gartenbücher (landschaftsideen – ideenlandschaft)

Himmelsbläue, Beleuchtung, Duft, der auf der Ferne ruht, Gestalt der Thiere, Saftfülle der Kräuter, Glanz des Laubes, Umriss der Berge — alle diese Elemente bestimmen den Totaleindruck einer Gegend.

alexander von humboldt, ‚ideen zu einer physiognomik der gewächse‘, tübingen 1806

der „totaleindruck“ wird jedoch ebenfalls von unseren „scheuklappen“ bestimmt. wir sehen nur das was wir kennen, zuordnen können und gelernt haben: die „idee“ die wir von einer landschaft haben.

Landschaften zu untersuchen und darzustellen ist mehr als Geographie, ist mehr als Ästhetik, ist mehr als Landschaftsarchitektur. Es ist das umfassende Verständnis für einen Raum, die Prozesse, die darin stattfinden und die Konnotationen, die Ideen, die damit verbunden werden – und es ist das Zusammenfügen von solchen Geschichten, […]

in „deutsche landschaften“ nimmt hansjörg küster den leser mit auf eine reise durch landschaften „von rügen bis zum donautal“. als professor für pflanzenökologie am instiut für geobotanik der leibniz universität hannover, hat er zuletzt botanische anmerkungen zu den fotos von karl blossfeldt verfasst → gartenbücher (pflanzen – kultur). vom kleinsten bestandteil zum gesamtbild. das vorliegende buch kann als praktische anwendung seiner 2012 erschienenen theorie, ‚die entdeckung der landschaft – einführung in eine neue wissenschaft‘, gelesen werden.

deutsche …

was ist eine deutsche landschaft? welche idee haben wir wenn wir an „deutsche landschaften“ denken? ein strandkorb auf sylt oder schloss neuschwanstein vor bergpanorama?

geographische festlegungen, grenzziehungen, sind bereits eine idee die wir von einer gegend haben. wo fängt eine „landschaft“ an und wo hört sie auf? an nationalen grenzen? ist z.b. die landschaft des bodensees nur in baden-württemberg und bayern zu finden? wäre der „deutsche“ bodensee ohne die alpine fototapete österreichs und der schweiz denkbar? um die heutige landschaft des harzes oder des bayerischen waldes zu verstehen, kommt man nicht um die teilung in ost und west herum. der hintere bayerische wald, der unsere idee vom „bayerischen wald“ prägt, ist teil des böhmerwaldes, šumava, was durch den eisernen vorhang vergessen wurde (wildtiere halten sich bis heute an die getrennten reviere …). im harz tobt ein kampf um die bezeichnung „oberharz“: historisch der name für die oberharzer bergstädte im heutigen niedersachsen (west) aber seit 2010 auch die „stadt oberharz am brocken“ in sachsen-anhalt (ost) … sind bayerische landschaften so „deutsch“ wie das oktoberfest und ein dirndl? ist helgoland mit seiner britischen geschichte deutsch? landschaften werden deutsch d.h. nationalistisch aufgeladen, z.b. in lippe (durch das hermannsdenkmal) und im rheintal (der rhein als vermeintliche grenze zu frankreich) … bei der gerade epidemischen diskussion um sogenannte „heimat“ geht es häufig um gegenden …

… landschaften

nehmen wir eine landschaft wahr, reduziert sie sich heute häufig nur auf einen #hashtag. landschaften werden zu einem ich-war-auch-da in den sozialen medien. mediale aufmerksamkeit führt zum muss-man-gesehen-haben … landschafts- und naturschutz sind mit der touristischen vermarktung kaum noch unter einen hut zu bringen. landschaftstypische, regionaleprodukte müssen durch die eu geschützt werden. bräuche und traditionen einer landschaft werden immaterielles kulturerbe. veränderungen in der landschaft kollidieren mit dem unesco-welterbe-status …

„oh diese schöne natur!“ schon reingefallen! was wir heute als „natürliche“ landschaften ansehen, sind kulturlandschaften d.h. von menschen über jahrhunderte geformte gegenden, über die wir heute unsere „ideen“ stülpen und/oder sie als „natürliche“ biotope betrachten wollen. landschaft, ob mit oder ohne kultur-, und natur sind transitorisch, immer in veränderung. küster beschreibt die formung der landschaften durch eiszeiten, die böden geschaffen haben, die es später menschen erst ermöglichte die gegend urbar zu machen. geologische formationen geben das nutzungspotential vor.

die nordseeküste im speziellen und das meerumschlungene schleswig-holstein mit seinen unterschiedlichen landschaften. von hamburg und der lüneburger heide bis nach münchen und an den starnberger see. das rheintal mit drachenfels, weinseligkeit und den englischen romantikern auf den weg nach italien. die donau und der schwarzwald. das elbsandsteingebirge (schweizer maler an der dresdner kunstakademie & karl may). albrecht von haller, der im harz, lange bevor alexander von humboldt den chimborazo bestieg, die höhenstufen der vegetation bestimmte und mit denen der alpen, seiner schweizer heimat, verglich. die frage, wo entspringen flüsse wirklich: sollte hamburg an einen fluss liegen, der in bayern seine quelle hat, oder mündet der inn in das schwarze meer?

