gartenbücher: mit rosa luxemburg durch die botanik oder „Was ich lese?“

Was ich lese? Hauptsächlich Naturwissenschaftliches: Pflanzengeographie und Tiergeographie. Gestern las ich gerade über die Ursache des Schwindens der Singvögel in Deutschland: es ist die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und der Ackerbau, die ihnen alle natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen: hohle Bäume, Oedland, Gestrüpp, welkes Laub auf dem Gartenboden – – – Schritt für Schritt vernichten. Mir war es so sehr weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, […]

rosa luxemburg an sonjuscha (sophie liebknecht), wronke (zentralgefängnis der provinz posen), 02.05.1917,  zitiert nach ‚rosa luxemburg – briefe aus dem gefängnis‘, hrsg. vom exekutivkomitee der kommunistischen jugendinternationale, internationale jugendbibliothek no. 10, berlin 1920

am 15. januar 1919 wurden rosa luxemburg und karl liebknecht in der mannheimer strasse 27 in berlin-wilmersdorf von mitgliedern einer sogenannten „bürgerwehr“ entführt. man brachte beide in das eden-hotel (budapester strasse / kurfürstenstraße / nürnberger strasse) gegenüber dem aquarium des zoologischen gartens, dort residierte die garde-kavallerie-schützen-division. sie wurden „verhört” und anschliessend ermordet. die leiche von rosa luxemburg warf man in den landwehrkanal. erst am 31. mai 1919 wurde ihr leichnam dort gefunden und am 13. juni 1919, neben dem karl liebknechts, auf dem zentralfriedhof friedrichsfelde, berlin-lichtenberg, bestattet.

„Bestellte Arbeit? Die Bourgeoisie?” fragte nicht nur tucholsky in der “weltbühne”. an einer aufklärung der morde war in der weimarer republik (z.b. der reichspräsident friedrich ebert oder der vermeintliche anstifter der morde gustav noske, beide spd) und später niemand wirklich interessiert …

rosa luxemburgs briefe wurden sehr früh nach der ermordung publiziert. liest man diese, fällt auf, wenn man nicht nur nach politischen zitaten sucht, dass darin pflanzen eine grosse rolle spielen. während ihrer schutzhaft zur „abwendung einer gefahr für die sicherheit des reichs“, vom 1916 bis 1918 in berlin, wronke und breslau sowie 1915 in berlin wegen einer rede über “militarismus, krieg und arbeiterklasse” in frankfurt/m. schrieb sie neben dem aufsatz über „die krise der sozialdemokratie” (1916) regelmässig briefe und sammelte pflanzen bzw. liess sammeln.

luxemburg schickt z.b. ihre sekretärin und enge vertraute mathilde jacob vom gefängnis aus in den botanischen garten in dahlem, um zu erfahren was gerade blüht und erhält häufig mit deren briefen neue pflanzen. am 13. april 1915 (im weibergefängnis, dem frauengefängnis barnimstrasse) scheibt sie an jacob:

Herzlichen Dank für die Blumen, Sie pressen jetzt famos, mein Heft bereichert sich zusehends. Die Kuhschellen kamen ausgezeichnet an, auch das andere. […] Von nun ab nur Gepreßtes, ja?

freunde auf reisen waren ebenfalls nicht sicher: jakob, gerade in thüringen, wurde auf pflanzenexkursion geschickt (berlin, 30. märz 1915):

Vielleicht finden Sie schon in Thüringen etwas Blumen auf auf den Wiesen, obwohl in dieser Höhe die Vegetation sich wahrscheinlich verspätet. Am Genfer See gibt es schon zahlreiche Vergißmeinnicht, Veilchen und bald auch meine allerliebste Wiesenblume – Wiesenschaumkraut; Himmelsschlüssel nicht zu vergessen. Nächstes Jahr, wenn ich heil heraus bin [aus dem gefängnis], ist keine von diesen Genannten vor mir sicher. Also schauen Sie nach dem Rechten in Wald und Wiese, und beschreiben Sie mir genau, was es gab. Nehmen Sie mit, wie ich’s immer tue, den kleinen Pflanzenatlas „[bilderatlas der] Frühlingsblumen von H. Schumacher, Verlag Otto Maier, Ravensburg“, mit dem man sich sehr leicht orientiert.

rosa luxemburg ein blümchen-junkie? botanik und klassenkampf? Weiterlesen

Werbeanzeigen

„Es ist die krankhafte Neigung des nördlichen Großstädters für „was Grünes“, […] / ‚impressionen‘ von walther rathenau

Es ist die krankhafte Neigung des nördlichen Großstädters für „was Grünes“, die ihn veranlaßt, drei dürre Kiefern mit Frühstückspapier als Wald und einen Asphalthof mit zwei Oleandertöpfen als Garten hinzunehmen. Gewiß wäre es erfreulich, wenn wir außer dem Thiergarten inmitten der Stadt ein paar schöne Stadtgärten halten könnten; über den Mangel werden uns aber die als Dorfkirchhof verkleideten öffentlichen Plätze, wo zwischen zwei Droschkenhaltestellen etliche Fliedersträucher siechen, nicht hinwegtäuschen.

walther rathenau, ‚impressionen‘, leipzig, 1902.

der grosse tiergarten in berlin / kinder im park & walter benjamin zitiert franz hessel

