eine kindheitserinnerung, botanische chinoiserie & eine zwiebel

Ich denke an das blaue Zwiebelmuster. Wie oft hatte ich es im Lauf der Fehden, die an dem Tische ausgetragen wurden, der jetzt so schimmernd vor mir lag, um Beistand angefleht. Unzählige Male war ich seinen Zweigen und Fädchen, Blüten und Voluten nachgegangen, hingebender als je dem schönsten Bild. Nie hatte man um Freundschaft rückhaltloser sich beworben als ich um die des blauen Zwiebelmusters. Ich hätte es so gerne zum Verbündeten in dem ungleichen Kampf gehabt, der mir das Mittagessen oft verbitterte. Doch das gelang mir nie. Denn dieses Muster war käuflich wie ein General aus China, welches denn auch an seiner Wiege gestanden hatte. Die Ehrungen, mit denen es von meiner Mutter überhäuft ward, die Paraden, zu denen sie die Mannschaft einberief, die Totenklagen, die aus der Küche jedem Glied der Truppe, das gefallen war, nachhallten, machten meine Werbung aussichtslos. Denn kalt und kriechend hielt das Zwiebelmuster meinen Blicken stand und hätte nicht das kleinste seiner Blättchen detachiert, um mich zu decken.

walter benjamin, ‚berliner kindheit um neunzehnhundert‘, enstanden 1932–1934/1938, frankfurt/m., 1987.

eine kindheitserinnerung die es immer seltener geben wird. heute bekommen kinder ihr essen meist auf weniger raffiniert gestaltetem, weder die fantasie, den ästhetischen sinn noch den appetit besonders anregendem geschirr serviert. gibt eine korrelation zwischen der ästhetik des geschirrs und der darauf servierten nahrungsmittel?

neben der ‚ostfriesischen rose‘ für die teatime im nord-deutschland (wallendorfer porzellanmanufaktur) oder den blaublüten (arzberg) von max richter auf porzellan-formen von hermann gretsch (nsdap-mitglied und ab 1937 leiter des gleichgeschalteten deutschen werkbunds), der ‚flora danica‘ – der grössten botanischen sammlung auf porzellan → flora danica – und der ‚blå blomst‘ aus dänemark (den kongelige porcelænsfabrik bzw. bing & grøndahl, seit 1987 zusammen royal copenhagen) ist das zwiebelmuster das bekannteste und, in varianten, verbreiteste blumige muster auf porzellan.

der alchemist johann friedrich böttger und – gerne vergessen – der naturforscher ehrenfried walther von tschirnhaus begannen 1707 für den sächischen kurfürsten friedrich august I. & könig von polen a.k.a. august der starke auf der albrechtsburg in meißen nach der methode zur herstellung von porzellan zu forschen (es sollte eigentlich gold werden…)

als eines der ersten muster entstand ab 1730 das sogenannte zwiebelmuster für die ‚königlich-polnische und kurfürstlich-sächsische porzellan-manufaktur‘. vorbild war, dem zeitgeschmack entsprechend, chinesisches dekor. porzellanmaler wanderten aus meißen ab und das muster verbreitete sich in anderen manufakturen…

zwiebelmuster_500

das spiegelmotiv der teller zeigt chrysanthemum / chrysanthemen und bambuseae / bambus sowie eine ranke. an der ranke blühen nicht genauer definierte prunus-blüten: mandel-, pflaumen-, pfirsich- oder aprikosenblüten. dazu das blatt einer paeonia / pfingstrose. die bordüre, oder kehlenmotiv, besteht aus einer ranke und blüten: nelumbo / lotus. das fahnenmotiv, der tellerrand, zeigt in der klassischen kombination drei früchte: punica granatum / granatapfel, malum persicum /pfirsiche und melonen sowie die abstrahierte blüte einer paeonia / pfingstrose.

viel chinesische botanik, jedoch keine einzige allium cepa / zwiebel. das chinesische vorbild für das ur-zweibelmuster aus meißen zeigte ‚drei gesegneten früchte‘: granatapfel, pfirsich und zitrone. die “zwiebel” entstand bei der ausgestaltung des musters aus der ‚kreuzung‘ von zitrone und granatapfel.

nach der china-mode im 18. jh.verschwand das muster von den tafeln des adels. um 1860 wurde es zum statussymbol des bürgertums und der name ‚zwiebelmuster‘ bürgert sich ein…

Werbeanzeigen

log|gia, die: nicht oder kaum vorspringender, nach der außenseite hin offener, überdachter raum im (ober)geschoss eines hauses → bal|ko|ni|en, das: der eigene balkon (als fiktives urlaubsland)

Loggien

sonntag_loggien_1 *  typische berliner gründerzeitbauten mit loggien

Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt, ohne es zu wecken, verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit. Nichts kräftigte die meine inniger als der Blick in Höfe, von deren dunklen Loggien eine, die im Sommer von Markisen beschattet wurde, für mich die Wiege war, in die die Stadt den neuen Bürger legte. Die Karyatiden, die die Loggia des nächsten Stockwerks trugen, mochten ihren Platz für einen Augenblick verlassen, um an dieser Wiege ein Lied zu singen, das zwar fast nichts von dem enthielt, was später auf mich wartete, dafür jedoch den Spruch, durch den die Luft der Höfe mir auf immer berauschend blieb. Ich glaube, daß ein Beisatz dieser Luft noch um die Weinberge von Capri war, in denen ich die Geliebte umschlungen hielt; und es ist eben diese Luft, in der die Bilder und Allegorien stehen, die über meinem Denken herrschen wie die Karyatiden auf der Loggienhöhe über die Höfe des Berliner Westens.

