiner Abwesenheit, die Hecke um den Garten wegnehmen lassen, allerdings wird die Aussicht dadurch freyer, aber vorläufig habe ich doch einen großen Schaden erlitten, – alle meine guten Pflänzchen, die ich selber von Hülshoff in einem Korb so schwer her getragen, alle meine PULMONARIA, Löwenmäulchen, VINCA, sind hin! sie standen an der Hecke – ich habe mich an diese Blumen, von Kindheit an, so gewöhnt, daß ich meine, ohne sie sey es nur halb Frühling, bey Hülshoff wuchsen sie zu Hunderten wild, hier nicht, deshalb hatte ich sie, schon in den ersten Jahren unseres Hierseyns, herüber geholt, sie wollten sich zwar nicht recht vermehren, aber ich sah doch jeden Frühling etwas Gewohntes – nun! – TRANSEAT CUM CÆTERIS! – […]

annette von droste-hülshoff an ihren schwager joseph von laßberg, märz 1837.

rüschhaus_schücking 

das rüschhaus von der gartenseite. ill. von carl schlickum aus levin schücking und ferdinand freiligrath, ‚das malerische und romantische westphalen‘, paderborn, 1872.

das rüschhaus – besitzerwechsel und veränderungen im garten:

das haus wurde von 1745 bis 1748 von dem architekten johann conrad schlaun als persönlicher sommersitz gebaut. ein maison de plaisance in der grundform eines westfälischen bauernhofes: roter backstein mit fenster- und türeinfassungen aus baumberger sandstein und weissen sprossenfenstern – eine westfälische sinfonie. schlaun entwarf einen von gräften (wassergräben) umgebenen barockgarten sowie einen küchengarten. nach dem tot schlauns wurden vier skulpturen – puttos die jahreszeiten/elemente darstellend – aus dem garten von schlauns stadthaus in münster, im 2. weltkrieg komplett zerstört, aufgestellt.

1825 erwarb clemens-august II. von droste-hülshoff, der vater der dichterin annette von droste-hülshoff, das anwesen. 1826 zog seine witwe therese, geb. von haxthausen, zusammen mit ihren töchtern annette und jenny, von der nahen burg hülshoff in das rüschhaus als witwensitz. der garten war dem biedermeierlichen zeitgeschmack angepasst und die barocke struktur aufgelöst: es entstand ein bäuerlicher zier- und nutzgarten. für jenny von droste-hülshoff (später verh. von laßberg), eine begeisterte blumenzüchterin, wurde in der ehemals barocken anlage ein gartenhaus/treibhaus aus backstein gebaut. 1949 öffnete die famile droste-hülshoff haus und garten als museum.

1979 kaufte die stadt münster das rüschhaus, und 1983 wurde der garten nach den entwürfen von schlaun teilweise rekonstruiert. die barocke struktur ist heute durch buchsbaumhecken wieder erkennbar. die puttos und das gartenhaus haben die veränderungen überstanden. seit 2012 gehört das gebäude und der garten zur annette von droste zu hülshoff-stiftung.

gärten & landschaften in der (hamburger) kunst(halle)

gärten & landschaften in der (hamburger) kunst(halle)

kein garten- oder museumsbesuch ohne kaffeepause…

log|gia, die: nicht oder kaum vorspringender, nach der außenseite hin offener, überdachter raum im (ober)geschoss eines hauses → bal|ko|ni|en, das: der eigene balkon (als fiktives urlaubsland)

Loggien

sonntag_loggien_1 *  typische berliner gründerzeitbauten mit loggien

Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt, ohne es zu wecken, verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit. Nichts kräftigte die meine inniger als der Blick in Höfe, von deren dunklen Loggien eine, die im Sommer von Markisen beschattet wurde, für mich die Wiege war, in die die Stadt den neuen Bürger legte. Die Karyatiden, die die Loggia des nächsten Stockwerks trugen, mochten ihren Platz für einen Augenblick verlassen, um an dieser Wiege ein Lied zu singen, das zwar fast nichts von dem enthielt, was später auf mich wartete, dafür jedoch den Spruch, durch den die Luft der Höfe mir auf immer berauschend blieb. Ich glaube, daß ein Beisatz dieser Luft noch um die Weinberge von Capri war, in denen ich die Geliebte umschlungen hielt; und es ist eben diese Luft, in der die Bilder und Allegorien stehen, die über meinem Denken herrschen wie die Karyatiden auf der Loggienhöhe über die Höfe des Berliner Westens.

