gartenbücher (landscape as art and urbanism & …)

It may seem strange to you that a landscape architect from the tropics should come to propose to you, who live in a country with northern traditions and northern climate, solutions which, […], he has been seeking for gardens in Brazil.

brasilien? caipirinha & samba, favelas & tropische vegetation am amazonas. klischees sitzen. eines der ersten bilder, die man im kopf hat, ist die copacabana mit blick auf den zuckerhut. das wellenmuster der pflasterung der calçadão de copacabana, der promenade, die sich entlang der avenida atlântica und des strandes zieht, hat man vielleicht ebenfalls abgespeichert. 1970 von dem brasilianischen landschaftsarchitekten, maler und umweltschützer roberto burle marx entworfen. inspiriert durch traditionelle portugiesische pflasterung, calçada portuguesa. botaniker stolpern über burle-marxii in der nomenklatur. in unseren breiten finden wir burle-marxii vielleicht auf der fensterbank oder in gewächshäusern, u.a. bei begonia oder philodendron.

roberto burle marx? unsere wahrnehmung von gärten ist eurozentrisch. etwas nordamerikanische prairie oder vielleicht mal was exotisch-asiatisches. barock und landschaftsgärten des 18 jahrhunderts. südamerika? moderne? nachkriegsmoderne? war da was? die vom jewish museum in new york 2016 organisierte ausstellung „roberto burle marx: brazilian modernist“, die unter dem titel „roberto burle marx – tropische moderne“ 2017 auch in berlin zu sehen war, wurde in gartenkreisen kaum und wenn, eher als exotische oder modernistische kuriosität wahrgenommen.

als sohn eines auswanderes aus trier und einer brasilianerin, wuchs roberto burle marx in rio de janeiro auf. er studierte malerei, die er nie aufgab, entwarf schmuck und textilien. geprägt wurde er durch das europäische umfeld seiner eltern. die gärten der oberschicht in brasilien orientierten sich an den formalen europäischen vorbildern mit importierten pflanzen. erste gärtnerische versuche im garten seiner mutter, unterstützt von seiner „zweiten mutter“ anna piascek. die familie bezog ein abo der von karl foerster und camillo schneider herausgegebenen zeitschrift gartenschönheit. 1928/29 besuchte er mit seinen eltern berlin. wagner, kubismus und etwas roaring twenties. in den gewächshäusern des botanischen gartens in dahlem entdeckte er die vegetation brasiliens. das prinzip der pflanzengeographischen anordnung war noch nicht so alt und vom direktor des botanischen gartens, adolf engler, zuerst in kiel angewendet worden.

So, inspired by the work of Adolf Engler, who constructed the different groups of flowers in the Berlin-Dahlem Botanical Garden, I made my first ecological grouping and laid down lines along which i have traveled ever since, in many different fields of work.

der autodidakt arbeitete später mit lúcio costa, der ihm den auftrag für den ersten garten verschaffte, und mit oscar niemeyer an projekten in der neuen hauptstadt brasília. hier befindet sich auch der einzige von ihm gestaltete „deutsche“ garten. der garten der von hans scharoun geplanten deutschen botschaft (gebäude und grundstück einer ausländischen botschaft sind exterritorial). ein garten in berlin existiert leider nur auf dem papier. kurz vor seinem tod 1994 war burle marx vor ort, um sich das grundstück anzusehen, die pläne für die neugestaltung des rosa-luxemburg-platzes wurden nie realisiert. sein eigener garten auf der farm sítío santo antonio da bica, die er 1949 zusammen mit seinen bruder siegfried kaufte, wird heute als sítio roberto burle marx vom instituto do patrimônio histórico e artístico nacional verwaltet.

modernnism at its best. gärten und landschaftsarchitektur. klare moderne formen und eine üppige flora, die zu den artenreichsten der erde zählt. botanik und urbanismus. im verlag lars müller publishers sind jetzt die vorträge von roberto burle marx erschienen: „landscape as art and urbanism“. herausgegeben von gareth doherty, assistant professor of landscape architecture an der harvard graduate school of design, mit fotos des architekturfotografen leonardo finotti.

