dahliamania im 100jährigen altonaer volkspark

in hamburg wird gefeiert: 100 jahre stadtpark. das zweite jubiläum geht etwas unter: 100 jahre altonaer volkspark. eine austellung über den stadtpark( → ‘park pioniere. 100 jahre stadtpark’) & das 750. jubiläum der stadtrechte für altona (→ rosa alba ‘königin von dänemark’ / eine rose zum 350. geburtstag von altona,…) rücken den volkspark in den hintergrund. ich muss gestehen, dies war mein erster besuch. am rand gelegen und abgeschnitten von der autobahn, abgeschreckt durch die massenveranstaltungs-locations – eine hiess einmal volksparkstadion – am rande des parks, habe ich ihn nie sonderlich wahrgenommen…

1913 beschloss der magistrat der stadt altona, auf initiative des ‚komitees zur förderung der idee der einrichtung eines volksparks in altona‘,  die anlage eines park im seit 1890 zu altona gehörenden bahrenfeld. mittlerweile gut preussisch, sollte er nach kaiser wilhelm II. (zum 25. thronjubiläum 1913) benannt werden. altona war dicht besiedelt, und es fehlte an grünflächen. die möglichkeit zur freizeitgestaltung der arbeiter in altona und die damals sogenannte volksgesundheit waren wichtig für die planungen. man berief ferdinand tutenberg, u.a. mit erfahrungen als obergehilfe in den königlichen gärten in herrenhausen und als garteninspektor in bochum – zum gartendirektor. gestalterisch sollte der altonaer park sich von dem gleichzeitig entstehenden hamburger stadtpark absetzen. ab 1914, parallel zur grossen gartenausstellung in altona, fingen ca. 1000 „notstandsarbeiter“, d.h. arbeitslose, mit den ersten geländearbeiten, unter berücksichtigung der topografischen gegebenheiten, an. nach unterbrechungen im 1. weltkrieg wurden die arbeiten ab november 1918 wieder aufgenommen. 1920 war die parkanlage grösstenteils fertig. mit seinen heute 205 hektar ist er hamburgs grösster öffentlicher park.

zum 100. ein besuch im dahliengarten. 1920 wurde im volkspark die erste dahlienpflanzung angelegt. nach einem umzug auf dem areal des parks befindet er sich seit 1932 an der heutigen stelle. es ist der älteste bestehende dahliengarten in europa.

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ferdinand tutenberg, ‚der neue dahliengarten im volkspark altona‘.

dahlien stammen ursprünglich aus mittelamerika (mexico und guatemala). die erste schriftlichen aufzeichnungen, ende des 16. jh., stammen von dem spanischen arzt francisco hernandez de toledo. die ersten dahlien in europa blühten im real jardín botánico de madrid. ihren namen erhielten sie 1791 von antonio josé cavanilles, direktor des botanischen gartens in madrid, zu ehren des schwedischen botanikers anders dahl, einem schüler von carl von linné.

Wenn man von dem Central-Plateau von Mexico in 7000 Fuß mittlerer Höhe nach den Weizenfeldern von Valladolid de Michuacan, nach dem anmuthigen See von Patzcuaro mit dem bewohnten Inselchen Janicho und in die Wiesen um Santiago de Ario, die wir ([aimé] Bonpland und ich) mit den nachmals so berühmt gewordenen Georginen (Dahlia, Cav.) geschmückt fanden, herabsteigt; […]

alexander von humboldt, ‚kosmos – entwurf einer physischen weltbeschreibung‘, stuttgart/augsburg, 1845 -1862. bd. IV, 1858.

1804 bringt alexander von humboldt samen von seiner süd- und mittelamerika expedition mit nach berlin und paris und trägt damit zur verbreitung der pflanze in europäischen gärten bei (cf. ’schreiben des herrn a. v. humboldt an den französischen übersetzer‘ in joseph paxton, ‚die cultur der georginen (dahlien)‘, weimar, 1839. dt. ausgabe von ‚a practical treatise on the cultivation of the dahlia‘ , london, 1838.)

Ich kann mich gar nicht entscheiden,
ist alles so schön bunt hier.

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l.: aus dem münsterland: schmuck-dahlie ‚dahliendorf legden‘ (wilhelm schwieters, 2006); r.: showy & chatty wie die meisten, die hirschgeweih-dahlie ’show ‘n’ tell‘ (jack almand, 1985).

