H2O (querbeet in der regenpause)

regen_08_15_800 Weiterlesen

vom ätna auf den eschberg: genista aetnensis / ätna-ginster

Die Lavaströme bieten in der ersten Zeit nach ihrer Entstehung das Bild der äussersten Öde dar. Die Schlacken, welche schollenartig die flüssige Steinmasse bedecken, schieben sich vielfach über einander, so dass eine äusserst unebene, von zahllosen rauhen, durch einander geworfenen scharfkantigen Blöcken gebildete Oberfläche entsteht. Die letzten Schollen, welche der erkaltende Strom vor sich herschiebt, strahlen keine erhebliche Hitze mehr aus; Bäume, welche vor zwei Jahren von den letzten Ausläufern eines Lavastromes umschlossen wurden, sah ich unbeschädigt fortgrünen. Vereinzelte Pflanzen siedeln sich schon in den ersten Jahren in den Spalten eines Lavastromes an; wenigstens ist dies in einer Meereshöhe von 1200 m und mehr der Fall, wo die Luft auch im Sommer feuchter ist als unten. Allmählich werden die Pflanzen zahlreicher, namentlich sind es, abgesehen von mancherlei krautartigen Gewächsen, zwei gelbblühende Ginsterarten, die sich auf der Lava heimisch machen, nämlich der gewöhnliche, am ganzen Mittelmeer verbreitete Pfriemenginster (Spartium junceum) und der dem Ätna und wenigen andern Bergen eigentümliche Ätnaginster (Genista Aetnensis). Vor Beschädigungen durch Menschen und Vieh geschützt, entwickelt sich diese letztgenannte Pflanze zu einem mässigen Bäume von höchst eigentümlicher Tracht, dessen grüne, fast laublose Zweige sich graziös abwärts neigen, so dass sie an neuholländische Kasuarinen [casuarina] erinnern. Wenn man diese merkwürdigen Bäume bei Nicolosi gesehen hat, begreift man nicht, weshalb man sie nicht auch anderswo kultiviert. Ob sie die Winter Mitteleuropas oder das feuchte Klima Englands ertragen würden, mag zweifelhaft sein, wenn auch weder die wilde Vegetation, noch die Kulturpflanzen ihrer Umgebung auf ein besonders mildes südliches Klima hinweisen. Es wird aber doch gewiss in Italien viele Plätze geben, wo sie gut gedeihen würden.

wilhelm olbers focke, ‚reiseeindrücke aus sizilien‘ in ‚deutsche geographische blätter‘, band IX., heft 3, 1886.

G. ÆTNENSIS, a native of Sicily and Sardinia, is one of the best garden plants in the genus [genestia]. […] In a young state the twigs are sparsely clothed with linear silky leaves, but when old no leaves are developed, and the green slender twigs perform the function of leaves. An old tree – for this species attains a height of 12 feet or more – is a beautiful sight in July or August when in full flower. Like many other members of the Leguminosæ, it does not appear to be long-lived, but the plant is so easily raised and grows so quickly that it is well to have a few specimens in the shrubbery.

n., ‚the genistas‘ in ‚the garden – an illustrated weekly journal of horticulture in all its branches‘ (founded by wiliam robinson), vol. XLIII, midsummer, 1893.

genista_aetnensis_eschberg_500

die ersten blüten des genista aetnensis / ätna-ginster. vom ätna auf den eschberg. terrakotta-kübel statt lava. für die weitere lektüre: ’sulla genista aetnensis e le genista junciformi della flora mediterranea‘ (genova, 1897) von pasquale baccarini, prefetti des orto botanico dell’università di catania.

gärten in deutschland um 1800 / ‚de l’allemagne‘ von madame de staël

Les jardins sont presque aussi beaux dans quelques parties de l’Allemagne qu’en Angleterre; le luxe des jardins suppose toujours qu’on aime la nature. En Angleterre, des maisons très simples sont bâties au milieu des parcs les plus magnifiques; le propriétaire néglige sa demeure et pare avec soin la campagne. Cette magnificence et cette simplicité réunies n’existent sûrement pas au même degré en Allemagne; cependent, à travers le manque de fortune et l’orgueil féodal, on apercoit en tout un certain amour du beau qui, tôt ou tard, doit donner du goùt et de la grace, puisqu’il en est la véritable source. Souvent au milieu des superbes jardins des princes allemands l’on place des harpes éoliennes pès des grottes entourées de fleurs, afin que le vent transporte dans les airs des sons et des parfums tout ensemble. L’imagintion des habitans du nord tâche ainsi de se composer une nature d’Italie; et pendant les jours brillants d’un été rapide, l’on parvitent quelquefois à s’y tromper.

anne-louise germaine necker, baronne de staël-holstein, ‚de l’allemagne‘, paris ,1810 (auflage auf anordnung napoleons zerstört) / london, 1813.