[…] Was sagt ihr dazu, daß da steht, sein Vater habe „jeden Sommer mit der ganzen Familie eine Landwohnung bezogen“? Wo glaubt ihr wohl, daß die lag? Einfach im Tiergarten. Wie der zu einer Zeit aussah, wo man Sommerwohnung in ihm beziehen konnte, das werde ich euch jetzt vorlesen, wie er selber es aufschreibt: „So weit hinauf irgend meine Erinnerung reicht, sehe ich mich im Sommer in dem Grün des Tiergartens, der damals einen viel ländlicheren Charakter trug als jetzt. Er bleibt der schönste Schauplatz meiner frühesten und auch noch viel späterer Erinnerungen. Im übrigen war er damals zum Spielen noch viel geeigneter als jetzt. Der Wald bot große Strecken dar, wo alles dem freien Wuchs überlassen war. Außer der Straße nach Charlottenburg gab es noch gar keinen chaussierten Weg, nur tiefe Sandwege durchkreuzten die Gegend. Daher sah man selbst in den größeren Alleen verhältnismäßig wenig Wagen, und die bewegten sich langsam und schwerfällig daher. Wenn ich den Tiergarten jetzt betrachte, so grenzt es ans Unglaubliche für mich, daß er förmliche Wildnisse gehabt habe, wo die Himbeersträucher zwischen den gekappten Elsbüschen auf dem feuchten Wiesengrund wuchsen und ihre zahlreichen Früchte ruhig für uns Bewohner reifen konnten. Auch die Erdbeeren lieferten eine ergiebige Ausbeute. Uns dünkte das alles so fern von den Menschen und so einsam wie Urwälder. Wir nahmen sie förmlich in Besitz. Jeder von uns spielenden Jugendgenossen erwählte sich sein Plätzchen als Eigentum. Wir legten uns Rasenplätze an, richteten uns irgendein dichtes Elsgebüsch zur ländlichen Wohnung ein, klemmten Brettchen zu Sitzen zwischen die Zweige, umgrenzten auch wohl ein Fleckchen mit eingesteckten kleinen Holzstäben wie mit einem Gartenzaun, genug, schalteten und walteten dort ganz wie mit unserem Eigentum. Wochen konnten vergehen, ohne daß wir diese kleine Kolonie in der Wildnis besuchten, dennoch fanden wir stets unsere Anlagen unzerstört wieder; so einsam war damals der jetzt so geräuschvolle, von Menschen durchzogene Wald, vielmehr Garten, in den er sich ganz und gar verwandelt hat.“
So hat ein alter Berliner den Tiergarten von 1815 [vor der umgestaltung durch peter joseph lenné zwischen 1818 und 1840] beschrieben. Ich finde diese Beschreibung sehr schön. Aber nun habe ich Lust zu einer Einlage. Nun möchte ich euch nämlich gern zeigen, wie ein Freund von mir, einer, der 80 Jahre später […], seinen Kinder-Tiergarten beschreibt. Und trotzdem dieser Tiergarten doch ganz anders war, zeigt diese Beschreibung, daß der echte Berliner nicht aufgehört hat, ihn zu lieben. Dieser neue echte Berliner ist also mein Freund Franz Hessel, und der schreibt in ‚Spazieren in Berlin‘: „Immerhin ist es jetzt im veraltenden Halbdunkel noch so buschig und irrselig wie vor 30, 40 Jahren, ehe der letzte Kaiser den Naturpark in etwas Übersichtlicheres, Ansehnlicheres umschaffen ließ. Daß auf seinen Befehl das Unterholz gelichtet, viele Wege verbreitert und die Rasenflächen verbessert wurden, ist verdienstlich, aber darüber sind dem Tiergarten manche Schönheiten verlorengegangen, eine holde Unordnung, Zweigeknacken und das Rascheln vieler nicht gleich weggeräumter Blätter auf engen Pfaden. Doch ließ er noch kleine Wildnis genug, die bis in unsere Kindertage blieb. An diese Zeit erinnern mich am meisten die winzigen hochgeschwungenen Brückenstege über den Bächen, die manchmal bewacht sind von munteren Bronzelöwen, denen von Maul zu Maul Geländerketten hängen.“ Und dann beschreibt Hessel den ganzen Tiergarten bis zu seiner Grenze an der Corneliusbrücke. Wenn wir Zeit hätten, wieviel ließe sich nicht zu alldem noch sagen, z.B. der Brücke, die auch heute noch das private, fast ländliche Aussehen bewahrt hat, während sie aus einer der unbegangensten, abgelegensten nun diejenige wurde, über die sich der ganze Autoverkehr von der City in den Westen ergießt. Es ist, wenn man darüber nachdenkt, ein Brückenschicksal so merkwürdig wie manches Schicksal von Menschen. […]

walter benjamin, ‚ein berliner straßenjunge‘ / rundfunkarbeiten, radiosendung vom 07/03/1930

  • franz hessel, ’spazieren in berlin‘ 1929. das buch – das beste berlin-buch bis heute – und der autor sind den meisten unbekannt: franz hessel war schriftsteller, übersetzer (von marcel proust), lektor und flaneur. mit seiner späteren frau helen grund und henri-pierre roché ist er die vorlage für rochés roman ‚jules et jim‘, 1953. der roman wurde 1962 von françois truffaut verfilmt: jules (oskar werner) ist hessel, jim (henri serreis) ist roché & jeanne moreau als catherine/helen hessel. franz und helen hessel sind die eltern von stéphane hessel.