salix im allgemeinen & „der Nutzen von denen Weiden bestehet vornehmlich darinnen daß man die von der größern Art alle 3. Jahr köppen“ d.h. kopfweiden machen kann / ‘sylvicultura oeconomica’ von hans carl von carlowitz

§.1. […] Was nun Anfangs die Weide anlangt / so sind vielerley Arten derselben / als Bind=Weiden / Glaß=Weiden / Busch=Weiden / Rosen=Weiden / welche Blätter tragen / denen Rosen gleich / Bruch=Weiden / Pappel=Weiden / Haar=Weiden / Rein=Weiden / ja es werden deren bis an die 20. gezehlet. Etliche wachsen auch auf den höchsten Gebürgen / und an dürren Orten / daher sie auch ihre Eigenschafft von der Güte des Bodens erhalten. Ferner gibt es gläntzend weise / rothe und gelbe / welche unter andern die besten und zehen Ruthen oder Weiden treiben / so zum Anbinden den Gärtnern und Landmanne sehr nützlich sind / und lassen sich drehen und wenden wie Leder und Bast / treiben dergestalt ins Holtz / daß starcke Stangen zu allerley Gebrauch davon gehauen / und geköppet werden können.
Am Laube sind sie am meisten zu unterscheiden: theils haben stärcker Laub als die andern / sonderlich sind diejenigen / welche das lange wie die Pfirschen=Bäume tragen / die besten / die aber ein etwas rundliches führen / sogar rauch / sind keine sonderliche gute Art. Insgemein kan man solche zwey Arten Theilen / als nehmlich in die / welche zu einem rechten Stamm gedeihen und lateinisch perticales genennet werden / weil sie Stangen und Pfähle geben; und die so nur in Busche zu langen Ruthen answachsen / Viminales genennt / so theils auf der Erden herkrichen / und sich ausbreiten. […]
§.2. Insgemein ist die Weide ein sehr nutzbar Holtz / und wo ein Hauß=Vater einige Mügligkeit siehet / soll er nicht unterlassen / solche zu pflanzen / zumahl an denen Orten / da es nicht viel Holtz giebt / denn es dienet zu vielerley / und ist fast nicht zu entbehren / wächset auch sehr schnell daher.
Nulla, schreibet Plinius lib. 16. c. 31. aquaticarum utilior, nec in novissimis curanda Arbor. Nullius quippe tutior est reditus, minoris impendii, aut tempestatum securior. Itaque Cato in æstimatione ruris, post vineam si vino multo siet, & hortum riguum, tertio loco salictum posuit: salicesque prætulit oliveto, prato, campo frumentario, sylvæ caducæ, arbustis & glandariæ sylvæ. D.i. Unter allen Bäumen die an Wasser wachsen / ist keiner Nützlicher / auch auf keinen mehr sich zu befleißigen / als auf die Weide. Denn bey keinen hat man so sicher Nutzen / so wenig Unkosten und so wenig Wetterschaden als bey diesen. Dahero sagte Cato, daß ein recht Land=Gut haben sollte (1.) gute Weinberge (2.) einen Wasserreichen Garten (3.) gut Geweidicht. Ja er zog das letztere einem Oel=Garten / Wiesenwachs / Feld=Bau / Schlag=Holtz / Baum=Garten und der Eichel=Mast vor. Es wachsen die Weyden gerne an feuchten Orten und in Plänen / sonderlich auf denen Hutweiden. […]
§.4. der Nutzen von denen Weiden bestehet vornehmlich darinnen daß man die von der größern Art alle 3. Jahr köppen / und behauen / auch aus den abgehauenen Aesten / Stangen Pfähle und dergleichen machen kan / daß also eine Weide continuirlich zu nutzen / und der Haupt=Stamm doch in seinem esse bleibet / so bey dem andern Holze nicht dergleichen Art haben will. Dieses köpffen nun soll wie gedacht alle 3. Jahr geschehen / denn wenn man solches bey gewächsigen länger lässet anstehen / so werden die Aeste allzu stark / daß sie der Wind fasset / die Aeste abreisset / den Stamm dadurch splittert oder gar umwirfft. Man soll sie aber nicht gantz glatt am Stamm abköppen / sondern Sturtzeln von 2. 3. bis 4. Zoll stehen lassen / an welchen sie dann wieder ausschlagen: und also neue Sprößling bekommen können / welches besser ist / als wenn sie aus dem kahlen Weiden=Kopff und harter Rinde wieder ausschlagen und neue Sprößlein treiben sollen. Es kan auch ihnen solcher Gestalt durch die Kälte / Nässe und Hitze nicht so leicht Schade zugefüget werden / und selbe in den Stamm dringen. Die rechte Zeit aber das Köpffen zu verrichten ist unterschiedlich. Denn wenn das Weiden=Holtz gehauen wird / ehe der Saft darein tritt / so springt es nicht auf, Ingleichen wenn die Weiden im Frühling und neuen Monde geköppet werden / so schlagen die desto zeitlicher und besser wieder aus / das Holtz dauret auch länger / hingegen ists besser / daß man die so man zum Zäunen brauchen will / gegen dem Herbst / wenn das Laub fallen will / abhaue / so schwelcken sie dem Winter über desto besser / werden zach und zähe / weil der Safft zurück getreten ist / im Frühling aber / sind sie schon wieder voll Saffts / werden dahero nicht leicht wandelbar / faul / wurmstichich / und dauern nicht lange.

hans carl von carlowitz, ’sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche nachricht und naturmäßige anweisung zur wilden baum-zucht, […]‘, leipzig, 1713. (carlowitz zitiert aus der ’naturalis historia‘ von plinius dem älteren & ‚de agri cultura‘ von cato dem älteren.)