[…] Der Frühling hißte hier die ersten Triebe vor einer grauen Rückfront; und wenn später im Jahr ein staubiges Laubdach tausendmal am Tage die Hauswand streifte, nahm das Schlürfen der Zweige mich in eine Lehre, der ich noch nicht gewachsen war. Denn alles wurde mir im Hof zum Wink. Wieviele Botschaften saßen nicht im Geplänkel grüner Rouleaux, die hochgezogen wurden, und wieviele Hiobsposten ließ ich klug im Poltern der Rolläden uneröffnet, die in der Dämmerung niederdonnerten.

Am tiefsten aber konnte mich die Stelle betreffen, wo der Baum im Hofe stand. Sie war im Pflaster ausgespart, in das ein breiter Eisenring versenkt war. Stäbe durchzogen ihn derart, daß er ein Gitter vorm nackten Erdreich bildete. Es schien mir nicht umsonst so eingefaßt; manchmal sann ich dem nach, was in der schwarzen Kute, aus der der Stamm kam, vorging. Später dehnte ich diese Forschung auf die Droschkenhaltestellen aus. Die Bäume dort wurzelten ähnlich, doch sie waren noch dazu umzäunt, und Kutscher hingen an die Umzäunung ihre Pelerinen, während sie für den Gaul das Pumpenbecken, welches ins Trottoir gesenkt war, mit dem Strahl füllten, der Heu- und Haferreste wegtrieb. Mir waren diese Warteplätze, deren Ruhe nur selten durch den Zuwachs oder Abgang von Wagen unterbrochen wurde, entlegenere Provinzen meines Hofes.

Viel war an seinen Loggien abzulesen: der Versuch, der abendlichen Muße nachzuhängen; die Hoffnung, das Familienleben ins Grüne vorzuschieben; das Bestreben, den Sonntag ohne Rückstand auszuschöpfen. Aber am Ende war das alles eitel. Nichts lehrte der Zustand dieser eines überm anderen befindlichen Gevierte, als wieviel beschwerliche Geschäfte jeder Tag dem folgenden vererbte. Wäscheleinen liefen von einer Wand zur anderen; die Palme sah um so obdachloser aus, als längst nicht mehr der dunkle Erdteil, sondern der benachbarte Salon als ihre Heimat empfunden wurde. So wollte es das Gesetz des Ortes, um den einst die Träume der Bewohner gespielt hatten. Doch ehe er der Vergessenheit verfiel, hatte bisweilen die Kunst ihn zu verklären unternommen. Bald stahl sich eine Ampel, bald eine Bronze, bald eine Chinavase in sein Bereich. Und wenn auch diese Altertümer selten dem Orte Ehre machten, so gewann auf diesen Loggien der Zeitverlauf selbst etwas Altertümliches. Das pompejanische Rot, das sich so oft in breitem Bande an der Wand entlangzog, war der gegebene Hintergrund der Stunden, welche in dieser Abgeschiedenheit sich stauten. Die Zeit veraltete in diesen schattenreichen Gelassen, die sich auf die Höfe öffneten. Und eben darum war der Vormittag, wenn ich auf unserer Loggia auf ihn stieß, so lange schon Vormittag, daß er mehr er selbst schien als auf jedem anderen Fleck. So auch die ferneren Tageszeiten. Nie konnte ich sie hier erwarten, immer erwarteten sie mich bereits. Sie waren schon lange da, ja gleichsam aus der Mode, wenn ich sie endlich dort aufstöberte.

