herbst: „Solange die Jahreszeit es noch zulässt, …“ / leibniz an sophie von der pfalz

Solange die Jahreszeit es noch zulässt, werden wir Nachricht über die Spaziergänge Eurer Kurfürstlichen Durchlaucht in Herrenhausen bekommen, und wir werden mit Spaziergängen erwidern. Solche Nachrichten sind die allerbesten, denn sie bedeuten eitel Gesundheit und Freude.

gottfried wilhelm leibniz am 23. September 1701 aus wolfenbüttel an sophie von der pfalz, kurfürstin von braunschweig-lüneburg, in herrenhausen. zitiert nach ‚gottfried wilhelm leibniz / kurfürstin sophie von hannover  – briefwechsel‘, hrsg.von wenchao li, aus dem französischen von gerda utermöhlen und sabine sellschopp, göttingen 2017.

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der georgengarten: ein besuch bei leibniz & grossstadtgrün

die herrenhäuser gärten: barocke gartenkunst im grossen garten, botanik im berggarten & ein öffentlicher park. der georgengarten, benannt nach george IV. king of the united kingdom &c. und könig von hannover. überschwemmungsgebiet der leine, gärten des adels in der nähe der sommerresidenz der kurfürsten von braunschweig-lüneburg, 1768 durch johann ludwig von wallmoden-gimborn zum wallmodengarten zusammengefasst, ab 1828 zum english landscape garden umgestaltet (ab 1835 durch franz christian schaumburg), seit 1921 städtisch …

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morus alba: leibniz, preussen, berlin-steglitz & westfälische wallhecken

Ich habe auch noch auff ein augmentum fundi bedacht, so mit der zeit hierzu dienen köndte. Nachdem ich nehmlichen endtlich Leute gefunden, die die Seide in diesem Nordischen Teutschland in copia zu zielen zu wege bracht, welche auch in allen arbeiten der Italianischen nicht weichet, in gewien fällen auch vorgehet. Diese Leute die wollen die pflanzung der weißen Maulbeerbäume [morus alba] ferner anlegen, wo ich es zu wege bringen wurde. Es kan land dazu genommen werden so man sonst wenig brauchet. Und der Ertrag solcher cultur zu der Bibliothec und studien in diesem Land gewidmet werden, und der anfang der kosten von gestämpelten papier kommen.

gottfried wilhelm leibniz, ‚leibniz für ein gespräch mit herzog anton ulrich [von braunschweig-wolfenbüttel] ‚, wolfenbüttel, februar 1704. zitiert nach ’sämtliche schriften und briefe‘, erste reihe, 23. band, berlin, 2013.

leibniz philosophierte nicht nur über blätter im garten → philosophische gespräche im garten … / ‘neue abhandlungen über den menschlichen verstand’ sondern regte seine gesprächspartnerin, sophie von der pfalz, zur anlage eine plantage zur produktion von maulbeerblättern an → die herrenhäuser gärten: der berggarten.

alte einzelbäume, reste von maulbeeralleen (wie z.b. die 1720 von karl III. philipp, kurfürst von der pfalz, zwischen heidelberg und dem dem schwetzinger schloss → schlossgarten schwetzingen: … angelegte)… bei gartenbesuchen und der recherche über historische gärten stösst man immer wieder auf morus nigra, die schwarze, und alba, die weisse maulbeere. die früchte der nigra sind perfekt z.b. für konfitüre. die blätter der alba als raupenfutter.

chinoiserie & forstwirtschaft

angeregt durch die lekture von marco polo und berichten von ersten missionaren, kam es anfang des achtzehnten jahrhunderts zu einer china mode. zwei luxus produkte, neben den obligastorischen pagoden in gärten, waren unentbehrlich: porzellan & seide. das import-problem mit dem porzellan wurde von johann friedrich böttger und ehrenfried walther von tschirnhaus im meissen gelöst (cf. → eine kindheitserinnerung, botanische chinoiserie …). die fütterung des bombyx mori / seiden- oder maulbeerspinners stellte ein botanisches bzw. gärtnerishes problem da. die raupen spinnen sich in kokons aus seide ein, die dann durch abhaspeln, aufwickeln, des pfadens gewonnen wird. bis zur verpuppung fressen sie nur blätter. blätter der moros alba / weissen maulbeere. Weiterlesen

