„Es ist die krankhafte Neigung des nördlichen Großstädters für „was Grünes“, […] / ‚impressionen‘ von walther rathenau

Es ist die krankhafte Neigung des nördlichen Großstädters für „was Grünes“, die ihn veranlaßt, drei dürre Kiefern mit Frühstückspapier als Wald und einen Asphalthof mit zwei Oleandertöpfen als Garten hinzunehmen. Gewiß wäre es erfreulich, wenn wir außer dem Thiergarten inmitten der Stadt ein paar schöne Stadtgärten halten könnten; über den Mangel werden uns aber die als Dorfkirchhof verkleideten öffentlichen Plätze, wo zwischen zwei Droschkenhaltestellen etliche Fliedersträucher siechen, nicht hinwegtäuschen.

walther rathenau, ‚impressionen‘, leipzig, 1902.

internationaler tag der feuchtgebiete / ‚der knabe im moor‘ von annette von droste-hülshoff

torfhaltige blumenerde kennt man hoffentlich bald nur noch aus garten-geschichtsbüchern.
wer trotzdem nicht auf moor-produkte in seinem garten verzichten will, hier ein vorschlag:

  1. neuzeitliche variante: dieser blog wird auf einem was-auch-immer-phone oder pad gelesen? direkt weiter zu 4.
  2. veraltete variante: den text ausdrucken (falls das buch nicht in der bibliothek vorhanden ist) oder:
  3. altertümliche variante: den text auswendig lernen.
  4. in den garten gehen.
  5. im garten spazierengehen oder auf die gartenbank setzen und die ballade aufsagen oder ablesen:

O, schaurig ist’s, über’s Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn,
Und die Ranke häkelt vom Strauche;
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt.
O, schaurig ist’s, über’s Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche.

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind –
Hin ducket das Knäblein zage.

Baumstümpfe starren am Ufer vor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere –
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre.

Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran, als wol‘ es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen,
Wie eine gespenstige Melodei,
Das ist der Geigenmann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauff,
Der den Hochzeitheller gestohlen.

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margreth:
Ho, ho, meine arme Seele!
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär‘ nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

Allmählig setzet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimathlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief athmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich!
Oh!, schaurig war’s in der Haide!

annette von droste-hülshoff, ‚der knabe im moor‘ zuerst erschienen im ‚morgenblatt für gebildete leser‘, nr. 40, stuttgart/münchen, 16/02/1842.

___

querbeet im august

notre_jardin_august

oben v.l.n.r: aconitum napellus / eisenhut vor cercis sinensis ‚avondale‘ / chinesischer judasbaum und rudbeckia fulgida var. sullivantii ‚goldsturm‘ / sonnenhut; vorfreunde auf die ernte: malus ‚finkenwerder herbstprinz‘; mitte: polystichum setiferum ‚herrenhausen‘ / flacher filigranfarn; phlox ‚peppermint twist‘ vor pinus pumila ‚blue mops‘ / sibirische pummelkiefer; unten: incarvillea / blühender farn zwischen lamprocapnos spectabilis / tränendes herz, eine hosta im hintergrund & eine aus dem rhythmus der jahreszeiten geratene magnolie.