Die Gärten sind in einigen Theilen von Deutschland fast eben so schön als in England. Immer setzt der Luxus der Gärten die Liebe zur Natur zum Voraus. In England stehen einfach gebaute Häuser mitten in den prächtigsten Parks; der Eigenthümer vernachläßigt seine Wohnung und schmückt mit Sorgfalt das Feld. Dieser Verein von Einfachheit und Pracht findet sich, obschon nicht in demselben Grade, in Deutschland wieder; gleichwohl leuchtet bei dem Mangel an großem Reichthum, verknüpft mit dem alten Adelstolz, eine gewisse Vorliebe zum Schönen hervor, welche, später oder früher, Geschmack und Grazie hervorbringen muß, weil sie die wahre Quelle beider ist. Oft stellt man in den prächtigen Gärten deutscher Fürsten, neben mit Blumen umpflanzten Grotten, Aeolsharfen auf, damit der Wind zugleich Töne und Düfte durch die Lüfte herbeiführe. Also sucht die Phantasie der Bewohner des Nordens sich eine italienische Natur nachzubilden; und an einigen glänzenden Tagen des schnell vorübergehenden Sommers gelingt es ihnen wirklich, Täuschung hervorzubringen.

anne-louise germaine necker, baronne de staël-holstein, ‚über deutschland‘, übersetzt von friedrich buchholz u.a., reutlingen, 1814.

virtuelles lapidarium / die ildefonso-gruppe oder jünglinge im garten…

Für die höchste und schwierigste Aufgabe der Sculptur, für die Bildung freistehender Gruppen, hat das Alterthum uns wenigstens eine Anzahl von mehr oder weniger erhaltenen Beispielen hinterlassen, in welchen die ewigen Gesetze dieser Gattung abgeschlossen vor uns liegen, obwohl es nur arme, einzelne Beste von einem Gruppenreichthum sind, von welchem sich die jetzige Welt keinen Begriff macht. Unter jenen Gesetzen sind einige, die auf den ersten Blick einleuchten: der schöne Contrast der vereinigten Gestalten in Stellung, Körperaxe. Handlung u.s.w.; die wohlthuenden Schneidungen und Deckungen; die Deutlichkeit der Action für die Ansicht von mehrern oder allen Seiten etc. etc. Schwer aber (und nur dem Bildhauer selbst möglich) ist das Nachfühlen und Nachweisen des Gesetzmässigen in allem Einzelnen. […]
Zum Einfachschönsten gehören einige Werke, welche zwei Gestalten in ganz ruhiger geistiger Gemeinschaft darstellen. Das Ausgezeichnetste in dieser Art, die sog. Gruppe von San Ildefonso, (die Genien des Schlafes und des Todes, nach der üblichsten Erklärung, traulich aneinander gelehnt) befindet sich jetzt in Madrid; […]

jacob burckhardt, ‚der cicerone – eine anleitung zum genuss der kunstwerke italiens‘, basel, 1855.

domenico_de_rossi_ildefonso

ildefonso-gruppe, kupferstich aus: ‚raccolta di statue antiche e moderne data in luce sotto i gloriosi auspicj della santita di n.s. papa clemente XI. da domenico de rossi illustrata colle sposizioni a ciascheduna immagine di paolo alessandro maffai‘, rom, 1704.

die heute als ‚ildefonso-gruppe‘ bekannte skupltur (römisch nach griechischen vorbildern, schule des pasiteles, um 10 v. chr., weisser carrara-marmor, 161 x 106 x 56 cm) wurde um 1620 bei ausgrabungen auf dem monte pincio in rom gefunden. auf dem gelände befand sich der familiensitz der ludovisis, die villa boncompagni ludovisi (mit einem zeitweise andré le nôtre zugeschriebenem garten). in der antike war das areal teil der horti sallustiani (1. jh. v. Chr.). durch das im 19 jh. bebaute gelände verläuft die via veneto: la dolce vita…

im inventar der antikensammlung (der grössten in der ersten hälfte des 17. jh.) von kardinal ludovico ludovisi ist die skulptur erstmals schriftlich dokumentiert.

