virtuelles lapidarium: herkules farnese (ein griechischer halbgott in kassel …)

in vielen gärten steht er: herkules oder herakles, besonders der farnesische. der halbgott Ἡρακλῆς aus der griechischen mythologie war das herrschersymbol des ancien régime. ob als baby mit einer schlange wie in het loo, ein sinnbild für den jungen willem van oranje, oder im kampf mit der hydra im herkulesteich des neuwerkgartens in gottorf (schleswig). im 18 jh. veränderten sich die politische selbstdarstellung und der gartengeschmack: herkules verlor seinen stellvertreterposten auf dem sockel im beet an appolon …

ein griechischer halbgott in kassel:

Der Carlsberg ist ein großer waldvoller Berg, berühmt genug durch das darauf angelegte herrliche Werk der Architectur und der Wasserkünste. Man erblickt überall vortreffliche Wälder von Buchen, und an den leeren Plätzen eine Menge herrlicher Anpflanzungen, besonders von einheimischen und ausländischen Nadelhölzern, Hayne von Lerchenbäumen und Weyhmouthsfichten, von Rothbüchen und Silberpappeln, von Tulpenbäumen und virginischen Robinien. […] Bey hellem Wetter übersieht man hier fast eine kleine Welt, die schöne Stadt Cassel und ringsumher auf sieben und zwanzig Dörfer in den umliegenden Landschaften. Man bemerkt leicht aus den Vortheilen dieser Lage, daß die Kunst der Bearbeitung hier einen der schönsten Gärten in Europa bilden kann.

[…]

Wenn indessen für die Nachahmung der mythologischen Fabel in Gärten ein Ort schicklich ist, so behauptet der Carlsberg allerdings seinen Vorzug. Das ungeheure Werk und der Anblick des colossalischen Hercules, der oben aus den Wolken auf das Werk, das mit seiner Stärke vollendet ist, herabschauend sich nun einer stolzen Ruhe zu überlassen scheint, versetzt die Einbildungskraft auf einmal in die heroischen Zeiten des Alterthums. Diese erhabene Scene, der Berg, der fast den Namen eines Gebirges verdient, die auf seiner Höhe wallenden Wälder, die vielen angepflanzten Hayne von dunklen Nadelhölzern, verbreiten eine ehrwürdige Feyerlichkeit über die ganze Gegend. Und dieser Eindruck könnte allerdings noch durch eine wohl gewählte und zusammenhängende Reihe mythologischer Scenen, die jetzt nur zerstreut oder vermischt erscheinen, ungemein verstärkt werden.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 5, leipzig 1785.

70,5 m: auf dem oktagon mit pyramide (1701 bis 1717) von giovanni francesco guerniero der herkules aus kupferblech vom augsburger goldschmied johann jacob anthoni, stolze 8,30 m. auftrageber war landgraf karl von hessel-kassel. ein document des barocken machtanspruches des auftragsgebers auf den karlsberg im habichtswald. gesamthöhe mit berg: 596 m. ab 1785 unter dem ur-enkel wilhelm IX., später als kurfürst I., von hessen-kassel in einem english landscape garden umgewandelt. Weiterlesen

virtuelles lapidarium: der betende knabe

von griechenland nach preussen

gefunden wird die statue, entstanden am ende des 4. jh. v. chr, ohne arme im späten 15. jh. auf rhodos bei bauarbeiten zur verstärkung der stadtmauer. sie gelangt nach venedig, hier wird dem knaben um 1558 der linke vorderfuss neu angesetzt, dann nach verona und schließlich in die sammlung der familie gonzaga nach mantua. nach einem kurzen aufenthalt in london im besitz von charles I., kommt sie nach frankreich in die sammlung von nicolas foucquet, dem finanzminister von ludwig XIV., hier werden die arme ergänzt, neue augen eingesetzt und risse repariert. der knabe findet seinen platz in foucquets schloss vaux-le-vicomte.

