„raus aus dem garten!“

mit anke schmitz (garten auf freigang) in der ausstellung ‚thomas gainsborough. die moderne landschaft‘ in der hamburger kunsthalle:

gruenesblut.net

 

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„Man zeigt also die erbärmlichsten Vorgärtchen …“ / ‚landhaus und garten‘ von hermann muthesius

Was die Allgemeinanlage des Hauses betrifft, so denke man nur an die Vorschrift der offensichtigen Vorgärten, die den Grundstückbesitzer in der unerhörtesten Weise in der sachgemäßen Aufteilung seines Grundstückes behindert, ihn zwingt, einen Teil seines teuer erworbenen Geländes zum Besten des Straßenpublikums als Prunkgarten zu unterhalten, der für ihn selbst nutzlos ist, und überdies jenes über alle Maßen trostlose Straßenbild schafft, das mit seinen erbärmlichen Drahtgitterzäunen geradezu eine Spezialität der deutschen Großstadtvororte geworden ist. Hier liegt ein Irrtum vor, der vom Standpunkte des Rechtes des Individuums ebenso sehr zu verurteilen ist wie vom ästhetischen. Vom ästhetischen Standpunkte liegt ihm die ganz grobe Auffassung zugrunde, daß man alles gewissermaßen auf dem Präsentierbrett zeigen müßte, um künstlerisch zu wirken. Man zeigt also die erbärmlichsten Vorgärtchen durch ein Drahtmaschengitter und hinter ihnen militärisch in Reih und Glied aufgerichtet, die „Fassaden“ der Villen von oben bis unten. Wie viel abwechslungsreicher, gediegener und, mit kurzen Worten, anständiger wäre das Straßenbild, wenn man gestattete, daß sich jeder mit seiner Abgrenzung nach der Straße abfinden kann, wie er will. Da würde man Gartenmauern sehen, über die blühende Sträucher nicken, ganz im Hintergrunde des Grundstücks ragt aus Baumgruppen ein roter Hausgiebel hervor. Welch ein poetischer Anblick! Welcher Frieden umlagert das Haus, die Phantasie ergänzt sogleich ein Paradies. Der Nachbar zäunt sich mit einer hohen lebenden Hecke ein, der dritte setzt an die Straßenflucht ein Nebengebäude, das einen dem Hause vorgelagerten Hof umschließt. Die Lösungen sind die mannigfaltigsten und fast immer von anziehender Wirkung. Man sieht, daß hinter der Straßengrenzung denkende freie Menschen wohnen, wahrend der öde Schematismus der Vorgärten mit Drahtzaun im Bewußtsein des Beschauers alle Anwohner zu gedankenlosen Strohköpfen herabdrückt.

hermann muthesius, ‚landhaus und garten. beispiele neuzeitlicher landhäuser nebst grundrissen, innenräumen und gärten‘, münchen 1907

25 jahre gartengesellschaft: herbstpfad & einzug der gräser und stauden ins öffentliche grün

gartengesellschaft

die gesellschaft zur förderung der gartenkultur e.v. wurde vor 25 jahre in hamburg gegründet: aus einer initiative zur rettung des gartens der pädagogin, sozialreformerin und rosenexpertin alma de l’aigle entstand eine gesellschaft mit zweigen in rhein-main, berlin / brandenburg, schleswig-holstein, nordrhein-westfalen, mitte / fulda werra leine, schwaben, oberbayern und mecklenburg. gefeiert wurde in berlin.

festakt im rathaus charlottenburg am freitag, 21. oktober 2016: ein grusswort von maria böhmer, mdb etc. und ehemalige präsidentin des unesco welterbekomitees: gärten sind kultur! und nicht naturerbe. die frage „gartenkultur – vom aussterben bedroht?“: ein plädoyer für die gartenkultur von gabriele schabbel-mader, präsidentin der gartengesellschaft. ein visuelles feuerwerk aus gärten von ute und albrecht ziburski mit gartenbildern u.a. aus ihrem garten moorriem & händel. und die verleihung des alma de l’aigle-preises 2016 an gesa klaffke-lobsien und kaspar klaffke, die die idee des offenen gartens von england importierten und erstmals 1991 in hannover verbreiteten.

mitgliederversammlung am samstag im botanischen museum in lichterfelde / botanischer garten und botanisches museum berlin-dahlem. nach einem vortrag über den vor 150 jahren verstorbenen peter joseph lenné von christa hasselhorst und vor den regularien eines e.v. erstmal in den garten … Weiterlesen

