„Die beste Zeit, diese Bäume zu köpfen oder zu beschneideln, …“ / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

Behauen.

Das Behauen, Schneideln, oder das sogenannte Köpfen der Bäume. Man pflegt, wie bekannt ist, in den Gegenden, wo das Holz mangelt, viele Weiden, Pappeln, Elern, Ipern und dergleichen Bäume zu pflanzen, um denselben alle drey oder vier Jahre zu dem nöthigen Zaun – und Brennholze ihre Gipfel zu benehmen. Und in der That verdienen auch diese Plantagen die größte Aufmerksamkeit bey der Landdwirthschaft, besonders bey denjenigen Einwohnern, welche noch dazu Mangel an Torf haben. Um aber der Faulheit und dem Vorurtheil ihrer Vorfahren lediglich zu folgen, so pflanzen unsere Einwohner gar nicht, ob sie gleich Platz und Gelegenheit im Ueberfluß zu dergleichen Plantagen haben. Sie schwächen und ruiniren lieber durch ihre Nachläßigkeit die Wälder, in welchen sie gemeiniglich der Hagebuche, der Eiche und der Esche, um den nöthigen Busch zum Zäunen und zum Brennen zu haben, den Kopf wegnehmen und abhauen. Sie betrachten im geringsten nicht, daß das Behauen der Gipfel dieser Bäume das Leben derselben in Gefahr setze, oder wenigstens sie so verletze, daß viele Bäume an ihren Stämmen jährlich mehr ab – als zunehmen. Denn der Anwachs des neuen Gipfels kann das Wachsthum des ganzen Baums ans der natürlichen Ursache nicht ersetzen, weil alle dergleichen Bäume nicht leiden, daß man ihnen ihre Zweige nehme, indem sie die mehresten derselben zur Heranlockung ihrer Nahrungssafte nöthig haben. Werden ihnen diese benommen, so werden die Bäume darüber so geschwächt, daß sie krumm, knorricht, voller Moos, und sehr kümmerlich werden, daß sie zuletzt darüber hinsterben müssen. Dies ist auch die Ursach, warum viele Theile unsrer Wälder ganz verstümmelt da stehen. Allein die mehresten Landleute haben weder Erfahrung noch eine Kenntniß in der Naturlehre, indem sie gemeiniglich nach dem alten Gebrauch auf das Gerathewohl säen und pflanzen. Denn es wird was seltenes seyn, wenn man einen unter ihnen findet, der sich um das Wachsthum der Pflanzen bekümmert, weil den mehresten die nöthigen Einsichten hiezu wegen der Blödigkeit des Verstandes fehlen. Man muß ihnen also auch billig vieles zu gute halten, und die Schuld mehr den Oberaussehern des Forstwesens zuschreiben. […]

Die beste Zeit, diese Baume zu köpfen oder zu beschneideln, ist, sobald ihr Laub abfällt, indem sie alsdann keinen Saft mehr fliessen lassen. Denn durch den wenigen zu der Zeit sich bewegenden Saft wird die Wunde gemeiniglich noch vor einbrechender Kälte geheilt, daß im Frühling, wenn alles wieder in Bewegung tritt, der Saft einzig und allein zum Wachsthum der neuen Triebe verwendet wird. […]

Mit dem Köpfen oder Beschneideln an den dazu gepflanzten Bäumen muß der Anfang nicht eher, als im achten oder zehnten Jahr vorgenommen werden, nachdem sie nemlich in ihrem Wachsthum zugenommen haben. Sie werden dadurch viel länger bey Kräften erhalten, als wenn man ihnen ihre Gipfel zu früh wcgnimmt; auch macht solches, wenn es nachher jedesmal zur rechten Zeit vorgcnommcn wird, daß die neuen Zweige mehr in Einem Jahr ins Holz wachsen, als an den andern, welche zum erstenmal so früh behauen worden, in zwey oder drey Jahren zu geschehen pflegt. Hat man sie in den ersten Jahren vollkommne Kräfte und Stärke gewinnen lassen, so kann man ihnen nachgehends sicher alle drey oder vier Jahr ihre Gipfel ohne Schaden wegnehmen.

Es werden auch an alten Bäumen oft grosse Aeste übel abgenommen, und solches verursacht gemeiniglich, daß viele Bäume verderben. Daher muß man dergleichen Aeste, so viel als möglich, genau und glatt wegnehmen, und jederzeit beobachten, daß die Wunde nicht mit dem Horizont parallel komme, und daß man solche grosse gemachte Oefnungen sogleich mit Leimen, worunter Kuhmist gemischt ist, bedecke, damit die Nässe nicht in den Stamm des Baums dringe. Wenn man dieses, vornemlich an alten Bäumen, verabsäumt, und sich die Nässe hineinzieht, so werden sie selten mehr einen Gipfel treiben, und der Stamm des Baums wird gemeiniglich hohl. […]

Wenn diese Bäume ihr völliges Alter erreicht, und ihren Wachsthum vollendet haben, so kann man das Abnehmen derselben an verschiednen Merkmalen erkennen, als da sind: das Verdorren, das Krankwerden, und das Absterben vieler Hauptäste, wenn verschiedene Aeste zur ungewöhnlichen Zeit ihre Farbe verändern, wenn die Nässe anfängt in dergleichen Stämme so einzudringen, daß sie darüber hohl werden, wenn die Spechte dieselben zwingen, und Löcher in sie machen können, oder wenn ihre Zweige überhaupt alle sehr schwach treiben. Als dann ist es Zeit, daß man sie ausrotte und zu rechter Zeit nutze.

johann caspar bechstedt, ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘, bd.1 ‚vom ackerbau und von frucht-bäumen‘, flensburg/leipzig 1772

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Ein Gedanke zu “„Die beste Zeit, diese Bäume zu köpfen oder zu beschneideln, …“ / ‚vollständiges niedersächsisches land- und garten-buch‘ von johann caspar bechstedt

  1. Besten Dank für die vielen Informationen. Bin öfter hier und wollte einfach mal Dank sagen. Im nächsten Jahr wollte ich mal wieder im Garten durchstarten und neue Gartenwerkzeuge kaufen. Freude mich schon auf eure Tipps und Anregungen, die man dann umsetzen kann! 🙂 weiter so!

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