pompeji_rot das pompejanische rot (ohne schwammtechnik)

sinfonie_s-bahn_1 ** sinfonie_s-bahn_bahndamm *

Später entdeckte ich vom Bahndamm aus die Höfe neu. Und wenn ich dann an schwülen Sommernachmittagen aus dem Abteil auf sie heruntersah, schien sich der Sommer in sie eingesperrt und von der Landschaft losgesagt zu haben. Und die Geranien, die mit roten Blüten aus ihren Kästen sahen, paßten weniger zu ihm als die roten Matratzen, die am Vormittag zum Lüften über den Brüstungen gehangen hatten. Abende, die auf solche Tage folgten, sahen uns — mich und meine Kameraden — manchmal am Tisch der Loggia versammelt. Eiserne Gartenmöbel, die geflochten oder von Schilf umwunden schienen, waren die Sitzgelegenheit. Und auf die Reclamhefte schien aus einem rot- und grüngeflammten Kelch, in dem der Strumpf summte, das Gaslicht nieder: Lesekränzchen. Romeos letzter Seufzer strich durch unsern Hof auf seiner Suche nach dem Echo, das ihm die Gruft der Julia in Bereitschaft hielt. Seitdem ich Kind war, haben sich die Loggien weniger verändert als die anderen Räume. Doch nicht nur darum sind sie mir noch nah. Es ist vielmehr des Trostes wegen, der in ihrer Unbewohnbarkeit für den liegt, der selber nicht mehr recht zum Wohnen kommt. An ihnen hat die Behausung des Berliners ihre Grenze. Berlin — der Stadtgott selber — beginnt in ihnen. Er bleibt sich dort so gegenwärtig, daß nichts Flüchtiges sich neben ihm behauptet. In seinem Schutze finden Ort und Zeit zu sich und zueinander. Beide lagern sich hier zu seinen Füßen. Das Kind jedoch, das einmal mit im Bunde gewesen war, hält sich, von dieser Gruppe eingefaßt, auf seiner Loggia wie in einem längst ihm zugedachten Mausoleum auf.

walter benjamin, ‚berliner kindheit um neunzehnhundert‚, enstanden 1932–1934/1938, frankfurt/m., 1987.

*     still aus ‚menschen am sonntag‚, regie: robert siodmak und edgar g. ulmer, drehbuch: billy wilder, 1930

**   still aus ‚berlin – die sinfonie der großstadt‚ von walter ruttmann, 1927

‚glimpse of the garden‘ von marie menken

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menken_bolex marie menken

The realist sees only the front of a building, the outlines, a street, a tree. Marie Menken sees in them the motion of time and eye. She sees the motions of heart in a tree. … A rain that she sees, a tender rain, becomes the memory of all rains she ever saw; a garden that she sees becomes a memory of all gardens, all color, all perfume, all mid-summer and sun.

jonas mekas

In his touching Village Voice obituary for Ms. Menken, who died in 1970 at 61 after a short illness, Jonas Mekas wrote: „There was a very lyrical soul behind that huge and very often sad bulk of a woman, and she put all that soul into her work. The bits of the songs that we used to sing together were about the flower garden, about a young girl tending her flower garden. Marie’s films were her flower garden. Whenever she was in her garden, she opened her soul, with all her secret wishes and dreams. They are all very colorful and sweet and perfect, and not too bulky, all made and tended with love, her little movies.“

What Mr. Mekas doesn’t mention is that the title subject in one of Ms. Menken’s earliest films, „Glimpse of the Garden“,belonged to one of her husband’s former male lovers. (This intimate connection might explain why the film is not titled „Glimpse of a Garden.“) There is something terribly moving about this biographical detail, which goes unmentioned in the documentary as well, because it suggests a generosity of soul — or, perhaps, more rightly, an insistence on life and self-affirmation — already evident in Ms. Menken’s images. Behind these delicate yet resilient, unmistakably feminized flowers, we intuit someone who could find beauty in the world, no matter how badly that world might have treated her. And not just find beauty, but also return it to the world, though on her own emphatic terms.

manohla dargis, ‚who´s afraid of an artist who loved flowers?‚, new york times (review of ‚notes on marie menken‚)

the surrealist poet Charles Henry Ford …took me to a party that Marie Menken and her husband Willard Maas, underground filmmakers and poets, gave at their place in Brooklyn Heights at the foot of Montague Street.

Willard and Marie were the last of the great bohemians. They wrote and filmed and drank (their friends called them „scholarly drunks“) and they were involved with all the modern poets. Marie was one of the first to do a film with stop-time. She filmed lots of short movies, some with Willard, and she even did one on a day in my life. …

Later on I put her in a lot of my movies like Chelsea Girls and The Life of Juanita Castro.

andy warhol, popism: the warhol ’60s

menken_chelsea_girls marien menken in ‚chelsea girls‘