„Kehrt man heute zu den Grundsätzen des alten Gartenbaus zurück, … “ / ‚das englische haus‘ von hermann muthesius

Kehrt man heute zu den Grundsätzen des alten Gartenbaus zurück, so ist damit doch nicht gesagt, daß man den alten Garten fix und fertig wieder übernähme. Die Verhältnisse haben sich in vieler Beziehung geändert. Vor allem war der Garten des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts, wie er uns in den alten Veröffentlichungen und einigen erhaltenen Beispielen entgegentritt, ein aristokratischer Garten, dem ein Übermaß an Prunk und Zierat anhaftete. […] Die Liebe zur Natur, die die Menschheit und besonders England jetzt anderthalb Jahrhunderte lang gepflegt hat, verlangt eher Pflanzenentfaltung und Blumenflor statt der leeren Beete mit verschieden gefärbter Erdfüllung und der aus Buchsbaum geschnittenen Figuren von früher. Wie unser Verhältnis zur Natur, so haben sich unsre Sitten geändert. […]
Worin der heutige Garten aber, die Kunst des Landschaftsgartens überspringend, an den alten anknüpfen mußte, das ist die geordnete, das heißt die regelmäßige Anlage. Als natürliches Erzeugnis der menschlichen Hand und damit als natürlich gewordenes Erzeugnis überhaupt kommt dem Garten eine tektonische Gestaltung zu, die er in der Tat zu allen Zeiten gehabt hat, bis die falsche Sentimentalität des achtzehnten Jahrhunderts dies änderte. Die geordnete menschliche Anlage macht Krummes gerade, Schiefes eben, Unregelmäßiges regelmäßig, sie schafft Rhythmus an Stelle von Willkür, Gewolltes an Stelle des Zufälligen. Daß der Mensch sich dazu entschließt, die Zufälligkeiten der Natur im kleinen Rahmen seines Gartens in gedrängter Steigerung nachmachen zu wollen, ist ein völlig unnatürlicher Zustand. Wer Natur will, findet deren genug außerhalb der Gartenmauern. Der Landschaftsgärtner gibt vor, landschaftliche Gemälde mit Hilfe von Naturobjekten zu komponieren, wobei er vergißt, daß er sich dabei auf dem Niveau eines Wachsfigurenkabinetts bewegt. Er findet das Beschneiden von Bäumen und Hecken unnatürlich, ohne zu bedenken, daß er selbst den Rasen beschneidet, um ihn kurz und geordnet zu haben.

hermann muthesius, ‚das englische haus‘, bd. II ‚bedingungen, anlage, gärtnerische umgebung, aufbau und gesundheitliche einrichtungen des englischen hauses ‚, teil II. “die umgebung des hauses (garten, zufahrt, torhaus, umzäunung, gartengebäude, gartenschmuck)‘, berlin, 1904 (2. auflage, 1910)

  • „Muthesius wir im Thüringischen als Sohn eines Maurermeisters geboren. Besucht das Gymnasium lernt Maurer; Baugewerbeschule, später auch Hochschule. Das alles ist äußerlich. […] Wichtiger sind seine Reisen: drei Jahre Japan, sieben Jahre England. […] Nach England kommt er mit einem Auftrag des preußischen Handelsministeriums: Er soll über das englische Haus berichten. So entsteht sein Buch ‚Das englische Haus‘, und wir haben hier den seltenen Fall vor uns, daß ein Staatsauftrag Anlaß für ein Werk geworden ist, das, wie nur wenige Epoche gemacht hat. Das Ministerium faßte diesen Auftrag ganz bewußt kulturpolitisch auf, und es durfte nach der Wahl des Mannes wohl von vornherein Resultate in der ganz bestimmten Richtung erwarten, die für die Folgezeit so wichtig geworden ist. Kein heutiger Architekt würde ein solches Buch schreiben: Vielleicht würde man es auch heute gar nicht als „Architekturbuch“ gelten lassen.“ julius posener, ‚hermann muthesius‘ in ‚die baugilde‘, heft 21, 1931 wiederabgedruckt in j.p., ‚aufsätze und vorträge 1931 – 1980‘ (bauwelt fundamente # 54/55), braunschweig/wiesbaden, 1981.
  • werkbundarchiv: hermann muthesius