für viele leser wahrscheinlich eine entdeckung ist das artland. das ehemalige binnendelta des flüsschens hase. auf der landkarte nördlich von osnabrück zu finden, die gegend um quakenbrück. landwirtschaftlich genutzt und von dieser nutzung gepägte kulturlandschaft. erlenwälder wurden gerodet und wiesen angelegt. die höfe, eindrucksvolle fachwerkbauten, wurden auf erhöhten trockenen horsten gebaut. umringt von stieleichen und buchen. früher baumaterial, wenn ein gebäude abbrannte oder repariert werden musste. heute mit rhododendren unterpflanzte kleine waldgärten.

natur versus kultur

was ist „natürliche“ landschaft. was ist kulturlandschaft? gerade „wütete“ das sturmtief friederike. der stärkste sturm seit dem orkan kyrill 2007. die gemeine fichte (picea abies) hat es wieder heftig getroffen, besonders in den im buch beschriebenen landschaften im harz, dem schwarzwald und dem bayerischen wald. das nördlichste natürliche vorkommen des brotbaums der forstwirtschaft ist im harz. die heutigen fichtenwälder sind jedoch von menschen gepflanzte monokulturen, um holz für den bergbau (harz) oder die produktion von glas (bayerischer wald) zu bekommen. tannen (abies), für die fichten häufig gehalten werden, und buchen sind sturmresistenter. fichten wurden früher nicht alt, sie waren nutzholz. die jetzt wieder durch den sturm umgelegten bäume, sind häufig altes holz. der umgang mit dem baum des jahres 2017 ist ein gutes beispiel für die teilweise nicht zu vereinbarenden ideen von einer natürlichen landschaft und einer durch den menschen kultivierten. einfach einen buchenmischwald nachwachsen zu lassen funktioniert nämlich nicht: im boden sind fichtensamen, und fichten wachsen schneller als buchen oder tannen.

Man darf weder allein die Wildnis, noch allein die Nutzung fördern. Landschaft ist beides.

Im Moment ist die Faszination, die von der Schaffung einer Wildnis ausgeht, sehr groß. Aber wie ist es um die Zukunft von Landschaften bestellt, die durch menschliche Einwirkung geprägt wurden, wie steht es um Traditionen des Hausbaus, die aus dem Zusammenhang mit dem Vorhandensein bestimmter natürlicher Ressourcen erklärt werden können? Dies alles zu bewahren kann ebenso begeisternd sein wie die Schaffung von Wildnissen. Kompromisse sind notwendig, um hier Wildnisse, dort Landschaft zu bewahren, die auch vom wirtschaftenden Menschen geprägt waren, sind und sein werden. Wir brauchen keine Verhärtungen der Fronten zwischen denjenigen, die nur „Natur pur“ oder nur eine traditionelle Landschaft schützen wollen. Und es muss bedacht werden, das es viele Tier- und Pflanzenarten gibt, die sich auf Dauer in den Wäldern nur dann halten werden, wenn in ihre Entwicklung maßvoll eingegriffen wird.

gärten in der landschaft

der einfluss von gärten ist in der gegend um dessau-wörlitz, dem gartenreich in der elblandschaft, am offensichtlichsten (eine gartenlandschaft, die ohne holländische entwicklungshilfe nicht entstanden wäre). elbabwärts prägen die vier- und marschlande mit jahrhunderte alter gartenbautradition,die reste der landschaftsgärten entlang der elbchausee in hamburg und weiter flussabwärts das alte land das bild der flusslandschaft. die landschaft des bodensees mit den garteninseln: der insel bzw. dem kloster reichenau – hier schrieb walahfrid strabo das ‚liber de cultura hortorum‘ – im untersee und der mainau im überlinger see. obst und hopfenanbau und dem garten- bzw. weinberghaus, dem fürstenhäusle, von annette von droste-hülshoff.

landschaftstypische gebäude mit ihren gärten prägen das bild einer gegend. ein schottergarten vor einem fertighaus, – wahlweise mit säulen à la toscana, hygge in faluröd, … – ist kaum als reminiszenz an schuttablagerungen einer eiszeit anzusehen (oder man denke an die alpinen tourismuslandschaften im sommer: skipisten mit dem charme von schottergärten …).

Jede Aktion, die vom Menschen ausgeht, hat Einfluss auf die Ausprägung von Landschaft. Dies gilt beispielsweise genauso für das Klima; doch in der Landschaft sind diese Auswirkungen viel direkter festzustellen. Diese Aussage lässt sich mit vielen Beispielen belegen, die einen großen Nachteil haben: Sie scheinen banal zu sein. Es hat aber bereits Auswirkungen auf Landschaft, ob man seinen Garten verwildern lässt oder den Rasen mäht, ob man Bäume schneidet und Obst erntet. Jeder wirkt also an der Formung des Bildes von Landschaft zwangsläufig mit. Alles, was er tut oder nicht tut, kann sich auf das Aussehen von Landschaft auswirken.

hansjörg küster, ‚die entdeckung der landschaft – einführung in eine neue wissenschaft‘, münchen, 2012.

wer einen garten in einer der „deutsche landschaften“ anlegen will, oder gärtner, die ihren blick auf die gegend auf der anderen seite der grundstücksgrenze schärfen wollen, sollten das buch unbedingt lesen. der text hätte allerdings eine bessere bildredaktion verdient: mehr historische abbildungen und weniger 08/15 stockmaterial mit den ewig gleichen postkarten-motiven (von denen es übrigens bessere gibt …). man möchte sofort weiterlesen: z.b. über die münsterländer parklandschaft oder die industrielandschaft im pott – und der rhein fliesst noch weiter richtung niederlande …

hansjörg küster, ‚deutsche landschaften: von rügen bis zum donautal‘, 384 s., geb., münchen: c.h. beck 2017, 978-3-406-71387-3

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