die herrenhäuser gärten: der berggarten

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hannover, stadtbahnlinie 4 richtung garbsen, haltestelle herrenhäuser gärten, der bibliothekspavillon im berggarten, strassenseite …

erst eine sanddüne (der name berg ist geblieben) dann garten. ein platz zum experimentieren, ein ort für pflanzen die im barocken korsett des grossen gartens (→ der grosse garten in herrenhausen, sophie von der pfalz & …) auf der anderen strassenseite nicht passten.

unter herzog johann friedrich von braunschweig-lüneburg begann hier das gärtnern.

später liess sophie von der pfalz, verh. kurfürstin von hannover, exotische gewächse anpflanzen und brachte ihre stetig wachsende pflanzensammlung unter. ab 1704 wurde eine plantage mit maulbeerbäumen für die seidenraupenzucht gepflanzt. auf anraten von gottfried wilhelm leibniz (→ philosophische gespräche im garten …).

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seidenraupenfutter: morus alba / weisser maulbeerbaum mit blick in richtung des präriegartens. gepflanzt 2014 von den freunden der herrenhäuser gärten e.v. (zusammen mit einem morus nigra / schwarzem maulbeerbaum).

1849 erbaute georg ludwig friedrich laves das erste palmenhaus. 1880 entstand das grosse palmenhaus von richard auhagen (in den 1950igern abgerissen, heute steht dort ein tropisches aquarium… event-fische im garten… ). Weiterlesen

philosophische gespräche im garten bei einer tasse tee & keksen / ’neue abhandlungen über den menschlichen verstand‘ von gottfried wilhelm leibniz

schuster_leibnitz_herrenhausen_500   philosophische gespräche im grossen garten: leibniz und sophie von der pfalz, kurfürstin von braunschweig-lüneburg. ill.: johann david schubert gestochen von daniel berger aus ‚pantheon der deutschen‘.

Die Gesellschaft an dem Hannöverischem Hofe, wo solche Materien durchgestritten wurden, machte sich ein angenehmes Geschäft daraus, Erfahrungen aufzusuchen, womit sie die Paradoxen des Philosophen widerlegen könnten. Leibniz erzählt uns selbst die Geschichte eines solchen Spieles, die uns von dem edlen Geiste der Unterhaltung dieser Gesellschaft einen Begriff machen kann. „Ein geistreicher Mann unter meinen Freunden sprach mit mir über den Satz des Nichtzuunterscheiden in Gegenwart der Frau Kurfürstin in dem Garten von Herrenhausen, und glaubte, daß er wohl zwei Blätter finden würde, die einander gänzlich ähnlich wären. Die Kurfürstin forderte ihn dazu heraus; und er lief lange Zeit vergebens danach herum.

karl gottlieb hofmann, ‚pantheon der deutschen‘, bd. 2, chemnitz, 1795.

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§ 3. Philalèthe. Ce qu’on nomme principe d’individuation dans les écoles où l’on se tourmente si fort pour savoir ce que c’est, consiste dans l’existence même, qui fixe chaque être à un temps particulier, à un lieu incommunicable à deux êtres de la même espèce.
Théophile. Le principe d’individuation revient dans les individus au principe de distinction dont je viens de parler. Si deux individus étaient parfaitement semblables et égaux et (en un mot) indistinguables par eux-mêmes, il n’y aurait point de principe d’individuation; et même j’ose dire qu’il n’y aurait point de distinction individuelle ou de différents individus à cette condition. C’est pourquoi la notion des atomes est chimérique, et ne vient que des conceptions incomplètes des hommes. Car s’il y avait des atomes, c’est-à-dire des corps parfaitement durs et parfaitement inaltérables ou incapables de changement interne et ne pouvant différer entre eux que de grandeur et de figure, il est manifeste qu’étant possible qu’ils fussent de même figure et grandeur il y en aurait alors d’indistinguables en soi et qui ne pourraient être discernés que par des dénominations extérieures sans fondement interne, ce qui est contre les plus grands principes de la raison. Mais la vérité est, que tout corps est altérable et même altéré toujours actuellement, en sorte qu’il diffère en lui-même de tout autre. Je me souviens qu’une grande princesse, qui est d’un esprit sublime, dit un jour, en se promenant dans son jardin, qu’elle ne croyait pas qu il y eût deux feuilles parfaitement semblables. Un gentilhomme d’esprit, qui était de la promenade, crut qu’il serait facile d’en trouver; mais quoiqu’il en cherchât beaucoup, il fut convaincu par ses yeux qu’on pouvait toujours y remarquer de la différence. On voit par ces considérations négligées jusqu’ici, combien dans la philosophie on s’est éloigné des notions les plus naturelles et combien on a été éloigné des grands principes de la vraie métaphysique.