testelin_sentimens_ganymed_500

„example touchant les proportions et les contours“: ganymed in gesellschaft des herkules farnese (m.) & des apollo von belvedere (2. von r.). aus henri testelin, ’sentimens des plus habiles peintres du tems, sur la pratique de la peinture et sculpture: recueillis & mis en tables de preceptes, avec six discours academiques, extraits des conferences tenuës en l’academie royale desdits arts […]‘, paris, 1680.

weiter geht es nach wien in die sammlung von prinz eugen von savoyen, in den gelben salon seines winterpalais‘, und in die sammlung von josef wenzel von lichtenstein.

1747 kaufte friedrich II. von preussen die statue aus der sammlung lichtenstein und liess sie im gitterpavillon an der ostseite von sansscousi aufstellen. er konnte sie so von seiner bibliothek aus sehen … Weiterlesen

pflanzen & architektur: acanthus

eine weitere überlegung zum → virtuellen lapidarium. es müssen nicht immer statuen im garten sein…

rave_bauakademie_acanthus_500

terrakottarelief für das linke tor der bauakademie, 1836, in berlin. nach einem entwurf von karl friedrich schinkel ausgeführt von friedrich tieck. paul ortwin rave, ‚genius der baukunst – eine klassisch-romantische bilderfolge an der berliner bauakademie‘, berlin, o.j. (1942).

eius autem capituli prima inventio sic memoratur esse facta. virgo civis Corintia iam matura nuptiis inplicata morbo decessit. post sepulturam eius, quibus ea virgo viva pauculis delectabatur, nutrix collecta et composita in calato pertulit ad monumentum et in summo conlocavit et, uti ea permanerent diutius subdiu, tegula texit. is calathus fortuito supra acanthi radicem fuerat conlocatus. interim pondere pressa radix acanthi media folia et cauliculos circum vernum pempus profudit, cuius cauliculi secundum calathi latera crescentes et ab angulis tegulae ponderis necessitate expressi flexuras in extremas partes volutarum facere sunt coacti. tunc Callimachus, qui propter elegantiam et subtilitatem artis marmoreae ab Atheniensibus catatexitechnos fuerat nominatus, praeteriens hoc monumentum animadvertit eum calathum et circa foliorum nascentem teneritatem, delectatusque genere et formae novitate ad id exemplar columnas apud Corinthios fecit symmetriasque constituit, et ex eo in operum perfectionibus Corinthii generis distribuit rationes.

vitruv, ‚de architectura libri decem‘ (4, 1, 9-10), ca. 33 – 22 v. chr.

Die erste Erfindung eines solchen Capitäls aber wurde – wie erzählt wird – auf folgende Weise gemacht. Eine Bürgerstochter aus Korinth, bereits heiratsfähig, wurde krank und starb; nach ihrem Leichenbegängniß sammelte die Amme die Spielsachen, an denen sich das Mädchen bei Lebzeiten ergötzt hatte, legte sie zusammen in einen Korb, trug diesen zu dem Grabmal, stellte ihn oben darauf und deckte ihn, damit sich die Sachen länger, als unter freiem Himmel, erhielten, mit einer Dachplatte zu. Jener Korb war nun zufällig über eine Akanthoswurzel (Bärenklau) gesetzt worden; da trieb die vom Gewicht gedrückte in der Mitte befindliche Akanthoswurzel um die Frühlingszeit Blätter und Stengel, und ihre Stengel, an den Seiten des Korbes emporgewachsend und von den Ecken der Dachplatte durch den Druck der Last hinausgedrückt, wurden gezwungen, nach außen hin Schneckenwindungen zu bilden. Da bemerkte Kallimachos, der wegen der Gewähltheit und Feinheit seiner Arbeit in Mamor von den Athenern Katatechnos (der Kunstvolle) genannt worden war, im Vorübergehen an diesem Grabmale jenen Korb und ringsum die hervorsprossenden zarten Blätter, und entzückt über die Art und Neuheit der Form, machte er nach diesem Vorbilde bei den Korinthiern Säulen, stellte die zusammenstimmenden Maßverhältnisse derselben fest, und von da ausgehend, entzifferte er die Gesetze für die Errichtung von Bauwerken korinthischer Ordnung.

