keschde in norddeutschland / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Castanea hat ihren Namen von Castaneum, einer Stadt in Magnesia, woselbst dieser Baum vor Alters in grosser Menge gewachsen, und von da nach Deutschland gebracht worden ist. Der zahme Castanienbaum. Dieser Baum hat Kätzgen, oder männliche Blumen, welche allemal an einem jeden dieser Bäume sogleich von der Frucht etwas entfernt stehen. Die äusre Schale dieser Früchte ist ganz rauh, und in einer jeden dieser Schalen sind zwey oder drey Castanienfrüchte eingeschlossen.

  1. Castanea foliis lanceolatis acuminatis, serratis subtus nudis, M. I. die zahme Castanie.
  2. Castanea satiua, folis eleganter variegatis, L. die gestreifte Castanie.

Obgleich diese angenehme Frucht bey uns nicht vollkommen reif wird, es sey denn, daß man sie an Mauren oder Wände pflanzet, wo sie der Sonne und des Schutzes genugsam geniessen kann; so verdient doch dieser Baum, weil sein Holz sehr gut genutzt, und er wegen seiner Schönheit zu Alleen und Plantagen gebraucht werden kann, mehrere Achtung, und häufiger gepflanzt zu werden. Sein angenehmer Schatten, sein schönes Blatt, sein herrlicher Stamm, und daß er alle unsere Kälte unter freyem Himmel verträgt; dies alles giebt ihm einen grossen Werth. Man kann diesen Baum am sichersten und besten aus den Castanien, die jährlich frisch ans Portugal und Spanien zum Essen zu uns gebracht werden, ziehen, nur muß man dieselben bis zu der Zeit, da man sie stecken will, im Sande aufbehalten und verwahren, daß weder Mäuse noch anderes Ungeziefer sie vernichte, und die Luft sie nicht austrockene. Die beste Zeit, diese Früchte zu stecken, ist im Februar und Merz, nachdem es die Witterung erlaubt, und zwar in einem reinen wohl durchgearbeiteten und ungedüngten Boden. Man kann auf ein Beet von fünf Fuß breit sechs Reihen setzen, und sie in Furchen legen, wie man bey der türkischen Bohne zu thun pflegt; sie müssen aber auf allen Seiten sechs bis acht Zoll aus einander zu stehen kommen. Ihr Auge muß allezeit oben seyn, und ohngefehr mit drey Zoll Erde bedecket werden. Man kann sie auch vorher, ehe man sie pflanzt, ins Wasser werfen, um ihre Güte, die sich durch die Schwere zu erkennen giebt, zu erfahren. Diejenigen, welche zu Grunde gehen, sind allein zum Pflanzen geschickt. Wenn nun die warmen Tage einfallen, werden die Castanien entweder zu Ende des Aprils oder zu Anfang des May aufgehen. Sie müssen alsdann fleißig vom Unkraut gereiniget werden, insonderheit so lange sie noch jung sind. Nachdem sie in diesen Ziehbeeten zwey Jahr gestanden haben, setzt man sie reihenweise an einen andern Ort, in eine Baumschule, und zwar so, daß sie auf allen Seiten drey Fuß weit aus einander stehen. Man muß aber hieby die Vorsicht gebrauchen, weder ihre Wurzeln zu verletzen, noch sie zu lange aus der Erde zu lassen. Hätten diese Baume gerade auslaufende Spießwurzeln, so stutzet man sie ein, daß sie Seitenwurzeln austreiben, um dadurch zu verhüten, daß sie, wenn manche zum letztenmal versetzet, alsdann nicht so leicht umschlagen. Wenn sie in ihrer Schule drey oder vier Jahre gestanden, so kann man sie, nachdem sie in ihrem Wachsthum zugenommen haben, entweder reihenweise in Alleen, oder in die Quartiere der Lustwälder an Ort und Stelle, wo sie stehen bleiben sollen, versetzen. Die beste Zeit, diese Bäume zu verpflanzen, ist entweder im Monat Oktober, oder zu Anfang des Merz. Diesem Baum muß man in seiner Jugend stets die Seitenäste nehmen, welche ihm sonst in seinem geraden Wachsthum hinderlich sind. Findet man einige, welche nicht aufrecht gewachsen sind, so schneidet man sie ein Jahr nach dein Versetzen im Merz über dem nachststehenden Auge nahe an dem Boden ab, wodurch man ihnen Gelegenheit giebt, von neuem einen starken und geraden Schuß zu treiben, woraus hernach schöne und gerade Bäume können gezogen werden. In der Pfalz um Neustadt herum [→ keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, …)], im Elsaß, […] findet man diese Bäume sehr häufig und in der größten Vollkommenheit, so, daß diese Flüchte von da nicht allein in ganz Deutschland verfahren werden, sondern auch die armen Einwohner dieser Gegenden aus denselben, wenn sie Mangel an Korn haben, Brodt backen, sie kochen und braten, und ans vielerley Weise nutzen.
Die zweyte Sorte, nemlich der gestreifte Castanienbaum, ist einer der schönsten Bäume in einem Garten, und es verlohnt sich der Mühe, denselben so stark anzuziehen, daß man eine ganze Allee von dieser Art Bäume formiren kann, weil die Verschiedenheit ihrer Blatter sehr vieles zur Anmuth und Zierde eines Gartens beyträgt. Man kann sie aber nicht anders als durch das Oculiren oder Absaugen auf gemeine Castanien fortziehen.