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l.: harz? nein nicht hexen. eine fee! dekorative dahlie ‚harzfee‘. taucht im beet auch mit der zuordnung seerosen-dahlie auf: bisher noch keine sichtung im oberharzer wasserregal… (VEG ‚August Bebel‘, 1987); nicht gekennzeichnete sorte im beet ‚lübeck‘, eine der schönsten…

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anarchistische mutanten im beet: r. dekorative dahlie ‚mythos‘ (gerhard wirth, 2004), die mutation ist dekorativer als die dunkelrote sortenreine blüte…; l. einfache dahlie ’saitenspiel‘, rot setzt sich durch (prof. michael otto, 2005).

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typische hamburger garten- und parkmöblierung: der us-amerikanische adirondack chair wurde in hamburg seit der internationalen gartenschau 1953, zum hummelstuhl. r. als trio; l. mit dekablog10 & the one and only bishop…

für meine verhältnisse zu bunt! bestätigung, dass ich wie bei anderen pflanzen die alten bzw. ungefüllten sorten bevorzuge: trotz frühkindlicher sensibilisierung für den show-effekt der pflanze im münsterländischen legden, wo jährlich ein grosses dahlienfest incl. dahlienkönigin & einem karnevalsmässigem blumenkorso stattfindet…

back to basics:

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‚Bishop of Llandaff‘ is famed for its purple, deeply fern-cut leaves supporting small, semi-double red flowers. Even the deepest-dyed of anti-dahlia snobs allows a place for that.

christopher lloyd, ‚dahlias‘ in the guardian, 06/04/1996, reprinted in ‚cuttings – a year in the garden with christopher lloyd‘, london, 2007.

es gab schon einen versuch mit der paeonienblütigen ‚bishop of llandaff‘ – eine züchting von treseder & sons, cardiff , 1928 – im „eigenen garten“. hatte jedoch keine lust die knollen im herbst auszugraben und zu überwintern… verdammt arbeitsintensiv diese pflanze! projekt 2015: bischof im kübel (dann muss man nicht im beet rumwühlen und die schnecken sind besser im zaum zu halten) & auf der muss-ich-noch-lesen-liste rückt ‚the plant lover’s guide to dahlias‘ von andy vernon (portland /london, 2014) nach oben. ein platz für den (die?) kübel & im überfüllten buchregal wird sich finden…

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log|gia, die: nicht oder kaum vorspringender, nach der außenseite hin offener, überdachter raum im (ober)geschoss eines hauses → bal|ko|ni|en, das: der eigene balkon (als fiktives urlaubsland)

Loggien

sonntag_loggien_1 *  typische berliner gründerzeitbauten mit loggien

Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt, ohne es zu wecken, verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit. Nichts kräftigte die meine inniger als der Blick in Höfe, von deren dunklen Loggien eine, die im Sommer von Markisen beschattet wurde, für mich die Wiege war, in die die Stadt den neuen Bürger legte. Die Karyatiden, die die Loggia des nächsten Stockwerks trugen, mochten ihren Platz für einen Augenblick verlassen, um an dieser Wiege ein Lied zu singen, das zwar fast nichts von dem enthielt, was später auf mich wartete, dafür jedoch den Spruch, durch den die Luft der Höfe mir auf immer berauschend blieb. Ich glaube, daß ein Beisatz dieser Luft noch um die Weinberge von Capri war, in denen ich die Geliebte umschlungen hielt; und es ist eben diese Luft, in der die Bilder und Allegorien stehen, die über meinem Denken herrschen wie die Karyatiden auf der Loggienhöhe über die Höfe des Berliner Westens.

[…] Der Frühling hißte hier die ersten Triebe vor einer grauen Rückfront; und wenn später im Jahr ein staubiges Laubdach tausendmal am Tage die Hauswand streifte, nahm das Schlürfen der Zweige mich in eine Lehre, der ich noch nicht gewachsen war. Denn alles wurde mir im Hof zum Wink. Wieviele Botschaften saßen nicht im Geplänkel grüner Rouleaux, die hochgezogen wurden, und wieviele Hiobsposten ließ ich klug im Poltern der Rolläden uneröffnet, die in der Dämmerung niederdonnerten.

Am tiefsten aber konnte mich die Stelle betreffen, wo der Baum im Hofe stand. Sie war im Pflaster ausgespart, in das ein breiter Eisenring versenkt war. Stäbe durchzogen ihn derart, daß er ein Gitter vorm nackten Erdreich bildete. Es schien mir nicht umsonst so eingefaßt; manchmal sann ich dem nach, was in der schwarzen Kute, aus der der Stamm kam, vorging. Später dehnte ich diese Forschung auf die Droschkenhaltestellen aus. Die Bäume dort wurzelten ähnlich, doch sie waren noch dazu umzäunt, und Kutscher hingen an die Umzäunung ihre Pelerinen, während sie für den Gaul das Pumpenbecken, welches ins Trottoir gesenkt war, mit dem Strahl füllten, der Heu- und Haferreste wegtrieb. Mir waren diese Warteplätze, deren Ruhe nur selten durch den Zuwachs oder Abgang von Wagen unterbrochen wurde, entlegenere Provinzen meines Hofes.