Seconda stanza à mano manco. Due statue di due giovanotti antichi grandi del naturale ignudi fanno un sacrificio un idoletto di una femmina apresso vestita con un canestrino in capo figure di Castore e Polluce gemelli (Gruppe von Ildefonso) sopra piedistalli di breccia, corniciato con un bassorilievo d’una battaglia in fronte con un fregio di marmo nero intorno.

‚arch. boncompagni. arm. IX. prot. 325. nr.1‘ in: theodor schreiber, ‚die antiken bildwerke der villa ludovisi in rom‘, leipzig, 1880.

später gelangt sie in den besitz des kardinals camillo massimo. 1678 erwarb die abgedankte, im römischen exil lebende, christina von schweden die beiden jünglinge für ihre sammlung. 1724 kaufte die frau von felipe V . von spanien, elisabetta farnese, die skulptur aus sammlung odescalchi und sie wurde im palacio real la granja de san ildefons, dem sommersitz der spanischen könige in der region segovia, aufgestellt. 1828 zogen die jungs, den namen haben sie vom palast behalten, in das museo del prado nach madrid um. in san ildefonso, im sala de la verdad, befindet sich heute eine gipskopie von giuseppe pagniucci auf dem alten sockel.

die ildefonso-gruppe in gärten und anderswo

die kopie am namesgebenden ort ist nicht die einzige: im park von sansouci in potsdam steht eine francesco menghi zugeschriebene version, westlich des von karl friedrich schinkel, zusammen mit seinem schüler ludwig persius, entworfenen schlosses charlottenhof. seit 1885 an ihrem heutigen standort im park (von hermann sello und peter joseph lenné), auf einer von wegen durchzogenen rasenfläche, aber schon vom kronprinzen und späteren könig friedrich wilhelm IV. bei seiner grundkonzeption (→ friedrich wilhelm IV. bestandskatalog, spsg, inventarnummer GK II (12) II-1-Cg-25) für charlottenhof an anderer stelle eingeplant.

eine weitere preussische variante befindet sich im schloss glienicke in berlin-wannsee – eines der besten resultate der germanischen italiensehnsucht. das gebäude, von schinkel und persius für den prinzen carl von preussen gebaut, steht in einem park von lenné. für den gartenhof entwarf schinkel einen brunnen mit einer ildefonso-gruppe (→ ‚entwurf für die brunnenanlage mit der ildefonso-gruppe‘, um 1827. kupferstichkabinett, smb, inv.-no.: SM 51.10.) aus der kunst- und glockengiesserei lauchhammer, 1828 (aus der gleichen giesserei stammen die gartenmöbel von schinkel!)

schinkel_charlottenhof_gartenhof_500

‚grundriss des schlösschen glinicke mit umgebung‘, detail: der gartenhof mit brunnen, aus karl friedrich schinkel, ’sammlung architektonischer entwürfe: enthaltend theils werke welche ausgeführt sind theils gegenstände deren ausführung beabsichtigt wurde‘, berlin 1819 bis 1840.

vorbild für den ildefonso-brunnen in berlin war die brunnenanlage mit lauchhammer ifdefonso-gruppe in weimar.

neben den klassizistischen sollte man die barocke version in den versailler gärten von andré le nôtre nicht vergessen: seit 1712 befindet sich hier eine mamorkopie von charles antoine coysevox, ca. 1706, demi-lune du parterre de latone côté sud.

für den haus- bzw. innenraumgebrauch: die porzellan version, handliche 35 cm höhe, von christian gottfried jüchtzer für die meissener manufaktur, 1789 (porzellansammlung im dresdener zwinger, sowie exemplare im british museum und im kunstgewerbemuseum, berlin).

neben kopien und abgüssen existieren einige formale zitate: die ‚prinzessinnengruppe‘, 1797, von johann gottfried schadow. ein doppelstandbild der prinzessinnen friederike und luise von mecklenburg-strelitz (die preussische königin luise, mutter von friedrich wilhelm IV. und prinz carl von preussen). in weimar das goethe-schiller-denkmal, 1857, von ernst rietschel.

who’s who oder wer steht da im beet?

