die flora des brockens (vom besen aus nicht zu sehen!) / ‚beschreibung des gantzen fürstlichen braunschweigischen gartens zu hessem‘ von johann royer

Dieser Berg / drey Meilweges von Hessem / vorn in dem Hartze gelegen / ist wegen seiner grawsamen Höhe und Grösse weit beschryen / kan über etliche Meilen gesehen / aber nicht eher als ümb S. Johannis Baptistæ erstiegen und besichtiget werden/ der Kälte und Schnees halber/ so sich daselbsten nach Pfingsten allererst verleuret / sonderlich ist dieser Berg / vieler vornehmer Kräuter wegen / so da von sich selbst herfür kommen / sehr berühmt / Als unten herumb Libanotis alba major [laserpitium latifolium l. / breitblättriges laserkraut], wie auch die andern species, Angelica sylvestris [wald-engelwurz], Myrrhis montana [chaerophyllum hirsutum / behaarter kälberkropf], Betonica [stachys / zieste], Ulmaria [filipendula ulmaria / echtes mädesüss] , Lysimachia [gilbweiderich] flore purpureo, auch eine mit schönen schneeweissen Blumen / Campanula persicisolia flore cæruleo [campanula persicifolia l. / pfirsichblättrige glockenblume] & albo [weiss], Lychnis [pechnelken] sylvestris roth vnd weiß / etzliche species Geranij [geranium / storchenschnabel], eine sonderliche schöne Althæa [eibisch] , wie auch me sonderliche Malva [malven], besser hinan am Berge stehet ein schön Ononis [hauhecheln] sine spinis, an die anderthalb Ellen hoch/ mit schönen Purpurbraunen Blumen / Osteritum montanum oder Imperatoria [imperatoria ostruthium / meisterwurz] nigra, das Martagon [lilium martagon / türkenbund] habe ich daselbst gar schön mit Leibfarben / weissen / auch wunderlich genaculirten Blumen viel auff einem Stiel gefunden / so ich mit Fleiß auffgehaben / und in den Fürstl. Lust-Garten geplantzet / die Hepatica nobilis [leberblümchen] ist gleichfals da zu finden mit unterschiedlichen Farben Blumen / so wol die Helleborine latifolia [epipactis helleborine / breitblättrige stendelwurz] & angustifolia [epipactis palustris / sumpf-stendelwurz], darunter ich eine angetroffen mit bundten Blättern / halb weiß und halb grün / sehr lieblich anzusehen / Ein fein Digitalis [Fingerhut] mit gar grossen Farben Blumen / ein frembder Sonchus [cicerbita alpina / alpen-milchlattich], über 2 Ellen hoch / mit schönen grossen Himmelblawen Blumen und starcken Wurtzeln / so ich auch außgehoben / Daucus montanus [meum athamanticum jacq / bärwurz], Dryopteris [dryopteris filix-mas / echter wurmfarn], Orchis Testiculus vulpis [stendel- oder hundswurz] und Satyrium [händelwurz] mancherley Arten / ein schön Lathyrus [platterbsen] mit rothen Blättern / Centaurium minus [centaurium erythraea / echtes tausendgüldenkraut] mit rothen und weissen Blumen / Prunella major flore albo [prunella laciniata / weiße braunelle], Consolida media [ajuga reptans / kriechender günsel oder ajuga genevensis / heide-günsel], Consolida [consolida / feldrittersporne] Sarracenica, Virga aurea [?], Scordium montanum [teucrium scorodonia / salbei-gamander], ein schön Scrophularia major [scrophularia nodosa / knotige braunwurz], Parietaria [glaskräuter], Seseli montanum [berg-sesel], Symphytum majus [symphytum officinale / echter beinwell], Pulmonaria [lungenkräuter] unterschiedlich / Baccharis, Victorialis [allium victorialis / allermannsharnisch], Herba paris [paris quadrifolia / einbeere], Polygonatum latifolium [polygonatum multiflorum / vielblütiges salomonssiegel] & angustifolium [polygonatum verticillatum / quirlblättrige weißwurz], Noli me tangere [impatiens noli-tangere / grosses springkraut], Filix mas [dryopteris filix-mas / echter wurmfarn] und fœmina [pteridium