‚des vitruvius zehn bücher über architektur. übersetzt […] von dr. franz reber‘, stuttgart, 1865.

ein kapitell als architektonisches fragment. in richtiger höhe als gartentisch nutzbar oder um töpfe und kübel abzustellen…

die erstbeschreibung des acanthus stammt von carl von linné (species plantarum. bd. 2, stockholm, 1753). ein versuch im garten wäre der bärenklau aus der familie der acanthaceae, nicht zu verwechseln mit dem giftigen heracleum / bärenklau aus der familie der apiaceae, wert … es handelt sich wahrscheinlich um acanthus mollis, den wahren bärenklau.

[…]; j’aime mieux qu’il me monter une plante d’acanthe, et qu’il trace moins bien le feuillage d’un chapiteau.

jean jacques rousseau ‚émile ou de l’éducation‘, amsterdam, 1762

perraults_vitruv_akanthus_500

ill. (detail) aus claude perrault, ‚les dix livres d’architecture de vitruve. corrigez et traduitz nouvellement en françois, avec des notes & des figures‘, paris, 1673.

keimen, wachsen, vergehen / adonisgärten & ‚grass grows‘ von hans haacke

Sokrates: […] Sage mir aber dieses, ob ein verständiger Landmann den Samen, den er vor andern pflegen und Früchte von ihm haben möchte, recht eigens im heißen Sommer in einem Adonisgärtchen streuen und seine Freude daran haben wird ihn in acht Tagen schön in die Höhe geschossen zu sehen? oder ob er dieses nur als ein Spiel und bei festlichen Gelegenheiten thun wird, wenn er es ja thut; jenen aber, womit es ihm Ernst ist, nach den Vorschriften der Kunst des Landbaues in den gehörigen Boden säen, und zufrieden sein, wenn was er gesäet im achten Monat seine Vollkommenheit erlangt?

Phaidros: Gewiß so, o Sokrates, würde er dieses im Ernst, jenes, wie du sagtest, nur anders thun.

Sokrates: Und sollen wir sagen, daß wer vom Gerechten, Schönen und Guten Erkenntnis besitzt, weniger verständig als der Landmann verfahren werde mit seinem Samen?

Phaidros: Keinesweges wohl.

platon, ‚phaidros‘. übersetzung: ‚platons werke von f[riedrich] schleiermacher. erster theil, erster band, berlin, 1804.

Die Adonisgärten (κηποι Αδώνιδος), für den Sinn des Adonisfestes so bezeichnend, waren nach [august] Böckh „Pflanzungen in kleinen Töpfen: die ohne Zweifel den Garten darstellen sollten, in welchem Aphrodite sich zum Adonis gesellte: dem Symbol der schnell hinwelkenden Jugendblüthe, des üppigen Wachsthums und des Vergehens. Die Adonien waren also ein Trauerfest der Weiber, eines jener Feste, durch welche das Alterthum die hinsterbende Natur betrauerte. Wie wir von Treibhauspflanzen reden im Gegensatze des Naturwüchsigen, so haben die Alten oft sprichwörtlich das Wort Adonisgarten gebraucht, um damit schnell Emporgesprossenes, aber nicht zu tüchtiger Reife und Dauer Gediehenes zu bezeichnen. Die Pflanzen: nicht vielfarbige Blumen, nur Lattich, Fenchel, Gerste und Weizen, wurden mit emsiger Pflege zu schnellem Wachsthum gebracht; auch nicht im Winter, sondern im vollen Sommer, und in einer Zeit von acht Tagen.“ [georg friedrich ]Creuzer (Symbolik und Mythologie [der alten völker, besonders der griechen, 1812ff.] Th. II. 1841 S. 427, 430, 479 und 481) glaubt indeß, daß zur Beschleunigung des Wachsthums der Pflanzen in den Adonisgärtchen „starke natürliche, und auch wohl künstliche Wärme im Zimmer angewendet wurde“.

alexander von humboldt, ‘kosmos- entwurf einer physischen weltbeschreibung’, stuttgart/augsburg, 1845 bis 1862. bd 2, 1847.