schon im 17. jh. hielt man die beiden jünglinge für die dioskuren castor und pollux. die heute verbreitete interpretation. johann joachim winckelmann sah in ihnen orestes und pylades (‚monumenti antichi inediti‘, bd. 1, rom, 1767). laut gotthold ephraim lessing (‚wie die alten den tod gebildet‘, berlin, 1769) stellen sie schlaf und tod, hypnos und thanatos, da.

eine weitere deutung der beiden ist auf den zustand der skulptur zurückzuführen und ein produkt interpretativer restauration des 17. jh.: der linke jüngling war kopflos. ludovisis restaurator ippolito buzzi setzte einen kopf des antinous, ca. 130, auf den körper. antinous, günstling und vermutlicher liebhaber des römischen kaisers hadrian, ertränkte sich selbst im nil und genoss gottgleiche verehrung. ennio quirino visconti, archäologe, kustus der vatikanischen bibliothek und später konservator im louvre, deutete die restaurierte skulptur als den sich auf seinen todesdämon lehnenden antinous (‚osservazioni di ennio quirino visconti su due musaici antichi istoriati‘, parma, 1788).

vom monte pincio auf den eschberg

für ein grosse skulptur ist der „eigenen garten“ – der eher eine vom vermieter tolerierte guerilla gardening aktion auf dem „ehemaligen” eschberg ist – viel zu klein. eine skulptur incl. fundament & sockel utopisch… und nicht zeitgemäss. es gibt diese ganzen rostigen metall-deko-figuren? fürchterliches zeug das beim letzten besuch eines pflanzenmarktes mal wieder zum ausbruch des tourette-syndroms führte… rost mag ich jedoch, besonders bei cor-ten-stahl. ein griechisch-römisch-biedermeierlicher scherenschnitt aus metall?

erstmal einen winter drüber schlafen…

postskriptum

es wird versucht diesen blog einigermassen frei von verbeamteten staatsschriftschellern zu halten. hier lässt es sich leider nicht vermeiden. eine er-war-hier-plakette wird jedoch nicht angebracht! der weimeraner brunnen geht auf einen herrn g. zurück welcher in seinem haus in weimar eine ildefonso-gruppe aus bronziertem gips von martin gottlieb klauer, ca. 1812, stehen hatte (die ebenda noch steht):

[…] ist mir ein Gedanke gekommen, ob wir nicht ein Werk, wo nicht von Polyclet selbst, doch in seinem Sinne besitzen sollten, und zwar in der Gruppe, die jetzt in meiner Vorhalle steht, dem sonst sogenannten Castor und Polux. Hier wären die beyden meister- und musterhaften einzelnen Gegenbilder, der Diadumenos [diademträger] molliter juvenis [weichlicher jüngling] und der Doryphorus [speerträger], den Plinius [der ältere] viriliter puerum [männlicher junge] nennt, neben einander gestellt, und auf die glücklichste weise contrastirt und vereinigt. Diese beyden Epheben waren mir immer höchst angenehm und ich mag mir nun gern über sie dieses kritische Märchen machen.

johann wolfgang von goethe, brief an johann heinrich meyer, jena 10.11.1812.

über was sich alte männer so gedanken machen…

 

keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, lat.: castanea sativa)

botanisch ist die castanea sativa mill. ein buchengewächs / fagaceae. ob nun als ess- oder edelkastanie bezeichnet, in südtirol keschtn, wird sie hier nur pfälzisch keschde genannt. carl von linné bezeichnet sie als ‚fagus castanea‘ (’species plantarum‘, 1753).1768 beschreibt philip miller, von 1722 bis 1770 curator des chelsea physic garden, die keschde als ‚castanea sativa‘, sie erhält sein botanisches kürzel mill. (‚the gardeners dictionary, 8. auflage). bereits theophrastos von eresos, der als erster dendrologe und forstwissenschaftler gilt, erwähnt die keschde als εὐβοική (euboikḗ sc. karýa), euböische nüsse, nach der insel euböa (‘historia plantarum’, 1,11,3). der baum wurde von den römern, zusammen mit dem wein, aus dem östlichen mittelmeer und schwarzmeerraum über die alpen gebracht. nicht zu verwechseln mit der aesculus hippocastanum / rosskastanie, die mit der keschde nicht einmal verwandt ist. diese wurde erst 1576 in wien von carolus clusius angepflanzt.