johann caspar bechstedt, ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘, bd.1 ‚vom ackerbau und von frucht-bäumen‘, flensburg/leipzig 1772

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„eingefriedigte Parzellen, nicht größer als ein Stück Gartenland“ / ‚der schleswig-hosteinische krieg im jahre 1864‘ von theodor fontane

Die Art der Bebauung, das Koppelsystem, schafft eigenthümliche Landschaftsbilder. Statt weiter Feldflächen wie bei uns [in brandenburg], die, im Winter kahl und traurig, bis zum Horizonte sich hin dehnen, begegnet man ausschließlich eingefriedigten Parzellen, nicht größer als ein Stück Gartenland, den sogenannten Koppeln, deren Umfassung aus einem zehn Fuß hohen, hoch mit Strauchwerk besetzten Erdwall besteht. Dies sind die vielgenannten „Knicks“. Ueber ihren Werth für die Landwirtschaft ist oft gestritten worden. Für Schleswig-Holstein sind die höchst wahrscheinlich unerläßlich; die Seewinde, die hier unaufhörlich wehn, werden durch diese hohen Mauern gebrochen und die Saaten vor dem Frost, wie die Felder selbst – wenigstens in der Nähe der Strand=Dünen – vor der Versandung geschützt. Ebenso wirkt der Graben, der die Knickwand umgiebt, als Abzugskanal für das Wasser. Was an Bodenfläche verloren geht (ein Punkt, der vorzugsweise betont worden ist), so darf dem gegenüber nicht vergessen werden, daß die Knicks selber wieder, mehr oder weniger direkt, der Landwirtschaft dienstbar gemacht werden. Die Wände außen und innen stehn dicht in Gras und das hohe Strauchwerk auf der Krone des Erdwalls, ersetzt diesen holzarmen Gegenden, wo die alten Wälder, der Sachsen=Wald, der dänische Wald („dänisch Wohld“) nur noch im Namen fortleben, das Quantum Holz, dessen die Landwirtschaft nicht entbehren kann. Wie wirthschaftlich die Ansichten über den Werth der Knicks auseinandergehn, so auch landschaftlich. Es ist wahr, sie beschränken den Blick ins Freie oder verbieten ihn auch wohl ganz, aber wenn dadurch einerseits die Möglichkeit verloren geht, in jedem Augenblick ein weites Landschaftsbild vor sich ausgebreitet zu sehn, so erweist sich dies Bild doch um so schöner, wo eine Hügelkuppe, irgend eine hoch gelegene Stelle des Weges, von Zeit zu Zeit Gelegenheit giebt, über den grünen, viel hunderfach quadrirten Teppich dieses Knick= und Koppel=Landes hinzublicken. Wer die Landschaft Angeln an schönen Maitagen passiert hat, wenn abwechselnd Sonnenglanz und leise Nebel über die grünen Felder hinziehn, wird nicht länger zweifeln auch an den landschaftlichen Vorzügen dieser viel bevorzugten Gegenden.

