pflanzen & architektur: acanthus

eine weitere überlegung zum → virtuellen lapidarium. es müssen nicht immer statuen im garten sein…

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terrakottarelief für das linke tor der bauakademie, 1836, in berlin. nach einem entwurf von karl friedrich schinkel ausgeführt von friedrich tieck. paul ortwin rave, ‚genius der baukunst – eine klassisch-romantische bilderfolge an der berliner bauakademie‘, berlin, o.j. (1942).

eius autem capituli prima inventio sic memoratur esse facta. virgo civis Corintia iam matura nuptiis inplicata morbo decessit. post sepulturam eius, quibus ea virgo viva pauculis delectabatur, nutrix collecta et composita in calato pertulit ad monumentum et in summo conlocavit et, uti ea permanerent diutius subdiu, tegula texit. is calathus fortuito supra acanthi radicem fuerat conlocatus. interim pondere pressa radix acanthi media folia et cauliculos circum vernum pempus profudit, cuius cauliculi secundum calathi latera crescentes et ab angulis tegulae ponderis necessitate expressi flexuras in extremas partes volutarum facere sunt coacti. tunc Callimachus, qui propter elegantiam et subtilitatem artis marmoreae ab Atheniensibus catatexitechnos fuerat nominatus, praeteriens hoc monumentum animadvertit eum calathum et circa foliorum nascentem teneritatem, delectatusque genere et formae novitate ad id exemplar columnas apud Corinthios fecit symmetriasque constituit, et ex eo in operum perfectionibus Corinthii generis distribuit rationes.

vitruv, ‚de architectura libri decem‘ (4, 1, 9-10), ca. 33 – 22 v. chr.

Die erste Erfindung eines solchen Capitäls aber wurde – wie erzählt wird – auf folgende Weise gemacht. Eine Bürgerstochter aus Korinth, bereits heiratsfähig, wurde krank und starb; nach ihrem Leichenbegängniß sammelte die Amme die Spielsachen, an denen sich das Mädchen bei Lebzeiten ergötzt hatte, legte sie zusammen in einen Korb, trug diesen zu dem Grabmal, stellte ihn oben darauf und deckte ihn, damit sich die Sachen länger, als unter freiem Himmel, erhielten, mit einer Dachplatte zu. Jener Korb war nun zufällig über eine Akanthoswurzel (Bärenklau) gesetzt worden; da trieb die vom Gewicht gedrückte in der Mitte befindliche Akanthoswurzel um die Frühlingszeit Blätter und Stengel, und ihre Stengel, an den Seiten des Korbes emporgewachsend und von den Ecken der Dachplatte durch den Druck der Last hinausgedrückt, wurden gezwungen, nach außen hin Schneckenwindungen zu bilden. Da bemerkte Kallimachos, der wegen der Gewähltheit und Feinheit seiner Arbeit in Mamor von den Athenern Katatechnos (der Kunstvolle) genannt worden war, im Vorübergehen an diesem Grabmale jenen Korb und ringsum die hervorsprossenden zarten Blätter, und entzückt über die Art und Neuheit der Form, machte er nach diesem Vorbilde bei den Korinthiern Säulen, stellte die zusammenstimmenden Maßverhältnisse derselben fest, und von da ausgehend, entzifferte er die Gesetze für die Errichtung von Bauwerken korinthischer Ordnung.

‚des vitruvius zehn bücher über architektur. übersetzt […] von dr. franz reber‘, stuttgart, 1865.

ein kapitell als architektonisches fragment. in richtiger höhe als gartentisch nutzbar oder um töpfe und kübel abzustellen…

die erstbeschreibung des acanthus stammt von carl von linné (species plantarum. bd. 2, stockholm, 1753). ein versuch im garten wäre der bärenklau aus der familie der acanthaceae, nicht zu verwechseln mit dem giftigen heracleum / bärenklau aus der familie der apiaceae, wert … es handelt sich wahrscheinlich um acanthus mollis, den wahren bärenklau.