keschde_blatt_500

die wälder der haardt, einem ca. 300 km langer mittelgebirgzug am ostrand des pfälzerwaldes, bestanden vor dem eingeifen des menschen hauptsächlich aus eichen, buchen und kiefern. ab dem 1. jh. n. chr. kamen mit den römern die keschde hinzu. die keschde bilden heute am ostfuss der haardt grosse bestände, und die weinberge gehen hier direkt in keschde-wälder über. castanea sativa und vitis vinifera sind aufeinander abgestimmt: „wenn´s keschde gibt, gibt´s auch woi“. die bestände entlang der haardt, ca, 2.000 ha, gehören zu einem weitaus grösserem edelkastanienbestand am oberrheingraben: ca. 4.000 ha. im elsass und rechtsrheinisch nochmals ca. 3.300 ha im ortenaukreis. keschde satt an den ausläufern des pfälzerwaldes, der vogesen und des schwarzwaldes. das stammholz wurde u.a. für weinfässer, die stockausschläge für pfähle im weinberg, beim kammertbau (seit den römern bis anfang des 20. jh. gebräuchliche methode der reberziehung) oder für gartenzäune genutzt. die blüten sind eine bienenweide und der kastanienhonig einer der besten. eines der wahrzeichen der region südliche weinstrasse, das hambacher schloss, wurde früher als keschteburg oder kästenburg bezeichnet.

ein nachhaltiger beitrag zur keschde

§. 33. Zu denen Eicheln und Eckern tragenden Bäumen fügen wir billich auch den Castanien-Baum / weil dessen Frucht auch glans oder Balnus genennet wird. Dieser Baum wächst in Italien / Frankreich / Engelland / Niederland / Ungarn / wie auch in Teutschland an Rheinstrom und gegen den Gräntzen des Welschlandes / in Herzogthum Crayn [slowenien] in großer Menge / und sind theils Orten ziemliche Wälder damit besetzet / zu grossen Nutzen der Besitzer / so gleichsam hievon eine zwiefache Ernde haben für Menschen und Viehe zu gebrauchen / wie denn auch im Meißner-Land hin und wieder dergleichen Bäume zufinden / auch theils Orten kleine Wäldlein seyn / denn man davor hält / daß wenn sie nicht allein / sondern etliche beysammen stehen / sie beßer ins Holtz und Früchte treiben / dahero zu bedauern / daß man in Pflantzung solcher nutzbaren Bäume nicht besser fortgefahren / indem man siehet / daß diejenigen / so hierzu Lande gepflantzet werden / die Luft / Kälte und Frost wohl vertragen / und des Climatis gewohnen / ob sie gleich nicht so große Früchte bringen / als in warmen Ländern. Jedoch muß man sie dem Nordwinde nicht allzu entgegen setzen. Den Nahmen führet dieser Baum von Castano einer Stadt in Magnesia oder wie etliche wollen / in Apulia, nicht weit von Tarento; nicht aber von castitate, weil plinius [der ältere] die Castanien den Fasten der Weiber zueignet / [‘naturalis historia’] lib. 15. c. 23. denn ihre Würckung ein anders ausweiset. Sie werden auch genennet Sardianæ nuces, und soll sie Jul. Cæsar von Sardis zu erst in Italien bracht haben / von dannen sie in andere Provinzien kommen / und könten also nach diesem Exempel gar wohl in unsere Ländern in Menge erzielet werden. Denn es kan wie schon gedacht / dieser Baum die kalte Luft und Gegend ziemlich vertragen / jedoch verschmähet er gelinde und laulichte auch nicht.

[…]

§. 35. Die Rinde des Castanien-Baumes ist schwärzlich und Aschen-Farb / das Holtz fest und der Fäulung wenig unterworfen. Die Blätter sind gekerbet mit vielen Aederlein / die Blüthe wollicht / und niederhangend mit gelbichten Blümlein / fast denen Zäpftlein an den Nuß-Bäumen ähnlich / worauf die Frucht in einer stachlichten Schalen folget. Es wächset dieser Baum sehr leichtlich und gerne / überkommt insgemein einen schönen Schafft / wird so groß als ein Eichen-Baum / und wächset in fünff oder sechs Jahren unterweilen so groß / daß er Früchte träget / giebt den Garten eine schöne Zierde / so wohl wegen des Gewächses als schönen Laubes.