[…] Der Frühling hißte hier die ersten Triebe vor einer grauen Rückfront; und wenn später im Jahr ein staubiges Laubdach tausendmal am Tage die Hauswand streifte, nahm das Schlürfen der Zweige mich in eine Lehre, der ich noch nicht gewachsen war. Denn alles wurde mir im Hof zum Wink. Wieviele Botschaften saßen nicht im Geplänkel grüner Rouleaux, die hochgezogen wurden, und wieviele Hiobsposten ließ ich klug im Poltern der Rolläden uneröffnet, die in der Dämmerung niederdonnerten.

Am tiefsten aber konnte mich die Stelle betreffen, wo der Baum im Hofe stand. Sie war im Pflaster ausgespart, in das ein breiter Eisenring versenkt war. Stäbe durchzogen ihn derart, daß er ein Gitter vorm nackten Erdreich bildete. Es schien mir nicht umsonst so eingefaßt; manchmal sann ich dem nach, was in der schwarzen Kute, aus der der Stamm kam, vorging. Später dehnte ich diese Forschung auf die Droschkenhaltestellen aus. Die Bäume dort wurzelten ähnlich, doch sie waren noch dazu umzäunt, und Kutscher hingen an die Umzäunung ihre Pelerinen, während sie für den Gaul das Pumpenbecken, welches ins Trottoir gesenkt war, mit dem Strahl füllten, der Heu- und Haferreste wegtrieb. Mir waren diese Warteplätze, deren Ruhe nur selten durch den Zuwachs oder Abgang von Wagen unterbrochen wurde, entlegenere Provinzen meines Hofes.

Viel war an seinen Loggien abzulesen: der Versuch, der abendlichen Muße nachzuhängen; die Hoffnung, das Familienleben ins Grüne vorzuschieben; das Bestreben, den Sonntag ohne Rückstand auszuschöpfen. Aber am Ende war das alles eitel. Nichts lehrte der Zustand dieser eines überm anderen befindlichen Gevierte, als wieviel beschwerliche Geschäfte jeder Tag dem folgenden vererbte. Wäscheleinen liefen von einer Wand zur anderen; die Palme sah um so obdachloser aus, als längst nicht mehr der dunkle Erdteil, sondern der benachbarte Salon als ihre Heimat empfunden wurde. So wollte es das Gesetz des Ortes, um den einst die Träume der Bewohner gespielt hatten. Doch ehe er der Vergessenheit verfiel, hatte bisweilen die Kunst ihn zu verklären unternommen. Bald stahl sich eine Ampel, bald eine Bronze, bald eine Chinavase in sein Bereich. Und wenn auch diese Altertümer selten dem Orte Ehre machten, so gewann auf diesen Loggien der Zeitverlauf selbst etwas Altertümliches. Das pompejanische Rot, das sich so oft in breitem Bande an der Wand entlangzog, war der gegebene Hintergrund der Stunden, welche in dieser Abgeschiedenheit sich stauten. Die Zeit veraltete in diesen schattenreichen Gelassen, die sich auf die Höfe öffneten. Und eben darum war der Vormittag, wenn ich auf unserer Loggia auf ihn stieß, so lange schon Vormittag, daß er mehr er selbst schien als auf jedem anderen Fleck. So auch die ferneren Tageszeiten. Nie konnte ich sie hier erwarten, immer erwarteten sie mich bereits. Sie waren schon lange da, ja gleichsam aus der Mode, wenn ich sie endlich dort aufstöberte.

pompeji_rot das pompejanische rot (ohne schwammtechnik)

sinfonie_s-bahn_1 ** sinfonie_s-bahn_bahndamm *

Später entdeckte ich vom Bahndamm aus die Höfe neu. Und wenn ich dann an schwülen Sommernachmittagen aus dem Abteil auf sie heruntersah, schien sich der Sommer in sie eingesperrt und von der Landschaft losgesagt zu haben. Und die Geranien, die mit roten Blüten aus ihren Kästen sahen, paßten weniger zu ihm als die roten Matratzen, die am Vormittag zum Lüften über den Brüstungen gehangen hatten. Abende, die auf solche Tage folgten, sahen uns — mich und meine Kameraden — manchmal am Tisch der Loggia versammelt. Eiserne Gartenmöbel, die geflochten oder von Schilf umwunden schienen, waren die Sitzgelegenheit. Und auf die Reclamhefte schien aus einem rot- und grüngeflammten Kelch, in dem der Strumpf summte, das Gaslicht nieder: Lesekränzchen. Romeos letzter Seufzer strich durch unsern Hof auf seiner Suche nach dem Echo, das ihm die Gruft der Julia in Bereitschaft hielt. Seitdem ich Kind war, haben sich die Loggien weniger verändert als die anderen Räume. Doch nicht nur darum sind sie mir noch nah. Es ist vielmehr des Trostes wegen, der in ihrer Unbewohnbarkeit für den liegt, der selber nicht mehr recht zum Wohnen kommt. An ihnen hat die Behausung des Berliners ihre Grenze. Berlin — der Stadtgott selber — beginnt in ihnen. Er bleibt sich dort so gegenwärtig, daß nichts Flüchtiges sich neben ihm behauptet. In seinem Schutze finden Ort und Zeit zu sich und zueinander. Beide lagern sich hier zu seinen Füßen. Das Kind jedoch, das einmal mit im Bunde gewesen war, hält sich, von dieser Gruppe eingefaßt, auf seiner Loggia wie in einem längst ihm zugedachten Mausoleum auf.

walter benjamin, ‚berliner kindheit um neunzehnhundert‚, enstanden 1932–1934/1938, frankfurt/m., 1987.

*     still aus ‚menschen am sonntag‚, regie: robert siodmak und edgar g. ulmer, drehbuch: billy wilder, 1930

**   still aus ‚berlin – die sinfonie der großstadt‚ von walter ruttmann, 1927