[…]; j’aime mieux qu’il me monter une plante d’acanthe, et qu’il trace moins bien le feuillage d’un chapiteau.

jean jacques rousseau ‚émile ou de l’éducation‘, amsterdam, 1762

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ill. (detail) aus claude perrault, ‚les dix livres d’architecture de vitruve. corrigez et traduitz nouvellement en françois, avec des notes & des figures‘, paris, 1673.

acanthus mollis bis zephyranthes atamaco / der gottorfer codex in schleswig

der gottorfer codex, ein vierbändiges florilegium, entstand im auftrag von friedrich III., herzog von schleswig-holstein-gottorf. friedrich liess ab 1637 durch den holländischen botaniker und hofgärtner johannes clodius den neuwerkgarten anlegen. dieser garten stellte die botanische erweiterung der herzoglichen wunderkammer dar. der neuwerkgarten wurde unter friedrichs sohn und nachfolger christian albrecht erweitert: der erste barocke terrassengarten nördlich der alpen. die reste des gartens wurden, nachdem die herzogtümer schleswig und holstein unter preussischer hoheit standen, eingeebnet. das areal diente als exerzier- und reitplatz. ca. zwanzig pflanzenarten aus der zeit des codex haben sich um das areal des heute rekonstruierten gartens erhalten. diese stinzenpflanzen sowie der codex bilden die grundlage für die rekonstruktion des gartens. nach der niederlage der gottorfer im nordischen krieg gelangte der codex 1749 in die königliche bibliothek nach kopenhagen. der codex befindet sich heute in der ‚kongelige kobberstiksamling‘ des statens museum for kunst. seit 2009 wurden die bände restauriert. nach der austellung ‚blomster og verdenssyn‘ → ‘blomster og verdenssyn’ / der gottorfer codex in kopenhagen im letzten jahr ist der codex jetzt für eine ausstellung zurück auf schloss gottorf in schleswig.

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auf dem weg zur ausstellung: tulipa gesneriana. plakatmotiv aus dem ersten band des codex.

im zeitraum von zehn jahren, 1649-59, malte der hamburger hans simon holtzbecker – der u.a. das moller-florilegium (staats- und universitätsbibliothek, hamburg), das caspar-anckelmann florilegium (staatliche museen zu berlin, kupferstichkabinett) und das sogenannte grüne florilegium (statens museum for kunst. in der ausstellung) geschaffen hat – das verzeichniss der pflanzen dieses frühen barockgartens. teilweise arbeitete holtzbecker vor ort in schleswig. einige pflanzen wurden zu ihm nach hamburg gebracht – auf einigen darstellungen sind kübel zu sehen. in schleswig sammelte adam olearius, der gottorfer hofbibliothekar, die einzelnen blätter. diese loseblattsammlung wurden später das format 50,5 x 38,5 cm beschnitten und in vier lederbände gebunden. bd. I enthält die frühjahrsblüher und rhizome. bd. II die bäume, früchte, gemüse, rosen, etc. in bd. II und IV wurden div. garten- und wildpflanzen zusammengefasst. die blätter von holtzbecker sind nicht beschriftet. 1849 hat joakim frederick schouw, direktor des botanisk have in kopenhagen, eine liste nach dem damals gültigen linnéschen-system erstellt: 365 pflanzenarten, von acanthus mollis l. / wahrer bärenklau bis zephyranthes atamaco l. herb. (amaryllis atamasco l.).

die ausstellung – bis 26/10/2014 – in der reithalle des schlosses ist eine wunderbare gelegenheit, der sommerlichen treibhaus-hitze zu entkommen und gut klimatisiert die barocke botanik zu studieren. (es dürfte momentan auch nicht so voll sein wie am strand!). kommt man in der ausstellungsraum geht man auf die gerahmten einzelblättern der bände I & II zu. alle auf der gesamten längswand präsentiert. eine beeindruckende ansicht, die leider nur die nähere betrachtung der zweiten reihe von unten zulässt. ansonsten: bücken oder nackenstarre (incl. reflektion der lampen). eine weitere entscheidung der kuratoren – oder waren es exhibition designer? – ist ärgerlich: die ausstellungsgestaltung ist ein beispiel für den versuch, mit der ästhetisierung der präsentation den bildungsauftrag (ja, so etwas gibt es…) verschwinden zu lassen: die schilder zu den exponaten kleben über der lüftung am boden und sind am besten auf allen vieren zu lesen. abgesehen von diesen ärgernissen in der präsentation, sollte man sich den gottorfer codex nicht entgehen lassen! ergänzt werden die blätter aus den codex um blumenstilleben aus der sammlung des statens museum, die den codex historisch einordnen. der kontrast ist gross: die blätter des codex sind botanische illustrationen (deren genauigkeit heutige blumenfotos bzw. das allgemeine blümchengeknipse sehr alt aussehen lässt), auf den gemälden entfaltet sich die barocke pracht. besonders die stilleben des hamburger blumenmalers franz werner tamm, zwei lavierte kohlezeichnung des niederländers jan van os und das ‚waldstilleben mit distel und schlange‘ von otto marseus van schrieck wären allein schon grund genug, die ausstellung zu besuchen…