theodor fontane, ‚der schleswig-hosteinische krieg im jahre 1864‘, berlin, 1866.

beschneidung: in der landschaft und im garten

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fig. 37 scie à main / handsäge, fig. 38 serpe / hippe, fig. 39 serpette / hippe oder gartenmesser. ill. (ausschnitt) aus ‚encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers‘, hrsg. von denis diderot und jean baptiste le rond d’alembert , paris, 1751 ff.

zeigt man dem durchschnittlichen gartenbesitzer die instrumente, kommen schnell die emotionen hoch: bäume und gehölze beschneiden? das ist doch natur! formschnitt, ars topiaria, ist verpönt (ausnahme: billige buchsbaumkugeln aus dem baumarkt). kopfweiden → salix im allgemeinen & “der Nutzen von denen Weiden …“ müssen heute schon unter naturschutz stehen, damit sie in form bleiben. bei obstbäumen und beerensträuchern bitte nur maniküre… runtergeschnitten werden nur einjährige und stauden sofort nach der blüte (ordnung muss sein!). bei den röschen fliesst schon mal ein tränchen. die vorhandenen gehölze im garten dürfen wachsen, bis aus dem einst sonnigen garten ein schattengarten geworden ist. kompensation bringt der neue laubbläser …

landschaft: wallhecken & knicks

beschnitte bäume und anderes gehölz finden sich in der klassischen agar-landschaft. wallhecken im münsterland und knicks in schleswig-holstein sind landschaftsbildend, bzw. waren es. durch die industrialisierung der landwirtschaft sind viele der hecken verschwunden. was übrig blieb, sind riesige felder, die ohne den windschutz der hecken zu abtrag und verlust der ackerkrume führen, bodenerosion. vom verlust der artenvielfalt in flora und fauna erst gar nicht zu sprechen… Weiterlesen

rosa alba ‚königin von dänemark‘ / eine rose zum 350. geburtstag von altona, hamburg & die suche nach der dronning …

was macht eine königin von dänemark in hamburg?

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karte der unterelbe, detail.  hrsg.  friedrich wilhelm streit, geographisches institut weimar,  1811.

altona und das kongeriget danmark

altona entstand aus einer fischersiedlung an der elbe, in der grafschaft holstein-pinneberg. der legende nach war die keimzelle eine zwischen dem nobistor und dem altonaer fischmarkt gelegene kneipe, die den hamburger pfeffersäcken „all to nah“ war. getrennt waren sie nur durch das gebiet des heutigen stadtteils st. pauli. im jahre 1640 fiel altona an das herzogtum holstein und somit an den dänischen könig. altona, wie auch die herzogtümer schleswig und holstein, war zwar teil des heiligen römischen reiches, stand jedoch unter dänischer verwaltung. am 23. august 1664 verlieh der dänische könig frederik III. altona die stadtrechte: 350 jahre altona! in der stadt vor den toren hamburgs ging es freier zu als in der hansestadt: religionsfreiheit, keine zensur, handels- und gewerbefreiheit … die stadt sollte hamburg konkurrenz machen und war zeitweise die zweitgrösste dänische stadt nach kopenhagen. ab 1864, nach dem deutsch-dänischen krieg (cf. 150. jahrestags der schlacht an den düppeler schanzen), stand altona erst unter der verwaltung von österreich und preussen. 1867 kam altona, als teil der provinz schleswig-holstein, endgültig unter die pickelhaube. 1937, mit dem gross-hamburg-gesetz der nazis, wurde altona ein teil hamburgs. der kleine unterschied ist heute noch sichtbar: hamburg und der heutige hamburger bezirk altona führen beide ein stadttor mit drei türmen im wappen. das hamburger tor ist geschlossen. das altonaer tor geöffnet… & im hamburger wappen ist die elbe schon so weit vertieft, das sie nicht mehr zu sehen ist.

eine baumschule in klein-flottbek

um 1800 lies der hamburger kaufmanns- und senatorensohn caspar voght vor den (geschlossenen) toren hamburgs am elbhang in klein-flottbek (damals herzogtum holstein, heute bezirk altona) eine ornamented farm, ein landwirtschaftliches mustergut, anlegen caspar voght (1752‐1839). weltbürger vor den toren hamburgs. auf dem gelände befinden sich heute der jenisch-, der westerpark und der angrenzende derby-park. voght holte den schottischen gärtner jacob james booth nach flottbek. dieser eröffnete 1795 eine baumschule – james booth & sons – in unmittelbarer nähe zu voghts‘ mustergut. die baumschule gilt als „mutter“ der norddeutschen baumschulen. neben der beratung voghts bei der gestaltung der ornamented farm und der baumzucht widmete sich booth auch der züchtung von rosen.