aquilinum / adlerfarn], worunter jenes offt eines grossen Mannes Höhe erreichet / und hat eine Wurtzel wie ein Kinderkopff in die ründe / Asplenium [Aspleniaceae / streifenfarngewächse] zweyerley / ein fein kleines und subtiles / und ein gar grosses/ Bistorta major [bistorta officinalis / schlangen-knöterich] & minor [bistorta vivipara / knöllchen-knöterich], Acetosa montana maxima [rumex alpestris jacq / berg-sauerampfer], wird von den Einwohnern des Orts Blockenbergische Rhebarbar genennet / Dentaria [zahnwurz] Matthioli und Dentaria minor, und Baceifera [cardamine bulbífera / zwiebel-zahnwurz], Christophoriana [actaea spicata l. / ähriges christophskraut], Cistus ledon foliis [cistus laurifolius l. / lorbeerblättrige zistrose], Rosmarini, oder wilde Rosmarin / Myrtillus [vaccinium uliginosum / moorbeere] oder Heydelbeer / derer habe ich sechserley Art da gefunden / eine mit gar grossem Laub und Beeren schwärtzlich/ die andere mit viel kleinerm Laub und schwartzen Beerlein / so am gemeinesten / die dritte Art ist wieder umb groß von Laub und schwartzen Früchten / so aber zu essen nicht so dienlich / weil sie gleich einen Schwindel im Haupt verursachen / Dann sind die rohthen Heydelbeeren / sonsten Kronsbeer genand/ deren etliche viel kleiner von Holtz und Laub / die andern aber viel grösser/ auch schöner an Früchten / Die letzte ist mit schönen weissen Beeren / so lieblicher zu essen denn die rothen. Rubus Idæus oder Himbeer sind auch häuffig da / wie auch besser hinan das Alisma [froschlöffel] mit sehr grossen gelben Blumen/ noch ein sonderlich Sonchus [gänsedistel] mit gelben Blumen / ein hoher Ranunlus mit weissen Blumen/ Ranunculus nemorosus [ranunculus nemorosus / wald-hahnenfuss] foliis pictis, item radice Asphodeli. gleich dem Illyrico, Rapunculus mit weissen und blawen Blumen / Noch ein sonderlich Rapunculus nemorosus mit schönen weissen Blumen / und ziemlich grossen Wurtzeln. Oben auff dem Berg ist die Pulsatilla [pulsatilla alpina subsp. alba syn. anemone alpina l. / brockenanemone oder kleine alpen-kuhschelle] in grosser menge / were zu wünschen / daß man zu der Zeit hinauff kommen köndte / da sie blühet / weil sie vielleicht unterschiedlicher Farben Blumen trägt / ist aber wegen vieles Schnees nicht fast müglich / Mit schönen Violbraunen und gelben Blumen ist sie daselbst außgehaben / so wächset auch droben ein feines Kräutlein / wie das Coris Monspeliaca anzusehen / so wol ein Leontopodion [leontopodium / edelweiss] , etzliche Species Gnaphalij [gnaphalium / ruhrkräuter] , worunter eines mit sehr schönen grossen weissen Blumen / Stœchas Citrina mit schönen grossen Blättern und goldgelben Blumen / Erica baccifera [empetrum nigrum l. / schwarze krähenbeere], item Erica maxima purpurascens foliis longioribus, von dem Moos sind auch unterschiedliche Arten auff diesem Berge zu finden / als Muscus terrestris clavatus, Muscus clavatus foliis Cupressi [lycopodium clavatum l. / keulen-bärlapp], Muscus terrestris ramosus floridus, Muscus Coralloides sive cornutus montanus, Muscus coralloides saxatilis, Cervi cornua referens, Muscus terrestris coralloides erectis cornibus ruffescentibus, &c. Und sind diß gewiß die allerwenigsten Gewächse selbiges Orts / Dann wie viel sind deren wol / die mir nicht in die Augen kommen / dieweil ich nur ein paar mahl diesen Ort besuchet? Wie viel sind auch derselbigen Kräuter / darzu man / wegen Unbequemligkeit desselben Orts / nicht kommen kan? Wie viel sind der gemeinen Kräuter/ die ich zwar da angetroffen / aber / weil ich nicht gewust / ob sie mit jhrer Blume von andern unterschieden / nicht melden wollen.