§ 3. Philalethes. Das, was man in den Schulen Prinzip der Individuation nennt, wo man sich so viel quält zu erfahren, was es sei, besteht in dem Dasein selbst, welches jedes Wesen zu einer besonderen Zeit an einen bestimmten Ort setzt, der zweien Wesen derselben Art nicht gemeinsam sein kann.
Theophilus. Das Prinzip der Individuation kommt in den Individuen auf das Prinzip der Unterscheidung zurück, wovon ich eben gesprochen habe. Wenn zwei Individuen vollkommen ähnlich und gleich und mit einem Worte an sich selbst ununterscheidbar wären, so würde es kein Prinzip der Individuation geben; und ich wage selbst zu behaupten, daß es unter dieser Bedingung keine individuelle Unterscheidung oder verschiedene Individuen geben würde. Darum ist der Begriff der Atome schimärisch und stammt nur aus den unvollständige Vorstellungen der Menschen. Denn wenn es Atome d.h. vollkommen harte und vollkommen unveränderliche oder zu innerem Wechsel unfähige und nur an Größe und Gestalt voneinander verschiedene Körper gäbe, so würde es offenbar bei der Möglichkeit, daß sie von gleicher Gestalt und Größe sind, dann unter ihnen solche geben, welche, an sich ununterscheidbar, nur durch äußere Bezeichnungen ohne inneren Grund voneinander getrennt werden könnten, was den wichtigsten Vernunftgrundsätzen zuwiderläuft. In Wahrheit ist aber jeder Körper veränderlich und wird sogar stets wirklich verändert, dergestalt, daß er an sich selbst von jedem anderen sich unterscheidet. Ich erinnere mich, daß eine geistvolle hohe Fürstin einmal auf einem Spaziergange in ihrem Garten sagte, sie glaube nicht, daß es zwei vollkommen gleiche Blätter gäbe. Ein gescheiter Edelmann, welcher den Spaziergang mitmachte, glaubte, es sei leicht, solche zu finden, aber obschon er viel danach suchte, mußte er sich durch seine eigenen Augen überzeugen, daß man stets dabei Verschiedenheit bemerken konnte. Man sieht aus diesen bisher vernachlässigten Betrachtungen, wie sehr man sich in der Philosophie von den natürlichsten Begriffen entfernt hat und wie sehr man von den wichtigsten Prinzipien der wahren Metaphysik fern ist.

gottfried wilhelm leibniz, ’nouveaux essais sur l’entendement humain / neue abhandlungen über den menschlichen verstand‘, kapitel XXVII. ‚was identität und verschiedenheit ist / ce que c’est qu’identité ou diversité‘ , zuerst auf französisch erschienen, 1704. deutsche übersetzung, leipzig 1904.

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philosophieren bei einer tasse tee & leibniz-keksen…

kekse_tee_herrenhausen_500   literatur: horst bredekamp, ‚leibniz und die revolution der gartenkunst. herrenhausen, versailles und die philosophie der blätter‘, berlin, 2012 & ‚herrenhausen 1666-1966 – europäische gärten bis 1700‘ katalog der jubiläumsaustellung, hannover, 1966.

das beste deutschsprachige gartenbuch der letzten jahre…

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