eine dronning aus dem heutigen bezirk altona

aus einem sämling der rosa alba ‚great maiden’s blush‘ züchtete james booth 1816 die rosa alba ‚königin von dänemark‘. eine strauchrose mit rosa gefüllten, stark duftenden blüten und grau-grünem laub. benannt zu ehren der frau des damaligen dänischen königs frederik VI., marie sophie friederike von hessen-kassel (tochter des landgrafen karl von hessen-kassel, dänischer statthalter der herzogtümer schleswig und holstein). eingeführt wurde die rose 1826.

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abb. aus dem verkaufskatalog ‚1845. james booth & söhne. eigenthümer der flottbecker baumschulen, hamburg‘.

der direktor des ersten hamburger botanischen gartens (1821 auf dem gelände des heutigen parks planten un blomen, in den ehemaligen wallanlagen, gegründet) johann georg christian lehmann warf booth vor, die ‚königin von dänemark‘ stamme eigentlich aus frankreich und sei eine ‚belle courtisanne‘. ein streit entbrannte der george booth zur veröffentlichung eines buches veranlasste: ’sieg der rose königin von dänemark durch enthüllung der anschläge des professors j.g.c. lehmann‘, 1834 erschienen in paris.

die suche nach der dronning

die ‚königin von dänemark‘ blüht noch nicht im „eigenen garten“. der erste weg führte in den botanische garten, seit oktober 2012 loki-schmidt-garten, der in den 70igern nach klein-flottbek umgezogen ist. die noch gelungenste anlage eines öffentlichen rosengartens in hamburg. die auswahl der sorten ist jedoch, wie in allen folgenden gärten, sehr beschränkt. die obligatorischen klassiker, ansonsten ein schaugarten der im hamburger umland ansässigen züchter. es fehlt nur der firmenaufdruck und ein „sponsored by…“. zweiter versuch im rosengarten von planten un blomen: keine königin in nachbarschaft des ehemaligen botanischen gartens. dafür viele rosen mit namen von sogenannten prominenten, lokal- und c-promis. auffälligstes gestaltungsmerkmal: lochmetall-kübel-verstecker und papierkörbe in den beeten … hanseatische gartengestaltung. zum 250. jubiläum altonas, im rahmen der grossen gartenaustellung 1914, wurde ein rosengarten in altona (neumühlen) zwischen elbe und elbchaussee angelegt. 2005 wurde auf dem areal eine verkleinerte version des heckengartens aus dem garten von max liebermann am wannsee in berlin angelegt. eine hommage an liebermann und seinen hamburger freund alfred lichtwark. der name „rosengarten“ blieb, jedoch keine königin… habe ich die königin übersehen? die beschriftung ist in allen gärten dürftig bis verwittert, und die finanzierung der anlagen lässt sich, jetzt zur hauptblüte, gut ablesen: es sollte mal jemand, wenn es ihn denn gäbe, mit einer rosenschere durch die beete gehen…

& doch eine gefunden: auf dem planzenmarkt am kiekeberg ( pflanzen sammeln …), bei der baumschule schütt. der beitrag bekommt noch eine geknipste blüte. eine königin im regen:

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projekt 2015: eine ‚königin von dänemark‘ im „eigenen garten“, für den kübel leider zu gross. wenn ein platz im beet gefunden ist, wird nachgefeiert! bis dahin:

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h u r r a !  h u r r a !  h u r r a !

flora danica

ausstellung über ‚flora danica‚: das botanische tafelwerk von georg christian oeder, eine sammlung aller pflanzen der königreiche dänemark und norwegen (incl. island), und der zu dänemark gehörenden herzogtümer schleswig und holstein sowie der grafschaften oldenburg und delmenhorst; das porzellan von royal copenhagen, etc. – im geologisk museum,  statens naturhistoriske museum, københavn.