johann royer, ‚beschreibung des gantzen fürstlichen braunschweigischen gartens zu hessem / mit seinen künstlichen abtheilungen / quartieren / gehecken/ gebäwden / lauberhütten / wasser-künsten / brunnen/ und außgehawenen bildern. auch ordentliche richtige specification aller derer simplicium und gewächse / so von anno 1607 biß in das 1647 jahr darinnen mit grosser lust und verwunderung gezeuget worden‘, ‚das II. capitul. von denen kräutern / blumen und gewächsen / so die benachbarte wälder / berge / gründe / brüche / und der gaterschlebische see-berg uns von sich selber geben – VII. der blockesberg‘, halberstadt, 1648.

royer_beschreibung_brocken_500   und der brocken liegt in niedersachen… kupferstich aus johann royer, ‚beschreibung des gantzen fürstlichen braunschweigischen gartens zu hessem‘.

ps. eine anmerkung für brocken-touristen: pflanzen für den eigenen „lustgarten“ ausgraben ist heute verboten!

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juniperus communis / wacholder(schnaps, jenever, gin &c.)

[…]
Und weiter, weiter, Fuchs und Hund.
Der schwankende Wachholder flüstert,
Die Binse rauscht, die Haide knistert,
[…]

annette von droste-hülshoff, ‚haidebilder: die jagd‘ in ‚gedichte‘, stuttgart/tübingen, 1844.

regionale besonderheiten werden in der kindheit, teils unbewusst, abgespeichert und können die pflanzenauswahl für den garten & beim äten un drinken beeinflussen. das münsterland besitzt einige heideflächen und dort ist juniperus / wacholder zu finden: die klatenberge bei telgte oder, auf der anderen seite der ems, die wacholderbestände auf dem waldfriedhof lauheide, die westruper heide bei haltern am see, etc.

es muss nicht immer die lüneburger heide, 50iger heimatfilm-kitsch & hermann löns sein. eine andere beeindruckende wacholderlandschaft befindet sich in der eifel: der kalvarienberg bei alendorf, auf grund der germanischen italiensehnsucht als ‚eifel-toskana‘ bezeichnet. der kalvarienberg ist am besten über den eifelstieg zu erreichen. sollte es während der wanderung zu problemen mit füssen und gelenken kommen sei wacholdersalbe empfohlen…

doch zurück ins münsterland: clemens maria franz von bönninghausen ein cousin der dichterin annette von droste-hülshoff, homöopath und direktor des botanischen gartens in münster veröffentlichte die erste flora des münsterlandes:

JUNIPERUS. L. […]
J. communis. L. […]
In syvaticis ubique. – (Wachholder.) – Frutex, praecipe in apricis sabulosis mire ludens colore flavescente, purpurascente, atroviridi et glaucescente, atque ramorum varia directione, de qua indole polymorpha ccl. Linnæus ipse jamjam mentionem fecit in Flora sua Lapponica.
Obs. J. Sabinam L., quamvis in hortis rusticorum nimis frequens obvia sit, inter inquilinas non enumerandam putamus.

clemens maria franz von bönninghausen, ‚prodromus floræ monsteriensis westphalorum phanerogamia‘, münster, 1824

einige jahrzehnte später erschien die ‚flora von westfalen‘ des evang. theologen, mykologen und botanikers conrad beckhaus mit einer ausführlicheren beschreibung:

