’stadtlandschaft – flurlandschaft‘ von ernst may & hermann mattern

Von besonderer Bedeutung ist die systematische Durchgrünung der Städte mittels eines zusammenhängenden Grünsystems, das darauf abzielt, sämtliche Parks, Sport- und Erholungsplätze sowie freien Grünräume innerhalb eines Stadtkörpers so miteinander zu verbinden, daß der Bewohner in möglichst ungebrochenem Zuge vom Stadtinneren in das zusammenhängende Grün der Umgebung gelangen kann. Je intensiver die Motorisierung des Verkehre zu fortschreitender Vergiftung des innerstädtischen Luftraumes führt, um so wichtiger ist das sauerstofferzeugende, kühle und schalldämpfende Grün im städtischen Raum. Hierbei ist es keineswegs erforderlich, bei solchen Grünräumen vorwiegend an kostspielige Parks zu denken, so wünschenswert und psychologisch wirksam auch einzelne Zentren landschaftsgestalterischer Konzentration sein mögen. Vielmehr kann ein Großteil der innerstädtischen Freiräume landwirtschaftlicher Nutzung vorbehalten bleiben, da gepflegte landwirtschaftliche Betriebe in gleicher Weise wie kleingärtnerische Anlagen den Menschen ästhetisch vollauf zu befriedigen vermögen. Unter allen Umständen sollte aber bei der Planung städtischer Räumen Rücksicht darauf genommen werden, die Bebauung – wo immer möglich – auf landwirtschaftlich geringwertige Böden zu verweisen und hochwertiges Gelände für die Agrarbewirtschaftung freizuhalten. Viel mehr Rücksicht als bisher sollte auch der Erhaltung wertvoller Landschaftsbilder gewidmet werden. In unverantwortlicher Gleichgültigkeit und einseitiger Überschätzung materieller Werte haben wir die Luft in großen Teilen unserer Ballungsräume verpestet und unsere Flüsse in Kloaken verwandelt, in denen die letzten Fische verenden. Es ist an er Zeit, daß die Menschen sich des nicht ernst genug zu nehmenden Schadens bewußt werden, […]. Sie müssen sich endlich mit allen Mitteln zur Wehr setzen, um eine weitere Verschandlung unserer Flußufer und sonstigen landwirtschaftlich wertvoller Gebiete zu verhindern.

ernst may, ’stadtlandschaft‘

Bis heute bleibt die Spannung zwischen Planierung und planender Vorsorge.  Zwischen Flurlandschaften und den natürlichen Kräften lebt auch heute noch der Mensch, wenn auch die Fluren sich jetzt zu Spannungsfeldern ausgeweitert und zu Wirkungsgefügen verflochten haben.

Die Bedingung für die Möglichkeit von Kultur ist also „Flur“, den F l u r heißt nicht mehr und nicht weniger als Plan, gemeint als das Planierte, das Eingeebnete. Früh schon wurde begriffen, daß sich jede Maßnahme zur Erhaltung des Lebens auf einer ebenn Fläche am leichtesten vollziehen läßt. […]

F l u r also ist das Planum mit dem Inhalt von planen, domestizieren und nivellieren.

Und was ist Landschaft?

Land entsteht etymologisch für Urland, Ödland, Brache und Hain, aber auch auch für Tal, wodurch eine gewisse Beziehung zu Flur angedeutet ist.

Land ist aber auch ein Rechtsbegriff, ist ja ein Staatsgebiet und als solches ein Gebiet einheitlichen Rechtes und in gewissen Sinne ein abgrenzbarer Ordnungsbegriff.

Die Silbe -schaft darf von schaffen, schöpfen, gestalten hergeleitet werden. Wir können das an anderen Wortbildungen mit -schaft kontrollieren; beispielsweise Eigenschaft, Nachbarschaft, Wirtschaft. Ebenso können wir folgern, daß Landschaft nichts anderes heißt als „beschaffenes“, bearbeitetes Land, dem Gestalt gegeben ist, das kultiviert ist und das durch Tätigkeit des Menschen in irgendeiner Form, zu irgendwelchem Zeitpunkt und bestimmt durch ziel und Zweck aus der Latenz seines lediglich Natürlichseins erhoben oder auch verstoßen worden ist.

F l u r l a n d s c h a f t ist die Grundlage allen Lebens, der Anfang – wenn es in einem Kreislauf Anfang und Ende gäbe – für alle weiteren Vorgänge des Seßhaft-werdens, des Sich-ansiedelns, des Bauens und des Städte-gründens auf der Erde.

Die Flurlandschaft ist der Boden der Tatsachen, und ihr gebührt das Primat vor Haus, Dorf, Stadt, Agglomeration, Ballungsraum, Stadtregion usw.

hermann mattern, ‚flurlandschaft‘

ernst may und hermann mattern, ’stadtlandschaft – flurlandschaft‘, hrsg. von der ava – arbeitsgemeinschaft zur verbesserung der agrarstruktur in hessen e. v., heft 16, wiesbaden 1964

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