Viel war an seinen Loggien abzulesen: der Versuch, der abendlichen Muße nachzuhängen; die Hoffnung, das Familienleben ins Grüne vorzuschieben; das Bestreben, den Sonntag ohne Rückstand auszuschöpfen. Aber am Ende war das alles eitel. Nichts lehrte der Zustand dieser eines überm anderen befindlichen Gevierte, als wieviel beschwerliche Geschäfte jeder Tag dem folgenden vererbte. Wäscheleinen liefen von einer Wand zur anderen; die Palme sah um so obdachloser aus, als längst nicht mehr der dunkle Erdteil, sondern der benachbarte Salon als ihre Heimat empfunden wurde. So wollte es das Gesetz des Ortes, um den einst die Träume der Bewohner gespielt hatten. Doch ehe er der Vergessenheit verfiel, hatte bisweilen die Kunst ihn zu verklären unternommen. Bald stahl sich eine Ampel, bald eine Bronze, bald eine Chinavase in sein Bereich. Und wenn auch diese Altertümer selten dem Orte Ehre machten, so gewann auf diesen Loggien der Zeitverlauf selbst etwas Altertümliches. Das pompejanische Rot, das sich so oft in breitem Bande an der Wand entlangzog, war der gegebene Hintergrund der Stunden, welche in dieser Abgeschiedenheit sich stauten. Die Zeit veraltete in diesen schattenreichen Gelassen, die sich auf die Höfe öffneten. Und eben darum war der Vormittag, wenn ich auf unserer Loggia auf ihn stieß, so lange schon Vormittag, daß er mehr er selbst schien als auf jedem anderen Fleck. So auch die ferneren Tageszeiten. Nie konnte ich sie hier erwarten, immer erwarteten sie mich bereits. Sie waren schon lange da, ja gleichsam aus der Mode, wenn ich sie endlich dort aufstöberte.

pompeji_rot das pompejanische rot (ohne schwammtechnik)

sinfonie_s-bahn_1 ** sinfonie_s-bahn_bahndamm *

Später entdeckte ich vom Bahndamm aus die Höfe neu. Und wenn ich dann an schwülen Sommernachmittagen aus dem Abteil auf sie heruntersah, schien sich der Sommer in sie eingesperrt und von der Landschaft losgesagt zu haben. Und die Geranien, die mit roten Blüten aus ihren Kästen sahen, paßten weniger zu ihm als die roten Matratzen, die am Vormittag zum Lüften über den Brüstungen gehangen hatten. Abende, die auf solche Tage folgten, sahen uns — mich und meine Kameraden — manchmal am Tisch der Loggia versammelt. Eiserne Gartenmöbel, die geflochten oder von Schilf umwunden schienen, waren die Sitzgelegenheit. Und auf die Reclamhefte schien aus einem rot- und grüngeflammten Kelch, in dem der Strumpf summte, das Gaslicht nieder: Lesekränzchen. Romeos letzter Seufzer strich durch unsern Hof auf seiner Suche nach dem Echo, das ihm die Gruft der Julia in Bereitschaft hielt. Seitdem ich Kind war, haben sich die Loggien weniger verändert als die anderen Räume. Doch nicht nur darum sind sie mir noch nah. Es ist vielmehr des Trostes wegen, der in ihrer Unbewohnbarkeit für den liegt, der selber nicht mehr recht zum Wohnen kommt. An ihnen hat die Behausung des Berliners ihre Grenze. Berlin — der Stadtgott selber — beginnt in ihnen. Er bleibt sich dort so gegenwärtig, daß nichts Flüchtiges sich neben ihm behauptet. In seinem Schutze finden Ort und Zeit zu sich und zueinander. Beide lagern sich hier zu seinen Füßen. Das Kind jedoch, das einmal mit im Bunde gewesen war, hält sich, von dieser Gruppe eingefaßt, auf seiner Loggia wie in einem längst ihm zugedachten Mausoleum auf.

walter benjamin, ‚berliner kindheit um neunzehnhundert‚, enstanden 1932–1934/1938, frankfurt/m., 1987.

*     still aus ‚menschen am sonntag‚, regie: robert siodmak und edgar g. ulmer, drehbuch: billy wilder, 1930

**   still aus ‚berlin – die sinfonie der großstadt‚ von walter ruttmann, 1927