was können tropische gärten für eine relevanz in nordeuropa haben? die pflanzen bestimmt nicht (obwohl, wenn das mit dem klimawandel so weiter geht …). die gärten der europäischen immigranten in brasilien waren „a perfect example of european homesickness“ und ein erbe des kolonialismus. unsere tropisch exotischen versuche heute sind eher eine sache des tourismus als der gartengestaltung. das werk von burle marx öffnet die augen für den umgang mit einheimischen, d.h. für die klimazone relevanten, pflanzen. burle marx nutzte jedoch häufig auch „exoten“, die sich bereits für das klima bewährt hatten. vor allem: hier ist sie, die vor- und nachkriegsmoderne in der geschichte der gartenkunst.

The gardens of our grandfathers, the grottos, the pagodas, the ruins, all designed to evoke a past remembered with nostalgia, are not the matter of today. The garden has left the hand of the gardener, who although he may have had great knowledge of plant material was not solving the problems of the modern city. All city planners view with consternation the growing megalopolis of our times, but we cannot be blind to reality. The function of the landscape architect today is to make known the part a garden has to play in the cities of our lives. He must struggle to retain what is valid, to out in evidence this great legacy which is nature. Resolving the problems of today, with knowledge, patience, and love, we will leave to those who come after us an inheritance which bears witness to the poetic meaning that we have been striving for our whole lives.

zu den aufgaben des landschaftsarchitekten gehört nicht nur der private garten – der hortus conclusus als rückzugsort – sondern das grossstadtgrün in der stadtlandschaft. mit einer herangehensweise, die jenseits der gerade bei den (landschafts)architekten beliebten „modernen“ tabula-rasa-utopien lag und liegt. gerade auf diesem gebiet hat burle marx heute (noch) sehr viel zu sagen.

A garden depends on the surrounding landscape, and it must be integrated to it and live in function with the people to whom it is destined. A garden has not only a decorative function; today it is above all, aimed for the collective, and integrated into questions of town planning. It is necessary to carry the natural landscape into the garden by means of local flora, to facilitate the social and pedagogical function of the garden, including helping people to discover the natural wealth in which they live.

burle marx began als maler. die von ihm gezeichneten pläne könnte man jederzeit als abstrakte kunstwerke, l‚art pour l’art, an die wand hängen. er gehörte zu den kenntnissreichsten botanikern der flora brasiliens. doch seine arbeitsweise ging darüber hinaus, und er betonte „the importance of paticipation of the sociologist and the economist“.

ein gartenbuch! ein buch für stadtplaner! wie immer bei lars müller excellent gemacht. so machen bücher spass. die sehr persönliche einführung von gareth doherty ist als einstieg zu burle marx zu empfehlen. als vor- und nachspann der vorträge, geben die fotos von leonardo finotti einen guten überblick über die landschaften von burle marx. überblick ist hier doppelt zu verstehen: viele luftaufnahmen, die besonders bei architektur- und gartenfotografen mittlerweile überhand nehmen (drohnenfetischismus) und meist in abstrakter schönheit erstarren. hier sind belebte grünfläche und plätze zu sehen. kein nachgeknipster plan ohne menschen und verkehr. bei der aufnahme des largo da carioca in rio z.b., 1981 von burle marx entworfen, „stören“ marktstände den „reinen“ blick auf das muster der plasterung. urbanes leben. und der leser entdeckt viele pflanzen in situ & im garten, die er sonst nur aus den gewächshäusern botanischer gärten kennt …

‚roberto burle marx lectures – landscape as art and urbanism‘, hrsg. von gareth doherty, fotos von leonardo finotti, 288 s., brosch, zürich: lars müller publishers 2018, isbn 978-3-03778-379-5

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