___

‚growth of grass‘ ist eine frühe arbeit von hans haacke. zuerst in der ausstellung ‚earth art‘ im andrew dickson white museum of art, cornell university, ithaca, n.y., 11/02 – 16/03/1969 ausgestellt. kuratiert wurde die austellung von willoughby sharp, neben haacke waren u.a. arbeiten von robert smithson, richard long und jan dibbets in der austellung vertreten. ‚growth of grass‘ (oder ‚grass grows‘, grösse variabel, 1969 ff., eigentum des künstlers) ist ein konischer erdhügel der mit samen bepflanzt wird die während der ausstellung keimen, wachsen und absterben. cf. ‚grass cube‘ (1967).

Haacke I would like to make it very short. I have put about a cubic yard of top soil mixed with peat into a naturally well-lit room in the Museum. It [the pile of soil] is cone shaped, like a sandcastle, and I seeded it with winter rye and annual rye seed, and hopefully by the day of the opening sprouts will come out of the ground. The shape of this mound is of no relevance. I’m not interested in the form. I’m more interested in the growth of plants – growth as a phenomenon which is something that is outside the realm of forms, composition, etc., and has to do with interaction of forces and interaction of energies and information. My comment for the catalog when asked for astatement is „Grass grows.“

[…]

Questioner (to Haacke) Don’t you identify your piece with a type of gardening?

Haacke Oh, I suppose. But the intention is very different.

Questioner I mean, you were the one who planted the seeds in the pile, weren’t you?

Haacke Yes, but it could have been somebody else!

Questioner How is this different from someone going out and working in a garden? Would that be a form of earth art?

Haacke Well, I suppose he doesn’t do it for the same reasons that I do.

Questioner So it’s the intent that’s different?

Haacke I guess so.

[…]

Haacke Well, on the point of how it looks. I believe we are still carrying this heavy burden of „visual“ art. When the term „aesthetics“ was brought up in this discussion, it was immediately coupled with the looks of something. I believe art is not so much concerned with the looks. It is much more concerned with concepts. What you see is just a vehicle for the concept. Sometimes you have a hard time seeing this vehicle, or it might even not exist, and there is only verbal communication or a photographic record or a map or anything that could convey the concept.

[neil] Jenney (to Haacke) Say if you’ve got a whole pile of wood and not much dirt, would you consider using cinder blocks to fill up the spaces so you don’t have to use so much dirt, or is it important that the whole thing consists of dirt?

Haacke I guess the guideline would be what is the most efficient thing to do. If the rye that I seeded could have grown on cinder blocks, then it wouldn’t have mattered if I used cinder blocks.

Jenney No, I mean the space. What if you only had half a yard of dirt and you wanted it a yard size, right? Would you fill the inside with rocks?

Haacke It could be done. It’s not that important.

Jenney The reason it is the size it is …

Haacke It is an economic consideration, in view of what is to be achieved. What, from an agricultural viewpoint is the most efficient, and what is the viewpoint that causes most effectiveness, and so on.

Jenney Wouldn’t it have been more efficient then to grow grass on a flat plain?

Haacke It could have been done but then you couldn’t have walked around it. That aspect would have been lost and in this case we have a room that has natural light on two sides and artificial light and no light on the other two sides. The result is most likely to be that grass will grow toward the natural light and will be much longer on that side and will be meager on the side that is facing the artificial light, or will be much shorter. These are ecological phenomena which I am very much interested in.

Questioner Do you wish the concept to be developed through association? Why do you use the medium of earth?