Juniperus (lat.), Wachholder (wach = lebendig, immer wieder ausschlagend), Machandelbaum, Ouakelstrauch.
J. communis, L.: Rinde der jungen Triebe grün, später rotbraun; B. hart, steif, fast stechend, sparrig zu 3., lineal-pfriemlich, zugespitzt, obers.flachrinnig, unterseits stumpf gestielt, meist 12 – 20 mm lang; Kätzchen klein. In den Bachseln; Trugbeere gespitzt-kugelig od. eif-kugelik, von der Grösse kleiner Erbsen, im 1. Jahr grün, im 2. schwarzblau, grau bereift, mit braunem, harzig-süsslichem Fleisch. 0,3 – 2 m u. höher, aber im Gebüsch, wo er baumartig wird, selten lange geschont: der männl. Baum schlanker, mit oft hangenden, kurzen Zweigen, der weibl. mit sparrig-bogigen Ästen, mehr ausgebreitet. 4 – 5, Fr. im Nov. des 2. Jahres. – Truppenweis, auch einzeln, in den Heiden der Ebenen, auf dürren Bergen, meist gemein, am schönsten auf Kalkbergen (um Astenberg nur spärlich bei Langewiese, auch im Ruhrgebiet schon ziemlich selten).
Var. subnána: Niedrig, mit sehr dichten Gezweig; B. sehr dicht, kürzer und breiter, schief aufrecht, stets kürzer als 10 mm (meist 5 – 6 mm) lang, lanz.-pfrieml., nur so lang wie d. Fr. dick. – Scheint von var. brevifolia, Sanio, nur durch die nicht abstehenden B., von nana, Willd., nur durch den aufrechten St. und die nicht eingekrümmten B. verschieden zu sein. – An den mit Wachholderbüschen bedeckten Südabhange des Weinberges bei Höxter vielfach, durch zahlreiche Übergänge mit der typischen Form verbunden.
Beeren (off. baccae Juniperi) zum Räuchern, auch bei rheumatischen Leiden, wirken innerlich stark auf Urin u. Ausdünstung, magenstärkend, zu Wachholder-Branntwein (Genévre), auch als Gewürz. – Holz sehr dauerhaft, oft schön maserig, zu Drechlerarbeiten. – Oleum Juniperi, Spiritus Jun., Succus Jubiperi inspissatus.
(J. Sabina, L., Sabina officinalis, Garcke, Sadebaum: Triebe sehr dünn; B. kl., herablaufend, gegenständig-4reihig, dichtdachziegelig; Fr. an gekrümmten Stiel hangend. 1 – 3 m hoch. – Oft auf Kirchhöfen angepfl. Im Königreich Preussen darf eigentlich in Gemässheit des Medicinal-Polizeigesetzes der Strauch nicht im Freien geduldet werden. Der Sadebaum wird zu den scharfen Giftgewächsen gezählt. Eine Abkochung der beblätterten Zweige wirkt mehr oder weniger stark auf die Absonderung der vegetativen Organe und kann zum tötlichen Gift werden. Off. Summitates Sabinae.)

konrad beckhaus, ‚flora von westfalen – die in der provinz westfalen wild wachsenden gefäss-pflanzen.‘ nach des verfassers tode hrsg. von l.a.w. haase, münster, 1893.

äten un drinken hölt lief un seele bineene: neben wacholderschinken ist sicherlich der wacholderschnaps das wichtigste wacholder-produkt an das man denkt. das älteste gedruckte rezept findet sich in dem buch ‚een constelijck distileerboec om alderhande wateren der cruyden, bloemen, ende wortelen te leeren distileren‘ von philippus hermanni, 1552 in antwerpen erschienen. von flandern und über die niederlander ist es nicht weit bis nach westfalen und ins münsterland. die engländer, die ihren gin so schätzen, haben das getränk ebenfalls den niederländern zu verdanken: 1668 wurde aus dem stadhouder willem III van oranje king william III of england. willem zog aus seinen barockgarten in het loo nach hampton court, liess sich einen privy garden anlegen & aus jenever wurde gin.

gin_lane_westf_sonne_500   da will man sich belohnen & dann ist der lieblings-wacholder alle… & william hogarth ‚gin lane‘, 1751: katalog der ausstellung in der tate gallery, london, 2007.