[…]

§. 37 […] Auf großen Gebürgen / wo an Getreyde Mangel / hingegen aber Castanien wachsen / wenn solche gerathen / hat man sich keiner Hungers-Noth zu besorgen / denn die armen Leute solche vor Brod eßen / oder machen gar Mehl oder Brod draus. Wie man sie hierzu Lande in Pfannen oder fetten Gänsen brät / ist bekannt und ist eine Kost die nicht zu verachten.

hans carl von carlowitz, ‘sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche nachricht und naturmäßige anweisung zur wilden baum-zucht, […]‘, leipzig, 1713. → nachhaltigkeit / ‘sylvicultura oeconomica’

keschde als nahrungsmittel

die früchte gelten heute als spezialität, vom 16. bis 18 jh. waren sie im mittelmeeraum das hauptnahrungsmittel der ärmeren bevölkerung. der französische historiker emmanuel le roy ladurie sprach von einer „international de pauvreté et de la châtaigne“ (‚les paysans du languedoc‘, paris, 1966). die keschde war, in wärmeren regionen, die erste „kartoffel“ bzw. das tägliche brot:

Le blé n’est pas assurément la norriture de la plus grande partie due monde. […] Nous avons des provinces entières où les paysans ne mangent que du pain de châtaignes, plus nourrissant et d’un meilleur goût que ceux de seigle ou d’orge, dont tant de gens s’alimentent, et qui vaut beaucoup mieux que le pain de munition qu’on donne au soldat.

voltaire, ‚dictionnaire philosophique‘, (erstausgabe paris, 1764). zitiert nach éd. garnier, paris 1878. Weiterlesen

italiensehnsucht und lübsche natur / ‚buddenbrooks‘ von thomas mann

Das Gespräch floß in einen Gegenstand zusammen, als  Jean Jacques Hoffstede auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, auf die italienische Reise, die er vor fünfzehn Jahren mit einem reichen Hamburger Verwandten gemacht hatte. Er erzählte von Venedig, Rom und dem Vesuv, er sprach von der Villa Borghese, wo der verstorbene Goethe einen Teil seines Faust geschrieben habe, er schwärmte von Renaissance-Brunnen, die Kühlung spendeten, von wohlbeschnittenen Alleen, in denen es sich so angenehm lustwandeln lasse, und jemand erwähnte des großen, verwilderten Gartens, den Buddenbrooks gleich hinter dem Burgtore besaßen …
„Ja, meiner Treu!“ sagte der Alte. „Ich ärgere mich noch immer, daß ich mich seinerzeit nicht resolvieren konnte, ihn ein bißchen menschlich herrichten zu lassen! Ich bin kürzlich mal wieder hindurch gegangen – es ist eine Schande, dieser Urwald! Welch nett Besitztum, wenn das Gras gepflegt, die Bäume hübsch kegel- und würfelförmig beschnitten wären …“
Der Konsul aber protestierte mit Eifer.
„Um Gottes willen, Papa –! Ich ergehe mich Sommers dort gern im Gestrüpp; aber alles wäre mir verdorben, wenn die schöne, freie Natur so kläglich zusammengeschnitten wäre …“
„Aber wenn die freie Natur doch mir gehört, habe ich da zum Kuckuck nicht das Recht, sie nach meinem Belieben herzurichten …“
„Ach Vater, wenn ich dort im hohen Grase unter dem wuchernden Gebüsch liege, ist es mir eher, als gehörte ich der Natur und als hätte ich nicht das mindeste Recht über sie …“

thomas mann, ‚buddenbrooks‘, 1901

lübeck_1888_500

lübeck, plan von 1888: links neben der marienkirche (im plan # 9), in der mengstrasse, befindet sich das buddenbrookhaus. o.l. das burgtor.

  • „gleich hinter dem Burgtore“ heute: der peter-rheder-park, teil der – von peter joseph lenné angelegten und um 1900 veränderten –  wallanlagen und der stadtpark.
  • jean jacques hoffstede in den buddenbrooks ist dichter emanuel geibel (1815 – 1844). von ihm stammt der text des liedes „der mai ist gekommen„.

charlottenhof: peter joseph lenné & karl friedrich schinkel

charlottenhof: peter joseph lenné & karl friedrich schinkel
lithografie von gerhard koeber, 1839

schloss charlottenhof – architekt: karl friedrich schinkel – ist umgeben von einer parkanlage von hermann sello unter mitwirkung von peter joseph lenné . mit den angrenzenden römischen bädern ist charlottenhof teil der parkanlagen von sans,souci (mais sans tourisme de masse).

charlottenhof_rosengarten  rosengarten