Haacke It is the material in which growth takes place.

excerpts from a symposium on earth art held at cornell university, february 6, 1969. catalog ‚earth art‘, ithaca, n.y., 1970.

virtuelles lapidarium: eine skulptur für den „eigenen garten“…

im „eigenen garten“ fehlt noch eine skulptur. das allgemeine angebot an sogenannten „gartenskulpturen“ ist äusserst abschreckend… aber ein garten ohne statue? vorherrschend ist optische umweltverschmutzung: unproportionierte davids à la michelangelo, venus-imitationen nach botticelli oder apollon-köpfe aus dem baumarkt. alles in fragwürdiger qualität und unter noch fragwürdigeren bedingungen produziert. ein schnäppchen von der europalette. ganz zu schweigen von elfen, buddhas und anderem esoterikkram … wer pflanzen im baumarkt kauft macht sich über skulpturen wohl ebenfalls keine gedanken …

wo ist eigentlich der gute alte → gartenzwerg geblieben?

Der Geschmack der Menschen an der Bildhauerey, Malerkunst und Architektur ist meistens sehr eingeschränkt; man muß gelernet haben, ehe man hier bewundern kann; und das Vergnügen an den Werken dieser Künste wird erst durch ein gewisses Maaß von Zeit und Untersuchung interessant, die man ihnen aufgeopfert hat. Allein die Reize eines wohlangelegten Gartens sind ohne Unterricht und Erklärung, den Kundigen und Unkundigen gleich empfindbar.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 1, leipzig, 1779.

hier beschränkt hirschfeld den garten, leider, auf emotiönchen, was heute, social media, zu „hübschen“ blümchen-fotos aus scheusslichen „gärten“ führt. gärten benötigen ebenfalls „ein gewisses Maaß von Zeit und Untersuchung“… aber das ist ein anderes, viel längeres, thema.

Auch die Bildhauerkunst hat nicht unterlassen, an der Verzierung der Gärten, wie die Architectur, Antheil zu nehmen. Statuen und Monumente sind ihre Werke, […].

Statuen mußten bald zu den Verzierungen der Gärten gerechnet werden, da man anfieng, diese als Schauplätze der Pracht, oder als Scenen der Kunst zu behandeln, worinn die Bildhauerey nicht weniger, wie die Architectur, ihren Glanz ausbreiten durfte. Der Römer führte Statuen in die Gärten ein, mehr aus unüberlegender Prachtsucht; der Franzose mehr aus Wahn, daß, was Gebäude ziert, auch Gartenplätzen zukomme.

Ohne Zweifel hatten die Römer zuerst Statuen in den Gärten der Griechen gesehen, unter welchen schon Alkamenes eine von ihm verfertigte Venus in seinem Garten zu Athen aufstellte, die nachher der Kaiser Hadrian in seine berühmte Villa [adriana] versetzte. In den letzten Zeiten der Republik und unter den Kaisern, als die Liebe der Kunstwerke ein Theil des herrschenden Luxus ward, brachten die Römer von der Menge der Statuen, die aus Griechenland nach Italien kamen, auch viel in ihre Gärten. Sie gaben hier ihre Gastmale und Feste; sie stellten daher alles auf, was sie nur Prächtiges finden konnten. Man sah hier fast alle Arten von Gebäuden und Kunstwerken, und zwar in einem solchen Ueberfluß, daß Juvenal [’saturae‘, VII., 79-80] die Gärten seiner Zeit mit einem Beywort belegte, das ihnen die übermäßige Pracht vorwarf, worunter alle Einfalt der Natur verschwinden mußte.

Contentus fama jaceat Lucanus in hortis
Marmoreis.

Doch in den ältesten Zeiten herrschte mehr Mäßigkeit. Man begnügte sich mit einer Statue des Priap  [gott der fruchtbarkeit] in der Mitte der Gärten.

Pomosisque ruber custos ponatur in hortis,
Terreat ut saeva falce Priapus aves.
Tibullus [elegiae, 1,1, 17-18].

Columella [in ‚de re rustica‘] erinnert, daß man nicht die Kunstwerke eines Dädalus, Polyclet oder anderer berühmter Bildhauer suchen, sondern sich begnügen solle, den Priap ganz einfältig gearbeitet aufzustellen. Doch folgte man nicht immer dieser Vorschrift. Man machte zu Augusts Zeiten den Priap von Marmor.

Custos es pauperis horti,
Nunc te marmoreum pro tempore fecimus.
Virg[il] Ecl[ogae oder bucolica] 7. [34-35]

Und in den Servilianischen Gärten zu Rom standen die Statuen der Ceres und der Flora, die Werke des Praxiteles waren. Auch die Statuen der Satyren, als Schutzgötter der Gärten, sah man nach einer Nachricht des Plinius [des älteren, ’naturalis historia‘, lib. XIX, c.4.) aufgestellt. Alle diese Statuen hatten doch in den Gärten der Alten einen Grad von Schicklichkeit, der ihnen in den Gärten der Neuern abgieng; sie waren den Gottheiten gewidmet, unter deren besonderm Schutz, nach der allgemeinen Meynung, die Oerter, die Pflanzen und die Früchte standen. Mit einer gleichen Schicklichkeit stellten die Alten, nach einer Bemerkung des Vitruv [‚de architectura‘, lib. VII, c.5.] in die Zimmer, wo sie sich im Frühling, im Sommer und im Herbste aufhielten, solche Bilder, die auf jede dieser Jahreszeiten immer eine gewisse Beziehung hatten.

christian cay lorenz hirschfeld, ‘theorie der gartenkunst’, bd. 3, leipzig, 1780.

das heutige problem in den gärten sind nicht so sehr, wie für hirschfeld, die vielen statuen, sondern der allgemeine deko-wahnsinn …

eine beschäftigung für lange winterabende: eine grand tour im buchregal auf der suche nach einer gartenskulptur …

hogarth_aob_plate1_500

ein antinous (antinoo belvedere, hermes andros-farnese), fig. 6, wäre doch was… ‘plate I, the sculptor’s yard’ aus: william hogarth, ‚the analysis of beauty‘, london, 1753.

weitere beiträge zu skulpturen (von griechisch/römisch über barock zur minimal und land art) unter dem tag → lapidarium (virtuell) folgen…

tea time: Τσάι του βουνού

sideritis_500

von unserer nachbarin gesammelt: sideritis / griechischer bergtee (Τσάι του βουνού, tsái tou vounoú) oder eisenkraut. hier wahrscheinlich sideritis athoa (nach dem griechischen Άθως, Àthos; im griechenland meist Άγιον Όρος, Ágion Óros, ‚heiliger berg‘) aus makedonien. im mittelmeergebiet sind ca. 80 sideritis-arten heimisch, grösstenteils endemisch (von altgriechisch ἔνδημος, éndēmos‚ einheimisch). sideritis wird bereits in der antike von dem griechischen philosophen und naturforscher theophrastos von eresos (Περὶ φυτῶν ἱστορία, peri phyton historia, lat. ‚historia plantarum‘, ca. 350 bis 287 v. chr.) und dem arzt und pharmakologen pedanios dioscurides (Περὶ ὕλης ἰατρικῆς, peri hules iatrikēs, lat. ‚materia medica‘, ca. 50 bis 70 n. chr.) erwähnt. auf der peloponnes kommt haupsächlich sideritis clandestina vor, das pflücken ist jedoch seit den waldbränden 2007 verboten. in deutschen gärtnereien ist zumeist sideritis syriaca, kretischer bergtee oder syrisches gliedkraut, für  mediterrane kräuterbeete, trockenmauern oder steingärten zu bekommen.

tea time: manchmal mit einer zimtstange aufgekocht, honig und ungesüsstem zwieback …